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Eiseskälte

ARNALDUR
INDRIÐASON

EISESKÄLTE

Island Krimi


Übersetzung aus dem Isländischen
von Coletta Bürling

BASTEI ENTERTAINMENT

Hauch werde, mein Lied,
in den Binsen beim Styx,
sing ihnen Linderung
und schläfre Wartende ein.

Snorri Hjartarson

Eins

Ihm ist nicht mehr kalt. Ganz im Gegenteil, eine seltsame Hitze breitet sich in seinem Körper aus. Es war ihm so vorgekommen, als sei bereits alle Wärme aus seinem Körper gewichen, doch nun scheint sie in Hände und Füße zu strömen, und auch im Gesicht überläuft es ihn heiß.

Er liegt ausgestreckt in der Finsternis, seine Gedanken sind verworren und ungereimt, er kann kaum noch zwischen Schlafen und Wachen unterscheiden, kann sich nicht konzentrieren, um seinen Zustand zu begreifen. Das Bewusstsein kommt und geht. Ihm geht es nicht schlecht, es ist ein angenehmes Gefühl von Schläfrigkeit. Träume drängen auf ihn ein, Erscheinungen, Klänge und Orte, die ihm bekannt und auch wieder fremd vorkommen. Sein Geist schlägt seltsame Kapriolen und jagt mit ihm ein ums andere Mal vor und zurück durch Vergangenheit und Gegenwart, durch Zeit und Raum. Er hat keine Kontrolle über diese Streifzüge des Geistes. Eine Zeit lang sitzt er im Krankenhaus am Bett seiner Mutter, die im Begriff ist, ihn zu verlassen. Im nächsten Moment herrscht tiefe Finsternis, und es kommt ihm vor, als befände er sich immer noch auf seinem Lager auf dem Fußboden des verlassenen Hofs, der einmal sein Zuhause war. Und gleichzeitig weiß er, dass es sich um eine Sinnestäuschung handeln muss.

»Weshalb liegst du hier?«

Er richtet sich halb auf und sieht, dass jemand in der Tür steht.

Ein Reisender hat den Weg in sein Haus gefunden. Doch er versteht seine Frage nicht.

»Weshalb liegst du hier?«, fragt der Fremde wieder.

»Wer bist du?«, fragt er.

Er kann das Gesicht des Mannes nicht erkennen, er hat nicht gehört, dass er hereinkam, er sieht ihn nur schemenhaft und hört ihn nur wieder und wieder dieselbe unerträgliche Frage stellen.

»Weshalb liegst du hier?«

»Ich bin hier zu Hause. Wer bist du?«

»Ich möchte heute bei dir übernachten, wenn ich darf.«

Der Mann sitzt neben ihm auf dem Boden und hat ein kleines Feuer entfacht. Er spürt die Wärme in seinem Gesicht und streckt die Hände in Richtung der Glut. Nur ein Mal zuvor ist ihm so kalt gewesen.

»Wer bist du?«, fragt er den Mann ein weiteres Mal.

»Ich bin gekommen, um dir zuzuhören.«

»Mir zuzuhören? Wer ist bei dir?«

Er spürt, dass sie nicht alleine sind. Irgendjemand folgt diesem Mann, jemand, den er nicht sehen kann.

»Wer ist bei dir?«, fragt er wieder.

»Niemand«, antwortet der Fremde. »Ich bin allein unterwegs. War hier dein Zuhause?«

»Bist du Jakob?«

»Nein, ich bin nicht Jakob. Seltsam, dass diese Wände noch stehen. Aber das Haus ist sicher.«

»Wer bist du? Bist du Bóas?«

»Mein Weg hat mich hier vorbeigeführt.«

»Warst du schon einmal hier?«

»Ja.«

»Wann?«

»Vor vielen Jahren. Als noch Menschen in diesem Haus lebten. Was ist aus ihnen geworden? Weißt du, was aus den Menschen in diesem Haus geworden ist?«

Er liegt in der Dunkelheit und kann sich vor Kälte nicht bewegen. Er ist wieder allein, das Feuer ist verschwunden, auch der verlassene Hof ist verschwunden. Dunkelheit und Kälte umschließen ihn, und die Wärme an Händen und Füßen und im Gesicht schwindet wieder.

Irgendwo hört er erneut das Scharren.

Es nähert sich aus tiefer, kalter Ferne, steigert sich, und bald folgen ihm gellende Angstschreie.

Zwei

Er stand in einem Geröllhang beim Urðarklettur und beobachtete, wie der Fuchsjäger sich langsam näherte. Sie tauschten ein paar höfliche Grußworte im Nieselregen aus. Ihre Worte durchschnitten die Stille, als würden sie aus einer anderen Welt kommen.

Seit Tagen hatte sich die Sonne nicht gezeigt. Die Fjorde waren in Nebel eingehüllt, und laut Wettervorhersage würde es in den nächsten Tagen zu einem Kälteeinbruch mit Schneefällen kommen. Die Natur bereitete sich auf den Winterschlaf vor. Der Fuchsjäger fragte ihn, was er hier oben in den Bergen mache, wo sich sonst nur alte ausgefuchste Kerle wie er herumtrieben, um den Fuchsbestand im Rahmen zu halten. Er antwortete ausweichend, erklärte, aus Reykjavík zu kommen. Der Jäger sagte, er habe schon gesehen, dass sich auf dem verlassenen Hof da unten am Fjord jemand aufhalte.

»Das war wahrscheinlich ich«, sagte er.

Der Fuchsjäger stellte keine weiteren Fragen und sagte, er sei ein Bauer hier aus der Gegend und ganz allein unterwegs.

»Wie heißt du?«, fragte er.

»Erlendur.«

»Mein Name ist Bóas«, sagte der Mann und sie gaben sich die Hand. »Hier oben in den Spalten und Klüften treibt sich ein Tier herum, das sich auf Schafe verlegt hat. Das Biest richtet immer mehr Schaden an.«

»Ein Fuchs?«

Bóas strich sich übers Kinn. »Neulich habe ich beobachtet, wie er um den Schafstall herumgeschlichen ist. Er hat auch eins von meinen Lämmern gerissen und die anderen Tiere verschreckt.«

»Treibt er sich hier oben herum?«

»Ich habe gesehen, wie er in diese Richtung gelaufen ist. Ich habe ihn zweimal gesehen, und ich glaube, ich weiß, wo sein Bau ist. Bist du auch auf dem Weg nach oben? Dann können wir gerne ein Stück zusammen gehen, wenn du möchtest.«

Erlendur zögerte, nickte dann aber zustimmend. Der Bauer schien zufrieden zu sein, wahrscheinlich freute er sich über Gesellschaft. Über der einen Schulter trug er die Jagdflinte, über der anderen eine Munitionstasche und einen abgewetzten Lederbeutel. Bóas ging auf die siebzig zu, er war ein kleiner Mann mit raschen Bewegungen. Er trug eine dunkelgrüne abgetragenen Wetterjacke und eine Regenhose in derselben Farbe, aber keine Kopfbedeckung. Das dichte Haar fiel ihm in die Stirn und verdeckte manchmal die wachsamen Augen. Die schiefe, flache Nase machte den Eindruck, als hätte er sie sich vor langer Zeit einmal gebrochen und nicht richtig behandeln lassen. Durch den ungepflegten Bart konnte man den Mund nur sehen, wenn er etwas sagte. Das geschah aber ziemlich häufig, da er gesprächig war und gerne seine Ansichten über alles Mögliche zwischen Himmel und Erde zum Besten gab. Doch er bemühte sich, Erlendur nicht zu sehr mit Fragen darüber zuzusetzen, was er in den Bergen wollte oder warum er sich in Bakkasel aufhielt.

Erlendur hatte sich im alten Wohnhaus des verlassenen Hofs seiner Eltern einquartiert. Das Dach war zwar noch vorhanden, aber es war an einigen Stellen undicht, und die Balken waren morsch. Im ehemaligen Wohnzimmer hatte er eine Ecke gefunden, in der es trocken blieb, auch wenn es draußen regnete und stürmte und der Wind um die kahlen Wände heulte. Sie schützten immer noch gut vor dem Wetter, und die kleine Gaslampe, die er mitgebracht hatte, verströmte ein wenig Wärme. Er verwendete sie nur sehr sparsam, damit die Gaskartusche so lange wie möglich reichte. Die Lampe spendete ein fahles Licht, und ringsherum war es dunkel wie in einem Sarg.

Irgendwann war der Hof mit seinen Ländereien in den Besitz einer Bank gelangt. Erlendur hatte keine Ahnung, ob jemand ihn gekauft hatte und wem er inzwischen gehörte. Bisher hatte sich aber nie jemand beschwert, wenn er während seiner Aufenthalte in den Ostfjorden auf dem verlassenen Hof wohnte. Viel Gepäck hatte er nicht dabei. Mit seinem Mietwagen, einem kleinen, blauen Jeep, hatte er die Auffahrt zum Haus nur mit Mühe bewältigen können, denn der ehemalige Weg war so gut wie nicht mehr vorhanden. Alles war überwuchert, auch dort, wo früher nie etwas gewachsen war. Es gab fast überhaupt keine Anzeichen mehr dafür, dass hier einmal Menschen gelebt hatten. Die Natur arbeitete langsam, aber sicher daran, den Ort wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuverwandeln, dachte er.

Die beiden Männer stiegen höher hinauf in die Berge. Die Sicht verschlechterte sich ständig, und schließlich waren sie ganz von milchweißem Nebel eingehüllt. Feiner Sprühregen legte sich über die Vegetation, sodass sie Spuren im Gras hinterließen. Der Jäger lauschte auf Vogellaute und versuchte, auf dem feuchten Boden die Fährte seines Feindes auszumachen. Erlendur folgte ihm schweigend. Er hatte nie einem Fuchs vor dem Bau aufgelauert, hatte nie ein Tier erlegt und niemals in Flüssen oder Seen geangelt und erst recht nicht Jagd auf größeres Wild wie Rentiere gemacht. Es hatte ganz den Anschein, als könne Bóas seine Gedanken lesen.

»Du hast es nicht so mit dem Jagen?«, fragte er und schickte sich an, eine Pause einzulegen.

»Nein, das kann man nicht gerade behaupten.«

»Ich bin damit aufgewachsen«, erklärte Bóas und öffnete seinen Lederbeutel, holte seinen Proviant heraus, Roggenbrot und Lammpastete. Er reichte Erlendur eine Scheibe Brot und schnitt dazu ein Stück von der Pastete ab.

»Aber heutzutage bin ich eigentlich nur noch hinter Füchsen her«, sagte er. »Um den Bestand in Grenzen zu halten. Dieses arme Geschöpf macht immer mehr Ärger, wenn man es so ausdrücken darf. Ich hab ja nichts gegen den Fuchs, er hat genau dasselbe Recht auf Leben wie alle anderen Kreaturen. Aber von den Schafen muss man ihn fernhalten. Alles muss irgendwie im Gleichgewicht sein.«

Sie aßen das Roggenbrot mit der Lammpastete, von der Erlendur annahm, dass Bóas sie selbst gemacht hatte. Sie schmeckte köstlich zum Brot. Er selbst hatte keinen Proviant dabei. Eigentlich wusste er noch nicht einmal genau, wieso er der unerwarteten Einladung des Fuchsjägers, ihn zu begleiten, gefolgt war. Vielleicht verspürte er einfach ein gewisses Bedürfnis nach Gesellschaft, denn er hatte seit Tagen keinen anderen Menschen gesehen, und es kam ihm so vor, als sei das auch bei Bóas der Fall.

»Und was machst du so in Reykjavík?«, fragte Bóas.

Erlendur zögerte.

»Verdammt, warum bin ich nur immer so neugierig«, sagte der Bauer sofort.

»Nein, ist schon in Ordnung«, erwiderte Erlendur. »Ich bin bei der Polizei.«

»Das klingt nicht gerade nach einer Arbeit, die Spaß macht.«

»Nein. Oder doch, manchmal.«

Sie setzten ihre Wanderung fort, und Erlendur gab sich Mühe, im Heidekraut nicht zu fest aufzutreten. Ab und zu bückte er sich und strich mit der Hand über die niedrige Vegetation. Er überlegte, ob er den Namen Bóas aus seiner Jugend kannte, doch er konnte sich nicht darauf besinnen. Es war natürlich kein Wunder, dass er sich nicht an die Namen der Menschen aus der Gegend erinnerte, schließlich hatte er nur kurze Zeit hier gelebt. Gewehre waren ein seltener Anblick in seinem Elternhaus gewesen. Doch er erinnerte sich dunkel daran, dass tatsächlich einmal ein Mann mit einer Flinte zu Besuch gekommen war. Er hatte mit seinem Vater gesprochen und dabei flussabwärts gedeutet. Er erinnerte sich auch an einen Onkel mütterlicherseits, der einen Jeep besessen und Rentiere gejagt hatte. Er führte Jäger aus Reykjavík zu den Gebieten, wo sich die Tiere aufhielten, und versorgte die Familie hin und wieder mit Rentierfleisch. Es wurde in der Pfanne gebraten und schmeckte gut. An einen Fuchsjäger konnte er sich aber nicht erinnern, und auch nicht an einen Bauern namens Bóas, denn alle Verbindungen zu seiner Heimat brachen ab, nachdem die Familie weggezogen war.

»In Fuchsbauen kann man die unglaublichsten Dinge finden«, erklärte Bóas, der nun wieder unverdrossen ausschritt. »Zu fressen haben sie immer genug. Manchmal wagen sie sich sogar bis runter zum Strand und sammeln dort tote Vögel, Muscheln und Krebse auf. Die Welpen ernähren sich von Krähenbeeren und der ein oder anderen Waldmaus. Mit etwas Glück findet der Fuchs auch ein totes Schaf oder ein Lamm. Und es gibt eben auch immer wieder welche, die sich auf lebende Tiere verlegen. Dann ist es aus mit dem Frieden, und Bóas muss den Übeltäter finden und töten, auch wenn ihm das kein Vergnügen bereitet.«

Da Erlendur nicht wusste, ob der Bauer jetzt einfach nur laut dachte, beschloss er, zu schweigen. Sie gingen weiter über weiches Beerengesträuch, in das sie tief einsanken. Er trat in die Fußstapfen des Jägers und genoss die feuchte Kühle im Gesicht. Er kannte sich zwar in den Bergen aus, verließ sich aber bei diesem Weg voll und ganz auf den Jäger. Deshalb wusste er nun nicht mehr genau, wo sie sich befanden. Der Bauer marschierte sicher und unbeirrt voran. Er redete viel, und es schien ihm gleichgültig zu sein, ob sein Begleiter ihm folgen konnte oder nicht.

»Hier hat sich natürlich einiges verändert durch die Bauarbeiten«, sagte er, hielt an und zog ein Fernglas aus dem Lederbeutel. »Die Natur hat sich verändert. Das schlaue Füchslein hat das natürlich auch spitzgekriegt. Vielleicht traut er sich wegen der Fabriken und dem ganzen Schiffsverkehr nicht mehr runter zum Strand. Wer weiß das schon? Jetzt sind wir bald da.« Dann steckte er das Fernglas wieder in die Tasche.

»Ich habe die Baustelle gesehen, wo die Aluminiumhütte entsteht«, sagte Erlendur.

»Dieses Monstrum!«, schnaubte Bóas.

»Ich war auch oben im Hochland beim Staudamm, ich hab noch nie so ein riesiges Bauwerk gesehen.«

Er hörte, wie sich Bóas griesgrämig etwas in den Bart murmelte, während er weiter bergan stapfte. Dass die das zugelassen haben, glaubte Erlendur zu verstehen, aber er war sich nicht sicher. Er blieb Bóas auf den Fersen und musste darüber nachdenken, wie es geschehen konnte, dass ein derart riesiges Aluminiumwerk in Reyðarfjörður errichtet wurde. Er dachte an die überdimensionalen Frachter, die mit den Baumaterialien für das Kraftwerk und die Industrieanlage am Kai von Reyðarfjörður anlegten. Es war ihm vollkommen unbegreiflich, wie eine skrupellose Firma im fernen Amerika es geschafft hatte, einen friedlichen isländischen Fjord und die unberührte isländische Bergwelt in Besitz zu nehmen und völlig umzukrempeln.

Drei

Bóas blieb mitten in einem Geröllhang stehen und bedeutete Erlendur, das ebenfalls zu tun. Er ging wie der Fuchsjäger in die Hocke und starrte in den Nebel.

Es verging eine ganze Weile, ohne dass sich etwas rührte, doch dann sah er auf einmal den Fuchs in fünfzehn Meter Entfernung. Er starrte die beiden Männer mit aufgestellten Ohren an. Bóas griff so vorsichtig nach seiner Flinte, dass es kaum wahrzunehmen war, doch schon das war zu viel für den Fuchs, er schoss davon und war im nächsten Augenblick im Nebel verschwunden.

»Armes Biest«, sagte der Fuchsjäger. Er erhob sich, schulterte die Flinte und marschierte weiter.

»Ist das der Übeltäter?«, fragte Erlendur.

»Ja, das ist er. Ich kenne die Fuchsbaue hier in der Gegend wie meine Westentasche, und ich glaube, wir sind ganz nahe dran. So ein Bau wird von einer Generation nach der anderen benutzt, und einige sind schon ziemlich alt, ja, ziemlich alt, das kann ich dir sagen, auch wenn sie vielleicht nicht direkt aus der Eiszeit stammen.«

Sie gingen weiter, eingehüllt vom Schweigen der Natur, bis sie zu einem kleinen, aus Steinen aufgeschichteten und mit Moos getarnten Unterschlupf kamen. Bóas sagte, Erlendur solle sich hier ein bisschen ausruhen. Der Wind stehe günstig, er wolle noch ein Stück weiter, um die Lage zu erkunden. Erlendur setzte sich ins Moos und wartete geduldig auf die Rückkehr des Jägers. Er versuchte, sich zu erinnern, was er über den isländischen Fuchs wusste. Er galt als erster Landnehmer und war am Ende der Eiszeit vor zehntausend Jahren auf die Insel gekommen. Erlendur hatte das Gefühl, dass Bóas dem Tier viel Respekt entgegenbrachte, er schien Mitleid mit ihm zu haben und sprach über ihn wie über einen alten Freund. Trotzdem ging er zum Angriff über, wenn es die Notwendigkeit erforderte, und tötete den Fuchs und seine Nachkommen, als sei es eine Tätigkeit wie jede andere.

»Das arme Biest ist da, wir müssen nur ein wenig Geduld haben«, sagte er, nachdem er zurückgekommen war und sich neben Erlendur gesetzt hatte. Er nahm Gewehr und Munition von der Schulter, legte den Lederbeutel neben sich und holte einen Flachmann heraus, den er Erlendur reichte. Der trank einen Schluck und verzog das Gesicht. Bóas brannte offensichtlich schwarz, allerdings weder mit besonders viel Ehrgeiz noch mit Geduld.

»Was ist eigentlich dabei, wenn Höfe verlassen werden?«, fragte Bóas und nahm den Flachmann wieder entgegen. »Das Land war verlassen, bevor wir Menschen hierherkamen, warum sollte es nicht wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehren dürfen, wenn die Menschen verschwinden? Wieso muss das Land an irgendwelche Spekulanten verschachert werden, nur um eine ganz natürliche Entwicklung aufzuhalten? Kannst du mir das sagen? Menschen kommen und gehen. Gibt es etwas Natürlicheres?«

Erlendur schüttelte den Kopf.

»Sieh dir den armen Hvalfjörður an, der liegt ja sozusagen bei dir vor der Haustür«, sagte Bóas. »Da stehen zwei Monster rum, die rund um die Uhr Gift über das Land spucken! Für wen? Für irgendwelche wahnsinnig reichen Ausländer, die wahrscheinlich nicht einmal wissen, wo Island auf der Landkarte zu finden ist! Die wollen keine Kohlekraftwerke bei sich vor der Tür, also holen sie sich den Strom billig bei uns!«

Er reichte Erlendur noch einmal den Flachmann, doch der nippte diesmal nur vorsichtig daran. Anschließend zog Bóas ein sorgfältig in einer Plastiktüte verpacktes Bündel aus dem Beutel, das einen fürchterlichen Gestank verbreitete, als er es auswickelte. Es war vergammeltes Fleisch, das er in hohem Bogen in Richtung des Fuchsbaus warf. Dann wischte er sich die Hände im Moos ab und lehnte sich zurück, das Gewehr griffbereit neben sich.

»Der wird das schon bald wittern«, erklärte Bóas.

Eingehüllt von Nebel und Nieselregen saßen sie eine ganze Weile schweigend da, doch dann ergriff Bóas wieder das Wort.

»Du kannst dich natürlich nicht an mich erinnern«, sagte er.

»Sollte ich das?«, fragte Erlendur hustend.

»Nein, unwahrscheinlich«, sagte Bóas. »Du warst ja auch völlig daneben damals. Deine Eltern kannte ich eigentlich kaum, wir hatten nichts miteinander zu tun.«

»Was meinst du? Wieso war ich völlig daneben?«

»Damals«, sagte Bóas, »als wir nach dir und deinem Bruder gesucht haben.«

»Warst du dabei?«

»Ja, ich war dabei. Bei der Suche waren alle dabei. Ich habe davon gehört, dass du manchmal hier in deine alte Heimat kommst, in Bakkasel haust und in die Berge steigst. Dass du hier herumirrst wie ein Spuk und da unten in dem verlassenen Haus schläfst. Du glaubst immer noch, dass du ihn finden kannst.«

»Nein, das tu ich nicht. Reden die Leute darüber?«

»Wir alten Kerle erzählen uns manchmal die alten Geschichten hier aus der Gegend, und dabei ist auch die Sprache darauf gekommen, dass du wieder in die Berge hinaufsteigst. Und es stimmt, wie ich sehe.«

Erlendur verspürte keine Lust, einem Unbekannten Rechenschaft über sein Tun und Treiben oder Auskunft darüber zu geben, wie er sich sein Leben eingerichtet hatte. Hier war er aufgewachsen, und er kam zurück in seine Heimat, wenn er das Bedürfnis danach verspürte. Er unternahm lange Wanderungen und fand es angenehmer, auf dem verlassenen Hof zu sein, als in einem Hotelzimmer zu hocken. Manchmal zeltete er, manchmal legte er seine Matratze in eine trockene Ecke im Haus.

»Kannst du dich an die Suche erinnern?«, fragte er.

»Ich kann mich daran erinnern, wie sie dich gefunden haben«, sagte Bóas, ohne seine Blicke von dem Köder abzuwenden. »Ich war nicht in der Gruppe, doch es sprach sich schnell herum, und wir waren unheimlich froh. Wir waren überzeugt, dass wir deinen Bruder auch finden würden.«

»Er kam um.«

»Ja, so war es wohl.«

Erlendur schwieg.

»Er war etwas jünger als du«, sagte Bóas.

»Ja, zwei Jahre. Er war acht.«

Daraufhin schwiegen sie lange, dann schien Bóas etwas zu bemerken. Erlendur fiel nichts auf, nahm aber an, dass es etwas mit den Vögeln zu tun haben musste, da Bóas ihre Bewegungen aufmerksam beobachtete. Nach einiger Zeit wurde der Jäger wieder ruhiger. Bóas bot ihm eine weitere Scheibe Roggenbrot mit Lammpastete an und dazu das entsetzliche Gesöff aus dem Flachmann. Der Nebel hüllte sie ein wie weiße Daunen. Ab und zu hörte man irgendwo Vogellaute, ansonsten herrschte ringsum Stille.

Er konnte sich nicht an einzelne Mitglieder der Suchmannschaft erinnern. Er kam wieder zu sich, als sie ihn auf dem schnellsten Wege hinunter ins Tal trugen, er war völlig durchgefroren und unterkühlt. Er konnte sich an die warme Milch erinnern, die man ihm unterwegs eingeflößt hatte. Dann war er wieder bewusstlos geworden, kam erst wieder zu sich, als er in seinem Daunenbett lag und der Arzt neben ihm stand. Er hörte unbekannte Stimmen im Haus und wusste, dass etwas Schreckliches passiert war, aber nicht was. Doch dann kam ihm die Erinnerung wieder. Seine Mutter drückte ihn an sich und sagte ihm, dass sein Vater am Leben sei, er habe mit allerletzter Kraft den Weg zum Hof gefunden. Nach seinem Bruder würde immer noch gesucht, und alle seien zuversichtlich, dass er bald gefunden werden würde. Sie fragte ihn, ob er ihnen helfen könnte, ob er den Leuten von der Suchmannschaft genauere Hinweise geben könnte. Er konnte sich aber an nichts anderes erinnern als an den tobenden Schneesturm, der ihn schlug und peitschte und immer wieder zu Boden warf, bis er zum Schluss nicht mehr die Kraft hatte, noch einmal aufzustehen. Er sah, dass Bóas seinen Griff um die Flinte verstärkte. Der Fuchs tauchte aus dem Nebel auf und näherte sich vorsichtig dem Köder. Schnuppernd schlich er geduckt ein paar Schritte näher. Noch bevor Erlendur Zeit hatte, Bóas zu fragen, ob es wirklich notwendig sei, das Tier zu töten, hatte der Jäger bereits geschossen, und der Fuchs lag am Boden. Bóas stand auf und holte den Kadaver.

»Ein Schluck Kaffee gefällig?«, fragte er, als er mit seiner Beute wieder in den Unterschlupf zurückkehrte. Er holte eine Thermosflasche aus seinem Beutel, von der er zwei Becher abschraubte. Er reichte Erlendur einen der Becher mit dampfendem Kaffee und fragte, ob er Milch wolle. Erlendur sagte, er tränke seinen Kaffee schwarz.

»Da muss Milch rein, ohne schmeckt er nicht«, sagte Bóas und kramte in seinem Lederbeutel, fand aber nicht, was er suchte.

»Mist noch mal«, sagte er, »ich hab die Milch vergessen.«

Dennoch trank er einen Schluck Kaffee und fand ihn offensichtlich ungenießbar. Er blickte sich verärgert um, klopfte alle Taschen seiner Wetterjacke ab, so als hätte er den Milchbehälter dort hineinstecken wollen, es aber vergessen. Schließlich blieben seine Blicke an der toten Füchsin hängen, die ganz in der Nähe lag.

»Das ist wohl hoffnungslos«, sagte er schließlich, befühlte die Zitzen des Tieres, aber auch da war nichts zu holen.

Vier

Erlendur ging mit langsamen Schritten auf ein Haus in Reyðarfjörður zu. Er bemerkte eine Frau am Fenster, die ihn anstarrte. Es hatte ganz den Anschein, als hätte sie schon den ganzen Tag dort gesessen und auf ihn gewartet, obwohl er sich nicht angemeldet hatte. Er war sich auch nicht sicher, ob es richtig war, was er da tat. Sein Wissensdrang war aber stärker als der Zweifel.

Beim Abstieg aus den Bergen hatte Erlendur Bóas nach einer Geschichte gefragt, die er als Kind gehört hatte und die ihn seitdem nicht mehr losließ. Auch seine Eltern kannten die Geschichte, so wie seinerzeit die meisten anderen Leute in der Gegend. Vielleicht war diese Geschichte auch einer der Gründe dafür, dass er wieder in die Ostfjorde gekommen war.

»Du bist zur Polizei gegangen?«, hatte Bóas ihn gefragt. »Regelst du den Verkehr?«

»Ich war eine Zeit bei der Verkehrspolizei, aber das ist lange her«, hatte er geantwortet. »Ich weiß nicht, ob du schon davon gehört hast, aber heutzutage wird der Verkehr dort mit Ampeln geregelt.«

Bóas grinste. Er hatte sich den Fuchs über die Schulter geworfen, und seine Jacke war blutverschmiert, ebenso seine Hände, auch wenn er versucht hatte, sie im feuchten Moos abzuwischen. Er sei eigentlich davon ausgegangen, über Nacht in den Bergen bleiben zu müssen, sagte er, aber da alles so reibungslos geklappt hatte, war er der Meinung, dass sie die bewohnten Gebiete noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen könnten.

»Du hast dein Leben lang hier gewohnt, nicht wahr?«, fragte Erlendur.

»Ich habe nie davon geträumt, woanders hinzugehen«, antwortete der Fuchsjäger. »Es gibt keine besseren Menschen in ganz Island als hier.«

»Dann kennst du wohl auch die Geschichte von der Frau, die über die Irrlichtscharte nach Reyðarfjörður gehen wollte und dabei spurlos verschwand.«

»Ich glaube schon«, sagte Bóas.

»Sie hieß Matthildur«, sagte Erlendur. »Sie war allein unterwegs.«

»Ich weiß, wie sie hieß.«

Bóas blieb stehen und sah Erlendur an.

»Was hast du gesagt, was du da bei der Polizei machst?«

»Ich untersuche Kriminalfälle.«

»Was für Fälle?«

»Unterschiedlich. Schwere Verbrechen, Mord, Gewaltverbrechen.«

»Also den ganzen menschlichen Sumpf?«

»Man kann es so ausdrücken.«

»Auch Vermisstenfälle?«

»Ja.«

»Kommen sie häufig vor?«

»Nein, im Grunde genommen nicht.«

»Die Geschichte von Matthildur wird in Vergessenheit geraten, wenn wir Alten nicht mehr sind«, sagte Bóas.

»Ich habe sie zuerst in meinem Elternhaus gehört«, sagte Erlendur. »Meine Mutter kannte die Frau ein wenig, und ich fand die Geschichte immer …«

Er suchte nach dem richtigen Wort.

»Mysteriös«, schlug Bóas vor.

»Interessant«, sagte Erlendur.

Bóas legte seine Beute ab, richtete sich auf und blickte hinunter ins Tal, wo man durch den Nebel hindurch den Ort sehen konnte, der direkt am Fjord lag. Sie waren inzwischen fast wieder unten beim Urðarklettur angekommen. Es war wesentlich kühler und auch schon ziemlich dunkel geworden. Bóas warf sich das tote Tier wieder über die Schulter. Erlendur hatte ihm angeboten, es nach unten zu tragen, aber Bóas hatte das abgelehnt, er wollte nicht, dass sich noch andere mit Blut beschmierten.

»Du interessierst dich natürlich für so etwas Schreckliches«, sagte er und meinte damit die Vermisstenfälle.

Er sprach eher mit sich selbst und schwieg eine ganze Weile, bevor er weiterging, über Geröllhalden und Strauchheiden hinweg nach unten stieg.

»Du kennst dann sicher auch die Geschichte von den britischen Soldaten, die hier im Zweiten Weltkrieg in Bergnot geraten sind«, sagte er. »Sie gehörten zu den Besatzungstruppen in Reyðarfjörður.«

Erlendur sagte, dass er in seiner Jugend von diesen Ereignissen gehört und später nachgelesen habe, was damals passiert war, doch Bóas war nicht davon abzubringen, die ganze Geschichte noch einmal aufzurollen, denn er ließ sich keine Gelegenheit entgehen, eine gute Geschichte zu erzählen.

Ein Trupp von etwa sechzig Soldaten, alles junge Briten, wollte von Reyðarfjörður aus über die Irrlichtscharte nach Eskifjörður gehen, war dabei aber von einem Unwetter überrascht worden. Der Bergpass war stark vereist und unpassierbar gewesen, doch anstatt umzukehren, stiegen sie höher hinauf ins Tungudalur, von wo aus sie über die Eskifjarðarheiði absteigen wollten. Das alles geschah in der zweiten Januarhälfte. Unterwegs verschlechterte sich das Wetter weiter, überdies war es inzwischen stockfinster. Sie hatten ihr Ziel eigentlich noch im Hellen erreichen wollen.

Abends hatte dann der Bauer von Veturhús im Inneren des Eskifjörður, der auf dem Weg zu seinem Pferdestall gewesen war, plötzlich vor einem Soldaten gestanden, der völlig durchfroren und entkräftet war. Trotzdem konnte er sich irgendwie noch verständlich machen, und der Bauer begriff, dass da noch viele andere in Gefahr schwebten. Ein paar Männer vom Hof machten sich mit Laternen auf den Weg, um nach ihnen zu suchen. Am Rand der Heuwiese fanden sie noch zwei Teilnehmer an der Expedition. Dank des Einsatzes der Leute von Veturhús konnten nach und nach weitere Soldaten zu Tal gebracht werden, zum Schluss waren es achtundvierzig. Der sintflutartige Regen hatte sämtliche Flüsse im Tal anschwellen lassen, dass sie unpassierbar geworden waren, doch um in den Ort zu kommen, musste man die durchqueren. Ein paar Soldaten hatten es mit knapper Not über die beiden Arme der Þverá geschafft, doch dann standen sie vor der tosenden Eskifjarðará und konnten nun weder vor noch zurück. Man hörte ihre Hilferufe von Veturhús aus. Vier von ihnen erfroren am jenseitigen Ufer. Einige Soldaten gelangten unter größten Strapazen bis in den Ort.

Bei Anbruch des nächsten Tages hatte sich das Wetter etwas gelegt. Der Bauer ging mit einem Unteroffizier aus der Truppe ins Eskifjarðardalur, wo sie weitere Soldaten fanden. Einige lebten noch, andere waren tot, darunter auch der Führer des Trupps. Eine Leiche wurde am Fjordufer gefunden, man nahm an, dass er beim Versuch, die Eskifjarðará zu überqueren, von den Wassermassen mit ins Meer gerissen worden sei. Doch alle, die zu der Truppe gehört hatten, wurden schließlich gefunden, tot oder lebendig. Dieser tödliche Kampf mit den erbarmungslosen Naturgewalten war lange in aller Munde, und jeder wusste, dass es noch viel schlimmer hätte ausgehen können, wenn nicht die Leute von Veturhús so schnell und unerschrocken reagiert hätten.

»An die britischen Soldaten erinnern sich hier noch viele, aber kaum jemand an Matthildur«, sagte Bóas, der mit der Füchsin auf der Schulter vor Erlendur herstapfte. »Aber sie verschwand ebenfalls in diesem Unwetter. Ihr Mann sagte später aus, sie habe nach Reyðarfjörður hinübergewollt, und zwar auf dem gleichen Weg wie die Soldaten, über die Irrlichtscharte. Sie kannte die Strecke, denn sie ging sie nicht zum ersten Mal. Man fragte die Soldaten nach ihr, aber keiner war ihr unterwegs begegnet.«

»Hätten sie ihr denn begegnen müssen?«, fragte Erlendur.

»Sie waren zur selben Zeit in demselben Gebiet und in demselben Unwetter unterwegs. Sie kamen zwar aus entgegengesetzten Richtungen, aber sie hätten sich aller Wahrscheinlichkeit nach begegnen müssen. Doch natürlich kämpften dort alle um ihr Leben, an etwas anderes konnten sie vermutlich nicht denken. Die Soldaten wurden allesamt gefunden, viele lebend, andere tot, und von ihr fand man nicht die geringste Spur. Als sich herausstellte, dass sie nicht in Reyðarfjörður angekommen war, wurde eine Suche organisiert, aber da war bereits viel Zeit verstrichen, seit sie sich auf den Weg gemacht hatte.«

»Was hat ihr Mann dazu gesagt?«

»Weiter nichts, als dass ihre Mutter in Reyðarfjörður lebte und Matthildur entschlossen gewesen war, über die Irrlichtscharte zu gehen, denn sie glaubte, die Route zu kennen. Ihr Mann behauptete, dass er versucht habe, sie davon abzubringen, sie habe aber nicht auf seine Worte gehört. Er hat es so ausgedrückt, dass es wohl vorherbestimmt gewesen sei, dass sie sterben musste.«

»Weshalb ist er nicht mit ihr gegangen?«

»Das weiß ich nicht. Aber dass sie sich auf den Weg gemacht hat, davon hat er erzählt, noch bevor etwas über die britischen Soldaten bekannt wurde. Er wusste also nicht, dass sie ebenfalls dort unterwegs waren.«

»Hat er damals gleich gesagt, dass sie verschollen war?«

»Nein, nur, dass sie sich auf den Weg gemacht hätte.«

»Hat das etwas zu bedeuten?«

»Die Soldaten hätten ihr doch begegnen oder sie zumindest sehen müssen. Na ja, genau kann man das natürlich nicht wissen, wenn das Unwetter bereits hereingebrochen war. Als ihre Angehörigen in Reyðarfjörður befragt wurden, ob sie sie an diesem Tag erwartet hätten, fielen sie aus allen Wolken. Ihren Aussagen zufolge wussten sie nichts davon, dass sie zu Besuch kommen wollte, weder an diesem Tag noch an irgendeinem anderen.«

»Wieso hat sie eigentlich nicht versucht, sich von einem Boot oder Auto nach Reyðarfjörður mitnehmen zu lassen?«, fragte Erlendur. »Damals gab es doch schon eine ganz passable Straße zwischen Eskifjörður und Reyðarfjörður.«

»Angeblich wollte sie unbedingt zu Fuß über die Berge. Genau wie die Engländer übrigens. Bei denen war ja wohl trotz Krieg nicht sonderlich viel los, und die Wanderung sollte mal etwas anderes sein, eine kleine Abwechslung in dieser langweiligen einsamen Gegend. Sie hatten auch gar nichts Besonderes in Eskifjörður vor. Bei gutem Wetter ist das eine schöne Wanderung über die Berge, das weißt du sicher. Außerdem hat damals nichts darauf hingedeutet, dass ein Unwetter im Anmarsch war.«

»Sie hatte also schon vorher mit ihrem Mann darüber gesprochen, dass sie sich diese Wanderung in den Kopf gesetzt hatte?«

»Ja.«

»Hat sie auch mit anderen darüber gesprochen?«

»Davon weiß ich nichts. Wahrscheinlich nicht.«

Sie blickten hinunter auf den Ort, der friedlich am stillen Fjord kauerte.

»Was glaubst du eigentlich, was damals passiert ist?«, fragte Erlendur.

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Bóas. »Ich habe keine Ahnung.«

Als Erlendur ein paar Mal geklopft und ziemlich lange darauf gewartet hatte, dass die Frau am Fenster darauf reagieren würde, öffnete er die unverschlossene Tür und trat unaufgefordert ein. Er wusste nicht, weshalb die Frau nicht zur Tür gekommen war, überlegte, ob sie dazu vielleicht nicht imstande war. Er fand die Tür zum Wohnzimmer, wo die Frau immer noch unbeweglich am Fenster saß. Auf seinen Gruß reagierte sie nicht, sondern starrte weiter zum Fenster hinaus.

Er ging ein paar Schritte auf sie zu und wiederholte den Gruß. Sie wandte sich zu ihm um und sah mit wütender Miene zu ihm hoch.

»Ich habe dich nicht hereingebeten«, sagte sie.

»Entschuldige«, sagte er. »Ich hätte mich anmelden sollen.«

»Was willst du von mir?«

»Ich gehe schon wieder, ich bitte um Verzeihung.«

Ihm war klar, dass er zu weit gegangen war. Man durfte nicht einfach ein fremdes Haus betreten und in das Privatleben anderer Menschen eindringen. Sie war nicht zur Tür gekommen, also hätte er verschwinden und sie in Ruhe lassen müssen. Die Frau war sehr klein, sie saß auf einem Kissen. Wahrscheinlich um die achtzig, dachte er. Die scharfen, stechenden Augen, denen nichts entging, blickten Erlendur forschend an. Sie hatte ein Fernglas in der Hand.

»Ich denke nicht daran, dieses Haus zu verkaufen«, sagte sie. »Das habe ich euch schon oft genug gesagt. Oft genug. Ich denke nicht daran, ins Altersheim zu gehen. Ich will all diese Veränderungen hier nicht. Macht, dass ihr mit eurem ganzen Mist wieder nach Reykjavík kommt! Ich will nichts mit euch Alubonzen zu tun haben!«

Er drehte sich in der Tür um.

»Ich will kein Haus kaufen«, sagte er. »Und mit dem Aluminiumwerk habe ich überhaupt nichts zu tun.«

»Ach, und wer bist du dann?«

»Ich würde gern mit dir über deine Schwester Matthildur sprechen.«

Die Frau sah ihn lange an. Es hatte ganz den Anschein, als hätte sie diesen Namen seit Jahrzehnten nicht gehört, und ihr war anzusehen, wie seltsam sie es fand, dass ein völlig Fremder in ihr Haus eingedrungen war, der Matthildurs Namen kannte.

»Man hat keine Ruhe vor diesen Leuten aus Reykjavík, die hier alles aufkaufen wollen«, sagte sie schließlich. »Ich dachte, du wärst einer von denen.«

»Nein, das bin ich nicht.«

»Man erlebt heutzutage viel Sonderbares.«

»Das will ich dir gern glauben.«

»Und wer bist du dann?«

»Ich komme aus Reykjavík und bin bei der Polizei. Ich habe Urlaub und …«

»Wieso weißt du von meiner Schwester?«, unterbrach ihn die alte Dame.

»Ich habe von ihr gehört.«

»Wer hat dir von ihr erzählt?«, fragte die Frau schroff.

»Ich habe schon in meiner Kindheit von ihr gehört«, antwortete Erlendur. »Und dann vor Kurzem, als ich mit einem Fuchsjäger oben in den Bergen ins Gespräch kam. Er heißt Bóas. Ich weiß nicht, ob du ihn kennst.«

»Und ob ich den kenne, den habe ich unterrichtet, als er noch ein kleiner Knirps war, der frechste Junge in der ganzen Schule. Wieso fragst du mich nach Matthildur?«

»Wie gesagt, ich habe schon in meiner Kindheit von ihr gehört. Dann habe ich Bóas nach dieser Geschichte gefragt, und …«

Erlendur wusste nicht so recht, wie er es formulieren sollte, woher sein Interesse an einer Frau rührte, die vor so langer Zeit in dieser Gegend gelebt hatte und die ihn im Grunde genommen gar nichts anging. Er war ein Fremder, er hatte nichts mit ihrer Familie zu tun und hielt sich nur alle Jubeljahre für kurze Zeit in den Ostfjorden auf. Er hatte zwar beinahe bis zu seiner Konfirmation hier gelebt, kannte aber die Menschen nicht mehr, hatte zu niemandem Kontakt gehalten und war erst als Erwachsener hierher zurückgekehrt. Sein ganzes Leben hatte sich in Reykjavík abgespielt, ob er wollte oder nicht.

Ein Teil seiner Geschichte und seines Lebens war jedoch für alle Zeiten mit diesem Landesteil verbunden, ein schicksalhaftes, gnadenloses Ereignis in seiner Jugend, das Zeugnis von unbarmherzigen Naturgewalten und Menschen ablegte, die ihnen ohnmächtig ausgeliefert waren.

»… ich interessiere mich für Menschen, die bei Unwettern um ihr Leben kämpfen mussten«, sagte er unumwunden.

Fünf

Die alte Dame war nun wie ausgewechselt. Sie fragte ihn nach seinem Namen, er stellte sich vor und erklärte, er sei nur für ein paar Tage in den Ostfjorden. Die Frau gab ihm die Hand, sagte ihm, dass ihr Name Hrund sei. Erlendur sah, wohin ihr Blick durchs Fenster ging, und er begriff, dass sie nicht ihn angestarrt oder auf ihn gewartet hatte, sondern sie verfolgte offenbar ganz genau mit, wie die überdimensionalen Strommasten in der Nähe des Ortes errichtet wurden, die den Strom über die Berge zum Aluminiumwerk leiten sollten, das etwas weiter fjordauswärts aus dem Boden gestampft wurde. Sie bot ihm an, Platz zu nehmen, und er ließ sich auf einem alten, knarrenden Sofa nieder. Die kleine zierliche Frau setzte sich auf einen Sessel ihm gegenüber. Es schien nun eine Art von Vertrautheit zwischen ihnen zu herrschen, und sie begann, ihm Fragen zu stellen. Er versuchte, ihr zu erklären, woher sein Interesse an den Schicksalen von Menschen rührte, die durch plötzliche Wetterstürze in Bergnot gerieten und dabei umkamen, aber nie gefunden wurden. Sie hörte ihm aufmerksam zu. Langsam, aber sicher tastete er sich zu dem schlimmen Unwetter im Januar 1942 vor, in dem Matthildur verschollen war und in dem auch die britischen Soldaten mit den Naturgewalten gekämpft hatten, einige vergeblich.

Hrunds Eltern waren Ende der Zwanzigerjahre von einem kleinen Hof im Skagafjörður nach Reyðarfjörður gezogen, sie hatten vier Töchter. Der Vater stammte aus den Ostfjorden und hatte den Hof eines Verwandten übernommen, verstand aber so gut wie nichts von Landwirtschaft und war Bóas zufolge ziemlich versoffen gewesen. Er starb wenige Jahre später infolge eines Unfalls. Hrunds Mutter hatte zunächst allein für ihre Töchter gesorgt und mit Unterstützung von hilfsbereiten Nachbarn den Hof wieder in Schwung gebracht. Sie heiratete einen Mann aus der Gegend und sorgte gut für ihre Töchter. Die beiden ältesten gingen nach Reykjavík, und Matthildur heiratete einen Seemann in Eskifjörður. Sie hatten bereits einige Jahre zusammengelebt, aber keine Kinder bekommen, und dann verschwand Matthildur eines Tages bei dem Unwetter spurlos. Hrund war die jüngste Tochter, sie hatte ebenfalls geheiratet und immer in Reyðarfjörður gelebt.

»Alle meine Schwestern sind tot«, erklärte sie. »Mit denen in Reykjavík hatte ich nur wenig Kontakt, und zwischen ihren Besuchen vergingen immer viele Jahre. Wir haben uns manchmal geschrieben, aber sonst war da nicht viel. Nur der Sohn meiner Schwester Ingunn kam als junger Mann wieder zurück in die Ostfjorde, er lebt jetzt in einem Seniorenheim in Egilsstaðir. Ich habe aber keine Verbindung zu ihm. An Matthildur habe ich nur gute Erinnerungen, ich war im Konfirmationsalter, als sie verschwand. Sie galt als die Hübscheste von uns, du weißt, was die Leute so reden. Vielleicht, weil sie so jung ums Leben kam. Es war ein schwerer Schlag für die Familie, das kannst du dir wahrscheinlich vorstellen.«

»Soweit ich weiß, hatte sie damals vor, ihre Mutter hier in Reyðarfjörður zu besuchen«, sagte Erlendur.

»Ja, das hat Jakob, ihr Mann, jedenfalls behauptet. Sie wurde von dem gleichen Unwetter überrascht wie die britischen Soldaten. Von denen hast du wahrscheinlich auch gehört?«

Erlendur nickte.

»Die Suche nach Matthildur blieb erfolglos, obwohl alles unternommen wurde, um sie zu finden, sowohl hier auf der Seite von Reyðarfjörður als auch drüben in Eskifjörður, von wo aus sie losgegangen war. Aber gefunden wurde sie nie.«

»Bei diesem Unwetter gab es gewaltige Mengen von Niederschlag«, sagte Erlendur. »Alle Flüsse waren enorm angeschwollen. Einen der englischen Soldaten, die damals umkamen, hatte die Eskifjarðará bis zum Meer mitgerissen.«

»Das war natürlich bekannt, und daher sind die Suchmannschaften auch die ganze Strandlinie abgegangen. Vielleicht wurde sie aber weiter ins Meer hinausgespült. Das haben wir immer für die wahrscheinlichste Erklärung gehalten.«

»Es wurde fast wie ein Wunder angesehen, dass so viele Soldaten überlebten«, sagte Erlendur. »Vielleicht glaubte man, mehr Barmherzigkeit könne man von den höheren Mächten nicht erwarten. Wusste eigentlich überhaupt jemand davon, dass sie sich auf den Weg nach Reyðarfjörður gemacht hatte? Ich meine, außer ihrem Ehemann?«

»Ich glaube nicht. Sie hatte niemandem etwas von ihrem Vorhaben erzählt.«

»Hat jemand gesehen, dass sie sich auf den Weg machte? Ist sie unterwegs noch irgendwo eingekehrt oder hat jemand beobachtet, wie sie sich an den Aufstieg zur Irrlichtscharte machte?«

»Jakob hat sie zuletzt gesehen, als sie sich von ihm verabschiedete. Er sagte, dass sie gut ausgerüstet gewesen sei, sie hatte Proviant mitgenommen und damit gerechnet, den ganzen Tag unterwegs zu sein. Und sie hatte sich früh genug auf den Weg gemacht, um rechtzeitig und noch im Hellen in Reyðarfjörður anzukommen. Deshalb war wahrscheinlich kaum jemand unterwegs, der sie hätte sehen können. Und sie hatte auch nicht vor, irgendwo haltzumachen.«

»Die Soldaten haben ausgesagt, dass sie ihr nicht begegnet sind.«

»Das stimmt.«

»Obwohl sie auf derselben Strecke unterwegs war wie sie.«

»Ja. Aber bei dem Wetter konnte man wohl kaum die Hand vor Augen sehen.«

»Und deine Mutter hatte überhaupt nicht mit ihr gerechnet?«

»Bóas hat dir anscheinend das ein oder andere erzählt.«

»Er hat mir nur aus seiner Sicht gesagt, was vorgefallen ist.«

»Jakob war …«

Hrund sah zu dem Fenster hinaus, an dem sie tagaus, tagein mit dem Fernglas zur Hand auf ihrem Kissen saß. Es wurde dunkel, und der Himmel wurde von der Flutlichtanlage auf der Baustelle des Aluminiumwerks erleuchtet. Ein rätselhaftes Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Diese modernen Zeiten sind schon sonderbar«, sagte sie, wie um das Thema zu wechseln. Sie begann, über diese sonderbaren Zeiten zu sprechen und über die Umwälzungen, mit denen sie nichts anfangen konnte, über diese Riesenbaustelle beim Aluminiumwerk, den Staudamm bei Kárahnjúkar mitten im Hochland, die Schlucht des Gletscherflusses, die man zerstört hatte, und den Stausee oberhalb, den größten von Menschenhand geschaffenen See in Island. Ihr war nicht anzuhören, dass sie alldem irgendetwas Positives abgewinnen konnte.

Erlendur musste unwillkürlich an das Gespräch denken, das er mit Bóas auf dem Weg ins Tal geführt hatte. Er hatte ihm von den Gerüchten erzählt, die aufgekommen waren und die mit den Menschen weiterlebten, die sich noch an Matthildurs Verschwinden erinnern konnten. Die meisten allerdings sahen inzwischen das Gras von unten wachsen oder waren steinalt und verwirrt, hatte Bóas gesagt.

»Jakob Ragnarson hatte es nicht leicht«, erklärte Hrund und kehrte damit zurück zu den Ereignissen in der Vergangenheit.

»Wieso nicht leicht?«, fragte Erlendur.

»Die Zeit verstrich, und verschiedene Geschichten kamen in Umlauf. Unter anderem die, dass Matthildur ihn in den wenigen Jahren, die er nach dem Unglück noch zu leben hatte, wie ein Spuk verfolgt habe. Was für ein Schwachsinn! Als wäre meine Schwester zu einem Geist, zu einer Wiedergängerin geworden.«

»Und wie habt ihr über das Ganze gedacht? Die Familie? Gab es einen Grund, Jakobs Version der Geschichte anzuzweifeln?«

»Hier wurde nie etwas untersucht«, entgegnete Hrund. »Aber weil sie nie gefunden wurde, kam natürlich der Verdacht auf, dass Jakob etwas zu verbergen hatte. Dass Matthildur vor ihm geflüchtet war, trotz des Unwetters. Dass sie niemals vorgehabt hatte, über die Berge nach Reyðarfjörður zu gehen und er sie einfach in das Unwetter hinausgetrieben hatte. Dieser Bóas hat dir das alles bestimmt ausführlich erzählt.«

Erlendur schüttelte den Kopf. »Davon hat er nichts erwähnt. Was ist eigentlich aus Jakob geworden? Kam er nicht bei einem Schiffbruch ums Leben?«

»Ja, er ist ertrunken und wurde in Djúpivogur begraben, ein paar Jahre nach Matthildurs Tod. Sein Boot kenterte in einem schrecklichen Sturm im Eskifjörður, sie waren zu zweit an Bord, und beide kamen um.«

»Und das war dann das Ende der Geschichte?«

»Ja, wahrscheinlich«, sagte Hrund. »Matthildur wurde nie gefunden. Jahre später kam ein Junge oben in den Bergen ums Leben, der auch nie gefunden wurde. Das Leben in diesem Land ist kein Zuckerschlecken.«

»Nein«, sagte Erlendur, »das stimmt.«

»Willst du vielleicht, dass ich dir etwas über diese Geschichte erzähle?«

»Nein, darum geht es mir nicht.«

»Es hieß, dass Matthildur Jakob nie in Ruhe gelassen und ihn zum Schluss in den Tod getrieben hat. Sie soll auch schuld an dem Schiffbruch gewesen sein. Kompletter Unsinn natürlich. Isländer mögen nichts lieber als Geistergeschichten, und sie machen sich einen Spaß daraus, welche zu erfinden. Es ging sogar so weit, dass einer der Sargträger behauptete, er hätte Jakob jammern hören, als sein Sarg in die Erde gesenkt wurde. Unglaublich, was die Leute so reden. Und das war noch lange nicht alles.«

»Irgendwann kam mir eine Geschichte mit einem Engländer zu Ohren«, sagte Erlendur.

»Ja, darüber wurde auch geklatscht. Sie soll ein Techtelmechtel mit einem von diesen englischen Soldaten gehabt, heimlich mit ihm das Land verlassen und sich so dafür geschämt haben, dass sie nie wieder etwas von sich hören ließ.«

»Und danach ist sie angeblich bald gestorben?«

»Ja, es hieß, sie sei gestorben, kurz nachdem sie Island verlassen hatte. Man hat sich bei den Besatzungssoldaten erkundigt, die hier waren, aber die wussten von gar nichts. Es ist ja auch absurd. Vollkommen absurd.«

»Sind noch irgendwelche Verwandte oder Freunde von Jakob am Leben, mit denen ich reden könnte?«

»Viele sind es nicht. Er kam seinerzeit aus Reykjavík und lebte eine Zeit lang bei seinem Onkel mütterlicherseits in Djúpivogur, aber der ist schon lange tot. Vielleicht solltest du versuchen, mit Ezra zu sprechen. Er war Jakobs Freund.«

Sechs

Um ihn herum ist es dunkel und kalt, Gedanken drängen auf ihn ein, Bilder von Menschen und Ereignissen, und er kann nichts dagegen tun. Er ist im gleichen Augenblick überall und nirgends.

Er liegt in seinem Zimmer und spürt, wie ihn nach der Spritze eine seltsame Ruhe überkommt. Er wehrt sich zunächst dagegen, aber es nützt nichts. Es ist ein Gefühl, als würde das Blut aufhören zu fließen, und seine Gedanken verflüchtigen sich wie im Nebel.

Der Arzt sagt ihm, was er vorhat, aber er hört kaum etwas davon. Er sträubt sich dagegen, setzt sich nach Leibeskräften zur Wehr, bis er festgehalten und wieder ins Bett gezwungen wird. Der Arzt bespricht etwas mit der Mutter, sie stimmt mit einem Kopfnicken zu. Er sieht die Spritze in der Hand des Arztes, spürt einen schmerzhaften Stich im Arm, und langsam wird er ruhiger.

Seine Mutter setzt sich zu ihm auf die Bettkante und streichelt ihm die Stirn. Sie sieht unendlich traurig aus, und er will alles tun, um das zu ändern.

»Kannst du uns etwas über deinen Bruder sagen?«, flüstert sie.

Er hat geringfügige Erfrierungen an Händen und Füßen, aber sie verursachen ihm keine Schmerzen. Er kann sich nur noch erinnern, wie er in den Armen eines Angehörigen der Suchmannschaft zu sich kam, der versuchte, ihm warme Milch einzuflößen. Die Männer hatten sich beim Tragen abgewechselt, um ihn so schnell wie möglich ins Warme zu bringen. Seine Mutter trägt ihn das letzte Stück, bis der Arzt ihn in Empfang nimmt, ihn untersucht und die Erfrierungen behandelt. Er erfährt, dass sein Vater am Leben ist. Wieso sollte er das nicht sein?, denkt er. Er erinnert sich an nichts. Er sieht die fremden Menschen, die im Haus sind, Männer mit Funkgeräten und langen Stöcken, die sie vor dem Haus abgestellt haben; Leute, die ihn ansehen, als sei er ein Geist. Nach und nach kehrt das Bewusstsein zurück, und in seiner Erinnerung fügt sich das, was passiert ist, seit sie sich auf den Weg gemacht hatten, bruchstückhaft zusammen; zuerst verworren und lückenhaft, doch schließlich das ganze Bild. Er greift nach dem Arm seiner Mutter.

»Wo ist Beggi?«, fragt er.

»Er war nicht bei dir«, antwortet sie. »Wir suchen weiter an der Stelle, wo man dich gefunden hat.«

»Ist er noch nicht wieder zu Hause?«

Seine Mutter schüttelt den Kopf.

Da hält es ihn nicht mehr im Bett. Er bäumt sich auf und will hinaus, aber seine Mutter hindert ihn daran. Das macht ihn nur wilder, er kann sich losreißen, läuft auf den Flur und steht dem Arzt und den zwei Männern gegenüber, die ihn hinunter nach Bakkasel getragen haben. Er will ihnen ausweichen, aber sie packen ihn mit festem Griff und versuchen, mit ihm zu sprechen, ihm gut zuzureden und ihn zu beruhigen. Seine Mutter nimmt ihn in die Arme und erklärt ihm, dass viele Leute unterwegs sind, um nach seinem Bruder Bergur zu suchen, dass er bestimmt bald gefunden werden und alles wieder gut wird. Doch er will nichts davon hören, er beißt und kratzt und versucht, zu seinem Anorak und seinen Stiefeln zu kommen. Er schlägt wie wild um sich, als sie ihn daran hindern, nach draußen zu kommen. Zum Schluss bleibt dem Arzt nichts anderes übrig, als ihm ein Beruhigungsmittel zu geben.

»Kannst du uns etwas über Beggi sagen?«, fragt seine Mutter noch einmal, als er wieder im Bett liegt und nicht mehr die Kraft hat, sich zu wehren. »Es ist wichtig für uns, mein Junge.«

»Ich hatte Beggi an der Hand«, flüstert er. »Ich habe ihn so lange festgehalten, wie ich konnte. Und dann war er auf einmal nicht mehr bei mir. Ich war allein. Ich weiß nicht, was passiert ist.«

»Ist das lange her?«

Er spürt, dass seine Mutter sich bemüht, ruhig zu sein. Die Anspannung ist enorm. Zwei von drei Familienmitgliedern sind aus dem schrecklichen Unwetter lebend zurückgekehrt, und der Gedanke, dass Bergur nicht zurückkommen könnte, ist unerträglich.

»Ich weiß es nicht«, sagt er.

»War es noch hell?«

»Ja, ich glaube schon. Ich weiß es nicht. Mir war so kalt.«

»Weißt du, in was für eine Richtung ihr gegangen seid? Bergauf oder bergab?«

»Nein, das weiß ich nicht. Ich bin immer wieder hingefallen, um mich herum war alles weiß und ich konnte überhaupt nichts sehen. Ich kann mich noch erinnern, dass Papa gesagt hat, wir müssten sofort umkehren. Aber dann war er verschwunden.«

»Es ist mehr als vierundzwanzig Stunden her«, sagt seine Mutter. »Ich gehe jetzt wieder in die Berge, mein Junge. Da oben werden alle Leute gebraucht. Du musst dich ausruhen. Alles wird gut. Wir finden Beggi. Mach dir keine Sorgen.«

Das Medikament tut seine Wirkung, und die tröstenden Worte seiner Mutter beschwichtigen ihn ein wenig. Er schläft ein, und für ein paar Stunden weiß er von nichts. Als er wieder aufwacht, ist es rings um ihn seltsam still, ein beklemmendes Schweigen hat sich über das Haus gelegt.

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