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Eisblumen zum Valentinstag

Ewa Aukett

Eisblumen zum Valentinstag

Ein Liebesroman


Den ILmePs


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1. Kapitel

„Guten Morgen.“ Ein wenig abgehetzt betrat Sylvie das Büro, sah zu der Uhr hinüber, die kurz vor neun anzeigte, und suchte den Blick ihrer frisch aus dem Urlaub zurückgekehrten Kollegin. „Hab ich es noch geschafft, vor Manning hier zu sein?“

„Ja, hast du. Guten Morgen, Langschläferin.“

Mit einem belustigten Grinsen streckte Kyra sich und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Eine Augenbraue hochgezogen, betrachtete sie Sylvie amüsiert, die entgegen ihrer sonstigen Angewohnheit so gar nicht ausgeschlafen und durchgestylt aussah.

„Die Party war wohl länger als geplant?“

Kichernd hängte diese ihre Jacke an den Garderobenständer und kam zu Kyras Schreibtisch herübergeschlendert.

„Na ja, im Bett war ich schon früh genug“, bemerkte Sylvie vielsagend. „Ich kam nur nicht zum Schlafen.“

Kyra lachte leise.

„Ah, Herrenbesuch“, stellte sie fest.

„Ja, und die beiden haben mich die halbe Nacht wachgehalten.“ Ein breites Grinsen zeigte sich auf ihrem Gesicht, als Kyra verblüfft den Mund aufriss und sie fassungslos anstarrte. Die Frage nach näheren Details blieb ihr verwehrt, da sich in diesem Moment die Tür öffnete und ihr Boss das Empfangszimmer betrat.

„Guten Morgen, die Damen!“

Rasch klappte Kyra den Mund zu und erwiderte die herzliche Begrüßung von Mike Manning, der zu ihr an den Tisch trat und ihr kräftig die Hand schüttelte. Ein warmes Lächeln lag um seine Augen.

„Schön, Sie wieder hier zu haben, Cook.“ Er warf einen flüchtigen Blick in Sylvies Richtung, die sich an ihrem Schreibtisch niederließ und den Computer einschaltete. „Miss Butler hat Sie während Ihrer Abwesenheit hervorragend vertreten, soweit es ihre Möglichkeiten zuließen. Wie war Ihr Urlaub?“

„Erholsam. Danke der Nachfrage.“

„Fein, fein. Dann sind Sie wieder ganz und gar einsatzfähig, nehme ich an?“

Irritiert zog Kyra die Stirn kraus und verkniff sich ein spöttisches Lächeln. Sie war es nicht gewohnt, dass Manning sich so enthusiastisch nach ihrem Urlaub und dem damit verbundenen Erholungszustand erkundigte. In der Regel setzte er voraus, dass man hundertprozentig zur Verfügung stand, sobald man die Schwelle von Manning Incorporated überschritt.

„Wie immer voll dabei“, erwiderte Kyra leichthin. Der Druck seiner Finger wurde noch ein wenig stärker, ehe er schließlich ihre Hand losließ. Gut gelaunt zwinkerte er ihr zu.

„Großartig!“ Mit einem Nicken verlagerte er das Gewicht von einem Bein auf das andere. „Um halb zehn habe ich ein Meeting mit Grant Travers. Ich brauche Sie dabei.“

Kyra stutzte und blickte kurz zu ihrer Kollegin hinüber, die nur ratlos das Gesicht verzog und mit den Schultern zuckte. Eigentlich war Sylvie immer diejenige, die seinen Terminen beiwohnte, schließlich war sie seine persönliche Assistentin.

Erstaunt musterte Kyra ihren Boss.

„Mich?“

„Ja, Cook. Sie!“

Einen Moment lang starrte sie ihn an.

Kyra war für das Netzwerk der Firma verantwortlich. Natürlich kannte sie Travers vom Hörensagen. Er war seit knapp zwei Jahren der Sicherheitschef in der New Yorker Filiale.

Ganz gleich, warum er hier war, es gab keine logische Erklärung, weshalb sie bei diesem Treffen anwesend sein sollte. Sie war IT-Spezialistin - ein notorischer Computerwurm -, keine Sekretärin.

Mannings Anliegen war ziemlich ungewöhnlich, allerdings bezweifelte sie, dass er es ihr hier und jetzt erklären würde.

 „Okay.“

Er nickte ihr knapp zu, bat Sylvie um seinen Morgenkaffee und verschwand durch die angrenzende Tür in sein eigenes Büro.

„Was hat das zu bedeuten?“

Sylvie ging geschäftig zu der kleinen Teeküche hinüber und zuckte ratlos mit den Schultern, während Kyra nachdenklich auf ihrem Kugelschreiber herumkaute.

„Keine Ahnung. Aber immerhin sorgt deine Anwesenheit dafür, dass er wieder gute Laune hat. Die letzten Tage war er ziemlich unausstehlich.“

„Schön, wenn man so eine positive Wirkung hat“, stellte Kyra fest. „Seit wann ist Travers in London?“

„Er ist vorgestern angekommen“, erklärte Sylvie.

Sie befüllte die Kaffeemaschine und drehte sich halb zu Kyra um. Ihre Körperhaltung war einstudiert, aber sexy, während sie eine Hand auf die Hüften legte und ihrer Kollegin einen lasziven Blick zuwarf. Kyra schmunzelte amüsiert.

„Ein echter Hingucker, Schätzchen! Endvierziger, breite Schultern, schmale Hüften ...  der ist wirklich heiß. Er hat mich angeflirtet, aber leider nicht nach meiner Nummer gefragt. Trotzdem hat mich das so kribbelig gemacht, dass ich gestern Dampf ablassen musste.“

„Doppelt so viel wie sonst“, bemerkte Kyra trocken. Sylvie kicherte leise, wurde aber im nächsten Moment wieder ernst.

„Allerdings ist Manning seit Travers Besuch noch nervöser.“

Nachdenklich ließ Kyra ihren Stift sinken und musterte ihre Kollegin.

„Ist denn irgendwas passiert?“, wollte sie wissen.

Sylvie strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht und legte den Kopf schief.

„Ich weiß nichts Genaues. Mr. Manning hält sich bedeckt und ich habe nur Gerüchte mitbekommen.“ Sie senkte verschwörerisch die Stimme. „Aber wie es heißt, sind irgendwelche Probleme mit dem Sicherheitssystem in Übersee aufgetreten.“

Kyra nickte.

Das erklärte zumindest in Teilen die Anwesenheit von Travers. Allerdings hatte sie nach wie vor keine Ahnung, was sie damit zu tun hatte. Sie war bloß für die Software zuständig, nicht für die technische Umsetzung. Die Sicherheitsprogramme, die in New York im Einsatz waren, hatten bislang jedenfalls keine Probleme an sie gemeldet.

Sylvie machte eine ausholende Geste mit dem rechten Arm.

„Was auch immer es ist, es verschafft dir die Möglichkeit auf ein paar Minuten mit einem wirklich heißen Traumtyp!“

Belustigt stand Kyra auf und trat neben Sylvie, um sich einen frischen Tee einzuschenken.

„Ich werfe ja gern mal einen Blick auf ihn, aber den Rest überlasse ich dann dir.“

Sylvie stieß ihr freundschaftlich den Ellenbogen in die Rippen.

„Für dich verzichte ich. Ran an den Kerl. Ich glaube, der lohnt sich.“

„Weißt du, ich bin ziemlich aus der Übung.“

„Eben drum. Meinst du nicht, du bist mittlerweile lang genug allein?“, fragte Sylvie lächelnd. „Du musst dich ja nicht direkt in eine feste Beziehung stürzen, aber so ein bisschen Spaß im Bett ist doch gar nicht verkehrt.“

„Mir liegt es nicht, mich mit mehreren Männern gleichzeitig zu vergnügen“, erwiderte Kyra zwinkernd.

Sylvie lachte heiser.

„Niemand verlangt, dass du das tust. Wenn es dir einer besorgt, wäre das bereits ein Schritt in die richtige Richtung. Wie lang hast du schon keinen Sex? Ein ganzes Jahr?“

„Etwas länger.“

„Dann wird es erst recht Zeit, Süße. Du solltest unbedingt was gegen diese Leere in dir tun.“

Sie machte eine vielsagende Geste, indem sie die Fäuste neben ihrem Becken vor- und zurückschob.

Kyra brach in Gelächter aus und rettete sich in den ihr eigenen Sarkasmus.

„Du hast vollkommen recht, ich bin total untervögelt.“

Ein Räuspern veranlasste die beiden Frauen sich umzuwenden. In der Tür stand ein groß gewachsener und ausgesprochen attraktiver Mann mit dunkelbraunem Haar und grau melierten Schläfen. Kyra spürte, wie heiße Röte ihre Wangen überzog. Auch ohne dass es nötig gewesen wäre, ahnte sie, wer da vor ihnen stand.

„Guten Morgen, Mr. Travers.“

Sylvie ging gutgelaunt und ohne jede Verlegenheit zu ihm hinüber, um ihn zu begrüßen. Er lächelte ihr charmant zu. Sein Blick huschte für eine Sekunde anerkennend über Sylvies wohlgeformte Gestalt, ehe seine Augen sich kurz an Kyra hefteten.

Sekundenlang wünschte sie sich, ein Loch möge unter ihr erscheinen und sie im Erdboden verschwinden lassen. Sie war wirklich nicht verklemmt, aber diesen Fettnapf hätte sie gern mal ausgelassen.

Immerhin war er so was wie ein Arbeitskollege.

„Schön, Sie wiederzusehen, Miss Butler.“

Seine Stimme war mindestens so sexy wie sein Äußeres. Sylvie hatte in keiner Weise übertrieben. Kyra straffte sich unangenehm berührt und grübelte einen Moment lang darüber nach, wie viel er von ihrem Gespräch mitbekommen hatte.

Gleichgültig, wie viel es war, überlegte sie ... diesen letzten Satz hatte er hundertprozentig gehört.

Sie schluckte einen Moment, ehe ihr Dickkopf sich meldete.

Eigentlich konnte ihr völlig egal sein, was er von ihr dachte. Sie war älter als dreimal sieben und musste sich vor niemandem rechtfertigen, erst recht nicht vor irgendeinem fremden Kerl, den sie in zwei Tagen wieder vergessen hätte.

Tief durchatmend setzte sie ein unverbindliches Lächeln auf, als Sylvie sich umwandte, um Kyra vorzustellen.

Sie reichten einander die Hände und der Druck seiner warmen Finger auf ihrer Haut brachte sie sekundenlang aus dem Konzept.

Sylvie mit ihrem verdammten Geschwätz!

Kyra bemühte sich, das Lächeln aufrechtzuerhalten, doch sie fühlte sich zunehmend verunsichert, weil Grant sie kühl und abweisend ansah. Was hatte der für ein Problem?

Erst als Sylvie ihren Namen nannte, wirkte er für einen winzigen Augenblick genauso irritiert, wie sie sich fühlte.

„Sie sind Cook?“ Er hielt ihre Hand einen Moment länger als nötig fest. „Unser IT-Spezialist?“

Ihre Augenbrauen rutschten ein Stück zusammen und sie musterte ihn fragend.

„Ja, das ist richtig.“

Damit hatte er tatsächlich nicht gerechnet. Jedes Mal wenn von Cook die Rede gewesen war, hatte er sich jemand ganz Anderes vorgestellt. Kopfschüttelnd ließ er ihre Finger los.

„Ich dachte, Sie wären ein Mann.“

„Oh.“ Kyra senkte den Kopf und sah an sich hinab. Ein schalkhaftes Glitzern lag in ihren Augen, als sie den Blick wieder hob. „Nun, ich glaube, ich kann das mit gutem Gewissen dementieren.“

Er starrte sie nur an und registrierte interessiert, dass ihre Wangen sich zum zweiten Mal rosa färbten. Ein fast schon entschuldigendes Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie nickte ihm knapp zu und floh mit ihrer vollen Teetasse zu dem Schreibtisch hinüber, der bei seinem gestrigen Besuch noch verwaist gewesen war.

Sie war hübsch.

Ein bisschen pummelig, ein wenig zu „schwedisch“ und somit eigentlich nicht sein Typ, aber sie verfügte offenbar über einen gewissen Humor. Das würde die nächsten Tage deutlich angenehmer gestalten.

Grant ließ sich auf das Sofa sinken, während Sylvie den Kaffee zu Mannings Büro hinübertrug und hinter der Tür verschwand, um Grant anzumelden.

Lässig lehnte er sich in die weichen Polster zurück und beobachtete Kyra, die scheinbar konzentriert auf ihren Monitor starrte.

Die Bruchstücke des Gesprächs, das zwischen ihr und Sylvie stattgefunden hatte, als er das Büro betrat, gingen ihm erneut durch den Kopf. Er hatte nicht alles verstanden, aber der letzte Satz war ihm deutlich im Gedächtnis geblieben.

Amüsiert musterte er die junge Frau mit dem lässigen Pferdeschwanz und der unvorteilhaften Hornbrille. Wenn sie sich immer so gab, verwunderte es ihn nicht weiter, dass sie dermaßen untervögelt war, wie sie sagte.

Zu ausgeblichenen Jeans und Turnschuhen, die schon deutlich bessere Tage gesehen hatten, trug sie einen braunen Wollpullover, der ihre Haut noch blasser machte. Zusammen mit dem hellblonden Haar und den grauen Augen verkörperte sie den mausgrauen, unscheinbaren Typ Frau, der dem Klischee ihres Jobs vollkommen entsprach. Die Brille setzte dem Ganzen noch das i-Tüpfelchen auf.

Ein Nerd, wie er im Buche stand.

Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren, während Grant schräg gegenüber auf dem Sofa lümmelte.

Dieser Mann beunruhigte sie und das lag nicht nur an der Tatsache, dass er sie seit zwei Minuten ungeniert anstarrte. Seine große Gestalt schien das sonst so geräumige Büro für einen Augenblick schrumpfen zu lassen.

Obgleich seine dunkle Kleidung, das braune Haar und der zynische Zug um seine Augen ihm ein fast schon finsteres Aussehen verliehen, musste Kyra ihrer Kollegin in einem Punkt zustimmen: er sah verdammt gut aus.

Sein Auftreten wirkte verwegen und ausgesprochen männlich. Der dunkelgraue Anzug unterstrich seine athletische Gestalt und sie wettete darauf, dass er jeden Tag exzessiv im Fitnessstudio trainierte.

Er gehörte genau zu der Sorte Kerle, die sie schon in der Schule gehasst hatte. Gut aussehend, beliebt und in der Regel natürlich das Sportass der Klasse. Käpt’n des Fußballteams oder ähnliches – in seinem Fall vermutlich Quarterback im Schulteam.

Viele Muskeln, wenig Hirn.

Okay, er hatte schöne Augen ... waren sie blau oder grün?

Sie wollte nicht ungerecht sein. Sie rechnete es ihm hoch an, dass er sich nicht zu ihrem verbalen Fauxpas äußerte. Es war ihre eigene Schuld, dass sie sich mit der unbedachten Äußerung gegenüber Sylvie in eine unangenehme Situation gebracht hatte. Wer so vorlaut war, trat eben gern in diverse Fettnäpfchen.

Dennoch konnte Kyra eine gewisse Antipathie nicht leugnen.

Sie mochte keine Menschen, die so unhöflich waren, ein Lächeln zu ignorieren.

Was war los mit ihm?

Er hatte sie nur finster angestarrt und es zuckte nicht einmal ansatzweise um seine Mundwinkel. Gut, vielleicht hatte er ihren Scherz auch bloß nicht verstanden, weil er schlichtweg zu blöde war.

Fast schon erleichtert hob sie den Blick, als Sylvie in das Vorzimmer zurückkehrte, dicht gefolgt von Mike Manning, der mit raumgreifenden Schritten auf Grant zulief.

„Travers! Sie sind früh dran.“

Grant erhob sich und die beiden Männer schüttelten einander die Hand.

„Ich bin mehrstündige Wartezeiten im New Yorker Berufsverkehr gewohnt und deshalb früher losgefahren. Ich komme lieber zu früh als zu spät.“

„Ich hoffe, Sie halten das nicht in all ihren Lebensbereichen so“, frotzelte Manning.

Die Männer lachten und auch Sylvie kicherte leise. Kyra sackte ein Stück hinter ihrem Monitor in sich zusammen und rollte entnervt mit den Augen. Das waren genau die Machosprüche, die sie nur ertrug, wenn sie mindestens fünf Bier intus hatte.

Männer!

„Cook!“

Einen Seufzer unterdrückend, sicherte sie die Daten auf dem Computer und hob schließlich den Blick, um ihren Boss anzusehen. Er machte eine Bewegung mit dem Kopf zu seinem Büro hinüber und gab ihr damit zu verstehen, dass sie ihn und Grant begleiten solle.

Unwillig erhob sie sich und ging hinter den beiden her.

„Viel Spaß“, flüsterte Sylvie, als sie an ihr vorüberschlich. Kyra verzog den Mund zu einem gequälten Lächeln. Dann betrat sie das gediegene, dunkle Büro von Mr. Manning, hinter dessen wuchtigem Schreibtisch sich eine riesige Fensterfront öffnete und den Blick auf die Londoner Themse freigab.

„Machen Sie die Tür zu, Cook.“

Ihr Boss nahm in seinem Chefsessel Platz, während sie tat, was er gesagt hatte, und schob Grant eine Tasse Kaffee zu.

„Setzen Sie sich, Cook. Wollen Sie auch einen Kaffee?“

„Nein danke, ich trinke keinen Kaffee“, erwiderte sie leise. Vorsichtig machte sie es sich auf dem Stuhl neben Grant bequem und versuchte möglichst unauffällig, ein bisschen mehr Abstand zu ihm einzunehmen.

„Keinen Kaffee?“ Manning starrte sie einen Moment lang völlig perplex an. Kyra schenkte ihm ein nachsichtiges Lächeln. Sie hatte Kaffee noch nie gemocht, aber so oft sie ihm das schon erzählt hatte, er vergaß es immer wieder. Sie spottete darüber sonst gern mit Bemerkungen über fortschreitende Demenz, die sie sich heute allerdings verkniff, immerhin war er ihr Boss.

„Ich brauche nichts, danke.“

Manning schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern.

„Nun gut, letztlich sind wir zum Arbeiten hier und nicht zum Vergnügen.“ Er räumte einen Augenblick lang fahrig auf seinem Schreibtisch herum, ehe er Kyra erneut ansah. „Hat Travers Sie schon instruiert?“

Überrascht sah sie von ihrem Boss zu Grant und wieder zurück.

„Nein. Womit?“

„Wir hatten noch keine Gelegenheit, uns zu unterhalten“, schaltete der Mann neben ihr sich ein.

Manning schüttelte den Kopf.

„Ah, gut, dann kommen wir direkt zum Kern.“

Die Unterarme auf dem blank polierten Holz abgelegt, faltete ihr Boss seine Hände und sah Kyra ernst an.

„Wir wollen Sie in New York.“

New York!

Kyra spürte, wie ihr Herzschlag einen Moment aussetzte und ihre Hände klamm und feucht wurden. Zu ihrem Bedauern spiegelte sich im Gesicht ihres Bosses nicht die Andeutung eines verschmitzten Lächelns und sie befürchtete, dass er diese Drohung tatsächlich ernst meinte.

„Ich weiß, wie ungern Sie diesen Weg antreten, Cook“, begann er, „aber ich brauche Sie dort.“

„Wozu?“

Sie konnte selbst hören, wie hysterisch dieses eine kleine Wort klang, und aus dem Augenwinkel registrierte sie, dass Grant ihr einen prüfenden Blick zuwarf. Im Moment interessierte sie allerdings herzlich wenig, was diesem Typ durch den Kopf ging.

„Wir haben Probleme mit unserem Sicherheitssystem.“

Als er sie nur abwartend ansah, hob sie fragend die Hände und zuckte verständnislos mit den Schultern. Sie hatte mit dem amerikanischen Alarmsystem nichts zu schaffen.

„Was meinen Sie?“

„Jemand dringt in das Betriebssystem ein und zieht sich unberechtigt Daten von den Servern in New York“, erwiderte Grant an Mannings Stelle. Kyra ließ die Arme sinken und starrte ihn einen Moment mit offenem Mund an.

Unmöglich.

Vehement schüttelte sie den Kopf.

„Unmöglich!“, erwiderte sie mit Nachdruck.

Grant starrte sie finster an und Kyra fiel zum ersten Mal auf, dass sein rechtes Auge grün und das linke blau war. Sie blinzelte irritiert.

„Es ist möglich. Der Konkurrenz sind bereits Dateien angeboten worden, die in unserem internen System hinterlegt waren. Bislang hält sich der Schaden noch in Grenzen, aber wenn wir nichts dagegen tun, kommen Informationen nach außen, die vielleicht noch nicht für den Markt bestimmt sind. Wir entwickeln eine Menge Prototypen, von denen die Konkurrenz nichts wissen soll.“

„Aber ... das kann nicht sein. Das Netzwerk zwischen den Filialen ist mit mehreren Zugangscodes gesichert, niemand kann sich ohne sie einloggen.“

„Was offenbar nichts Anderes bedeutet, als dass wir innerhalb der Firma jemanden haben, der die Informationen an die Konkurrenz verkauft“, bemerkte Manning. Sein Blick wurde eindringlich. „Ich würde Sie nicht darum bitten, wenn es nicht wirklich wichtig wäre, Kyra.“

Tief durchatmend nickte sie langsam.

Sie konnte ihn durchaus verstehen.

Aber New York?

Sie arbeitete seit mehr als fünf Jahren in dem Londoner Hauptsitz. Kyra hatte das Sicherheitskonzept und die Firewall für das Rechnersystem dieser Firma mitentwickelt. Ihr einstiger Vorgesetzter, und der Mann, dem sie ihr ganzes Wissen zu verdanken hatte, war vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Vermutlich war sie die einzige Person, die sich mit der Programmierung des Netzwerkes noch auskannte, und angesichts der aktuellen Situation konnte sie durchaus nachvollziehen, warum ihr Boss niemanden von außen in die Sache hineinziehen wollte.

Verdammt! Sie wollte nicht nach New York und sie wollte ganz sicher keine Zeit mit diesem Quarterback-Verschnitt verbringen. Allerdings empfand sie es als persönlichen Angriff, dass sich irgendein Freak in ihr System hackte.

Wie konnte es sein, dass dort jemand saß und Daten klaute, an die er eigentlich gar nicht herankommen durfte? Diese Tatsache ärgerte sie maßlos.

„Travers fliegt kurzum zurück nach New York und wird sich vor Ort weiter um die Ermittlungen kümmern. Der Aufsichtsrat und ich möchten, dass Sie ihn begleiten. Travers wird Ihnen in allen Belangen zur Seite stehen und Sie unterwegs mit der weiteren Vorgehensweise vertraut machen. Richten Sie sich möglicherweise auf einen längeren Aufenthalt ein, Cook.“

Tief durchatmend schluckte sie an dem Kloß in ihrer Kehle.

„Okay, dann ist es wohl unvermeidlich.“ Sie sah zu Grant hinüber. „Wann soll es losgehen?“

„Seien Sie heute Abend um halb acht abreisefertig.“

Verblüfft starrte sie ihn an.

„Heute schon?“

„Ist das ein Problem?“

Sein Gesichtsausdruck spiegelte pure Arroganz wider.

Kyra presste kurz die Lippen aufeinander, ehe sie den Kopf schüttelte.

„Natürlich nicht, ich war nur überrascht.“

Grant nickte knapp.

„Mein Wagen wird Sie um halb acht abholen. Miss Butler kann mir Ihre Adresse geben.“ Er griff in die Innentasche seines Jacketts und zog einen gefütterten Umschlag heraus, den er Kyra reichte. Zögernd griff sie danach und sah ihn fragend an. „Darin befindet sich ein USB-Stick mit allen Informationen, die Sie brauchen, und eine vorläufige Aufwandsentschädigung für die entstehenden Mehrkosten.“

Sein Blick glitt für einen Moment fast unverschämt über Kyras Figur.

„Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, Miss Cook, möchte ich Sie bitten, sich eine Basisausstattung an Businesskleidung zuzulegen. In der New Yorker Filiale herrschen ein paar andere Regeln, was das Auftreten der Mitarbeiter betrifft.“

Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte Kyra ernsthaft, ob Mike Manning sich wohl daran stoßen würde, wenn sie Grant diesen überheblichen Blick aus den Augen kratzen würde. Natürlich war ihre momentane Kleidung vielleicht nicht ganz passend, aber schließlich war sie Programmiererin und nicht die Empfangsdame. Ganz davon zu schweigen, dass sie gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt war und die Woche nur noch zwei Tage hatte. Hätte sie geahnt, dass ihr Boss Besuch erwartete, wäre sie anders gekleidet gewesen.

So ein arroganter Arsch!

„Machen Sie Schluss für heute, Cook.“

Überrascht sah sie Manning an, der sich in seinem Sessel zurücklehnte. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen.

„Aber ich habe noch nicht mal richtig angefangen wieder zu arbeiten“, erwiderte sie unbehaglich. „Auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Anfragen der Kollegen.“

„Die müssen noch ein bisschen länger warten“, gab er zurück. „Der Einsatz in Übersee ist jetzt wirklich wichtiger und ich will, dass Sie sich nur darauf konzentrieren. Sie müssen packen, Sie müssen noch einkaufen und Sie werden sich die Daten ansehen, die Travers Ihnen zusammengestellt hat. Damit werden Sie bis zu Ihrer Abreise genug zu tun haben.“

Er nickte ihr knapp zu und Kyra verstand.

Sie kannte ihn lang genug, um ihn auch ohne weitere Worte zu verstehen. Er war zufrieden mit der Lösung und sie war entlassen und durfte gehen. Ein wenig unwirsch erhob sie sich von ihrem Stuhl.

„Eines noch“, bemerkte Grant leise. Sie blieb neben ihrem Stuhl stehen und sah auf ihn herunter. „Kein Wort zu jemandem. Es darf nichts über diesen Vorfall nach außen dringen. Denken Sie sich irgendeine logische Ausrede aus, wenn es denn sein muss. Aber die Wahrheit darf nicht an die Öffentlichkeit geraten.“

***

Sie hasste Shopping!

Unschlüssig wanderte Kyra zwischen den Ständern voller Kleidung hin und her. Sie war hier eindeutig überfordert. Ihre Modewelt bestand aus T-Shirts, Jeans und Jogginghosen, und sie bestellte ihr Zeug grundsätzlich online, weil sie sich in dieser Kaufhausatmosphäre unwohl fühlte.

Sie mochte keine Umkleidekabinen, in die jeder versehentlich hineinstolpern konnte, oder Spiegel, in denen man jede Delle, Speckrolle und Problemzone sah. Daheim hatte sie ihre Ruhe, konnte das Zeug, das nicht passte, zurückschicken und die Augen davor verschließen, wenn mal wieder zwei Kilo mehr auf die Hüften gerutscht waren.

Sie war keineswegs unglücklich mit sich. Im Gegenteil. Nach jahrelangem Diätwahn in der Pubertät hatte sie irgendwann zu sich selbst gefunden. Sie war bloß ein bisschen zu klein für ihr Gewicht, das war alles!

Trotzdem änderte es nichts an der Tatsache, dass man als Frau an jeder Ecke damit konfrontiert wurde, wie wenig man dem angeblichen Schönheitsideal entsprach. In den Schaufenstern standen Puppen mit Maßen, die keine normale Frau mit normalem Appetit auf Dauer halten konnte, ohne sich täglich fünf Stunden im Fitnessstudio zu kasteien.

Unmöglich das hinzubekommen, wenn man eine Familie hatte und einem Vollzeitjob nachging, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Von den meisten Plakatwänden starrten einem ohnehin irgendwelche halbwüchsigen Mädchen mit jungenhaften Körpern samt herausstehender Rippen entgegen, auf deren Gesichtern das Make-up so dick aufgetragen war, dass man sie unweigerlich für Anfang dreißig hielt.

Kyra fand sich völlig in Ordnung, wie sie war. Sie war eine Frau, mit Busen, Bauch und breiten Hüften. Ihre Arme und Beine saßen da, wo sie hingehörten, und in ihrem Kopf war keine gähnende Leere. Die Klamotten, die sie sonst trug – und über die sich nicht mal ihr Boss mokierte -, kaschierten ihre kleinen Problemzonen ausreichend.

Wenn sie ehrlich war, empfand sie den morgendlichen Blick in den Spiegel jedenfalls nicht als unangenehm und sie stand auch nicht zwei Stunden davor, um sich in jemand Anders zu verwandeln.

Natürlich wusste sie, wie man sich elegant im Job zu kleiden hatte. Sie war nicht nur darauf spezialisiert, mit wild gemusterten T-Shirts und Latzhosen durch die Gegend zu laufen, und sie würde diesem arroganten Grant Travers schon zeigen, dass sie auch anders konnte. Aber wenn ihm nicht gefiel, was er sah, dann sollte er einfach in eine andere Richtung schauen.

In keinem Fall würde sie sich in einen heißen, roten Fummel klemmen, der ihr zwei Nummern zu klein war, und sich das Gesicht mit zentimeterdickem Puder und rotem Lippenstift zukleistern, wie Sylvie ihr augenzwinkernd vorgeschlagen hatte.

Grant Travers!

Dieser Typ ...

Als ihr Handy klingelte, zuckte Kyra zusammen und zog es aus der Gesäßtasche ihrer Jeans. Nach einem flüchtigen Blick auf das Display nahm sie ab.

„Hi Mum!“

„Schatz, wo bist du?“ Die Stimme ihrer Mutter klang gehetzt. „Ich habe im Büro angerufen, aber Sylvie sagte mir, dass du freigestellt bist. Ist etwas passiert? Hat man dich gekündigt?“

„Was?“ Verwirrt blieb Kyra neben einem der Kleiderständer stehen und schüttelte den Kopf. Warum zum Teufel dachte ihre Mutter eigentlich immer direkt das Schlimmste? Eine fürchterliche Angewohnheit. „Nein, Mum, natürlich nicht. Ich muss nur ein paar Dinge erledigen, dann komm ich heim.“

„Du kommst heim? Aber was ist denn los? Heute ist doch gerade dein erster Tag nach dem Urlaub ...“

Genervt unterbrach Kyra ihren Redefluss.

„Mum, bitte! Es ist alles in Ordnung, ich muss lediglich auf Geschäftsreise und ein paar Vorbereitungen treffen. Wenn ich nach Hause komme, erkläre ich dir alles.“

„Auf Geschäftsreise? Das Jahr fängt doch gerade erst an! Schickt Mr. Manning dich wieder nach Liverpool?“

„Nein, New York.“

„New York? DAS New York?“

„Ja, Mum.“

„Aber Schatz, du hast doch Flugangst!“

Kyra knirschte mit den Zähnen und atmete tief durch. Manchmal war ihre Mutter die pure Einfühlsamkeit in Person.

„Ich weiß, Mum. Ich erkläre es dir später, okay? Ich will hier fertig werden.“

Ehe ihre Mutter sie mit dem nächsten Wortschwall überschütten konnte, verabschiedete Kyra sich kurz angebunden und legte auf.

Stella hätte sie an dieses Problem nicht unbedingt erinnern müssen. Die Gedanken an den Flug versuchte Kyra bislang mehr oder weniger erfolgreich zu verdrängen. Nun wurde sie regelrecht von ihnen überrollt.

Schlecht gelaunt griff sie sich zwei Hosenanzüge von den Ständern und verschwand damit in einer Umkleidekabine.

2. Kapitel

Das Herz hämmerte so sehr in ihrer Brust, dass sie schon fürchtete, ihr würde jeden Moment eine Rippe brechen. Nervös stand Kyra in dem gemütlichen Wartebereich der ersten Klasse und beobachtete durch die getönten Glasscheiben die rasch hin- und hereilenden Menschen. Hier drin hätte man denken können, man wäre in einem exquisiten Café zu Gast, aber sie war sich nur zu deutlich der Tatsache bewusst, dass sie sich am Flughafen befand.

Nachdem sie am Vormittag erfolgreich einen einzelnen Hosenanzug erstanden hatte und mit ihrer Beute heimgekehrt war, wurde sie dort bereits von ihrer Mutter erwartet, die neugierig darauf brannte zu erfahren, was geschehen war. Kyra hatte nicht vergessen, was Grant gesagt hatte.

Kein Wort zu jemandem.

Also hatte sie ihrer Mutter erzählt, es gebe in New York ein neues Softwareprogramm zu entwickeln und ihr selbst sei die Aufgabe zugeteilt worden, das entsprechende Team zu leiten. Ihr Aufenthalt sei aus diesem Grund unbedingt notwendig und es wäre nicht ausreichend, die Anfangsphase lediglich per Telefonkonferenz zu betreuen.

Stella hatte sich gefreut wie ein kleines Kind, und als Kyra ihr erzählte, dass sie zudem dazu angehalten war, sich neu einzukleiden, flammte pure Begeisterung auf. Drei Stunden exzessives Shopping mit ihrer Mutter waren die Folge gewesen und Kyra hatte irgendwann den Überblick verloren, welche Kleidungsstücke in ihr Eigentum übergegangen ...

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