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Eisblumen

Über den Autor

Walter Wolter, 1950 im Saarland geboren, arbeitete als Journalist, bevor er sich der Schriftstellerei zuwandte. Seinen Abenteuerbüchern über Steinzeitmenschen und Kopfjäger folgten mehrere Kriminalromane.

Inhaltsverzeichnis

Brunos jähes Ende

Engelbert Bloch, alleinstehend, 5. Stock

Wer ist dieses Mädchen?

Die Vorfreude des Liebhabers

Verpfuschter Auftrag

Blochs geheime Geliebte

»Nein danke, Herr Meydorn!«

Ein unerwarteter Gast

Das zweite Gesicht

Panamahut und Yuccapalmen

Experten-Gipfel

Von Römern und Wölfen

Überrumpelt

Bloch und die weiße Katze

Eine ehrenwerte Firma

Kleines Geständnis

Eiskaltes Geheimnis

Nur so ein Gefühl …

»Das ist mein Reich!«

Gleitcreme und Müllsäcke

Die Stunde des Mörders

Reise ohne Wiederkehr

Abschied

Brunos jähes Ende

Im Westen türmten sich gewaltige Wolken. Es war schweißtreibend schwül. Stumm und mit geöffneten Schnäbeln saßen die Vögel in den Bäumen. Über dem trüben Wasser des Hafenbeckens standen Mückensäulen. In Erwartung eines erlösenden Gewitters war der Puls des Lebens gedrosselt.

Mitten hinein in das stickige Schweigen schrie eine Frau. Sie schrie dunkel, inbrünstig, wie aus tiefer Qual. Die Schreie zerrten an der Stille.

Das ist doch nicht normal, dachte Bruno, dass jemand so schreit. Es ist doch nur Sex, oder? Eine Nummer am Nachmittag – und zudem die dritte für heute. Schon in aller Herrgottsfrühe hatte das Hausboot heftig geschaukelt.

Übergangslos änderte die Frau ihre Tonlage. Sie schrie nun hell, grell und abgehackt, als würde ihr der Hintern versohlt.

»Heilige Hysterika«, murmelte Bruno, »nun aber mal raus mit dem Namen! Wenigstens ein einziges Mal, bitte!«

Irgendetwas im Boot ging knackend zu Bruch.

»Hoppla«, sagte Bruno.

Kleine Wellen lösten sich von den schwankenden Bordwänden und rollten durch das Hafenbecken. Die Frau steigerte sich zu einem schrillen Stakkato. Dann hielt sie den Ton wie eine Sirene und ließ ihn in einem langen Seufzer ausklingen.

»Oh, Alex«, hauchte sie, »oh, mein Liebling, mein Prinz, mein Gott! Ich bin so satt!«

»Na also, geht doch«, sagte Bruno.

Es gehörte nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, anderer Leute Sex über Richtfunk und Kopfhörer zu belauschen. Aber wenn er Geld brauchte, durfte er bei Aufträgen nicht wählerisch sein.

Als er sich zum Aufzeichnungsgerät hinunterbeugte, blickte er durch das getönte Plastikfenster des Wohnmobils auf ein Gesicht. Es war wieder dieser Rentner mit dem lächerlichen Honecker-Hütchen, das die auffallende Ähnlichkeit mit dem gewesenen Staatsratsvorsitzenden aus Wiebelskirchen noch unterstrich. Schon vor einer halben Stunde hatte der Hütchenträger mit dem beigen, bis oben hin zugeknöpften Polyesterhemd Brunos Wohnmobil misstrauisch umkreist, war dann aber seines Weges gegangen. Jetzt schien er zum Einschreiten entschlossen.

Tok tok tok. Die Spitze seines Spazierstocks pochte an die Tür.

Für einen Privatdetektiv war die Neugier unbeteiligter Mitmenschen ein ständig wiederkehrender Albtraum. Da konnte man stundenlang auf der Lauer gelegen haben, war hungrig, müde oder steif vor Kälte, und dann kam irgendein aufmerksamer Nachbar, so ein notorischer Fenstergucker oder Vorgartenspäher, und machte alles zunichte. Man konnte die Uhr danach stellen, wann der herbeitelefonierte Streifenwagen auftauchte.

In der verwilderten Einöde des Saarbrücker Osthafens hatte Bruno sich sicher gefühlt vor Störenfrieden dieser Art, als er gestern im letzten Abendlicht hier angelangt war, nachdem er, von der Autobahn kommend, auf der Ostspangenbrücke die Saar überquert, dann die Großmarkthallen und ein Getreidesilo passiert hatte, um hinter grasüberwachsenen Bahngleisen einem Feldweg zu folgen, der in die Flussauen führte. Vor einem verschlossenen Tor aus Vierkanteisen hatte er das Wohnmobil abgestellt. Links war der Fluss, vor ihm ein Teil des unübersichtlichen Hafenbeckens für Sportboote, begrenzt von der Ingenieurskulisse der Brücke mit ihren dicken, marineblau gestrichenen Pylonen, und auf der rechten Seite wucherte ein sumpfiger, undurchdringlicher Dschungel aus Buschwerk, Dornengestrüpp und Brennnesseln, in dem Unken quakten und Grillen zirpten. Das Hausboot, dem er folgte, war schon da. An seinem Heck hing schlaff die französische Trikolore. Es war eine dieser bauchigen Ferienyachten, die patentfrei von Kreti und Pleti zum Durchschippern der Grande Nation gemietet werden konnten. Festgezurrt lag das Wohnschiff zwischen ein paar kleineren Motorbooten, deren Persenningen kalkweiß von Vogelkot gestriemt waren.

Tok – tok tok. Der Rentner im Erich-Look war penetrant.

Bruno öffnete widerwillig.

»Was gibt’s?«

»Das ist hier kein Campingplatz.« Der Alte schob sein Miesepetergesicht durch die schmale Türöffnung.

»Na, na! Nicht so neugierig!« Bruno empfand das Unbehagen eines Pokerspielers, dem ein Fremder in die Karten kiebitzte, und verstellte dem Eindringling die Sicht.

»Das ist hier kein Campingplatz«, wiederholte der Rentner giftig.

»Hören Sie«, sagte Bruno und drängte den Hütchen-Träger zurück, indem er aus dem Wohnmobil stieg, »hier läuft eine Aktion des Verfassungsschutzes. Geheimer als geheim!« Er senkte seine Stimme. »Gehen Sie unauffällig weiter! Oder wollen Sie die Sicherheit Deutschlands gefährden?«

Der Rentner kniff die Augen zusammen. Er schwankte zwischen Zweifel und Vaterlandstreue.

»Nun machen Sie schon!«, drängte Bruno. »Und zu niemandem ein Wort! Nicht mal zu Ihrer Frau!«

Rückwärts trippelnd, bei jedem Schrittchen den Stock auftupfend, entfernte sich das Honecker-Imitat, sichtlich bemüht, sich die Zulassungsnummer des Wohnmobils einzuprägen.

Bruno atmete auf. Langwierige Auseinandersetzungen mit Terror-Rentnern und aufgeblähten Spießbürgern waren ihm so lästig wie die Rechtfertigungs-Arien gegenüber uniformierten Ordnungshütern. So schnell und reibungslos wie diesmal lief’s nicht immer ab. Er verspürte Lust auf einen Kaffee. Während das Wasser auf der Gasflamme heiß wurde, behielt er durch die Frontscheibe das Hausboot im Auge. Der Fotoapparat mit dem Teleobjektiv lag griffbereit. Vielleicht taten die beiden überhitzten Liebesleute ihm den Gefallen, sich an Deck etwas abzukühlen.

Von hinten, vom Weg her, wurde geschrien – ein Duett aus Greisen-Diskant und promillegepuschtem Proletengrölen. In das schräge Vokalorchester hinein belferte ein Hund.

Bruno goss heißes Wasser in einen Pappbecher und kippte einen gehäuften Löffel Instantkaffee dazu.

»Leine Sie gefälligschd das Vieh an!«, zeterte die Diskantstimme.

Bruno rührte seinen kohlenschwarzen Kaffee um. Dieser alte Querulant, dachte er, hat unter seinem Hütchen die ein oder andere Schraube locker.

Das Geschrei wurde heftiger und aggressiver. Bruno stellte sich mit seinem Kaffeebecher in die offene Tür. Auf dem Feldweg umsprang übermütig ein aus rein züchterischer Sicht ziemlich missratener Schäferhund den stockbewehrten Rentner, der nach ihm hieb und stach. Ein paar Stocklängen entfernt plusterte sich der mutmaßliche Besitzer des Bellos auf, ein nicht unbedingt als intellektuell einzustufender Typ mit »Vokuhila«Frisur – vorne kurz, hinten lang –, einer Jogginghose aus Ballonseide und dem Schriftzug FC Bayern München auf dem bauchwärts überdehnten T-Shirt. Was er dem tobenden Rentner an Worten entgegenschleuderte, war zu einer Deeskalation der Lage völlig ungeeignet.

»Du kriegschd gleisch von mir ääni gebaddscht, du dreggischer Wichser!«

»Dann bring isch disch … in de Knascht!« Die Fistelstimme des Rentners klang verausgabt.

Da walzte der Hundebesitzer auf ihn zu – »Unn sonschd noch ebbes, du Aaschloch? Isch gebb dir ääni off die Battrie!« – und schüttelte ihn. Der Rentner verlor Stock und Hütchen.

»He! Schluss jetzt!«, rief Bruno und sprang, als das nichts nutzte, aus seinem Wohnmobil, um die beiden Streithähne zu trennen.

Der Proll mit der Jogginghose, der ganz danach aussah, dass er für sein täglich Bier nicht viele Finger krumm machte, hielt inne, ließ von dem Rentner ab und äugte grimmig zu Bruno herüber. Diese Gelegenheit nutzte der Alte zur Flucht. Sein hüpfender, hüftsteifer Laufstil war grotesk. Neben ihm her, mit dem Hütchen im Maul, sprang fröhlich der rassefreie Schäferhund.

»Vergess dei Kapp net, du Owwerinschpektor!«, triumphierte der Bayern-München-Fan und vermied jeden weiteren Blickkontakt mit Bruno.

Nach fünfzig Metern war der Rentner mit seiner Kondition am Ende. Schnaufend blieb er stehen und hob das Hütchen auf, das der Hund vor ihn hingelegt hatte, sprungbereit in der Erwartung, dass dieser nette Mensch es durch die Luft werfen und so das schöne Spiel fortsetzen möge. Der tat ihm den Gefallen natürlich nicht, drückte sich den verformten Honecker-Sombrero auf den Schädel und humpelte weiter Richtung Stadt.

Was ist das hier für eine abgedrehte Gegend, dachte Bruno, so nah an der City und doch so fern. Auf der gegenüberliegenden Seite des sichelförmig gebogenen Hafenbeckens ragte turmhoch ein aufgegebener Getreidespeicher, den Wind und Wetter an vielen Stellen seiner Eierschalenfarbe bis hinunter aufs triste Zementgrau entblättert hatten, daneben ein ungenutzter, mehrstöckiger Würfel aus Beton und Backsteinen und blindem Glas, und davor lagen Bug an Heck drei Frachtkähne, jeder mindestens so lang wie zwei Bungalows, rostige Flussveteranen, die gewiss schon Wasser unterm Kiel gehabt hatten, als noch massenhaft Kohle über die Saar geschippert worden war. Nun waren sie für immer an die Leine gelegt und dienten in ihrer letzten Rostphase einem bunten Völkchen von Aussteigern und Außenseitern als Lebensraum. Zur Stadt hin stach der Schornstein eines Heizkraftwerks in den dunstigen Himmel und von jenseits des Flusses flutete aufdringlich und ununterbrochen der Lärm der Autobahn in das stillose Idyll.

Bruno ging zurück zum Wohnmobil und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Hausboot. Der weitere Erfolg seiner Arbeit hing an einem dünnen Faden, denn womöglich, so überlegte er, rannte der Hütchen-Rentner spornstreichs zur Polizei – und gegenüber der Trachtentruppe hatte Bruno wenig Diskussionsbedarf.

»Da schau an!«

Er hob die Kamera mit dem Teleobjektiv vors Auge. Die Frau mit dem lautstarken Paarungsverhalten war an Deck. Bruno fokussierte auf ihr Gesicht.

»Kompliment«, murmelte er.

Sie sah aus wie auf den Fotos, die man ihm mitgegeben hatte. Sollte hier oder da ein Chirurg nachgeholfen haben, hatte er seine Sache gut gemacht. Die Schöne hatte wohl gerade geduscht und ihre schwedenblonde Mähne mit den Bernsteinsträhnen glatt nach hinten gestrichen. Um ihren kurvigen Körper hatte sie ein gelbes Badetuch geschlungen. Nach Brunos Information war sie 45 Jahre alt. Sie war an Deck gekommen, um ein Bettlaken zum Trocknen aufzuhängen. Seit gestern Mittag parkte ihr Roadster, ein silbriger »Chrysler Crossfire« mit Trierer Kennzeichen, diskret in Dreisbach an der Saarschleife, wo sie eilig mit ihrem Suitcase an Bord gegangen war.

»Wirklich sehr anregend, Frau Meydorn!« Bruno zoomte sie näher heran. »Aber ich brauche euch beide. Locken Sie doch mal den Hengst aus der Kajüte, wenn ich bitten darf!«

Die blonde Venus tat ihm den Gefallen nicht. Sie unterhielt sich, das konnte Bruno durchs Teleobjektiv sehen, mit jemand Unsichtbarem. Als er den Apparat absetzte, um ein Stativ aufzuschrauben, stellte er fest, dass er beobachtet wurde. Wenige Schritte vor der offenen Tür des Wohnmobils stand ein Mädchen.

»Hallo«, sagte sie.

Sie hatte große blaue Augen, ein niedliches Gesicht mit Schmollmund und Stupsnase und war, so schätzte Bruno, in diesem postpubertären Übergangsalter, das beide Formen der Anrede zuließ. Er entschied sich für das Du.

»Wo kommst du denn so plötzlich her?«

»Von da drüben«, sagte sie und deutete in Richtung der Frachtkähne.

Bruno legte das fotografische Kanonenrohr so diskret wie möglich hinter sich auf den Tisch. Zum Observieren schien das wirklich nicht der geeignete Platz zu sein.

»Meine Ratte ist unter Ihrem Auto«, sagte das Mädchen und ließ sich auf die Knie nieder.

Sie trug Bluejeans, ein blasslila T-Shirt und staubige Cowboy-Stiefel.

»Komm, mein Schatz, komm her!« Sie spitzte die Lippen und schnalzte leise mit der Zunge.

»Siehst du den Ausreißer?«, fragte Bruno.

»Leider nicht. Aber ich hab was Unwiderstehliches.«

Sie kramte in ihrer Hosentasche. Papier knisterte.

»Ein Schokobonbon«, sagte sie, »das macht ihn schwach.«

Hinter dem Vorderreifen kam eine braune Ratte hervor. Eine kurze Bewegung Brunos ließ sie im Lauf stocken. Sie setzte sich auf die Hinterbeine und blickte mit kleinen schwarzen Augen zu ihm hoch. Ihre Vorderpfoten, die sie vor die Brust hielt, sahen aus wie winzige Hände.

»Komm, mein Süßer«, lockte das Mädchen.

Die Ratte kam der Aufforderung nach, erklomm den ausgestreckten Arm des Mädchens, setzte sich auf dessen Schulter, nahm das Schokoladenbonbon zwischen die Vorderpfoten und begann unverzüglich mit dem Verzehr. Ihr haarloser Schwanz hing wie ein dicker Wurm in den V-Ausschnitt des T-Shirts. Das Mädchen lächelte mütterlich und kraulte das Tier mit dem Zeigefinger sanft am Bauch.

»Mögen Sie Ratten?«, fragte sie, ohne Bruno anzublicken.

»Ich weiß nicht …« Bruno zögerte. »Ich hatte noch keine auf dem Teller.«

»Na, na!« Sie zog die Brauen hoch.

»Wie heißt denn der Nagezahn?«

»Bruno.«

»Ach nein! Und wieso ausgerechnet Bruno?«

»Warum nicht?« In ihr Lächeln mischte sich Erstaunen. »Er heißt so, weil er so schön braun ist. Gefällt Ihnen der Name nicht?«

»Doch, schon«, sagte Bruno, »schöner Name für einen Kanalarbeiter.«

»Bruno war noch nie im Kanal. Er ist absolut clean. Wollen Sie ihn mal haben?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, machte sie zwei, drei Schritte auf Bruno zu und hielt ihm die Ratte hin. Er stieg aus dem Wohnmobil und streckte den linken Arm aus. Als er die Pikser der kleinen, spitzen Krallen auf seinem bloßen Unterarm spürte, sträubten sich ihm kurzzeitig die Haare. Die Ratte balancierte über den muskulösen Arm, überwand die Wulst-Barriere des hochgekrempelten Hemdärmels und näherte sich zielstrebig der Schulter. Und schon spürte Bruno das Schnäuzchen mit den feinen Schnurrhaaren an seinem Ohr.

»Eigentlich bin ich Katzenliebhaber.«

»Alle Tiere sind okay«, sagte das Mädchen.

»Hoppla!« Bruno verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

Mit animalischer Geschicklichkeit zwängte sich die Ratte zwischen seinen Hals und den Kragen des blauen Baumwollhemds und rutschte unaufhaltsam über seinen nackten Rücken bis zum Gürtel hinunter.

»Jetzt schlägt’s aber dreizehn!« Eilig knöpfte Bruno sein Hemd auf. »Dein Schmusetier geht aufs Ganze.«

Das Mädchen kicherte.

»Damit muss man bei einer Ratte immer rechnen. Sekunde, ich hol sie Ihnen raus.«

Ungeniert schob sie ihre Hand unter Brunos geöffnetes Hemd, ihr Arm glitt um seine Taille, sie ergriff die Ratte und zog sie aus der blauen Dämmerung ans Tageslicht.

»Mein lieber Bruno«, sagte Bruno, »du bist mir ja einer!«

»Alle Leute finden Eichhörnchen putzig«, sagte das Mädchen, »und das nur, weil sie einen buschigen Schwanz haben und auch an den Beinen ein paar Haare mehr. Aber sonst sind sie nicht viel anders als ’ne Ratte.«

»So ist das im Leben«, sagte Bruno, »unsere Welt besteht aus Äußerlichkeiten. Manche werden geliebt, andere gehasst, ohne dass sie dafür etwas tun.«

»Also tschüs dann«, sagte sie und kuschelte ihre Ratte zwischen Kinn und Hals, »und noch weiterhin viel Spaß beim Spannen!«

Bruno war perplex. Diese Rotznase, dachte er, während er ihr hinterherschaute, glaubt die doch tatsächlich, ich würde aus Jux und Tollerei knapp bekleidete Frauen auf Hausbooten begaffen. Dennoch – die Kleine gefiel ihm. Sie war so direkt und unkompliziert. Und für ein knospendes Mädchen bewegte sie sich ausgesprochen geschmeidig. Ihr fehlt noch ein knappes Jahr, dachte Bruno, dann wird sie sich den hormongesteuerten Jungmännern mit jedem Hüftschwung als begehrenswert und gebärfähig empfehlen.

Als wüsste sie, dass er ihr nachschaute, drehte sie sich zu ihm um und hob lässig die Hand. Er winkte zurück. Sie durchquerte einen Sonnenstrahl, der aus dem dunklen Gewölk brach und wie auf einem Gemälde eine Lichtschneise über den Weg und die Wildnis legte. Ihr nackenlanges, lockiges Haar – eine Melange aus verschiedenen Blondtönen mit einem Schimmer von Rot – glänzte auf.

Im Westen grummelte es bedrohlich.

Bruno stieg ins Wohnmobil und blickte zum Hausboot hinüber. Das veilchenblaue Laken hing bewegungslos in der Windstille. Die Frau war verschwunden.

»Scheißjob«, knurrte er und kratzte sich am Hals.

Er schwitzte. Da sein Stoppelbart juckte, beschloss er, sich zu rasieren, und öffnete die Tür zur Nasszelle. Ich müsste auch mal wieder zum Friseur gehen, dachte er, als er sich im Spiegel sah. In seinen mittelblonden Haaren zeigte sich das erste Grau. Er strich sich mit der Hand über Wange und Kinn. Auffallend an seinem Gesicht, das ein wenig an die zerknautschte Physiognomie von Jean-Paul Belmondo in seinen besten Jahren erinnerte, war die Nase, deren genetische Formgebung im Boxring mehrfach überarbeitet worden war. Nicht jeden seiner 65 Profikämpfe hatte Bruno gewonnen. Vor allem die letzten Jahre seiner Faustkämpfer-Karriere hatten Spuren hinterlassen.

Seitlich des Kragens zeigte sein Hemd einen dunklen Fleck.

»Was ist das denn?«

Mit leichter Verzögerung dämmerte es ihm, dass die Ratte ihm auf die Schulter gepinkelt hatte.

»Himmelarsch …« Er zog das Hemd aus. »Na, macht nichts, es war sowieso reif für die Wäsche.«

Er tätschelte sich Rasierschaum auf die Wangen. Die Bartstoppeln waren zwei Tage alt und hart, die Klinge nicht mehr hundertprozentig scharf. Um den Schaum ein wenig einwirken zu lassen, ging Bruno ins Freie. Eigentlich wollte er nur nachsehen, wie es um das Gewitter stand. Das Mädchen mit der Ratte war immer noch da. Ein Mann um die fünfzig hatte sich zu ihr gesellt. Die beiden standen in Steinwurfweite auf dem Weg und unterhielten sich. Das einzig Auffällige an dem Mann war, dass er trotz der schwülen Hitze ein hellgraues Jackett trug und sich beim Reden leicht verbeugte. Offensichtlich drehte das Gespräch sich um die Ratte, die auf der Schulter des Mädchens saß. Zaghaft streckte der Mann seine Hand nach der Ratte aus, zuckte aber zurück, bevor er das Tier berührte. Ein plötzlicher Windstoß wirbelte Staub auf. Im Westen zickzackte ein Blitz über die Horizontlinie. Bruno ging zurück in sein Wohnmobil, um die Rasur zu Ende zu bringen.

Ich sollte mal wieder was tun, dachte er. Seit fast einer Woche hatte er sich nicht richtig bewegt, seine Muskeln nicht gefordert, und das machte ihn nervös. Normalerweise vergingen keine drei Tage, ohne dass er Serien von Liegestützen pumpte, immer fünfzig hintereinander, sich mit Klimmzügen verausgabte, immer brav ein Dutzend am Stück, oder ein Stündchen durchs Gelände trabte. Das war zwar nichts im Vergleich zu dem Trainingspensum, das er einst als Boxer absolvieren musste, aber es genügte, um ihn trotz seiner zeitweise unkontrollierten Zuneigung zu goldbraunen Destillaten wie Cognac oder Calvados leidlich in Form zu halten. Er war 46 Jahre alt und kämpfte tapfer dagegen an. Einen schlaffen Körper konnte er sich schon deshalb nicht leisten, da in den Kreisen, in denen er berufsbedingt hin und wieder verkehrte, kein Schwächeln verziehen wurde.

Nach Brunos Philosophie war das Leben sowieso schöner und einfacher, wenn man es nicht hasenfüßig anging, sondern kampfbereit und unerschrocken. Im Boxring hatte er gelernt, die Angst zu besiegen. Wer kämpfte, fürchtete sich nicht. Und wer kämpfend unterging, starb nur einmal, der Feige dagegen jeden Tag.

Es donnerte scharf und nah.

Bruno hielt beim Rasieren inne. Was war das? Ein Schrei? Hatte sich da jemand vor dem Gewitter erschrocken? Er lauschte. Da, wieder! Oha, dachte Bruno, wenn dieser Schrei mal nicht aus einer Mädchenkehle kam …

Er ließ den Rasierer ins Handwaschbecken fallen und eilte, so wie er war, nach draußen. Das Unwetter war noch nicht auf dem Höhepunkt, die Umgebung in ein gelbliches Licht getaucht. Auf dem Grasstreifen zwischen Weg und Wildnis war ein Tumult im Gange. Das Erste, was Bruno wahrnahm, war der Riese. Einen so großen Menschen hatte er seiner Lebtage noch nicht gesehen. Stand der Mann auf Stelzen? Und über welche Kräfte er verfügte! Der Jackett-Träger, den er mit einer Hand am Kragen hielt, hatte keinen Boden mehr unter den Füßen. Reglos wie eine Puppe aus dem Schaufenster eines altbackenen Herrenausstatters hing er im Griff des Giganten. Anders das Mädchen: Es zappelte und wehrte sich wie eine Wildkatze in den Armen eines Kerls, der es zu einem Wagen zerrte, einem anthrazitfarbenen Transporter mit abgedunkelten Scheiben.

Bruno spurtete los. Je näher er kam, desto größer wurde der Riese. Das konnte schier nicht wahr sein! Der Mann war anderthalb Handbreit höher als zwei Meter! Irgendwie erinnerte er Bruno an Nikolai Valuev, den Box-Goliath aus Russland, der, wenn er zum Kampf schritt, mühelos die Ringseile übergrätschte. Natürlich war es nicht der Faustkampf-Koloss aus St. Petersburg, sondern ein anderes Exemplar aus dem Club der Übergroßen. Bruno flitzte an ihm vorbei wie ein Terrier an einem irischen Wolfshund.

Der andere Typ, der die Kleine an sich gepresst hielt, ließ sie los und stellte sich Bruno entgegen. Er hatte ein knochiges Galgenvogelgesicht mit hohen Jochbeinen. Durch die millimeterkurz geschnittenen Haare schimmerte die Kopfhaut und quer über seine Nase war ein Pflaster geklebt. Als er hinter sich an den Gürtel griff, kam Bruno ihm zuvor, brachte ihn mit zwei schnellen linken Jabs aus dem Gleichgewicht und entwand ihm den schwarzen Schlagstock, der an der Spitze auch als Elektroschocker einsetzbar war.

»So nicht, Amigo!«, sagte Bruno und warf das Hartgummigerät ins Gebüsch.

Der Kerl fluchte in konsonantenreicher Sprache, die nach Osten klang, sprang Bruno mit gesenktem Kopf an, versuchte ihn zu packen, fand aber keinen Halt an dem nackten Oberkörper, glitt ab und versuchte es erneut. Bruno schlug ihm mit der Linken einen Haken an die Schläfe, ansatzlos und explosiv, und mit der Rechten – aus der Bewegung heraus – einen krachenden Uppercut aufs Kinn. Mit glasigen Augen kippte der Pflasterträger nach hinten und verschwand zwischen den Brennnesseln.

»Schnell, hau ab!«, rief Bruno dem Mädchen zu, das wie angewurzelt mitten auf dem Weg stand.

Eine Auseinandersetzung mit dem Riesen wollte er tunlichst vermeiden. Der hielt noch immer den Jackett-Mann, der keinen Mucks tat, in die Luft wie ein erbeutetes Karnickel. Das Gesicht des Hünen war ungewöhnlich lang und grob, das Kinn ausladend. Nach den urzeitlichen Knochenwülsten über den Augen zu urteilen, hatte der Mann den IQ eines Silberrücken-Gorillas. Aus seinem braunen Kurzarmhemd hätte man ein Zelt bauen können.

Dieser Turm wiegt an die drei Zentner, dachte Bruno, und wer sich mit ihm anlegt, wird plattgemacht – unweigerlich! Die Art, wie der überdimensionierte Grobian sich seines Opfers entledigte, bestätigte Bruno in seiner pessimistischen Einschätzung. Als sei er aus Styropor, warf er den Mann in hohem Bogen ins Gebüsch. Bruno sah die Szene wie in Zeitlupe. Im Flug löste sich der Knoten in der Kehle des Jackett-Trägers – er schrie, bis er ins Laub eintauchte und das Geäst über ihm zusammenschlug. Dann war es still, beunruhigend still.

Bruno drehte sich nach dem Mädchen um. Auf allen vieren kroch sie durch das Gestrüpp am Wegrand, als suche sie etwas. Was zum Teufel ging hier vor?

»Lauf doch, Kind!«, brüllte Bruno.

Der Zyklop betrachtete ihn mit geringschätziger Gelassenheit und näherte sich mit Riesenschritten. Fast gemächlich holte er zum Schlag aus. Instinktiv zog Bruno beide Fäuste zur Doppeldeckung hoch. Junge, das hat keinen Sinn, warnte ihn eine innere Stimme. Du warst Mittelgewichtler. Dieser Tyrannosaurus ist fast doppelt so schwer wie du!

Er wich aus, behielt die Fäuste oben und bewegte die Beine wie im Ring. Der Koloss schlug zweimal nach ihm. Seine Arme waren wie Windmühlenflügel – lang, aber sehr langsam. Bruno duckte sich ab, wich zur Seite aus und gewann ein wenig an Zuversicht. Als der Riese merkte, dass er seinem Kontrahenten auf diese Weise nicht beikommen konnte, wandte er sich von ihm ab und eilte mit staksigen Schritten auf das Mädchen zu, das gar nicht erst den Versuch machte, wegzurennen, sondern sich ängstlich zusammenkauerte. Für einen kurzen Moment war Bruno drauf und dran, dem King Kong ins Kreuz zu springen – doch er pfiff sich zurück. Bruno Schmidt, sagte er sich, lass gefälligst dein Gehirn eingeschaltet!

Seine Augen suchten im nahen Umkreis nach einem brauchbaren Gegenstand. Hätte er doch bloß den Elektroschocker nicht so lässig entsorgt! Im Wiesengras glänzte etwas Metallisches. Es war der silberne Knauf des Stockes, den der zänkische Rentner verloren hatte. Da lag er wie ein Geschenk des Himmels zwischen zwei vertrockneten Hundehaufen. Bruno hob ihn auf und wog ihn kurz in der Hand. Es war ein solider Holzstock mit massivem Griff. Bruno drehte den Gummischuh ab und schritt zum Duell.

»Lass die Finger von ihr!«

Der Riese, gerade dabei, sich die Kleine zu greifen, drehte sich um. Er schien leicht verwundert über Brunos selbstmörderische Attacke. Bruno umfasste den Stock mit beiden Händen, hielt ihn waagerecht vor den Körper, wobei seine Knöchel nach oben zeigten. Seine Arme hingen locker herab, die Füße standen schulterbreit auseinander. Er beherrschte die Grundtechniken des Hanbo-Jitsu, der japanischen Kunst, mit dem Stock zu kämpfen – stoßend, hebelnd und würgend. Doch die zerschmetternde Wucht des Schlages, den der Riese mit seiner Hammerfaust von oben herab führte, hatte Bruno unterschätzt. Trotz schulmäßigen Abblockens wurde er getroffen. Gerade noch konnte er seinen Kopf zur Seite reißen. Die Faust ratschte an seiner linken Ohrmuschel vorbei und landete auf der Schulter – glücklicherweise abgebremst durch die Stock-Blockade, sonst hätte das Schlüsselbein den Hieb nicht überstanden.

Nun war Bruno am Zug. Wenn er sich entschlossen hatte zu kämpfen, dann kämpfte er, dann gab es kein Gestern mehr und kein Morgen. Mit einem linken Ausfallschritt unterlief er die Reichweite des Giganten und rammte ihm mit aller Kraft seiner athletischen Schultern die Stockspitze knapp unterhalb des Brustbeins gegen den Körper. Und schon zuckte – mit gezügelter Energie, weil Bruno um die durchaus tödliche Wirkung wusste – ein Längsstoß gegen die Kehle. Der Riese war geschockt, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Mit abgewinkelten Armen stand er da, den Mund halb offen, ein heiserer Laut war zu hören – dann ging er langsam in die Knie. Bruno machte einen Schritt zurück, veränderte die Griffposition, fasste den Stock beidhändig am dünneren Ende, bereit, ihn mit dem Metallknauf wie eine Keule auf den furchigen, raspelkurz geschorenen Schädel zu schlagen, doch das war nicht mehr erforderlich. Der Riese sank auf Augenhöhe mit seinem Bezwinger, hustete grunzend und kippte zur Seite weg. Bruno konnte es selbst kaum fassen, als er den gefällten Goliath so hingestreckt daliegen sah.

»Jetzt aber nichts wie weg hier!« Er packte das Mädchen am Arm.

»Nein!«, jammerte sie. »Ich muss erst wissen, was mit Bruno passiert ist.«

»Ach du grüne Neune, den gibt’s ja auch noch!«

Bruno warf einen besorgten Blick auf den Übergroßen, der sich, beide Hände am Hals, mit blaurotem Kopf und barbarischem Gewürge im Staub krümmte. Schon tauchte das Galgenvogelgesicht mit dem Nasenpflaster ächzend zwischen den Brennnesseln auf.

»Schnell, was ist mit der Ratte?«, fragte Bruno.

»Dort drüben hat er sie hingeschmissen, der doofe Kerl!«

Bruno machte ein paar Schritte ins Gestrüpp. Dornen traktierten seinen nackten Oberkörper. Er stieß auf Gegenstände, die absolut nicht hierher gehörten: einen Stuhl mit zerrissenem Polster, einen ausrangierten Winkelschleifer, ein Fahrradschutzblech und einen verrosteten Einkaufskarren. Die Ratte hing reglos in einer Astgabel. Vor ihrem Schnäuzchen stand ein dicker Tropfen Blut.

»Da ist sie«, rief er, ohne sie anzufassen. »Ich seh mich mal nach dem Mann um.«

Der Himmel hatte sich vollends verdüstert. Es herrschte Dämmerung. Über dem nahen Fluss verästelte sich ein greller Blitz, fast zeitgleich peitschte der Donnerschlag. Die ersten Regentropfen fielen. Bruno lief ein Stück zurück über den Weg bis zu der Stelle, wo der Jackett-Träger zu seiner Luftnummer gezwungen worden war. Der Mann kam aus dem Gebüsch gekrochen, rappelte sich auf und hielt stöhnend seinen rechten Ellbogen umklammert. Dünne, fahlblonde Haarsträhnen verklebten sich auf seiner Stirn mit einer blutigen Schramme. Sein Gesicht war leichenblass und sein Jackett reif für die Lumpensammlung.

»Können Sie gehen?«, fragte Bruno.

»Meine Brille …« Der Mann knickte in den Knien ein. »Meine Brille ist weg.«

Bruno half ihm wieder auf die Beine.

»Hallo«, rief er dem Mädchen zu, »komm ins Wohnmobil!«

Mit Macht brach der Gewittersturm los. Sturzregen hieb schwer in die Blätter, die im Windrauschen ihre helle Unterseite zeigten. Ein Blitz jagte den nächsten. Bruno stützte den hinkenden Jackett-Träger. Der Riese versuchte sich aufzurichten. Durch den Wasservorhang taumelte der Mann mit dem Nasenpflaster auf den quer abgestellten Transporter zu.

Als Bruno und der lädierte Jackett-Träger das Wohnmobil erreichten, waren sie nass bis auf die Haut. Das Mädchen kam hinterher. Ihre Haare waren an den Kopf geklatscht und sie hielt die tote Ratte an ihre Brust gepresst. Man konnte nicht sehen, ob es Tränen waren oder Regentropfen, die über ihr Gesicht liefen.

Bruno setzte sich sofort ans Steuer. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, polterte durcheinander, als er anfuhr.

»Halt die Kamera fest!«, rief er dem Mädchen zu.

Der Regen trommelte aufs Dach und überspülte die breite Windschutzscheibe, sodass die Wischer fast nichts mehr ausrichteten. Als das Wohnmobil in den Weg einbog, schaltete Bruno die Scheinwerfer ein. Der Wolkenbruch wollte biblische Ausmaße annehmen. In den Pfützen sprang das Wasser.

Da tauchte im Lichtkegel der Golem auf. Mit ausgebreiteten Armen stand er mitten auf dem Weg – nässetriefend und gespenstisch. Er wirkte angeschlagen. Sein Gesicht war grau wie ein Teller vergessener Spargelcremesuppe. Unbeirrt ließ Bruno das Wohnmobil auf ihn zurollen.

»Vorsicht!«, schrie der Jackett-Träger von hinten.

»Ich denke nicht daran!«, knurrte Bruno.

Wie im Horrorfilm erschien das starre Riesengesicht dicht vor der Scheibe, die schaufelgroßen Hände stemmten sich gegen das Glas. Bruno schob die Gestalt zwei, drei Meter vor sich her. Dann endlich kapitulierte der Gigant vor den Pferdestärken und sprang zur Seite. Ein donnernder Schlag gegen die Flanke des Wohnmobils kündete von seinem Frust.

»Do swidanja.« Bruno grinste erleichtert.

Der Transporter stand noch immer quer auf dem Weg. Bruno fuhr um ihn herum über die Wiese.

»Geschafft!« Er atmete auf.

Zu spät fiel ihm ein, dass ein Blick auf das Nummernschild ganz nützlich gewesen wäre.

»Würden Sie bitte da vorne links reinfahren?«, sagte das Mädchen. »Ich muss nur was holen.«

Bruno legte die Stirn in Falten und bog in den Kiesweg ein. Blitze erhellten die Gegend. Der Weg führte zu den vertäuten Frachtkähnen.

»Es geht ganz schnell«, sagte das Mädchen, legte behutsam die Ratte auf den Klapptisch gegenüber der Küche, riss die Tür auf und huschte über die schmale Gangway eines der Kähne.

Bruno betastete vorsichtig sein linkes Ohr. Es tat weh und vermittelte ihm das Gefühl, es sei größer als ein Kohlblatt.

»Ich verstehe das alles nicht«, sagte der Jackett-Träger.

»Ich auch nicht«, sagte Bruno.

»Sind Sie der Vater?«

»Es gibt keinerlei Indizien, die darauf hindeuten.« Beteuernd hob Bruno beide Hände. »Ich kenne die Kleine nicht.«

»Sie wissen, dass in letzter Zeit hier im Saarland laufend Mädchen vermisst werden?«

»Ich hab davon gehört«, sagte Bruno, »zwei oder drei im letzten halben Jahr.«

»Drei.« Die Stimme des Jackett-Trägers wurde hoch und laut. »Alle drei ungefähr im Alter von diesem Mädchen hier. Verschwunden! Spurlos verschwunden! Man munkelt von einem Mädchenhändlerring.«

Bruno nagte an seiner Unterlippe. Ein Mädchenhändlerring? Die beiden Kerle mit ihrem abgedunkelten Transporter würden geradezu klischeehaft in dieses Bild passen. Viel wahrscheinlicher aber war es, dass Mädchen dieses Alters einfach ausbüxten. Gründe dafür gab es im Dutzend: vom Krach mit den Eltern bis hin zu einer verbotenen Liebschaft. Die Vermisstenlisten bei der Polizei waren lang.

»Werden Sie den Vorfall bei der Polizei melden?«, fragte der Jackett-Träger.

»Mir passt eine lange Vernehmung im Moment nicht in den Kram«, sagte Bruno, »außerdem hab ich nichts abgekriegt. Aber Sie! Gehen Sie doch zur Polizei!«

Der Jackett-Träger nuschelte etwas. Bruno verstand ihn nicht.

»Entschuldigung, was haben Sie gesagt?«

»Dass ich das … wie soll ich sagen, äh … in meiner derzeitigen Verfassung nicht durchstehen würde. Mir geht es nicht so gut.«

»Soll ich Sie ins Krankenhaus fahren?«

»Danke, nein. Ich möchte nur nach Hause. Wenn Sie mich … natürlich nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht …«

»Ist doch klar«, sagte Bruno.

»Kennen Sie sich aus in Saarbrücken?«

»Nicht sehr.« Über die Schulter blickte Bruno hinter sich in die Kabine.

»Es ist nicht weit. Ich werde Sie lotsen.« Der Jackett-Träger, der sich auf die Polsterbank im Fond gesetzt hatte, kam nach vorne und blieb am Küchenblock stehen.

Seltsame Augen hat der Mann, dachte Bruno, heller noch als hellgrau, fast farblos. Irgendwie passten sie nicht in das Durchschnittsgesicht. Sie waren zu auffällig. Vielleicht hätten sie sogar etwas Anziehendes, wenn nicht gar etwas Magisches gehabt, wären nicht die Lider rundum gerötet und leicht entzündet gewesen. Wenn man von mir erwarten würde, diesen Menschen irgendwo einzuordnen, dachte Bruno, müsste ich nachdenken. Alles an ihm war weich und bleich, das Gesicht, die Hände und gewiss auch alle übrigen Körperteile, deren textile Bedeckung auf angepasste, langweilige Bürgerlichkeit schließen ließ. Zu dem hellgrauen Jackett mit dem zerfetzten Ärmel trug er eine helle Bundfaltenhose und cremefarbene Flechtschuhe. Auch der leichte Bauchansatz und der Seitenscheitel, der sogar das Tohuwabohu überstanden hatte, ohne seine gerade Grundform in dem schütteren Fahlblond einzubüßen, gaben einen Fingerzeig, dass der Mann kein aufgeregtes, geschweige denn ein abenteuerliches Leben führte.

Das Mädchen kam über die Gangway balanciert, in der einen Hand eine Sporttasche, in der anderen einen kleinen Rucksack. Ein junger Bursche mit HipHop-Hängehosen und der Stehfrisur eines Ceylon-Hutaffen war ihr gestikulierend auf den Fersen. Als er das Wohnmobil erblickte, ließ er die Arme sinken und kehrte um.

»Das ging aber schnell«, sagte Bruno.

»Wir können«, sagte sie und schob ihr Gepäck unter den Klapptisch.

Bruno wendete.

»Ich bräuchte ein Hemd«, sagte er, »sonst komm ich mir vor wie Tarzan in den Wechseljahren.«

»Wo sind welche?«, fragte das Mädchen.

»Guck mal in den Schrank neben der Küche. Ach ja … und nimm bitte die Ratte vom Tisch!«

Sie kam nach vorne und reichte ihm ein weißes T-Shirt. Bruno blickte in ihr hübsches Gesicht mit dem Schmollmund.

»War nicht böse gemeint«, sagte er, »aber ich esse manchmal an diesem Tisch.«

»Ist schon okay«, sagte sie und zog die Nase hoch. »Sie haben Rasierschaum am Ohrläppchen.«

»Hinter den Gleisen links abbiegen«, rief der Jackett-Träger, »und dann weiter bis zur Straße des 13. Januar.«

Es regnete noch stark, aber nicht mehr so stürmisch. Bruno fädelte das behäbige Wohnmobil in den City-Verkehr ein. In einem ruhigen Wohnviertel mit mehrstöckigen Häusern stieg der Jackett-Träger aus. Noch immer hielt er seinen rechten Ellbogen umklammert.

»Das war sehr nett von Ihnen«, rief er, schon im Regen stehend, durch die offene Kabinentür, »vielen Dank, Herr, ähm …«

»Schmidt«, rief Bruno, »mit deetee.«

»Engelbert Bloch.« Der Mann verneigte sich leicht.

Bruno hob die Hand zum Gruß. Bloch schlug die Tür zu. Das Mädchen kam nach vorne und nahm auf dem Beifahrersitz Platz, die tote Ratte auf dem Schoß.

»Und nun?«, fragte Bruno.

»Ich möchte ihn gern beerdigen.«

»Na gut.« In seinem Tonfall lag wenig Begeisterung. »Und wo?«

»Ich bin nicht von hier.« Das Mädchen zuckte die Achseln. »Haben Sie kein Navigationsgerät?«

»Doch. Einen Autoatlas aus dem vorigen Jahrtausend. Er liegt auf der Rückbank.«

Bruno fuhr los, geriet in immer dichter werdenden Verkehr, wurde ein paar Mal angehupt, brummelte etwas von einer Schnapsidee, in einer lückenlos überbauten Gegend eine Ratte bestatten zu wollen, und lächelte um ...

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