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Eisbrand

Zu diesem Buch:

Rauschendorf im Elbsandsteingebirge. Ein kleiner, abgeschiedener Ort am Rande des für seine wildromantischen Tafelberge bekannten Höhenzuges am Oberlauf der Elbe. Dort wächst Nikola Böhmer in den 1970er Jahren auf.

Sie erlebt eine behütete, aber nicht völlig unbeschwerte Kindheit. Früh verliert sie den Vater; fortan obliegt ihrer Mutter allein die Versorgung der vierköpfigen Familie. Viel Zeit verbringt das verschlossene und verträumte Mädchen in der Obhut der Großeltern und in den Bergen und Wäldern vor der Haustür.

Mit Dietmar Paulick tritt ein neuer Mann in das Leben der Mutter und bald auch der Familie ein. Aber das Zusammenleben mit ihm erweist sich als zunehmend problematisch. Paulick ist ein Trinker – und nicht nur das.

In einer eisigen Winternacht im Frühjahr 1983 kommt Paulick in den Bergen ums Leben. Ein tragischer Unfalltod – daran hat niemand auch nur den leisesten Zweifel.

Dreißig Jahre später ist Nikola Böhmer wieder in den heimatlichen Bergen unterwegs. Nunmehr bereit, sich der Vergangenheit zu stellen, begibt sie sich auf eine Wanderung, die sie zurückführt zu den Orten ihrer Kindheit und zugleich tief hinein in die Erinnerung an die Ereignisse jener Nacht.

So erzählt sie schließlich, was damals wirklich geschah – eine Geschichte, die frösteln lässt.

Autor

Udo Kleinstück wurde 1963 geboren und lebt in Dresden. „Eisbrand“ ist seine erste Buchveröffentlichung.

Udo Kleinstück

Eisbrand

Erzählung

Die Geschichte ist frei erfunden. Mögliche Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen und Personen wären rein zufällig.

Für Sybille

Der Schwache muss klüger sein.

Lift: „Sindbad“

Prolog

Aber ich bin doch gar nicht den Wilkensteinweg nach Hause gegangen!

Ich hätte es am liebsten laut hinein gerufen in die Dunkelheit des nächtlichen Schlafzimmers, aber neben mir schlief Christian, mein Mann, und so schwieg ich. Sagte diesen Satz nur in Gedanken auf und schüttelte genervt den Kopf.

Warum nur gaukelte dieser fürchterliche Traum mir etwas vor, das ich gar nicht getan hatte?

Ich hob den Kopf und sah nach der Uhr auf meinem Nachttisch, kurz nach halb vier, lauschte einen Moment lang auf Christians tiefe Atemzüge und ließ mich wieder zurück sinken. Ich zog mir die Decke bis hoch unters Kinn, weil mich fröstelte. Langsam entspannte ich mich. Wusste jedoch, dass ich in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden würde. Also erhob ich mich nach einer Weile, verließ leise das Schlafzimmer. Kleidete mich im ehemaligen Kinderzimmer an und ging hinunter in die Küche.

Ich machte kein Licht an. Ich trat ans Fenster, zog die Gardine zur Seite und sah hinaus.

Es schneite. Große weiße Flocken sanken aus der Finsternis herab, tauchten in die Lichtkegel der Laternen wie in Schaugläser ein. Verschwanden, wo sie auf warmen Erdboden fielen. Blieben als ein wuseliger Flaum auf den kahlen Hecken und Büschen liegen.

Der Winter kehrte noch einmal zurück. Schlich sich über Nacht ins Land ein.

Hoffentlich zum letzten Mal.

Ich hatte es geahnt, gestern Abend schon. Als wir in der Dämmerung nach Hause kamen, müde und mit schmerzenden Füßen vom langen Laufen an diesem herrlich sonnigen Ostersonntag, der uns wie ein Vorbote des Frühlings erschienen war. Ein trügerischer jedoch, wie sich nun zeigte.

Ich sah es an der Färbung es Himmels, als die Sonne sank. Fühlte es im abendlichen Verebben des Windes. Und als ich gegen zehn das Fenster zum Lüften öffnete, roch es schon nach Schnee. Und das hatte mich beunruhigt.

Deswegen also der Traum?

Mich fröstelte wieder. Ich drehte die Heizung weiter auf. Ging hinüber zum Herd und setzte den Wasserkessel auf die Kochplatte. Bereitete mir eine Tasse Tee zu, als das Wasser kochte.

Während ich am Küchentisch saß und trank, spürte ich noch einmal dem Traum nach, der mich in die Zeit zurückversetzt hatte, als ich zwanzig Jahre alt war.

Ich war in einer Winternacht allein in den Bergen unterwegs. Ich wollte nach Hause, so schnell wie möglich. Ich lief den Wilkensteinweg hinab, weil ich dort – er verlief in einer tiefen Senke zwischen den Wiesenhügeln – vor dem Schneesturm, der über die Wiesen und Felder raste, einigermaßen geschützt war. Ich hatte nicht mehr weit zu gehen, keinen halben Kilometer, ich konnte schon deutlich sehen, dass in unserer Küche das Licht brannte. Aber ich geriet unterwegs in eine tiefe Schneewehe. Verlor die Orientierung und kam vom Weg ab. Verhedderte mich in den Schlehen- und Brombeerbüschen am steilen Hang unterhalb des Weges. Panik erfasste mich. Ich schrie um Hilfe, aber wer sollte mich im Tosen des Sturms hören?

Dennoch vernahm jemand meine Rufe und kam herbei – Paulick. Ausgerechnet Paulick! Ich hörte ihn atmen, als er sich näherte, abgehetzt, keuchend, von Hustenanfällen unterbrochen, erkannte ihn daran schon. Und ich konnte nicht weglaufen, konnte mich nicht rühren! Ich roch seinen säuerlichen Fuselatem, als er sich über mich beugte. Ich schrie laut auf vor Entsetzen. Ich fürchtete mich so sehr vor ihm, dass ich glaubte, ich stürbe bereits vor Angst, ehe er mich tötet, alles in mir war panischer Schrecken. Ich konnte sein Gesicht in der Dunkelheit nicht sehen, dennoch wusste ich genau, was in seinen reglosen schwarzen Vogelaugen stand. Und schon fasste er mich am Hals. Packte mit beiden Händen fest zu und würgte mich. Ich wollte Claudia, meine kleine Schwester, zu Hilfe rufen, bekam aber keinen Ton heraus. Verzweifelt versuchte ich, ihn zu schlagen, zu treten, irgendwie von mir zu stoßen, aber meine Arme und Beine waren hoffnungslos in den Brombeerranken gefangen.

Aufgewacht.

Ein fürchterlicher Traum. Den ich so oder ähnlich schon einige Male geträumt hatte.

Lange Zeit hatte ich allerdings Ruhe vor ihm. Jahre. Warum kehrte er jetzt wieder? Und warum wieder so – so ganz und gar verkehrt? Ich bin doch den Wilkensteinweg damals gar nicht entlang gegangen, verdammt nochmal!

Aber was sollte ich mich darüber aufregen. Das brachte doch nichts.

Ich stand auf, ging zur Spüle und stellte die Teetasse ab. Dann trat ich wieder ans Fenster.

Inzwischen lag der Schnee auf den Straßen und Gehsteigen lückenlos zwei bis drei Zentimeter hoch. Wenn das so weiter geht, werden wir am Morgen Schnee schippen müssen, dachte ich.

Ich schaute noch eine ganze Weile dem gleichmäßigen, lautlosen Fallen der Schneeflocken zu und empfand das als zutiefst beruhigend. Vielleicht könnte ich doch noch etwas Schlaf finden.

Ich dachte daran, dass ich demnächst einmal hinauf ins Gebirge fahren sollte. Eine Wanderung unternehmen. Allein. Das hatte mir jedes Mal geholfen.

Aber nicht morgen. Auch nicht nächste Woche.

Lange wird das ja wohl nicht mehr gehen, sagte ich mir mit einem letzten Blick auf das Weiß da draußen. Ich zog die Gardine wieder vor und verließ die Küche.

Demnächst hieß: Nach dem Winter.

Erster Teil

1

Ich finde die Buschmühle, das historische Gasthaus am Eingang zum Wilkengrund, schmuck herausgeputzt vor. Passend zum Frühling leuchten die Wände lindgrün über dem Spritzsockel aus grob behauenem Granit. In der Höhe glänzt, schwarz vor Nässe, ein nagelneues, sorgfältig aus dünnen Schieferschindeln gefügtes Fischhautmuster auf dem Dach. Und die aus Postaer Sandstein gefertigten Fenstereinfassungen zeigen nach Jahrzehnten in Wettergrau wieder das gelb und orangerot bis rostbraun gebänderte Cremeweiß, wofür der Stein aus den nahgelegenen Brüchen berühmt ist.

Dahinter steckt wahrscheinlich zu einem großen Teil die Flutopferhilfe nach dem verheerenden Hochwasser vor fünf Jahren, vermute ich. Und, wie ich beim Betreten der Gaststube bemerke, ein neuer Wirt – ein graustoppliger Mittfünfziger mit einem sorgfältig gestutzten Seehundsschnauzer, speckig glänzender Lederschürze vorm Bauch und – dass es das noch gibt! – einem Bleistiftstummel hinterm Ohr, der meinen Gruß freundlich, aber nicht leutselig erwidert, als ich mich vor einem plötzlichen Regenschauer in die Gastwirtschaft flüchte.

Wie es aussieht, bin ich der einzige Gast. Ich nehme den Rucksack vom Rücken und lege die Wetterjacke ab, hänge beides an den Garderobenständer rechts neben der Tür. Ich wähle den Tisch vor der Ofenbank und lehne mich entspannt an die warmen Kacheln. Dann gebe ich dem Wirt ein Zeichen.

Ich nehme mir viel Zeit für das Kännchen frischen heißen Kaffee. Sitze einfach nur da. Lausche in die stille Gaststube und auf das Tröpfeln vorm Fenster. Genieße das Getränk. Und die wohlige Wärme, die der alte Kachelofen verströmt. Ich bin sehr froh, dass er das tut, denn es ist – der Kalender zeigt den vierzehnten Mai – für die Jahreszeit viel zu kalt. Selbst für hier oben im Gebirge. Selbst für die Eisheiligen.

Es ist noch früh am Vormittag, gerade halb zehn vorüber. Kein Wunder also, dass ich allein hier sitze; gewöhnlich stellen sich Gäste erst zum Mittagstisch ein. Ausflügler, Wanderer, Bergsteiger. Touristen. Manchmal auch ein paar Forstarbeiter. Jedenfalls war das früher so.

Ich stehe auf und trete ans Fenster, blicke hinaus auf die Terrasse. Auf den ausgetretenen Sandsteinplatten stehen Pfützen mit gelbgrünen Rändern aus Blütenpollen. Triefnass glänzen die jungen Blätter der Linde im Hof. Regentropfen winden sich die Fensterscheibe hinab. Kein Anblick, der mich begeistert. Da schaue ich mich lieber in der Gaststube um.

Die gefällt mir heute entschieden besser als früher. Kleine, feine weiße Stores hängen vor blank geputzten Fenstern, die Wände rings sind frisch geweißt – es ist erstaunlich hell hier, im Raum ist viel mehr Licht als früher. Ich empfinde das als sehr wohltuend, denn an Licht mangelt es doch hier unten im tiefen Talgrund zwischen den dicht bewaldeten Berghängen immer. Auf den breiten Fensterbänken stehen Orchideen und Rittersterne. Nur wenige Tische sind für Gäste aufgestellt, genau angemessen der Größe des Raumes. Die klobigen Wandbänke, auf denen man saß wie eingekeilt, sind allesamt verschwunden. Ja, der neue Wirt hat durchaus Geschmack. Ich hoffe, dass er sich halten kann, denn es ist nicht einfach, hier ein Auskommen zu finden. Zwar ist dieser etwas abgelegene Winkel des Gebirges gerade wegen seiner Abgeschiedenheit für die Liebhaber dieser Landschaft überaus reizvoll und anziehend, aber zünftige Wanderer und Bergsteiger leben eher aus dem Rucksack, und die meisten Touristen – abgesehen davon, dass die Zeit der großen Urlauberströme längst vorbei ist – kommen kaum über die nähere Umgebung von Fürstenstein und Bad Lindenau, den mit der Eisenbahn bequem erreichbaren Städten unten an der Elbe, hinaus.

Auch all die Spruchschilder und Brauerei-, Spirituosen- und Tabakreklametafeln von anno dazumal, mit denen der alte Wirt die Wände bedeckt hatte, sind fort, dem Himmel sei‘s gedankt. Jetzt hängen da, sauber gerahmt und unter Glas, verschiedene historische Ansichten des Hauses und der Umgegend. Fotographien zumeist, schwarzweiß und sepiabraun, aber auch einige Zeichnungen sind darunter. Der neue Wirt zeigt offenbar reges Interesse an der Geschichte seines Hauses und dessen Umgebung, das gefällt mir.

Ich gehe die Wände entlang, um mir die Bilder näher anzusehen. Ich finde eine sehr schöne Kohlezeichnung des Großen Wilkensteins, sie bietet den Blick auf die steile und wild zerklüftete Südwestflanke. Sie ist undatiert, aber ich erkenne bei genauer Betrachtung, dass sie vor dem Frühjahr 1956 entstanden sein muss, denn sie zeigt das Massiv im Zustand vor dem großen Bergsturz im März jenes Jahres.

Rechts davon hängt eine alte Fotographie. Eine Aufnahme des Kleinen Wilkensteins, anscheinend vom Ziegenkopf her, einem dem Felsmassiv vorgelagerten Klettergipfel, gemacht. In der Mitte des Bildes erkenne ich die Aussichtsplattform. Hinter dem Eisengeländer stehen vereinzelt ein paar Wanderer, ganz zünftig in Knickerbockern und Wetterjacken, sie lachen und winken dem Fotographen fröhlich zu. Im Hintergrund ist die Bergwirtschaft zu sehen.

Die gibt es schon lange nicht mehr. Ist abgebrannt, kurz nach dem Krieg. In einer Nacht war alles weg. Dabei blieb es auch; in jenen Tagen hatte niemand Geld oder Baumaterial übrig, um sie wieder aufzubauen, die Leute hatten andere Sorgen. Im Gegenteil: Was von den Trümmern noch verwendbar war, holten sich die Bauern aus den umliegenden Dörfern zur Reparatur ihrer kriegsversehrten Häuser und Scheunen. Den Brandschutt warfen sie kurzerhand hinab in die Schluchten und Klammen unterhalb des Felsplateaus. Heute sind da oben nur noch die in den Fels gehauene Treppe, Reste der Grundmauern und Teile der elektrisch betriebenen Lastenaufzugsanlage zu finden.

Und dann entdecke ich etwas ganz Besonderes: Eine farbige Postkarte mit einer Aufnahme der berühmten Schlangenkiefer in der Fiedlerklamm, einer engen und düsteren, an einigen Stellen auch schwierig begehbaren Schlucht, die an der Westseite des Großen Wilkensteins hinab zum Wilkengrund führt. Diese Kiefer hatte sich als junger Baum anderthalbmal um einen anderen jungen Baum, eine Birke, herum gewunden. So verbunden wuchsen die beiden zu großen Bäumen heran. In dieser Form und mit der schuppig borkigen Rinde, die einer Schlangenhaut verblüffend ähnlich sah, glich die Kiefer einem mächtigen, die Birke würgenden Schlangenkörper. Ich weiß noch, dass ich mich, als ich den Baum zum ersten Mal sah, als ein Kind von etwa fünf Jahren, vor dem Anblick fürchterlich erschrak. Ich hielt den Baum tatsächlich für eine Schlange, hatte große Angst vor dem vermeintlichen Ungeheuer und ließ mich nur schwer von meinem Vater beruhigen.

Sie ist auch schon lange dahin. Im schlimmen Winter 1978 auf ‘79 riss ein gewaltiger Sturm der Kiefer die halbe Krone weg und beschädigte auch die Birke schwer. Beide Bäume wurden darauf von Pilzen befallen und gingen innerhalb weniger Jahre ein.

Nichts blieb von dieser wunderbaren Spielerei der Natur erhalten; nur ein paar Fotographien und Zeichnungen zeugen noch von ihr. Dabei wäre es ohne große Aufwendungen möglich gewesen, den beiden Bäumen das Leben zu erhalten, hätte man sich sofort fachmännisch um ihre Verletzungen gekümmert. Aber dem Mann, der damals hier Förster war, war das anscheinend völlig gleichgültig, jedenfalls rührte er dafür keinen Finger.

Der alte Klauschke.

Klauschke-Bruno. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er die Morgenleite herunterkommt, mit Thekla, seiner alten Dackeldame an der Leine, die Flinte über der Schulter. Böhmers Waldläuferin hat er mich genannt, wenn er gut gelaunt war, Rotzgöhre, wenn nicht. Leider war letzteres eher der Fall. Ich mochte ihn nicht. Weil er mich nicht mochte. So einfach war das. Oder auch nicht. Denn war ich mit dem Opa im Wald unterwegs und wir trafen aufeinander, tat er auch freundlich mit mir. Begegnete ich ihm jedoch allein, war er meist knurrig und misslaunig. Dann hätte er mich wohl am liebsten mit vorgehaltener Flinte aus dem Revier gejagt. Dass sich ein Mädchen für Wald und Flur interessiert und ganz allein durch den Busch streift, kam in seinem Weltbild anscheinend nicht vor. War schon ein seltsamer Mensch.

Ist auch schon lange tot – also nichts für ungut. Oder auch: Der Herrgott hab‘ ihn selig, wie die Oma immer formelhaft sagte, wenn sie auf einen Toten zu sprechen kam.

Ein alter Junggeselle sei er, sagte der Opa, als ich ihn einmal auf Klauschke-Bruno ansprach. „Da ist man meistens kauzig. Außerdem hat er im Krieg das halbe linke Bein verloren. Is‘ weg bis kurz unterm Knie. Hast du nicht gewusst, Nikola? Da schmerzt ihn so manchen Tag der Stumpf, besonders wenn das Wetter wechselt. Und solche Schmerzen machen gallig.“

Und zu gerne schnäpseln tut er auch, höre ich da die Oma sagen, davon brummt ihm so manchen Tag der Schädel. Worauf der Opa nur etwas Unverständliches murmelte und unwillig den Kopf schüttelte. Was hieß: Das verstehst du nicht. Du bist eben keine Hiesige. Denn die Oma stammte aus der Lausitz, aus einem kleinen Dorf an der Spree.

Das war hier so: Kam der Nachbar oder ein Kollege zu Besuch, war er noch nicht mal richtig aus dem Mantel raus, da stand schon die Flasche Klarer auf dem Tisch. Meist Bergmannsschnaps. Kostete ja fast nichts.

So ist das bei uns, erklärte der Opa, bei uns Gebirglern und Bergleuten, erst mal ‘nen Schnaps, dann ein Wort.

Mein Rest vom Kaffee ist inzwischen kalt geworden. Ich stelle die Tasse zurück.

Vor den Fenstern wird es zusehends heller. Still steht das Wasser in den Pfützen. Vögel zwitschern in den Büschen und Bäumen. Ich greife meine Jacke und meinen Rucksack, zähle dem Wirt vier Eurostücke auf den Tresen. Wir wünschen einander einen schönen Tag, und ich verlasse das Haus.

An der Brücke über den Grundbach ist neuerdings eine Tafel mit einer Wanderkarte aufgestellt (ob da wohl auch der neue Wirt dahintersteckt?), vor ihr bleibe ich stehen.

Eigentlich wollte ich durch den Wilkengrund gehen, aber der ist mir bei diesem Wetter zu dunkel, zu nass und zu kalt. So entscheide ich mich für die Morgenleite, den ältesten Weg hinauf zum Kleinen Wilkenstein, er wurde bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts vom Liebenauer Forstamtsmann Johann Jakob Fiedler -- ihm zu Ehren erhielt die Fiedlerklamm seinen Namen – erschlossen. Die Karte nennt den Weg einen bequemen Aufstieg und gibt für seine Bewältigung eine Zeit von zweieinhalb Stunden an. Er ist markiert durch einen roten Balken auf einem weißen Rechteck. Er führt zunächst über Wiesen- und Weideland, dann durch alten Hochwald, vor allem Fichten- und Kiefernbestand, an den Berg heran und auf sanft ansteigenden Schlängelwegen fast ganz um ihn herum. Durch die Schwarze Klamm, eine schmale, mäßig steile Schlucht an der Nordostflanke des Berges, geht es weiter zum Gipfel hinauf. Schließlich erreicht man über eine schmale Treppe das Plateau, auf dem sich früher die Restauration Fels Wilkenstein, wie der Name der einstigen Bergwirtschaft lautete, erhob.

Ich nehme diesen Weg nicht gern, denn er ist der am häufigsten begangene Weg, aber heute, mitten in der Woche und bei diesem Wetter, werden sicherlich nur wenige Wanderer unterwegs sein.

2

In einer frühen Erinnerung sehe ich mich an der Hand meines Vaters hier entlang gehen. Das war in einem Sommer gegen Ende der sechziger Jahre. Ich trug Lederhosen wie ein Junge und ein rotweiß gestreiftes Nicki, wie man damals T-Shirts nannte, jedenfalls hierzulande. An den Füßen nur Sandalen, keine Strümpfe. Ich weinte vor Angst, als mir, während wir vor einem großen Ameisenhaufen stehen blieben, die flinken Tierchen über die nackten Füße liefen und die Beine heraufgekrabbelt kamen. Vater lachte und nahm mich hoch auf seine Schultern. Ging dann mit mir huckepack hinunter in die Hocke. So war ich in Sicherheit vor den Ameisen und konnte sie dennoch ganz aus der Nähe in aller Ruhe beobachten. Vater störte das Gekrabbel auf seinen Füßen und Beinen nicht im Geringsten; er sagte, wenn er die Ameisen in Ruhe ließe, täten sie ihm auch nichts.

Der Hochwald unterhalb der Weißen Klippen, des dem Berg vorgelagerten, schroff zerklüfteten und in Türme und Pfeiler aufgelösten Felsmassivs an der Ostseite des Berges, wurde damals gerade gefällt. Sooft ich auch seitdem hier entlang gegangen bin, jedes Mal hörte ich den Lärm der Motorsägen, das Krachen der fallenden Stämme, die gellenden Rufe der Waldarbeiter und die Schläge der Äxte. Sah die bläulichen Abgasfahnen der Motoren und die an den gefällten Bäumen hantierenden verschwitzten Männer im grellen Sonnenlicht. Und rieche ich irgendwo frisch geschlagenes Nadelholz oder den Duft des Harzes, das die Föhren in der Sommerhitze ausschwitzen, habe ich immer die Bilder jenes Tages vor Augen, so fest hat sich mir diese Erinnerung eingeprägt.

Ich denke also auch jetzt wieder daran. Und an meinen Vater sowie die Wanderungen mit ihm, das sind sehr eng miteinander verknüpfte – oder verlinkte, wie man heute wohl sagt – Speicherplätze in meinem Gedächtnis. Ich sehe seine große Hand, wie sie die meine hält, und ich sehe seinen dunkelblonden Lockenkopf, an dem ich mich festhalte, während ich hoch oben auf seinen Schultern schaukle und die schönste Aussicht der Welt habe; ich höre ihn reden und lachen, aber sein Gesicht bleibt mir unkenntlich. Seltsam ist das, und ich bedauere es sehr.

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich erst elf Jahre alt war, als ich ihn verlor.

Erinnerungen – im Grunde hält da jeder Schritt des Wegs, jeder Fußbreit Boden in den Bergen hier einen Anstoß für mich bereit.

Ich bin eine Hiesige. Oder besser gesagt, eine ehemalige Hiesige. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, aber vor über dreißig Jahren weggezogen und nur selten und dann auch nur für kurze Zeit wieder hergekommen. Und mein letzter Besuch liegt, wenn ich mich recht entsinne, inzwischen auch schon wieder fünf oder sechs Jahre zurück. Dennoch bin ich noch immer mit jedem Weg und Steg hier bestens vertraut.

Wir wohnten in Rauschendorf, drüben auf der anderen Seite der Wilkensteine. Mein Großvater, der Vater meiner Mutter, besaß einen kleinen Bauernhof am südöstlichen Ende der Ortschaft. Es war das letzte Grundstück vom Dorf, oben auf dem Hügel, dem Birkenhübel, gelegen. Ringsum Wiesen, Weideland vor allem für die beiden großen Rinderherden der Genossenschaft, und alte Obstanlagen. Die Straße endete an unserem Hoftor, ging dann über in eine unbefestigte Wagenspur, den sogenannten Wirtschaftsweg. Der war beiderseits von Birken und Haselbüschen gesäumt und führte durch die Wiesen zum alten Steinbruch am Kahlen Stein hinauf. Als vor über hundert Jahren die Straße nach Fürstenstein ausgebaut wurde – der Schlussstein des Brückenbogens über den Landgraben trägt die Jahreszahl 1912 – wurden dort Steine für deren Randmauern gebrochen.

Später holten sich die Bauern aus der Umgegend Steine für Feldmauern und Wegbefestigungen von da, zu mehr taugte der Stein nicht; er enthält, wie der Stein der Weißen Klippen auch, zu viel Ton. Längst ist der Bruch aufgegeben und verfallen. Die Rauschendorfer nutzten ihn nur noch als Schuttabladeplatz, als Müllkippe. Der Opa verbot uns Kindern, dorthin zu gehen und herumzukramen, er erklärte, es könnten lose Steine von den Wänden herabfallen und uns erschlagen. Wir taten ‘s trotzdem. Was für andere Leute Müll war, war für uns ein riesiges Abenteuer.

Der Ginster am Weg im Stillen Grund blüht spät in diesem Jahr, gerade erst öffnen sich die ersten Blüten. Viel ist von den Büschen ohnehin nicht übrig; im vergangenen Winter ist viel Gehölz erfroren. Auch in den Schlehenbüschen erkenne ich Frostschäden; selbst der robuste Efeu, der hier den Waldböden auf weiten Flächen bedeckt und sich an den Föhren hoch emporrankt, zeigt dort, wo er strengen Barfrösten ausgesetzt war, braune, erfrorene Blätter.

Der vergangene Winter war hart wie kaum einer.

Fast so hart wie jener damals vor dreißig Jahren. In dem ich mir zwei Zehen und vier Fingerkuppen erfror.

Hart und lang – alles ist später in diesem Frühjahr; der Laubwald ist auf den Nordhängen noch durchsichtig wie im tiefsten Winter. Die Eschen haben die Blätter noch nicht voll entfaltet, die Robinien stehen sogar noch völlig kahl. Auffallend spärlich auch zeigt sich der Maiwuchs im Nadelholz; es ist einfach zu kalt, nichts will so richtig wachsen bei diesen kümmerlichen Temperaturen. Fast scheint es, als wolle der Frühling dieses Jahr gar nicht bis hier herauf kommen.

Wie sagte der Opa, wenn die Leute nach langen und strengen Wintern klagten, dass es, wie heuer, gar nicht Frühling werden wolle: „Ach was. Das wird schon. Hat doch bis jetzt jedes Jahr geklappt.“ Der Spruch gefiel mir gut. Er war aber nicht von ihm, wie er mir später gestand, sondern von Oma Anna, seiner Mutter, die ich nur von einigen wenigen Fotographien kannte.

Meine Mutter arbeitete bei der Eisenbahn, der Deutschen Reichsbahn, wie sie bei uns noch immer hieß, obwohl das Deutsche Reich lange schon Geschichte war, tot und begraben. Als Fahrdienstleiterin auf dem Stellwerk in Fürstenstein. Im Schichtdienst rund um die Uhr, „rollende Woche“ genannt. Und mein Vater war Bergmann bei der Wismut, Steiger, ebenfalls in drei Schichten arbeitend. So waren die Eltern froh, dass die Großeltern für uns drei Kinder – meinen zwei Jahre älteren Bruder Rico, meine vier Jahre jüngere Schwester Claudia und mich – immer da waren. Wir wohnten alle auf Großvaters Hof, im alten Bauernhaus. Die Großeltern im Erdgeschoss, wir im Obergeschoss, Küche und Toilette benutzten wir gemeinsam. Sicher, es war eng und unmodern, aber meine Eltern hatten gar keine andere Wahl, Wohnungen waren äußerst knapp. Zwar hatten sie nach der Geburt von Claudia sofort einen Antrag auf eine geräumige Neubauwohnung gestellt, aber erst nach einigen Jahren, im Herbst ’73, glaube ich, bezogen wir eine nagelneue Vier-Raum-Wohnung in der Wismut-Siedlung in Fürstenstein-Hainsberg.

Eine riesige Neubau-Siedlung. Schmale fünfstöckige Häuserblöcke in langen Reihen den ganzen Berghang hinauf. Ringsum nichts als mit Melde und Beifuß überwucherte

Lehmhaufen und Bauschutt. Den ganzen Tag Baulärm und auf Schritt und Tritt viele fremde Leute. Ich fand‘s schrecklich. Ich wäre tausendmal lieber in Rauschendorf geblieben.

Aber das ist nicht der Grund, weswegen ich die Jahre bei den Großeltern für die schönste Zeit meiner Kindheit halte.

3

Am Fuß der alten Eiche am Waldrand hoch über dem Stillen Grund lege ich eine Rast ein. Eine Bank, grob gefügt aus halbierten Baumstämmen, lädt dort zum Verweilen an, aber sie ist moosig grün, nass und schon recht verwittert; ich bleibe lieber stehen. Ich lehne mich mit dem Rücken gegen die Eiche und schaue ins Tal hinab.

Von hier geht mein Blick weit. Vom Waldsaum vor mir fallen die grünen Wiesenhänge sanft ab bis zur Straße nach Wilkenau am Rand der Hochebene. Dahinter sehe ich ein paar vereinzelte Apfel- und Birnbäume in spärlicher Blüte; das müssen die Reste von Brodkas Obstgut sein, das einstmals das gesamte Terrain unterhalb der Straße einnahm. Weit im Hintergrund, jenseits des Flusstals, erkenne ich locker bewaldete, felsige, steile Hänge; darüber wölben sich flache, grasgrüne Hügel, in deren Mitte ein ehrwürdiger alter Bauernhof throhnt. Das ist Lindners Gut, hoch über der Elbe, umweht von Nebelschwaden, die aus den regennassen Wäldern und dem Flusstal aufsteigen.

Als Kind saß ich bei Regenwetter oft am Fenster und sah diesen Nebeln zwischen den Bergen zu. „Der Wald dampft“, sagte der Opa über meine Schulter.

An einem Sonntag im August unternahmen wir, Rico, Claudia, die Mutter und ich, mit den Rauschendorfer Großeltern einen Ausflug hinauf zur Talsperre Lichtenberg. Unser Vater kam nicht mit, obwohl er es ursprünglich vorhatte. Aber als er am Samstagmittag von der Arbeit kam, fühlte er sich gar nicht gut. Er klagte über starke Kopfschmerzen. Legte sich schon zeitig am Abend zu Bett. Am Sonntagmorgen ging es ihm jedoch nicht wesentlich besser. So sagte er, er wolle lieber einen Ruhetag einlegen. Mal gar nichts tun. Sich mal richtig ausschlafen.

Das war am 25. August 1974.

Ein Tag, den ich gleichsam fest im Gedächtnis behalten habe. Ein Sommersonntag wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne schien heiß, aber dazu wehte, wie fast immer im Gebirge, ein leichter Wind und machte die Hitze erträglich. Wir drei Kinder tobten im Wasser und rekelten uns faul in der Sonne. Eis und Limonade, Cola und Kekse, soviel wir wollten. Spielten mit anderen Kindern Taucherhaschen und Ballfangen, stundenlang. Am Abend waren wir schön geschafft.

Auf dem Nachhauseweg hielten wir noch einmal an, aßen in einer Gaststätte zu Abend. Im Erbgericht in Bärwalde, das lag auf unserer Strecke.

So kamen wir erst spät heim. Opa trug die Claudi hinauf, sie war schon im Auto fest eingeschlafen. Oma führte Rico am Arm, die Mutter hatte mich an der Hand; ich konnte vor Müdigkeit kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen.

In der Wohnung war es still. Völlig still. Kein Fernseher lief, kein Radio. Nicht ein Laut war zu hören.

Mutter rief nach Vater. Erhielt keine Antwort. Ging ins Schlafzimmer. Dann hörte ich sie erschrocken aufschreien, gleich darauf weinen. Opa hielt mich fest, als ich zu ihr eilen wollte. Er brachte Rico und mich ins Kinderzimmer, ermahnte uns streng, im Zimmer zu bleiben. Claudia wachte kurz auf, schlief aber sofort wieder ein. Oma kam zu uns Kindern, drückte und streichelte uns, nahm uns zärtlich beim Kopf. Sie weinte leise dabei. „Euer Papa ist gestorben“, sagte sie unter Tränen.

Die Großeltern blieben in jener Nacht bei uns, nachdem ein Arzt dagewesen, und der Vater von den Männern vom Bestattungswesen abgeholt worden war. Die Oma schlief bei Rico und mir im Kinderzimmer; die Claudi nahm Mutter mit zu sich ins Schlafzimmer. Opa verbrachte die Nacht in der Stube auf dem Sofa. Ich lag noch lange wach. Hörte den Opa und die Mutter in der Stube leise miteinander reden und die Mutter immer wieder aufschluchzen.

Mutter erklärte uns Kindern später, der Vater sei an einem Herzschlag verstorben. Einfach so im Schlaf. Und tröstete sich und uns damit, dass er nicht habe leiden müssen.

Genaues weiß ich bis heute nicht. Ob es ein Infarkt war oder eine Embolie oder ein Aneurysma. Oder was sonst ihm den viel zu frühen Tod brachte.

4

Am Ende des Stillen Grundes führt die Morgenleite durch niedrigen Buschwald und erreicht nach einem kurzen, aber steilen Anstieg eine kleine, lichte Ebenheit. Früher gab es hier einen Kiosk. Eine Bretterbude zum Verkauf von Kaffee, Bier, Bockwurst, Keksen und Reiseandenken an die Wanderer während der Sommersaison. Davor standen im Schatten der Bäume drei oder vier „Touristenfutterraufen“, wie die Forstleute spöttisch jene Holzkonstruktion der Wald-und-Wiesen-Gastronomie nannten, die einen Tisch, zwei Bänke beidseits und ein mit Teerpappenschindeln gedecktes Spitzdach darüber fest miteinander verband.

Am Himmelfahrtstag war hier immer der Teufel los. Wir Kinder zogen dann am Freitagnachmittag und das ganze Wochenende lang mit Rucksäcken, manchmal auch mit einem Handwägelchen, durch die Berge und sammelten all die weggeworfenen Bier-, Wein-, und Schnapsflaschen ein. Und was entlang der Wanderwege sonst noch so liegengeblieben war.

Ähnlich war’s im Frühjahr. Sicher nicht so ergiebig, aber dafür spannender. Was fand man nicht alles, wenn der Schnee getaut war. Münzen, Schlüsselbunde, Abzeichen, Knöpfe, Taschenmesser. Bekleidung sowieso: Mützen, Schals, Handschuhe. Manchmal auch intimere Kleidungsstücke.

Auch diese Wirtschaft ist abgebrannt, irgendwann in den späten 1970er Jahren. Es hieß, dass da jemand gekokelt habe. Kann auch sein, dass eine undichte Propangasflasche am Brand schuld war. Wie auch immer, was das Feuer übrig ließ, verschwand kurzerhand in den zahlreichen Felsspalten am Rand der Ebenheit, ohne viel Federlesens. Zahlreiche Felsspalten in den Bergen sind angefüllt mit Müll aus den umliegenden Dörfern, aufgehäuft in Jahrzehnten, vielleicht auch Jahrhunderten. Keine feine Tradition.

Eine Bank, ein grobschlächtiger Tisch und eine kleine Wetterschutzhütte, erst vor wenigen Jahren vom hiesigen Heimatverein aufgestellt, empfangen heute hier den Wanderer. Von der einstigen Kioskwirtschaft findet sich keine Spur mehr, nicht die geringste. Als hätte es sie nie gegeben. Ein bisschen seltsam ist das schon. Wer nicht weiß, dass es sie gab, kommt nicht darauf, keine Chance.

Mutter wollte und konnte nicht in der großen Wohnung bleiben. Sie verdiente bei der Eisenbahn zu wenig Geld, als dass sie die noch fälligen Genossenschaftsanteile hätte bezahlen können. Die Großeltern vermochten nur wenig zur Unterstützung beizutragen; Opa war Invalidenrentner, seit ihm beim Holzeinschlag ein Baum den linken Fuß zertrümmert hatte, und Oma half halbtags in der Küche im Lindenhof drüben in Cunnerswalde. Da blieb kaum was über. Die kleine Landwirtschaft, die sie ihr Leben lang noch nebenbei betrieben, brachte nur ein Zubrot ein.

Die Wohnungsverwaltung der Wismut, froh über die Aussicht, eine kaum bewohnte Vier-Raum-Wohnung im Neubau zurückzubekommen, unterstützte die Mutter nach Kräften bei der Suche nach einer neuen Bleibe für uns. Nur so ist es zu erklären, dass wir noch vor Ende des Jahres in Hartmannsdorf, das ist in der weiten Talsenke zwischen dem Großen Wilkenstein und dem Taubenberg gelegen, eine kleine Wohnung im Obergeschoss eines Landhauses aus den 1930er Jahren beziehen konnten. Renoviert und teils modernisiert. Was allerdings lediglich hieß, dass sich die Toilette auf der Etage befand und in der Küche eine kleine Duschecke eingerichtet worden war.

Ich wäre ja am liebsten wieder nach Rauschendorf gezogen, zu Oma und Opa auf den Hof. Aber Mutter wollte davon nichts wissen, das kam für sie überhaupt nicht in Frage. Was ich ganz und gar nicht verstand, es wäre doch das Einfachste und Nächstliegende gewesen.

Heute glaube ich, dass sie unbedingt Abstand gewinnen wollte. Abstand vom Vater. Abstand von dem Leben mit ihm. Weil sie als erste von uns begriff, dass nun alles anders werden würde. Und dass sie sich dem stellen musste. Das alte Leben war vorbei. Dorthin gab es kein zurück.

Mir hingegen sah das damals nicht so aus.

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