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Eiskalt

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die »Schwarze Serie« in der amerikanischen Kriminalliteratur.

Seit seinem Debüt »Spenser und das gestohlene Manuskript« im Jahr 1973 hat er über 50 Bücher veröffentlicht. 1976 erhielt er für den Titel »Auf eigene Rechnung« den Edgar-Allan-Poe-Award für den besten Kriminalroman des Jahres. Neben den überaus erfolgreichen »Spenser«- und »Jesse-Stone«-Reihen veröffentlichte Parker auch einzelne Krimis, darunter »Wildnis«.

Am 18. Januar 2010 verstarb Robert B. Parker in Massachusetts. www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Eiskalt

Ein Fall für Jesse Stone

Übersetzt von Bernd Gockel

PENDRAGON

1

Gleich nach dem Mord machten sie Liebe und filmten sich dabei. Als sie sich wieder aus der Umklammerung lösten, war ihr Mund rissig und wund – und seine Schultern mit blutigen Kratzern übersät. Sie lagen nebeneinander auf dem Rücken und schnappten nach Luft.

»Mein Gott«, keuchte er, völlig heiser.

»Ja«, flüsterte sie nur.

Sie schmiegte sich in seinen linken Arm und legte ihren Kopf auf seine Brust. Für eine Weile waren sie stumm und atmeten nur.

»Ich liebe dich«, sagte er schließlich.

»Ich liebe dich auch«, sagte sie.

Er drückte sein Gesicht gegen ihren Kopf. Ihre Haare dufteten nach Zitrone. Ihr Atem hatte sich inzwischen wieder beruhigt.

»Lass uns das Video ansehen«, flüsterte sie.

»Gute Idee«, sagte er.

Die Kamera befand sich auf einem Stativ neben dem Bett. Er stand auf, nahm die Kassette heraus, schob sie in den Videorecorder, ging zurück ins Bett und griff nach der Fernbedienung. Sie drehte sich wieder in seinen Arm und legte den Kopf auf seine Brust.

»Ab die Post, Showtime«, sagte er und drückte auf die Fernbedienung.

Sie sahen sich zu.

»Mein Gott«, sagte sie. »Schau nur mal, wie ich aussehe.«

»Es törnt mich an, wenn du direkt in die Kamera schaust«, sagte er.

Sie beobachteten sich weiter, ohne ein Wort zu wechseln.

»Holla«, sagte sie plötzlich. »Was machst du denn da mit mir?«

»Nichts, was du nicht magst«, sagte er.

Als das Band zu Ende war, spulte er es wieder zurück.

»Nochmal?«, fragte er.

Sie malte mit ihrem linken Zeigefinger Kreise auf seine Brust.

»Okay.«

Er spulte das Band zurück und drückte noch einmal auf PLAY.

»Weißt du, was mir besonders gefallen hat?«, fragte sie. »Wie sich sein Gesichtsausdruck immer wieder änderte.«

»Ja«, meinte er, »das war wirklich einmalig. Zuerst sah er aus, als wollte er sagen: ›Was soll denn dieser Blödsinn?‹«

»Und dann: ›Meint ihr das etwa ernst?‹«

»Und schließlich: ›Oh mein Gott.‹«

»Das war der beste Moment«, sagte sie. »Sein Gesichtsausdruck, als er wusste, dass wir ihn umbringen würden. Ich habe noch nie in meinem Leben einen derartigen Gesichtsausdruck gesehen.«

»Ja«, sagte er. »Das war wirklich klasse.«

»Ich wünschte mir, wir hätten es noch etwas länger hinauszögern können«, sagte sie.

Er zuckte mit den Schultern.

»Mein Fehler«, sagte sie. »Ich war so aufgeregt, dass ich zu früh abgedrückt habe.«

»Dabei bin ich doch immer derjenige, der zu schnell kommt«, sagte er.

»Du denkst auch immer nur an das Eine«, sagte sie.

Beide lachten.

»Wir werden uns schon noch steigern«, sagte er.

Sie schaute wieder zum Video und strich inzwischen mit der ganzen Hand über seine Brust.

»Oh«, rief sie. »Schau mich nur an! Schau mich nur an!«

Er lachte leise und zog ihre Hand zu seinem Unterleib.

»Was läuft denn hier unten ab?«, fragte sie.

Er lachte erneut.

»Oh«, sagte sie. »Es regt sich was.«

Sie presste sich auf seinen Körper, warf aber ihren Kopf in den Nacken.

»Sei vorsichtig«, murmelte sie. »Meine Lippen brennen wie Hölle.«

Und wieder liebten sie sich, während das Video ihrer letzten Session unbeobachtet über den Fernseher flimmerte. Die Geräusche vom Band vermischten sich nahtlos mit den Geräuschen vom Bett.

2

Es war kurz nach dem Morgengrauen. Ebbe. Ein paar Seemöwen hüpften über den Strand, drehten unschlüssig den Kopf und schauten mit ihren stumpf-schwarzen Augen teilnahmslos auf den Leichnam. Jesse Stone bog mit seinem Wagen gerade auf den Parkplatz des öffentlichen Strandes, der sich am Ende des Damms zum Paradise Neck befand. Er hielt hinter dem dort parkenden Streifenwagen, stellte sein Blaulicht ab und stieg aus. Es war Mitte November und kalt. Jesse schloss die Knöpfe seiner »Paradise-Men’s-Softball-League«-Jacke und stapfte auf den Strand, wo Suitcase Simpson mit einer großen Taschenlampe neben dem leblosen Körper stand.

»Offensichtlich erschossen, Jesse«, sagte er.

Jesse stand neben Simpson und schaute auf die Leiche.

»Wer hat ihn gefunden?«

»Ich. Hatte Nachtschicht und kam hier zufällig vorbei, um – nun ja – pinkeln zu gehen. Im Scheinwerferlicht sah ich den Körper.«

Simpson war ein großes, unförmiges, rotbäckiges Kind, das im Football-Team seiner Highschool als schwergewichtiger Rammbock eingesetzt worden war. Er hieß mit Vornamen eigentlich Luther, aber in Anspielung auf die Baseball-Legende »Suitcase« Simpson wurde er nur Suitcase gerufen.

»Ist Peter Perkins schon unterwegs?«

»Anthony hatte Nachtschicht im Revier«, sagte Simpson. »Er wollte Peter anrufen, sobald er dich informiert hatte.«

»Okay, gib mir die Taschenlampe. Anschließend blockier mit deinem Wagen den Eingang zum Parkplatz. Und sobald Molly ihre Schicht beginnt, soll Anthony hierher kommen. Und alle, die sonst noch gerade einsatzbereit sind. Ich möchte den Tatort großräumig absperren.«

Simpson zögerte einen Moment und schaute noch immer auf den Körper.

»Ist doch Mord, oder?«

»Sieht so aus«, sagte Jesse. »Gib mal die Funzel.«

Simpson gab ihm die Taschenlampe und stapfte zu seinem Streifenwagen. Jesse ging in die Hocke und sah sich die Leiche genauer an. Es war ein Weißer, noch jung – vielleicht 35 Jahre alt. In seinem offenen Mund befand sich Sand. Sein brauner Trainingsanzug aus Velours war triefend nass. In der Jacke befanden sich zwei kleine Einschusslöcher – eins auf der linken Seite des Brustkorbs, eins auf der rechten. Jesse drehte den Kopf behutsam zur Seite. Auch sein Ohr war mit Sand verkrustet. Er richtete den Schein der Taschenlampe auf den Boden neben der Leiche. Außer Seetang, einem morschen Stück Holz und leeren Muscheln war nichts Auffälliges zu sehen, nichts als normaler Schutt auf einem normalen Strand.

Simpson kam vom Parkplatz zurück. Hinter ihm rotierte geräuschlos das Blaulicht des Streifenwagens.

»Perkins ist unterwegs«, sagte er. »Und Arthur Angstrom. Anthony hat Molly angerufen. Sobald sie im Büro eintrifft, wird er sich auch auf den Weg machen.«

Jesse nickte und inspizierte noch immer den Tatort.

»Wie spät haben wir’s, Suit?«

»6 Uhr 15.«

»Und die Ebbe ist auf dem tiefsten Punkt«, sagte Jesse. »Um Mitternacht hatten wir also Flut.«

Aus der Ferne klang eine Sirene.

»Glaubst du, dass er hier angeschwemmt wurde?«, fragte Simpson.

»Ein Körper, der lange im Meer war und an die Küste gespült wurde, sieht anders aus«, sagte Jesse.

»Noch übler«, sagte Simpson.

Jesse nickte.

»Er hat Verletzungen im Gesicht«, sagte Simpson.

»Waren wahrscheinlich die Möwen«, sagte Jesse.

»Ich könnte gut leben, auch ohne das zu wissen«, sagte Simpson.

Jesse bewegte den rechten Arm des Mannes. »Noch immer Leichenstarre«, sagte er.

»Was bedeutet?«

»Die Leichenstarre verschwindet gewöhnlich nach 24 Stunden«, sagte Jesse.

»Dann wurde er also in der Zeit seit gestern früh umgebracht.«

»Mehr oder minder. Das kalte Wasser kann das Zeitfenster geringfügig verändern.«

Ein weiterer Streifenwagen, ebenfalls mit eingeschaltetem Blaulicht, parkte neben Simpsons Auto. Peter Perkins stieg aus und kam auf sie zu. Er hatte eine schwarze Ledertasche in der Hand.

»Anthony meinte, wir haben einen Mordfall?«, sagte Perkins.

»Du bist der Tatortexperte«, sagte Jesse. »In jedem Fall gibt’s zwei Schusswunden in seiner Brust.«

»Das wäre ein Hinweis«, sagte Perkins.

Er stellte die Tasche in den Sand und ging neben Jesse in die Hocke, um die Leiche zu inspizieren.

»Ich vermute, dass er hier in der Gegend erschossen wurde, irgendwann vor Mitternacht, als gerade die Flut eintrat«, sagte Jesse. »Dort drüben ist die Wassergrenze. Die Flut kam um Mitternacht, überspülte ihn und schob ihn vielleicht noch ein Stück hin und her. Als sich die Flut dann zurückzog, blieb er hier liegen.«

»Wenn du recht hast«, sagte Perkins, »sind vermutlich auch alle Indizien weggespült worden, die sich hier möglicherweise befanden.«

»Wir werden den Strand sperren und alles absuchen«, sagte Jesse.

»Es ist November, Jesse«, sagte Simpson. »Kommt ohnehin niemand mehr hierher.«

»Dieser Mann hier offensichtlich schon«, sagte Jesse.

3

Nachdem er den Strand verlassen hatte, griff Jesse zum Handy und rief Marcy Campbell an.

»Bin im Dienste des Gesetzes schon früh auf den Beinen«, sagte er. »Hast du Lust auf ein gemeinsames Frühstück?«

»Es ist nicht mal halb acht«, sagte Marcy. »Was wäre gewesen, wenn ich noch geschlafen hätte?«

»Dann hättest du sicher süß von mir geträumt. Wann hast du denn deinen ersten Termin?«

»Eine Hausbesichtigung auf Paradise Neck um elf Uhr«, sagte sie.

»Dann schau ich jetzt mal schnell vorbei.«

»Ich komme grad erst aus der Dusche«, protestierte Marcy. »Bin noch nicht mal angezogen.«

»Prima«, sagte Jesse. »Dann beeil ich mich noch mehr.«

Als Marcy ihm um 8 Uhr 15 im »Indigo Apple«-Café gegenübersaß, war von einem überstürzten Aufbruch nichts zu sehen: Ihre platinblonden Haare saßen perfekt, das Make-up war tipptopp wie immer.

»Hast dich ganz schön schnell rausgeputzt«, sagte Jesse.

»Wenn der Arm des Gesetzes ruft, bin ich nun mal umgehend zur Stelle«, sagte Marcy. »Was hat dich denn so früh aus dem Bett geworfen?«

»Wir haben eine Leiche am Strand gefunden.«

»An dem öffentlichen Strand?«

»Ja. Zwei Schusswunden.«

»Mein Gott«, sagte Marcy. »Wer ist es denn?«

»Wissen wir noch nicht. Der Gerichtsmediziner schaut ihn sich gerade an.«

»Bekommst du bei Schwerverbrechen eigentlich Unterstützung?«

»Nur wenn wir sie partout brauchen«, sagte Jesse.

»Okay, okay«, sagte Marcy, »ich merk schon, dass ich die Qualifikationen unserer hiesigen Polizei nie infrage stellen sollte.«

»Unser kleines Team ist gar nicht so übel«, sagte Jesse. »Natürlich haben wir nicht die Möglichkeiten eines großen Reviers. In Notfällen greift uns halt die Bundespolizei unter die Arme.«

»Aber du magst es nicht, wenn dieser Fall eintritt?«

»Wenn’s irgendwie geht, zieh ich lieber mein eigenes Ding durch«, sagte Jesse.

Die Inneneinrichtung des »Indigo Apple« wurde von altmodisch verzierten Glasfenstern und blauen Vorhängen dominiert. Zum Frühstück gab’s eine Auswahl verschiedener Omeletts aus aller Welt: italienische Omeletts mit Tomatensoße, mexikanische Omeletts mit Käse und Paprika, schwedische Omeletts mit Sauerrahm und Pilzen. Jesse bestellte die mexikanische Variante, während sich Marcy mit Vollkorntoast zufriedengab.

»Wo wir schon von Jesse Stone, dem einsamen Kämpfer, sprechen«, sagte Marcy. »Wie kommst du denn in letzter Zeit mit dem Alkohol klar?«

»Bestens«, sagte Jesse. Er mochte nicht über seine Alkoholprobleme sprechen, nicht mal mit Marcy.

»Und das Liebesleben?«, fragte sie.

»Abgesehen von dir?«

»Abgesehen von mir.«

»Wächst und gedeiht«, sagte Jesse.

»Bei dir hat man immer das Gefühl, etwas Besonderes zu sein«, sagte Marcy.

»Mein Gott, gleich bricht mir der Schweiß aus«, sagte Jesse.

»Nein.« Marcy lächelte. »Das wollen wir nun doch nicht. Wir sind keine Liebhaber, sondern nur Freunde, die ab und zu vögeln.«

»Dafür sind Freunde da«, sagte Jesse.

»Ist das der Grund, warum wir so problemlos miteinander zurechtkommen?«

»Weil wir nicht ineinander verknallt sind?«

»Schaden kann’s jedenfalls nicht«, sagte Marcy. »Wie geht’s denn deiner Ex?«

»Jenn«, sagte Jesse.

»Ja, Jenn.«

Jesse lehnte sich zurück und schaute durch die altmodischen Glasfenster auf die Straße, wo die Passanten gerade auf dem Weg zur Arbeit waren.

»Jenn«, sagte er nochmal. »Nun, sie … scheint zumindest nicht mehr in den Moderator der Abendnachrichten verknallt zu sein.«

»War sie das denn je?«

»Wahrscheinlich nicht.«

Marcy biss in ihren Toast und nahm einen Schluck Kaffee.

»Sie hat jetzt ein Techtelmechtel mit einem Harvard-Typen«, sagte Jesse.

»Einem Professor?«

Die Kellnerin trat an ihren Tisch und füllte Kaffee nach.

»Nein, irgend so etwas wie ein Dekan, glaub ich.«

»Zumindest bewegt sie sich auf der intellektuellen Leiter nach oben«, sagte Marcy.

Jesse zuckte mit den Schultern.

»Ihr müsst doch nun schon seit fünf Jahren geschieden sein«, sagte Marcy.

»Vier Jahre und elf Tage.«

Marcy rührte in ihrem Kaffee. »Ich bin ja ein paar Jahre älter als du«, sagte sie.

»Was dir wohl das Vorrecht gibt, jungen Schnöseln wie mir weise Ratschläge zu erteilen«, sagte Jesse.

»Du hast es erraten: Genau so läuft’s.«

»Und du rätst mir, Jenn zu vergessen.«

»In der Tat«, sagte Marcy.

Jesse spießte einen Bissen seines Omeletts auf die Gabel, aß ihn, spülte ihn mit einem Schluck Kaffee hinunter und wischte sich mit der Serviette den Mund ab.

»Gibt es irgendjemanden, der dir zum Gegenteil rät?«, fragte Marcy.

»Nein.«

»Wenn du das Problem mit Jenn gelöst hast, könntest du vielleicht auch dein Alkoholproblem in den Griff bekommen – und nur noch ein richtig guter Polizeichef sein.«

»Ich war im Job nie betrunken«, sagte Jesse.

»Du warst bei deinem jetzigen Job nie betrunken«, korrigierte ihn Marcy.

»Lässt sich nicht leugnen«, sagte Jesse sanft.

»Nachdem Jenn dich sitzen ließ, hat dich der Alkohol immerhin den Job in L.A. gekostet«, sagte Marcy. »Und genau deshalb bist du hierher gekommen: um nochmal von vorne anzufangen.«

Jesse nickte.

»Also?«, sagte Marcy.

»Also was?«

»Jenn folgte dir hierher – und du hast den Alkohol noch immer nicht unter Kontrolle«, sagte Marcy. »Vielleicht gibt’s da ja eine Verbindung.«

Jesse stocherte in seinem Omelett.

»Glaubst du, dass man in Mexiko wirklich solche Omeletts isst?«, fragte er.

»Willst du mir vielleicht damit sagen, dass ich besser den Mund halten sollte?«

Jesse grinste sie an und trank noch einen Schluck Kaffee. Der große weiße Porzellanbecher erinnerte ihn an seine Kindheit in Tucson.

Er schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er. »Dein Ratschlag ist grundsätzlich richtig, aber er ist nicht richtig für mich.«

»Weil?«

»Ich werde Jenn nicht aufgeben, bis sie mich aufgegeben hat«, sagte er.

»Gibst du ihr damit nicht den Freibrief, sich alles erlauben zu können, dich aber trotzdem immer an der Leine zu haben?«

»Ja«, sagte Jesse. »So sieht’s wohl aus.«

Marcy starrte ihn an.

»Was für ein Gefühl löst es bei dir aus, wenn sie mit anderen Männern schläft?«, fragte sie.

»Wir sind geschieden«, sagte Jesse. »Sie hat das Recht dazu.«

»Soso«, sagte Marcy. »Aber was fühlst du dabei?«

»Ich möchte am liebsten kotzen«, sagte Jesse. »Ich möchte alle Männer umbringen, mit denen sie zusammen ist.«

»Aber du tust es nicht.«

»Nein.«

»Weil du im Knast landen würdest?«

»Weil es mich nicht zu meinem Ziel bringt«, sagte Jesse.

»Ich hoffe, dass du das nicht in den falschen Hals kriegst«, sagte Marcy, »aber du bist womöglich der am simpelsten gestrickte Mensch, der mir je begegnet ist.«

»Ich weiß eben, was ich will«, sagte Jesse.

»Und verlierst dein Ziel nie aus den Augen.«

»So ist es«, sagte Jesse.

4

Bob Valenti kam in Jesses Büro und setzte sich gleich auf einen Stuhl. Er war übergewichtig, hatte einen schwarzen Vollbart und trug eine blaue Windjacke mit den Worten PARADISE ANIMAL CONTROL auf dem Rücken.

»Wie läuft’s denn, Käpt’n?«, fragte er.

Valenti hatte einen Halbtagsjob als Hunde-Beauftragter, hielt sich aber selbst für einen Polizisten. Auch wenn er seine Arbeit vernünftig erledigte, ging er Jesse auf die Nerven. In den 15 Jahren seiner Polizeikarriere, angefangen in L.A. South Central, hatte er nie gehört, wie ein Cop seinen Polizeichef mit »Käpt’n« anredete.

»Wir sind hier locker drauf«, sagte er. »Du kannst mich ruhig Jesse nennen.«

»Klar, Jess, wollte nur Respekt bekunden.«

»Ich weiß es zu schätzen, Bob«, sagte Jesse. »Was liegt denn an?«

»Hab heute Morgen einen Hund aufgegabelt«, sagte Valenti. »Es ist ein Vizsla, ein ungarischer Jagdhund, mittelgroß, rötlich-goldenes Haar …«

»Ich weiß, wie ein Vizsla aussieht«, unterbrach ihn Jesse.

»Wie dem auch sei. Die Nachbarn erzählten jedenfalls, dass er seit zwei Tagen an einem Haus rumstromert.«

Jesse nickte. Er bemerkte, dass sich im Sonnenlicht, das hinter ihm durchs Fenster fiel, die ersten grauen Haare in Valentis Bart zeigten.

»Die Zeiten haben sich halt geändert«, sagte Valenti. »Als die Hunde noch frei herumliefen, konnten sie tagelang verschüttgehen, ohne dass es jemand bemerkte. Aber heute, wo Hunde grundsätzlich angeleint sein müssen, fällt ein frei umherlaufender Hund sofort auf.«

»Hmm.«

»Also schau ich mir das Apartment-Haus in der Pleasant Street mal an, und tatsächlich läuft der Hund vorm Gebäude rum. Und er hat diesen verstörten Gesichtsausdruck, den sie immer bekommen, wenn irgendwas nicht stimmt: aufgerissene Augen, unruhiges Verhalten – man merkt sofort, dass sie nicht nach Hause finden.«

Jesse nickte.

»Also nähere ich mich, spreche freundlich mit ihm, aber er ist so schreckhaft wie ein Straßenköter. Ich hatte alle Mühe, ihn einzufangen.«

»Aber du hast’s geschafft«, sagte Jesse und konnte sein Desinteresse kaum verheimlichen.

»Klar doch«, sagte Valenti. »Ich mach den Job schließlich lange genug.«

»Hatte der Hund eine Marke?«

»Ja, und das ist das Verrückte daran: Er lebte da.«

»Wo?«

»In dem Haus, vor dem er rumstromerte. Er gehört einem Mann namens Kenneth Eisley. Also klingel ich, doch niemand rührt sich. Aber ich sehe, dass der ›Boston Globe‹ von gestern und heute auf der Treppe liegt. Sieht also ganz so aus, als sei der Besitzer nicht zu Hause.«

»In welchem Zustand ist der Hund?«

»Er ist verschreckt – klemmt die Rute ein und lässt die Ohren hängen –, aber er sieht ganz gesund aus. Hab ihm Futter und Wasser gegeben.«

»Und er sieht so aus, als würde man sich gewöhnlich gut um ihn kümmern?«

»Absolut. Teures Halsband, sauber und gepflegt, gute Zähne – sogar seine Krallen müssen neulich geschnitten worden sein.«

»Du schaust wirklich genau hin«, sagte Jesse.

»Und ob. Hab ein Auge für Kleinigkeiten. Gehört mit zum Job.«

»Wo befindet er sich jetzt?«

»Ich hab im Garten ein paar Zwinger«, sagte Valenti. »Ich behalt ihn, bis wir den Besitzer aufgetrieben haben.«

»Hast du die Adresse von diesem Kenneth Eisley?«

»Klar. 41 Pleasant Street. Großes, graues Gebäude mit weißen Schmuckelementen. Hat drei verschiedene Eingänge.«

»Die Adresse sollte einem Cop eigentlich reichen«, sagte Jesse.

»Davon bin ich überzeugt, Käpt’n.«

5

Sie saßen im Arbeitszimmer und sahen sich Fotos auf dem Computer an.

»Schau sie dir nur an«, sagte sie. »Sind sie nicht süß?«

»Du wirst als Fotograf immer besser«, sagte er.

»Vielleicht wär’s ja witziger, diesmal eine Frau dranzunehmen«, sagte sie.

»Abwechslung gibt dem Leben Würze«, sagte er.

»Schaut denn eine von diesen hier interessant aus?«, fragte sie.

Er lächelte sie an.

»Interessant schauen sie alle aus«, sagte er.

»Aber wir müssen schon die Richtige finden«, sagte sie.

»Überstürzen möcht ich’s auch nicht.«

»Vielleicht ist sie ja noch nicht mal in dieser Auswahl vertreten.«

»Dann müssen wir eben weiter recherchieren und uns einen neuen Vorrat anlegen.«

»Das wird ein Spaß«, sagte sie.

»Alles macht Spaß.«

»Wirklich«, sagte sie. »Die Recherche, die endgültige Auswahl, die Planung, das Beschatten …«

»Mit einem guten Vorspiel wird eigentlich alles besser.«

»Je länger man den Orgasmus hinauszögern kann, desto besser wird er.«

Sie schauten sich auf dem Monitor weitere Kandidaten an. Die automatische Slide-Show lieferte alle fünf Sekunden ein neues Bild.

»Halt mal an«, sagte sie.

»Die da?«

»Meinst du?«, fragte sie.

»Hmm.«

»Nicht zu alt?«

»Du hast recht. Wir sollten diesmal eine junge, wirklich attraktive Person finden.«

»Spontan hab ich auch das Gefühl«, sagte sie.

»Eine prickelnde Vorstellung jedenfalls«, sagte er. »Oder nicht?«

»Absolut.«

Er klickte wieder auf die Slide-Show. Sie hielten sich an den Händen fest, als sie sich die Fotos von jungen und alten Männern anschauten, von jungen und alten Frauen, von Männern und Frauen undefinierbaren Alters. Alle waren sie weiß – mit Ausnahme eines asiatischen Mannes in einem blauen Anzug.

»Da«, sagte er und hielt das Bild an.

»Wirklich?«

»Sie ist es«, sagte er.

»Findest du wirklich, dass sie attraktiv ist?«

»Ich finde, sie ist eine Wucht.«

»Auf mich wirkt sie ja ein wenig drall.«

»Sie ist es«, sagte er.

Er sagte es sehr bestimmt, und sie konnte die Gewissheit in seiner Stimme hören. Er sagte es nochmal.

»Sie ist es.«

»Okay«, sagte seine Frau. »Wenn du sie nehmen möchtest, dann bekommst du sie auch. Sie sieht auch wirklich so aus, als würde sie uns ’ne Menge Spaß bringen.«

»Das ist ihr Haus, aus dem sie da gerade kommt«, sagte er. »Rose Avenue, wenn ich mich recht erinnere.«

Seine Frau schaute auf eine Liste mit diversen Adressen.

»Richtig, Rose Avenue«, sagte sie.

»Hab nun mal ein Gedächtnis wie ein Elefant«, sagte er.

»Dann werden wir sie also ab morgen beschatten?«

»Wir werden sie jede Minute des Tages verfolgen«, sagte er. »Werden rausfinden, ob sie mit jemandem zusammenlebt, wann sie allein ist, wann und wohin sie ausgeht, ob sie ein Auto hat, Fahrrad fährt, zum Joggen geht oder sich mit Männern trifft.«

»Und je mehr Details wir über sie wissen«, sagte sie, »umso sicherer wird es sein, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.«

»Besser und intensiver.«

Er lächelte. »Dabei oder danach?«, fragte er.

»Beides.«

6

Mit seiner hellbraunen Aktentasche stand Jesse auf der großzügigen Terrasse, die das Haus in der Pleasant Street 41 auf drei Seiten umgab. Es gab zwei Eingänge auf der Vorderseite, einen dritten neben der Einfahrt. Jesse ging zu 41 A und drückte die Klingel, die sich über dem Namen Kenneth Eisley befand. Er wartete. Nichts rührte sich. Über der Klingel bei 41 B stand der Name Angie Aarons. Er klingelte und hörte im Inneren umgehend Geräusche. Eine Frau öffnete die Tür. Sie trug ein schwarzes Trikot und graue Jogginghosen. Ihre blonden Haare hatte sie hochgesteckt. Die Füße waren nackt. Auf ihrem Gesicht befand sich ein Hauch von Schweiß.

»Hallo«, sagte sie.

»Ms. Aarons?«

»Ja.«

Jesse trug Jeans und seine Softball-Jacke. Er holte seine Polizeimarke heraus.

»Jesse Stone«, sagte er.

»Darf ich die Marke vielleicht noch einmal sehen?«, fragte sie.

»Natürlich.«

Sie sah sich die Marke gründlich an.

»Sie sind ja sogar der Boss«, sagte sie.

»Bin ich.«

»Wieso tragen Sie dann nicht einen Anzug, wie man es von einem Chef erwartet?«

»Bin heute ausnahmsweise mal ganz leger«, sagte Jesse.

»Sind Sie für einen Polizeichef nicht ganz schön jung?«

»Und wie alt sollten Polizeichefs denn Ihrer Meinung nach sein?«

»Zumindest älter als ich«, sagte sie und lächelte ihn an.

»Ich tu mein Bestes«, sagte Jesse. »Haben Sie vielleicht Kontakt zu Kenneth Eisley von nebenan?«

»Kenny? Klar, wenn auch nur oberflächlich. Wir haben gelegentlich mal was zusammen getrunken, nehmen Postzustellungen für den anderen in Empfang – solche Sachen.«

»Haben Sie ihn in letzter Zeit gesehen?«

»Nicht in den letzten Tagen.« Sie hielt inne. »Oh mein Gott, wo sind nur meine Manieren geblieben«, sagte sie. »Kommen Sie doch rein. Möchten Sie Kaffee? Er ist frisch gekocht.«

»Gegen einen Kaffee hab ich nie was einzuwenden«, sagte Jesse. »Milch und Zucker.«

Sie trat von der Tür zurück und ließ ihn hinein. Die Wände waren weiß, die Zierleisten waren weiß und das gesamte Mobiliar bestand aus hell gebeizter Eiche. Zum Wohnzimmer ging es nach rechts durch einen geschwungenen Torbogen. Links neben dem Kamin stand ein Großbildschirm, auf dem Teppich lag eine Gymnastikmatte. Sie brachte ihm den Kaffee in einem großen, knallbunten Becher.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Das gute Porzellan ist gerade in der Spülmaschine.«

»Ich bin ein Cop«, sagte Jesse. »Ich trinke Kaffee grundsätzlich aus dem Pappbecher.«

Neben der Gymnastikmatte lagen diverse Gummiröhren und ein Metallring mit Gummigriffen. Sie nahm auf einem großen weißen Sitzkissen Platz.

»Warum fragen Sie denn nach Kenny?«, sagte sie.

»Hat er einen Hund?«

»Goldie«, sagte sie. »Ein Vizsla. Wissen Sie, wie sie aussehen?«

Jesse nickte.

»Goldie lief seit ein paar Tagen ums Haus herum«, sagte Jesse. »Unser Hunde-Beauftragter nahm ihn mit sich, konnte Kenny aber nicht ausfindig machen.«

»Zum letzten Mal sah ich ihn, als er mit dem Hund an den Strand zum Joggen ging.«

»Wann war das?«, fragte Jesse.

»Abends, vor einigen Tagen.«

Jesse holte ein Foto aus seiner Aktentasche.

»Ich werde Ihnen jetzt ein Foto zeigen. Es ist nicht gerade ekelerregend, aber es zeigt einen toten Mann.«

»Ist es etwa Kenny?«

»Das möchte ich von Ihnen hören«, sagte Jesse. »Sind Sie bereit?«

Sie nickte. Er zeigte ihr das Foto. Sie schaute es nur für den Bruchteil einer Sekunde an, blickte dann zur Seite und lehnte sich zurück.

»Oh«, sagte sie nur. »Oh.«

Jesse wartete.

Nach einer Weile nickte sie.

»Ja«, sagte sie. »Es ist Kenny.«

Jesse steckte das Foto weg.

»Was ist passiert?«, fragte sie.

»Jemand hat ihn erschossen«, sagte Jesse. »Auf Paradise Beach. Vorgestern Nacht.«

»Mein Gott. Warum?«

»Wissen wir noch nicht.«

»Und wer?«

Jesse schüttelte den Kopf.

»Goldie«, sagte Angie Aarons. »Er muss mit Kenny am Strand gewesen sein, als es …«

»Wahrscheinlich«, sagte Jesse.

»Und dann wusste er nicht, was er tun sollte, und kam zurück. Armes Ding.«

»Ja«, sagte Jesse. »Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wer Kenny erschossen haben könnte?«

»Oh Gott, nein!«, sagte Angie.

»Was machte er beruflich?«

»Er ist, äh, war ein Börsenmakler oder so was. Arbeitete für eine große Firma in Boston.«

»Familie?«

»Keine Ahnung. So gut kannte ich ihn auch wieder nicht. Familienangehörige hab ich jedenfalls nie gesehen.«

»Wissen Sie, wie lange er hier gelebt hat?«, fragte Jesse.

»Nein, er war schon hier, als ich vor drei Jahren einzog.«

»Woher?«

»Woher ich komme?«

»Ja.«

Sie lächelte.

»Bin ich jetzt auch verdächtig?«

»Nein«, sagte Jesse. »Die Frage war völlig inoffiziell.«

»Wirklich?«, sagte sie. »Ich kam aus Los Angeles.«

»Witzig«, sagte Jesse. »Ich auch.«

7

Jesse saß an seinem Schreibtisch und aß gerade ein Pastrami-Sandwich, als Molly ein Mädchen und ihre Mutter in sein Büro führte. Es war Donnerstag, kurz nach Mittag.

»Ich glaube, du solltest mit den beiden Damen reden«, sagte Molly.

Jesse trank noch schnell einen Schluck »Dr. Brown Cream’s Soda«. Er nickte.

»Entschuldigen Sie, dass ich gerade esse«, sagte er.

»Es ist mir scheißegal, ob Sie essen«, sagte die Mutter. »Meine Tochter wurde vergewaltigt.«

»Mutter!«

»Vielleicht solltest du hier bleiben, Molly«, sagte Jesse.

Molly nickte, schloss die Tür und lehnte sich daneben gegen die Wand.

»Erzählen Sie mir von der Vergewaltigung«, sagte Jesse.

»Ich bin nicht vergewaltigt worden«, sagte das Mädchen.

»Halt den Mund«, sagte die Mutter.

Jesse biss noch einmal in sein Sandwich und kaute wortlos.

»Sie kam vorzeitig von der Schule zurück und wollte sich heimlich ins Haus stehlen. Ihr Kleid war zerrissen, die Haare völlig zerzaust, die Lippe geschwollen. Man kann die Schwellung noch immer sehen. Sie weinte und wollte mir nicht sagen, was der Grund ist.«

Jesse nickte und trank noch einen Schluck Soda.

»Ich bestand darauf, sie zu untersuchen«, sagte die Mutter. »Sie trug keine Unterwäsche. Ihre Oberschenkel waren voller Blutergüsse. Ich sagte ihr, dass ich sie zum Doktor schleppen würde, sollte sie nicht mit der Wahrheit rausrücken. Und deshalb gestand sie mir dann alles.«

»Dass sie vergewaltigt wurde?«, fragte Jesse.

Er schaute zur Tochter, die ihn mit einem flehentlichen Gesichtsausdruck ansah.

»Genau.«

»Hat jemand Proben entnommen?«

»Wie bitte?«

»Ist sie von einem Arzt untersucht worden?«

»Damit dann die ganze Stadt darüber Bescheid weiß? Um Gottes willen. Nein, ich habe veranlasst, dass sie sich selbst sauber macht und sie dann gleich hergebracht.«

»Sich selbst sauber macht?«

»Natürlich. Weiß der Teufel, was da an Bazillen und gefährlichen Keimen vorhanden war. Und ich schleppe sie nicht hierher, wenn sie wie eine Obdachlose aussieht.«

»Gebadet?«, fragte Jesse Richtung Tochter. »Geduscht?«

Die Tochter rührte sich nicht.

»Ich hab sie in ein heißes Bad gesteckt«, sagte die Mutter. »Und sie dann abgeschrubbt, als wäre sie ein zweijähriges Kind.«

Aus den Augenwinkeln sah Jesse, wie Molly die Augenbrauen hochzog.

»Darf ich Ihre Namen erfahren?«, sagte Jesse.

Und wieder sah ihn die Mutter an, als wäre diese Frage unhöflich.

»Ich bin Mrs. Chuck Pennington. Das ist Candace.«

»Wer hat dich also vergewaltigt, Candy?«, fragte Jesse.

»Candace«, korrigierte die Mutter.

Jesse nickte.

»Candace«, sagte er.

Candace schüttelte den Kopf.

»Nun sag’s ihm schon, junge Dame. Ich werde nicht zulassen, dass jemand sie vergewaltigt und dann meint, ungeschoren davonzukommen.«

»Ich werde nichts sagen«, murmelte Candace. »Und Sie werden mich nicht dazu zwingen.«

»Nein«, sagte Jesse. »Aber wie sollen wir dich beschützen, wenn ich nicht weiß, wer es war?«

»Sie können mich nicht beschützen«, sagte Candace.

»Hat er dich bedroht?«

»Das haben sie alle.«

»Alle!«, sagte die Mutter. »Gütiger Gott. Nun erzähl schon dem Mann, was genau passiert ist.«

Candace schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht war hochrot und von Tränen verschmiert.

»Wenn ich nicht weiß, wer es ist, kann ich sie auch nicht aufhalten«, sagte Jesse. »Dann machen sie’s vielleicht wieder. Mit einem anderen Mädchen. Oder wieder mit dir.«

Candace schüttelte den Kopf.

»Verspürst du denn nicht den Wunsch, dich zu rächen?«, fragte Molly. »Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich darauf bestehen, dass die Jungs festgenommen werden.«

Candace schwieg. Ihre Mutter schlug ihr mit der Hand auf den Hinterkopf.

»Keine Handgreiflichkeiten«, sagte Jesse. »Molly, warum bringst du Candace’ nicht ins Konferenzzimmer?«

Molly nickte. Sie stieß sich von der Wand ab, legte ihre Hand vorsichtig auf Candace’ linken Arm, half ihr aus dem Stuhl und führte sie hinaus. Jesse stand auf, schloss die Tür hinter ihnen und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.

»Sie steht bereits unter Schock«, sagte Jesse. »Da ist es wenig hilfreich, dass sie auch noch von ihrer Mutter traumatisiert wird.«

»Machen Sie mir gefälligst keine Vorschriften, wie ich meine Tochter zu erziehen habe.«

»Töchter sind sicher nicht mein Spezialgebiet«, sagte Jesse, »aber mit dem Thema Vergewaltigung kenne ich mich gezwungenermaßen aus. Sie sollte vor allem einen Doktor aufsuchen – selbst wenn er ihr nur ein Beruhigungsmittel gibt. Wer ist ihr Gynäkologe? Ich kann ihn gerne für Sie anrufen.«

»Gibt es denn medizinisch eine Möglichkeit, den Täter zu identifizieren?«

»Ein heißes Bad spült Indizien gewöhnlich weg«, sagte Jesse.

»Dann werde ich sie auch nicht zum Arzt bringen. Wenn der Arzt nicht tratscht, dann tut’s die Assistentin. Oder die Frau vom Empfang. Oder die Gattin des Arztes. Irgendeiner schwatzt immer. Und ich werde nicht zulassen, dass über meine Tochter schmutzige Gerüchte in Umlauf kommen.«

Jesse schob den Rest seines Sandwiches in den Mund, spülte ihn mit dem letzten Schluck Soda hinunter und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. Diese warf er mit Dose und Sandwich-Papier in den Abfalleimer und lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück. Dann legte er einen Fuß auf die geöffnete untere Schublade und trommelte mit den Fingern auf seinen nicht vorhandenen Bauch. Er schaute Mrs. Pennington nachdenklich an.

»Vielleicht sollte ich mit ihr mal unter vier Augen sprechen«, sagte er.

»Und Sie glauben, dass sie Ihnen Sachen erzählen wird, die sie ihrer eigenen Mutter nicht sagt?«

»Kann passieren«, sagte Jesse.

Mrs. Pennington runzelte die Stirn. Sie faltete ihre Hände, berührte mit den Fingerspitzen ihre Lippen und schwieg für einen Moment. Sie sieht eigentlich ganz attraktiv aus, dachte Jesse. Vielleicht ein bisschen zu blond und zu sonnengebräunt, auch ein wenig zu aufgetakelt für meinen Geschmack. Das Gesicht mit den strahlend weißen Zähnen sieht eher etwas gemein aus, aber ihre Figur ist tipptopp.

»Der Vorfall müsste völlig vertraulich behandelt werden«, sagte sie schließlich.

Jesse nickte.

»Können Sie mir das versprechen?«

Jesse schüttelte den Kopf.

»Können Sie nicht?«

»Natürlich kann ich das nicht«, sagte er. »Wir bei der Polizei können uns den Tratsch schon verkneifen, aber wenn es Festnahmen gibt und Anklagen und Prozesse, wird man zwangsläufig davon erfahren.«

»Oh mein Gott«, sagte sie. »Ich würde den Skandal nicht überleben. Nicht überleben!«

»Vergewaltigt zu werden ist nicht gerade ein skandalöses Verhalten«, sagte Jesse.

»Das verstehen Sie nicht.«

Jesse schwieg.

»Ich möchte das Thema nicht weiter diskutieren«, sagte sie. »Ich nehme meine Tochter wieder mit nach Hause.«

»Früher oder später werden Sie den Tatsachen ins Auge sehen müssen. Oder Ihre Tochter muss es tun.«

»Bringen Sie mir meine Tochter«, sagte sie.

Jesse stand auf und ging zur Tür.

»Molly«, rief er. Als sie aus dem Konferenzzimmer schaute, sagte er: »Bring das Mädchen wieder rein.«

Als sie ihre Tochter sah, stand Mrs. Pennington auf.

»Wir gehen heim«, sagte sie.

Die Augen des Mädchens waren rot und geschwollen. Eine Prellung auf ihrem Backenknochen war inzwischen dunkler geworden. Sie schien völlig geistesabwesend zu sein. Jesse schaute zu Molly. Molly schüttelte den Kopf.

»Candace«, sagte Jesse.

Das Mädchen schaute ihn flüchtig an. Ihre Pupillen waren vergrößert und starrten ins Leere.

»Gibt es noch irgendwas, das du mir sagen möchtest?«, fragte Jesse.

Sie sah zu ihrer Mutter.

»Wir sind hier fertig, Candace«, sagte Mrs. Pennington.

Das Mädchen schaute noch einmal Jesse an. Für einen kurzen Augenblick wich sie seinem Blick nicht aus, und Jesse hatte das Gefühl, in ihrem Gesicht so etwas wie ein menschliches Wesen zu sehen. Er nickte nachdenklich. Das Mädchen sagte nichts. Dann nahm ihre Mutter sie am Arm und führte sie aus dem Revier hinaus.

8

»Ich bin gekommen, um dir was zum Abendessen zu kochen«, sagte Jenn, als sie mit einer großen Einkaufstüte in Jesses Apartment eintraf.

»Kochen?«, sagte Jesse.

»Ich kann kochen«, sagte Jenn.

»Wusste ich gar nicht.«

»Ich hab einen Kochkurs gemacht«, sagte Jenn und stellte die Tüte auf den Küchentisch. »Vielleicht könntest du uns ja in der Zwischenzeit einen kleinen Cocktail machen?«

»Könnte ich«, sagte Jesse.

Jenn holte eine kleine grüne Schürze aus der Tüte und band sie sich um.

»Richtig professionell«, sagte Jesse.

»Kleider machen Köche«, sagte Jenn und lächelte ihn an.

Jesse mixte zwei Martinis, während Jenn gegrillte Garnelen und Mango-Chutney auf einem Glasteller anrichtete. Sie nahmen ihre Drinks und die Vorspeise ins Wohnzimmer. Dort setzten sie sich aufs Sofa und schauten durch die Balkontür auf den Hafen hinaus.

»Es ist wirklich schön hier, Jesse.«

»Ist es.«

»Aber es ist alles so … nackt.«

»Nackt?«

»Nun ja, die Wände sind komplett weiß, die Tischplatten sind leer, keine Bilder an den Wänden.«

»Immerhin gibt’s Ozzie«, sagte Jesse.

Jenn schaute auf das gerahmte Farbfoto der Baseball-Legende Ozzie Smith. Bei dem Versuch, einen Ball zu fangen, segelte er fast horizontal durch die Luft.

»Das Bild hast du, seit ich dich kenne.«

»Er war auch der beste Shortstop, den ich je gesehen habe«, sagte Jesse.

»Du wärst vielleicht genauso gut gewesen, wenn du dich nicht verletzt hättest.«

Jesse lächelte und schüttelte den Kopf.

»Ich hätte vielleicht ganz oben mitgespielt«, sagte er, »aber ein Ozzie wäre ich nie geworden.«

»Wie dem auch sei«, sagte Jenn. »Ein Foto von einem Baseballspieler ist nicht gerade das, was man Inneneinrichtung nennt.«

»Es gibt noch ein Foto von dir im Schlafzimmer«, sagte er. »Gleich auf dem Nachtschränkchen.«

»Was machst du eigentlich, wenn du mal Damenbesuch hast?«

»Es bleibt da stehen«, sagte Jesse. »Die Damen sollen ruhig von dir wissen.«

»Schießt du dir damit nicht selbst ins Knie?«, fragte Jenn. »Hält es die Damen nicht eher davon ab, bei dir zu übernachten?«

»Kann schon sein«, sagte Jesse.

»Aber nicht in jedem Fall?«

»Nein«, sagte Jesse, »nicht in jedem Fall.«

Sie schwiegen und dachten über ihren Wortwechsel nach. Jesse stand auf und mixte noch einen zweiten Martini.

»Was sollen sie denn über mich wissen?«, fragte sie, als er mit den Martinis zurückkam.

»Dass ich dich liebe – und ich mich nicht in sie verlieben werde.«

»Gut«, sagte Jenn.

»Gut für wen?«, fragte Jesse.

»Für mich zumindest«, antwortete sie. »Ich will dich in meinem Leben haben.«

»Und du glaubst, die Scheidung war der beste Weg, um das zu beweisen?«

»Ich kann mir ein Leben ohne dich einfach nicht vorstellen.«

»Der Mensch ist ein Gewohnheitstier«, sagte Jesse.

»Es ist mehr als eine Gewohnheit, Jesse. Es gibt ein Band zwischen uns, das einfach alle Belastungen übersteht.«

»Vielleicht deshalb, weil ich dafür sorge, dass es nicht reißt«, sagte er.

»Das tust du«, sagte Jenn, »aber schließlich gibt’s auch einen Grund, warum ich hier sitze. Ich hätte auch als Wetterfrau bei einer Fernsehstation in Los Angeles, Pittsburgh oder San Antonio arbeiten können.«

»Aber du bist hier«, sagte Jesse.

»Du bist also nicht der Einzige, der unsere Beziehung am Laufen hält«, sagte Jenn.

»Was um alles in der Welt läuft bloß schief mit uns?«, fragte Jesse.

Jenn stellte ihr Glas ab, Jesse schenkte ihr nach.

»Wahrscheinlich mehr als uns bewusst ist«, sagte Jenn. »Aber eines weiß ich: Wir nehmen es ernst.«

»Was?«

»Liebe, Ehe, Beziehung – uns beide.«

»Und aus diesem Grund haben wir uns scheiden lassen und damit begonnen, mit anderen zu vögeln«, sagte Jesse. »Oder war’s andersrum?«

»Das Andersrum trifft auf mich sicher zu«, sagte Jenn. »Aber ich hab’s auch nicht verdient, dass wir das jedes Mal erörtern müssen.«

»Ich weiß«, sagte Jesse. »Tut mir leid. Aber wenn wir unsere Beziehung so ernst nehmen, warum stecken wir dann in diesem Schlamassel?«

»Weil wir nicht wollten, dass unsere Ehe nur noch auf dem Papier stand«, sagte Jenn. »Du wolltest dich nicht mit meinen Seitensprüngen abfinden, und ich konnte nicht mit der Vorstellung leben, in unserer Ehe zu ersticken.«

»Ich hab dich leidenschaftlich geliebt«, sagte Jesse.

Im Mixer befand sich noch ein halber Martini, mit dem er sein Glas auffüllte.

»D

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