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Eiskalte 13 Urlaubskrimis auf 1400 Seiten: Alfred Bekker Krimi Sammelband

Eiskalte 13 Urlaubskrimis auf 1400 Seiten: Alfred Bekker Krimi Sammelband

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Eiskalte 13 Urlaubskrimis auf 1400 Seiten

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Der Auftragskiller, der nicht wusste, warum er tötet

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Alfred Bekker | Tod in Tanger

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Alfred Bekker | Das Phantom von Tanger

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Alfred Bekker | Der Legionär

ERSTER TEIL

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ZWEITER TEIL

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Dritter Teil

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VIERTER TEIL

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Die Menschenhändler

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Liebe bis zum Schluss

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Crack-Connection

Die Hauptpersonen:

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Mord am East River

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Todesjob in Washington

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Wrozeks Meineid

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Die Hauptpersonen

Teil I

Teil II

Teil III

Auf dem Weg zur Rache

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Die Hauptpersonen:

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NUR EINE FRAGE DER ZEIT

Fred Breinersdorfer | Reiche Kunden killt man nicht

Further Reading: 19 Krimis für den Urlaub auf 2300 Seiten

Also By Alfred Bekker

Also By A. F. Morland

Also By Fred Breinersdorfer

Also By Horst Bieber

Also By G. S. Friebel

Also By Hendrik M. Bekker

Also By Konrad Carisi

Also By Hans-Jürgen Raben

Also By Sophie Carisi

About the Author

About the Publisher

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Eiskalte 13 Urlaubskrimis auf 1400 Seiten

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

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KONRAD & SOPHIE CARISI: Der Auftragskiller, der nicht wusste, warum er tötet

Alfred Bekker: Tod in Tanger

Alfred Bekker: Das Phantom von Tanger

Alfred Bekker: Der Legionär

A. F. Morland: Die Menschenhändler

Hendrik M. Bekker: Liebe bis zum Schluss

A. F. Morland: Crack-Connection

Alfred Bekker: Mord am East River

Hans-Jürgen Raben: Todesjob in Washinton

Horst Bieber: Wrozeks Meineid

G.S.Friebel: Auf dem Weg zur Rache

Richard Hey: Nur eine Frage der Zeit

Fred Breinersdorfer: Reiche Kunden killt man nicht

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OSWALD SCHRAMM WIRD unter seltsamen Umständen ermordet.

Joachim Wrozek, Privatdetektiv, hat unmittelbar vor dem Mord für die Ehefrau des Toten, Irene Schramm, gearbeitet und steht nun als Kronzeuge vor Gericht. Sind Irene Schramm und ihr Freund Manfred Lurwig schuldig? Das Urteil hängt von Wrozeks Beobachtungen und seinen Aussagen vor Gericht ab.

Einige Monate nach dem Prozess wird Wrozek in mysteriöse Geschehnisse verwickelt. Plötzlich gerät er selbst in Verdacht: Eine Verbindung zum Fall Schramm deutet sich an. Hat Wrozek damals sich des Meineids schuldig gemacht? Ist er vielleicht sogar an dem Mord beteiligt?

Alles spricht gegen ihn...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E—Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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Der Auftragskiller, der nicht wusste, warum er tötet

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von Konrad Carisi & Sophie Carisi

Der Umfang dieses Buchs entspricht 54 Taschenbuchseiten.

Durch Zufall wird Nick Naughty Auftragskiller, und er merkt schnell, dass er dafür eine richtige Begabung hat. Seine Arbeit macht ihm Spaß und bringt auch noch die nötige Kohle, um in New York, der schönsten Stadt der Welt, leben zu können.

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Mein Name tut nichts zur Sache. Außerdem habe ich so viele davon, dass ich schon gar nicht mehr sicher bin, wie mein wirklicher Name ist. Am Besten gefällt mir 'Naughty Nick', der ungehorsame Nick, nicht der Ungezogene. Das will ich mal klarstellen.

Von Beruf bin ich Hitman. Ich habe andere Sachen ausprobiert, aber irgendwie liegt mir ein Bürojob nicht und auch dieses Verkäuferdings ist nicht meins.

Das mit dem Hitman hat sich durch Zufall ergeben. In einer Bar hat mich  jemand angesprochen, ob ich jemanden kenne, der einen solchen Job macht. Als ob ich jemanden kenne, der für Geld Leute umbringt. Also bitte.

Naja, und da habe ich mir gedacht, ich mache das selbst. Kann ja nicht so schwer sein. Ich hatte darin ja auch schon einiges an Erfahrung. Schließlich spiele ich seit meinem sechsten Lebensjahr Light-Gun-Shooter und ich bin gut darin. Okay, eigentlich waren das Spiele für Erwachsene, aber meine Mutter sah das nicht so eng. Wenn sie ihre Ruhe hatte, konnten mein großer Bruder und ich spielen, was wir wollten.

Also, selbst ist der Mann. In einem Jobs, in dem man weiter kommen möchte, ist Eigeninitiative gefragt. Und hier war die Bezahlung echt gut, wenn man bedenkt, was das für ein Stundenlohn ist. Mann, da muss eine alte Frau lange für stricken.

Also habe ich den Job klargemacht und den Typen alle. Danach gab's die Kohle und ich war im Geschäft. Es hat sich rumgesprochen, dass ich solche Dinge zu hundertprozentiger Zufriedenheit erledige.

Okay, ich bin manchmal etwas unkonventionell und das mit den Kollateralschäden passiert einfach. Aber meistens trifft es ohnehin Typen, die echt fies sind und ihre Lebensberechtigung schon verwirkt haben.

Da bin ich nicht so kleinlich. Ich nehme das sportlich. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.

Natürlich ging es bei meinem ersten Job nicht alles so einfach, wie ich das in Erinnerung habe. Aber ehrlich, warum war der Typ auch nicht wohnhaft an der angegebenen Adresse. Um den Typen, den ich fälschlicherweise erwischt habe, tut es mir schon ein wenig Leid. Aber wie gesagt, es war mein erster Job. Heute leiste ich mir solche Sentimentalitäten nicht mehr.

Ich versuche allerdings auch, mich besser vorzubereiten.

Als ich mitbekommen habe, dass der Typ, den ich zuerst fälschlicherweise umgenietet habe, auch auf der Abschussliste meines Auftraggebers stand, habe ich die Sache so gedreht, als gäbe es zwei Leichen zum Preis von einer.

Das kam natürlich super gut an. Wer macht nicht gerne ein Schnäppchen! Und so hatte ich den Folgeauftrag schon im Sack.

Und da sitze ich nun.

In einer kleinen schmierigen Bar namens Carisi’s Valentine, irgendwo in der Bronx. Ohne mein Handy hätte ich hier nicht hergefunden. Es war gar nicht so leicht immer schnell die Navi-Funktion zu benutzen, ohne das diese ganzen Armen hier mein Handy sehen. Das ist nämlich nagelneu, dieses Tolle ist es. Ich komm gleich noch auf den Namen, von den Typen, die auch das MacBook machen. Das sind so teure Laptops die nichtmal ein Laufwerk haben.

Ich sitze am Fenster und lasse den Blick unauffällig schweifen. Lauter harte Kerle hier, Schwarze, Latinos und White Trash, wie man heute ja wohl politisch korrekt sagt. Da hab ich es nicht so mit. Also mit politischer Korrektheit, die ganzen Takkofresser aus dem Süden stören mich nicht. Ich mag mexikanische Küche sehr gern.

Ein Schwarzer, oder sagt man jetzt Farbiger? Ne, Bunt ist der ja nicht. Jedenfalls setzt sich so ein Sklavennachfahre mir gegenüber und fragt:”Wie es wohl dem alten Finnigan geht?”

Das ist eine Anspielung an meinen letzten Auftrag, da musste einer von den Iren dran glauben. Das ist immer heikel, die Italiener haben ja die Mafia, aber die Iren die Polizei. Da muss man höllisch aufpassen bei seinen Spuren. Immerhin lebe ich gerne in New York. Es ist die schönste Stadt der Welt.

“Der schläft tief und fest”, erwidere ich, wie vereinbart. Da ich die Codeworte gesagt habe, wird mir ein Umschlag gereicht.

Er ist dick, da ist Geld drin und mein neuer Auftrag.

So gefällt mir das. Inzwischen gibt es oft mal einen Vorschuss. Ich bin eben bekannt, also so bekannt wie man als Auftragskiller sein darf, ohne dass man gleich im Knast landet.

Ich zwinkere dem Schwarzen verschwörerisch zu und nicke wissend.

Mir kann man nix vormachen. Der rollt mit den Augen und geht.

“Erledigen Sie das”, sagt er noch.

“Bis morgen”, erwidere ich großspurig.

Ich drehe mich unauffällig vom Raum weg und sehe in den Umschlag. Will ja nicht das jeder gleich sieht, was da drin ist.

Das ist aber mal ein Batzen Geld! Meine Fresse! Jetzt ist nur noch wichtig, wer dafür dran glauben muss.

Ich ziehe ein Foto raus. Irgend ein Mittvierziger mit Glatze und echt fiesem Blick.  Er hat dünne Augenbrauen, aber nicht so Satanischen wie bei Mr. Spock. Im Moment sehe ich mal wieder die Serien meiner Kindheit. Dank Blu-Ray ja alles heute möglich. Ich drehe das Bild um. Mirko Telafat steht drauf. Dazu eine Adresse drüben in Jersey.  Ich trinke meinen Kaffee auf und lege der netten brünetten Servierdame das Geld hin. Oder sagt man jetzt eher Servicekraft?

Ich fahre mit der U-Bahn nach New Jersey. Ich habe meine Pistole dabei. Das verdeckte Waffen tragen ist in New York Gottlob noch erlaubt. In einigen Bundesstaaten will ich gar keine Aufträge bekommen. Da ist es echt schwer überhaupt ‘ne Waffe tragen zu dürfen. Oder Virginia. Da ist das andere Extrem. Da muss ich eher Angst haben, dass mein Ziel ein Sturmgewehr oder anderen Militärbedarf hat.

Jersey City liegt drüben, von New York aus gesehen. Direkt neben der Upper New York Bay, nur rüber über den Hudson River.

Ich sehe mir das Bild von Mirko an und präge mir sein Gesicht ein. Dann suche ich seine Adresse mit Hilfe von meinem Handy. Ohne Routenplaner wäre so ein Auftragsmord echt verdammt schwer. Ich weiß noch wie man mir das erste Mal versucht hat so ein Ding aufzuschwatzen. Für die Arbeit ist es echt prima. Aber all dieses Geschreibe mit ‘Freunden’. Da mache ich nicht mit. Ich habe eine Handvoll Freunde und denen sehe ich lieber in die Augen als Unmengen an Text zu produzieren.

Meiner Erfahrung nach, verstecken sich manche Menschen gerne hinter vielen, vielen Worten.

Dann merkt man nicht, dass man eigentlich niemanden zum reden hat. Verschwiegenheit ist aber auch wichtig in meinem Beruf. Ich hab da so von einigen mitbekommen, wie sie mal geprahlt haben. Einer auch bei einem ersten Date. Stellen sie sich das mal vor! Ach übrigens, ich töte Menschen. Nee, du musst den Wahnsinn in einer viel kleineren Dosis zeigen.

Die U-Bahn kommt zum stehen und ich steige aus. Durch den alten, vollplakatierten Bahnhof geht es hinauf auf die George-Lane und ich sehe mich kurz um, um mich zu orientieren.

Mirko Telafat. Das Netz findet nichts zu ihm. Aber das ist auch nicht mein Spezialgebiet, wenigstens gibt es die Adresse, die sie drauf geschrieben haben.

Ich folge der Straße und biege irgendwann in eine Seitengasse ein. Zwischen ein paar alten Brownstonehäusern führt mein Weg mich hindurch. Das hier ist ein Randbereich, die Mehrfamilienhäuser weichen kleinen niedrigen Reihenhäusern. Das muss es sein, wovon die Leute ein paar hundert Meter vorher träumen: eine Handvoll eigener Quadratmeter, nicht mehr einen Nachbarn über und unter dir. Nur noch neben dir.

Naja und es gibt einen eigenen Garten. So ein grünes Viereck ist manchen leuten ja auch sehr viel wert.

Ich kontrolliere meine Position auf dem Handy und stecke es dann weg.

In meinem Schulterholster habe ich eine Pistole, extra für diesen Auftrag. Später werfe ich sie in den Hudson. Da kommt die nie mehr raus und wenn, dann ohne Fingerabdrücke.

Ich gehe zum Haus und sehe mir an, was auf dem Türschild steht.

Mila Novakova, steht dort. Dann ist Mirko wohl bei einem Liebchen untergetaucht. Ich zucke die Schultern. Vielleicht auch seine Schwester oder die liebe Verwandtschaft. Mir solls gleich sein. Es ist Abend und im oberen Stock brennt Licht. Ich sehe mich um. Niemand ist auf der Straße, der mich beachtet. Also gehe ich durch das Gartentörchen, nach hinten zum Haus. Bei der Küche ist das Fenster nur angelehnt, ich habe Glück. Ich streife mir meine dünnen Lederhandschuhe über und öffne das Fenster mit einem behänden Tritt. Das geht ziemlich leise, wenn man weiß wie. Ist natürlich jetzt irreparabel beschädigt, aber das wird Mirko auch sein, wenn ich mit ihm fertig bin.

Für mich ist sowas ja nie persönlich. Ich will gar nicht wissen, warum jemand sterben soll. Irgendjemand anders will es und ist bereit eine echt große Stange Geld dafür hinzulegen. Irgendeinen Grund wird es schon geben, dass jemand so angepisst von Mirko ist. Ich ziehe meine Pistole und schleiche durchs Haus. Oben ist die Dusche an. Ich kontrolliere einen Raum nach dem anderen. Niemand ist im Erdgeschoss. Also geht es weiter nach oben. Unten gab es nur Küche und Wohnzimmer, dazu kein winziges Bad. Oben ist es ebenfalls nur ein Raum, der eine Mischung aus Büro und Gästezimmer darstellt. Bleibt also noch ein Zimmer. Ich wappne mich. Hoffentlich ist Mirko da. Ich möchte ungerne die Frau erschießen, die hier auch mitwohnt. Nicht dass ich sentimental bin, aber ich bin ja kein Psychopath. Eher ein Soldat im Inland, ja so kann man das sagen.

Ich öffne die Tür zum verbleibenden Raum einen Spalt breit.

Das Geräusch aus der Dusche hat aufgehört. Durch den Spalt sehe ich wie eine junge Frau mit einem umgebundenen Handtuch aus einem Badezimmer tritt und zum Bett geht. Dort liegt Kleidung zurechtgelegt. Sie hat einen dieser komischen Handtuchturban Dinger, die Frauen oft haben. Hab ich nie verstanden, aber mit meinem Haar ist es auch nicht so weit her. Ich gehöre eher zu der Fraktion Mann, die sich mit einem Waschlappen kämmen kann und die Frisur sitzt.

Während sie mit beiden Händen diesen Turban auflöst und ihre Haare damit abtrocknet, rutscht ihr Handtuch herunter. Kurz sinkt meine Hand, mit der ich die Pistole festhalte. Meine Güte, ich wusste nicht, dass die Rückseite einer Frau derart gut aussehen kann. Ich meine jetzt ungeschminkt, nicht im Film halt. Also bei einer Frau in echt, ohne Tricks.

Dann fasse ich mich und atme einmal tief durch. Konzentrier dich Nick, das hier ist Arbeit, du bist nicht im Striplokal! Andererseits, für Geld habe ich sowas Schönes auch noch nie.... Ich schüttle den Kopf und öffnete die Zimmertür.

“Keine Bewegung und keinen Mucks, klar!”, sage ich. Sie kreischt kurz und hält sich dann die Hand vor den Mund. Dann versucht sie das Handtuch vom Boden aufzuheben, hält aber inne, weil sie merkt, dass sie sich nicht bewegen soll. Sie wirkt unentschlossen und versucht ihre Scham mit den Händen zu verdecken. Ich seufze leise. Super Nick, du hättest ihr wirklich noch zwei Minuten geben können, um sich anzuziehen.

“Los, ziehen Sie sich was an”, sage ich, auch wenn nur ein Teil von mir das will. “Ich will Ihnen nichts tun. Versprochen.”

Sie sieht skeptisch aus. Da ist ein Feuer in ihren Augen, sie gewinnt ihre Fassung zurück.

Ihre schulterlangen schwarzen Haare sind noch ein wenig nass. Als sie mich ansieht, bemerke ich, dass sie haselnussbraune Augen hat. Richtig kräftig, fast so wie bei einem Toffee. Dann sitzt sie in Jeans und einem T-Shirt vor mir auf dem Bett, die Arme verschränkt.

“Mila Novakova, richtig?”, sage ich. Sie nickt. Ihre hohen Wangenknochen verbergen nicht wie ihre Kiefer mahlen. Sie schiebt das Kinn ein wenig trotzig hervor. Ganz ruhig Nick, du hast die Pistole in der Hand. Genaugenommen ist es ein Revolver. Das hat den Vorteil, dass man keine Patronenhülsen aufsammeln muss. Die bleiben ja in der Trommel. Man will ja als Profi keine Spuren hinterlassen.

“Gut, also das hier muss nicht schlimm enden.” Ich stehe auf und sehe ins Badezimmer. Es hat kein Fenster, nur einen Abzugsschacht.

“Wo ist Ihr Handy?”

Sie sieht mich wütend an, bewegt sich aber nicht. Ich sehe mich ein wenig im Raum um und entdecke, dass es an einer Steckdose hängt. Ich schenke ihr ein freundliches Lächeln.

“Gut, dann bitte wieder ins Bad. Ich werde Ihnen nichts tun, kann Sie aber grad nicht gebrauchen. Also los.”

Sie steht widerwillig auf und geht ins Badezimmer. Ich schließe mit dem Schlüssel von außen zu und klemme zur Sicherheit einen Stuhl vor die Tür. Das ganze wirkt robust. Bald ist es sechs Uhr. Ich denke, Mirko wird bald nach Hause kommen. Also gehe ich hinunter ins Wohnzimmer, wo man einen vortrefflichen Blick hat in den Flur. Wer auch immer reinkommt, ich habe ein freies Schussfeld.

Die Zeit vergeht und ich blicke immer wieder auf meine Armbanduhr. Hin und wiede höre ich, wie Mila oben versucht die Badezimmertür zu öffnen. Erfolglos, wie man hören kann. Sie gibt irgendwann ihre Versuche auf.

Schließlich sehe ich auf meine Uhr und merke, ich warte hier seit geschlagenen drei Stunden. Ich seufze und gehe nach oben.

Dann öffne ich die Badezimmertür.

“Keine Panik, ich öffne die Tür und Sie kommen raus. Ich tue Ihnen nichts.”

Ich lasse die Tür aufschwingen und sehe Mila einige Schritte von mir entfernt. Sie hat sich mit einem Eisenrohr bewaffnet, das glaube ich von der Dusche stammt.

Nicht schlecht, aber ehrlich? Gegen meinen Revolver ist das doch sehr gewagt.

“Wo ist Mirko”, frage ich nun. Ich habe Hunger und will diesen Job zu Ende bringen.

“Wer?”

“Tun Sie nicht so. Ich weiß, dass er in der Stower-Lane 23 wohnt. Das weiß ich aus sicherer Quelle.”

“Das ist ja toll für Sie”, sagt sie langsam und blickt mich herablassend an. “Aber das hier ist die Stower-Lane 21.”

“Was? Unmöglich. Ich habe...”

“Mich von meinem Routenplaner herführen lassen? Glauben Sie einem großen Unternehmen geht nicht mal ein Fehler durch? Einige meiner Freunde sind auch schon beim falschen Haus gelandet, wegen diesem Fehler. Ich habe sogar mal eine Email an den Support geschickt. Bisher keine Rückmeldung”, stellt sie fest.

Meine Schultern sacken herab.

“Wirklich?”, sage ich und merke dass ich wütend werde. Nicht auf Mila, nein auf mich selbst. Gott, das ist echt peinlich Nick!

“Okay, hören Sie. Ich gehe einfach und Sie rufen nicht die Cops, okay?”, sage ich hoffnungsfroh. Ich will sie nicht erschießen müssen. Aber sie ist andererseits auch ein Sicherheitsrisiko.

“Okay”, sagt sie. Man merkt, dass sie eine Chance wittert hier lebend rauszukommen.

Ich geh zu ihrem Handy, klappe es auf und nehme den Akku raus.

“So, den können Sie nachkaufen und ich muss keine Sorge haben, dass Sie einen Anruf machen”

Mit diesen Worten reiße ich ihr Telefon aus der Wand und trete einmal beherzt drauf. Somit ist sie vorerst von der Welt abgeschnitten.

“Tut mir echt leid für die Unannehmlichkeiten”, stelle ich fest und lege ihr ein paar Geldscheine aufs Bett. “Lassen wirs gut sein, okay?”

Mila sieht mich völlig verdattert an. Dann nickt sie. “Okay”, flüstert sie.

Ich stehe einen Moment herum und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Kurz setze ich an, um noch etwas zu sagen, dann schüttele ich den Kopf und gehe einfach so schnell wie möglich.

Gott ist mir das peinlich! Puh, hoffentlich schlägt das keine großen Wellen.

Diesmal sehe ich mir die Hausnummer genauer an. Verdammt, sie hat recht! Es ist die falsche. Warum ist die auch so klein hier? Ich gehe rüber zum richtigen Haus.

Licht brennt und ich spähe durchs Fenster rein. Das Wohnzimmer ist funktional eingerichtet. Mirko sitzt auf einem Sofa und schaut fern. Er sieht in die falsche Richtung, von hier kann er mich nicht entdecken.

Ich schleiche ums Haus herum. Es ist baugleich, die ganze Reihe scheint aus einem Grundplan zu bestehen. Das immer gleiche Haus reiht sich hier an das immer gleiche Haus.

Ich zermartere mir das Hirn nach einem guten Plan und entscheide mich dann für die schnellste Lösung. Dreimal betätige ich den Klingelknopf. Dann öffnet Mirko Telafat.

“Ja, was kann ich für Sie tun?”, fragt er und ich ziehe meine Waffe.

Ich schieße zweimal in die Brust. Mirko zuckt und versucht sich an der Tür festzuhalten. Dann liegt er auf dem Rücken. Ich ziele und schieße noch einmal, diesmal in den Kopf.

Jetzt noch ein Foto für den Auftraggeber und das wars.

Ich drehe mich um und renne los.

Ich verlasse mich auf meinen Orientierungssinn, meinem Handy vertraue ich erstmal nicht.

Schließlich bin ich zurück an der U-Bahnstation und nehme die nächste Bahn in Richtung Hafen.

Dort werde ich die Pistole los, indem ich sie in den Hudson werfe. Den Handy-Akku hinterher.

Sicher, das ist nicht gut für die Umwelt, aber besser für meine Karriere.

Von dort aus fahre ich direkt in meine Stammbar. Ich muss bis morgen warten, um den Rest des Geldes zu bekommen.

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Am nächsten Abend sitze ich am vereinbarten Platz und warte. Ich spiele erst etwas mit meinem neuen Handy herum und zieh dann aus meiner Jackentasche das Buch, das ich im Moment lese.

Ich habe mit dem Lesen auch erst angefangen, kurz nachdem ich als Auftragskiller zu arbeiten begonnen habe. Denkt man so gar nicht, aber als Auftragskiller hat man oft was zu lesen dabei. Nicht, dass mein Job langweilig wäre, nein im Gegenteil. Es ist eher so, das man oft lange warten muss. Das ist wie bei einem Schauspieler, Der sitzt auch lange rum, bis er seinen Auftritt hat. Da sitzen sie dann vor der Wohnung der Zielperson und der will und will einfach nicht ins Bett gehen und das Licht ausmachen. Oder sie sitzen an einem Ort, weil sie die tägliche Route des Opfers kennen. Jemand, der immer Joggen geht. Natürlich muss man rechtzeitig vorher da sein und irgendwie muss man die Zeit ja rumbekommen. Lesen ist da eine gute Möglichkeit. Ich kann ja schlecht häkeln, zu auffällig. Obwohl, dran gedacht habe ich schon. Nein, natürlich nicht. Was denken Sie denn!

“Das ist nicht Ihr Ernst, oder?”

Ich sehe von meinem Buch auf. Der Schwarze von gestern ist wieder da. In Gedanken nenne ich ihn Simson. So hat er sich mir mal vorgestellt. Ob er so heißt? Pah, das kann man in diesem Gewerbe nie genau wissen. Simson hat so ein fieses Lächeln. Er ist mein Kontakt, bringt mir immer wieder mal neue Aufträge und bezahlt mich.

“Was?”, frage ich. “Was ist nicht mein Ernst?”

Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

“Das Buch?”

Er musterte mich skeptisch.

“Ja, wieso nicht?”, frage ich ehrlich verblüfft. Ich lege das Taschenbuch beiseite. In roten Buchstaben steht “Murder Inc. - Die ganze Geschichte!” darauf.

“Ist ein Sachbuch, von einem Journalisten”, erkläre ich ruhig. “Die Murder Inc. war mal eine Verbrecherorganisation in New York. Den Namen hat sie von der Presse. Da waren Iren, Mafiosi und auch Kosher Nostra Leute drin”

“Kosher Nostra?” Der Schwarze sieht mich skeptisch an. Er winkt die Bedienung ran und lässt sich einen Kaffee geben.

“Ja, das waren Juden, die eine eigene Mafia aufgemacht haben. Die Italienermafia nennt man ja Cosa Nostra, deswegen nannte man die der Juden Kosher Nostra”, doziere ich und bin froh gleich mal mit dem Wissen aus dem Buch punkten zu können.

Er schaut mich ungläubig an.

“Wissen sie”, fahre ich fort.. “Auch unser Gewerbe hat eine Geschichte”

“Ahha”, sagt Simson und nimmt der Bedienung den Kaffee ab.

“Besser ist es aber wenn man keine hat. Dann kann man sich zur Ruhe setzen und friedlich leben”, sagt er dann.

Da hat er natürlich auch wieder recht. Ich nicke.

Er trinkt einen Schluck von seinem Kaffee, verzieht zufrieden das Gesicht und greift dann in seine Jackentasche. Er gibt mir einen Umschlag. Ich spüre das Gewicht der Geldscheine.

“Ein weiterer Auftrag?”, frage ich. Simson schüttelt den Kopf.

“Nein Mann. Warte ein paar Tage. Das war gute Arbeit, aber jetzt müssen wir erstmal abwarten. Der Boss will, dass wir ein wenig warten.”

“Was immer der Kunde will”, sage ich. Simson nickt. Er trinkt den Kaffee aus und verlässt das Carisis Valentine.

Ich sitze noch eine Weile da und lese in meinem Buch. Dann zahle ich und gehe nach Hause. Die Bar ist in der Bronx, nicht weit von meinem zu Hause.

Es ist ein kleines Brownstone Haus in einer Nebengasse. Es sind nur zwei kleine Zimmer, aber es sind meine Beiden. Außerdem kann es immer mal sein, dass ich schnell untertauchen muss. Für den Fall habe ich eh nicht viel in den Räumen.

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Zu Hause angekommen stelle ich überrascht fest, dass ich Post habe.

Nicht, dass ich mich nicht über Post freue, das macht jeder denke ich. Es ist nur so, dass ich berufsbedingt eben niemanden habe, der mir schreibt. Hin und wieder kommen Rechnungen, natürlich. Aber das hier ist ein dicker kartonierter Umschlag. Neugierig nehme ich ihn in meine kleine zwei Quadratmeter Küche und schneide ihn auf.

Drinnen sind ein paar Fotos und ein Brief. Er ist mit ausgeschnittenen Buchstaben geschrieben. Erst finde ich das ziemlich lustig, dann beginne ich aber zu lesen und das Lächeln gefriert auf meinem Gesicht.

Sehr geehrter Herr Auftragskiller.

Ihr altes Handy war auf Nick eingestellt. Ich weiß natürlich nicht, ob sie so heißen. Was ich aber weiß, ist dass Sie ein Mörder sind. Ich weiß auch wo sie wohnen. Sie fragen sich, woher?

Sie erinnern sich vielleicht an Ihr altes Handy. Das haben Sie zum Recycling gegeben, Eigentlich ist das ziemlich löblich, Sie haben aber Ihr Handy nicht anständig gelöscht. Wussten Sie, dass die Chips da drauf teuer sind? Die Speicherchips werden oft nochmal für USB-Sticks verwendet. Raten Sie mal, was da alles noch drauf war. Ich habe Fotos von Tatorten und SMS von Verbrechern darauf gefunden. Ich bin nicht dumm, ich konnte mir zusammenreimen, was Sie tun. Weil Sie ganz gerne auch mal Kartendienste nutzen, um nach Hause zu finden, weiß ich auch, wo Sie wohnen. Natürlich können Sie jetzt versuchen, unterzutauchen, aber das will ich gar nicht. Ich werde Ihnen alles aushändigen, wenn Sie etwas für mich tun.

Ich habe Ihnen vier Bilder beigelegt. Hinten steht drauf, wer das ist und was Sie mit ihm tun sollen. Wenn sie mich auf der nachfolgenden Nummer anrufen, sobald alles erledigt ist, werde ich Ihnen anschließend den USB Stick zukommen lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Ich lege den Brief weg und versuche meine Gedanken zu ordnen. Er ist leider nicht unterschrieben, wäre ja noch schöner gewesen. Ich fluche laut und kräftig. Danach geht es mir aber immer noch nicht besser.

Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich will schreien, ach was ich will etwas oder jemandem verdreschen! Frustriert pfeffere ich den Brief weg.

Jetzt geht es etwas besser.

Ich atme tief ein und aus. In diesem Beruf kommt es auf Ruhe an. Man muss abwarten können. Erstmal die Gedanken sortieren, bevor man reagiert.

Also gut: Was weiß ich?

Der Erpresser, oder vielleicht auch die Erpresserin, wird mich nicht verpfeifen. Ich soll tun, was mir befohlen wird und dann bin ich frei. Soweit die Theorie.

Ich sehe mir die Personen an. Es sind vier Fotos, vier Personen, um die ich mich kümmern soll.

In mir reift eine Idee: Was verbindet diese Drecksäcke? Sie müssen immerhin alle demselben ans Bein gepinkelt haben.

Ich schnappe mir einen Block und schreibe mir die Fakten der Typen auf. Es muss doch eine Verbindung geben!

Ich male ein wenig herum, aber nach einer halben Stunde intensiven Nachdenkens muss ich mich geschlagen geben. Ich sehe keine richtige Verbindung!

Ich nehme das Bild mit der Eins drauf. Jemand hat mit Kugelschreiber eine Eins draufgemalt und auf die Rückseite ein paar Dinge geschrieben waren. Es ist in Druckschrift geschrieben, keine Ahnung, ob die Schrift zu  einem Mann oder einer Frau gehört.

Nummer eins ist ein Punk. Die Haare sind in blau und rot gefärbt, mit Nietenjacke und echt viel Altmetall im Gesicht. Ich zähle nach. Sechzehn Piercings, in der Nase, dem linken Ohr und über dem rechten Auge. Sieht nicht gut aus, der wird wohl als Jungfrau sterben. Wie das wohl ist, wenn er Schnupfen hat, kann er die dann alle aus der Nase nehmen?

Sein Name steht auf der Rückseite. Johnny King. Er wohnt in der Philips Road in New Rochelle. Ich kratze mich am Kopf. New Rochelle, das ist im Norden von New York, glaube ich. Mit meinem Handy überprüfe ich das. Die Stadt liegt nördlich von New York City, im gleichen Bundesstaat.

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Kurzentschlossen will ich mir das nächste Opfer mal ansehen. Ich brauche eine U-Bahn, eine Bahn und eine Busfahrt bis schlussendlich ein Taxi mich an seiner Adresse rauslässt. Der Loftblock 56 ist ein großer grauer Kasten abseits der Hauptstraße. Irgendjemand hat Feuerleitern drangehängt, aber am Ende sieht es doch so aus, wie ich mir den Sozialismus vorstelle: Ein Bauklotz, in die Landschaft geworfen.

Ich sehe mir noch einmal das Foto an. Auf der Rückseite steht neben Johnny Kings Namen nur: “Verprügeln, nicht töten. Sag ihm das ist für Larissa”.

Ich seufze. Dann hellt sich aber meine Laune auf. Für Larissa? Das ist doch eine Spur! Irgendwer wird das ja wohl sein. Jeder ist schließlich irgendjemand. Ich klappe den Kragen meiner Jacke hoch und greife mir unauffällig unter den Arm um den Sitz meiner Pistole zu kontrollieren.

Der kleine 38. Revolver sitzt an seinem Platz. Ich soll ihn nicht töten, aber vielleicht muss ich ihm ziemlich Angst machen, damit er fröhlich singt.

Ich gehe zur Tür und suche den richtigen Klingelknopf.

Ich drücke eine Weile Sturm bis aus der Gegensprechanlage knirschend eine Männerstimme zu hören ist.

“Wer stört? Willst du das ich taub werde?”

“Entschuldigen Sie bitte”, sage ich so freundlich wie möglich. “Pizza für Loft 56.”

“Ich hab nix bestellt.”

“Scheiße, aber auf meinem Zettel steht Ihre Adresse”, sage ich.

“Pech”, höre ich und der Kerl legt auf. Ich drücke den Klingelknopf erneut.

“Was?”, blafft es mich aus der Gegensprechanlage an.

“Ich bin den ganzen Weg hergefahren, mir ist egal, wer hier ‘ne falsche Adresse angegeben hat. Wollen Sie die Pizza? Ich geb sie Ihnen zum halben Preis.”

“Was ist es denn?”

Das ist jetzt kniffelig. Was wird der wohl mögen? Ich probiere es mit einem Klassiker.

“Salami.”

Kurze Stille. Ist er vielleicht einer dieser Typen, die nur essen, was von selbst umkam? Ich finde es ja zynisch zu sagen, man soll nur essen was glücklich war. Also bitte! Ein unglückliches Tier, das erlöst man doch. Oder diese Glutenunverträglichkeit, die sich die Leute einbilden. Mehr als tausend Jahre menschliche Evolution und plötzlich ist jeder gegen irgendwas allergisch!

“Okay, kommen Sie rauf.”

Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Die Tür surrt und ich eile die Treppenstufen hinauf. Ich entdecke den Kerl an seiner Tür stehen, er mustert mich neugierig.

“Ey, wo ist denn die Pizza?”, schafft er noch zu sagen, da ramme ich ihm meinen Pistolengriff auf die Nase. Er taumelt nach hinten in seine Wohnung und bleibt der Länge nach auf dem Flurboden liegen.

Ich schließe die Tür hinter mir wieder und greife mir eine Mütze von der Kommode neben der Tür. Die stopfe ich ihm in den Mund.

“Nimm sie raus und ich töte dich”, sage ich. “Ist noch wer in der Wohnung?”

Es gibt nur einen winzigen Flur und ein Schlaf-Wohn-Esszimmer, mit Klo. Trotzdem frage ich. Er sagt etwas, das ich nicht verstehe.

“Schüttel den Kopf oder nicke”, sage ich. Er schüttelt den Kopf. Zufrieden sehe ich trotzdem im Bad nach und schleife den Kleinen dann ins einzige andere Zimmer. Dort werfe ich ihn aufs Bett. Seine Nase blutet stark und er wimmert.

“Tut ziemlich weh, was?”, sage ich und reiche ihm eine Rolle Küchenpapier. Dankbar nimmt er ein paar Blätter und versucht das Blut aufzufangen.

“Nimm die Mütze raus. Wenn du schreist...”, sage ich und lasse den Satz unvollendet. Stattdessen halte ich nur die Waffe hoch. Ich denke, er sieht jetzt ziemlich mitgenommen aus, mein mysteriöser Auftraggeber sollte zufrieden sein.

“Okay, es gibt jetzt ‘ne harte und ‘ne leichte Tour”, sage ich. Er beginnt zu weinen. Laut schluchzt er.

“Bitte”, wimmert er. “Bringen Sie mich nicht um.”

“Was?”

“Bitte!”

“Nein, die harte Tour ist doch nicht umbringen! Entweder ich werde dich mehr oder weniger verdreschen, aber du musst nicht sterben”, sage ich und will ihn etwas beruhigen. Ich muss sagen, das mag ich sonst an meinem Beruf: Man hat keinen Kontakt mit anderen Menschen.

Das hier ist nichts für mich. Ich warte bis Johnny sich etwas beruhigt hat.

“Okay”, sage ich und lasse die Waffe etwas sinken. Er hat endlich aufgehört zu heulen, ich werde also ein paar Antworten aus ihm herausbekommen. “Nun, Johnny King. Hast du eine Ahnung, wieso ich hier bin?” Ich mustere die Piercings, die er in der Nase und dem linken Ohr hat. Die über dem rechten Auge hat er nicht drin, da waren auf dem Foto mehr. Deswegen sind es jetzt weniger als Sechzehn. Ist mir trotzdem zu viel Altmetall.

“Ich... nein”, stammelt er. Der Rotz läuft ihm über die Oberlippe. Das ist ja nicht zum ansehen!

“Sagt dir Larissa was?”

“Larissa?”, fragt er dümmlich. Ich hebe die 38. er und drücke ihm den Lauf vor die Stirn. “Ich soll dir ausrichten, das ist für Larissa.”

Er beginnt erneut zu jaulen und jammert in einem fort.

“Ich..., es tut mir leid! Ehrlich! Ich war damals auf Drogen, ich fass die aber nicht mehr an, oder wollen Sie welche? Ich kann Sie in Koks bezahlen. Hören Sie, es tut mir leid, bitte Sie müssen das nicht”, ruft er.

“Ich bring dich nicht um!”, brülle ich ihn an und er wird still. Endlich, denke ich. Also, die Anweisung bei dem hier war einschüchtern und sagen, dass es für Larissa war. Nun beginnt mein persönlicher Auftrag.

“Wer ist Larissa und in welcher Beziehung stehen Sie zu ihr?”, frage ich und fühle mich dabei wie ein FBI Agent. Bin ich ja auch, so in der Art jedenfalls.

“Larissa... Larissa Smith. Eine Andere kenne ich nicht”, stammelt er überrascht. Das ist immerhin ein Anfang, auch wenn der Name jetzt wirklich ein Witz ist.

“Okay, woher kennst du Larissa?”

“Wir.... wir haben zusammen gewohnt.”

“Daher kennst du sie?”

“Nein, Unsinn. Also ich gehe gerne in diesen Club, der heißt EDEN. Dort gibt es.... naja guten Stoff gibt es da. Die Musik ist auch in Ordnung. Dort arbeitete sie als Kellnerin und hatte einen kleinen Nebenerwerb”

Er druckst etwas herum.

“Ey Alter, sehe ich aus wie ein Bulle?”, frage ich. “Die ganze Geschichte will ich hören - jetzt!”

“Naja, sie findet da manchmal wen zum anschaffen. Sie ist von zu Hause weggelaufen, vor Jahren schon. Wohnte irgendwo in unten in der Bronx vorher, glaube ich. Weiß ich nicht so genau, jedenfalls lebt sie nun hier und schafft manchmal an. Daher kennen wir uns. Ich war erst ein Kunde, aber sie konnte hier umsonst wohnen, wir haben uns da geeinigt.”

“Aha”, brumme ich. “Weiter. Wieso sollte sie sauer auf dich sein?”

“Na... ich weiß auch nicht!”

“Wo ist sie jetzt?”, frage ich und blicke in die Wohnung.

“Ich hab sie rausgeworfen.”

“Ach?”, sage ich mit vor Sarkasmus triefender Stimme. “Was du nicht sagst, meinst du, das nimmt sie dir übel?”

“Ey, was kann ich dafür! Da war so eine, die sagte, sie sei ihre Schwester. Larissa war nicht da und als ich ihr sagte, dass ihre Schwester da war, ist sie voll ausgetickt. Sie sagte, sie würde mit ihr reden und dann würde sie uns in Ruhe lassen, aber als sie wiederkam...”, erklärte Johnny King, als wäre es die größte Beleidigung, die er sich vorstellen konnte. “Also, kommt die Schlampe wieder und sagt, dass sie ihr Leben umstellen wollte. Kein Anschaffen mehr! Da hab ich gesagt, keine Miete, keine Wohnung. Sie ist ausfallend geworden, da habe ich.... na ich hab mal halt auf den Tisch gehauen. wissen Sie?”

Ich denke eher, er hat Larissa gehauen, aber das behalte ich für mich.

“Na und dann ist sie abgehauen. Vielleicht zu ihrer Schwester? Ich hab keine Ahnung, Mann!”

Ich mustere den Punk, schüttle den Kopf und wende mich zur Haustür.

Kurz halte ich inne.

“Wenn du die Bullen rufst, verteile ich deine Gedärme auf der ganzen Hauptstraße, klar?”

Er nickte, seine Unterlippe zittert schon wieder.

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Sobald ich aus der Wohnung raus bin, kaufe ich mir am Kiosk einen kleinen Block. In der U-Bahn sitzend beginne ich mir alles aufzuschreiben, damit ich nichts vergesse. Meine beste Verdächtige ist Larissas Schwester. Aber bei dem Namen? Da kann ich ja ewig suchen. Larissa Smith..... das könnte auch ein Prostituierten-Pseudonym sein. Obwohl, dann hieße sie vielleicht ja eher Candy oder Lilly... ach keine Ahnung! Wütend klappe ich den Notizblock zu. Das bringt mich erstmal nicht weiter!

Als ich an der Grand Central umsteigen will, sehe ich in haselnussbraune Augen, die mich wiedererkennen. Ich erkenne sie auch wieder, wie könnte ich die vergessen?

“Scheiße”, fluche ich. Da, nur einen Meter von mir entfernt, steht Mila Novakova. Diesmal hat sie natürlich mehr an, aber ich erkenne die dunklen schwarzen Haare ebenso wie die braunen Augen wieder. Sie hat mich auch gesehen und ist stehengeblieben. Kurz blinzelt sie mich an, dann macht sie auf dem Absatz kehrt. Ich bin unentschlossen. Soll ich ihr hinterherlaufen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in einer Millionenstadt wie New York über den Weg laufen? Wird sie die Polizei rufen? Ich denke zu lange nach, da ist sie bereits in der Menschenmenge verschwunden.

Ich seufze. Irgendwie bin ich froh, dass sie weg ist. Andererseits, hätte ich gerne noch mit ihr... ich halte inne. Was hätte ich? Geredet, über meinen Arbeitstag? Ich schüttle den Kopf und mache mich auf den Weg nach Hause. Was für ein Unsinn, ich bin wohl mehr mitgenommen von der Erpressung als ich dachte!  Ich fahre nach Hause und mache mir eine Portion Spaghetti mit Bolognese. Während der dampfende Teller vor mir auf dem Küchentisch steht, schaue ich mir die anderen Fotos an. Eines fällt mir besonders auf.

Larissa kam aus der Bronx, das hat Johnny King gesagt. Ich schaue es kurz in meinen Aufzeichnungen nach. Einer der anderen, wohnt in der Bronx. Okay, er ist ein Latino, oder Hispanic? Jedenfalls hat er einen spanischen Namen, also ist die Bronx jetzt durchaus ein Ort, wo ich ihn vermuten würde. Aber es ist ein dünner Faden. Trotzdem, besser als gar nichts.

Ich gehe zeitig ins Bett, um Morgen in aller Frühe loszuziehen. Juan sieht nicht wie einer aus, der einer ehrlichen Arbeit nachgeht. Natürlich kann das ein Vorurteil sein, aber er hat diese Tätowierungen unter den Augen. Sie sehen aus wie Tränen. Es gibt eine Gang in New York , die an der halben Ostküste aktiv ist. Sie nennen sich Marabunta und wer dazugehören will, muss einen Mord begehen. Dafür darf er sich dann die erste Träne tätowieren lassen. Ich habe nie einen von denen getroffen und halte das für eine tolle Geschichte. Vielleicht tätowieren die sich die auch alle nur, damit sie wie harte Jungs aussehen und erzählen die Geschichte, wer weiß? Bis man vor einem Richter sitzt, rundet man die Zahl seiner Opfer ja gerne auf. Danach werden viele sehr bescheiden, habe ich schon oft gesehen bei Kollegen.

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Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg in die Bronx. Die Adresse führt mich zu einer kleinen Straße, in der ich umgeben bin von sechs stöckigen braunen Gebäuden. Feuerleitern sind außen angebracht. Hier und dort sitzen Jugendliche in den Hauseingängen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die schon länger nicht in der Schule waren.

Ich sehe noch mal auf das Foto. Juan Esteban Baptiste Gonzales. Er hat eine Glatze und mehrere großflächige Tätowierungen am Hals. Für mich wäre das ja nichts. Nicht nur, dass es einem den Beruf unnötig schwer macht, was bitte soll ich mir in die Haut stechen lassen? Wenn man schon etwas für immer in die Haut sticht, sollte es bedeutend sein, nicht irgendeine Banalität. So ein, Nutze deinen Tag, Kram ist jetzt nicht so ungewöhnlich, dass ich ihn vergesse, wenn er mir nicht auf dem Oberarm steht. Dazu kommt, was machst du wenn du deine Meinung änderst? Da stichst du dir den Elefanten der Republikaner auf die Brust und erlebst eines Tages, dass du dann doch lieber Demokraten wählen willst. Oder deine Lieblingsband bringt nur noch Scheißalben heraus. Dann stehst du da, mit deren Schriftzug auf der Stirn.

Ich gehe zu dem Haus, in dem Esteban wohnen soll. Im Eingang sitzen drei Jugendliche mit dunkler Hautfarbe. Also keine richtigen Schwarzen, eher so Latinos. Sagt man das noch? Oder ist das wie mit dem N-Wort? Sagt man das nur, wenn man selbst so ein afrikanischer Amerikaner ist?

Die Jungs sitzen auf den Treppenstufen des Hauses und versperren jedem den Weg, der durch will. Ich setze mich auf eine Bank ein Stück die Straße herunter und nehme mir mein Handy. Ich scrolle wahllos über eine Nachrichtenseite und warte. Man kann nicht einfach zu so einem Kerl gehen und schauen, ob er da ist. Nicht dass ich ihn nicht wie den Punk einfach abknallen kann, aber was nützt mir das? Ich weiß einfach noch zu wenig. Da ist meine Arbeit vielleicht gar nicht so anders als die eines Polizisten. Es kommt auf gute Recherche an.

Ich warte also, wann Esteban geht und wann er nach Hause kommt.

Die Zeit vergeht und ich beginne zu bereuen, dass ich mir keinen Kaffee mitgenommen habe. Andererseits, dann müsste ich jetzt irgendwann pinkeln. Auch blöd dafür die Observation zu unterbrechen. Ein Straßenkehrer kommt vorbei und fährt durch die Straße. Er hält nicht, obwohl hier offensichtlich mal sauber gemacht werden müsste. Aber das ist wohl so eine dieser Straßen, wo die Einwohner zwar jammern, dass hier nie geputzt wird, aber unschuldig sind sie nicht daran. Wäre keine Arbeit für mich, bei der Straßenreinigung. Wirklich gut bin ich eher darin jemanden zu töten. Es geht schnell und du wirst erstaunlich gut bezahlt. Hat sich einfach so ergeben. So wie andere echt gut darin sind einen Football zu werfen oder einen Golfball zu schlagen.  Endlich verlässt Esteban seine Wohnung. Ich erkenne ihn sofort, wie er aus dem Haus heraus kommt und die Kinder davor aufspringen. Meine Güte sind die auf einmal mobil.

Er geht die Straße herunter, steigt in einen Wagen und fährt weg. Ich betätige die Stoppuhrfunktion meines Handys. Ich denke, ich habe mindestens eine halbe Stunde, bevor er zurück kommt, denn hier ist auch eine U-bahn Station. Wenn er das Auto nimmt, will er weiter weg.

Die dunkelhäutigen Jungen sitzen jetzt wieder auf dem Treppenabsatz von Estebans Wohnhaus und damit mir im Weg. Ich bleibe stehen und musterte sie.

“Lasst mich durch”, sagte ich. Ich trage bequeme Halbstiefel, ich kann mir meinen Weg schon dadurch bahnen.

Einer der drei springt auf die Beine und baut sich vor mir auf. Seine sackförmige Hose rutscht etwas herunter, sodass er sie mit einer Hand festhalten muss. Seine Kumpels springen auch auf die Beine, sind aber deutlich langsamer als er. Seine freie linke Hand nutzt der Kurze, um mir seinen Finger ins Gesicht zu halten.

“Ey, so redet man nicht mit mir. Wenn du in mein Haus willst, zahlst du mir was dafür.”

“Ich bezweifle, dass dir das Haus gehört, Junge”, sage ich ruhig. “Jetzt mach, dass du wegkommst. Ich bin eine Nummer zu groß für dich.”

Es blitzt in seinen Augen. Die Hände habe ich in den Jackentaschen. Ich ziehe die Jacke etwas zurecht, sodass sich mein Schulterholster abzeichnet.

Der Junge ist nicht dumm. Seine Augen weiten sich und er nickt. Dann dreht er sich von mir weg und macht ein Zeichen mit der Hand, dass ihm seine Spießgesellen folgen sollen.

Die schauen etwas doof aus der Wäsche, sind aber ganz gut abgerichtet und folgen ihm wortlos.

Der Junge hat die richtige Entscheidung getroffen. Es ist nicht so, dass ich Angst vor einer Konfrontation habe, aber man kann sich sowas ja auch sparen. Die Tür zu dem Haus ist nicht abgeschlossen, die Gegensprechanlage sieht aus als wäre sie aus den Achtzigern und seit damals kaputt. Ich gehe ins Treppenhaus und bewundere auf dem Weg nach oben die verschiedenen Comicfiguren, die jemand an die Wand gesprüht hat. Ich erkenne einen echt guten Batman. Batmans wache Augen ruhen auf mir, als ich vor Juan Estebans Tür stehen bleibe. Das Namensschild ist selbst ausgedruckt und angeklebt an der Holztür. Ich lege mein Ohr auf die Tür und lausche. Hinter mir, aus der Wohnung gegenüber höre ich eine Frau kreischen und wütend fluchen. Jemand versucht immer wieder zaghaft etwas einzuwerfen, wird aber von ihr niedergeschrien. Aus Estebans Wohnung höre ich gar nichts.

Ich besehe mir das Türschloss und zücke ein kurzes Messer, das ich immer bei mir habe. Ich fummele eine Weile zwischen Tür und Rahmen herum bis es knackt und im Rahmen etwas zerbricht. Die Tür lässt sich öffnen und ich kann sie wieder zuschieben, so dass man von außen nichts sieht.

Gott sei Dank hat der kein zweites Schloss davor gehängt! Aber ich denke mal, einen Marabunta Kerl greift man nicht einfach so an. Kurz überlege ich, ob es eine gute Idee ist, aber dann schüttel ich den Kopf. Es wird schon nichts passieren. Ich bin ohne jede Verbindung zum Opfer, deswegen heuert man mich an. Auf mich kommt man nicht, das klassische Ermitteln nützt dir nichts bei einer bestellten Tat.

Nur leider bin ich dieses mal unbezahlt, wie mir wieder einfällt.

Ich sehe mich in der kleinen Wohnung um. Es sind nur zwei Zimmer und ein Bad, alles so leer wie ein Hotelzimmer. Das ist seltsam. Juan Esteban sah nicht nur wie ein Mann fürs Grobe aus, sondern auch wie jemand, der nicht den ganzen Tag aufräumt. Ich sehe mir die Schränke und Schubladen genauer an. Es ist fast nichts drin. Nach und nach wird mir klar, dass das hier eine Zweitwohnung ist.

Es fehlen die persönlichen Dinge. Bis auf einen Schrank. Da finde ich ein Fotoalbum. Ich schlage es nach wenigen Blicken wieder zu und lege es weg. Allerdings habe ich nichts Besseres zu tun, während ich auf ihn warte. Er wird wiederkommen, im Kühlschrank ist nicht nur Obst, es ist noch Kaffee in einer Kanne. Ich hätte auch nicht gedacht, dass dieser Kerl soviel Obst hat. Aber andererseits, muss man ja auch keine Vorurteile haben.

Ich sehe mir das Album genauer an. Es sind Frauenfotos... Erst sind es Sofortbildkamera-Bilder, diese mit dem Rahmen. Diese Bilder, die man so hin und her wedelt damit sie sich entwickeln. Später sind es ausgedruckte, so wie man sie in jedem Drogeriemarkt machen lassen kann, oder im Internet. Die Frauen darauf sehen nicht gut aus. Sie haben Veilchen und liegen auf dem Bett, das ich hier vor mir habe. Ich glaube nicht, dass sie tot sind, denn sie sind da in Posen, als hätte man sie verprügelt.

Ein Foto fällt mir auf. Larissa Howard. Es ist die einzige Larissa. Leider sieht sie auf dem Bild nicht gerade gut aus, aber vielleicht ist es ja die ominöse Larissa Smith?

Ich stecke das Foto ein.

Dann packe ich das Album weg. Ich nehme mir einen Stuhl und setze mich darauf. Auf dem Bett will ich nicht mehr sitzen.

Ich warte also auf die Rückkehr von Juan und fülle mir einen Kaffee ein. Die Zeit vergeht, ich habe es schließlich nicht eilig.  Heute ist Juan Estebans letzter Tag, da will ich mal nicht so sein, wenn es später wird. Wenn es nach mir geht, muss niemand sterben, aber ein Auftrag ist ein Auftrag. Trotzdem wurmt mich, dass ich nicht bezahlt werde hierfür. Irgendwann klickt es im Schloss und Juan Esteban tritt in seinen Hausflur. Er schließt die Tür hinter sich. Die kleine Küche, in der ich sitze, ist ums Eck, er kann mich nicht sehen. Ich kann ihn aber deutlich hören. Er flucht auf Spanisch, weil er entdeckt hat, dass das Schloss kaputt ist. Dann stürmt er an mir vorbei zum Schlafzimmer, sucht sein Album. Er nimmt mich im Halbdunkel der Küche gar nicht wahr. Also stehe ich auf, ziehe meine Pistole und traten in den Türrahmen des Schlafzimmers.

“Hände hoch”, sage ich. Der Kerl wirbelt herum und wirft das widerliche Fotoalbum nach mir, doch ich weiche aus und ziele noch immer auf ihn. Er hebt die Hände und flucht auf Spanisch.

“Putos ladrones!”, flucht er und funkelt mich böse an. “Quien eres?”

“No comprende”, sage ich die einzigen spanischen Wörter, die ich kann. Natürlich weiß ich auch was Tacos sind, aber das hilft mir jetzt nicht. “Sprich Englisch. Das hier ist New York, Mann!”

“Was tust du in meinem Haus? Wer schickt dich?”

“Erstmal hab ich eine Frage”, sage ich. “Du bist Juan Esteban Bapstiste Gonzales?”

Ich erkenne ihn unzweifelhaft von dem Foto wieder, aber ich will ein Gespräch beginnen. Vielleicht weiß er etwas.

“Ja”, sagt er und sieht sich um. Ich habe schon kontrolliert, dass hier keine Waffen versteckt sind.

“Was hat es mit den Frauen in dem Album auf sich? Sind sie tot?”, frage ich. Verdammt, das wollte ich eigentlich nicht wissen! Das ist mir jetzt so rausgerutscht. Ich beiße mir auf die Zunge. Sowas will ich im Zweifelsfall doch gar nicht wissen! Es ist nicht dein Auftrag, rufe ich mir in Erinnerung. Es geht dich nichts an!

“Nein Pendejo.”, sagt Esteban und lacht dreckig. “Ich hab sie härter angefasst, ja und? Das ist meine Sammlung, ey? Ich bring hier gerne welche mit hin und ich mags gerne feste, klar?”

“Hmm”, brumme ich. “Bist du auch ihr Zuhälter?”

Ich erinnere mich, dass Larissa Smith einen gehabt hatte.

Esteban wiegt den Kopf etwas hin und her.

“Nein, Prostitution ist illegal hier im schönen Estado New York.”

“Das ist mir sowas von egal. Sehe ich aus wie ein Polizist? Also, bist du?”

“Also ich habe Mädchen, die mich sehr mögen”, sagt Esteban. “Die geben mir gerne mal Geld dafür, dass ich mit ihnen schlafe.”

“Auch die aus dem Album?”

“Auch die, ja”, sagt Juan Esteban und grinst anzüglich. Seine Tätowierung verzieht sich dabei. “Ich bin halt wirklich gut.”

“Ist dir eine weggelaufen?”, frage ich.

Er schüttelt den Kopf.

“Nee, die kommen alle wieder und wieder. Ich bin sehr anziehend, weißt du?”

“Ist dir vor kurzem eine Larissa Howard weggelaufen?”, werde ich deutlich. Ich zeige mit der freien Hand auf das Foto aus dem Album.

“Ach die... geht es um sie?” Er spuckt aus. “Deswegen bist du hier? Ich fass sie einmal härter an als sonst und schon glaubt sie, sie kann abhauen.”

“Konnte sie aber nicht?”

Er blinzelt verdutzt.

“Bisher”, sagt er leise. “Bisher ist sie nicht wieder aufgetaucht.”

“Du weißt nicht, wo sie ist?”, frage ich. “Denk nach, das ist sehr, sehr wichtig für dich.”

Ich ziehe den Hahn meiner 38., um der Bitte Nachdruck zu verleihen. Dabei sehe ich mir auch seine beeindruckenden Tätowierungen an. Am Hals ist es ein chinesischer Drache, über dem Herz ein Kreuz. Ich glaube nicht, dass er sich in seinem Leben sehr christlich verhalten hat.

“Caramba, ich weiß es nicht! Ich hab sie von der Straße aufgelesen, und eine Weile arbeiten geschickt, okay? Dann wurde sie hysterisch und ist mir weggelaufen. Ich habe sie seit mehr als einem Monat nicht gesehen, ich schwöre es!”, ruft er aus.

“Schwöre bei der Marabunta.”

Kurz zögert er und nickt dann. “Ich schwöre bei der Ehre meiner Brüder von der Marabunta. Die werden dich sowas von schlachten, wenn du mir was antust, Pendejo!”

“Seitdem sie dir vor ein paar Wochen weglief, hast du also Larissa Howard nicht wieder gesehen?”, frage ich unbeirrt weiter.

„Nein, Hombre! Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du eine Nervensäge bist?“

„Das höre ich immer wieder.“

Ich ziehe meine Waffe und richte sie auf ihn.

„Du wirst es allerdings nie wieder hören müssen“, sage ich und drücke ab.

Ich hinterlasse einen hässlichen Fleck an der Wand, während der harte Latino in sich zusammenfällt wie eine Puppe, deren Fäden man durchtrennt hat.

Anschließend sehe ich mich noch einmal kurz um, kann aber nichts Interessantes finden als das Album. Das Foto von Larissa habe ich bereits, also ist es wohl Zeit zu gehen.

Ich ziehe ein Taschentuch heraus und wische beim Hinausgehen die Türklinke sauber. Beim Rausgehen lasse ich die Tür ins Schloss fallen.

Niemand ist auf den Fluren, entweder hat den Schuss keiner gehört oder es interessiert keinen. Das hier ist so eine Gegend, wo die Wahrheit meist irgendwo dazwischen liegt.

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Ich fahre mit der U-Bahn Downtown und suche mir eine Pizzeria. Während ich auf die Pizza warte, hole ich meinen kleinen Notizblock heraus und schreibe nochmal auf, was ich weiß. Ich will es ordnen.

Ich denke, ich habe jetzt eine bessere Ahnung, worum es hier geht. Larissa Howard wird von Juan aufgesammelt auf der Straße. Sie wird anschaffen geschickt, vielleicht Drogenabhängig gemacht. Sie geht anschaffen und arbeitet im EDEN.  Keine besondere Geschichte, auch wenn sie traurig ist. Sowas passiert jeden Tag irgendwo. Dann passiert etwas, sie landet bei dem Punk Johnny King. Erst ist er ihr Kunde, dann wohnt sie bei ihm. Auf die Weise kommt sie weg von Juan. Dann kommt ihre Schwester ins Spiel.

Ich male Larissas Werdegang als kleinen Zeitstrahl auf. Bei ihrer Schwester mache ich ein Fragezeichen. Die redet mir ihr und danach trennt sie sich vom Punk Johnny. Sie will nicht mehr anschaffen.

Meine Pizza kommt. Es ist eine Salamipizza, die hier mit zwei Sorten echten italienischen Käse gemacht wird. Ich muss zwar ein wenig auf meine Figur achten, aber man muss sich ja auch mal was gönnen! In meinem Beruf muss man fit sein. Ich will nicht eines Tages gefasst werden, nur weil ich nicht schnell genug wegrennen kann! Einen dicken Auftragskiller, das hat man auch noch nicht gesehen....

Während ich anfange zu essen, denke ich über meinen Fall nach.

Ich ergänze auf meinem Block das Larissas Nachname wohl Howard ist und sie sich dann Smith nannte. Ihre Schwester wäre interessant kennen zu lernen, aber ich glaube nicht, dass Johnny da helfen kann. Wenn Larissa Familie hat, die sich Sorgen macht oder vor der sie weggelaufen ist, wäre das ein Anknüpfungspunkt. Ich überlege wie Larissa das verbindende Element sein kann, komme aber nicht so richtig darauf wie das zu mir führt.

Also esse ich genüsslich meine Pizza zu Ende und zahle.

Mein Handy vibriert. Ich habe eine sms von Finnigan. Ich hab natürlich keine Ahnung, ob er wirklich so heißt. Aber er ist Ire und irgendwie muss ich die Nummer ja einspeichern.

Der Text ist knapp: Treffen uns im Dublin. Heute Abend, 17 Uhr.

Ich hebe überrascht die Augenbrauen. Finnigan hat mich schon eine Weile nicht mehr kontaktiert. Das passiert immer mal wieder. Manchmal wollen sie neue Hitmen, manchmal wollen sie lieber nicht zu oft Gebrauch von dir machen, damit es keine Regelmäßigkeiten gibt, die man zurückverfolgen kann.

Das Dublin ist eine Kneipe unten in Alphabet City. Das sind die Avenue A, B, C und so weiter.

Ich rufe mir sofort ein Taxi. Wenn ich da bis neunzehn Uhr sein will, mach ich mich besser jetzt auf den Weg.

Ich komme gerade rechtzeitig. Das Dublin ist ein kleiner Club, mit einer grünen Neonreklame. Der Club hat schon auf, aber es ist kaum etwas los. Es ist einfach zu früh. Der Türsteher will mich kontrollieren, doch ich lehne ab. “Ich werde erwartet. Nick”. Der Mann sieht auf seine Liste, ziemlich skeptisch. Doch er muss leider erkennen das “Nick” wirklich auf der Liste steht. Unzufrieden verzieht der breite Kerl den Mund, lässt mich aber durch. Drinnen sind nur eine Handvoll Leute, es geht gerade erst los. Ein paar grell geschminkte Asiatinnen kommen auf mich zu, doch ich schüttle den Kopf.

An der Theke sitzt Finnigan. Er ist ein dürrer beinahe skelettartiger Kerl ohne jede Haare und mit tiefliegenden blauen Augen.

“Ah, Mister Nick”, sagt er als ich mich neben ihn setzte.

“Nick reicht”, erwidere ich. “Was kann ich so kurzfristig für Sie tun?”

Finnigan arbeitet für eine kleine irische Mafia Gruppe, deren Gründer mal Geld mit Schnapsbrennereien während der Prohibition verdient haben. Sie haben Hochs und Tiefs durchgemacht, aber es gibt sie noch heute. Das ist auch eine Leistung, mehr als drei Generationen Mafia. Ist somit ein richtiges Traditions-Familienunternehmen.

“Wir haben einen Auftrag für dich”, sagt Finnigan. Er hat eine Stimme wie brüchiges Papier, die man kaum hören kann bei der Bumsmusik hier.

Ich habe zwar grad einen Auftrag, aber für den werde ich nicht bezahlt.

Irgendwie muss man ja auch die Miete verdienen. Deswegen habe ich diesen Beruf ja ursprünglich angefangen. Man bekommt viel Geld für etwas, das mir jetzt nicht sonderlich viele Probleme bereitet. Andere Leute scheinen da nicht so gestrickt zu sein wie ich.

“Worum geht es?”, fragte ich und winke den Barman heran. “Einen Whiskey”, sage ich. Finnigan wartet ab bis ich ein halbvolles Glas vor mir habe.

“Kennst du Trevor Liffey?”

“Ist der nicht vor einem Monat getötet worden? Jemand hat doch sein Auto in die Luft gejagt. Der Zeitzünder war denke ich miese Arbeit, sonst wäre der Wagen nicht erst hochgegangen als er mitten auf einer Hauptstraße war”, sage ich und kratzte mich nachdenklich am Kopf. Dann nippe ich am Glas und verziehe zufrieden das Gesicht. Oh, man muss das ausnutzen, wenn man bei den Iren zu Gast ist!

“Das war einer unserer Jungs. Es war nicht so, wie es sein sollte.”

“Das kommt vor”, sagte ich.

“Nicht mehrere Male. Es war zu groß, zu auffällig. Das können wir nicht gebrauchen. Wir werden nur in Ruhe gelassen, wenn wir andere in Ruhe lassen. Er geht jeden Tag auf der  Brooklyn Bridge joggen, um sechs Uhr.”

Verdammt, geht es mir durch den Kopf. Um sechs Uhr? Das ist echt früh.

“Wie sieht er aus?”, frage ich und trinke mein Glas aus. Mir wird ein Briefumschlag gereicht. Dollarscheine und ein Foto. Ich sehe mir an wie viele Scheine da drin sind und bin wirklich zufrieden! Meine Erfahrung sagt mir allerdings, dass es dabei noch einen Haken geben muss.

“Wann soll es erledigt werden?”

“Morgen früh. Wenn er joggen geht. Auf der Brooklyn Bridge, mit einem Scharfschützengewehr.”

“Das wird aber eine Welle in der Presse schlagen”, sage ich vorsichtig. Finnigan nickt.

“Genau das soll es. Er hat schlampige Arbeit geliefert. Jeder soll wissen, dass wir das nicht tolerieren. Wir wollen ein Zeichen setzen.”

Ich schlucke und auf einmal fühlt sich meine Kehle trocken an. Wie er das “jeder” betont hat. Ich glaube, das war eine Drohung oder zumindest eine Warnung. Ich bleibe äußerlich ganz ruhig und nicke abgeklärt.

“Kein Problem, wird erledigt.”

Wir geben uns die Hände und ich mache mich auf den Weg nach Hause.

Dort seh ich mir nochmal die Notizen an, bezüglich Larissa Howard. Aber mir fehlt irgendwie ein Stück des Puzzles. Es passt so nicht ganz. Eine Weile suche ich zu ihrem Namen,was ich so finden kann. Aber ehrlich gesagt ist das einfach zu viel. Der Name kommt alleine in New York einige Dutzend Male vor und dann beschränke ich mich nur auf die Stadt New York. Wenn man auch den Bundesstaat mit reinnimmt, werden es richtig viele. Also gebe ich erstmal auf, was das angeht. Ich stelle mir den Wecker, damit ich morgen auch früh genug raus komme, um mich passend zur Brooklyn Bridge zu setzen. Normalerweise hätte ich da gerne ein paar Tage Vorbereitung und würde mir einen Ort suchen, an dem ich unbeobachtet jemanden töten kann. Aber hier soll es ja groß in die Medien kommen. Ich hoffe sehr, dass mich das nicht trifft. Aus meinem Waffenschrank hole ich ein altes Springfield Scharfschützengewehr. Ein altes Stück, mehr als zehn Jahre. Ich habs ein paar Mal auf dem Schießstand dabei gehabt und es funktioniert tadellos. Vor allem aber ist es nicht registriert und  ziemlich gut auf zwei, dreihundert Meter. Ich sehe mir im Internet eine Karte der Brooklyn Bridge an und markiere mir Positionen, von wo aus man gut auf die Brücke schießen können müsste. Ich muss daran denken, wie mich diese blöde Navigationsfunktion zum falschen Haus geführt hat und ich seufze.

Als ich mit allem durch bin, sehe ich mir mein nächstes Opfer von meinem namenlosen Erpresser an. Dazu nehme ich mir eine Packung Chips. In irgendeiner Dokumentation habe ich mal gehört, dass sie in New York erfunden wurden. Da muss ich sie ja quasi als guter Lokalpatriot essen.

Mit der Chipstüte bewaffnet sehe ich mir mein nächstes Opfer an.

Frank McKinley, ist sein Name. Auf dem Bild sieht er bieder aus. Ich denke es ist ein Profilbild, von irgendeiner Berufswebsite. Weißes Hemd, dunkle Weste und Jackett. Am Halsansatz ist ganz schwach etwas zu sehen, vielleicht ein geschickt verstecktes Tattoo? Ich sehe auf die Rückseite. Außer seinem Namen und der Adresse in Queens steht dort, dass er Polizist ist. Ich sehe mir nochmal das Bild an. Frank hat kurze dunkelbraune Haare, die auf dem Rückzug sind. Es bleibt eine Spitze vorne übrig, die Schläfen werden weniger. Sein imposanter Schnauzer soll vielleicht davon ablenken. Den stell ich mir ehrlich gesagt aber unpraktisch vor. Wenn man mal erkältet ist, zum Beispiel.

Das mit der Tätowierung erinnert mich an etwas, aber ich komm grade irgendwie nicht drauf. Erschrocken stelle ich fest, dass ich bereits die halbe Tüte leer gefuttert  habe. Ich seufze. So ist das immer mit diesem Zeug. Ich klebe die Tüte wieder zu und packe sie in dem Schrank und gehe ins Bett.

Eine Weile liege ich noch wach und kann nicht recht einschlafen. Mich hat es nie belastet was ich tue. Deswegen bin ich wohl auch gut darin. Doch als ich jetzt die Frau wieder gesehen habe, komme ich ins Grübeln. Ich war im falschen Haus, hätte vielleicht die falsche Person erschossen. Unwillkürlich frage ich mich, ob Esteban jemanden hat, der auf ihn zuhause wartet. Ich schüttle den Kopf. Wohl kaum. Meine Gedanken kreisen um dieses widerliche Buch. Dann komme ich erneut ins Grübeln. Das war vermutlich eine Zweitwohnung. Also hat er eine Erstwohnung. Vielleicht also doch jemandem vor dem er alles versteckt?

Ich schweife ab in wirre Träume. Bevor die Sonne aufgeht, plärrt mein Wecker und reißt mich aus den Armen des Schlafes. Ich mache mich fertig, packe das Scharfschützengewehr in eine Golftasche und mache mich auf den Weg. In der Golftasche sind auch zwei Steine. Die brauche ich später noch. Der erste Punkt, den ich mir herausgesucht habe, ist nicht so gut geeignet. Ein paar Sträucher sind mir im Weg, ich kann die Brooklyn Bridge nicht gut sehen. Also gehe ich weiter zum nächsten Punkt. Hier ist ein kleiner Park, Menschen sind vereinzelt mit ihren Hunden unterwegs. Es gibt genügend Grün um mich zu verbergen, als ich mich hinlege und auf die Brücke ziele.

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Morgens um sechs auf der Brooklyn Bridge entdecke ich mein Opfer. Ich atme ruhig ein und aus, warte ab. Dann schieße ich. Er sackt zusammen. Jemand schreit. Ich springe auf, schnappe mir das Gewehr und stecke es in die Golfschlägertasche. Ich mache mich auf den Weg zum Hudson. Die Waffe werfe ich dann, mit den Steinen beschwert in den Hudson. Sie wird sich dort sicher eine Weile in den tiefen Strömungen bewegen und irgendwann an die Oberfläche kommen. Ich benutze selten eine Waffe mehrmals. Meine 38. hole ich auch heraus und werfe sie gleich hinterher. Ich weiß, dass es teuer ist, jedes mal eine Waffe zu wechseln. Zudem mag man ja seine schönen Stücke. Aber man muss da konsequent sein, sonst müsste ich öfter den Wohnort wechseln. Und wer will schon New York für irgendeinen anderen Ort auf der Welt aufgeben?

Ich spaziere zurück in die Stadt, pfeife leise vor mich hin. Bevor ich mich Frank McKinley widme, will ich eine neue Waffe. Das Foto habe ich in der Jacke. Da steht, er soll die Knie zerschossen bekommen. Nicht sehr nett, aber es ist ja nicht meine Entscheidung.

Ich fahre nach Downtown und gehe dort in den Waffenladen “El Commodore”. Eine kubanische Flagge hängt hinter der Theke. Mich begrüßt Juan Martinez, ein Exilkubaner.

“Miralo”, ruft er nach unten in den Laden. “Schau wer da ist”

Von hinten kommt sein Bruder Pedro. Sie beide mussten wegen irgendwas aus Kuba fliehen. Obwohl sie nicht zurückkehren können, halten sie die Revolution hoch, wie sie beide immer wieder beteuern. In der Nachbarschaft gelten sie als nette Eigenbrötler. Ihr Waffenladen läuft gut, sie verkaufen unter der Hand auch unregistrierte Waffen.

“Ah, Senor Nick. Was kann ich für sie tun?”, fragt Pedro und wischt sich Öl von den Händen mit einem Lappen.

“Eine 38. Revolver, kurzer Lauf”, sage ich.

“Eine Handtaschenwaffe?”, fragt Pedro lachend und verschwindet nach hinten im Laden.

“Eine unbefleckte, für die Selbstverteidigung”, sage ich. Pedro weiß schon, was ich meine.

Er kommt mit einer Holzkiste wieder.

Darin ist eine 38.er, blitzblank mit Munition.

“Bitte, das sind dann aber 300 Dollar.” Er hebt entschuldigend die Hände. “Ich weiß, das ist happig. Aber sowas ist einem ja auch was wert. Es ist ja nicht nur die Waffe an sich, nicht wahr?”, sagt er und lächelt. Ich seufze und zähle die Scheine ab. Für die Hälfte würde ich eine Legale bekommen. Aber er hat recht. Eine unregistrierte Waffe, die garantiert noch nicht in einem Verbrechen verwendet wurde, ist nunmal soviel wert.

Ich bezahle also widerwillig, lade die Waffe, sichere sie und stecke sie in meinen Schulterholster unter der Jacke.

“Lass es krachen”, ruft Pedro mir noch nach, als ich den Laden verlasse. Sein Lachen begleitet mich nach draußen. Darauf erwidere ich besser nichts, das ist mir einfach zu doof.

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Nach Queens brauche ich eine ganze Zeit. Leider kann ich nicht einfach mit dem Taxi fahren. Das wäre mal eine gute Spur, für die Polizei. Am besten würde ich den Taxifahrer bitten ein wenig zu warten, damit er mich hinterher gleich wieder mit nach Hause nehmen kann.

Schlussendlich komme ich in der J.-Shanow-Road Nr 228 an. Es ist ein Wohngebiet.

Ich bin im Viertel Astoria, am Rand von Queens und damit auch am Rand von Long Island.

Eine Reihe brasilianischer Läden gibt es hier. Ich glaube jedenfalls, dass es Brasilianer sind. Die Sprache kann ich schwerlich von Spanisch unterscheiden. Aber so ist New York, hier gibt es jede Sprache der Welt.

Ein Wohngebäude aus dunklem braunen Backstein ragt hier drei Stockwerke über mir auf. Unten ist ein brasilianisches Restaurant. Das erkenne ich einwandfrei an der Fahne im Fenster. Eine kleine Tür daneben führt wohl zu den Wohnungen da oben. Wie es sein muss, jeden Tag diese Gerüche da oben zu haben? Es riecht nach gebratenem Fleisch und mir läuft ein wenig das Wasser im Mund zusammen. Ich bin allerdings zum Arbeiten hier, schärfe ich mir ein.

Ich gehe zur Haustür der Wohnungen und sehe mir die Namen an. Frank McKinley wohnt im dritten Stock. Ich überlege wie ich da rauf kommen soll. Es ist ein wenig zu früh am Tag, um es mit dem Pizzatrick zu versuchen. Mein Blick fällt auf den Wagen eines Paketboten. Ein Grinsen huscht über mein Gesicht.

Ich klingele.

“Ja? Wer stört?”, fragt eine grantige Stimme, vom Whiskey oder Rauchen beeindruckend rau.

“Mister Mckinley? Ich habe ein Päckchen für Sie. Leider müssen Sie unterschreiben. Kommen Sie runter oder soll ich raufkommen? Bitte, ich werd nach erledigten Aufträgen bezahlt, ich habs eilig!”

“Haben wir alle, Junge. Komm rauf!”

Der Türsummer geht und ich gehe hinauf. Jetzt kommt es darauf an schnell zu sein. Ich bin bereits oben im dritten Stock, als die Tür zur Wohnung aufgeht. Ich erkenne sofort Frank McKinley an seinem imposanten Schnauzer.

“Was?”, bringt er noch heraus, dann schubse ich ihn schon zurück in seine Wohnung. Er stolpert, fällt um und landet der Länge nach auf dem Flur. Ich ziehe die Tür zu, hole meine 38.er heraus und sehe in die Zimmer, die vom Flur abgehen. Er ist alleine, die Wohnung ist klein. Hier wohnt sonst niemand. Er kriecht vor mir, will zu einer Kommode. Sicher hat er da eine Waffe drin. Ich habe auch zwei in meiner Wohnung versteckt. Nur für den Fall, dass mal jemand mich lieber mit Blei als Dollar bezahlen will.

Ich ziehe den Hahn meines Revolvers zurück. Das Geräusch lässt Frank McKinley innehalten.

“Keine Bewegung”, sage ich. “Und kein Mucks! Damit das klar ist, ich verspreche, Sie nicht zu töten. Das habe ich nämlich nicht vor und da haben wir dann beide nichts von. Klar soweit?”

“Und das soll ich Ihnen glauben?”, fragt Frank und dreht sich etwas schwerfällig um.

Ich zucke die Schultern.

“Müssen Sie wohl. Ich habe eine Waffe in der Hand. Damit hab ich das bessere Argument.”

Frank lacht trocken und ohne sonderlich viel Humor.

“Klar. Ist das nicht von Al Capone? Mit Höflichkeit und einer Waffe kann man mehr erreichen als nur mit Höflichkeit.”

Frank hustet erneut. “Darf ich mich hinsetzen und eine anzünden?”

“Klar”, sage ich. Er lehnt sich an den Türpfosten und ich sehe dabei zu wie er sich eine Zigarette anmacht.

“Sie auch?”, fragt er. Ich schüttle den Kopf.

“Nein danke, das bringt einen um.”

Er lacht. Ich sehe ihn fragend an.

“Was?”

“Ich denke, dass in Ihrem Gewerbe gefährlichere Dinge auf Sie warten als Krebs im Alter.”

Da hat er wohl recht und ich bin erstmal kurz sprachlos. So habe ich das noch nie gesehen. Bevor ich jetzt weiter aus dem Konzept gebracht werde, frage ich: ”Kennen Sie Larissa Howard? Auch bekannt als Larissa Smith?”

“Was ist mit ihr?”, fragt Frank McKinley und zieht genüsslich an der Zigarette. Er bläst einen beachtlichen Rauchkringel.

“Ich stelle die Fragen”, erinnere ich ihn und sehe erst zu der Waffe, dann zu ihm. “Klar?”

“Schon klar”, sagt er. Also... Larissa Howard?” Er kratzt sich am Kinn. “Ist jetzt nicht so der ungewöhnlichste Name. Schwarz oder Weiß?”

“Weiß”, sage ich. “Auch bekannt als Larissa Smith. Klingelt da irgendwas?”

Er lässt sich Zeit, denkt in Ruhe nach. Ein Leben lang im Polizeidienst hat ihn wohl ein wenig abgebrüht. Vielleicht glaubt er mir aber auch, dass ich ihn nicht töten will. Ich zeige ihm das Foto.

Er kneift die Augen zusammen und nickt dann.

“Da war mal was. Ist ein paar Monate her”, sagt er dann. “Ein Vermisstenfall.”

“Weiter”, knurre ich. Ich muss meine Aufregung verbergen. Nicht das er merkt, dass er nun mich am Haken hat.

“Also, da ist auf dem Revier eine Vermisstenanzeige eingegangen. Eine Larissa Howard ist verschwunden. Sie lebt draußen, in einem kleinen Vorort von Syracuse. Beschauliches Nest. Eigentlich nicht unsere Zuständigkeit. Da ist eine Larissa Howard weggelaufen von zuhause. Hatte irgendeinen üblen Streit? Das weiß ich nicht mehr. Die Schwester, Lisa Howard war wohl ihr Dreh- und Angelpunkt. Die lag im Krankenhaus. Dann kommt sie raus und ihre Schwester ist mir nichts dir nichts weggelaufen. Einfach weg, ohne viele Sachen, ohne ihre Bankkarte ja selbst ohne Handy. Dabei gehen die doch heute alle nichtmal mehr aufs Klo ohne.”

“Und wie landete das auf Ihrem Schreibtisch in New York?”, hake ich nach. Ich will, dass der Mann beim Thema bleibt.

“Naja ich arbeite ja auf dem 43. Revier. Das ist ein ganzes Stück, aber die Schwester hat wohl in den sozialen Medien eine Kampagne veranstaltet. Das Bild von Larissa gezeigt, wer sie gesehen habe, solle sich melden. Sowas. Da haben sich ein paar New Yorker gemeldet und schlussendlich hat der zuständige Deputy es an uns gemeldet. Waren wohl glaubwürdige Zeugenaussagen dabei. Dann sollten wir mal sehen, ob wir sie finden. Die üblichen Orte halt.”

“Die üblichen Orte?”

“Bei den Obdachlosen, den Asylen und Heimen und dann in den Bordellen. Sie ist jung und sah auf dem Foto gut aus.” Er zuckt die Schultern. “Irgendwann braucht so ein Streuner Geld und dann gibt es Geier, die davon leben. Sind Sie so einer?”

“Scheiße nein”, sage ich und stecke das Foto wieder ein. “Das habe ich jemandem abgenommen.”

“Kümmern Sie sich jetzt um sie?”, fragt Frank.

Ich schüttle den Kopf. “Ist echt kompliziert”, erkläre ich.

“Ist es immer”, sagt er und nickt verständnisvoll. Ich erinnere mich daran, dass ich ihm die Kniescheiben durchschießen soll. Er wird sein Leben lang nicht mehr richtig gehen können. Nur noch Innendienst schieben dürfen. Ich fühle mich nicht gut. Das hier gefällt mir nicht. Wenn ich Leute umbringe, sind es meist Drecksäcke, um die es nicht schade ist. Ich muss nicht mit ihnen reden, erfahren ob sie nett sind oder bei der freiwilligen Feuerwehr. Ich muss nichtmal wissen, warum sie sterben sollen. Das hier, ist was anderes. Jemanden so zu quälen, das ist nicht richtig. Wie einer Fliege die Flügel auszureißen und sehen wie sie rumrennt. Hab mal als Kind ein anderes Kind geschlagen, dass das gemacht hat. Manchmal muss man jemandem eine Lektion erteilen, das ist klar. Da kann auch mal ein Finger gebrochen werden. Aber das hier fühlt sich einfach falsch an, da bin ich sicher.

“Und haben Sie sie gefunden?”

“Larissa?”

“Ja, die.”

“Nein. Wir haben alles abgeklappert. Aber es war nichts zu finden. Und wir haben gesucht, das können sie mir glauben”, sagte Frank. “Hab da einige Schichten reingelegt. Sowas geht immer sehr ans Herz. Die Schwester, Lisa ist mir richtig aufs Dach gestiegen. Ich würde mir keine Mühe geben und mir wäre das Schicksal ihrer Schwester egal. Hat mir mal versucht, das Gesicht zu zerkratzen, wie eine Furie!”, erklärt Frank und seufzt dabei. “Sowas tut dann doppelt weh, wenn man sich reinhängt. Aber ich versteh das. Für sie war es wohl eine echt wichtige Angehörige.”

“Sie ist nicht wieder aufgetaucht?”

Er schüttelt den Kopf.

“Doch, im Hudson”

“Tot?”

“Na schwimmen war sie da sicher nicht.”

“War es Mord?”

“Nein. Wir haben das erst geglaubt, bei der Geschichte. Es hat sich rausgestellt, dass sie psychisch labil war. Die Mutter ist wegen Schizophrenie lange eingeliefert worden und hat die Kinder misshandelt. Als Lisa wegen eines Beinbruchs ins Krankenhaus musste, hat sich niemand um die labile Schwester gekümmert. Sie hat wohl ihre Pillen nicht genommen. Irgendwann war es dann alles zuviel und sie ist in den Hudson gesprungen. Es gab keine Anzeichen für Fremdverschulden.”

“Wenn man das so nennen kann. Es hat sie ja niemand aufgehalten.”

“Wenn es einer drauf ansetzt, ist es echt schwer ihn aufzuhalten”, sagt Frank McKinley und nimmt den letzten Zug seiner Zigarette. Er bläst den Rauch nachdenklich aus. “Die Schwester hat dann versucht, mir die Augen auszukratzen. Es sei alles unsere Schuld. Wir hätten sie nicht gefunden. Lisa hat wohl rausbekommen, dass ihre Schwester bei einem Zuhälter untergekommen ist. Ein Marabunta Junge. Angeblich hätten wir zuviel Angst gehabt um gegen ihn vorzugehen.”

Frank zuckt die Schultern. “Aber es waren einfach keine Beweise. Nur weil jemand sie da gesehen hat, können wir nicht ‘ne Hausdurchsuchung machen! Selbst so ein Drecksack hat nunmal Rechte. Davon wollte Lisa nichts hören.”

“Sie war eher für Selbstjustiz”, sage ich.

Frank nickt. “Ist wohl so. Was ist denn Ihre Rolle in diesem Stück, wenn ich fragen darf?”

Er sieht dabei ruhig auf die Waffe, aber man kann erkennen, dass er das nur vorspielt.

“Das ist ‘ne gute Frage”, sage ich und überlege. “Wissen Sie, wo die Schwester arbeitet?”

“Lisa? Keine Ahnung, irgendwo im Norden New Yorks auf ‘nem Recyclinghof. Hab sie mal durchleuchtet, aber war nichts Auffälliges. Keine Gefahr.”

Seine Augen weiten sich, als ihm die letzten beiden Worte rausrutschen.

“Keine Gefahr?”, frage ich. Frank rutscht ein wenig weiter von mir weg. Sein Hemdkragen verrutscht. Einer vagen Eingebung folgend, schiebe sich seinen Hemdkragen mit der Pistole weiter herunter.

Ein Tattoo kommt zum Vorschein. Es ist ein chinesischer Drache.

“Hübsch”, sage ich. “Also? Keine Gefahr?”

“Naja, manche Leute haben Berufe, die machen ihnen echt Ärger, wenn sie glauben, dass sie nicht angestrengt genug arbeiten. Hier war ja nichts zu machen! Wenn jemand abhaut und sein Leben ohne die vorherigen Kontakte leben will”, setzt Frank an, doch da fällt mir ein, woher mir der Drache bekannt vorkommt.

“Hat Ihr Freund Juan auch so ein Tattoo?”, frage ich. Frank blinzelt ein paar mal.

“Wer? Ich kenne keinen Juan”, stammelt er, aber ich sehe, dass er lügt. Das kann er echt nicht gut.

“Kann es sein”, sage ich während sich das Puzzle ein wenig zusammensetzt. “Dass Sie genau wussten, wer da Hilfe suchte? Larissa landete bei Juan. Vielleicht sind Sie in der gleichen Gang gewesen, aber vielleicht nur aus dem gleichen Viertel? Ach verdammt, vielleicht sind sie ein Paar, es ist mir egal. Aber Sie arbeiten nicht richtig, nicht sorgfältig, weil Sie wissen, dass die Kleine für Ihren Freund anschaffen geht. Vielleicht bekommen Sie ja was ab? Lisa Howard wird also sauer.”

“Okay, na und? Ich kenne Juan und er sagte, dass er nichts mit dieser Larissa zu schaffen hatte”, verteidigt sich Frank.

Meine Gedanken schweifen ab. Lisa Howard arbeitet auf einem Recylinghof.... daher kommt sie an meine Daten. Ich soll also den Laufburschen für sie machen und ihre Schwester rächen. Frank McKinley springt auf und unterbricht damit meinen Gedankengang. Er schlägt mir mit links kräftig gegen das Kinn und ich taumle zurück. Dann rennt er zu einer Kommode, reißt die Schublade auf. Ich komme wieder auf die Beine, hebe die Waffe in dem Augenblick, wo Frank eine Pistole zieht.

Sofort feuere ich. Der Schuss geht in die Wand neben ihm, Frank lässt sich fallen und feuert zurück. Irgendwo neben mir schlägt der Schuss ein, Putzsplitter fliegen an meinem Gesicht vorbei.

Ich funktioniere auf Autopilot. Während Frank hinfällt, feuere ich weiter. Drei Schüsse, einer geht daneben. Die anderen beiden landen in seinem linken Bein und in der rechten Kniescheibe. Er schreit, jault auf wie ein verwundetes Tier.

“Waffe loslassen”, rufe ich, doch er feuert weiter.

Ich weiche in den Flur zurück, stecke die Waffe ein und renne aus der Wohnung raus. Es ist mitten am Tag, das hier ist eine Gegend, wo Leute um diese Uhrzeit eher bei der Arbeit sind. Ich treffe niemanden auf dem Weg die Treppe herunter, eile nach draußen und zur nächsten U-Bahn Station.

Ob er mich verfolgen wird?, denke ich. Nicht er selbst natürlich, der Mann ist vermutlich Zeit seines Lebens ein Krüppel. Aber wird er mir seine Polizeifreunde auf den Hals hetzen? Wie sehr muss er fürchten, dass ich unbequem werden kann, wenn man mich offiziell festnimmt?

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Ich sitze nachdenklich in der U-Bahn. Vielleicht wird er es als Raubüberfall melden. Dann kommt er nicht in Erklärungsnot.

Viel wichtiger ist aber die Frage, wo ist Lisa Howard? Auf meiner Liste steht auch die Telefonnummer, die ich anrufen soll, wenn alles erledigt ist.

Ich gebe sie in mein Handy ein. Ist sicher eine Wegwerfnummer, denke ich.

Es klingelt ein paar mal, dann geht die Mailbox ran. Ich seufze und lege auf. Dann schreibe ich eine SMS an die Nummer.

Ist alles erledigt, Nick.

Ich erwähne erstmal nicht, dass ich weiß, wer sie ist. Immerhin hat sie meine Daten, irgendwas Belastendes von meinem Handy. Ich muss da auf jeden Fall vorsichtiger sein. Habe vorhin erst festgestellt, dass mein Handy bei Fotos die Koordinaten miteinträgt. Das hab ich dann sofort abgestellt. Da kann ich mich ja auch gleich selbst überwachen.

Ich fahre weiter mit der U-Bahn, bis an die Endstation und wieder zurück. Dann endlich, kommt die Antwort.

Wir treffen uns morgen Abend, in der Central Station. Acht Uhr, sei pünktlich!

Ich lese das und will erst antworten, wie sie mich den bei diesem schrägen Blinde Date erkennen will. Dann wird mir aber klar, dass sie durch, was immer auf meinem Handy noch drauf war, sicher erkennen wird.

Verdammt, ich hoffe sehr, dass sie mich nicht in eine Falle lockt!

Ich überlege eine Weile, was ich jetzt mache und steige aus der U-Bahn aus. Nach einem Linienwechsel, mache ich mich auf den Weg nach Hause. Irgendwie muss ich diesen angebrochenen Tag ja rum bekommen. Zur Sicherheit wechsle ich meine Kleidung, falls Frank McKinley doch irgendwas meine Person betreffend angezeigt hat. Ich ziehe mir ein T-Shirt und eine kurze Hose an und mache mich auf den Weg zum nahen Park. Eine Weile jogge ich dort und biege dann ab Richtung Hudson. Dabei versuche ich den Kopf ein wenig frei zu bekommen.

Meine Gedanken schweifen, während ich laufe. Ich denke an Mila Novakova, und verwerfe den Gedanken sie anzurufen. Wie sollte ich mich denn melden? Hallo, der Auftragskiller, erinnern Sie sich? Da Sie ja eh wissen wie ich mein Geld verdiene, was halten Sie davon, mit mir auszugehen?

Ich muss lächeln bei dem Gedanken. Das Lächeln gefriert aber, als ich überlege, was ich eigentlich mache mit meinem Leben. Alt wird man in diesem Gewerbe nicht sonderlich und man hinterlässt nur eine Spur aus Leichen. Mir wird klar, dass mich die Frage schon länger beschäftigt, aber ich laufe vor ihr davon. Wortwörtlich, muss man sagen.

Ich drehe ab und renne in einem Bogen wieder Richtung meiner Wohnung.

Bis acht Uhr ist noch eine Menge Zeit, die ich damit verbringe, eine Weile auf den Schießstand zu gehen. Man muss im Training bleiben, wie bei jedem anderen Beruf auch. Danach gehe ich nach Hause und versuche mich ein wenig an meiner neuen Spielkonsole zu erfreuen, doch irgendwie bin ich abgelenkt. Was soll ich Lisa Howard sagen? Soweit ich das verstehe, hat sie mich eingesetzt, um ein paar echt fiese Dreckskerlen eins auszuwischen. Mich auszunutzen, das ist nicht okay. Aber der Rest? Es ist ja nicht so, dass meiner einer für derartige Tätigkeiten im Telefonbuch zu finden ist. Ja nichtmal im Internet, wobei es da schon Ecken gibt. Schlussendlich mache ich mich, mit einem Apfel in der Hand auf den Weg zur Central Station. Dort angekommen sitze ich und warte. Ich weiß nicht, wie Lisa Howard genau aussieht. Meine Internetsuche war da ja erfolglos, der Name ist einfach zu häufig. Wenn ich genau wüsste, wo sie wohnt vielleicht... Ich verwerfe den Gedanken und werfe den Apfel in den Müll. Als ich mich wieder auf eine der Bänke in der großen eindrucksvollen Halle der Central Station setze, sitzt dort eine Frau. Sie hat ein Kapuzenshirt an, die Kapuze ist tief ins Gesicht gezogen, aber man erkennt am Kinn, dass es eine junge Frau ist. Sie sieht müde aus, fertig und erschöpft. Ihr Makeup ist nachlässig, das erkenne sogar ich und das ist nicht wirklich mein Fachgebiet.

Dennoch ist die Ähnlichkeit mit Larissa zu sehen. Die Wangenknochen, die sind eindeutig von ihren Eltern, die teilen sie sich.

“Sehen Sie nicht her, sehen Sie geradeaus”, sagt sie. “Wir kennen uns nicht.”

Ich nicke, merke dann, dass sie das ja aus den Augenwinkeln nicht richtig sehen kann und sage: “Ja.”

“Ich habe mich erkundigt. Sie haben alles getan, was ich wollte. Ich gebe Ihnen jetzt einen USB-Stick, da sind alle Daten drauf über Sie, die ich habe. Ich verspreche Ihnen, ich habe eine Sicherungskopie für mich gemacht. Wenn ich in nächster Zeit sterbe, geht die an einige Freunde von mir. Aber ich schwöre, Sie können mir vertrauen, wenn das ganze hier erledigt ist, werden Sie nie mehr von mir hören.”

Ich greife nach dem dargebotenen USB-Stick und stecke ihn ein.

“Ich weiß nicht, Lisa. Finden Sie das nett? Mir so zu drohen, wo ich doch alles getan habe, was Sie wollten? Sie sind hier die Erpresserin. Klar, die Leute waren echt nicht nett und hatten aus verschiedenen Gründen sicher einiges verdient, aber... ich trage das ganze Risiko und was ist wenn Sie einen Unfall haben in den nächsten Tagen? Dann gehen die Infos ja wohl auch einfach zur Polizei. Das ist nicht fair. Ich soll jetzt hier mit dieser Angst im Nacken leben? Finden Sie das gut? Ich kann dann nicht ruhig schlafen”, erkläre ich ruhig.

Lisa sieht zu mir hin. Sie ist entsetzt, jede Farbe aus ihrem Gesicht gewichen.

“Sehen Sie nicht her, sonst denken die Leute noch wir kennen uns”, sage ich und kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Ihre Mundwinkel zucken kurz. Dann wird sie wieder ernst.

“Also, wie soll das dann laufen”, sagt sie. Ich bin etwas verblüfft und überlege. Dabei kratze ich mir nachdenklich am Kinn.

“Naja”, sage ich. “Ich habe alles getan, was Sie wollten. Löschen Sie, was Sie von mir haben. Wir werden uns nie wieder sehen, nie wieder miteinander zu tun haben. Ende der Geschichte, Sie sparen sich sogar meinen üblichen Tarif.”

Wieder zucken ihre Mundwinkel kurz.

“Woher wissen Sie es?”

Ich verkneife mir ein Grinsen. Das ist ja wohl ein Eingeständnis, dass sie Lisa Howard ist. Aber ich muss ja ernst bleiben.

“Naja, ein wenig detektivischen Spürsinn habe ich nunmal auch”, sage ich und versuche nicht all zu großspurig zu klingen. “Immerhin muss man ja auch denken können wie ein Verbrecher, um einen zu fangen. Sagt man zumindest immer so. Also muss man auch umgekehrt wie ein Bulle denken können, um nicht erwischt zu werden, macht doch Sinn, oder?”

Sie lächelt und nickt.

“Aber Sie haben trotzdem alles für mich getan. Warum?”

“Was hätte ich denn wegen Ihrer Erpressung machen sollen?”, frage ich ehrlich.  Sie zuckt die Schultern.

“Mich jagen und töten?  Ich hatte deswegen jedenfalls ziemlich Angst”, gibt sie zu. Ich gebe zu, sie einfach so zu töten, war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Das wäre natürlich auch eine Lösung gewesen.

“Also. Sie garantieren mir, dass ich keinen Ärger bekomme und dafür sorgen Sie durch das Vernichten Ihrer Sicherungskopien. Dafür begegnen wir uns nie wieder. Einverstanden?”

“Oder was sonst?”

“Ich werde Sie doch noch töten!” Die Drohung kommt mir leicht über die Lippen. Dass ich das höchstens im Notfall in Betracht ziehen würde, brauche ich ihr ja nicht auf die Nase binden.

“Okay, einverstanden”, sagt sie und steht auf und geht.

Im ersten Moment sitze ich etwas verdutzt da. Nun kann ich nur hoffen, dass sie sich auch daran hält.

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Mein Leben verläuft wieder in beschaulichen Bahnen. Aufträge kommen regelmäßig rein, sodass ich mir meine Wohnung in der schönsten Stadt der Welt leisten kann.

Von Lisa habe ich nichts mehr gehört und ich bin mir inzwischen sicher, dass sie die  Sicherungskopie vernichtet hat.

Ich denke nur noch selten an Mila Novakova. Ich habe sie auch nie mehr wieder gesehen. New York ist schließlich kein Dorf.

Ab und zu habe ich schon mal ans Aufhören gedacht und mir überlegt, einen Job zu machen, der es mir ermöglicht, eine Beziehung zu führen. Ist halt manchmal etwas einsam so als Hitman. Mir ist leider noch kein Job eingefallen, der mir so viel Kohle in so wenig Zeit einbringt. Wenn jemand einen weiß, ich bin dankbar für jeden Tipp.

Doch dann kam ein Auftrag rein, der hat mich glatt umgehauen. Aber das ist eine andere Geschichte...

ENDE

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Alfred Bekker

Tod in Tanger

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Die deutsche Studentin Elsa reist nach der für sie schmerzlichen elterlichen Scheidung nach Tanger, um Abstand zu gewinnen. Dort lernt sie den 38jährigen Robert kennen, einen attraktiven, indes einigermaßen undurchsichtigen Mann scheinbar dänischer Herkunft, in den sie sich verliebt  und in dessen Villa sie bald darauf einzieht. Zunächst glaubt sie ihm bedingungslos und vertraut ihm etliches aus ihrer bedrückenden Vergangenheit  an, doch als sie bemerkt, dass Robert Schminkutensilien benutzt und über mehrere Pässe verfügt, beginnt sie, sich über den Charakter von Roberts Geschäften Gedanken zu machen. Wenig später begibt sich Robert auf  eine seiner sogenannten Geschäftsreisen nach Spanien und Frankreich, und Elsa  bleibt zusammen mit dem arabischen Hausdiener in der Villa zurück.

Es stellt sich heraus, dass Robert als professioneller Auftragsmörder tätig ist - eine schreckliche Entdeckung, die Elsa macht. Robert kann sie nun nicht mehr am Leben lassen...

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Das erste Mal traf Elsa mit Robert Jensen im Postamt von Tanger zusammen.

Alles in allem war es nur eine sehr kurze Begegnung. Robert hatte sie fast umgerannt und schien sehr in Eile zu sein.

„Pardon!“, zischte es zwischen seinen dünnen Lippen hindurch.

„Macht nichts“, erwiderte Elsa. Sie sagte das instinktiv und ohne viel nachzudenken auf Deutsch, obwohl sie ja eigentlich nicht so ohne weiteres davon ausgehen konnte, dass ihr Gegenüber sie auch verstand.

Dann wechselten sie einen kurzen Blick miteinander. Elsa sah in hellblaue Augen.

Der Mann war blond, und sein Haar lichtete sich an manchen Stellen bereits. Dennoch, sein  Alter war schwer zu schätzen. Zwischen 25 und 40 schien alles möglich.

Aber da waren diese Augen, die einfach zu einem älteren Mann besser zu passen schienen.

Bei dem Zusammenprall war ihm der Pass heruntergefallen. Er bückte sich, um das Dokument wieder an sich zu nehmen; aber es gelang Elsa noch, einen Blick darauf zu werfen. Es war ein dänischer Pass, soviel konnte sie sehen.

Er nahm das Dokument und steckte es sofort in die Innentasche seines hellbraunen Sommerjacketts. Dann ging er an Elsa vorbei. Sie sah ihm nach, aber er drehte sich nicht zu ihr um, sondern wandte sich geradewegs zu einem der Schalter.

Dort hörte sie ihn in - soweit sie das beurteilen konnte - ziemlich fließendem Französisch reden. Sie verstand kaum etwas davon. Nur einzelne Wörter, die keinen Sinn ergaben.  Das nächste Mal, dass sie ihm begegnete, war am darauffolgenden Abend.

Der Muezzin hatte sein Abendgebet bereits per Lautsprecher über die Stadt gerufen und es war dunkel. Vom Meer her stiegen Nebel auf. Es wurde feucht und auch ziemlich kalt.

Sie zog sich ihre dünne Jacke enger um die Schultern und schlug den Kragen etwas hoch, aber diese feuchte Kühle ging durch alles hindurch. Es schien kein Mittel dagegen zu geben.

Sie wusste, dass es kaum wärmer sein würde, wenn sie sich in ihrem Hotel in die Decke rollte. Die Heizung war außer Betrieb. Da stand noch ein Elektro-Heizkörper - aber das schwache Stromnetz im Haus hatte schon Mühe, einen Haarföhn zu verkraften.

Elsa ließ sich in dem abendlichen Tanger treiben und sah den Menschen zu, die durch die Straßen drängten.

Wenn man mit dem Schiff hier herkam, dann sah die Stadt von weitem fast wie ein Ameisenhaufen aus. Ein Ameisenhaufen, der an einem Hang klebte.

Und sie war jetzt mitten drin. Inzwischen wusste sie, dass sie die aggressiven Straßenhändler und angeblichen Fremdenführer nicht beachten durfte.

„Voulez-vous visiter ma shop?“

Sie schüttelte sie ab, wie lästige Fliegen. Sie wollte nichts kaufen. Weder eine Lederjacke, noch einen Teppich oder eine 'original-marokkanische Handarbeit'.

Vielleicht sogar 'Made in Taiwan', dachte sie.

Aber wie dem auch immer war, sie hatte kein Geld für so etwas. Sie schlenderte an der Strandpromenade entlang. Eine Weile blieb ihr Blick an einem Mann hängen, der einen Eselskarren lenkte.

Das Meer war ruhig. Nebelschwaden hingen tief über der schier endlosen Wasserfläche.

Eine Filmkulisse, dachte sie plötzlich. Es ist wie in einem Film.

Kurz entschlossen ging sie noch etwas an den Strand. Sie zog sich die Schuhe aus und ließ das kalte Salzwasser um ihre Füße herumspielen. Sie lief ein Stück über den nassen Sand und träumte vor sich hin. Das Meer rauschte. Die Straße etwas weiter oberhalb rauschte auch, aber hier unten am Strand war das Meer lauter. Sie sah sich um.

Kein Mensch war um diese Zeit noch hier. Sie sah nur Dunkelheit und Nebel und das Meer... Und etwas weiter entfernt, als schwarze, düstere Schemen, die Verkaufsbuden und Strandrestaurants, die aber um diese Jahreszeit noch allesamt geschlossen waren. Auch tagsüber. Es waren einfach noch nicht genug Touristen da, als dass es sich gelohnt hätte, sie zu öffnen.

Das Mondlicht kam jetzt fahl durch den Nebel und tauchte alles in ein seltsames Licht. Plötzlich mischte sich das Meeresrauschen mit Stimmen, die bald näherkamen. Im ersten Moment erschrak Elsa,  dann lauschte sie. Es waren arabische Stimmen. Männerstimmen.

Sie stand wie erstarrt da, als die Gestalten aus der Dunkelheit ins fahle Mondlicht traten. Sie hörte sie reden, aber natürlich verstand sie kein Wort.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte.

Es waren drei junge Männer. Vielleicht 20, vielleicht 25 Jahre alt. Von der traditionellen Kleidung der Marokkaner schienen sie wenig zu halten. Sie trugen Jeans und dunkle Lederjacken. Und wäre da nicht der dunkle Teint ihrer Haut gewesen, man hätte sie nicht von Gleichaltrigen irgendwo in Westeuropa unterscheiden können.

Elsa erinnerte sich an den Eselstreiber, den sie kurz zuvor noch gesehen hatte. Alles das im selben Land zur selben Zeit...

Die Männer musterten sie auf eine Art und Weise, die ihr unangenehm war.

Sie blickte sich um. Aber da schien nirgendwo eine Menschenseele zu sein. Niemand außer diesen drei Typen.

Die Männer lachten.

Elsa hatte die instinktive Ahnung, dass es in ihrem Gespräch um sie ging. Mochte sein, dass sich ihr Gefühl manchmal täuschte, hier war sie sich ziemlich sicher.

Sie wollte gehen.

Einfach weg.

Sie fühlte sich in dieser Lage nicht wohl, wandte sich um und lief ein paar Schritte. Dann geschah das, was sie die ganze Zeit über schon befürchtet hatte. Sie sprachen sie an. Erst auf Französisch, dann kurz danach auf Englisch. Schließlich auf Deutsch.

„Woher kommst du?“, fragte einer von ihnen.

Sie blieb stehen und wandte sich zu ihnen um. Die drei kamen näher.

„Deutschland? Germany? Holland? Woher?“

„Deutschland“, sagte sie. Und ihre eigene Stimme klang ihr fremd.

„Deutschland - gut. Mein Bruder lebt dort. In Düsseldorf. Kennst du Düsseldorf?“

„Ja.“

„Ich war auch schon in Deutschland. In Hamburg. Und in Stuttgart. Mein Vater war beim Zirkus.“

Sie wandte sich erneut zum Gehen. Aber sie kam nicht weit. Ein paar Schritte nur.

„Hey, bleib hier!“

Sie sah in ein etwas ärgerliches Gesicht.

„Ich kann etwas Deutsch. Ich will mich nur unterhalten“, erklärte er. Die beiden anderen sahen gespannt zu. Einer grinste ziemlich frech.

„Nur etwas unterhalten“, meinte er. „Nichts verkaufen!“

„Das sagen alle!“, entfuhr es ihr - eine Spur unfreundlicher, als sie geplant hatte. Aber nun war es einmal heraus.

„Deutschland gut“, sagte er davon unbeeindruckt. „Gut im Fußball und gute Autos.“ Er schien gut Wetter machen zu wollen. Dann veränderte sich sein Gesicht ein wenig. „Bist du allein hier?“

Sie zögerte mit der Antwort.

Sie öffnete zwar den Mund, aber es kam nichts über ihre Lippen. Sie wollte keinen Fehler machen. Auf keinen Fall.

„Es ist niemand hier“, stellte er fest. „Hast du einen Mann?“

Daher wehte also der Wind. Er wollte die Besitzverhältnisse abklären und von ihr wissen, ob er bei ihr landen konnte - ohne dabei in die Rechte eines anderen einzugreifen.

„Nein“, sagte sie. „Ich meine, also...“ Sie stammelte etwas zusammen und wusste sofort, dass ihre Antwort ein Fehler gewesen war. Sie hatte es einfach so gesagt, ohne darüber nachzudenken.

Er lächelte, aber sie erwiderte sein Lächeln nicht.

Der junge Mann kam einen Schritt näher.

„Nicht verheiratet?“, fragte er.

Es schien sehr wichtig für ihn zu sein, sonst hätte er sich nicht noch einmal vergewissert.

Er trat einen weiteren Schritt an sie heran, und ehe sie zurückweichen konnte, hatte er sie am Arm gepackt.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte er. Aber sie hatte Angst. Sie zitterte sogar. Sie machte ihren Arm frei und wich erneut ein paar Schritte zurück. Die drei folgten ihr.

„Nur etwas reden...“

„Lasst mich in Ruhe!“

„Wir sind ein gastfreundliches Land! Und wir sind zu jedem freundlich, der zu uns freundlich ist...“

Das war schon eine Art Drohung

„Ihr sollt mich zufrieden lassen!“

Sie begann zu laufen. Keuchend hetzte sie vorwärts, während die drei ihr folgten.

Sie spielten mit ihr. Mit ihr und ihrer Furcht. Sie ließ die Schuhe fallen, die sie in der Hand gehalten hatte, und setzte zu einem Spurt an. Sie rannte, so schnell ihre Beine sie zu tragen vermochten.

Die Männer lachten und kamen hinter ihr her.

Elsa wusste kaum, wohin sie rannte. Sie lief einfach in die Dunkelheit hinein, weg vom Meer, weg vom Strand, dorthin, wo Menschen waren.

Möglichst viele Menschen. In der Masse wäre sie vielleicht sicher.

In dem weichen Sand stolperte sie über etwas. Treibholz vielleicht, das die Flut herangespült und die Ebbe nicht wieder mitgenommen hatte. Es lag einiges davon hier am Strand. Sie fiel zu Boden.

Sie fühlte den Sand, der in ihre Kleider drang.

Hinter ihr waren die drei Verfolger zu hören. Sie trugen Turnschuhe und kamen schnell heran. Verzweifelt versuchte sie, wieder auf die Beine zu kommen.

Sie betrachten mich als Freiwild!, schoss es ihr durch den Kopf.

Die Kerle schienen sich vollkommen sicher zu fühlen. Hier am Strand, wo es dunkel war und wo kein Mensch wartete...

Das Rauschen des Meeres und der Lärm der Straße, die am Meer entlangführte, betäubten gemeinsam die Ohren. Auf der Strandpromenade würde niemand etwas hören, wenn die  drei jetzt über sie herfielen.

Da sah Elsa eine Gestalt aus der Dunkelheit treten. Sie kam aus genau der Richtung, in die sie wollte. Sie kam von der Straße; dorther, wo das Leben war und die Menschen...

Zuerst erschrak sie, aber dann fiel das Mondlicht so, dass sie ein Gesicht sehen konnte. Es war der Däne, der sie auf der Post fast umgerannt hatte.

Er stand da und schien die Situation sofort zu erfassen. Seine Züge waren ruhig und gelassen. Sie waren sogar kalt. Völlig kalt.

Sie blickte zu ihm auf, dann zurück zum Wasser, dorthin, wo die drei Männer waren.

Dann stand sie auf. Sie stand wie angewurzelt da - und dasselbe galt für die drei, die hinter ihr hergelaufen waren.

Sie blickten stirnrunzelnd auf den Mann, der aus der Dunkelheit getreten war und dessen Absicht es ganz offensichtlich zu sein schien, ihnen den Weg zu verstellen.

Elsa setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, bis sie hinter dem Dänen stand. Sie atmete tief durch.

Die drei versuchten es mit dem Dänen auf Englisch, schließlich war nicht zu übersehen, dass er Europäer war. Aber der Mann antwortete auf Arabisch.

Elsa verstand kein Wort. Aber es schien nicht gerade freundlich zu ein, was er ihnen zu sagen hatte. In Augen der drei Marokkaner blitzte es giftig.

Der Däne blieb so kalt wie zu Anfang. Aber er war aufmerksam. Kein Detail in den Bewegungen seiner Gegner schien ihm zu entgehen. Er durchbohrte sie förmlich mit seinem Blick.

Ein paarmal ging der Wortwechsel hin und her.

Und dann blitzte plötzlich ein Messer im Mondlicht. Die Typen grinsten. Ein zweites Messer wurde gezogen. Ein Springmesser. Gefährlich schnellte die Klinge aus dem Griff heraus, so wie die lange Zunge eines Leguans, der seine Beute blitzschnell erlegt und verspeist.

Leichte Beute - dafür schienen die drei den Dänen  auch zu halten. Das Zahlenverhältnis sprach für sie, außerdem wirkte der Däne in seinem eleganten Jackett nicht wie ein geübter Straßenkämpfer, der bereit war, sich mit seinen Gegnern im Dreck zu wälzen.

Das erste Messer schnellte drohend vor, die beiden anderen Männer hielten sich noch zurück. Sie schienen erst einmal abwarten zu wollen. Aber in ihren Gesichter stand ein zuversichtliches Grinsen.

Der Däne packte den rechten Arm seines Gegenübers und drehte ihn brutal herum. Mit einem Schrei ließ er das Messer in den Sand fallen.

Schon Sekundenbruchteile später befand sich der Marokkaner im Würgegriff des Dänen.

Die beiden anderen drängte er mit ein paar unfreundlichen Sätzen auf Arabisch zurück. Sie zögerten, und schienen erst etwas verunsichert und nicht recht schlüssig darüber, wie sie sich verhalten sollten, aber dann entfernten sie sich schnell.

Mit einem rauen Stoß beförderte der Däne den Angreifer dann in den Sand. Mit ungläubigen, weit aufgerissenen Augen machte er sich davon.

Das Messer blieb im Sand liegen.

Elsa hatte die ganze Zeit über wie angewurzelt dagestanden.

„Mein Gott!“, entfuhr es ihr.

Der Däne sah sie an.

Sein Gesicht wirkte entspannt und gelassen. Immer noch schien er ein  wenig unterkühlt zu sein.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

Sie nickte.

„Ja.“

„Dann ist es ja gut...“

„Ja... Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn Sie nicht gewesen wären.“

Sie wussten beide, was geschehen wäre.

Aber das war im Moment nicht so wichtig.

Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass er akzentfreies Deutsch gesprochen hatte. Bestes Hochdeutsch. Keinerlei landschaftlicher Einschlag festzustellen. Jedenfalls nicht für Elsa.

Sein Pass war der eines Dänen, aber er hätte auch als Deutscher durchgehen können. Ohne weiteres. Er wäre nirgends als Fremder aufgefallen.

Sie dachte daran, dass sie ihn auch Arabisch und Französisch hatte sprechen hören. Er musste sehr sprachbegabt sein.

„Kommen Sie mit?“

Er runzelte die Stirn.

„Wohin?“

„Zur Polizei.“

„Was wollen Sie dort?“

Sie blickte ihn verständnislos an.

„Aber... Ich meine, diese Typen...“

„Glauben Sie mir, Sie werden mehr Probleme bekommen, als die.“

„Aber es geht doch um... Gerechtigkeit. Ich meine, da kann doch nicht einfach jemand hergehen und einen... „

Er zuckte mit den Schultern und schien ziemlich ungerührt zu sein.

„Hat irgendjemand behauptet, dass es in der Welt gerecht zugeht?“

„Nein, natürlich nicht...“

„Sie können selbstverständlich tun und lassen, was Sie wollen, aber ich gebe Ihnen den Rat, nicht zur Polizei zu gehen. Fehlt Ihnen denn was?“

„Nein...“

„Sind Sie verletzt? Ist irgend etwas Ernsthaftes passiert?“

„Nein, Sie sind ja gerade noch rechtzeitig dazwischen gekommen!“

„Dann sollten sie die Sache auf sich beruhen lassen! Glauben Sie mir. Ich lebe schon eine ganze Weile hier...“

„Aber Sie haben doch alles gesehen! Wenn Ihre Aussage...“

„Sie stellen sich das falsch vor“, meinte er. „Dies ist ein sehr bürokratisches Land. Und eines, in dem Beziehungen eine wichtige Rolle spielen. Vor allem verwandtschaftliche. Wissen Sie was passiert, wenn Sie einen Polizisten nach dem Weg fragen?“

„Nein.“

„Er wird Sie an einen Fremdenführer vermitteln. An irgendeinen entfernten Vetter. Dieser Fremdenführer macht das natürlich nicht umsonst. Er gibt dem Polizisten was, der die Sache vermittelt, hat und bringt Sie dann an Ihr Ziel. Aber nicht auf direktem Wege. Er geht davon aus, dass Sie sich hier nicht auskennen und wird Sie erst einmal an ein paar Geschäften vorbeibringen, mit deren Besitzern er entweder verwandt oder befreundet ist und von denen er vermutlich auch etwas dafür bekommt, dass er Touristen zu ihnen ins Geschäft lockt.“ Er lächelte jetzt ein wenig. „So funktioniert das Leben hier. Das gilt für alle Bereiche. Begreifen Sie jetzt, weshalb ich es nicht für sinnvoll halte, zur Polizei zu gehen?“

„Ich weiß nicht...“

„Eine ordnungsliebende Deutsche, die es gewohnt ist, dass alle Beamten unbestechlich sind und alles gut organisiert ist!“

„Machen Sie sich nicht über mich lustig!“

„Das tue ich nicht. Ganz bestimmt nicht.“

„Wie heißen Sie?“  Es interessierte Elsa auf einmal, was das für ein Mann war, der hier vor ihr stand. Es hatte sie schon gestern in der Post interessiert, aber da war es ihr nicht so bewusst gewesen.

„Ich heiße...“ er schien einen Moment zu zögern, bevor er weitersprach. Elsa konnte sich dieses Zögern nicht erklären. Sie dachte auch nicht weiter darüber nach. Später, viel später sollte es ihr verständlich werden.

„Jensen“, sagte er. „Robert Jensen.“

Er war Däne, sie hatte seinen Pass gesehen. Und sein Name klang  wie ein dänischer Name jedenfalls soweit sie das beurteilen konnte. Es war ein Allerweltsname. Dieser Name konnte ebenso gut einem Deutschen, einem Holländer oder einem Belgier flämischer Zunge gehören. Nicht zu vergessen die anderen skandinavischen Länder.

Sie maß dieser Tatsache kaum eine Bedeutung bei, sie dachte einfach so darüber nach.

„Und Sie?“, fragte er dann. „Wie ist Ihr Name?“

Man konnte wirklich keinen Akzent hören. Nicht einmal eine gewisse Unsicherheit in der Auswahl von Wörtern.

„Elsa“, sagte sie. „Elsa Karrendorf.“

„Woher kommen Sie in Deutschland?“

„Osnabrück.“

„Nicht gerade eine Weltstadt. Aber ich war schon einmal dort.“

„Sie sprechen gut Deutsch.“

„Danke.“

„Sie scheinen überhaupt recht sprachbegabt zu sein... Französisch, Arabisch...“

„Ja, es ist besser, man versteht, was die Leute sagen. Sie bescheißen einen dann nicht so leicht. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.“

„Fremdsprachen waren mir immer ein Gräuel.“

„Das ist schade.“

„Ein bisschen Englisch in der Schule. Es ist gerade genug hängengeblieben, dass ich mich durchschlagen kann...“

„Na ja, es gibt so viele deutsche Touristen... Man liest jetzt auch hier Schilder mit der Aufschrift 'Man spricht Deutsch' und 'Dortmunder Kronen'!“

„Ja!“ Sie lachte. „Und 'Wiener Schnitzel'!“

Er lachte jetzt auch und entblößte dabei zwei Reihen makelloser Zähne.

Dann fragte Sie: „Woher kommen Sie - in Dänemark?“

Er runzelte etwas die Stirn. Dann schmunzelte er etwas.

„Mein Deutsch scheint doch nicht so gut zu sein, wenn man gleich hört...“

„Nein, ich habe gestern auf der Post Ihren Pass gesehen.“

„Ich verstehe...“

„Also, woher?“

„Kleines Nest. Kennen Sie bestimmt nicht. Und ich war auch schon lange nicht mehr dort. Schon sehr lange... Wahrscheinlich würde ich es gar nicht wiedererkennen.“

Sie stand vor ihm und fühlte sich plötzlich etwas verlegen. Ein paar Augenblicke lang hielt das unangenehme Schweigen an.

Dann meinte er plötzlich: „Soll ich Sie zu Ihrem Hotel bringen?“

Sie nickte. Er vermittelte ihr das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit; ein Gefühl, nachdem sie gerade jetzt, nach diesem unangenehmen Vorfall, ein großes Verlangen hatte.

Also sagte sie: „Ja.“

Sie sagte es schnell und ohne auch nur einen Moment zu zögern, denn sie hatte das Gefühl, dass sie diesem Mann vertrauen konnte.

„Gut, dann gehen wir.“

„Ja, aber ich will erst noch zum Wasser zurück.“

„Warum?“

„Meine Schuhe - ich habe sie verloren, als ich vor den Dreien davongerannt bin...“

„Sehen wir mal nach. Aber ich glaube nicht, dass wir sie wiederfinden.“

Sie fanden sie doch wieder. Gegen alle Wahrscheinlichkeit. Sie lagen im Sand, und Elsa hob sie auf, schüttelte sie aus und streifte sie über ihre nackten Füße.

Es waren billige Textilschuhe. Einer hatte bereits ein Loch an der Seite.

Unwillkürlich kamen ihr die Schuhe ins Blickfeld, die Robert Jensen trug. Es waren Leder-Slipper. Und wie alles andere, was er trug, nur vom Besten.

Er trug diese Dinge wie selbstverständlich. Sie waren nichts Besonderes für ihn.

Jensen machte den Eindruck, Geld zu besitzen. Genug jedenfalls, um ein gutes Leben führen zu können.

„Was machen Sie beruflich?“, fragte sie plötzlich.

„Lass das 'Sie' weg“, meinte er. „Ich bin Robert. Okay?“

„Gut, wie du willst...Robert.“

Sie gingen durch den weichen, feinen Sand, und sie hoffte, dass er noch ihre Frage beantwortete, aber er kam nicht mehr darauf zurück. Und sie wollte nicht  aufdringlich sein und nachhaken.

Sie hatte schließlich kein Recht, ihn in ein Kreuzverhör zu ziehen. Er musste selbst wissen, auf welche Fragen er ihr antwortete und auf welche nicht. Vielleicht wollte er es ihr nicht sagen, vielleicht hatte er auch nur nicht mehr daran gedacht...

Sie kamen zur Straße, die an der Küste entlangführte. Palmen wuchsen zu beiden Seiten. Viele von ihnen waren höher als die Häuser, die auf der dem Meer abgewandten Seite standen. Hupende Autos drängten sich auf dem Asphalt. Hier und da gab es Eselskarren, die den Betrieb aufhielten.

„In welchem Hotel wohnst du?“, fragte er.

„Hotel Massilia.“

„Kenne ich nicht.“

„Es ist halt sehr preiswert.“

„Verstehe...“

„Die Dusche ist zwar kalt, aber sonst ist es ganz nett. Ich bin nicht sehr anspruchsvoll...“

Sie gingen jetzt durch enge, leere Seitengassen. Die Kinder, die sonst in schwärmen umherliefen und sich unweigerlich auf jeden Touristen stürzten, um ihn anzubetteln und ihm die Kasbah, die Altstadt zu zeigen, waren jetzt wohl schon im Bett.

Schließlich erreichten sie das Hotel.

„Nochmals vielen Dank“, sagte sie ein wenig unbeholfen.

„Keine Ursache“, meinte er.

„Robert...“, sie öffnete den Mund, aber sie schien nach den richtigen Wörtern zu suchen.

„Ja?“

„Vielleicht sehen wir uns mal wieder.“

„Warum nicht!“

Sie nickte und lächelte.

„Schön.“

„Ich werde dich morgen abholen“, sagte er.

Sie schaute ihn überrascht an. Aber dann nickte sie erfreut.

„Gut.“

Sie fühlte ein eigenartiges Prickeln. Robert Jensen drehte sich von ihr fort und ging die Straße hinunter. Sie sah ihm nach, aber er blickte nicht zurück.

Sie musste ihre Gefühle erst ordnen. Alles, was an diesem Abend geschehen war, schien ihr auf einmal seltsam nebulös. Wie aus einem Traum, aus dem sie gerade erwachte und den sie nun langsam vergessen konnte.

Ihr gesamtes Inneres schien durcheinandergewirbelt zu sein. Sie wusste nur, dass dieser Mann sie interessierte. Sie konnte nicht sagen weshalb. Es war einfach so. Und sie hatte nicht die Absicht, sich dieser Regung entgegenzustellen. Nein, ganz im Gegenteil. Sie freute sich darauf, ihn wiederzusehen.

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2.

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Robert hielt sein Versprechen und tauchte im Frühstücksraum des Hotel Massilia auf, als sie vor ihrem Milchkaffee und dem Weißbrot saß. Sie war gerade damit beschäftigt, sich die Marmelade auf das Brot zu streichen.

Es war Kakteenmarmelade, und sie empfand sie als ziemlich bitter. Aber es gab hier nichts anderes.

Er setzte sich zu ihr an den Tisch.

„Guten Morgen, Elsa.“

„Guten Morgen...“

„Gut geschlafen?“

„Es ging.“

„Na ja, verständlich - nach dem, was gestern Abend geschehen ist. Du solltest die Sache so schnell wie möglich vergessen.“

„Ich versuche es. Ehrlich. Aber das ist leichter gesagt als getan. Ich habe einen ziemlichen Schrecken gekriegt...“

„Wenn wundert's?“

„Ich meine, man hat solche Dinge so oft im Kino oder im Fernsehen gesehen, aber wenn es einem dann selbst passiert. Das ist  dann doch etwas ganz anderes.“

„Natürlich.“

„Möchtest du auch etwas frühstücken, Robert?“

„Nein, danke. Ich habe schon.“

Sie musterte sein Gesicht, während sie sich das Brot in den Mund schob und abbiß. In seiner Gegenwart fühlte sie sich sicher, vielleicht war das ihre wichtigste Empfindung ihm gegenüber.

Sie fand ihn auch sonst als anziehend, aber dieses Gefühl war beherrschend.

Bei einem Mann war für sie schon immer das Wichtigste gewesen, dass er ihr ein Gefühl von Sicherheit gab. Und dass er wusste, was er wollte und was zu tun war. Ein Mann, der vorausblickte, der Gefahren kommen sah, lange vor allen anderen.

Sie sah in sein Gesicht und dachte: Ja, er weiß was er will. Dies war das Gesicht eines entschlossenen Charakters, der keinen Moment zweifelt. Jedenfalls nicht an sich. Am Rest der Welt vielleicht, aber nie an sich selbst und seiner Kraft, seiner Intelligenz und seiner Überlegenheit.

Elsa war ganz anders.

Sie zweifelte ständig an sich, an ihrem Aussehen, ihrer Figur, ihrem Charakter, ihren Fähigkeiten, ihrer Intelligenz..., an allem, was sie betraf. Alles schien perfekt und schön und gut und überlegen zu sein, nur sie nicht.

Sie wusste nicht, woher das kam, und sie mochte auch nicht darüber nachdenken. Schon gar nicht in diesem Augenblick. Nein, in diesem Augenblick, als sie Robert gegenübersaß schon gar nicht.

„Was machst du?“, fragte er plötzlich.

Seine tiefe, ruhige Stimme... Ja, es war nicht nur das Gesicht, das ihr Sicherheit vermittelte. Es war auch diese Stimme. Ein Mann, der eine solche Stimme hatte, die kein bisschen unsicher klang, der musste sich seiner Sache einfach sicher sein, der konnte keine Zweifel haben.

Diese zersetzenden Zweifel. Sie verscheuchte diesen Gedanken erst einmal erfolgreich. Sie wusste ohnehin, wohin das führte. Geradewegs in eine Depression hinein.

Sie wusste es, weil sie es schon so oft erlebt hatte. Und sie war dumm genug, es immer wieder mitzumachen.

Ihr Arzt hatte ihr geraten, in eine psychologische Beratung zu gehen, aber sie hatte das empört von sich gewiesen.

Roberts Stimme drang wie ein blitzendes Messer durch ihre trüben Gedanken und durchtrennte den Nebel, der in ihrem Inneren herrschte.

„Was ich mache? Wie meinst du das?“

„Beruflich meine ich.“

„Ach so.“

„Also?“

„Ich studiere.“

„Was?“

„Germanistik und Kunst.“

„Interessant.“

Der Klang seiner Stimme hätte jedem anderen verraten, dass er es nicht besonders interessant fand. Aber sie hörte das nicht. Sie hatte einfach keine Ohren dafür.

„Auf Lehramt?“, fragte er.

„Ja. Erst habe ich ein Magisterstudium begonnen, aber jetzt bin ich umgestiegen.“

„Warum?“

„Man muss ja schließlich irgendwann auch einmal damit anfangen, sein eigenes Geld zu verdienen.“

„Ja, das ist richtig.“

„Und was machst du, Robert?“

Sie hörte ihre Stimme seinen Namen sagen, und auf einmal klang das, was über ihre Lippen kam, ihr selbst fremd. Sie blickte auf, direkt in seine hellblauen Augen. Und sie dachte: stell ihn dir mit grauen Haaren vor, dann könnte er dein Vater sein.

Aber er hatte keine grauen Haare.

Und er war auch nicht ihr Vater. Es war einfach ein Gedanke gewesen, der sie angeflogen und nicht wieder losgelassen hatte. Dieser Gedanke sollte sie noch eine ganze Weile lang verfolgen.

„Na?“, fragte sie. Er hatte nicht sofort geantwortet. Und an seinem unbewegten Gesicht war nicht zu erkennen, worin der Grund dafür lag.

Vielleicht war es auch nur Einbildung.

Vielleicht war sie einfach zu ungeduldig.

„Geschäfte“, sagte er unverbindlich.

„Müssen ganz gut laufen, deine Geschäfte“, meinte sie und er runzelte unwillkürlich die Stirn.

„Wie kommst du darauf?“

„Nun, die Sachen, die du trägst, sind nicht gerade billig. Die Uhr da an deinem Handgelenk...  Ich vermute es einfach. Du siehst aus wie jemand, der Erfolg hat und der nicht jeden Pfennig umdrehen muss, bevor er ihn ausgibt.“

Er lächelte.

„Ja, das trifft es wohl...“, murmelte er nachdenklich. Sie hoffte, dass er noch etwas Näheres dazu sagen würde.

Aber es kam nichts mehr.

Stattdessen fragte er, als er sah, dass Elsa aufgegessen hatte: „Was machen wir heute?“

„Ich weiß nicht...“

„Mein Auto steht vor der Tür. Wir können etwas in der Umgebung herumfahren!“

Sie zuckte erst mit den Schultern. Dann nickte sie.

„Okay.“

Er lächelte und zeigte dabei seine Zähne.

„Gut, dann los!“

Robert fuhr einen Landrover.

„Wow!“, staunte Elsa. „Ich habe schon immer davon geträumt, mal in so einem Ding zu sitzen!“

„Na, nun sitzt du ja drin!“

„Gehört er dir? Oder ist der Wagen geliehen?“

Schon als es über ihre Lippen gekommen war, wusste sie die Antwort. Es war eine dumme Frage. Eine, die sich im Grunde erübrigte. Sein Gesichtsausdruck in diesem Moment sagte ihr genau das.

Jemand wie Robert brauchte sich keinen Wagen zu leihen. Es war zumindest mehr als unwahrscheinlich.

„Er gehört mir“, sagte er.

Sie fuhren los.

„Wohin geht's?“

Sie hatten nicht darüber gesprochen.

Und Elsa wunderte sich über sich selbst.

Da stieg sie zu einem Mann ins Auto, den sie kaum kannte und ließ sich von ihm irgendwohin fahren.

Es zeigte, wie  sehr sie ihm vertraute. Von Anfang an, ohne einen wirklich fassbaren Grund dafür zu haben. Und dann kam es ihr erneut in den Sinn: Wenn er graue Haare hätte, könnte er mein Vater sein...

Vielleicht war das der Grund.

Sie dachte nur ganz kurz darüber nach. Einen Sekundenbruchteil lang vielleicht. Dann scheuchte sie den Gedanken beiseite. Sie wollte hier nicht weitergrübeln.

Sie wusste, wohin das führte. Ihr Vater... Nein, das war ein eigenes Kapitel, und sie hatte jetzt einfach keine Lust, darin zu lesen.

„Also wohin, Robert?“, hörte sie sich selbst sagen.

„Einfach ein bisschen in der Gegend herum, dachte ich. Einverstanden?“

„Meinetwegen.“

„Seit wann bist du in Tanger?“

„Seit vorgestern.“

„Bist du schon aus der Stadt heraus gewesen?“

„Nein.“

„Hab ich mir gedacht...“

„Ich war in der Kasbah und auf dem Markt.“

„Natürlich, da führen sie einen immer zuerst hin.“

„Ich hatte einen offiziellen Führer. Einen mit Ausweis. Die sind gleich am Hafen gewesen.“

„Ja, wie die Hyänen stürzen die sich auf neu angekommene Touristen. Trotzdem: Wenn du an einen offiziellen Führer gerätst, ist das Risiko nicht so groß, an einen Halsabschneider zu geraten.“

„Meiner war ganz nett. Und es war ein offizieller Führer. Er hat mich auch zum Hotel gebracht. Ich habe ihm gesagt, was ich mir leisten kann, und er hat mich hingebracht.“

„Hat er dir auch ein Taxi besorgt?“

„Ja, hat er.“

„Und dir den Geldumtausch besorgt?“

„Ja, hat er auch. Aber woher...?“

„Vielleicht waren das alles seine Cousins: Der Hotelbesitzer, der Taxifahrer...“

„Und wenn schon!“

Sie lachten beide.

„Was suchst du hier in Marokko?“

„Ich habe keine Ahnung.“

Robert gegenüber war sie völlig offen. Es schien, als könnte sie nichts vor ihm verbergen, als würde sich alles in ihr ihm gegenüber von selbst öffnen. Es beängstigte sie ein wenig. Aber sie fühlte sich gut dabei. Und das war doch alles, worauf es im Moment ankam.

Nein, sie beschloss, keine Zweifel zuzulassen, nicht an sich selbst und schon gar nicht an dem Mann, der neben ihr saß.

„Ich wollte mal was anderes sehen“, sagte sie. „Einfach mal was anderes. Sonne, verstehst du?“

„Ich weiß nicht...“

„Bei uns zu Hause gibt es zu dieser Jahreszeit oft noch Schneeschauer... Das ist so trostlos. Irgendwie...“ Sie suchte nach Wörtern, nach Wörtern, die passten und das ausdrückten, was sie empfand. Und dabei stellte sie fest, dass sie selbst sich darüber kaum im Klaren war. Im Grunde genommen hatte sie nur sehr oberflächlich darüber nachgedacht. Und dann war es auf einmal heraus: „Abstand...“, murmelte sie.

Sie sah zu ihm hinüber.

Er saß ruhig am Steuer. Seine Stirn hatte sich ein klein wenig in Falten gelegt. Er hob die Augenbrauen.

„Abstand?“, fragte er.

„Ja.“

„Abstand wovon?“

„Ich weiß nicht, ob dich das interessiert...“

„Doch, es interessiert mich, Elsa. Weil du mich interessierst.“

Das hatte er nett gesagt, fand sie. Und es ging ihr ganz warm den Rücken hinunter.

„Es ist eine sehr persönliche Sache“, sagte sie. „Und sehr unangenehm...“

Sie wurde sich schnell darüber klar, dass er daraus nicht schlau werden konnte. Sie redete einfach so, wie ihre Gedanken kamen, aber wie sollte er das verstehen.

Er sah kurz zu ihr hinüber.

„Eine Liebesgeschichte?“

„Nein.“

„Was dann?“

„Meine Eltern...“

Sie schluckte.

„Was ist mit ihnen?“

„Sie haben sich gerade scheiden lassen. Jetzt, nach so vielen Jahren...“

Sie sah es ihm an, was er dachte. So etwas passiert doch jeden Tag. Jeden Tag dutzendmal, hundertmal, tausendmal... Kein Mensch regte sich über so etwas auf.

„Es hat mich sehr mitgenommen“, fügte sie hinzu, als müsste sie etwas erklären.

„Ich verstehe...“

Er verstand es nicht, davon war sie überzeugt. Aber er tat immerhin so, und das war nett.

„Ich habe immer gedacht, dass zwischen meinen Eltern alles in Ordnung wäre“, sprudelte es aus ihr heraus. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie sich früher viel gestritten haben. Ich meine, in anderen Ehen gibt es Gewalt und Alkohol und so etwas - und die werden nicht geschieden...“

„Wie alt bist du?“, fragte er.

„22. Warum?“

„Du bist eine erwachsene Frau.“

Sie glaubte zu verstehen, was er meinte.

„Ja schon, aber...“

„Und deine Eltern sind ebenfalls erwachsene Menschen, nicht wahr?“

„Ich weiß. Mein Verstand weiß das. Mein Gefühl glaubt es nicht. Verstehst du das, Robert? Dass die eine Hälfte von dir etwas weiß, die andere es aber nicht wahrhaben will?“

„Ja.“

Mein Gott, dachte sie. Ich kenne ihn seit gestern Abend, und schon erzähle ich ihm meine ganze Familiengeschichte. Sie hätte noch weiter gesprochen, wenn sie sich nicht plötzlich gebremst hätte.

Sie musste an ihren Arzt denken.

Elsa hatte immer wieder unter psychosomatischen Beschwerden gelitten. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Hautausschläge und anderes.

Und dann hatte sie dem Arzt plötzlich Dinge erzählt, die ihn eigentlich nichts angingen. Und die auch gar nicht in den Bereich eines Arztes fielen. Von ihren Problemen mit Männern und ihren Eltern und tausend anderen Dingen. Ihrer Angst, das Studium eines Tages ohne Prüfung aufgeben zu müssen.

Sie hatte diese Angst, die Prüfung nicht zu schaffen, schon  gehabt, als sie gerade das Abitur hinter sich gebracht hatte. Und vor dem Abitur hatte sie auch Riesenangst gehabt - seit sie das Gymnasium besuchte.

Im Grunde genommen hatte sie ihr ganzes Leben lang Angst davor gehabt, dieses und jenes nicht zu schaffen.

Der Arzt hatte ihr gesagt, dass sie jemanden brauchte, bei dem sie sich aussprechen konnte. Einen Psychotherapeuten. Einer, der dafür ausgebildet war.

„Ich bin doch nicht verrückt!“, hatte sie dem Arzt empört geantwortet. Aber vielleicht hatte der Arzt recht gehabt.

Vielleicht brauchte sie so jemanden. Eine Art Pfarrer, der ihr die Beichte abnahm.

Plötzlich hörte sie Roberts ruhige Stimme. Sie klang warm in ihren Ohren. Warm und sicher.

„Vielleicht war es gar keine schlechte Idee, erst einmal eine Reise zu unternehmen“, meinte er. „Das lenkt einen etwas ab, nicht wahr?“

„Ja, das stimmt.“

Robert jagte den Landrover die schmale Küstenstraße entlang. Eine Weile schwiegen sie beide.

Dann fragte Elsa plötzlich: „Wie alt bist du eigentlich?“

In diesem Moment kam ein Wagen von vorne. Er schoss um eine unübersichtliche Kurve herum und kam dabei ziemlich weit auf die andere Fahrbahn. Robert musste im letzten Moment ausweichen.

„Idiot!“, schimpfte er vor sich hin.

Auf ihre Frage kam er nicht mehr zurück. Sie fuhren weiter in der Umgebung herum, und auf diese Weise sah Elsa etwas vom Land. Einmal stiegen sie an einer schönen Stelle aus. Ein Steilhang ging zum Meer hinab. Weiter oberhalb lagen grüne Hügel.

„Man denkt immer an Wüste, wenn von Nordafrika die Rede ist“, meinte sie. „Unwillkürlich denkt man an Wüste. Aber wenn man mit dem Schiff von Algeciras hier ankommt, dann sieht man schon diese grünen Flächen auf den Hügeln...“

Er lachte.

„Ja.“

„Seit wann bist du hier, Robert?“

„Schon ein paar Jahre.“

„Du lebst hier?“

„Ja.“

Ihr fiel ein, dass er Arabisch sprach. Ja, er schien wirklich hier zu Hause zu sein.

„Ich habe ein Haus unweit von Tanger“, meinte er. „Es liegt direkt am Meer.“

„Und du kannst deine Geschäfte von hier aus abwickeln?“, fragte sie. Sie wollte nicht zu neugierig erscheinen, aber jetzt interessierte es sie doch ziemlich stark, womit er sein Geld verdiente. Was mochten das für Geschäfte sein, die man von einem Ort wie Tanger aus erledigen konnte?

Wie ein Teppichhändler sah er jedenfalls nicht aus.

Er blickte sie an und strich ihr über das Haar, das sie zu einem Knoten zusammengesteckt hatte.

„Manchmal muss ich für einige Zeit verreisen“, sagte er. „Aber das meiste geht von zu Hause aus... Möchtest du mein Haus mal sehen?“

Sie schob sein Jackett beiseite und legte ihren Arm um seine Hüften. Sie nickte.

„Ja, warum nicht?“

Sie fühlte seinen Arm um ihre Schultern und war wie elektrisiert. Es ist wie in einem Traum, dachte sie. Ein Traum...

Sie gingen zum Auto zurück, und Robert ließ den Motor an. Dann brauste der Landrover los.

Es geht alles so schnell, dachte sie. Aber sie hatte ein gutes Gefühl.

Sie fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr, schon sehr lange. All die trüben Nebel schienen aus ihrem Bewusstsein hinausgefegt worden zu sein.

Robert drehte die Stereo-Anlage an. Kühle, abgedämpfte Trompetentöne, die aus dem Nichts zu kommen schienen...

„Was ist das für Musik?“, fragte sie.

„Miles Davis. Ein Jazztrompeter.“

Der Name sagte ihr nichts. - Aber sie mochte diese Musik nicht.

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3.

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Das Haus war weiß. Schneeweiß und genau so, wie man sich ein orientalisches Haus vorstellt. Eine Villa, umgeben von einer hohen Mauer, auf der ein gusseisernes Gitter aufgesetzt war. Es schien ziemlich einsam zu liegen und von einem großen Grundstück mit Garten umgeben zu sein.

Elsa hörte das Meeresrauschen bereits, als Robert das Tor passierte und den Wagen vor der Haustür abstellte.

„Macht ein solches Anwesen nicht unwahrscheinlich viel Arbeit?“, fragte sie unwillkürlich.

Er lächelte.

„Es geht...“

Ihr zweiter Gedanke betraf das Geld, dass ein solches Anwesen kosten musste. Mein Gott, dachte sie, mit was für einem Mann habe ich es hier zu tun? Solche Villen besaßen in den Fernsehkrimis immer die großen Drogenbosse und Mafia-Chefs.

Es war ein dummer, abwegiger Gedanke und sie schalt sich einen Narren. Elsa öffnete die Tür des Landrovers auf und stieg hinaus.

Robert beobachtete sie lächelnd. Ihr stand eine ganze Weile lang der Mund offen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, meinte sie schließlich.

„Dann sag eben nichts“, lachte er.

Sie liefen zusammen zur Haustür. Er öffnete, und dann gingen sie hinein.

„Fühl dich wie zu Hause“, meinte er.

„Gut.“

„Ich schätze, du bist durstig. Ich jedenfalls bin es.“

„Ja, ich auch.“

„Einen Drink?“

„Nein, nichts Alkoholisches.“

„Eine Frage der Überzeugung?“

„Nicht direkt, nein. Aber wenn ich ehrlich bin, dann trinke ich kaum Alkohol. Manchmal etwas Wein. Aber nicht zu süß.“

„Ich habe auch Wein...“

„Nein, nicht schon um diese Tageszeit. Lieber eine Cola.“

„Auch okay.“

Sie standen in einem großen Wohnzimmer, hell eingerichtet mit bequemen Möbeln. Robert ging nach nebenan und holte die Getränke aus dem Kühlschrank.

Elsa nahm die Cola-Büchse, riss sie auf und setzte sie an den Mund. Sie war eiskalt.

Elsa trat an die helle Fensterfront, die nach hinten hinaus, zum Garten ging. Hohe Fenster mit einer Glastür. Dahinter war eine überdachte Terrasse. Und dahinter Rasen. Er schien frisch gemäht zu sein.

Wie in einem Park, dachte Elsa. Und dann sah sie den Swimmingpool.

„Sollen wir hinausgehen?“, fragte Robert.

„Gerne.“

„Dann komm!“

Er öffnete die Tür und sie traten hinaus. Sie liefen zum zum Pool. Elsa beugte sich nieder und tauchte die Hand in das klare Wasser.

„Warm genug?“, erkundigte sich Robert schmunzelnd.

Sie blickte zu ihm auf und schien im ersten Moment etwas irritiert.

Dann lächelte sie. Ein wenig Verlegenheit lag in diesem Lächeln.

„Ja, sicher.“

„Wollen wir baden, Elsa?“

Sie sah seinen festen Blick, in dem eine Mischung aus Begehren und Entschlossenheit stand.

„Baden?“

„Ja.“

Sie wollte Zeit gewinnen, obwohl ihr nicht klar war wozu eigentlich. In Wahrheit hatte sie sich längst entschieden.

„Ich habe keinen Badeanzug dabei“, wandte sie ein.

Ein schwacher Einwand. Und sie trug ihn auch nicht besonders entschlossen vor.

Um seine Lippen spielte ein provokativer, etwas spitzbübischer Zug.

„Macht das etwas?“

„Ich weiß nicht...“

„Wir baden so!“, entschied er. „Wer sollte uns hier schon beobachten können?“

Das Herausfordernde in seinem Blick gefiel ihr. Sie begann sich auszuziehen.

„Also los!“ Wenig später schwammen sie  zusammen in dem glasklaren Wasser. Elsa fühlte sich wunderbar, und eine schreckliche Sekunde lang fragte sie sich, wo all ihre Ängste geblieben waren.

Robert schwamm hinter ihr her und holte sie rasch ein. Elsa strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. Sie fühlte seine Arme, die sich um ihre Schultern legten und schmiegte sich an ihn.

Sie küssten sich, erst zärtlich und sehr vorsichtig, dann immer heftiger und leidenschaftlicher. Schließlich stiegen sie gemeinsam aus dem Pool. Das Wasser tropfte von ihren Körpern.

Sie gingen ins Haus.

In dem großzügigen Wohnzimmer bedeckte kalter Stein den Fußboden. Aber da lag auch ein großer Teppich, und auf ihm sanken sie gemeinsam nieder und liebten sich.

Es war ein Rausch, der stark genug war, sie beide vollkommen zu erfassen und mit sich zu reißen.

Später dann, als Elsa hinaus an den Pool trat, um ihre Sachen aufzusammeln, fiel ihr Blick auf Roberts Jackett. Er hatte es einfach hingeworfen, bevor sie zusammen ins Wasser gegangen waren. Sie hob es auf und blickte sich um. Robert war noch nicht hinausgetreten.

Blitzschnell schoss ihre Hand in die Innentasche und zog den Pass heraus. Sie blätterte in dem Dokument herum  und fand schließlich, was sie suchte: Das Geburtsdatum.

Sie rechnete. 38 Jahre!, dachte sie. Er war 38 und sie selbst 22. 16 Jahre lagen zwischen ihnen. 22 Jahre lagen zwischen ihr und ihrem Vater...

Sie dachte an ihren ersten Freund, den ersten, mit dem sie intim geworden war. Sie konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie alt er gewesen war. Irgend etwas zwischen 40 und 45. Aber sie wusste noch genau, wie alt sie gewesen war: 17.

Er war einer ihrer Lehrer gewesen und sie hatte ihn abgöttisch geliebt. Aber für ihn war sie nicht mehr als ein Abenteuer gewesen.

Wie hätte es auch anders sein können. Ein verheirateter Mann mit Kindern, der sehr auf seinen Ruf bedacht war! Für jeden, der bei klarem Verstand war, lag die Sache auf der Hand.

Aber sie war nicht bei klarem Verstand gewesen. Damals nicht. Ein paar Wochen hatte es gedauert, dann war alles zu Ende gewesen.  Als Robert hinaustrat und ebenfalls seine Sachen zusammen sammelte, steckte sie den Pass zurück ins Jackett und gab es ihm.

„Du bist 38“, stellte sie fest.

Er murmelte etwas.

„Ich weiß fast nichts über dich, Robert!“

Er nahm die Jacke und schien ein klein wenig ratlos zu sein. Dann meinte er: „Ist denn das so schlimm? Kommt es auf das an, was gewesen ist?“

„Nein, aber...“

„Das einzige, was zählt, ist die Gegenwart, Elsa. Der Augenblick, sonst nichts. Jeder von uns kommt aus dem Nichts und verschwindet dort eines Tages auch wieder.“

Sie sah ihn an und schüttelte ganz energisch den Kopf.

„Nein!“, sagte sie. „Das stimmt nicht!“

„Nein?“

Eine Spur von Spott war jetzt in seiner Stimme. Eine winzige Spur nur und nicht stark genug, um Elsa zu verletzen.

„Jeder von uns hat seine Geschichte. Und niemand kann aus seiner eigenen Geschichte heraus“, erklärte sie bestimmt.

Robert verzog das Gesicht.

„Klingt beängstigend.“

„Schon möglich. Aber ich finde, dass es stimmt!“

„Ich ziehe mein Weltbild vor.“

„Und ich möchte etwas mehr von deiner Geschichte erfahren, Robert!“

Er zuckte mit den Schultern.

„Wenn es weiter nichts ist...“ Das sollte leicht dahergesagt klingen, aber die Leichtigkeit blieb aufgesetzt. Er zuckte erneut mit den Schultern.

„Was hast du diese ganzen 38 Jahre lang gemacht, Robert! Ich liebe dich, und ich möchte jede Minute davon kennenlernen! Hörst du, jede Minute! So wie ich jeden Zentimeter deines Körpers kennengelernt habe!“

Er runzelte die Stirn, als wollte er sagen: Das kannst du doch nicht ernst meinen, Elsa! Aber er sagte es nicht. Er stand einfach da und schaute sie unschlüssig an.

„Gehen wir erst einmal 'rein“, murmelte er dann und legte den Arm um ihre Schulter.

Sie zogen sich an.

Zusammen sanken sie auf eine weiche Couch. Elsa legte den Kopf an Roberts Schulter.

„Erzähl mir etwas über deinen Vater!“, forderte sie.

„Meinst du das ernst?“

„Ja.“

„Also gut.Er war Pfarrer.“

„Ehrlich?“

„Ja, sicher, weshalb sollte ich nicht ehrlich sein?“

„Und deine Mutter? Was kannst du über sie sagen?“

„Sie war die Frau eines Pfarrers. Was soll ich sonst noch über sie sagen? Ich glaube, dass sie das hinreichend charakterisiert.“

„Glaubst du an Gott?“

In seinem Gesicht stand Verwirrung.

„Ein seltsamer Fragenkatalog ist das, findest du nicht auch, Elsa?“

„Nein, finde ich nicht. Ich finde es sogar sehr naheliegend, danach zu fragen. Dein Vater ist Pfarrer...“

„...war Pfarrer. Er lebt nicht mehr.“

„Das tut mir leid.“

„Braucht es nicht. Er ist alt genug geworden.“

„Trotzdem: Es interessiert mich, wie du über die Sache denkst!“

„Gott? Religion? Christentum?“

„Ja, alles das, was für deinen Vater doch schrecklich wichtig gewesen sein muss.“

Robert atmete tief durch. Einen Augenblick lang schien er zu überlegen. Dann erklärte er: „Ich glaube an mich selbst.“

„An sonst nichts?“

„Nein.“

„Das kann doch nicht alles sein!“

„Warum nicht?“

„Ich meine, man muss ja nicht gleich an ein höheres Wesen glauben. Aber irgendwelche Werte vielleicht...“

„Nein.“

„Das überrascht mich!“

„Mein Vater war ein Mann mit strengen Grundsätzen...“

„Und du, Robert?“

„Ich habe die Nase voll von solchen Dingen. Gestrichen voll.“ Es klang etwas bitter. Elsa runzelte die Stirn.

„Wie ist das gekommen?“

Er strich ihr das Haar glatt.

„Vielleicht bin ich damit überfüttert worden.“ Und dann, nach kurzer Pause: „Hast du Hunger?“

„Ein bisschen, ja.“

„Sollen wir in die Stadt fahren?“

„Nach Tanger?“

Er lachte kurz.

„Natürlich, wohin sonst!“

Sie überlegte einen Augenblick. Dann sagte sie: „Nein, ich möchte lieber hier bleiben.“

Er nickte.

„Auch gut. Dann werde ich mal sehen, was noch im Kühlschrank ist!“

Am nächsten Morgen erwachte Elsa in einem Bett, das nicht das ihre war. Sie war nicht in ihr Hotel zurückgekehrt, sondern hatte die Nacht mit Robert verbracht.

Sie wunderte sich ein wenig über sich selbst und ihren Mut, und jetzt, im Rückblick, erschien ihr immer noch alles als sehr ungewöhnlich.

Es war wie beim Anschauen eines Films, der einen zwar berührt, aber bei dem man doch Zuschauer bleibt - ohne Einfluss auf den Gang der Ereignisse.

Elsa dachte an die vergangene Nacht und lächelte still, ohne dabei die Augen zu öffnen. Ihre Hand ging zur Seite, aber da war nichts.

Robert war wohl schon aufgestanden. Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen. Dann gähnte sie.

Draußen war es sonnig.

Sie schlug die Decke zur Seite, stand auf und trat  ans Fenster, von wo aus sie einige Augenblicke lang die Aussicht auf das Meer genoss. Es war ein wunderbares Panorama.

Dann zog sie sich dann ein Hemd über und verließ das Schlafzimmer. Barfuß ging sie die Treppe hinab. Sie hörte Roberts Stimme, diese Stimme, nach deren Klang sie geradezu süchtig geworden war. Da gab es keine Entzugstherapie, die etwas dagegen tun konnte. Sie hätte es auch gar nicht gewollt.

Er telefonierte gerade.

Sie liebte den Klang dieser Stimme, so wie sie Robert liebte. Darin war sie sich absolut sicher.

Sie hörte ihn sprechen.

„Nein, das geht in Ordnung.“

Sie hatte nicht die geringste Ahnung, worum es ging.

„Bitte rufen Sie mich nicht mehr unter dieser Nummer an. Haben wir uns verstanden?“

Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen. Sie konnte der Versuchung, zu lauschen, einfach nicht widerstehen.

Ein wenig nur, dachte sie und hörte weiter zu.

„Bilden Sie sich nur nichts ein!“, sagte Robert eisig, und sie erschrak, als seine Stimme diesen Klang bekam.

Alles, was sie dann noch mitbekam, waren ein paar Fetzen, Wörter, die für Elsa nichts bedeuteten. Dann legte Robert auf.

Er hatte mit seinem Gesprächspartner Deutsch gesprochen, das fiel ihr noch auf.

Als sie  weiter die Treppe hinunterkam, wirbelte er etwas überrascht - und wohl auch ärgerlich - herum.

„Was machst du da?“

„Nichts, ich...“

Sein Gesicht entspannte sich wieder.

„Schon gut“, meinte er.

Einen Augenblick lang zweifelte sie daran, dass wirklich alles in Ordnung war.

Robert war bereits vollständig angezogen und  wohl auch schon geduscht. Er musste schon vor einer ganzen Weile aufgestanden sein, um... Ja, um was eigentlich?

Vielleicht seine Geschäfte...

Er nahm sie in den Arm.

„Ich habe gar nicht bemerkt, dass du aufgestanden bist“, meinte sie.

Er versuchte ein dünnes Lächeln.

„Du hast noch so fest geschlafen“, meinte er. „Wie ein Murmeltier! Ich wollte dich nicht wecken!“

„Das ist nett, aber du hättest es ruhig tun können!“

„Weißt du, wie spät es ist, Elsa?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Fast zwölf.“

„Oh...“

„Was soll's! Du machst Urlaub hier, du hast das Recht, lange zu schlafen! Aber ich muss für meinen Lebensunterhalt sorgen!“

„Verstehe.“

Sie verstand es nicht, aber das schien ihr im Moment nicht weiter wichtig zu sein.

Plötzlich schlug er vor: „Wie wär's, wenn du deine Sachen aus dem Hotel holst! Oder willst du lieber weiter in diesem kalten, feuchten Zimmer ohne heißes Wasser wohnen?“

„Nein“, murmelte sie nachdenklich.

„Wenn du willst, kannst du eine Weile hier bleiben!“

„Gut!“

„Nachher fahren wir in die Stadt, um deine Sachen zu holen. Einverstanden?“

Sie war einverstanden.

„Ich weiß, es ist schon etwas spät dafür, aber... Soll ich uns etwas zum Frühstück machen?“

„Danke, mir nicht! Geh in die Küche, da steht alles schon fertig auf dem Tisch. Kaffee ist auch noch da.“

Bevor sie ging, war ein Mann eingetreten. Er war von draußen über die Terrasse gekommen, durch die Glastür, Es war ein Araber, so um die 50 und grauhaarig. Über den Lippen trug er einen buschigen, ebenfalls ergrauten Schnurrbart.

Elsa erschrak im ersten Moment. Sie hatte den Mann nicht kommen hören, und nun war er auf einmal da, als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht.

„Das ist Aziz“, sagte Robert, als würde das irgend etwas erklären.

Für Elsa erklärte es nicht allzuviel. Aber immerhin wusste sie jetzt, dass der Mann auf irgendeine Art und Weise hierher, in dieses Haus gehörte.

Robert wechselte mit ihm ein paar Worte auf Arabisch. Dann verschwand Aziz auf demselben Weg, auf dem er so plötzlich ins Haus gekommen war.

„Was macht er hier?“, fragte Elsa.

„Aziz?“

„Ja.“

„Er kümmert sich um alles im Haus. Garten, Swimmingpool, Haushalt und so weiter. Seine Frau und seine beiden älteren Töchter kommen einmal die Woche zum Putzen.“

Elsa schien wirklich erstaunt.

„Du lebst hier wie ein Prinz“, meinte sie, und er lachte. Dann lachten sie beide.

„Manche Dinge, die anderswo sehr teuer sind, sind hier ausgesprochen günstig“, sagte er. „Zum Beispiel die menschliche Arbeitskraft.“

Nachdem Elsa etwas gefrühstückt hatte, nahmen sie den Landrover und fuhren nach Tanger, um Elsas Sachen aus dem Hotel Massilia zu holen.

Es war nicht viel. Soviel, wie in eine Reisetasche eben passt.

Sie verstauten die Sachen in den Landrover und schlenderten noch durch die Straßen.

Jetzt fühlte Elsa sich fiel sicherer. Sie hakte sich bei Robert unter und wusste, dass ihr nichts geschehen konnte. Sie erinnerte sich an das, was eine Freundin ihr einmal gesagt hatte, die drei Semester Psychologie hinter sich gebracht hatte, bevor sie auf Theologie umgestiegen war. „Du hast eine klassische Angstneurose, Elsa“, hatte sie ihr gesagt. Wenn ihr jemand mit solchen Dingen kam, war sie sehr schnell taub, und sie konnte sich auch kaum noch an Einzelheiten aus dem Redeschwall erinnern, der dann gefolgt war.

Eine graue Masse aus Fachwörtern. Hörte sich alles sehr gut an, war aber letztlich nur angelesen. Angstneurose...

Elsa musste unwillkürlich lächeln, als sie daran dachte. Jetzt, in diesem Augenblick und an Roberts Arm konnte sie darüber lächeln - über Dinge, die ihr sonst den kalten Angstschweiß über den Rücken trieben.

Die schwarzen Schatten der Depression, die ihrer Seele immer so empfindlich nahe gewesen waren, hatten sich verflüchtigt. Und ihre Ängste, von denen ein kleiner Teil ihres Inneren wusste, dass sie völlig unbegründet waren und die sie dennoch nie wirklich verlassen hatten - im Augenblick war von diesen unangenehmen, aber treuen Begleitern nirgends etwas zu sehen.

Sie bummelten zusammen durch die engen Gassen der Altstadt und später saßen sie am Strand. Ein paar Jugendliche spielten dort Fußball. Zum Baden war der Atlantik noch zu kalt.

Aber wenn auch das Wasser noch kalt war, die Sonne hatte bereits viel Kraft. 20 bis 25 fünfundzwanzig Grad erreichte sie leicht..

Als sie schließlich Hunger bekamen, gingen sie ins Hotel MARCO POLO, um etwas zu essen. Ein großes, unübersehbares Schild verriet, dass das MARCO POLO „unter deutscher Leitung“ stand - was immer das auch zu bedeuten haben mochte. Man hatte es wohl hingeschrieben, um die wachsende Zahl deutscher Touristen anzulocken.

„Ich bin hier schon vorbeigekommen“, erinnerte sich Elsa, als sie den üppigen Garten betraten, der das Gebäude umgab und den Gästen selbstverständlich zur Verfügung stand. Einige Bäume spendeten angenehmen Schatten.

„Es sieht teuer aus“, meinte sie nachdenklich.

Robert lachte nur.

„Alles ist relativ.“

„Was heißt das: 'Unter deutscher Leitung'?“

„Ich habe keine Ahnung. Jedenfalls sprechen die Kellner allesamt Deutsch. Und zwar ziemlich gut!“  Sie bekamen Fensterplätze im Obergeschoss, von denen sie eine hervorragende Aussicht hatten. Elsas Blick fiel auf die Gleise, die zum nahen Bahnhof gingen. Dahinter lag das Meer.

„Die Züge sehen ziemlich klapprig aus“, bemerkte sie. „Einige Wagen haben überhaupt keine Fenster.“ Ihr Gesicht wirkte nach innen gekehrt. „Ursprünglich hatte ich vor, mit dem Zug weiter ins Landesinnere zu fahren. Nach Casablanca.“

„Da wollen viele hin“, meinte Robert wie beiläufig. „Hauptsächlich wohl wegen des Films.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Ja, kann schon sein.“

„Bogart und Bergmann.“

„Kennst du den Film?“

„Wer kennt ihn nicht?“

„Die Schlussszene... Die spielt auf einem Flughafen. Im Nebel... Humphrey trägt seinen berühmten Trenchcoat...“

„Na und?“

„Ich habe immer gedacht: Das ist doch Unfug! Völliger Unfug! Ich meine, der Film ist zwar im Atelier gedreht, aber ein bisschen muss er sich doch auch nach der Realität richten, oder etwa nicht?“

„Und, tut er es denn nicht?“

„Doch, aber ich kannte die Realität nicht! Ich dachte an Nordafrika als ein Gebiet, in dem die Sonne scheint und es sehr warm ist. Nicht an Nebel und eine kalte Nacht, in der man einen Mantel braucht, so wie Bogie in dem Film. Aber der Irrtum lag bei mir. Jetzt weiß ich, dass es auch hier Nebel gibt - und nicht nur in London!“

„Casablanca ist nicht besonders zu empfehlen“, warf Robert ein.

„Meinst du den Film oder die Stadt?“

„Ich meinte jetzt die Stadt. Aber ich mag den Film auch nicht.“

„Warum nicht?“

Sie wechselten einen Blick miteinander, und zum ersten Mal schien ihm das unangenehm zu sein. Elsa hatte keine Ahnung, woran das lag.

Er blickte zur Seite und wich ihr so aus.

„Was willst du erst hören, meine Meinung zum Film oder zur Stadt?“

„Erst die Stadt!“, verlangte Elsa.

„Das große Erdbeben von 1750 hat das meiste vom wirklich alten Casablanca vernichtet. Heute ist es eine Großstadt wie viele. Kaum etwas, was man nicht auch anderswo findet.“

„Und der Film?“

In diesem Moment kam der Kellner an den Tisch. Er sprach tatsächlich hervorragend Deutsch.

Robert bestellte für sie beide ein Mineralwasser, das den Namen „Sidi Harasem“ trug. Es stammte aus der Gegend und war weltberühmt.

Und sie nahmen beide einen „salade nicoise“.

„Deine Meinung zum Film, Robert!“, hakte Elsa nach, als der Kellner sich wieder entfernt hatte. „Warum magst du den Film nicht?“

Er zuckte mit den Schultern. Sein Blick war nach innen gerichtet.

„Es geht um einen Mann, der vorgibt, ein Zyniker zu sein, und der sich dann aber am Schluss als Idealist entpuppt. Solche Stories mag ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Sie überzeugen mich einfach nicht. Diese wundersamen Wandlungen... Vom Saulus zum Paulus. Nein, ich kann das nicht nachvollziehen. Es stimmt einfach nicht! Mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun, nicht das geringste!“

„Muss es das denn?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Diese Sachen sind auch nicht mein Metier.“

„Was ist dein Metier?“

Sein Blick ging hinaus durch das Fensterglas. Dorthin, wo die Schienen lagen und die klapprigen Waggons ohne Fenster standen.

Er sah ins Nichts. Elsa spürte, dass er mit den Gedanken sehr weit weg war. Sehr weit...

Der Kellner brachte unterdessen das „Sidi Harasem“ und die Salate.

Vor dem MARCO POLO hielt ein Taxi und drei Amerikaner stiegen aus, ein Mann und zwei Frauen.

Elsa lachte unwillkürlich, als sie die drei aus dem Taxi steigen sah und als sie dann erschrocken die Hand vor den Mund nahm und sich umschaute, bemerkte sie, dass sie nicht die einzige war, bei der dieses Trio Heiterkeit auslöste.

Selbst das sonst so betont zurückhaltende Hotelpersonal konnte ein gewisses Schmunzeln einfach nicht unterdrücken.

Die drei sahen genauso aus, wie man sich typische Amerikaner in einer Karikatur vorstellt.

Der Mann war farbig.

In der Rechten trug er einen überdimensionalen Radiorecorder und auf dem Kopf einen riesigen, hellbeigen Cowboyhut. Das knallbunte Hawaihemd und die grellen Bermudas bissen sich farblich wie Hund und Katze.

Aber das schien den Schwarzen nicht im geringsten zu stören. Er schien sich ohnehin nicht besonders um die Meinung irgendeines anderen Menschen zu scheren.

Obwohl sein Radio abgeschaltet war, machte er bereits auf der Straße einen ziemlichen Krach. Er sprach so laut, als hätte er eine Rolle in einem Freilichtspiel und wäre gezwungen, gegen kräftigen Wind bis zu seinem Publikum hinüber zu schreien.

Eine der beiden Frauen, die ihn begleiteten, war schlank. Gertenschlank, fast schon magersüchtig. Ihre Wangen waren hohl, das Kinn spitz - Ellbogen und Rippen vermutlich auch.

Die andere war das genaue Gegenteil. Sie war klein und fett.

Die Dünne war schwarz, die Dicke weiß.

Es dauerte nicht lange, und das Trio tauchte an einem der Nachbartische auf. Robert und Elsa waren nicht die einzigen, die sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. Alle Gespräche, auch unter den Angestellten, waren von einem Augenblick zum anderen verstummt.

Der Mann fläzte sich auf den Stuhl, setzte den Radiorecorder auf dem Boden auf und legte den großen Cowboyhut auf den Tisch. Er war so riesig, dass er ein gutes Drittel der Tischplatte einnahm.

„Hey, come here!“, rief er den Kellner heran. „I want spaghetti bolognese! Right now!“

Die dicke Frau wollte ebenfalls Spaghetti.

Die Dünne ein Stück Kuchen.

Und dann doch lieber Spaghetti. Und nach vier Sekunden, als der Kellner bereits den halben Weg bis zur Bar zurückgelegt hatte, wurde er noch einmal zurückgepfiffen. Keine Spaghetti, sondern Kuchen.

Als der arme Kellner bald darauf den Kuchen an den Tisch der drei brachte, durfte er ihn gleich wieder mitnehmen.

Die Dünne wollte jetzt nur noch ein Mineralwasser.

Die beiden anderen nahmen ihre Spaghetti in Empfang. Die Dicke schaufelte sich so viel hinein, dass ihr gleich wieder die Hälfte aus dem Mund fiel.

Der Mann stocherte lustlos auf seinem Teller herum und schob ihn dann zur Seite. Und während der ganzen Zeit machten sie Witze über den Kellner. Die Augen der dicken Weißen wurden dabei so klein, dass man kaum erkennen konnte, ob sie offen oder geschlossen waren. Die der schwarzen Dünnen quollen dafür noch mehr aus ihren Höhlen heraus, als sie es ohnehin schon taten.

Der Kellner wurde erneut herbeigerufen. Der Mann wollte jetzt ein Stück Kuchen und ein kühles Bier. Seine Spaghetti wurden abgeräumt.

Das Bier und der Kuchen kamen bald darauf, aber er schlürfte nur das Bier. In zwei Zügen.

Dann unterzog er den Kuchen einem äußerst kritischen Blick, verzog das Gesicht und reichte dann das Stück an die dünne Schwarze weiter.

Aber die verzog auch nur das Gesicht, nahm ein paar Krümel und reichte es schließlich an die dicke Weiße weiter, die inzwischen ihre Spaghetti restlos vertilgt hatte.

Das Stück Kuchen wäre für sie sicher auch kein unlösbares Problem gewesen, aber die Dünne war ziemlich ungeschickt. Das Kuchenstück fiel ihr vom Teller herunter auf den Boden, und dann hatte keiner mehr Appetit darauf.

Der Mann rief abermals den Kellner herbei und holte mit großer Geste ein riesiges Bündel Geldscheine heraus.

„Na, so viel hast du noch nie auf einem Haufen gesehen, was?“

Was sollte der arme Kerl darauf erwidern? Er machte gute Miene zum bösen Spiel. Und etwas anderes blieb ihm auch gar nicht.

Der Schwarze zählte laut und für alle im Raum vernehmlich das Geld ab. Ein gutes Trinkgeld war dabei.

Vielleicht ließ sich die offensichtliche Geringschätzung so besser ertragen...

Und dann waren die drei so schnell weg, wie sie gekommen waren. Wenig später hörte man von der Straße her das Gedudel des überdimensionalen Radiorecorders.

Die Erheiterung über das merkwürdige Trio brach sich jetzt endgültig Bahn. Sowohl unter den Gästen, als auch beim Personal konnte kaum noch jemand an sich halten vor Lachen.

„Wenn ich das zu Hause erzähle, glaubt mir das niemand“, meinte Elsa. Und dann war ihre Heiterkeit auf einmal wie weggeblasen, während alle anderen im Raum noch lachten.

Zu Hause... Der Gedanke machte sie traurig.

„Lass uns gehen, Robert“, meinte sie.

Er runzelte die Stirn.

„Warum?“

„Ich weiß nicht. Lass uns einfach von hier weggehen.“

„Gefällt es dir hier nicht?“

„Ich kann es dir nicht erklären, Robert.“

Er zuckte mit den Schultern.

„Gut, wie du willst.

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4.

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Die nächsten Tage und Wochen verflogen wie in einem Rausch Elsa verbrachte ihre Zeit hauptsächlich damit, im Pool zu baden, sich in die kräftiger werdende Sonne zu legen und mit Robert in der Umgebung herumzufahren.

Sie machten Touren zu den alten Städten. Rabat, Fez, Marrakesch, wo sie ein paar Tage in einem Hotel blieben, und natürlich das unvermeidliche Casablanca.

Robert schien nichts zu tun zu haben, außer ihr Gesellschaft zu leisten. Keinerlei geschäftliche oder sonstige Verpflichtungen, nichts, was auch nur im entferntesten nach Arbeit aussah. Zunächst wunderte es sie ein wenig, dann genoss sie es einfach.

Robert wirkte wie ein Mann, der durch eine Erbschaft zu Reichtum gekommen war und nun nie wieder einen Finger krummzumachen brauchte. Eine Erbschaft, ein Volltreffer im Lotto, irgend etwas in der Art...

Elsa fragte ihn dann doch einmal nach seinen Geschäften, sie war einfach zu neugierig, und er meinte daraufhin, dass er mit ihr nicht darüber sprechen wollte.

„Vertraust du mir nicht?“

„Doch, damit hat das nichts zu tun.“

„Dann sag mir, womit es etwas zu tun hat!“

„Ich habe einfach keine Lust, über diese Dinge nachzudenken oder auch nur an sie erinnert zu werden.“

Und dann hatte er den Arm um sie gelegt und seine Hand war durch ihr dickes, braunes Haar geglitten. „Im Moment will ich nichts weiter, als mit dir zusammen zu sein und jeden Tag zu genießen.“

Und sie genossen jeden Tag. Es war ein rasanter Traum, wie die Fahrt auf einem Karussell - oder vielmehr: wie auf einer Achterbahn.

Es war Elsa instinktiv klar, dass das nicht ewig so weitergehen konnte, aber es gelang ihr erfolgreich, alle Gedanken an später erst einmal zu verscheuchen.

Je mehr Zeit verstrich, desto öfter dachte sie an zu Hause. Und dann fiel ihr wieder ein, dass es dieses Zuhause nicht mehr gab, jedenfalls nicht in der Form, in der sie es aus ihrer Kindheit kannte. Es gab nur noch ihren Vater und ihre Mutter. Das war alles.

Aber im Augenblick schmerzte sie das nicht mehr so schrecklich. Es wurde ihr etwas gleichgültiger, und das war gut so.

Vielleicht bin ich dabei, über die Sache hinwegzukommen, dachte sie.

Langsam, aber sicher rückte der Beginn des Sommersemesters näher. Es ging auf Ostern zu. Ursprünglich hatte sie dann wieder in ihren eigenen vier Wänden sein wollen. So hatte sie es geplant, aber jetzt war sie unschlüssig.

Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie es weitergehen würde. Sie lebte einfach den Tag, den Augenblick, die Sekunde und wunderte sich dabei über sich selbst, wie schnell sie Roberts Ansicht verinnerlicht hatte, wonach nur das Hier und Jetzt von irgendeiner Bedeutung war.

Vielleicht war es so. Vielleicht auch nicht. Sie dachte nicht mehr viel darüber nach und wenn man es genau nahm, dann dachte sie kaum noch über irgend etwas nach, sondern zog es vor, einfach zu leben und zu genießen. Das zu können gab ihr ein bisher ungekanntes Gefühl von Freiheit und Glück.

Sie wollte, das es nie aufhörte.  Eines Tages, als sie wieder einmal in der Stadt waren, hatte Elsa das Bedürfnis, ihre Mutter anzurufen. Sie ging ins Postamt, und wenig später hatte sie sie am Hörer.

„Mama?“

„Elsa! Du hast dich ja eine Ewigkeit lang nicht mehr gemeldet! Wo bist du?“

„Tanger, Marokko.“

„Immer noch?“

„Ja.“

„Wolltest du nicht schon längst auf dem Weg zurück nach Hause sein?“

„Ja, das stimmt...“

Elsa fühlte deutlich die Verkrampfung, die sie in dem Moment befallen hatte, als sie die Stimme ihrer Mutter am Hörer hatte. Sie hatte sich darauf gefreut, mit ihr sprechen zu können, aber jetzt fragte sie sich, ob es nicht ein Fehler gewesen war.

Doch nun war sie da auf der anderen Seite der Leitung, und es gab kein Zurück mehr.

„Wann beginnt das Semester, Elsa?“

Es war dieser unterschwellige Verhörton, den Elsa bei ihrer Mutter nicht mochte. Aber sie war es gewohnt, dennoch zu antworten.

Und genau das tat sie dann auch, obwohl sie es eigentlich nicht wollte, denn sie konnte es sich an zwei Fingern ausrechnen, in welche Richtung das Gespräch jetzt laufen würde. Genau dorthin, wo sie es nicht haben wollte.

Aber es war längst zu spät, um daran noch etwas ändern zu können. Sie wusste, dass alles seinen Gang nehmen würde und resignierte.

„Nach Ostern“, antwortete Elsa auf die Frage ihrer Mutter. „Genau einen Tag nach Ostern.“

„Wirklich kein freier Tag mehr zwischen Ostern und Vorlesungsbeginn?“

„Nein. Aber es macht nichts, wenn ich nicht rechtzeitig zurück bin. In der ersten Woche ist ohnehin noch nicht viel los...“

„Aber das ist doch keine Einstellung, Elsa!“

„Mama!“

„So etwas kenne ich gar nicht von dir... Du warst doch sonst immer so gewissenhaft.“

Elsas Mutter hatte Bluthochdruck und war ziemlich dick. Elsa konnte sich gut vorstellen, wie sie jetzt an ihrem Telefon saß und puterrot anlief.

Eigentlich hatte Elsa das vermeiden wollen, aber vermutlich wäre es ohnehin kaum zu verhindern gewesen.

Irgendwann musste ich mich ja mal wieder zu Hause melden, dachte sie.

Und sie hatte es ja wirklich schon eine geraume Weile vor sich hergeschoben.

„Wenn das dein Vater wüsste, dass du vorhast, nicht pünktlich zum Vorlesungsbeginn wieder zurück zu sein!“

„Es würde ihn kaum interessieren!“, versetzte Elsa dann eine deutliche Spur schärfer im Tonfall, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte. Ihre Mutter schwieg, und Elsa erschrak.

Sie hatte sie an ihrem wunden Punkt getroffen. Aber es war schließlich die Wahrheit. Die verdammte, bittere Wahrheit, und die war ihr in einem unbedachten Moment einfach so über die Lippen geflossen.

Ihre Mutter schien verletzt.

Und wenn schon, dachte Elsa trotzig, als auf der anderen Seite der Leitung noch immer kein Ton zu hören war. Es stimmt ja schließlich! Er interessiert sich nicht mehr für mich und auch nicht mehr für sie! Oder wie sollte man das interpretieren, wenn jemand zu Weihnachten nicht einmal eine Karte schickte? Er rief immer nur an, wenn sie vergessen hatte, ihm die Immatrikulationsbescheinigung zuzusenden, die er für seine Steuererklärung brauchte.

Immerhin kam sein Geld meistens pünktlich. Wenigstens in diesem Punkt war er zuverlässig. Aber in allen anderen Dingen hatte er sie verraten. So empfand sie das jedenfalls.

„Es war nicht so gemeint“, sagte sie dann, obwohl es nicht stimmte. Es war durchaus so gemeint gewesen. Genau so und nicht anders.

„Schon gut“, kam es gedämpft aus dem Hörer. „Geht es dir wenigstens gut?“

„Ja, es ging mir nie besser!“

„Hast du überhaupt noch Geld?“

„Ich komme aus!“

„Ich habe dir geschrieben. Hast du den Brief bekommen?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Du hast nichts bekommen?“

„Nein, ich sag's doch!“

„Ich habe aber an die Adresse geschrieben, die ich von dir hatte. Dieses Hotel... Ich komme jetzt nicht mehr auf den Namen...“

„Da wohne ich schon lange nicht mehr.“

„Nein? Hat es dir nicht gefallen?“

„Doch, aber... Das ist kompliziert.“

„Wo wohnst du jetzt?“

„Bei Robert.“

Sie sagte es einfach so dahin, und dann war es heraus. Aber vielleicht war es gut so. Irgendwann musste sie es ohnehin erfahren. Besser früher als später...

Und wenn sie wirklich länger blieb, vielleicht sogar den ganzen Sommer hindurch und auf das Studium pfiff...

„Ich verstehe nicht...“

„Ich habe einen Mann kennengelernt. Und bei dem lebe ich jetzt.“

„Daher weht also der Wind!“

„Ja, daher weht der Wind, Mama!“

„Ich hoffe nicht, dass du deswegen dein Studium...“

„Nein, keine Sorge!“

Aber in Wahrheit war es genau das, woran sie gedacht hatte.

„Wie alt ist er? Was macht er?“

Elsa hatte keine Lust auf ein weiteres Verhör.

„Mama, es wird zu teuer für mich. Ich muss jetzt Schluss machen!“

„Ja, aber...“

„Tschüss!“

„Pass auf dich auf, Elsa. Wann höre ich wieder von dir?“

„Mal sehen. Wenn ich es einrichten kann.“

Elsa war froh, als der Hörer wieder in der Gabel hing. Sie fühlte sich wie befreit.

Es war Abend.

Elsa legte den Kopf an Roberts Schulter und fand, dass er gut roch. Ihre Hand glitt über seine behaarte Brust. Sie spürte Roberts ruhigen Atem und seinen Arm an ihrem Rücken.

„Ich liebe dich“, murmelte sie. Und dann, nach einer kurzen Pause: „Hast du eigentlich gehört, was ich gesagt habe?“

„Ja.“

„Liebst du mich auch?“

„Ja.“

„Sex mit dir ist wunderbar. Ich glaube, ich könnte süchtig nach dir werden, Robert!“ Sie lachte. „Wahrscheinlich bin ich es längst.“

Dann schwiegen sie eine Weile.

Elsa schloss die Augen. Sie war glücklich.

Eine wohlige Müdigkeit hatte sich ihrer bemächtigt. Um ihre Lippen spielte ein entspannter Zug.

Dann schreckte sie plötzlich Roberts Stimme auf.

„Ich muss für einige Zeit weg“, sagte er.

Elsa war sofort wieder sehr aufmerksam. Sie setzte sich auf und blickte ihn verwundert an.

„Was?“

„Eine Geschäftsreise. Du wirst eine Weile allein hier wohnen, vorausgesetzt, du willst hierbleiben.“

„Natürlich will ich hierbleiben!“

„Musst du nicht irgendwann zurück nach Deutschland?“

„Warum?“

„Ich denke, du studierst...“

„Ich werde das Sommersemester aussetzen. Ich muss mir ohnehin über verschiedenes klarwerden, und vielleicht ist das eine gute Gelegenheit dazu.“

„Du meinst, du willst das Studium abbrechen?“

„Ich will damit sagen, dass ich noch nicht so genau weiß, ob ich das eigentlich will, was ich da tue...“

Die Wahrheit war viel einfacher. Sie wollte bei Robert sein. Jeden Tag, jede Sekunde. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass dieser Traum einmal zu Ende sein sollte. Nicht einmal der Gedanke an eine Unterbrechung war ihr erträglich.

„Du hast erwähnt, dass du fort müsstest, Robert...“

„Ja.“

„Für wie lange?“

„Vielleicht eine Woche. Plus minus ein paar Tage. Ganz genau kann ich das noch nicht sagen.“

„Wohin geht es?“

„Erst mal Madrid.“

„Könnte ich dich nicht begleiten?“

„Nein!“

In seinem Tonfall lag etwas Endgültiges. Sie wusste, dass es keinen Zweck hatte, ein zweites Mal zu fragen. Er würde seine Meinung nicht ändern. Nicht nach diesem Nein; so gut kannte sie ihn inzwischen schon.

„Wann geht's los?“, fragte sie.

„Morgen.“

„Oh, morgen schon?“

„Ja.“

„Schade.“

„Es lässt sich nicht ändern, Elsa.“

„Ja, mag schon sein...“

„Irgend wovon muss dies alles hier, das Haus und so weiter, ja bezahlt werden. Und ab und zu muss ich halt auch etwas dafür tun.“

„Es ist trotzdem schade.“

„Ich komme ja wieder, Elsa!“

„Ich kann es schon jetzt kaum erwarten, obwohl du doch noch gar nicht weg bist und hier neben mir liegst!“

Sie bewegte sich wieder zu ihm hinunter und legte sich in seine Armbeuge.

Auf einmal begann sie zu frieren und zog die Decke bis zu den Schultern hoch.

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5.

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Am Morgen war Robert schon früh aufgestanden.

Undeutlich nahm Elsa wahr, wie er ein paar Sachen aus dem Kleiderschrank holte und in einen Koffer packte. Es dauerte ein bisschen, aber dann war sie hellwach.

„So früh?“

„Ja.“

„Willst du hier noch frühstücken? Ich könnte die Kaffeemaschine...“

„Nein. Dazu ist kaum noch Zeit. Hast du einen Führerschein?“

„Ja.“

„Dann lasse ich dir den Landrover hier.“

„Und du?“

„Ich rufe mir ein Taxi.“

„Wenn du meinst...“

„Ja.“

Er schloss den Koffer zu und verließ das Schlafzimmer. Sie hörte ihn die Treppe hinuntergehen, schlug die Bettdecke zur Seite und stand auf. Dann warf sie sich ein paar Sachen über und folgte ihm.

Als sie die Treppe hinabstieg, sah sie seinen Koffer, den er flüchtig abgestellt hatte. Darüber hatte er sein Jackett geworfen. Aus dem Wohnzimmer hörte sie Roberts Stimme beim Telefonieren. Er rief wohl gerade das Taxi, was sie allerdings nur vermuten konnte, denn er sprach Arabisch.

Sie wollte schon weitergehen und ihm ins Wohnzimmer hinein folgen. Dann fiel ihr Blick auf den Pass, der aus der Innentasche seines Jacketts ein Stück herausragte.

Elsa runzelte unwillkürlich die Stirn, sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Dann zog sie mit einem schnellen Griff den Pass noch ein weiteres Stück aus der Tasche heraus und dann gab es keinen Zweifel mehr.

Sie hatte sich nicht getäuscht.

Es war nicht mehr der dänische Pass, den sie damals auf der Post gesehen hatte. Der Pass war britisch.

Elsa fuhr augenblicklich zusammen, als sie Robert herankommen hörte.

„Alles in Ordnung, das Taxi kommt gleich.“

Sein Blick war auf die Armbanduhr an seinem Handgelenk gerichtet. Dann sah er auf. „Ist irgend etwas?“

„Nein. Was sollte sein?“

„Ich meine nur. Du siehst aus, als wäre dir irgendeine Laus über die Leber gelaufen.“

„Nein, du irrst dich.“

Er zuckte die Schultern.

„Na gut.“

Er nahm seine Jacke und zog sie an.

Blitzlichtartig wirbelte ein halbes Dutzend Gedanken auf einmal in ihrem Kopf herum. Wie kam Robert an einen britischen Pass? Wozu brauchte jemand überhaupt mehrere Pässe? Sie hatte keine Gelegenheit gehabt, hineinzuschauen und wusste nicht, ob derselbe Name eingetragen war: Robert Jensen.

Vielleicht gibt es eine ganz simple Erklärung, dachte sie. Es gab ja schließlich so etwas wie doppelte Staatsbürgerschaften. Sie hätte ihn leicht fragen können, aber irgend etwas hielt sie davon zurück.

„Du brauchst dich um nichts zu kümmern. Aziz schaut vorbei und regelt alles. Er hat einen Schlüssel.“

„Gut.“

„Ich lasse dir genug Geld da, damit du über die Runden kommst.“

Wenig später kam das Taxi.  Als Robert weg war, fühlte sie sich, als würde sie in ein großes, finsteres Loch fallen. Langsam begann ihr jetzt zu dämmern, wie sehr ihr Leben bereits um diesen Mann zu kreisen begonnen hatte.

Eigentlich hatte sie nichts dagegen. Eigentlich wünschte sie sich nichts anderes als genau das: um ihn zu kreisen wie ein Planet um seine Sonne.

Aber da war die Sache mit dem Pass. Und eine Ahnung von Misstrauen. Sie konnte nichts dagegen tun, es hatte begonnen, an ihrer Seele zu nagen, und sie konnte sich nicht dagegen wehren...

Unwillkürlich kamen ihr die Geschäfte ins Bewusstsein, mit denen Robert sein Geld verdiente... Viel Geld, wie auf der Hand lag. Sehr viel...

Was mögen das nur für Geschäfte sein?, dachte sie und zermarterte sich das Hirn. Am Ende gar Drogen oder etwas in der Art?

Robert hatte Elsa gegenüber bisher standhaft über die Herkunft seines Geldes geschwiegen.

Dann die Sache mit dem zweiten Pass... Wer, außer einem Mann, der seine Identität verdunkeln musste, brauchte mehrere! Es schien alles zusammenzupassen.

Elsa erschrak über ihre eigenen Gedanken. Mein Gott!, dachte sie. Das grenzt ja an Paranoia!

Sie sah ihren Traum bereits wie eine Seifenblase zerplatzen. Ein Teil von ihr weigerte sich, den Gedankengang zu Ende zu führen. Aber er ließ sich nicht einfach so aufhalten. Die Gedanken kamen wie von selbst, und sie konnte sie nicht stoppen.

Auf einmal hatte Elsa rasende Kopfschmerzen.

Elsa fühlte sich wie betäubt.

Ich lege mir da etwas zurecht, versuchte sie sich selbst einzureden.

Sie traute ihrer eigenen Wahrnehmung nicht so ganz. Sie erinnerte sich daran, dass sie sich früher oft verfolgt gefühlt hatte. Nicht nur, wenn sie in einsamen, finsteren Nebenstraßen einem nur als schattenhafter Umriss erkennbaren Unbekannten begegnete, sondern auch in ganz anderen Situationen. Im Kaufhaus zum Beispiel.

Eine Hälfte von ihr hatte immer gewusst, wie absurd das alles war und dass das alles nur ihrer Einbildungskraft entsprang. Die andere Hälfte zitterte vor Angst.

So ähnlich war es auch jetzt.

Sie ging hinauf ins Schlafzimmer, um in ihren Sachen nach Tabletten gegen die Kopfschmerzen zu suchen. Sie hatte immer so etwas dabei gehabt, seit sie 13 gewesen. Sie nahm die Tabletten, wenn sie Kopfschmerzen hatte, wenn ihre Regel im Anzug war - oder wenn sie sich ganz einfach schlecht fühlte.

Im Augenblick trafen alle drei Dinge auf einmal zu. Es war furchtbar.

Sie wühlte ihre Sachen durch, und schließlich fand sie, was sie gesucht hatte. Die Tabletten waren in der kleinen weißen Handtasche, die sie oft bei sich hatte.

Sie nahm ein paar, drei oder vier, und dann ging sie nebenan ins Bad, um sie mit etwas Wasser hinunterzuspülen.

Im Allgemeinen wurde davor gewarnt, das Leitungswasser unabgekocht zu trinken, aber das kümmerte sie im Augenblick nicht. Sie dachte überhaupt nicht daran.

Ihre Hand glitt die in Augenhöhe angebrachten Ablage entlang und suchte nach einem Zahnputzbecher, während sie eine Tablette bereits im Mund zerkaut hatte. Sie schmeckten scheußlich, und so verzog sie das Gesicht zu einer Grimasse.

Irgendetwas fiel ins Waschbecken. Es war ein Rasierapparat. Sie war ziemlich ungeschickt.

Dann hatte sie endlich den Becher, ließ ihn voll Wasser laufen und spülte nach. Und nach der nächsten Tablette wieder. Und dann noch einmal.

Als sie den Blick hob und den Rasierer zurück an seinen Ort legen wollte, sah sie ein paar Schminkutensilien, die ihr bisher noch nie aufgefallen waren.

Sie runzelte die Stirn. Für einen Mann in Roberts Alter war es nichts Außergewöhnliches, ein paar graue Strähnen im Haar zu haben. Und es war auch nichts dagegen einzuwenden, mit entsprechenden Mitteln etwas dagegen zu tun. Das galt für Männer ebenso wie für Frauen. Aber was Elsa hier vorfand, ging genau in die entgegengesetzte Richtung: eine graue Haartönung!

Ihr Interesse war jetzt erwacht, und trotz der Kopfschmerzen untersuchte sie sorgfältig, was sich da in Roberts Schrank befand.

Im ersten Moment hatte Elsa an eine Frau gedacht. Eine Frau, die vielleicht - ebenso wie sie selbst - Roberts Geliebte gewesen war und diese Sachen hier zurückgelassen hatte.

Aber bei näherem Hinsehen sah es dann wie etwas ganz anderes aus. Es schienen die Utensilien eines Clowns oder besser: eines Schauspielers zu sein, der sich mit Schminke maskierte.

In ihr begann es zu arbeiten. Wozu konnte Robert solche Schminkutensilien benötigen? Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der in seiner Freizeit in einer Laienspielgruppe mitarbeitete...

Ein Mann, der mehrere Pässe besaß, brauchte möglicherweise auch mehrere Gesichter!

Bestimmt gibt es für alles harmlose Erklärungen!, hämmerte es verzweifelt in Elsas Kopf. Aber sie glaubte nicht daran. Ihr Instinkt sagte etwas anderes. Mit Robert war etwas nicht in Ordnung.

Und wenn er am Ende gar nur an einem Kostümfest teilgenommen hatte?

Es hat keinen Sinn, dachte sie.

Bis jetzt bestand alles nur aus Spekulationen. Ein Kartenhaus, das sich auf einen britischen Pass stützte, den sie flüchtig gesehen hatte und von dem sie nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, dass er Robert gehörte.

Vielleicht hatte ihn irgend jemand verloren, vielleicht hatte Robert ihn gefunden und eingesteckt, um ihn bei irgendeiner Stelle abzugeben. Und vielleicht war das Dokument dann einfach in seiner Tasche geblieben, weil er es vergessen hatte... Vielleicht, vielleicht...

Sie fasste sich an den Kopf. Ihr Daumen presste gegen die Schläfe. Mein Gott!, dachte sie. Wie schnell wird aus einem Traum ein Alptraum!

Du redest dir etwas ein, durchfuhr es sie dann. Sie wusste nicht mehr, was sie glauben sollte und was nicht. Sie ging schleppend nach nebenan, ins Schlafzimmer und ließ sich ins Bett sinken. Ihren Kopf vergrub sie im Kissen.

Sie fühlte sich müde und zerschlagen, obwohl sie doch gerade erst aufgestanden war. Elsa wartete, bis das Mittel, das sie genommen hatte, endlich anfing zu wirken. Aber besonders gut fühlte sie sich trotz dem nicht.  Später, als sie dann hinunter ins Wohnzimmer ging, stand die Tür zur Terrasse auf. Zunächst war sie etwas verwundert, aber dann sah sie Aziz durch das Fenster.

Er beugte sich hinunter zum Swimmingpool und hantierte mit einer kleinen Apparatur aus winzigen Glasröhrchen herum. Elsa blinzelte, aber sie konnte nicht erkennen, worum es sich handelte.

Sie trat hinaus.

„Guten Morgen“, sagte sie.

Aziz blickte auf. Ohne darüber nachzudenken, hatte Elsa ihn auf Deutsch begrüßt. Aziz antwortete ihr auf Englisch.

„Guten Morgen, Miss.“ Sein Englisch war akzentbeladen, aber dennoch gut verständlich.

„Was machen Sie da?“, fragte sie - nun ebenfalls auf Englisch. Sie hörte sich in der fremden Sprache reden, und ihre eigene Stimme klang fremd für sie.

„Ich überprüfe den pH-Wert“, erklärte Aziz. „So ein Pool braucht regelmäßige Wartung. Vielleicht muss ich etwas Chlor zusetzen...“

Aziz hantierte noch etwas herum, dann erhob er sich ächzend. Er schien fertig zu sein.

„Und?“, fragte sie.

„Und was?“

„Müssen Sie Chlor zusetzen?“

„Ja. Sonst ist bald alles grün, und der Pool wird zu einer einzigen, stinkenden Kloake!“

„Na, aber das dauert doch eine Weile, bis es so weit kommt, oder?“

„Das geht viel schneller, als viele Leute glauben. Zumal wenn die Sonne so scheint.“ Er deutete zum Himmel. „Wird heute wieder ein heißer Tag!“

„Ja“, murmelte Elsa nachdenklich. „Scheint so...“

Der Marokkaner wollte sich zum Gehen wenden, aber Elsa hielt ihn zurück.

„Aziz...?“

„Ja, Miss?“

„Ich darf Sie doch so nennen, ich meine...“

Er lachte. „Aziz ist mein Name. Warum sollten Sie mich nicht so nennen dürfen?“

„Wie lange arbeiten Sie schon für Robert?“

„Für Mister Jensen? Schon sehr lange...“

„Wie lange?“

„Es werden jetzt bald drei Jahre, schätze ich.“

„Und seit wann ist Robert hier in Tanger?“

„Ich weiß es nicht, aber als ich hier angefangen habe, hatte er das Haus wohl noch nicht lange.“

Elsa machte eine unbestimmte Bewegung mit der Hand. „Er ist ein reicher Mann“, murmelte sie.

Und Aziz nickte. „Ja, sehr reich.“

„Was denken Sie über Robert?“

Aziz machte auf einmal einen ziemlich hilflosen Eindruck. In den Händen hielt er noch die Apparatur, die er zur pH-Wert-Bestimmung des Wassers gebraucht hatte. Er zuckte leicht mit den Schultern und lächelte etwas verlegen.

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll...“

Elsa kam in den Sinn, dass sie Aziz mit dieser Frage vielleicht überforderte. Schließlich lebte er von Robert... Aber sie bohrte dennoch weiter. Sie musste einfach mehr über den Mann erfahren, den sie liebte und in dessen Haus sie lebte.

„Sie werden doch sicher eine Meinung über einen Mann haben, für den Sie schon seit fast drei Jahren arbeiten!“

„Ich bin sehr zufrieden hier und kann mich nicht beklagen. Ich habe einen guten Job - und nicht nur ich, sondern auch meine Frau und meine Töchter. Sie kommen hierher zum Putzen. Wir alle verdanken Mister Jensen viel.“

„Das meine ich nicht.“

„Dann verstehe ich Sie nicht.“

„Was ist er für ein Mensch?“

„Er ist sehr verschlossen, Miss.“

„Was heißt das?“

„Dass er nicht gerne mit anderen über seine Angelegenheiten redet! Aber ist das nicht auch sein gutes Recht? Alles in allem weiß ich nicht viel über ihn, obwohl ich schon seit drei Jahren fast täglich sein Haus betrete. Etwas merkwürdig ist das schon.“ Er zuckte mit den Schultern. „Er vertraut mir immerhin so weit, dass er mir seinen Haustürschlüssel überlässt.“

„Ich meine...“

„Hören Sie, vielleicht können wir uns ein anderes Mal ein wenig unterhalten, aber im Augenblick habe ich eigentlich alle Hände voll zu tun...“

Er wandte sich bereits halb um.

„Nur noch eins!“

„Was?“

„Womit verdient Robert sein Geld?“

„Das geht mich nichts an. Hat er es Ihnen nicht gesagt?“

„Nein.“

„Haben Sie ihn gefragt?“

„Schon, aber... Ich werde nicht schlau aus der Sache. Aus allem hier.“

„An diesen Zustand sollten Sie sich gewöhnen.“

„Weshalb?“

„Weil der Besitzer dieses Hauses einen gewissen Hang zur Geheimniskrämerei hat. Ich habe es aufgegeben, mich über irgend etwas zu wundern. Und Sie sollten dasselbe tun.“

„Ich weiß nicht...“

„Es ist ein Rat, mehr nicht.“

„Gut.“

„Stellen Sie sich eine Rose auf einem Misthaufen vor.“

„Eine Rose auf einem Misthaufen? Etwas merkwürdig, nicht?“

Aziz entblößte seine Zähne, als er ein breites Lächeln aufsetzte. „So etwas gibt es, Miss.“

„Wenn Sie es sagen.“

„Sie sollten sich an der Rose freuen, Miss - und nicht in dem Mist graben, auf dem sie gewachsen ist!“

Dann wandte er sich mit einer entschlossenen Bewegung um und ging davon.

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6.

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Vom Madrider Bahnhof Chamartin aus hatte Robert die Untergrundbahn genommen, war ein paar Stationen gefahren und dann an einer bestimmten Stelle ausgestiegen. Er kannte sich in Madrid aus, aber hier Ort - und vor allem in dem Hotel, vor dem er jetzt stand - war er noch nie gewesen.

Er hatte das extra so arrangiert.

Es sollte sich später niemand an ihn erinnern.

Das Hotel war eine Absteige, aber genau richtig für seine Zwecke. Man kümmerte sich in solchen Etablissements nicht besonders um die Gäste. Und ein Teil der Gäste schätzte das.

Die Fassade hätte eine Überholung dringend nötig gehabt, aber damit machte sie unter den anderen Gebäuden der Straße keine Ausnahme. Es war eine heruntergekommene Gegend.

Als Robert das schäbige, enge Foyer betrat, knarrte der Fußboden. An der Rezeption saß ein dicker Mann mit roter Trinkernase, der sich über eine Illustrierte beugte und Kreuzworträtsel zu lösen versuchte.

Robert trat näher, und blickte schließlich auf.

„Que quisiera, senor?“

Robert antwortete auf Englisch. British English. Der arroganteste Tonfall, den er hervorbringen konnte.

Und wie die meisten Briten erwartete auch Robert von seinem kontinentalen Gegenüber, dass er ihn verstand.

„Ich möchte ein Zimmer.“

„No problemo, senor! Ihren Passport bitte!“

Robert holte das Dokument aus der Jackentasche und schob es über den Tisch.  Der Dicke mit der roten Nase holte ein Buch hervor und trug die Nummer des Passes ein.  „Es Ingles, senor?“ Und dann, nach einer kleinen Pause, während der er gemerkt zu haben schien, dass er Spanisch gesprochen und sein Gegenüber ihn wahrscheinlich nicht verstanden hatte: „Engländer?“

„Machen Sie Ihre Arbeit, und lassen Sie mich in Ruhe!“, zischte Robert.

Aber der Dicke schien nicht gut genug Englisch zu sprechen, um das zu verstehen. „Hier den Portier zu spielen ist ganz schön langweilig. Kommen Sie aus London, Mister...“ Er blätterte in dem britischen Pass herum. „... McCord?“

„Nein.“

Robert nahm ihm das Dokument ziemlich grob aus der Hand. Der Spanier zuckte mit den Schultern und machte eine hilflose Geste. „Que va, senor! Was ist schon dabei?“

„Brauchen Sie noch etwas von mir?“

„Ja, eine Unterschrift.“

„Wohin?“

„Hier. Und dann hätte ich noch gerne, dass Sie für die nächste Nacht im voraus bezahlen. Das ist hier so üblich.“

„Nichts dagegen.“

„Wollen Sie Frühstück?“

„Wird das von Ihnen angerichtet?“

„Ja.“

„Dann lieber nicht.“  Robert bekam seinen Schlüssel. Nachdem er bezahlt hatte, ging er die Treppe hinauf zu den Zimmern.

„Zweite Tür links!“, rief der dicke Spanier ihm unfreundlich hinterher. Robert wandte sich nicht um.

Wenig später stand er vor einer Holztür, die mehrere unübersehbare Schrammen aufwies. Er drehte den Schlüssel, während aus einem der Nachbarzimmer das schrille Lachen einer Frau und das bierselige Grölen einer Männerstimme drang.

Robert trat ins Zimmer, warf den Handkoffer auf das Bett und sah sich um. Das Zimmer war passabel. Es gab sogar ein Telefon.

Robert nahm den Apparat vom Nachttisch und setzte sich neben seinen Koffer auf das Bett. Aus der Hosentasche holte er einen Zettel. Dann wählte er mit schnellen, sicheren Bewegungen eine Nummer.

Seine Rechte führte den Hörer zum Ohr.

Mit angestrengten, konzentrierten Zügen wartete er ein paar Augenblicke.

Dann: „Hallo?“ Eine kurze Pause. „Hier spricht das Chamäleon. Ich bin morgen um drei Uhr nachmittags im 'Parque del Buen Retiro'. Kommen Sie allein. Ich erkenne Sie daran, dass Sie ein Exemplar des 'New York Herald Tribune' bei sich tragen. Ich beschreibe Ihnen jetzt genauestens den Ort, an dem ich Sie sehen will! Schließlich ist der 'Parque' ziemlich groß. Hören Sie mir gut zu, ich habe keine Lust, mich zu wiederholen...“ 

Sonntagnachmittag im „Parque del Buen Retiro ließ Robert vorsichtig den Blick umherschweifen. Was er sah, war alles andere als ungewöhnlich für diesen Ort und diese Tageszeit.

Familien mit Kindern spazierten durch die Parkanlagen. Manche von ihnen fütterten die Tauben, die überall zu finden waren und sich schon so sehr an die Menschen gewöhnt hatten, dass sie fast jegliche Scheu verloren hatten. Auf einer Bank saß ein alter Mann, der eine dicke Brille und eine Baskenmütze trug und angestrengt in seine Zeitung stierte. Wenige Meter entfernt spielten zwei kleine Jungs, vielleicht vier, fünf Jahre alt, im Sand. Es mochten Enkel oder gar Urenkel des Alten sein. Wenig später, als Robert sich auf eine freie Bank gesetzt hatte, rief der Alte die beiden Jungs herbei und holte für jeden eine Banane aus seiner abgenutzten Tasche.

Er selbst genehmigte sich eine Zigarre, hatte aber kein Feuer und sah sich dann etwas hilflos um. Da war noch ein junges Paar, das eng umschlungen dasaß und sich in mehr oder weniger regelmäßigen Intervallen leidenschaftlich küsste.

Der Alte hatte offensichtlich nicht die Absicht, die beiden zu stören, daher stand er auf und ging zu Robert. Er fragte ihn auf Spanisch nach Feuer.

Robert musste noch einmal nachfragen, um ihn richtig zu verstehen, was nicht an seinen mangelhaften Spanischkenntnissen, sondern an der Tatsache lag, dass der Alte ein Gebiss trug, das nicht richtig saß.

Robert hatte kein Feuer, und er sagte das dem Alten auch in dem besten Spanisch, das er hervorzubringen in der Lage war. Er sei Nichtraucher, erklärte er ihm. Wozu also Streichhölzer oder ein Feuerzeug?

Robert hoffte, dass das Gespräch damit zu Ende wäre, aber er hatte sich getäuscht. Der Alte schien auf einen kleinen Plausch aus zu sein und nahm die Sache zum Anlass, einfach draufloszureden.

Robert verstand einen Großteil gar nicht, aber das schien den Alten auch nicht zu interessieren. Sein Mund bewegte sich unaufhörlich, sein Gebiss rutschte auf und nieder.

Robert warf einen nervösen Blick auf die Uhr. Kurz vor 15.00 Uhr.

Dann machte er dem Alten den Vorschlag, doch die beiden jungen Leute zu fragen. Er habe den Mann Zigarette rauchen sehen. Das stimmte zwar nicht, aber er musste den Alten jetzt irgendwie loswerden.

Der Alte schien nicht genug Mut aufzubringen, um die beiden eng Umschlungenen zu fragen. Also fragte Robert sie.

Der junge Mann hatte kein Feuer, aber dafür das Mädchen. Robert war gerettet.  Der Alte zündete sich eine dicke Zigarre an und versuchte nun, den beiden jungen Leuten ein Gespräch aufzuzwingen. Es entstand ein kurzer Wortwechsel.

Dann kam von den beiden Kleinen ein Geschrei. Die beiden Jungen waren in Streit miteinander geraten und bewarfen sich nun mit Händen voll Sand.

Der Alte musste sehen, dass er schleunigst an den Ort des Geschehens zurückeilte. Er schimpfte noch lauter, als die beiden Kleinen schreien konnten, und damit war die Sache dann erst einmal entschieden.

Der Alte setzte sich wieder auf seine Bank, zog an seiner Zigarre und wischte mit einem Taschentuch seine Brillengläser sauber, bevor er wieder in die Zeitung blickte.

Fast zur gleichen Zeit sah Robert einen etwas übergewichtigen Mann mit dunklem Oberlippenbart herankommen. Unter dem Arm trug er eine Ausgabe des „New York Herald Tribune“. Robert ließ sich nichts anmerken. Er wollte erst einmal abwarten.

Schließlich musste er sichergehen, dass der Mann auch tatsächlich allein gekommen war, wie Robert es gefordert hatte.

Der Mann mit dem Oberlippenbart setzte sich, nachdem er den Blick ausführlich hatte kreisen lassen, auf eine freie Bank. Es war die Bank, auf der das junge Paar gesessen hatte.

Die beiden waren Arm in Arm weitergegangen. Robert sah sie in einiger Entfernung Tauben füttern, und manchmal lachte die Frau so laut und hell, dass er es hören konnte.

Robert blickte sich um. Der Mann, mit dem er sich treffen wollte, schien tatsächlich, wie abgemacht allein gekommen zu sein.

Indessen hatte der Alte seine Sachen zusammengepackt und ging mit den beiden Kleinen davon.

Einer der Jungen versuchte, eine Taube zu streicheln und lief hinter ihr her. Die Jagd hatte erst ihr Ende, als der Kleine stolperte und hinfiel.

„Sie sind Mendez?“, fragte Robert.

Der Mann mit dem Oberlippenbart und dem „Tribune“ wandte sich zu ihm um.

„Ich hatte mir schon gedacht, dass Sie das Chamäleon sein könnten.“

Wie selbstverständlich sprachen sie Englisch. Robert schien ein wenig ärgerlich zu sein.

„Ich fragte, ob Sie Mendez sind!“

„Nein.“

„Dann weiß ich nicht, was wir miteinander zu bereden hätten. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag, Sir!“

Robert wandte sich ab, um zu gehen.

„Mein Name ist Garcia“, sagte der Mann. Garcia, dachte Robert. Der Name war aller Wahrscheinlichkeit nach falsch. Er war einfach zu gewöhnlich. Aber das interessierte Robert jetzt nicht weiter. Er wandte sich noch einmal zu dem Mann, der sich Garcia nannte und meinte sarkastisch: „Sie hätten ein bißchen mehr Phantasie aufbringen können, finden sie nicht auch?“

„Inwiefern?“

„Bei Ihrem Namen. Im Madrider Telefonbuch gibt es seitenweise Garcias. Sie hätten sich etwas Originelleres einfallen lassen können.“

„Auf Originalität kommt es in meinem Gewerbe nicht an.“

„In meinem manchmal schon.“

Robert wandte sich erneut rum und hatte bereits zwei Schritte hinter sich gebracht, da hörte er Garcia rufen: „So warten Sie doch! Mendez hat seine Gründe, dass er nicht persönlich kommen konnte!“

Robert kümmerte sich nicht darum, sondern ging einfach weiter. Er drehte sich auch nicht um, als er hinter sich Garcias Schritte hörte.

Garcia hatte ihn bald eingeholt. Auf Grund seines Übergewichts war er allerdings ziemlich außer Atem. Er wollte etwas sagen, aber zunächst kam nichts über seine Lippen.

„Ich spreche nur mit Mendez persönlich!“, stellte Robert klar. „Bestellen Sie ihm das!“

„Mendez lässt Sie grüßen!“

„Dafür kann ich mir nichts kaufen...“

„Es ist besser, wenn man Sie und Mendez nicht zusammen sieht.“

Robert verzog das Gesicht.

„Besser für ihn oder besser für mich?“

„Für Sie beide. Wenn eine Spur von Mendez zu Ihnen führt, könnte sie auch wieder zurück zu Mendez führen.“

„Ich bin kein Anfänger! Zu mir hat noch nie irgendeine Spur geführt!“

„Jedenfalls ist es das Beste, wenn kein Zusammenhang zwischen Ihnen und Mendez sichtbar werden kann.“

Garcia holte dann einen braunen Umschlag aus der Innentasche seiner Jacke hervor, blickte sich sorgfältig nach allen Seiten um und gab ihn dann dann.

„Machen Sie das nicht ein wenig auffällig?“, murmelte Robert, während er den Umschlag wie beiläufig einsteckte. „Wenn ich mir das Material angesehen habe, werde ich Mendez anrufen und ihm meinen Preis sagen.“

„Gut.“

„Sonst noch etwas?“

„Nein. Das heißt...“

„Was?“

„Mendez sagt, es darf nicht danebengehen. Es hängt viel davon ab und...“

„Keine Einzelheiten, bitte. Ich will das gar nicht wissen.“

„Wie Sie wollen.“ Garcia zuckte mit den Schultern. „Mendez will Sie, weil er Sie für den Besten hält!“

„Das bin ich auch!“

„Er kann es sich nicht leisten, dass Sie versagen!“

„Das werde ich auch nicht, Garcia - oder wie immer Ihr Name auch sein mag.“

„Das ist gut.“

„Auf Wiedersehen.“

Sie gingen jeder ihrer Wege, und keiner von ihnen drehte sich noch einmal um. Robert schlenderte durch den Park und kickte dabei ein paar kleine Steinchen vor sich her. In seiner Jackentasche fühlte er den Umschlag.

Er würde sich den Inhalt später ansehen, wenn er wieder im Hotel war. Gedankenverloren schlenderte er weiter, so als wäre er irgendeiner der vielen Menschen, die hier nichts weiter taten, als ihren Sonntagnachmittag zu verbringen.

Er dachte an Elsa. Nur einen ganz kurzen Augenblick, aber dass er es jetzt überhaupt tat, sprach schon für sich.

Es konnte nicht für ewig sein, das war klar.

Aber strenggenommen ging es bereits viel zu lange. Die Sache musste beendet werden, doch Robert hatte wenig Neigung dazu.

Es scheint ganz so, als hätte es mich erwischt, dachte er stumm.

Ein quietschendes Saxophon riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte hoch und sah einen bärtigen Enddreißiger, der eine etwas eigenwillige Interpretation von „Take Five“ gab.

Roberts Rechte fuhr in die Hosentasche und suchte nach Geld.

In der Tasche waren nur Scheine. Er nahm einen und legte ihn dem Musiker in den aufgeklappten Saxophonkoffer, in dem bisher nur Münzen waren.

Dann machte sich Robert auf den Rückweg zu einem Hotel.  Es war bereits dunkel, als Robert noch einmal sein Zimmer verließ. Den Portier, der jetzt an der Rezeption Dienst hatte, kannte er noch nicht. Rund um die Uhr hing irgend jemand hinter dem Tresen, aber die meisten waren Aushilfskräfte, die den Job nur kurze Zeit machten.

Wahrscheinlich kannten sie sich gegenseitig kaum oder überhaupt nicht. Und vermutlich hatte auch kaum einer von ihnen einen Überblick über die Gäste.

Robert grinste matt, als er sah, dass der Portier, der im Augenblick Dienst hatte, den Kopf auf den Tresen gelegt hatte und laut und vernehmlich schnarchte.

Das ist es, was an diesem Hotel so liebenswert ist, dachte er nicht ohne Sarkasmus. Er ging an dem Schlafenden vorbei, ohne ihn zu wecken und ohne den Zimmerschlüssel zu hinterlegen. Einen Moment später befand er sich dann bereits draußen.

Die Luft war jetzt besser und frischer als am Tag. Er atmete tief durch.

Er schlenderte ein bisschen die Straße entlang, scheinbar ziellos. Er sah ein paar kleinere Geschäfte, die  mit massiven Metallgittern verbarrikadiert waren. In einer Bar war noch Leben.

Als Robert durch die Tür kam, musste er einigen schwankenden Gestalten ausweichen, die offensichtlich nicht mehr ganz Herr ihrer Bewegungen waren.

In der Bar lief ein Fernseher mit dröhnender Lautstärke, obwohl niemand hinzusehen schien. Ein paar Männer konzentrierten sich auf ein gutes Dutzend bunter Kugeln, die auf einem Billardtisch hin und her schossen.

Robert wandte sich an den Mann hinter dem Schanktisch, der große, hervorquellende Augen hatte und ziemlich müde wirkte. Robert fragte ihn nach einer Telefonzelle. Der Mann hinter dem Schanktisch wusste aber offensichtlich nicht Bescheid und wandte sich seinerseits an die Männer am Billardtisch. Die konnten Robert weiterhelfen.

Wenig später war Robert wieder draußen auf der Straße. Die Beschreibung, die er bekommen hatte, war einigermaßen präzise, und so ging er eiligen Schrittes um eine Straßenecke und dann um noch eine, und dann war die Zelle zu sehen.

Robert suchte seine Münzen zusammen, wählte eine Nummer und nahm den Hörer ans Ohr.

„Mendez?“

Eine kurze Pause.

Dann: „Ich nenne Ihnen jetzt meinen Preis. Ich habe mir das Material genau angesehen, das mir Ihr Kurier übergeben hat. Die Sache ist machbar, aber nicht ganz billig.“

„Wie viel?“, kam es knapp aus dem Hörer.

„100 000. Das ist mein Preis.“

Auf der anderen Seite der Leitung herrschte ein paar Augenblicke lang ein Schweigen, das unterschiedlich interpretiert werden konnte.

„Ich schätze, Sie sprechen nicht von 100 000 Peseten!“

„Nein, Schweizer Franken. Die Hälfte davon im voraus.“

„Wie soll die Geldübergabe vonstatten gehen? Ich könnte sogar eine Barzahlung arrangieren. Ich habe eine schwarze Kasse...“

„Nein, kein Interesse. Überweisen Sie die ersten 50 000 in den nächsten Tagen auf mein Konto in Zürich. Ich gebe Ihnen die Nummer gleich durch. Die zweite Hälfte ist dann bei Erledigung fällig.“

„Sie verlangen ein hohes Maß an Vertrauen von mir, finden Sie nicht auch?“

„So sind meine Geschäftsbedingungen. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, suchen Sie sich jemand anderen.“

„Schon gut. Wann treten Sie in Aktion?“

„Sobald Sie das Geld eingezahlt haben. Aber Sie sollten sich damit nicht allzuviel Zeit lassen.“

„Gut. Ich werde das gleich morgen früh veranlassen. Geben Sie mir jetzt die Nummer durch!“

Robert gab die Nummer durch und hängte dann den Hörer ein. Wenn alles gutging, würden sie nie wieder voneinander hören, er und Mendez. Robert trat aus der Telefonzelle heraus und atmete tief durch. Jetzt hieß es erst einmal abwarten, bis Mendez das Geld überwiesen hatte. Aber in der Zwischenzeit konnte er bereits ein paar Vorbereitungen treffen.

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7.

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Elsa war mit dem Landrover nach Tanger gefahren.

Eigentlich hatte sie nicht das geringste Verlangen danach, von Menschen umgeben zu sein. Im Geiste sah sie sich bereits von aggressiven Händlern und bettelnden Kindern umringt.

Sie dachte kurz an das Erlebnis am Strand, als die drei Marokkaner es auf sie abgesehen hatten... Die Erinnerung genügte völlig, um ein Gefühl der Beklemmung in ihr auszulösen.

Elsa hatte auch erwogen, gar nicht in die Stadt zu fahren, aber dann war ihr klargeworden, dass sie unbedingt fahren musste, schon um nicht völlig den Verstand zu verlieren.

Der Pass, die Schminkutensilien, Robert...

Alles drehte sich in ihrem Hirn wild durcheinander. Verzweifelt versuchte sie, einen Sinn in die Sache hineinzubringen. Aber wie sie es auch drehte und wendete: Was dabei herauskam, gefiel ihr nicht.

Sie trat energisch auf das Gaspedal, und der Landrover fegte rasant durch die Kurve. Ein klappriger, uralter Citroen kam von vorne und musste ein paar Meter ausweichen. Der Fahrer hupte und zeigte ihr einen Vogel.

Verdammt! Elsa ärgerte sich.

Sie musste sich mehr auf den Verkehr konzentrieren. Sie durfte ihre Gedanken nicht einfach so davontreiben lassen.

Geschäfte!, dachte sie bitter. Geschäfte, über die er nicht reden wollte! Was konnte dahinter stecken? Drogen? Irgendeine Scheußlichkeit?

Vielleicht sollte ich ihn zur Rede stellen, wenn er wieder zurück ist, überlegte sie. Dann würde es sich ja herausstellen.

Möglicherweise war alles ganz harmlos und es gab vernünftige Erklärungen für das, was Elsa jetzt noch schlaflose Nächte bereitete. Und wenn nicht? Elsa wagte nicht, daran zu denken.

Unterdessen hatte sie die Stadt erreicht. Sie stellte den Landrover  in einer Seitenstraße ab und stieg aus. Sorgfältig verschloss sie den Wagen.

Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie ein paar Jungen, die sich um den Landrover geschart hatten.

Sie stierten ihn an, als wäre er ein exotisches Tier.  Wenig später erreichte Elsa eine der belebteren Geschäftsstraßen des modernen Tanger. Sie kam bei einem Zeitungsverkäufer vorbei und nahm ihm ein paar Blätter ab. Es gab sogar deutsche Zeitungen. Sie klemmte sie unter den Arm und bezahlte. Als sie ein paar Schritte weitergegangen war, trat ihr jemand in den Weg.

Es war ein unrasierter, dunkelhaariger Mann mit schiefen gelben Zähnen und einem  ziemlich abgewetzten Jackett. Dazu trug er Turnschuhe, die wohl irgendwann einmal weiß gewesen waren.

Er fragte Elsa zuerst auf Französisch und dann auch sicherheitshalber auf Englisch, ob sie an Haschisch interessiert sei. Elsa verneinte.

Nein, sie habe kein Interesse und wollte damit auch nichts zu tun haben. Sie versuchte, an ihm vorbeizugehen, aber er stellte sich ihr erneut in den Weg. Er sah sich kurz um und öffnete sein Jackett, um ihr sein Sortiment zu zeigen.

„Are you interested?“

„No!“

Sie ging energisch an ihm vorbei und machte dann ein paar schnelle Schritte, ohne sich dabei umzudrehen. Hinter sich hörte sie, wie er ihr folgte. Er schien noch immer nicht aufgegeben zu haben.

In einiger Entfernung sah sie dann einen Polizisten, der an seiner gebügelten Uniform herumzupfte und sich wohl furchtbar wichtig vorkam.

Sie drehte sich zu ihrem Verfolger herum und er begann erneut, auf sie einzureden. Aber sie drohte mit der Polizei, und das wirkte.  Er ließ von ihr ab und schlich sich wie ein getretener Hund davon. Auch er hatte den vornehmlich mit seiner Uniform beschäftigten Beamten gesehen.

Der Polizist schlenderte heran und spielte dabei mit seinem Schlagstock.

Elsa registrierte mit Genugtuung, dass das den Abgang ihres Verfolgers noch ein wenig beschleunigte. Er machte ein paar rasche Schritte, warf noch einen unsicheren Blick zurück und war bald darauf hinter einer Straßenecke verschwunden.

Elsa atmete auf. Denken die eigentlich von jedem blassgesichtigen Europäer oder Nordamerikaner, dass er Drogen konsumiert? fragte sie sich, während sie innerlich den Kopf schüttelte.

Später ging sie noch ins MARCO POLO, um etwas zu essen. An einem der Nachbartische saßen drei Marokkanerinnen, allesamt europäisch gekleidet, vornehmlich in Leder. Eine von ihnen trug sogar einen Minirock.

Elsa musste unwillkürlich an die bis zu den Augen verschleierten Frauen denken, die man ebenfalls in Tanger antreffen konnte.

Die drei Frauen schienen viel Spaß miteinander zu haben. Sie kicherten unentwegt. Elsa verstand kein Wort von dem, was sie sagten, aber dennoch hörte sie ihnen fasziniert zu.

Als sie später wieder in dem Landrover saß und zurück zu Roberts Haus fuhr, erfüllte sie ein zwiespältiges Gefühl, von dem sie nicht so recht wusste, was sie davon zu halten hatte.

Sie hatte sich etwas beruhigt, was sie für ein gutes Zeichen hielt. Aber die düsteren Schatten, die ihr Inneres schon den ganzen Tag mehr oder weniger im Griff gehabt hatten, waren noch da. Sie lauerten im Hintergrund, wie Schauspieler, die nur auf ihr Stichwort warteten, um sich auf der Bühne zu zeigen.

Elsa fuhr sehr schnell. Der Motor des Landrovers heulte laut auf, während sich ihre Gedanken wieder in atemberaubendem Tempo zu drehen begonnen hatten.

Elsa stand vor einem Abgrund aus Depressionen, und sie wusste das. Schließlich war es nicht das erste Mal, aber früher waren die Anlässe geringfügiger gewesen.

Die Stadt, die Menschen, selbst der Haschischhändler, das alles hatte sie für kurze Zeit etwas abzulenken vermocht. Aber nun war sie wieder allein mit sich und ihren Gedanken.

Es war schon später Nachmittag, als sie den Wagen vor Roberts Haus parkte. Sie schloss die Haustür auf, und mit ein paar Schritten war sie im Wohnzimmer. Die Zeitungen, die sie mitgebracht hatte, flogen auf den niedrigen Tisch.

Aus den oberen Räumen hörte sie Stimmen. Frauenstimmen. Sie schwatzten schier ohne Unterlass auf Arabisch und lachten zwischendurch hell.

Aziz' Frau und seine Töchter, dachte Elsa. Wenig später kam eine der Frauen die Treppe herunter und dann Wohnzimmer. Sie grüßte sehr höflich.

Elsa nickte ihr zu. Es gab keine Möglichkeit für sie, sich mit ihr zu verständigen. Die Frau sprach nur ihren eigenen arabischen Dialekt, sonst nichts.

Die beiden anderen Frauen kamen auch die Treppe herunter. Als auch sie das Wohnzimmer betraten und ihr Blick auf Elsa fiel, schwiegen sie augenblicklich.  Am nächsten Tag hatte Elsa das Gefühl, dass Aziz ihr auszuweichen versuchte.

Er erledigte seine Pflichten so gewissenhaft wie immer, aber er schien deutlich darauf bedacht zu sein, sich nicht zu lange in Elsas Nähe aufzuhalten. Manchmal, wenn sie in seine Richtung sah, wich er ihrem Blick aus.

Elsa ließ das gestrige Gespräch noch einmal Revue passieren. Sie hatte Aziz nach Strich und Faden ausgefragt, und vielleicht gefiel ihm das nicht. Aber Elsa wollte noch mehr wissen.

Schließlich erwischte sie ihn, als er sich in der Küche eine Tasse Kaffee aufbrühte.

„Ich möchte Sie gerne noch etwas fragen, Aziz... Vorausgesetzt, Sie haben nichts dagegen...“

Er murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Dann meinte er mit gespielter Gleichgültigkeit: „Was sollte ich dagegen haben?“

Elsa zuckte mit den Schultern. „Hätte ja sein können!“

Er sah sie jetzt offen an und forderte: „Also, was wollen Sie wissen?“

„Haben in diesem Haus schon andere Frauen gelebt - mit Robert zusammen?“

Aziz war deutlich anzumerken, wie unangenehm ihm die Frage war. Wahrscheinlich bereute er seine Bereitwilligkeit schon wieder.

„Ich weiß nicht...“

„Ich möchte, dass Sie offen zu mir sind, Aziz!“

„Wollen Sie das wirklich wissen?“

„Ja!“ In ihrer Stimme klang ein hohes Maß an Entschlossenheit mit, dass ihr Gegenüber ein wenig zu überraschen schien.

„Ich verstehe, dass Sie das interessieren muss...“ Aziz versuchte sich zu drehen und zu wenden, aber Elsa ließ nicht locker.

„Es hat Vorgängerinnen gegeben, nicht wahr?“

„Ja.“

Als er das sagte, sah er sie nicht an. Es schien ihm peinlich zu sein. Vielleicht hatte er auch ein wenig das Gefühl, den Mann, für den er arbeitete zu verraten.

„Sie kennen Mister Jensen doch jetzt eine ganze Weile“, meinte er dann. „Warum fragen Sie ihn nicht all die Dinge, die Sie mich fragen?“

Elsa ging nicht darauf ein. „Was waren das für Frauen?“, erkundigte sie sich.

„Meistens Europäerinnen, die wie Sie hierher kamen, um sich das Land anzusehen und sich zu amüsieren. Es hat nie lange gedauert.“

„Aber sie haben hier gewohnt.“

„Manche. Und auch höchstens für ein paar Tage, maximal eine Woche. Solange wie Sie ist keine geblieben. Ich weiß nicht warum. Es geht mich auch nichts an.“

Elsa überlegte.

Sie hatte realistischerweise nicht erwarten können, die erste oder gar einzige Frau in Roberts Leben gewesen zu sein. Er war schließlich 38, wenn man seinem Pass glauben konnte. Wenn...

Plötzlich fragte sie sich, ob in dem britischen Pass wohl dasselbe Geburtsdatum eingetragen war, wie in dem dänischen, in den sie hineingeschaut hatte.

Es war nur ein Gedanke, aber das, was eigentlich dahintersteckte, war die Frage, was an diesem Mann tatsächlich so war, wie es zu sein schien.

Elsa sah, wie Aziz die Kaffeetasse abstellte. Er würde die nächste Gelegenheit nutzen, um ihr wieder zu entwischen, soviel war ihr klar.

„Seit wann geht das so?“, wandte sie sich an ihn, bevor Gelegenheit dazu bekam, die Küche zu verlassen.

Er schien nicht recht zu verstehen.

„Was?“

„Dass Robert – Mister Jensen - mit keiner Frau länger als eine Woche zusammengelebt hat!“

„Solange ich für ihn arbeite. Also seit annähernd drei Jahren. Vielleicht hat er irgendwo anders noch eine Beziehung unterhalten, die länger andauerte.“

„Warum nehmen Sie das an?“

„Ich nehme es nicht an, ich sage nur, dass es vielleicht möglich wäre.“

„Weshalb?“

„Weil ihr Ausländer im allgemeinen eine lockere Moral in diesen Dingen habt. Lockerer jedenfalls, als es hierzulande üblich ist.“

„Verachten Sie Robert deswegen nicht?“

„Nein. Jeder muss selbst wissen, was er tut.“ Er zuckte mit den Schultern. Elsa glaubte nicht, dass er diese Weisheit dem Koran entliehen hatte. Dann meinte er: „Mister Jensen bezahlt mich gut für meine Arbeit. Wie könnte ich ihn da verachten?“

Das war ein deutlicher Hinweis darauf, wem im Zweifelsfall seine Loyalität gehörte.

„Hat Robert eigentlich irgendwelche Freunde? Bekannte, mit denen er sich trifft?“

Die Frage war einer plötzlichen Eingebung entsprungen, und ehe sie darüber nachgedacht hatte, war sie auch schon heraus gewesen.

Die ganze Zeit über, in der sie nun schon mit Robert zusammenlebte, hatte er sie nie irgend jemandem vorgestellt. Es hatte sie nicht gestört. In ihrem Rausch aus blinder Verliebtheit hatte sie ohnehin kein Verlangen nach anderen Menschen gehabt. Roberts Gesellschaft hatte ihr vollkommen genügt, und so war ihr nicht aufgefallen, dass sie beide wie auf einer Insel gelebt hatten.

„Wie soll ich die Frage verstehen, Miss?“ Elsa zuckte mit den Schultern. „Am besten so, wie ich sie gestellt habe. Was ist unklar daran? Ich meine, er lebt hier schon seit ein paar Jahren. Er muss doch irgendwelche Bekannte haben! Leute, mit denen er sich trifft...“

Er machte eine hilflose Geste.

„Ich weiß es nicht, Miss. Am besten, Sie fragen ihn selbst und lassen mich jetzt wieder meine Arbeit tun!“

Dann ging er an ihr vorbei.

Ja, dachte sie, sie würde Robert eine Menge Fragen zu stellen haben, sobald er zurückgekehrt war.  Die nächsten Stunden verbrachte Elsa mit der Lektüre ihrer Zeitungen, die sie aus der Stadt mitgebracht hatte. Aber sie überflog nur die Überschriften und blätterte lustlos die Seiten hin und her.

Sie war mit den Gedanken nicht bei dem, was vor ihr lag. Sie dachte an Robert und fragte sich zum tausendsten Mal, was sie von diesem Mann eigentlich halten sollte.

Sie liebte ihn, das schien ihr das einzige zu sein, woran es keinen Zweifel gab.

Ist es nicht im Grunde genommen gleichgültig, wer oder was er ist?, fragte sie sich. Mit der Hand fuhr sie sich nervös über das Gesicht.

Durch die offenstehende Tür, die hinaus zur Terrasse führte, trat Aziz ein.

„Ich mache Schluss für heute“, meinte er.

Sie blickte auf und nickte.

„Gut.“

„Auf Wiedersehen, Miss...“

Sie erwartete jetzt eigentlich, dass er sich zum Gehen wenden würde. Aber er tat es nicht. Er blieb in der Tür stehen, mit einem Bein im Wohnzimmer, mit dem anderen auf der Terrasse. Elsa hob die Augenbrauen.

„Ist noch etwas, Aziz?“

„Ja, wegen unseres Gesprächs...“

Elsa stand auf, ließ die Zeitungen liegen und machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Vergessen Sie es, Aziz.“

„Meinetwegen. Aber das ist es nicht.“

Sie runzelte die Stirn und musterte ihn überrascht.

„Was dann?“

„Ich will mich keineswegs in Ihre Angelegenheiten mischen, aber vielleicht sollte ich es doch sagen...“

„Was meinen Sie?“

„Lieben Sie Mister Jensen, Miss?“

Elsa starrte ihn einen Augenblick lang wie entgeistert an. Dann nickte sie.

„Ja, natürlich.“

„Gibt es Liebe ohne Vertrauen?“

Sie sah ihn an, und das war ihm offenbar unangenehm. Dann zuckte Aziz mit den Schultern. „Vielleicht gibt es das: Liebe ohne Vertrauen“, meinte er dann. Er schmunzelte und setzte dann hinzu: „Meine Frau vertraut mir ja schließlich auch nicht!“

Sein Blick war nach innen gewandt, als er vor sich hin lächelte. „Sie reimt sich die dollsten Sachen zusammen. Meistens verdächtigt sie mich, irgendwo etwas mit anderen Frauen zu haben... Wie gesagt, sie traut mir nicht über den Weg. Aber wir sind seit 30 Jahren verheiratet! Als wir uns erst ein paar Wochen kannten, so wie Sie und Mister Jensen...“ Er brach ab und zuckte mit den Schultern.

„Na ja, vielleicht liegt es daran, dass wir unterschiedlichen Kulturen angehören.“

„Nein, das glaube ich nicht.“

„Wenn Sie Mister Jensen lieben, dann vertrauen Sie ihm doch ein klein bisschen. Er ist ein ehrenwerter Mann.“

„Nun, ich...“

„Ein sehr ehrenwerter Mann. Davon bin ich überzeugt, auch wenn ich nicht viel über ihn weiß!“

„Vielleicht haben Sie recht, Aziz...“

„Bestimmt habe ich das, Miss!“  Am Abend kam endlich ein Anruf von Robert. Seine Stimme klang, als wäre er sehr weit weg. Aber das mochte an den schlechten Leitungen liegen oder ganz einfach Einbildung sein.

Er sagte, dass er von Madrid aus anrufe.

Sie fragte, ob er ihr eine Nummer durchgeben könnte, unter der er zu erreichen wäre.

„Nein“, meinte er. „Ich rufe dich wieder an.“

„Und wann?“

„Ich werde sehen...“

Einen Augenblick lang wollte sie ihn fragen, weshalb er zwei Pässe besaß und warum zum Teufel er ihr nicht offen und ehrlich sagen konnte, womit er sein Geld verdiente! Es war ein einziger, törichter Augenblick, mehr nicht.

Und dann fragte sie sich auf einmal, ob sie eigentlich ihrer eigenen Wahrnehmung noch trauen konnte. Sie versuchte, die Dinge im Kopf zusammenzubringen, die ihr Misstrauen begründeten.

Aber da schien auf einmal nichts mehr zu sein. Gar nichts.

Sie hörte seine ruhige, sichere Stimme, und die Schatten in ihrem Inneren lösten sich auf.

„Ich liebe dich, Robert“, sagte sie in das Telefon hinein.

„Ich dich auch, Elsa.“

Die Antwort klang etwas hölzern, aber Elsa hatte das Gefühl, dass sie ehrlich gemeint war.  Robert hatte Madrid per Zug verlassen.

Er hatte einen Schlafwagen genommen, und jetzt, am Morgen, fühlte er sich ausgeruht. Das Rattern der Schwellen hatte ihn geweckt. Er zog sich rasch an und schaute auf die Uhr. Es waren noch mehr als zwei Stunden bis zum Gare d'Austerlitz in Paris.

Es blieb ihm also noch mehr als genug Zeit, um zu frühstücken. Er quetschte sich durch die engen Korridore an den Abteilen vorbei. Einige Fahrgäste kamen ihm entgegen. Schließlich hatte er den Speisewagen erreicht.

Er aß ein Croissant mit Milchkaffee und sah dabei nachdenklich aus dem Fenster.

Später, nachdem der Zug im Gare d'Austerlitz eingefahren war und Robert den Zug verlassen hatte, verstaute er sein Gepäck in einem der Schließfächer. Er würde nicht lange in Paris bleiben. Ein paar Stunden, wenn alles glattging.

Und wenn das, was er vorhatte, doch mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als er ursprünglich eingeplant hatte, dann konnte er sich immer noch ein Zimmer in der Nähe des Bahnhofs suchen.

Er nahm die Metro und musste ein paarmal umsteigen. Den Weg, den er zu nehmen hatte, kannte er in- und auswendig. Schließlich erreichte er ein heruntergekommen wirkendes, kleines Geschäft in einer Seitenstraße. Die ganze Gegend war nicht besonders fein.

In dem kleinen Laden, der sich im Souterrain eines Mietshauses mit bröckelnder Fassade befand, wurde Second-Hand-Ware  angeboten. An- und Verkauf, vom Plattenspieler bis zum Lexikon.

Aber das alles war letztlich nichts weiter, als eine Tarnung - eine Tarnung für wirklich lukrative Geschäfte.

Robert öffnete die Tür, und als er eintrat, ertönte ein Klingelzeichen. Hinter dem Tresen saß ein kleiner dicker Mann, der kaum ein einziges Haar auf dem Schädel hatte. Er las in einer Illustrierten und hob den Blick.

„Tag, Bernard“, sagte Robert. „Lange nicht gesehen, was?“

Der Mann hinter dem Tresen klappte die Illustrierte zu und schien im ersten Moment ein wenig überrascht. Dann zeigte er ein breites Lächeln, das fast von einem Ohr zum anderen ging.

„Du hast dich lange nicht blicken lassen“, meinte er und reichte Robert in einer fast freundschaftlichen Geste die Hand.

Robert zeigte ein dünnes Lächeln.

„Kann schon sein...“

Robert blickte sich um. Das Innere des Ladens glich einem einzigen Chaos. Ein Judo-Anzug hing von der Decke herab. Robert sah ein paar alte Röhren-Radios neben einem hochmodernen CD-Player, der fast wie neu aussah. In einer Glasvitrine hatte Bernard sogar Armbanduhren und Schmuck. Selbst ein paar Eheringe waren darunter.

Bernard, der bemerkt hatte, dass Roberts Blick an der Glasvitrine hängengeblieben war, meinte mit einem schelmischen Grinsen: „Interesse?“

„Heiße Ware?“

„Für wen hältst du mich!“

„Ich denke nicht, dass ich mich in dir täusche, Bernard!“

Der Mann hinter dem Tresen machte eine hilflose Geste und zuckte mit den Schultern.

„Woher soll ich wissen, woher die Sachen kommen, die mir angeboten werden?“

Robert musste unwillkürlich lachen.

„Ich schätze, du hast auch noch nie jemanden danach gefragt, oder?“

„Hätte das denn irgendeinen Sinn?“

Bernard kam hinter dem Tresen hervor und trat nahe an Robert heran.

„Was hast du auf dem Herzen?“

Robert ließ noch einmal den Blick umherschweifen, so als suchte er etwas. Eine Spur von Misstrauen stand in seinem Gesicht.

„Alles wie gehabt, Bernard?“

„Alles wie gehabt!“

Robert zog einen Zettel aus seiner Jackentasche und reichte ihn Bernard.

„Lies dir die Sache durch und sag mir, ob du die Sachen besorgen kannst!“

Bernard trat hinter den Tresen zurück und holte aus irgendeiner der unzähligen Schubladen eine Lesebrille hervor, deren Bügel er sich hinter die Ohren klemmte. Er überflog kurz die Liste und hielt sie dabei ins Licht. Dann hob er den Blick und nickte.

„Ich denke, das wird gehen.“

„In drei Tagen komme ich wieder nach Paris.“

„Das wird knapp.“

„Ja oder nein?“

Bernard zögerte.

„Ja, aber es hat seinen Preis.“

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8.