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Eisesgrab

Über die Autorin

Jenny Milchman unterrichtet Kreatives Schreiben am New York Writers Workshop. 2010 rief sie die Aktion »Take Your Child To A Bookstore Day« ins Leben, an der sich schon im zweiten Jahr über 400 Buchläden in den ganzen USA beteiligten und die mittlerweile sogar internationale Teilnehmer vorweisen kann. Sie lebt mit ihrer Familie in New Jersey. Eisesgrab ist ihr erster Roman.

JENNY MILCHMAN

EISESGRAB

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch
von Alexandra Kranefeld

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Mutter und meinen Vater,
die mir auf jeweils ihre Weise die Gabe des Erzählens schenkten.
Und für Josh, der mir alles gab.

1

Mein Mann war nicht bei mir, als ich an jenem Januarmorgen aufwachte. Der Winterhimmel strahlte gelb und purpurblau verfärbt zum Fenster hinein, und ich schloss hastig meine Augen vor dem gleißenden, schmerzenden Licht.

Im nächsten Moment merkte ich, dass meine Zehen sich nicht in Brendans Kniekehlen gruben, dass mein Arm nicht auf seiner behaarten Brust lag, meine Hand keine gestählten, vom Schlaf entspannten Muskeln zu fassen bekam. Ich drehte mich um und tastete nach dem Wecker auf dem Nachttisch.

Halb acht.

Das war spät. Ich war wie benommen, mein Gehirn begriff alles nur mit träger Verzögerung. Es war eine Stunde später als sonst. Wir wachten immer um halb sieben auf. Brendan schlief den kurzen Schlaf des Polizisten, und ich war zeit meines Lebens, die ganzen fünfunddreißig Jahre, eine Frühaufsteherin gewesen.

Langsam nahmen die Dinge um mich herum Gestalt an.

Das Morgenlicht, das heller als sonst zum Fenster hereinschien.

Brendan, der nicht bei mir im Bett war. Er musste schon aufgestanden sein, und ich war nicht einmal davon aufgewacht.

Brendan hatte die ganze Woche Überstunden gemacht, warum wusste ich nicht, er hatte es mir nicht gesagt. Er hätte also allen Grund gehabt auszuschlafen. Wenn er dennoch zeitig aufgestanden war, warum hatte er mich nicht geweckt?

Ich spürte ein flaues Gefühl im Magen. Brendan wusste, dass ich heute um acht einen Termin mit einem neuen Kunden hatte, dem Besitzer eines einst ansehnlichen, doch nun recht heruntergekommen Saltbox-Hauses am Queek Pond. Ich hatte mich erst vor Kurzem selbstständig gemacht, und Brendan nahm mein Geschäft mindestens so ernst wie ich. Niemals hätte er mich einen Termin versäumen lassen.

Andererseits würde Brendan sich denken können, dass ich ziemlich erschöpft sein musste, wenn ich länger schlief als sonst. Phoenix auf die Beine zu stellen hatte mich doch mehr Kraft gekostet als gedacht. Wahrscheinlich hatte mein Mann mir noch ein paar Minuten Schlaf gönnen wollen und dann die Zeit vergessen.

Er würde im Bad sein, sich abtrocknen, oder schon unten in der Küche und Kaffee machen.

Nur dass aus dem Bad nichts zu hören war. Unsere Dusche tropft noch eine ganze Weile, nachdem man sie abgestellt hat. Doch nebenan war alles still, und aus der Küche wehte auch nicht der verlockende Duft meines morgendlichen Muntermachers zu mir herauf.

Ich stemmte mich mühsam aus dem Bett. Meine beiden Hände fühlten sich so steif und ungelenk an, als würde ich dicke Fäustlinge tragen. Was war los mit mir? Ein flüchtiger Blick in den Spiegel zeigte mir tiefe blauviolette Schatten unter meinen Augen. Trotz der einen Stunde, die ich länger geschlafen hatte, sah ich aus, als hätte ich die ganze Nacht kein Auge zugetan.

»Brendan, Schatz? Bist du im Bad?«

Meine Worte zerschnitten die kühle Luft. Wie seltsam still es doch heute früh in unserem alten Farmhaus war.

Während ich barfuß zum Bad tapste, fiel mir eine mögliche Erklärung für meine bleiernen Muskeln ein – und für diesen mehr als gesegneten Schlaf.

Brendan und ich hatten uns letzte Nacht geliebt.

Und es war gut gewesen, sehr gut. Danach hatte ich mich zurücksinken lassen, inwendig ausgehöhlt und erfüllt zugleich. So fühlte ich mich nur, wenn Brendan sich ganz auf mich konzentrierte, auf uns, statt wie wild davonzupreschen, als wolle er mir an einen fernen, vergangenen Ort entkommen. Anschließend hatten wir noch eine Weile wach gelegen, die Finger ineinander verschränkt, um die letzten Momente vor dem Einschlafen auszukosten. Brendan hatte mich auf eine Weise betrachtet, die ich im Dunkel eher gespürt als gesehen hatte.

»Schatz? Letzte Nacht muss mich doch ziemlich geschafft haben«, rief ich. »Nicht dass es das nicht wert gewesen wäre!«

Ich spürte ein Lächeln um meine Mundwinkel spielen, als ich die Badezimmertür aufstieß. Doch als mich statt der warmen Dunstschwaden, die ich erwartet hatte, nur eisige Luft empfing, packte mich wieder jenes flaue Gefühl. Die Kälte der Fliesen biss in meine nackten Fußsohlen.

»Brendan?«

Mein Mann beginnt den Tag nie ohne seine heiße Dusche; er braucht das, um wach zu werden. Vom Schlafen täten ihm alle Knochen weh, sagt er. Doch kein feuchter Film lag auf dem Spiegel, kein Seifengeruch in der Luft. Ich fröstelte, nahm mir eines der Handtücher und legte es mir um die Schultern. Auf dem Weg zur Treppe rief ich wieder nach ihm.

Keine Antwort.

Hatte er vielleicht schon früh auf die Wache gemusst? Hatte mich hier schlafen lassen, während mein neuer Kunde in seinem renovierungsbedürftigen Haus vergebens auf mich wartete?

»Schatz! Bist du zu Hause?«, rief ich, nun leicht verunsichert.

Keine Antwort. Und dann hörte ich das leise Zischen und Klackern der Kaffeemaschine, hörte wie der Kaffee auf den Boden der Kanne tropfte.

Erleichterung durchströmte mich, wärmte mich wie heiße, nährende Suppe. Bis eben hatte ich es mir nicht eingestehen wollen, doch ich hatte Angst gehabt. Eigentlich neige ich nicht zu solchen Überreaktionen.

Mit neuer Zuversicht ging ich nach unten, auch wenn mir die Knie noch weich waren vom plötzlichen Abflauen der Angst.

Die Küche war leer; Kaffee breitete sich in einem dunklen, stetig größer werdenden Kreis in der Kanne aus, die Maschine blubberte vor sich hin, während ich reglos in der Tür stand.

Keine Tassen waren herausgestellt worden, kein Licht angemacht, um den trüben Morgen zu vertreiben. Es war eisig kalt, vor mir hatte heute noch niemand die Küche betreten. Die Kaffeemaschine war am Abend zuvor programmiert worden, einer von vielen eingespielten Handgriffen, die Brendan und ich verrichteten, wenn wir nach dem Essen die Küche aufräumten und alles für den nächsten Morgen bereit machten.

Wieder war da dieses unbestimmte Gefühl in meinem Magen, und diesmal ließ es mich nicht mehr los. Ich rief nicht noch einmal.

Meine Benommenheit löste sich auf, wie Spinnweben, die auseinanderreißen. Mit einem Schlag war ich hellwach, meine Gedanken glasklar. Ohne zu zögern, eilte ich durch die Küche, vorbei an dem schönen alten Spülstein und dem farbig gestrichenen Holzschrank.

Mit klammen, kalten Fingern öffnete ich die Tür zur Hintertreppe, an deren Wänden ich zurzeit arbeitete, um den Anbau für Brendan herzurichten. Vielleicht, nur vielleicht, hatte er das Duschen einfach ausfallen lassen, auf der Wache angerufen, dass er heute später käme, um hier oben ein paar Stunden ungestört zu sein.

Eigentlich war es nur eine Stiege, eng und steil, die Stufen alt und ausgetreten. Auf halber Höhe machte sie eine scharfe Wendung in die Gegenrichtung. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, vorbei an meinen Werkzeugen, die überall herumlagen, und einer Dose Farbentferner. Auf der vierten Stufe reckte ich mich weit vor, um um die Ecke zu schauen. Mein Blick fiel auf die verblichene Tapete, die ich nach Monaten unermüdlicher Spatelarbeit freigelegt hatte.

Ich weiß nicht, wie es kam. Vielleicht hatte ich nicht genügend Schwung genommen, auf jeden Fall verlor ich das Gleichgewicht, rutschte ab und schlug hart mit den Knien auf. In gekrümmter Haltung, die Zähne gegen den stechenden Schmerz fest zusammengebissen, schaute ich hinauf, ans Ende der Treppe.

Brendan befand sich direkt über mir, der Körper fast schwebend, sein Kopf in einer Schlinge.

Das Seil war um eine große Buntglaskugel gewunden, die an einem Haken im brüchigen Deckenputz befestigt war.

Brendans Kopf war leicht zur Seite geneigt, sein Hals hatte einen unnatürlichen Winkel. Das schöne, mir so vertraute Gesicht meines Mannes war dunkel angelaufen, wie in Wein getränkt.

Plötzlich rieselte Putz herab, und ich hörte ein Knarren und Ächzen über mir, ein Bersten und Krachen, wie das Donnern zweier Welten, die auseinanderbrechen, dann eine Folge dumpfer, betäubender Schläge.

Das Seil begann zu reißen, die Glaskugel knallte samt Fassung und Haken herab und sprang klirrend in Scherben. Eiskalt schlangen sich seine Arme und Beine um mich, bleiern kam sein Körper auf mir zu liegen.

Und ich schrie. Ich schrie und schrie, bis mir die Stimme versagte und ich nur noch verzweifelt nach Luft schnappen konnte.

2

Club Mitchell kam vorbei, seine Waffe im Anschlag. Im Nachhinein vermochte ich nicht mehr zu sagen, wann genau er aufgetaucht war oder woher er es erfahren hatte. Club war Brendans Partner und sein bester Freund. Vielleicht hatten er und Brendan im Laufe der Jahre telepathische Fähigkeiten entwickelt. Vielleicht hatte ich ihn angerufen. Oder er hatte mein Wehklagen – anders konnte man es nicht nennen – bis hinaus auf die Straße gehört.

Club hob mich auf seine muskelbepackten Arme und trug mich zur Couch. Dann ging er wohl dorthin zurück, wo er mich gefunden hatte, denn als Nächstes hörte ich ihn fluchen.

»Nein! Oh nein, verdammt. Was zum Teufel hast du getan?«

Ich grub mir die Finger in die Ohren, konnte aber das Geräusch nicht ausblenden, als Club Mitchell zu weinen begann.

Als Nächstes kamen meine Eltern und meine Schwester.

Wieder konnte ich mir nicht erklären, wer sie angerufen hatte. Ich ließ sie herein. Die Kälte, die sie von draußen hereinbrachten, ließ mich frösteln. Zitternd stand ich da, in Kleidern, die ich irgendwann während der letzten Stunden angezogen haben musste, doch ich wusste nicht wann oder wie. Mein selbstgemachter Weihnachtskranz hing noch an der Tür, die bunten Bänder wie erstarrt in der beißend kalten Luft.

»Oh, Nora, Darling.« Meine Mutter streckte beide Arme nach mir aus. Es wirkte fast, als wolle sie mich in die Zange nehmen.

Ich ließ es geschehen und schaute mit starrem Blick über ihre Schulter auf meine Schwester Teggie. Auch sie fröstelte und hatte sich die spindeldürren Ärmchen um den schmalen Leib geschlungen.

»Zeit«, sinnierte mein Vater mit rauer, betont forscher Stimme. »Was du jetzt brauchst, ist Zeit.«

»Die Zeit heilt alle Wunden«, kam es so liebenswürdig von Teggie, das vermutlich nur ich den Sarkasmus heraushörte.

»So ist es«, sagte Dad und sah sie voller Überraschung und Dankbarkeit an.

Teggie kam zu mir herüber. »Setz dich«, sagte sie. »Ich mache uns Kaffee.«

»Das kann ich doch machen«, erbot sich meine Mutter.

Dad umarmte mich unbeholfen und ließ seinen Arm schwer auf meiner Schulter ruhen. Ich musste dem Impuls widerstehen, ihn abzuschütteln. Meine Schwester rettete mich und führte mich zu einem Sessel.

»Nora«, rief meine Mutter aus der Küche, ihr Ton entschuldigend. »Wenn du mir vielleicht sagen könntest, wo ich …«

»Schon gut«, blaffte ich zurück, senkte dann die Stimme. »Eigentlich will ich jetzt nur schlafen.«

Mein Vater und meine Schwester sahen sich an – einer der wenigen Momente stillen Einverständnisses zwischen ihnen.

Mom kam zurück ins Wohnzimmer. »Gut«, sagte sie sanft. »Das ist jetzt wahrscheinlich das Beste. Soll dir jemand nach oben helfen?«

Irritiert schaute ich sie an. Plötzlich kam mir das Gesicht meiner Mutter vor wie das einer Fremden. »Nein«, erwiderte ich mit einer Stimme, die ganz seltsam in meinen Ohren klang. »Das schaffe ich schon allein.«

Ich stieg die vordere Treppe hinauf und ließ mich in die unendliche Weite unseres Betts sinken. Gleich darauf stand ich wieder auf. Der Hals war mir wie zugeschnürt, durch die Nase bekam ich keine Luft. Ich rollte mich auf den blanken Holzdielen zusammen, wo es nichts machte, wenn ich erstickte, wo ich tiefer nicht fallen konnte, wo niemand nach mir suchen würde. Nach einer Weile streckte ich die Hand aus und zog die Bettdecke über mich.

Das Einzige, was mich auf der ganzen weiten Welt überhaupt noch interessierte, war warum.

3

Am Tag der Beerdigung zog meine Familie wie dunkle Schemen an mir vorüber. Ich wusste kaum, welche Kleider ich trug, ob sie schwarz oder grün waren oder ob ich ganz vergessen hatte, mich anzuziehen.

»Mom?«, fragte ich. »Bin ich okay so?«

Sie schien nicht zu verstehen, was ich meinte. Ihr Blick ruhte auf meinem Gesicht, nicht auf meinen Kleidern; sie bot mir keinerlei Bestätigung. Die Miene meiner Mutter verriet mir in diesem Augenblick nur eines.

Und alles, woran ich den Rest des Tages denken konnte – während der Schnee in dicken Flocken auf den Friedhof fiel und die Polizei von Wedeskyull über den steinharten Boden marschierte, während die Ex-Kollegen meines Mannes ihre Rituale aufführten und seinen Sarg in die Grube im vereisten Boden senkten, um sich schließlich wie eine Armee von Zinnsoldaten in unserem plötzlich viel zu kleinen Haus zu versammeln –, war die Miene meiner Mutter. Sie, die Brendan einst geliebt hatte wie einen Sohn, hasste ihn nun aus tiefstem Herzen.

Club war der letzte der Cops, die sich später in unserem Haus einfanden. Sowie er da war, schien für alle anderen kaum noch Platz zu sein. Er war ein großer, stattlicher Mann, der viel Raum für sich beanspruchte. Ohne mich zu fragen, goss er mir großzügig Kaffee ein. Ich nahm die Tasse entgegen, obwohl ich wusste, dass ich nicht einen Schluck trinken würde. Wie immer hatte Club seinen schwarzen Labrador dabei. Ich reagierte allergisch auf Hunde, doch heute war mir das egal. Ich sehnte mich nach der leichteren, umgänglicheren Seite, die Weekend an seinem Herrchen zum Vorschein brachte.

Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, von einem magnetischen Feld umgeben zu sein, das mich unberührbar machte. In unserem Wohnzimmer drängten sich Freunde und Familie, Brendans grau uniformierte Kollegen, lauter Menschen, die meinen Mann sein ganzes Leben gekannt hatten. Doch vor mir wichen sie zurück, ließen mich ungehindert durch, bevor ich mich, allein, in einer Ecke niederließ.

Weekend kam herübergetrottet, stupste mich an die Hüfte und sah mit feuchten Hundeaugen zu mir auf, ehe er den Kopf senkte. Magnetfeld von tapferer Seele im Alleingang durchbrochen, dachte ich.

Club stand neben Police Chief Vern Weathers, der seinen Blick durch den Raum schweifen ließ, als wäre er der Herr im Haus und müsse den Schmerz aller Anwesenden auf seinen Schultern tragen. Die Hand an seinem Pistolenholster, sah Club zu mir herüber. Ich sollte Vern begrüßen, dachte ich, wusste aber nicht, was ich sagen sollte. Das waren Brendans Leute, nicht meine. Obwohl ich mich mit den meisten ganz gut verstand, hatten wir uns doch nie angefreundet. Immer hatte ich das Gefühl gehabt, nicht wirklich dazuzugehören.

Weekends raue Zunge fuhr über meine Finger.

Sofort fing meine Nase an zu laufen. Ich schnüffelte leise, zog meine Hand aber nicht zurück.

Nicht bis Brendans Mutter kam.

Mein Blick war noch immer auf die dichte Gruppe grau gekleideter Männer gerichtet, auf ihre Mienen, die in einer Weise erstarrt waren, die nicht allein von der Kälte herrühren konnte, sich aber, wie mir schien, auch nicht mit den Umständen erklären ließ. Das waren keine Männer des großen Gefühls. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Trauer ihre Gesichter so ausdruckslos, ihre Bewegungen derart hart und ungelenk machte, als wären ihre Gelenke eingerostet. Wie festgefroren standen sie beisammen, so weit von mir entfernt wie möglich.

Eisige Luft zog herein. Ich schaute auf und sah meine Schwiegermutter in der offenen Tür stehen. Sie kam in Begleitung. Draußen war es bereits dunkel.

»Hallo Eileen«, begrüßte meine Mutter sie, und der Name klang wie ein Glockenschlag durch den Raum.

Eileen war zusammen mit Jean gekommen, ihrer Schwägerin, einer zurückhaltenden Frau, die trotz ihrer Leibesfülle eher unscheinbar wirkte.

Ich hatte angenommen, dass meine Schwiegermutter und ich uns aufgrund gemeinsamer Interessen gut verstehen würden. Sie hatte ein Faible für Archäologie, ich verdiente nach einem Abschluss in Kunstgeschichte meinen Lebensunterhalt mit dem Restaurieren alter Häuser. Doch Eileen Hamilton hatte mich ihre Abneigung von dem Augenblick an spüren lassen, als Brendan mich das erste Mal vom College mit zu sich nach Hause genommen hatte.

Sie trug ein schwarzes Kleid, das steif und antiquiert wirkte. Der Kragen war zu groß, der Rock zu lang. Natürlich muss Trauerkleidung nicht immer auf dem neuesten Stand der Mode sein, aber Eileens gesamte Garderobe sah aus, als stamme sie aus einer anderen Zeit.

»Es tut mir leid, Eileen«, sagte ich und kam mir vor, als hätte ich irgendeine Schuld einzugestehen. Weekend rieb sich an meinem Bein, ich musste niesen.

Der Mund meiner Schwiegermutter hatte die Größe und Form einer tiefgefrorenen Erbse. »Danke.«

»Mir auch, Mrs Hamilton«, sagte Teggie. »Mein Beileid. Brendan war wie ein Bruder für mich, der einzige, den ich jemals hatte.«

Eileens Mund schrumpfte noch weiter. »Was gedenkst du nun zu tun, Nora?«

Ich versuchte, etwas Mitgefühl für meine Schwiegermutter aufzubringen. Vor Brendan hatte sie breits einen anderen Sohn verloren. Sie war jetzt praktisch kinderlos, verwitwet noch dazu. »Wie meinst du das?«, fragte ich.

Weekend schüttelte sich neben mir.

Ein trockener Husten rasselte in Eileens Kehle. »Nun, das ist ja nicht wirklich dein Zuhause. Eher noch Brendans, obwohl ich nie verstanden habe, weshalb er zurückgekehrt ist.«

Sie sprach nur aus, was mir auch durch den Sinn gegangen war, aber wie sie es sagte, jagte mir einen eisigen Schauer über die Haut. Ich streichelte Weekend und überlegte, was ich darauf erwidern sollte, wollte aber am liebsten gar nicht darüber nachdenken.

»Es ist nicht einmal dein Haus«, fuhr Eileen fort. »Meines Wissens besitzt Jean noch immer …«

Jean stand an einem mit Tellern und Schüsseln beladenen Tisch und hatte uns den breiten Rücken zugewandt. Sie musste Eileens Worte gehört haben, doch es kamen weder Einspruch noch Bestätigung von ihr. Aus dem Augenwinkel sah ich sie stattdessen einfach davongehen.

»Mrs Hamilton«, setzte Teggie an. »Vielleicht sollten Sie das besser …«

»Jetzt ist nicht die Zeit dazu«, sagte ich erschöpft.

»Nein«, sagte Eileen nach einer kurzen Pause. »Wahrscheinlich nicht. Wichtige Entscheidungen sollte man nicht übers Knie brechen. Auf ein paar Tage kommt es jetzt auch nicht mehr an.«

Schon wollte meine Schwester etwas erwidern, aber ausnahmsweise war ich schneller als sie. »Ich werde in der nächsten Zeit überhaupt nichts entscheiden. Nicht ehe ich weiß, was passiert ist.«

»Was passiert ist?«, wiederholte Eileen.

»Mit Brendan«, fügte ich unnötigerweise hinzu.

Eileen runzelte irritiert die Stirn. Dann beugte sie sich vor, nahm meine Hand in ihre knochigen Hände. Es war keine Berührung, eine tröstende schon gar nicht; es war ihre Art, mich an meinem Platz zu halten. Ich spürte jeden Finger einzeln, jeden dieser langen, fast fleischlosen Knochen, die einen erstaunlichen Druck ausüben konnten.

»Was glaubst du wohl, weshalb ein Mann sich umbringt, Nora?«, fragte sie mich, jedes Wort ein tödlicher Stoß zwischen meine Rippen. »Was meinst du wohl, was die Leute sich denken werden?«

»Ich …« Mir versagte die Stimme. Weekend winselte leise, ich spürte es mehr als Beben an seinem Hals, als dass ich es hörte. Sanft strich ich über seine Flanke, bis er sich beruhigte. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Da wirst du aber die Einzige sein«, beschied mir Eileen. »Wahrscheinlich hat man dich aus Respekt gegenüber Brendan bislang verschont. Aber ich könnte mir vorstellen, dass die Polizei einige Fragen an dich haben dürfte.«

Verständnislos sah ich sie an. Ein schwerer Fehler, den ich sofort bereuen sollte.

»Unglückliche Männer begehen Selbstmord, Nora. Und was macht einen Mann unglücklich – zumal wenn allgemein bekannt ist, dass er seinen Beruf geliebt hat?« Ihre Worte nahmen jetzt an Fahrt zu, drohten, mich zu überrollen. »Nun, was wohl? Probleme zu Hause natürlich. Probleme mit seiner Ehe, mit seiner Frau.»

»Sie kalte, herzlose Kuh!«, platzte es aus Teggie heraus. »Ihr Sohn ist kaum unter der Erde …«

Für einen kurzen Moment wandte ich mich ab und überließ Teggie das Feld. Sie würde kurzen Prozess mit Eileen machen. Mit ihrer spitzen Zunge, ihrem scharfen, unerschrockenen Blick würde sie das viel besser erledigen als ich. Schon als Kind hatte ihr loses Mundwerk ihr einigen Ärger eingebracht. Mein Vater meinte immer, nur halb im Scherz, dass die spitze Zunge meiner Schwester selbst den Teufel das Fürchten lehren würde.

Doch dann war es selbst mir genug. Wütend fuhr ich herum. »Das war nicht der Grund«, sagte ich, ohne auf das Zittern meiner Stimme zu achten. »Brendan und ich waren glücklich, das wussten alle – genauso wie sie wussten, dass er seinen Job geliebt hat.« Ich hielt inne und schnappte nach Luft. »Hast du wirklich geglaubt, ich würde einfach verschwinden und nicht weiter nach Gründen suchen, Eileen? Nur weil das hier nicht mein Zuhause ist?«

Mit zitternden Knien stand ich auf und verließ den Raum, dicht gefolgt von Weekend.

4

Mein Schlafzimmer schien mir der einzig sichere Zufluchtsort. Oben angekommen fand ich die Tür offen, und Weekend schlug kurz an, ehe wir eintraten.

»Jean?«, sagte ich erstaunt, als ich Brendans Tante vor unserer Kommode stehen sah.

Mit ungeahnter Wendigkeit fuhr sie herum. »Ach, du bist es, Nora«, sagte sie. »Tut mir leid. Aber ich habe … einfach ein bisschen Ruhe gebraucht.«

»Ja«, meinte ich. »Ich auch.«

Jean verzog das mollige Gesicht, und Tränen traten ihr unter den Lidern hervor. Ich wandte mich ab. Weekend begann im Zimmer herumzuschnüffeln, inspizierte das Bett, den Schrank, die Kommode. Ich spürte kurz eine Hand auf meiner Schulter, und als ich wieder aufschaute, waren Weekend und ich allein.

Am nächsten Morgen wachte ich allein in meinem Bett auf und wusste, es musste wahr sein.

Im ersten Moment wusste ich kaum, wie ich aus dem Bett kommen, einen Fuß vor den anderen setzen sollte, wie ich so etwas Einfaches wie am Morgen aufzustehen jemals wieder bewerkstelligen sollte.

Kein schlechter Traum also. Alles wahr.

Jemand musste sich über Nacht an mein Bett geschlichen und meinen ganzen Körper in Gips gelegt haben. Ich war wie gelähmt. Jede noch so kleine Bewegung ließ mich in Stücke brechen. Was sollte ich nur tun? Mein Gesicht zersplitterte, barst, als ich lauthals zu schluchzen begann. Zumindest hatte ich geglaubt, dass es laut wäre. Reglos lag ich da und lauschte nach den Schritten meiner Familie, doch niemand kam.

Dieser eine Gedanke – Was soll ich nur tun? – wollte mir nicht aus dem Sinn. Wie ein eingesperrter Vogel flatterte er in meinem Kopf herum. Dann fiel mir die Polizeimannschaft von Wedeskyull ein, die Erinnerung war wie ein Rettungsanker, an den ich mich klammern konnte. Wie still Brendans Kollegen gestern gewesen waren, wie sie sich von mir zurückgezogen hatten, als hätten sie mich nie gekannt. Und keineswegs auf verlegene, gut gemeinte Weise. Eher so, als wären sie auf der Hut.

Mit ihnen könnte ich anfangen.

Ich setzte mich auf, spürte die blanken Dielen eiskalt unter meinen Füßen. Hatte sich dieses alte Holz jemals warm angefühlt?

Ich strich die zerwühlte Seite des Betts glatt, klopfte beide Kissen auf – eines feucht vom Schlaf, das andere kalt und trocken.

Alles wahr.

»Ich werde es tun, Honey«, flüsterte ich. »Ich finde heraus, warum.«

Mein Vater und Teggie waren unten in der Küche und räumten die Hinterlassenschaften der Beerdigungsgesellschaft weg: halb leer gegessene Pappteller, Tassen und Becher, aus denen Getränkereste schwappten. Die letzten Gäste waren gestern erst spät gegangen, doch ich hatte wenig davon mitbekommen. Die beiden arbeiteten schweigend vor sich hin, meine Schwester leerte die Becher mit tänzerischer Anmut in der Spüle aus und warf sie in den Müll, mein Dad beförderte die Teller sichtlich mühevoller hinterher.

Einen Moment beobachtete ich diese Szene ungewohnt friedlichen Einvernehmens, dann ging ich an den Kühlschrank, um die Reste zu begutachten. Am besten teilte ich das Essen auf und brachte es Brendans Kollegen vorbei. Vielleicht bekam ich sie so dazu, wieder mit mir zu reden.

Erst als ich im Schrank nach Tupperdosen und Alufolie suchte, bemerkte ich auch meine Mutter. Sie stand am Herd und schien sehr beschäftigt. »Mom? Was machst du da?«

»Erzähl Nora von dem Anruf«, kam es von meinem Vater.

»Was für ein Anruf?«

»Ach ja!«, rief meine Mutter und rührte weiter. »Wie es aussieht, hast du einen neuen Kunden, Darling.«

»Sagt, sein Name wäre Ned Kramer«, ergänzte Dad.

Ich musste kurz überlegen, doch dann erinnerte ich mich wieder. Ned Kramer war Journalist und erst seit Kurzem in der Stadt. Wir hatten uns kennengelernt, als er ein Feature über Phoenix Home geschrieben hatte. »Mitbürgerin gründet Firma« oder etwas in der Art. Ich hatte gerade meinen ersten großen Auftrag beendet, die Restaurierung einer alten Kirche, die mittlerweile als Wohnhaus genutzt wurde. Ned hatte bei der Gelegenheit erwähnt, dass er sich eines der historischen Häuser am Stadtrand kaufen wolle.

»Seine Nummer liegt neben dem Telefon«, sagte mein Vater. »Du könntest ihn gleich zurückrufen.«

»Vielleicht später«, wich ich aus. »Ich bin gerade nicht in der richtigen Verfassung.«

Bei den letzten Worten versagte mir fast die Stimme. Vor ein paar Tagen wäre ein solcher Anruf Anlass zur Freude gewesen. Phoenix steckte noch in der Anfangsphase, und ich konnte jeden Auftrag gebrauchen, den ich kriegen konnte. Ich hätte Brendan davon erzählt, und er hätte mich zur Feier des Tages in Wedeskyulls einziges gutes Restaurant ausgeführt. Dass ich mich einmal selbstständig machen könnte, war mir wie ein Traum erschienen, damals, als ich drei halbe Tage die Woche den Papierkram einer psychologischen Beratungsstelle erledigt hatte. Aber jetzt kam mir Phoenix Home vor wie ein Lieblingsspielzeug aus Kindertagen, etwas, das man einmal heiß und innig geliebt hat, sich nun aber beim besten Willen nicht mehr erklären konnte, weshalb.

Meine Mutter hielt kurz inne und rührte dann langsam weiter. Ich stellte mir etwas Dickes, Sämiges vor, das leise vor sich hinköchelte.

»Verstehe«, sagte mein Vater in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, dass er es keineswegs verstand. »Für uns geht das Leben leider in gewohntem Tempo weiter.«

Ich schnitt einen Obstkuchen in großzügige Stücke und wickelte jedes in Alufolie. Eine kleine, milde Gabe, um an Informationen zu gelangen, auch wenn ich nicht die leiseste Vorstellung hatte, wonach ich fragen sollte oder warum ich mir Antworten auf diese Weise verschaffen wollte.

Das Telefon klingelte.

Ohne zu zögern, ging ich ran. »Hallo?«

Meine ganze Familie sah mich gespannt an.

»Hallo?«, sagte ich noch einmal, ehe ich achselzuckend auflegte. »Niemand dran.«

»Ich koche dir noch Suppe«, sagte meine Mutter. »Chili und Lasagne habe ich auch gemacht, ist alles beschriftet und im Gefrierschrank.«

Langsam begann ich zu begreifen. »Ihr wollt fahren.«

»Wahrscheinlich bist du froh, wenn langsam wieder Normalität einkehrt«, meinte mein Vater.

Ich legte meine kleinen, silbrig schimmernden Päckchen neben der Tür ab. Bei der Aufzählung meiner Mutter, was sie mir alles gekocht hatte – ganz zu schweigen von den Kuchenstücken, aus denen dunkler, klebriger Fruchtsaft rann –, drehte sich mir schier der Magen um. Nein, heute war ich einer Konfrontation mit Brendans Kollegen ganz gewiss nicht gewachsen.

»Die Werkstatt«, hörte ich meine Mutter sagen. »Du weißt ja, wie es ist. Sonst beschweren sich die Kunden bei deinem Vater. Aber wenn du mich brauchst, kann ich jederzeit kommen. Nicht wahr, Jack?«

»Ich kann bleiben«, sagte Teggie. »Ich habe ein Vortanzen, aber erst am Dritten.«

Später am Abend tischte meine Schwester uns eine von Mutters Mahlzeiten auf. Eine Weile saßen wir nur da und brachten beide keinen Bissen herunter. Teggie war noch nie eine große Esserin gewesen, erst recht nicht, seit sie das Tanzen zum Beruf gemacht hatte, aber mir zumindest hatte Essen einmal Freude gemacht. Früher.

Sie warf einen Blick über ihre Schulter und schaute hinaus auf die kleine Veranda. »Was ist denn das da draußen?«

Ich schob meinen Teller beiseite, ohne das Essen auch nur angerührt zu haben. »Unsere Veranda.«

Teggie stand auf. »Das weiß ich, aber was ist das da?«

Der Essensgeruch bereitete mir Übelkeit. Ich stand auf, um die Teller abzuräumen. »Was meinst du?«

»Sieht nach Weingläsern aus.«

»Oh«, sagte ich nur.

»Oder?«

»Brendan und ich hatten noch etwas getrunken, an dem Abend, als er … an jenem Abend. Eigentlich war es viel zu kalt draußen, aber …« Ich wandte mich ab, ich wollte es nicht sehen. Auch fand ich es unnötig zu erklären – es hätte Teggie ihr Alleinsein nur schmerzlich bewusst gemacht –, dass ich, als wir mit den Weingläsern in der Hand hinausgegangen waren, die Kälte kaum gespürt hatte. Schließlich hatte ich ja gewusst, dass Brendan mich nachher im Bett gut wärmen würde.

Brendan hatte mir die Hand auf den Rücken gelegt und mich Chestnut genannt, was er lange nicht mehr getan hatte. Statt einer Cocktailstunde lieber eine Cocktailminute, hatte er scherzhaft gemeint. Er kam immer auf solche Ideen, schlug vor, nachts im See zu schwimmen oder den Sternenhimmel zu betrachten. Ohne ihn sah ich mich zu einer Person werden, die ich nicht mochte, unglücklich und verbittert. Jemand, der sich an nichts mehr freuen konnte.

Teggie schob den Riegel zurück und machte die Tür auf. Sofort kam Schneegriesel hereingeweht, der mir kalt auf der Haut stach. Wir hatten einen kleinen Tisch und zwei Stühle auf der Veranda stehen, die jedoch seit Monaten nicht benutzt worden waren. Auf den Stühlen lagen dicke Schneekissen, der Tisch verschwand fast unter einer weißen Haube.

»Was habt ihr denn da getrunken?«, fragte Teggie, als sie mit den Gläsern wieder hereinkam.

»Mach die Tür zu!«, bat ich sie und schlang die Arme um mich. »Wein. Warum?«

»Einer von euch beiden hat Wein getrunken.«

»Was meinst du?«

»Komisch, oder?« Teggie hielt eines der Gläser hoch. »Erst dachte ich, es wäre Frost – ist es aber nicht.«

Ich griff nach dem kalten Glas und sah es mir an. Innen hatte sich ein trüber weißer Film abgesetzt. Das andere Glas war bis auf einen dunkelroten Satz am Boden klar und durchscheinend.

Ich hielt es mir unter die Nase und schnupperte, spürte Panik in mir aufsteigen. Dieser schreckliche Morgen. Wie ich verschlafen hatte, meine Benommenheit.

»Da muss etwas im Glas gewesen sein. In meinem Wein.«

»Wer sollte dir denn was in deinen Wein getan haben?«, fragte Teggie ungewohnt arglos. Aber Brendan war in den Augen meiner Schwester schon immer unfehlbar gewesen. »Oh nein … Du meinst, Brendan …?«

»Er wusste, was er tun würde«, flüsterte ich. Wie er danach meine Hand gestreichelt hatte, statt sofort einzuschlafen. Wie ich seinen Blick im Dunkeln auf mir gespürt hatte. »Und er wollte nicht dabei gestört werden.«

Ich merkte nicht, wie ich das Glas losließ, nahm kaum wahr, wie Teggie es im freien Fall auffing, ehe es auf dem Boden zerspringen konnte.

5

Am nächsten Tag fing meine Schwester erneut davon an.

»Pass auf, ich weiß, dass du der rauen Wirklichkeit nicht gern ins Auge siehst.«

Ich runzelte die Stirn, doch mein Unmut war nicht gegen sie gerichtet. Eigentlich war er gegen gar nichts gerichtet – und gegen alles zugleich.

»Komm schon, Nor.« Teggie ließ nicht locker. »Du siehst alles durch eine rosarote Brille, alles hübsch flauschig und schön, alle sind glücklich und nett und haben sich lieb. Das ist die Welt, in der du lebst. Was glaubst du wohl, warum du in New York keinen Fuß auf den Boden bekommen hast?«

Ihre Worte riefen eine längst vergessen geglaubte Erinnerung in mir wach. Ich war vielleicht sechs Jahre alt gewesen und in der Werkstatt meines Vaters hingefallen. Der Boden war uneben – ich meinte mich noch genau an das raue Holz zu erinnern, das Generationen von Arbeitern und Zimmerleuten mit ihren schweren Stiefeln ausgetreten hatten –, und mein Knie hatte ziemlich lang und heftig geblutet. Meine Mutter wollte mit mir zum Arzt gehen und es nähen lassen, doch mein Vater hatte allein die Vorstellung in einem Ton abgetan, der dem Teggies jetzt ganz ähnlich war. »Ein kleiner Kratzer«, hatte meine Mutter gemeint, als sie mir einen festen Verband anlegte, um die Blutung zu stillen. »Mit kleinen Kratzern kommt dein Vater zurecht, mit richtigen Wunden nicht.«

Obwohl sie längst verblasst war, hatte ich noch heute eine tief gezackte Narbe am Knie.

Teggie sprach weiter. »Was glaubst du, warum Brendan es so und nicht anders gemacht hat?«

Als ich sie nur verständnislos ansah, fuhr sie fort: »Brendan war ein Cop. Er kannte sich mit Waffen aus, er hatte Zugang zu Munition. Warum also ein Seil? Warum hat er sich aufgehängt, wenn er sich kurz und schmerzlos hätte erschießen können?«

Schweigend drehte ich meine Tasse in den Händen.

»Du verschweigst mir etwas«, stellte Teggie fest. Sie musste gespürt haben, dass ich ihr keine Antwort geben würde, und sprang auf. »Wo ist das Seil? Es muss doch noch irgendwo hier sein.« Ihr schien gar nicht in den Sinn zu kommen, wie taktlos, wie grausam ihre Worte waren.

»Nein, Teggie«, sagte ich und hätte beinah meine Tasse umgekippt und den Tee vergossen. »Bitte.« Sie war die jüngere von uns beiden, hatte sich aber immer als die große Schwester aufgespielt, die alles bestimmte. Ständig hatte sie sich neue Spiele ausgedacht, in denen sie die Rollen verteilen wollte.

Teggie drehte sich auf dem Absatz um – sie ließ es wie eine sorgfältig einstudierte Choreografie wirken – und verließ die Küche. Kurz darauf hörte ich sie draußen in dem Verschlag, wo die Mülltonnen standen.

Als sie wieder hereinkam, wandte ich den Blick von den verschlungenen Stricken, die sie sich, vor Kälte bibbernd, an die schmale Brust drückte. Aber ich hatte es längst bemerkt, das raue, zerfasernde Seil.

»Der Müll ist nicht weggebracht worden«, stellte meine Schwester fest. Sie hatte Tränen in den Augen, und mir wurden zwei Dinge bewusst: wie selten Teggie weinte, und wie sehr sie Brendan gemocht hatte.

Ich stand auf und ging zum Telefon. Mir fiel nur eine einzige Person ein, die ich jetzt sprechen wollte. Jemand, der wusste, was dieses Seil an Unheil angerichtet, der es mit eigenen Augen gesehen hatte.

»Nor?«, hörte ich meine Schwester fragen, während ich seine Nummer wählte.

»Jetzt nicht«, erwiderte ich. »Sei bitte mal einen Augenblick still, ja? Nur einmal in deinem Leben …«

»Club?«, sagte ich, sowie das Läuten verstummt war, und noch ehe er sich gemeldet hatte.

»Ja?«

Hinter mir hörte ich Teggie, deren Stimme wieder ganz gefasst klang. »Schau dir das mal an!«

»Könntest du vorbeikommen?«, fuhr ich etwas lauter fort, um meine Schwester zu übertönen, die wie üblich nicht auf mich hörte.

»Jetzt gleich? Ja, doch … denke schon. Meine Schicht fängt erst um vier an.« Club machte eine Pause. »Irgendwelche Neuigkeiten?«

Warum schien Club als Einziger mit Neuigkeiten zu rechnen?

»Bin gleich da«, versicherte er mir, ohne meine Antwort abzuwarten, und legte auf.

Meine Schwester kam zu mir, noch immer das Seil in den Händen.

»Ich habe es schon gesehen.« Meine Stimme klang seltsam ruhig. »Aber begreifst du, was das eigentlich Interessante daran ist? Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist – ich habe es natürlich sofort bemerkt, der professionelle Blick sozusagen.« Ich lachte leise, ein tiefer, kehliger Laut, der mir Angst machte.

»Soll heißen?«, wollte Teggie wissen. Trockene, mürbe Hanffasern fielen wie lose Haarsträhnen über ihre Finger.

»Schau dir das verdammte Ding doch an!«, rief ich und deutete blindlings in Richtung der Fasern. Meine Schwester hatte recht: Ich konnte der Wirklichkeit nicht ins Auge sehen, ich ertrug den Anblick dieses Seils nicht. Aber ich würde nie vergessen, wie es an jenem Morgen auf der Hintertreppe unter seiner Last nachgegeben hatte. »Es ist alt, Teggie! Alt und morsch.«

Meine Schwester runzelte die Stirn. Wahrscheinlich hatte sie mich ebenso selten fluchen gehört, wie ich sie hatte weinen sehen.

»Dieses Seil«, fuhr ich ruhiger fort, »dürfte zwanzig, dreißig Jahre auf dem Buckel haben, wenn nicht mehr.«

UNTEN

Das Bedürfnis überkam Eileen wie immer, wenn die Wintersonne zu verblassen begann, nachdem sie sich kurz am Himmel gezeigt hatte. Der Winter herrschte hier oben lange – sieben Monate waren es gewiss. Ob sie in dieser kalten, dunklen Phase mehr Zeit dort unten im Keller verbrachte? Eileen Hamilton wusste es nicht, und sie pflegte selten ihre Gewohnheiten zu hinterfragen.

Mit steifen Gelenken erhob sie sich aus ihrem Sessel, den Korb mit Stopfsachen neben sich längst vergessen. Ihre Knie knirschten beim Aufstehen, ein trockenes, schabendes Geräusch, das ihr Anlass zur Sorge hätte geben können, hätte sie zur Selbstbeobachtung geneigt.

Sie hielt kurz inne, um ihren Schlüsselring zu holen.

Irgendwann im Laufe der Jahre, nachdem Bill gestorben und Brendan ausgezogen war, hatte sie aufgehört, die obere Tür abzuschließen. Es gab keinen Grund mehr, sie zu sichern, niemanden, den es noch fernzuhalten galt. Aber manche Gewohnheiten waren einfach nicht totzukriegen, und bis heute brachte sie es nicht über sich, auch die letzte Tür unbewacht zu lassen.

Auf der schmalen Kellertreppe machten ihre Knie sich abermals bemerkbar, doch unten angekommen durchmaß sie den weiten Vorraum und den langen Gang im schnellen Tempo der sinkenden Wintersonne. Bis es draußen völlig dunkel war, wollte sie sicher und geborgen sein.

Hier unten war es wärmer als im Rest des Hauses. Eileen ließ die Heizung nur auf niedriger Flamme laufen, doch ein gemauertes Fundament sorgte für gute Wärmedämmung und schützte das Haus zudem vor Sturm. Sie schloss die Tür auf und ging hinein.

Wie immer senkte sich ein Gefühl tiefen Friedens über sie, sowie sie ihrer kostbaren Sammlung ansichtig wurde. Ruhe und Frieden, die nur blind wütende Gewalt zerstören konnte. Ihr Blick trübte sich, alles verschwamm ihr vor Augen, bis sie überhaupt nichts mehr sehen konnte. Unwillkürlich ballten sich ihre Hände zu Fäusten. Sie hob die Schultern und senkte den Kopf wie ein wütender Stier, zum Angriff bereit.

Wenn sie hier unten laut wurde, würde niemand es hören, auch nicht oben im Haus, falls jemand vorbeikäme. Die Wände waren dick gemauert und schluckten jedes Geräusch. Gut möglich, dass sie bisweilen laut schrie. Sehr wahrscheinlich sogar, denn manchmal rauschte es ihr noch lange in den Ohren, wenn sie eine Weile hier unten gewesen war, als wäre sie pfeifenden, tosenden Winden ausgesetzt gewesen. Und dies war nicht das einzige Anzeichen von Aufruhr. Manchmal brauchte Eileen Stunden, um hinterher aufzuräumen, ihre Schaustücke und Auslagen wieder herzurichten, sie mit tränennassen Fingern wieder glattzustreichen. Oft waren ihre Fingernägel abgebrochen, blutunterlaufen, als hätte sie alles mit bloßen Händen einreißen wollen.

Langsam beruhigte sie sich, spürte, wie ihre magere Brust sich kaum merklich hob. Einst war diese Brust ein weicher, üppiger Busen gewesen, an dem sie ihre Kinder genährt hatte. Als wieder Ruhe eingekehrt war, lag alles flach und still, nicht einmal ihr Herzschlag war mehr zu spüren. Die einzige verbliebene Regung lebte in ihren Händen fort, die unablässig zuckten und, das wusste sie genau, noch Stunden später zittern würden, wenn sie sich längst schon nach oben geflüchtet hatte.

Eileen betrachtete diese Hände, als gehörten sie nicht zu ihr, sah sie sich ohne ihr Zutun bewegen, das verbliebene Stück Seil unablässig zwischen den Fingern drehen und wenden.

6

Weekend kam mit einer Geschwindigkeit angeschossen, die man einem Hund seiner Größe kaum zugetraut hätte. Ganz sein Herrchen, dachte ich und musste beinah lächeln, während meine Hände ihre schlabbernde Begrüßung bekamen.

»Hier.« Clubs Stimme ließ mich aufblicken, und ich sah, dass er mir einen Strauß Nelken hinhielt. »Von Dave.«

»Dave?«, fragte ich und wickelte die Blumen aus der Folie.

»Hmmm«, meinte Club achselzuckend. Erst da fiel mir wieder ein, dass der Bruder des Chief bei der Beerdigung als einziger unter den Cops auf mich zugegangen war.

Teggie nahm mir die Blumen ab und verschwand damit in der Küche. »Ich mach uns eine Kleinigkeit zum Mittag«, sagte sie auf dem Weg hinaus.

»Deine Schwester heißt Terry?«, fragte Club, der sich noch immer nicht von der Stelle gerührt hatte. Vor gar nicht langer Zeit war das hier praktisch sein zweites Zuhause gewesen. Die Sofakissen hatten längst seine Form angenommen; er besaß sogar sein eigenes, ganz persönliches Glas. Aber nun, da Brendan fort war, schien es, als gehöre Club nicht mehr hierher. Oder vielleicht war ja auch ich es, die nicht hierhergehörte, und alle anderen warteten nur darauf, dass ich es endlich merken würde.

»Komm doch rein«, sagte ich und zuckte innerlich zusammen, als Club sich höflich bedankte, wie ein Gast. »Sie heißt Teggie. Familiensprache«, fügte ich erklärend hinzu, als ich ihm ins Wohnzimmer folgte.

Wir saßen beide etwas unbehaglich da, ich auf der Couch, Club auf einem Sessel mit Chintzbezug, der so gar nicht zu ihm passte. Er blies sich in die Hände, und sofort sprang ich wieder auf. »Ich kann die Heizung höherstellen …«

»Nein, nicht nötig.«

Unsere kläglichen Versuche einer Unterhaltung fanden ein Ende, als Weekend nach einem kurzen Rundgang im Haus wieder hereingetrottet kam. Ich winkte ihn zu mir.

»Seit wann hast du meinen Hund so ins Herz geschlossen?«

Schon fing meine Nase wieder an zu jucken. Ich rieb sie mit der einen Hand, Weekends Rücken mit der anderen. Der Hund drehte sich ein paarmal im Kreis, ehe er sich auf meinen Füßen niederließ.

»Wahrscheinlich haben tränende Augen und eine triefende Nase mir früher einfach mehr ausgemacht.«

Club musterte mich. Unwillkürlich machte er jene Geste, die ihm zur Gewohnheit geworden war, tastete nach seiner Waffe, die er sowohl im Dienst als auch nach Feierabend trug.

Früher war er Linebacker und Rechtsaußen im Football-Team der Wedeskyull Highschool gewesen. Fünfzehn Jahre später hatte er jene leicht gepolsterte Statur, die muskulöse Männer mit zunehmendem Alter bekommen. Aber noch immer war Club gut in Form, das Gesicht immer etwas gerötet von Sonne oder Wind, die Arme gut durchtrainiert, mit breiter, kräftiger Brust und einem starken, markanten Kinn.

Er war ein Mann, der nicht lange fackelte. Brendan hatte mir erzählt, wie Club die Handschellen zuschnappen ließ, noch ehe die Befragung begonnen hatte, von den unzähligen Stunden, die er auf dem Schießstand zubrachte.

Im Grunde war ich immer froh gewesen, dass er und Brendan Partner waren. Ich sah es ganz pragmatisch: Als Cop hatte man besser jemanden zur Seite, der einmal zu oft die Waffe zog, als jemanden, der im entscheidenden Moment zögerte. Zu wissen, dass Club und Brendan ein Team waren, hatte mir immer ein Gefühl der Sicherheit gegeben, für das ich auch gern darüber hinweggesehen hatte, dass Brendans Erzählungen noch eine dunklere Seite an Club vermuten ließen: das Bedürfnis zu schießen, der schnelle Griff zur Waffe – und das nicht nur im Notfall.

Doch letztlich hatte auch Club meinen Mann nicht beschützen können. Niemand hätte das. Wie sollte man auch einen Menschen vor sich selbst beschützen?

Meine Augen brannten, als wäre Rauch in sie gestiegen. Auf einmal war das Bedürfnis, meinen Mann zu sehen, so stark, dass ich kaum wusste, wie ich es ertragen sollte. Weekend sprang aufs Sofa und kuschelte sich an mich.

»Jetzt spielt er schon den Schoßhund«, bemerkte Club.

Warum hat Brendan das getan?, hätte ich gern gefragt. Weißt du es? Und wenn ja, würdest du es mir sagen? Doch noch ehe ich etwas sagen konnte, klopfte es zweimal kräftig an die Haustür. Eilig versuchte ich den Hund von mir zu schieben und aufzustehen, doch Chief Weathers kam schon zur Tür herein.

Club sprang auf. »Was gibt es, Chief?«

Vern Weathers sah so finster drein, dass es nur irgendwelche Probleme geben konnte. Club schien es sofort gespürt zu haben, doch mein einst so wacher Instinkt musste mich zusammen mit Brendan verlassen haben. Schon begann ich, die Rhythmen zu vergessen, die das Leben eines Polizisten bestimmten: die stete Bereitschaft, Brendans Art, die Treppe hochzurennen, sich seine Uniformjacke zu schnappen und mir zuzurufen, ich solle nicht auf ihn warten. Die wenigen freien Stunden, die mein Mann eher ertragen als genossen hatte, bis der Ernst des Lebens endlich wieder begann. Cops lebten für ihren Job, und sie liebten ihn. Plötzlich überkam mich der unerklärliche Impuls, die beiden Männer zurückzuhalten, sie nicht gehen zu lassen, wohin auch immer die Pflicht sie rief.

»Im Moment nichts«, sagte der Polizeichef, und ich sah, wie Clubs breite Schultern sich entspannten.

»Meine Schwester macht uns gerade was zu essen. Möchten Sie auch ein Sandwich?«, fragte ich, ehe mir wieder einfiel, wie kühl und abweisend der Chief am Tag von Brendans Beerdigung gewesen war.

Doch diese Distanziertheit schien nun verschwunden – vielleicht hatte ich sie mir auch nur eingebildet, vielleicht war es nicht Gleichgültigkeit und Kälte, sondern stumme Trauer gewesen –, und der Chief trat sich den Schnee von den Stiefeln, kam herein und umfasste mit seiner blassen Hand mein Kinn.

»Ich hatte Ihnen noch gar nicht gesagt, wie leid mir das tut«, sagte er mit leiser, tiefer Stimme. »Das ist mehr an Trauer als die meisten Menschen ihr Lebtag ertragen müssen.«

Ich spürte, wie Tränen mir den Hals zuschnürten. »Danke, Vern.«

Er hob die Brauen und schaute zu Club hinüber. »Hast du das gehört? Sie hat mich Vern genannt«, sagte er, und sofort wurde mir mein Fehler bewusst. Um ehrlich zu sein, hatte ich bis jetzt nie groß Gelegenheit gehabt, mit Brendans Chef persönlich zu sprechen.

»Meine Mama hat mich Vern genannt«, fuhr der Chief fort. »Vielleicht noch meine Kindergartentante. Alle andern nennen mich Chief. Den Namen hatte ich schon, ehe ich den Posten bekommen habe. Stimmt doch, Mitchell?«

Club nickte.

»Schon verrückt.«

»Was, Chief?«, fragte Club.

Ich musste unweigerlich lächeln bei diesem eingespielten Wortwechsel zwischen den beiden. Aber da war noch etwas anderes. Vielleicht wurde ich langsam paranoid, doch unter dem gutmütigen Humor schien in Clubs Stimme ein durchaus ernstgemeinter Unterton mitzuschwingen.

»Na, dass meine Mutter und die Kindergartentante mich Vern genannt haben.« Der Chief lachte, laut und herzhaft. Statt die Stille des von Trauer erfüllten Hauses zu stören, brachte dieses Lachen wieder etwas des früheren Lebens zurück. »Sie hätten wissen sollen, dass ich mal der Chief werde!« Wieder hob er mein Kinn an, musterte mich mit prüfendem Blick. »Okay, Mädchen, pass auf. Nenn mich einfach Chief, einverstanden?«

Meine Kehle war noch immer wie zugeschnürt. »Ja«, sagte ich leise. »Einverstanden.« Seine bloße Gegenwart hüllte mich ein wie eine warme, weiche Decke. Ich spürte, wie ich langsam auftaute, ein bisschen nur, aber immerhin. Ich neigte mich seiner Berührung zu, wie eine Katze, die einem ums Bein streicht.

»Nächstes Mal«, sagte er. »Dann bleibe ich zum Essen.«

Damit wandte der Chief sich ab und schlenderte hinaus, noch ehe einer von uns ihn hätte verabschieden können.

Am späten Nachmittag klingelte das Telefon. »Hallo«, meldete ich mich, erhielt aber keine Antwort. Ich fragte noch einmal nach, diesmal etwas ungeduldiger, dann warf ich das Telefon aufs Bett. Club und Teggie hatten nach dem Essen gemeint, ich solle mich ein bisschen hinlegen. Aus irgendeinem Grund hatte ich den beiden nachgegeben, obwohl ich überhaupt keine Lust gehabt hatte, mich auszuruhen. Mir war, als hätte ich mich mein ganzes Leben schon viel zu viel ausgeruht.

Meine Schwester kam herein. »Ich hab’s gefunden.«

»Was gefunden?« Ich war in Gedanken noch immer bei dem Anruf von eben.

»Was Brendan dir in den Wein getan hat. Es war in seinem Schreibtisch. Club hat sich ein Buch aus seinem Arbeitszimmer geholt«, fügte sie schnell hinzu.

Ich klopfte neben mich aufs Bett, bedeutete meiner Schwester, dass sie sich zu mir setzen solle. Aber sie tat, als hätte sie es nicht bemerkt.

»Willst du nicht wissen, was es ist?«

Ich schwieg einen Augenblick. »Doch, natürlich.«

Sie lachte, kurz und spöttisch. »Natürlich? Wirklich?«

Ehe ich etwas erwidern konnte, hielt sie mir ihre ausgestreckte Hand hin.

Ich griff nach dem kleinen braunen Plastikfläschchen. »Verschreibungspflichtige Tabletten?«

»Schau dir das Etikett an.«

Ich hielt mir die Flasche näher vor die Augen. Die Schrift auf dem Etikett war schwarz und deutlich zu lesen, aber im ersten Moment konnte ich kein Wort erkennen.

»Das sind Brendans«, erklärte ich schließlich. »Aber das sagtest du ja schon.«

»Da steht aber noch was außer seinem Namen«, sagte Teggie. »Du musst nur genau hinschauen.«

»Warum sprichst du in diesem Ton mit mir?«, rief ich. »Warum musst du immer so garstig sein?«

»Garstig?«, höhnte Teggie. »Was weißt du schon, was garstig ist? Du ahnst doch nicht mal, wie garstig und gemein das Leben sein kann. Ich habe zumindest eine Vorstellung davon, was passieren kann, wenn man sich der Wahrheit stellt, der rauen Wirklichkeit. Reiche Erfahrung eines kurzen Lebens.«

Gereizt runzelte ich die Stirn, erwiderte jedoch nichts. Dann betrachtete ich das Etikett genauer. »Der verschreibende Arzt ist Dr. Bradley. Er arbeitet in medizinischen Fragen mit der Polizei zusammen.«

Teggie zögerte einen Augenblick. »Okaaay … Und weiter?«

»Wahrscheinlich hatte er gerade Dienst, als Brendan sich die hat verschreiben lassen.«

»Lies weiter.«

»Das Verschreibungsdatum …«

»Ganz genau«, trumpfte Teggie auf.

»… war der sechzehnte Januar.« Ich versuchte, gegen meine plötzlich aufsteigende Übelkeit anzukämpfen. »Sechzehnter Januar?«

»Allerdings.«

»Nein«, sagte ich wie benommen.

Ausnahmsweise hielt auch Teggie mal den Mund.

»Wenn er die am sechzehnten Januar bekommen hat«, sagte ich ganz langsam und bedächtig, damit die Wucht der Worte mir nicht die Luft abschnürte, »bedeutet das, dass Brendan alles geplant hatte … dass er schon eine Woche vorher wusste, was er tun würde.«

7

Um sechs Uhr am nächsten Morgen bekam ich kein Auge mehr zu. In meinem Kopf und meinem Bauch wirbelte alles wild durcheinander.

Fünf schreckliche Tage lang hatte eine Vorstellung von mir Besitz ergriffen, die ich nie hinterfragt hatte. Diese Überzeugung war nun dahin; ich würde sie wiederherstellen müssen. Punkt.

Nur dass jetzt mit aller Macht Fragen über mich hereinbrachen, wie ein Fluss, der über die Ufer tritt und sich nicht mehr aufhalten lässt.

Um zu tun, was er getan hatte, musste mein Mann von einem plötzlichen, ungeahnten Leid heimgesucht worden sein. Was immer ihm solche Qualen bereitet hatte, es musste völlig unerwartet über ihn gekommen sein.

Sonst hätte ich davon gewusst. Brendan teilte seine Sorgen mit mir. Und selbst wenn er es diesmal nicht getan hätte – denn natürlich gab es Dinge, über die er nicht mit mir sprach, Abgründe, die er hinter gutmütigem Humor verbarg –, hätte ich es doch gespürt. Etwas, das so schrecklich und überwältigend war, dass es Brendan das Leben gekostet hatte, hätte nicht unbemerkt bleiben können.

Wenn meinem Mann am sechzehnten Januar etwas zugestoßen war, etwas, das so schlimm war, dass er sich am dreiundzwanzigsten das Leben nahm, hätte ich davon erfahren. Ich hätte es ihm angemerkt. Hätte es intuitiv wahrgenommen. Seine Not gerochen, wenn man so will.

Doch ich hatte es nicht bemerkt.

Vorausgesetzt, er hatte es wirklich im Voraus geplant, hatte sich eine Woche zuvor jene Tabletten besorgt, die garantieren sollten, dass er seinen Plan ungestört in die Tat umsetzen konnte.

Hatte Teggie recht? Scheute ich mich davor, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, der rauen Wirklichkeit, wie sie es nannte? Oder waren wir einfach verwöhnt und hatten uns nie wirklich Schlimmem stellen müssen? Es war uns gut gegangen. Da Jean mit der Miete sehr entgegenkommend war und die Lebenshaltungskosten hier oben nicht der Rede wert waren, konnten Brendan und ich uns auch ab und an einen Urlaub leisten und von den Freizeit- und Sportaktivitäten, die die Gegend zu bieten hatte, reichlich Gebrauch machen. Und so klein unser Haus auch war, schien es manchmal doch fast zu groß für uns beide, aber ich hatte gehofft, dass sich das eines Tages ändern würde. Ernsthaft über eine Familie nachgedacht hatte ich nicht, denn wir genossen die Zeit, die wir miteinander verbringen konnten, unsere Tage waren erfüllt von Liebe und Lachen und all den kleinen Freuden, die der Alltag so mit sich bringt. Freuden, die mir nun, angesichts dessen, was tatsächlich vor sich gegangen war, auf einmal schrecklich oberflächlich und banal schienen.

Ich setzte mich im Bett auf und warf die Decke von mir. Weil ich es nicht mehr ertrug, mich ganz zuzudecken, fror ich nun jede Nacht. Selbst der geschlossene Kragen einer Bluse ließ Bilder einer sich fest um den Hals legenden Schlinge vor meinen Augen entstehen. Doch ich zahlte teuer für meine neue Phobie und mühte mich jeden Morgen mit steifgefrorenem Oberkörper ins Bad. Heute jedoch war mir nicht nach dem Luxus einer langen heißen Dusche.

Wenn Brendan sich die Tabletten am sechzehnten hatte verschreiben lassen, bedeutete dies, dass wir zuvor noch ganze sieben Tage unserem leichten, unbeschwerten Alltag nachgegangen waren.

Tage, in denen wir zusammen gelebt, zusammen geschlafen, zusammen gegessen hatten. Wir hatten miteinander geredet, gelacht, uns geliebt, abends ein Glas Wein getrunken. Und er sollte die ganze Zeit über geplant haben, mich zu betäuben und für immer zu verlassen? Sich umzubringen? Unmöglich.

Das Verschreibungsdatum der Tabletten schien das Gegenteil zu beweisen.

Es war eiskalt im Bad; ich fröstelte und begann mich hastig einzuseifen.

Möglich wäre auch, dass Brendan die Tabletten aus einem ganz anderen Grund bekommen und sich dann spontan entschieden hatte, sie mir in den Wein zu geben und zu tun, was er getan hatte. Eine Kurzschlusshandlung.

So könnte es gewesen sein, dachte ich und klammerte mich an diesen winzigen Hoffnungsschimmer.

Schon seltsam, woraus man unter gewissen Bedingungen noch Hoffnung zieht.

Brendan könnte die Tabletten am sechzehnten bekommen haben, wegen irgendwelcher Beschwerden, die ich hätte bemerken sollen, aber aufgrund ihrer Geringfügigkeit einfach übersehen hatte. Und dann am dreiundzwanzigsten Januar musste ihm etwas Unerträgliches widerfahren sein, ein Schock, den er nicht hatte überwinden können, eine schlechte Nachricht vielleicht, deren Inhalt ich herausfinden musste.

Und so versuchte ich weiter, die letzten Stunden meines verstorbenen Mannes nachzuvollziehen, mir einen Reim auf das Geschehene zu machen.

Er hatte beschlossen, mich mit den Tabletten außer Gefecht zu setzen. Vielleicht war er sich nicht mal sicher, dass es funktionieren würde, doch nachdem ich in meinen tiefen, betäubten Schlaf gefallen war, hatte nichts ihn mehr aufhalten können.

Was waren das für Tabletten? Weshalb hatte der Arzt sie ihm verschrieben?

Fröstelnd trat ich unter den heißen Wasserstrahl, duschte mich kurz ab und griff nach einem Handtuch. Dann huschte ich barfuß über die eisig kalten Holzdielen zu Brendans Arbeitszimmer. Meine Schwester schien noch zu schlafen, und ich wollte sie nicht wecken.

Es war Brendans Schreibtisch, sein Stuhl, und ich setzte mich nicht; ich ertrug es nicht. Genau genommen gehörte alles hier drin Brendan. Bis vor Kurzem hatte ich nicht mal den Computer benutzt, dann aber doch ein paar Ordner für die Arbeit angelegt. Lieber arbeitete ich praktisch, mit den Händen, als am Schreibtisch herumzusitzen oder zu lesen.

Jetzt starrte ich den Laptop an, schaltete ihn schließlich an. Mir kam es vor, als ließe sich der Knopf viel schwerer drücken als sonst. Langsam fuhr der Rechner hoch, mit einer Folge brummender und piepender Laute, die mir in der Stille des Morgens sehr laut vorkamen. Ich drehte mich um, aber meine Schwester schien zwei Zimmer weiter noch tief und fest zu schlafen.

Sonodrine stand auf der Flasche, die sie gefunden hatte.

Meine rechte Hand zitterte, als ich das Wort eingab. Das Handtuch hielt ich mit der linken um mich geschlungen. An den Schultern hatte ich Gänsehaut, und wenn ich nicht schnell in ein paar warme Kleider kam, würden Kälte und Unbehagen mich in Tränen ausbrechen lassen. Ich klickte die erste Seite an, dann die nächste, dann noch eine, überflog sie und las, so schnell ich konnte, ohne die Worte wirklich aufzunehmen.

Was half es mir, was ich hier fand? In den Tiefen des Internet würde ich keine Antworten finden, es hatte Brendan nicht gekannt, es kannte mich nicht. Ich war keine Freundin neuer Technologien, sie waren so kalt und herzlos verglichen mit dem warmen, lebendigen Pulsschlag, den ich spürte, wenn ich meine Hände auf Holz oder Putz legte. Ich brauchte ein menschliches Gegenüber, jemanden, der mich nicht mit Wirkstoffen, Nebenwirkungen und Anwendungsdauer behelligte, sondern mir sagen konnte, weshalb Brendan dieses Medikament überhaupt zur Hand gehabt hatte.

»Nora?«

Teggie stand, in einen Bademantel gewickelt, in der Tür und blinzelte verschlafen. Ihre Locken standen ihr wirr vom Kopf ab.

»Es ist noch früh, geh wieder ins Bett«, sagte ich und drängte mich an ihr vorbei, zurück zu meinem Zimmer.

Teggie folgte mir gähnend.

Ich kramte ein paar Sachen aus dem Schrank und zog mich an, ließ den Kragen aber weit offen. Es war Wahnsinn, sich mitten im Wedeskyuller Winter so anzuziehen. In meinem ersten Jahr hier oben waren auf einen kurzen Herbst sechs oder sieben Monate eisiger Winterkälte gefolgt, während derer ich gelernt hatte, mich immer gleich in mehrere warme Schichten zu hüllen. Aber jetzt ertrug ich es nicht mehr, bis obenhin eingepackt zu sein.

Meine Schwester folgte mir in die Diele – wie ein kleines Kind.

»Wo willst du hin?« Mit einmal klang sie hellwach. »Soll ich mitkommen?«

Ich zögerte. »Ich glaube, ich möchte das allein machen, Teg.«

Sie sah mich an und schien zu verstehen, was ich meinte.

Ich hatte nie glauben können, wie selbstverständlich Menschen sich auch mit den schlimmsten Ereignissen abfinden können. Dinge, von denen sie früher meinten, niemals damit fertig zu werden: unheilbare Krankheiten, Verluste, die so schwer waren, dass allein ihre Erwähnung einen auf Holz klopfen ließ oder ein kurzes Stoßgebet gen Himmel schicken, damit dergleichen niemals eintreten würde.

Jetzt verstand ich, wie es ging.

Man veränderte einfach seine Maßstäbe. Das Undenkbare war auf einmal eine Tatsache, mit der es zu leben galt, und andere, noch schrecklichere Dinge rückten plötzlich an die Stelle dessen, was um keinen Preis geschehen durfte.

Brendan hatte sich erhängt, oben an der alten Stiege, die ich gerade so mühselig restaurierte. Zuvor hatte er sichergestellt, dass ich seinen unheilvollen Plan nicht durchkreuzte, hatte mein Bewusstsein ausgeschaltet, damit ich den trockenen, dumpfen Laut nicht hörte, mit dem das Seil sich unter seiner Last spannte.

Daran ließ sich nichts mehr ändern. Was mir das Schlimmste schien, war geschehen.

Es sei denn, er hätte es im Voraus geplant. Das wäre noch schlimmer.

Wahrscheinlich hatte er sich die Tabletten aus einem ganz anderen Grund verschreiben lassen. Doch aus welchem? Brendan hatte eigentlich gar keine Medikamente genommen und auch nie irgendwelche Beschwerden gehabt, abgesehen von den Muskelverspannungen, die er praktisch als Berufskrankheit eines jeden Polizisten abgetan hatte. Das Tragen eines Pistolenholsters ging auf Dauer ins Kreuz, stundenlanges Schießtraining in die Schultern.

Sonodrine wurde in erster Linie als Schlafmittel eingesetzt. Das hatte meine Internetrecherche ergeben. Es konnte aber auch Schmerzen lindern. Hatte Brendan sich eine Verletzung zugezogen, die ihm zu geringfügig erschienen war, als dass er mir davon erzählt hätte?

Meine Schwester trat zu mir, versuchte mich in ihre dünnen, sehnigen Arme zu ziehen. Ich machte mich von ihr los.

Teggie runzelte die Stirn. »Lass mich wenigstens erst Frühstück machen.«

Frühstück. Wie verlockend das klang. Wie gern hätte ich der Versuchung nachgegeben, so weitergemacht wie bisher. Aber es ging nicht. Ich hatte Wichtigeres zu tun.

Das war neu: ich, auf der Suche nach Antworten, und Teggie, die sich an die Gewohnheiten des Alltags klammerte.

Ich schnappte mir meine Tasche, die immer bereit stand, fertig gepackt für unvorhergesehene Einsätze und Besichtigungen vor Ort, und drehte mich noch mal kurz nach meiner Schwester um.

»Keinen Hunger«, sagte ich. »Aber du solltest mal was essen.«

»Ich esse nie, wenn ich ein Vortanzen habe«, erwiderte sie und schlang die Arme um sich. »Egal. Aber beeil dich.«

Schon auf der Treppe rief ich, und meine Worte schienen mir, kaum dass ich sie aussprach, wie eine böse Ahnung: »Ich weiß nicht, ob das so schnell erledigt sein wird.«

8

Als ich hinaus auf die Auffahrt kam, war mein Auto, das nun seit einer Woche ungenutzt herumstand, zu einem Eisklotz gefroren. Seine rote Farbe war von dicken Eisschichten zu einem blassen Rosa verwaschen. Alle Oberflächen – Windschutzscheibe, Fenster, beide Seitenspiegel und alle vier Türen – waren unter einer geschlossenen Eisdecke verschwunden. Die Reifen hatten einen durchgehenden milchigen Glanz. Meinen Schlüssel bekam ich erst gar nicht ins Schloss.

Fassungslos marschierte ich um meinen unzugänglichen Wagen herum, rutschte mit meinen Stiefeln über den vereisten Kies der Auffahrt.

Doch was hatte ich erwartet? Damit hätte ich rechnen müssen. Es war Januar in Wedeskyull, gut zweihundert Meilen nördlich von New York. Seit acht Jahren lebte ich jetzt in den oberen Adirondack Mountains; ich wusste, dass man stets einen Schneeschieber im Haus haben sollte, um sich notfalls seinen Weg herausschaufeln zu können. Wenn man nicht täglich alles freiräumte – Haustür, Veranda, Auffahrt, Auto –, fände man es tags darauf unter einer geschlossenen Schneedecke begraben.

Begraben. Mein Verstand sträubte sich gegen dieses Wort. Ich hielt in meinem besessenen Rundgang, meinem unnützen Rutschen und Schlittern, inne. Mein Atem stieg in wütenden weißen Wolken vor mir auf.

Ich würde nicht jedes Wort vermeiden können, das mir unheilvoll in den Ohren klang, all die Dinge, an denen ich zu ersticken meinte. Wenn ich so weitermachte, würde ich nie herausfinden, warum Brendan es getan hatte.

Sich aufgehängt hatte.

Denk es nicht nur, sag es.

Keine Lügen mehr, keine Ausflüchte.

»Sich aufgehängt«, flüsterte ich in die bitterkalte Luft. »Mein Mann hat sich aufgehängt.«

Ich blickte zu unserem Schlafzimmerfenster hinauf – das jetzt mein Zimmer war, meins ganz allein –, um zu schauen, ob Teggie noch dort oben stand, doch war hinter dem dunklen Glas nichts zu erkennen.

»Er ist tot!«, schrie ich. »Brendan hat sich umgebracht!«

Ich hieb mit meiner Tasche auf die sich auftürmenden Schneemassen ein. Meine Kamera hätte dabei zu Bruch gehen können, aber es war mir egal. Dann stampfte ich zur Garage und riss das Tor auf, kämpfte auch hier gegen Schnee und Eis, die sich an den Rändern abgesetzt hatten, unter der Wucht meines Angriffs jedoch in schartige Schollen brachen.

Mit einem Eiskratzer bewaffnet stürzte ich mich wieder auf meinen Wagen, begann seine kalte Rüstung mit solcher Gewalt zu attackieren, dass erst große Eisbrocken abplatzten, dann ein feiner Eisregen in alle Richtungen sprühte.

Worte, so kalt und klar und scharfkantig wie das Eis, brachen aus mir hervor.

»Schau, was ich hier mache! Sonst hast du das immer für mich erledigt, Brendan, aber du wirst es nie wieder tun!«

Nur das schrappende Geräusch des Plastikschabers auf weiteren leblosen Dingen – Blech, Glas, Eis – kam als Antwort zurück.

»Nie wieder werde ich darauf warten, dass du von einer weißen Atemwolke umgeben ins Haus kommst, nie wieder wirst du sagen. Alles klar zur Abfahrt, Chestnut. Nie wieder! Hörst du? Nie wieder! Nie wieder!«

Ich grub den Schaber so heftig ins Eis, dass der grüne Kunststoff sich weißlich verbog. Mir fiel auf, dass ich zum ersten Mal seit Tagen nicht bis auf die Knochen durchgefroren war. Mein ganzer Körper glühte, Schweiß rann mir unter meiner dicken Jacke den Rücken hinab.

»Dann mache ich es eben allein, so wie ich von jetzt an alles allein machen werde!«

Weitere Hiebe und Schläge für das im Eis gefangene Auto.

»Aber es geht nicht darum, was ich tun werde, Brendan …«

Der Eiskratzer brach in meiner Faust entzwei, und ich machte mit den Händen weiter, packte dort an, wo das Eis schon scharfe Brüche hatte, und riss die verbliebene Kruste herunter, bis mein Auto wieder als solches zu erkennen war.

»Es geht um all das, was mir fehlen wird«, rief ich heiser. Mein Hals tat mir weh von der Kälte und vom Schreien.

Er tat weh, doch er war nicht mehr wie zugeschnürt, drohte mir nicht mehr den Atem zu nehmen.

Meine Brust hob und senkte sich schwer unter der dicken Daunenjacke. An sechs Fingern waren meine Handschuhe aufgerissen.

Ich ließ den kaputten Eiskratzer in den Schnee fallen und rannte zurück in die Garage, um einen Kanister Enteiser zu holen. Dann hob ich meine Tasche vom Boden auf. Als in den Häusern meiner Nachbarn die ersten Lichter angingen, ließ ich mich auf den Fahrersitz fallen, legte den Rückwärtsgang ein und setzte schlingernd auf die Straße zurück.

Ich hatte weder die flackernden roten Lichter gesehen, wie ein Farbblitz im endlosen Weiß, noch hatte ich das Heulen der Sirene gehört. Erst als er neben mir war, bemerkte ich den Polizeiwagen, riss das Steuer herum und fuhr auf den Seitenstreifen des Northway.

Ich war mit einem Polizisten verheiratet gewesen; ich wusste, dass ein Cop erst dann zum Überholen ansetzt, wenn alle vorherigen Versuche, einen zum Anhalten zu bewegen, gescheitert sind. Erschöpft ließ ich den Kopf aufs Lenkrad sinken und fuhr das Fenster herunter. Schneeflocken wehten herein, legten sich auf meine Wange. Es hatte wieder zu schneien begonnen, ohne dass ich es überhaupt bemerkt hatte.

»Würden Sie mich wohl anschauen, Ma’am?«

Ich drehte den Kopf zur Seite.

»Ah, Nora. Ich hatte Sie nicht erkannt, Schätzchen. Ihr Nummernschild ist zugeschneit.«

»Tut mir leid, Vern«, sagte ich. »Chief.«

Ein kräftiger, fleischiger Arm schob sich zum Fenster herein. Der Polizeichef fasste mich beim Kinn und hob mein Gesicht an. Seines war hinter einer grauen Skimaske verborgen, die ihn fremd und irgendwie unheimlich erscheinen ließ. »Tatsache ist, dass Sie ganz schön schnell unterwegs waren. Außerdem sind Sie ein paar Mal von der Spur abgekommen.«

»Tatsächlich?«

»Haben Sie mich nicht gehört? Ich war direkt hinter Ihnen.«

»Nein, tut mir leid. Ich war … in Gedanken.«

Der Chief zog sich seine Skimaske vom Kopf und musterte mich. »Aber deshalb habe ich Sie nicht angehalten.«

Ich starrte auf Verns graubetuchte Brust, die Reihe silberner Knöpfe. All das war mir so entsetzlich vertraut. Auch seine Dienstmarke, die, wie ich wusste, nur mit viel Aufwand diesen Glanz behielt.

Der Chief stemmte beide Hände auf die Fensterkante, wo sich bereits ein kleiner Schneerand gebildet hatte. »E

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