Logo weiterlesen.de
Eisig

Motto:

Es zählt einzig die Arbeit des Augenblicks. Und die geht rasch verloren.

Claude Lévi-Strauss

Russisches Roulette

Georg verbarg den Revolver in der Manteltasche und öffnete vorsichtig die Tür. Die Diele war dunkel, leer wie gewöhnlich. Er trat ins Treppenhaus, zog leise die Glastüre hinter sich ins Schloss und rannte die Treppe hinunter. Er war zu früh am Brunnen und musste warten. Mit der linken Hand zog er ein Fünfzigpfennigstück aus der Tasche. Es war sein letztes Geld. Er wählte Zahl, dass Micha käme, Bild, dass er nicht käme, wirbelte das Geldstück durch die Luft und hob es auf. Es zeigte Zahl. Dann warf er es ins Wasser. Es schien einen Teil seiner Schwere zu verlieren, als es langsam und taumelnd auf den Grund des grünlich-blau gestrichenen Beckens niedersank und dort eine Flocke braunen Schmutzes aufstörte, die es, von kleinen, unsichtbaren Strömungen bewegt, halb bedeckte, als es liegen blieb und ungenau durch’s Wasser blinkte. Georg starrte lange Zeit hinab; dann kam Micha.

Micha trug wie immer seine braune Jacke. Die oberen Schneidezähne standen bei ihm vor, so dass die Lippe sie nicht ganz bedeckte.

„Hast du’s mitgebracht?“, fragte er.

„Ja.“

„Lass sehn!“

„Hier doch nicht! Fühl mal!“ Georg drückte den Revolver von innen gegen das Tuch des Mantels, worin sich undeutliche Konturen abzeichneten, die Micha betastete.

„Hast du Angst?“, wollte Georg wissen. Er sprach leise. „Nein, ich hab’ keine“, erwiderte Micha, wobei seine Stimme ins Glucksen kam, als stolpere sie über etwas. Micha war im Stimmbruch.

„Los, gehn wir!“, forderte Georg auf.

Als sie in die Straßenbahn stiegen und auf der Plattform warteten, flüsterte Georg Micha zu:

„Du musst für mich bezahlen, ich hab’ kein Geld mehr.“ Und Micha zahlte für beide, während sich Georg an der hohen Schranke vorbeischob.

Auf der ganzen Fahrt sprachen sie kein Wort. Sie saßen auf der schmalen Seite des Wagens und blickten durch die von getrockneten Regenspuren verunreinigten Scheiben auf die Vorstadtstraßen hinaus; oder Georg sah auf Michas braunen Kragen, aus dem der Nacken sich bleich und nackt hervorhob, erst oben setzte das Haar an; oder Micha starrte mit dem Blick des innerlich Beschäftigten die eigenen Hände an, von denen er nichts wahrnahm. Sie fuhren, bis der Zug seine Endstation erreicht hatte, wo die Gleise eine Schlinge um die weißverputzte Baracke mit großem Vordach und grün gestrichenen Holzbänken beschreiben. Sie stiegen aus. Georg behielt beide Hände in den Taschen. Dann gingen sie eine schmale, bekieste Straße zum Fluss hinunter, der in trüben Lachen zwischen den Steinen lag, und die Promenade an seinem Ufer entlang. Das welke Laub war feucht unter ihren Schritten; Nebel bildete sich zwischen den Bäumen; der Himmel hing niedrig und bezogen. Es begann schon zu dämmern.

Vor Michas atmend geöffnetem Mund erschienen durchsichtig graue Wölkchen, die der Luftzug verwehte. Er fror ein wenig; sein bleiches Gesicht schimmerte.

„Das ist weit genug“, brach er endlich das Schweigen. „Wir müssen ja wieder zurück.“

Georg blieb stehen und sah sich um. Fluss und Uferweg liefen zurück in den Nebel; alles war still.

„Weit genug!“, entschied er und sprang die Böschung hinunter auf den schmalen, glatten, von verwelktem Unkraut bedeckten Flusssaum.

„Los, komm!“, rief er dem zögernden Micha zu, der ungeschickt hinunter und neben ihn stolperte. Georg zog den Revolver mit dem schwarzen matten Lauf, der matten Trommel und dem polierten Holz des Griffs hervor, legte ihn in Michas Hand, hob ihm den Arm und erklärte ihm, wie er zielen und abdrücken müsse.

„Jetzt ist er gesichert“, sagte er, „drück aber nicht ab, es ist nur eine Patrone da. Du musst das linke Auge zudrücken und mit dem rechten zielen. Hier, die kleine Schraube muss in die Kimmer passen, und auf derselben Linie muss dein Ziel liegen, dann drückst du den Abzug. Hast du das verstanden?“

Micha antwortete nichts, sondern stand stumm mit ausgestrecktem Arm und zugekniffenen Augen da. Sein Atem kam kurz aus dem geöffneten Mund.

„Du hast wohl Angst?“, fragte Georg mit einem Kratzen in der Stimme. Wieder antwortete Micha nichts, ließ aber den Arm sinken und öffnete die Augen. Endlich sagte er: „Und wenn etwas passiert?“

Georg sah ihn nicht an und erwiderte auch nichts. Er setzte sich an die Böschung und schien zu überlegen.

„Machst du mit oder nicht?“, fragte er nach einer Weile mit fast gleichgültiger Betonung.

„Ja“, sagte Micha, und selbst bei der kurzen Silbe kam wieder jenes Glucksen in seine Stimme.

Georg stand auf und nahm Micha den Revolver aus der Hand, entsicherte ihn und ließ die Trommel herumwirbeln; dann gab er ihn Micha zurück und entfernte sich zehn Schritte.

Micha stand da mit herabhängenden Armen, einem ängstlichen Ausdruck auf dem Gesicht. Seine Gestalt und der Himmel spiegelten sich im trüben Wasser.

„Los!“, schrie Georg. „Los!“, als Micha sich nicht regte.

Langsam hob Micha den Arm, der Revolver schwankte in seiner Hand; er kniff beide Augen zusammen, aber krümmte nicht den Finger am Abzug.

Georg wartete angespannt. „Los!“, schrie er wieder Micha zu, der plötzlich das Gesicht zur Seite kehrte und abdrückte. Ein metallisches Klicken ertönte, als die Trommel weitersprang.

Micha stand wie lahm. Aus seiner Haut war alles Blut gewichen, die Lippen waren blau umrandet.

Georg kam heran, entriss ihm den Revolver und lief zehn Schritte zurück. Als er sich umwandte und rasch den Arm hob, hatte Micha beide Hände wie zu einer Schwimmbewegung in die Luft gebreitet; der Mund öffnete sich zu einem „Nein!“; die Knie brachen ein.

„Stehen bleiben!“, schrie Georg in äußerster Erregung. „Bleib stehen!“

Der Revolver klickte einmal, dann löste sich ein Schuss, hart und hell, dessen Schall in die Nebel wie auf Watte fiel und erstickte.

Micha brach mit blutüberströmtem Gesicht zusammen. Georg starrte auf die zuckende Gestalt. Langsam näherte er sich ihr, jede Bewegung bei der Wiederholung verlangsamend. Mit ungeschickten und zitternden Fingern schob er den Revolver in die Manteltasche, dann fuhr er sich mit beiden Händen über Kopfhaut und Gesicht, schlug die Hände unter die Achseln wie unter einem Anfall von Frost und sah sich langsam um.

Nichts bewegte sich; der Nebel stand als tote Wand mit schwarzen Baumgerüsten.

Endlich beugte sich Georg hinab, ergriff einen Arm Michas und fühlte nach dem Puls. Schließlich knöpfte er oben seinen Mantel auf und zerrte ein schmales Lederetui aus seiner Tasche, dem er mühsam den zerkratzten Metallspiegel entnahm. Er hauchte darauf, und der Spiegel beschlug sich. Er wischte ihn glänzend und hielt ihn vor Michas blutige Lippen; aber der Spiegel blieb blank.

Georg richtete sich auf und sah sich um, während er den Mantel wieder zuknöpfte. Dann bückte er sich noch einmal, griff in die Tasche der braunen Jacke Michas, holte eine Handvoll Münzen heraus und nahm ein Markstück; das Übrige ließ er fallen. Dann rannte er durch die rasch zunehmende Dunkelheit den Uferweg keuchend hinunter und hielt erst an, als er die erste Bogenlampe erreicht hatte.

Bei der Endstation der Straßenbahn setzte er sich auf eine der grünen Bänke ins Dunkel und wartete, bis eine Bahn kam, sich leerte, langsam die Schlinge ausfuhr und wieder Fahrgäste aufnahm. Als das Klingelzeichen zur Abfahrt ertönte, sprang er auf und huschte durch die von beiden Seiten zischend zugleitende Türe. Er bezahlte mit dem Markstück, ließ aber das Wechselgeld liegen.

„Dein Geld, Junge!“, rief der Schaffner, und Georg wandte sich um, gab ein schiefes Grinsen und steckte die Münzen ein.

Am andern Tag ging Georg zu Michas Eltern, um zu fragen, weshalb Micha nicht zur Schule gekommen sei. Michas Mutter war in größter Aufrgung über das Verschwinden ihres Sohnes. Georg sagte mit lahmer Zunge, er wisse es sich nicht zu erklären. Dann verabschiedete er sich.

Michas Leichnam wurde erst nach drei nebligen und regnerischen Tagen gefunden. Die Polizei stellte Ermittlungen an, aber der schwere Herbstregen hatte alle Spuren, die zu einer Aufklärung des Vorfalls hätten führen können, verwischt.

Georg ging mit seiner Klasse zu Michas Beerdigung.

Der Dieb

Er hatte keinen genauen Plan. Er ging, seine längst ausgebeulte, fleckig gewordene Schulmappe mit angewinkeltem Arm gegen die Hüfte stemmend, durch die Ankerstraße, dicht an den rau verputzten Häuserwänden entlang, den mageren, flechsigen Hals vorgestreckt, als knicke dieser ab an den Schultern, den Kopf mit dem ausdruckslosen Gesicht dagegen schräg zurückgeworfen wie ein Schwimmer, der dem Wasser misstraut. Vom Torkasten schlug dünn und blechern eine Glocke. Es war spät; er hätte schon zu Hause sein sollen, aber er änderte die Richtung nicht, beschleunigte kaum seine scheinbar bedachtsamen, jedoch abrupt aufsetzenden Schritte, die seiner hochaufgeschossenen, dünnen Gestalt die Bewegungen eines verrenkten mechanischen Spielzeugs verliehen.

Am Mühlkanal blieb er stehen. Hinter einem mit Ölfarbe, die fast überall abblätterte, gestrichenen Holzgatter schoss das Wasser stark und schwarz hervor. Kompakt, lautlos, glatt floss es ohne Reflexe, aber eigenen Glanz ausstrahlend, für einen Meter sichtbar dahin und veschwand unter den schweren, staubbedeckten Bohlen. Er starrte hinab. Die trägen, gewölbten Augenlider bedeckten halb seinen Blick angespannter, ängstlicher Gier; sein schmal gezogener Mund stand kindlich hilflos offen. Ein Hund lief vorüber, den er nicht bemerkte. Mehrmals zurückblickend, den freien Arm schlenkernd, ging er schließlich weiter, überquerte den Kleinen Platz, der völlig still dalag – nur eine gebückte, weißhaarige Alte trat aus der Metzgerei und watschelte langsam davon.

Er stellte sich vor das einzige, im oberen Drittel mit einer Holzleiste versehene Auslegefenster des Ladens. Über der Leiste stand in zittrig aufs Glas gemalten Buchstaben „Schiller-Buchhandlung“. Die Auslage war geräumig, im Hintergrund von Gestellen abgeschlossen, auf denen wahllos durcheinander Schulbücher und mit bunten, abgeschossenen Schutzumschlägen versehene Romane ihre Vorderseite darboten. Der Platz davor war überwuchert von einer wirren Anzahl von Gegenständen: Bleistifte, dünnquastige Pinsel, Schulhefte aller Formate, eine mühsam aufgerichtete Pyramide aus Radiergummis in kläglichem Gleichgewicht, Zirkel- und Farbenkästen, ein schiefes Bataillon von Bleistiftanspitzern in Gestalt kleiner Erdkugeln, dazu Autos, die den Vorkriegsmodellen nachgebildet waren, Füllfederhalter auf einem Samtkissen, ein einzelner, verbeulter Schnellhefter. Er betrachtete alles, regungslos dastehend, die Mappe nun mit beiden Armen über den mageren, weißhäutigen Schenkeln gegen den Leib pressend. Schließlich bückte er sich, stellte die Mappe aufs Pflaster neben seinen Fuß und schien unter seinen Büchern und Heften erfolglos nach etwas zu suchen. Er richtete sich wieder auf, die Schultasche unter den Arm nehmend, und betrat den Laden.

Das Glockenspiel über der Tür verlieh dem silbrigen Zwielicht, den tintigen Schattenhöhlen des langgezogenen Raumes einen Anklang winterlicher Adventszeit. Trockener Staub roch aus der süßlich abgestandenen Luft. Ein Vorhang raschelte an der Rückwand: Herr Maus, der Besitzer der „Schiller-Buchhandlung“, schlüpfte aus seinem hinten gelegenen kahlwandigen Kabuff, das durch ein winziges Fenster auf den Hof hinaus natürliches, von einem einzigen Jasminstrauch, der dort wuchs – Herr Maus betrachtete ihn tagsüber oft, auf Zehenspitzen stehend –, grünlich gefärbtes Licht erhielt. „Grüß Gott! Grüß Gott!“, fistelte er freundlich. Pfeifende Nebengeräusche machten ihn schwer verständlich. Seine Zahnprothese aus Kautschuk stellte der Zunge Fallen beim Artikulieren. Er drehte an einem Schalter. Eine gelb gestrichene Glühbirne, schirmlos an braunem Kabel über dem Ladentisch baumelnd, beleuchtete mühsam die hier gestapelten Schätze und tauchte dafür die Doppelreihe Regale, die rechts und links vom Tisch zum Eingang lief, in sepia-wolkiges Dunkel. Herr Maus erklomm das Lattengerüst, das sein im Krieg gefallener Nachbar vor Jahren gezimmert hatte, während er daneben gestanden war und erzählt hatte von ägyptischen Pyramiden, Grabkammern, geheimen Gängen, seltenen Gestirnskonstellationen, um über Tisch und Waren hinweg seinem Kunden entgegen blicken zu können, der stumm an der Tür stehen blieb und seitwärts zu Boden sah. „Ja, was bekommen wir denn? bekommen wir denn?“, fragte Herr Maus beschwörend-beschwichtigend in halbem, von unfreiwilligem Fiepen gebrochenem Singsang, kletterte wieder von seinem Gerüst und hastete knisternd zwischen Wand und Regal nach vorn. Dort stand niemand mehr. Herr Maus sah den Kunden, vom gelben Licht übergossen, mit hängenden Armen vor dem Tisch lehnen, schiefen Kopfes den Katarakt bunter Heftstöße musternd: „Abenteuer der Südsee“ in vielen Folgen, „Die rote Dschunke“, „Das Grabmal“, „Der Tiger von Singapore“. Herr Maus hastete raschelnd zurück, schaute freundlich von seinem Gerüst und fragte: „Was kriegst du, Junge? was kriegst?“

„Ein Rechenheft“, murmelte der Junge und räusperte sich wiederholt. „Ein Rechenheft, ja natürlich, natürlich“, brabbelte Herr Maus vor sich hin, bückte sich hinter den Tisch, zog ein gewaltiges Schubfach auf, worin grau und blau eingeschlagene Schulhefte lagen, tauchte, je eines vorweisend, wieder empor und rühmte die Exemplare: „Das Graue kostet zwanzig Pfennig, mit sehr schönem Papier; und das Blaue da, das ist holzfrei, vom Besten, und kostet fünfundzwanzig Pfennig. Welches willst du denn?“

„Geben sie mir zwei Graue“, sagte der Junge langsam, wie abwägend, und während Herr Maus abermals hinter dem Tisch verschwand, setzte er ein heiser kratzendes „Bitte!“ hinzu, worauf er ein trockenes Hüsteln ausstieß. Seine Hand fuhr in die Nähe des geöffneten Mundes, ohne jedoch die Lippen zu bedecken. Statt dessen ergriff er mit schmalen, knochigen Fingern drei selbst in der gelben Beleuchtung märchenblau schillernde Nummern von „Abenteuer der Südsee“, blieb, zögernd mit seiner Beute, ausgereckt in der Luft, zitterte.

„Da sind zwei Graue“, sagte Herr Maus. „Dann macht’s vierzig Pfennig.“ Er hielt dem immer noch hüstelnden, gelb-bleichen Jungen die beiden Schulhefte entgegen. Der, ohne aufzublicken, bückte sich abrupt, als bewege er sich in Scharnieren, zerrte mit einer Hand seine offene Schultasche hoch, während er mit der anderen darin wühlte. Dabei blickte er plötzlich Herrn Maus gerade in die eingesunkenen Augen. Herr Maus hielt geduldig die Schulhefte über den Tisch und fragte neugierig: „Wem gehörst du denn? wie heißt?“ Der Junge brachte die halb zur Faust geballte Hand aus der Tasche, warf mit Daumen und Zeigefinger das Verschlussleder über die Öffnung, streckte die Hand aus und schüttelte die krampfhaft festgehaltenen Münzen in Herrn Maus’ bereit gehaltene Handfläche, wobei er ihn schweigend anstarrte. Herrn Maus’ Atem pfiff zwischen Gaumen und Kautschukprothese. Er lächelte aufmunternd, wandte sich seitlich, um das Geld in seine Kasse, eine Porzellantasse mit Blümchen, goldenem Rand, den Resten des abgebrochenen Henkels, klirren zu lassen, wobei er das Beleuchtungskabel versehentlich streifte, die Glühbirne in Bewegung versetzte, die Schatten aufregte, in deren bizarrer Brandung er lächelnd wie eine Mumie stand.

„Martin Strattmüller“, stieß der Junge schließlich hervor und starrte auf die hingehaltenen Hefte. – „Strattmüller, so?“, sagte Herr Maus. „Dann bist du ein Enkel vom Buchbinder Strattmüller? Den hab ich gut gekannt, deinen Großvater, vor deiner Zeit, er ist ja gestorben. Deine Mutter ist doch eine geborene Walz, die Schwester vom früheren Stadtrat, und gehört in die Obere Apotheke? Ich erinner mich gut. Groß bist du geworden, Martin. Im Wagen hab ich dich gesehen auf der Straße – erst war’s. Dann sag einen Gruß daheim, sag – “ Er unterbrach sich, als der Junge ihm die Schulhefte aus der Hand riss. „Ja, auf Wiedersehn!“, rief er fistelnd in die Töne des Glockenspiels, während die Ladentür zuging hinter der dünnen Gestalt.

Martin betrat das Trümmergrundstück von den Eisenbahngleisen her, die schmal und rostig zwischen dem schwärzlichen, kohleähnlichen Schotter verliefen, zwängte sich durch das verwilderte Holundergesträuch, kniete am hinteren Mauerrest nieder, auf dessen früher braungetünchtem Verputz noch immer der handbreite weiße Pfeil zu erkennen war, der, jetzt grau und regenverwaschen, auf einen betongeschützten Kellerausstieg wies. Er räumte ein paar an der Oberfläche bröcklige Steine beiseite und griff in die entstandene Öffnung, tastete darin, bückte sich mit den Schultern hinunter, reckte den Kopf und versuchte hineinzusehen. Das Versteck war leer. Er klopfte den Schmutz von den Händen, stand auf, blickte über die Mauer auf den wüsten Stein- und Geröllhaufen, wo Grasbüschel, Quecken, Milchdisteln, Brennnesseln wuchsen, und auf dessen anderer Seite die verlassene Straße leicht gebogen am Hang verlief. In einer geschützten Ecke lagen ein paar zerknüllte bedruckte Papierseiten und ein blau schimmernder Fetzen. Er warf kleine Verputzbrocken danach, die er von der Mauer brach mit den Fingerspitzen. Dann wandte er sich mit einem Ruck ab, holte aus der Tasche eins der gestohlenen Heftchen, setzte sich auf die Betonverschalung und las, was ihm ein langwieriges, mühevolles Geschäft war. Seine Augen folgten den einzelnen Druckzeilen langsam und so nachdrücklich, dass sein Kopf hin und her ruckte, und seine Lippen bewegten sich, lautlos die aufgenommenen Worte formend.

Etwas rauschte durch Blätter und Holz des Holunders, ohne dass er es wahrgenommen hätte, bis plötzlich ein Stein durch die Luft fuhr und neben ihm an der Mauer aufschlug. Er schrak hoch, kniff die Augen zu Schlitzen zusammen vor der dünnen und grünen Wildnis, zog den Kopf zwischen die eckigen Schultern wie der Ausguckmann eines Spielzeugpanzers, verkrampfte die Hände, ohne auf das knitternde Papier zu achten. – „Da sitzt er!“, schrie eine schrille, brüchige Knabenstimme hinter dem Gesträuch. Ein zweiter grauschwarzer, glatter Steinbrocken klatschte gegen die Mauer. – „Ich komme rauf.“, antwortete jemand von der Straße her. Martin stand auf, aber bevor er weglaufen konnte, brach ein untersetzter stämmiger Junge aus dem Gebüsch und stellte sich drohend-herausfordernd hin. Unter dünnen Brauen standen ihm die Augen schräg im fleischigen Gesicht, glitzerten. Er zog eine Schnute, sagte: „Pah!“ Von hinten trat ein weißhäutiges, glattes, geschniegeltes Bürschchen, geleckte Haare an den runden Schädel geklebt, an Martin heran, sagte: „Hei, Strattmüller!“ und versetzte ihm einen Stoß, der ihn in die Ecke zwischen Mauer und Ausstieg warf. Er schürfte sich die Haut an der rechten Hüfte. Der Stämmige kicherte, tauschte Blicke mit seinem Kameraden, kam auf Martin zu, nahm dessen verzerrtes Gesicht in beide Hände, rüttelte die gekauerte Gestalt, ließ los, bückte sich, riss Martin das Romanheft aus der Hand, drehte sich um, fasste seinen geschniegelten Freund am Arm und lief mit ihm davon. Martin blieb eine Weile hocken, riss ein Büschel Gras zusamt den weißlichen Wurzeln aus dem trockenen Boden, warf es mit einem Schlenker des Handgelenks weg. Die Dämmerung begann bereits, trieb ihn hoch, nach Hause.

Frau Strattmüller öffnete die Tür des Glasabschlusses. Sie schwieg, während sie Martin an sich vorbeigehen ließ in den dunklen Flur. Er sagte unsicher: „Guten Abend“, stellte die Schulmappe neben die tiefbraun gebeizte, schwer-eichene Kleiderablage, ging in die Küche, um sich am Terazzo-Ausguss die Hände zu waschen. Über dem mit einem kurzen, roten Gummischlauch versehenen Messinghahn hing ein wässriger Spiegel in weißem Rahmen. Er streifte sein Spiegelbild mit einem kurzen Blick, trocknete die Hände am grau gewürfelten Handtuch, das in der Ecke hing, blieb, an den Spülstein gelehnt, schweigend stehen. Frau Strattmüller war ins Wohnzimmer gegangen, hatte die auf dem schwarzlackierten Klavier stehende, Pergament-beschirmte Tischlampe angeknipst, die Blumenbank mit Oleander-, Wasserlilien-, Resedenstöcken vom Fenster gerückt und sorgfältig die blassbraunen, großbedruckten Vorhänge zugezogen. Sie saß am Tisch, die Hände in den Schoß ihres grauen Wollkleides, dessen Saum durch vieles Waschen bereits ungleichmäßig war, gelegt, vergeblich bemüht, sie ruhig zu halten. Ab und zu fuhr sie sich hastig über das sandfarbene, straff in einen Knoten gebundene Haar, oder rieb flüchtig die runde, grüngeäderte Schläfe mit rissigen Fingerkuppen. Sie wartete. Es war still in der Wohnung. Schließlich erhob sie sich und betrachtete die in goldbronziertem Wechselrahmen stehende Fotografie, die ihr gegenüber auf dem Pianodeckel stand, undeutlich das magere Gesicht eines nicht alten, nicht jungen Mannes in grauer Soldatenuniform, jedoch ohne Kopfbedeckung zeigend. Nach einiger Zeit knipste sie das Licht aus und verließ den Raum.

„Herr Maus war da“, sagte sie beinahe schnarrend, die Küchentür aufstoßend. „Hast du in seinem Laden etwas weggenommen?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Eisig" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen