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Einzige Bedingung: Liebe

1. KAPITEL

„Aufwachen, Dornröschen. Es wird Zeit.“

Die Stimme war tief und zärtlich und schien ihr so vertraut. Jessica Cotter hob zögernd die Augenlider. Eine kräftige, warme Hand legte sich auf ihre Schulter und streichelte sie. Die Hand ihres Geliebten. Ihres Prinzen. Warum küsste er sie nicht wie im Märchen? Aber schon bei der Berührung seufzte sie zufrieden auf und kuschelte sich tiefer in die weiche Daunendecke.

„Aufstehen, Jess.“

Sie spürte, dass er sich vorbeugte, aber anstatt sie zu küssen, zog er ihr die Bettdecke weg. „Nein, ich will nicht“, stieß sie leise hervor und rollte sich zusammen.

Doch leider musste sie auch atmen, und so konnte sie nichts dagegen tun, dass sein spezieller männlicher Duft ihr in die Nase stieg. „Hm …“ Sie streckte sich lang aus und lächelte in Erinnerung an die letzte Nacht. Seine Hände waren überall gewesen, er hatte sie leidenschaftlich an sich gepresst … Und als er dann in sie eingedrungen war … Unwillkürlich hob sie die Hüften leicht an.

Doch sein Griff um ihre Schulter wurde fester, und er schüttelte sie leicht. „Steh auf, Jessica.“

Das klang ernst. Sie öffnete die Augen und brauchte ein paar Sekunden, bis sie wusste, worum es ging. Sie war in Ryan Blackstones Penthouse. Heute wurde sein Vater beerdigt.

Heute ist Howard Blackstones Beerdigung. Kein Wunder, dass Ryan nicht in Stimmung war …

„Du hast noch ein wenig Zeit“, unterbrach er sie in ihren Gedanken. „Aber ich muss mich beeilen und dusche deshalb auch als Erster.“

Jessica setzte sich auf und griff nach der Decke. Plötzlich kam es ihr unpassend vor, sich ihm nackt zu zeigen. Aber er hatte sich sowieso schon abgewandt und war ins Bad gegangen.

Irgendwie enttäuscht, ließ sie sich wieder in die Kissen zurückfallen. Sie hörte, wie Ryan die Dusche anstellte. Schnell blickte sie auf den Wecker, der auf dem Nachttisch stand. Himmel, es war schon viel später, als sie gedacht hatte. Sie hatte verschlafen.

Er auch.

Die Dusche wurde wieder abgedreht. Jessica rührte sich nicht. Sie wartete. Die Badezimmertür öffnete sich, und Ryan kam heraus, umhüllt von einer Dampfwolke. Er frottierte sich das dunkle Haar – und war vollkommen nackt.

Von seiner breiten Brust perlten noch die Wassertropfen, und die schmalen Hüften … Jessica wurde der Mund trocken. Er war entschieden der bestaussehende Mann, den sie je gesehen hatte, und ungeheuer sexy. Verstohlen beobachtete sie unter halb geschlossenen Lidern, wie er auf seine Armbanduhr sah, einen ungeduldigen Laut ausstieß und zu dem großen Wandschrank ging.

Sie schloss wieder die Augen. Wenn doch nur nicht alles so kompliziert wäre!

„Schläfst du etwa schon wieder?“ Obgleich er leicht genervt war, hatte seine Stimme diesen dunklen sexy Unterton, der nie ohne Wirkung auf sie blieb.

Schnell öffnete sie erneut die Augen. Er war bereits fertig angezogen und sah wie aus dem Ei gepellt aus in dem schwarzen Anzug und dem weißen Hemd. Während er sich einen Weg durch die Kleidung bahnte, die sie gestern in ihrer Hast hatten fallen lassen, stand Jessica unwillkürlich wieder die vergangene Nacht vor Augen. Offenbar sah Ryan ihr an, woran sie dachte, denn seine Gesichtszüge entspannten sich. Er beugte sich über sie und stützte sich neben ihrem Kopf ab. „Du bist die verführerischste Frau der Welt“, stieß er leise hervor.

„So leicht bist du zu verführen?“ Er roch so gut – frisch, herb und maskulin.

„Ich würde am liebsten den ganzen Tag hier bei dir bleiben.“

O ja. Aber heute musste so viel passieren. Erst die Beerdigung von Howard Blackstone. Dann würde das Testament verlesen werden. Und dann musste sie irgendwann unbedingt mit Ryan reden. Obwohl sie das alles sehr belastete, wollte sie ihn nicht gehen lassen. Nur noch ein Kuss, schwor sie sich. Sie legte ihm die Arme um den Nacken und zog Ryan an sich.

„He …“ Er landete neben ihr auf dem Bett, sodass sie ihm direkt in die Augen sehen konnte, deren jadegrüner Schimmer ihr Herz regelmäßig schneller schlagen ließ. Zärtlich strich sie ihm über die sonnengebräunte, glatt rasierte Wange. Wenn sie ihn nur nicht so sehr lieben würde!

Sein Blick war besorgt. „Du siehst erschöpft aus. Blass. Hast richtige Schatten unter den Augen. Ich hätte dich nicht so lange wach halten sollen.“

„Unsinn.“ Sie lächelte ihn beruhigend an, obgleich sie sich Sorgen um ihn machte. In den frühen Morgenstunden hatten sie sich noch geliebt, mit einer beinahe verzweifelten Leidenschaft. Ryan hatte noch nicht verwunden, was in den letzten Wochen geschehen war. Erst der Absturz des Jets, dann die quälend lange Suche nach den Vermissten, dann schließlich die Bergung des Vaters. Jessicas Verzweiflung hatte andere Gründe … Sie spürte, dass ihr die Zeit davonlief.

Unwiederbringlich.

Sie wechselte das Thema. „Triffst du dich vor der Beerdigung noch mal mit Ric?“

Ryan presste kurz die Lippen zusammen, als Jessica den Namen von Ric Perrini erwähnte, Interimsgeneraldirektor von Blackstone Diamonds und Verlobter seiner Schwester Kimberley. „Nein. Hinterher haben wir noch genug Zeit.“

„Auch für Kimberley ist das heute ein schwerer Tag“, sagte Jessica leise. Ryans Schwester hatte zehn Jahre bei Blackstones härtestem Konkurrenten Matt Hammond in Neuseeland gearbeitet und war erst nach dem Tod des Vaters wieder in die familieneigene Firma in Sydney zurückgekehrt.

„Ich weiß.“

Sei nett zu ihr, wollte Jessica sagen, aber sie hielt sich zurück. Ryan würde nie einen Rat von ihr annehmen. Denn schließlich war sie nur seine Geliebte und nicht seine Frau.

Nein, sie war noch nicht einmal seine Geliebte, sie war sein heimliches Verhältnis, von dem niemand etwas wissen durfte. Was die Leute wohl sagen würden, wenn sie erfuhren, dass die kühle Blondine, die das Blackstone’sche Juweliergeschäft in Sydney führte, nachts in den Armen des Juniorchefs lag?

Sie wären schockiert. Entsetzt. Jessica lächelte kurz. Ein Blackstone schlief mit einer Angestellten? Die Tochter eines einfachen Mechanikers war die Geliebte eines Millionärs?

Zärtlich strich Ryan ihr über den Kopf. „Weißt du, was ich jetzt am liebsten tun würde?“

Seine Stimme war sexy und liebevoll zugleich. Für einen kurzen Augenblick wünschte sich Jessica, dass sich die Erde auftäte und alles außerhalb dieser Mauern verschlänge, alle Blackstones, das Unternehmen, die Forderungen und Erwartungen der Öffentlichkeit. Nur sie beide würden übrig bleiben, Ryan und Jessica. Dann könnte sie sich in seine Arme kuscheln und für immer dort bleiben.

Wenn nur

„Was denn?“

„Ich möchte zu dir ins Bett kommen, dich küssen und das Leben feiern, anstatt zu einer Beerdigung gehen zu müssen.“

Er beugte sich vor und küsste sie.

Jessica stöhnte leise auf.

„Öffne dich mir, Liebste“, drängte er, „ich brauche dich so.“

Noch nie hatte er sich so verzweifelt angehört, und willig öffnete sie die Lippen. Sein Kuss war wild und leidenschaftlich, und sie presste sich an Ryan, als wollte sie ihn nie wieder loslassen.

Schließlich hob er den Kopf. Sein Atem ging schwer, und sein Blick drang ihr bis ins Herz. „Wie gern würde ich jetzt hier bei dir bleiben“, stieß er hervor.

Sie wusste, wie sehr er sich vor diesem Tag gefürchtet hatte. Denn die Beerdigung war der endgültige Beweis, dass sein Vater wirklich nicht mehr am Leben war und nie wiederkommen würde. Sie strich ihm über die Schultern. Wenn sie ihn doch nur von dem Schmerz und der Verzweiflung befreien könnte!

Er lächelte leicht. „Dein Körper reagiert so wunderbar auf meine Berührungen“, sagte Ryan leise. Er schob die Hand unter die Bettdecke. „Deine Brüste sind direkt etwas geschwollen. Letzte Nacht ist mir aufgefallen, wie prall sie sind.“

Ihr wurde eiskalt ums Herz. Schnell hielt sie seine Hand fest, mit der er ihr über den Bauch streichen wollte. Bisher hatte sie nicht feststellen können, dass ihr Körper sich irgendwie verändert hatte. „Dafür haben wir jetzt keine Zeit mehr“, sagte sie hastig. „Du solltest los, sonst kommst du noch zu spät.“

„Und du solltest auch aufstehen.“

„Das werde ich. Sowie du gegangen bist.“

Er beugte sich vor und küsste sie mit unendlicher Zärtlichkeit. „Ich danke dir für die letzte Nacht.“

Jessica zerriss es das Herz. Ryan konnte es nicht wissen, aber das war buchstäblich ihre letzte gemeinsame Nacht gewesen. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht konnte sie es ja noch eine Woche länger vor ihm verbergen?

Er stand auf und blickte auf sie herunter. „Komm nicht zu spät zur Beerdigung. Und tu nichts …“

„… wodurch die anderen merken, dass wir ein Verhältnis haben. Ich weiß. Keine Sorge.“ Das war bitter und tat weh. Besonders heute.

Er blickte sie verdutzt an. „Wie kommst du denn darauf? Ich wollte sagen, tu nichts, was mich ablenken könnte.“

„Bitte, geh, Ryan.“

Jessica blickte ihm hinterher, aber erst als sie hörte, wie sich die Fahrstuhltüren schlossen, stand sie auf.

Ihr Magen revoltierte. Sie rannte und erreichte gerade noch zur rechten Zeit das Bad. Danach wusch sie sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Ihre Hände zitterten. Als sie den Kopf hob und sich im Spiegel sah, erschrak sie. Große braune Augen starrten sie aus einem wachsbleichen Gesicht an. Sie sah erschreckend aus, aber sie hielt dem eigenen Blick stand. Kein Selbstmitleid mehr, kein schlechtes Gewissen. Heute würde sie sich von ihm trennen. Sobald die Beerdigung vorbei war.

Und bevor jeder sehen konnte, was mit ihr los war.

Ryan stand auf den grob behauenen Steinstufen, die zu der alten Kapelle hinaufführten, wo sein Vater nun der ewigen Seligkeit übergeben werden sollte. Oder der Hölle, je nach Standpunkt des Betrachters.

Howard Blackstones Charakter ließ keine Kompromisse zu. Entweder man liebte oder man hasste ihn. Ryan hatte seinen Vater geliebt, aber ihre Beziehung war immer schwierig gewesen. Die Sonne brannte ihm auf den Rücken. Verstohlen öffnete er den obersten Hemdknopf und atmete tief durch.

Die Rosen auf dem Friedhof dufteten betörend und erinnerten ihn an Jessica. Wie verführerisch sie heute Morgen ausgesehen hatte, lang in seinem Bett ausgestreckt. Nur zu gern hätte er seinem Verlangen nachgegeben, auch um wenigstens für kurze Zeit zu vergessen, was der heutige Tag bringen würde. Wieder spürte er die Begierde, sie zu besitzen, diese Leidenschaft für sie, die ihn immer wieder verhexte.

Die Orgel ertönte. Ihm wurde das Herz schwer. Er wandte sich um und erblickte eine Gruppe dunkel gekleideter Männer, die um den Leichenwagen herumstanden. Außer Ric waren dieselben Personen wohl auch alle vor achtundzwanzig Jahren zur Beerdigung seiner Mutter da gewesen. Durch die Fenster des schwarzen Wagens konnte er den Sarg sehen, einen schweren Mahagonisarg mit Messingbeschlägen. Und darin lag sein Vater … Der Hals schnürte sich ihm zusammen.

„Ich glaube, wir sollten jetzt reingehen“, sagte eine leise Stimme hinter ihm, die Ryan dennoch wie ein spitzer Dolch traf. Wütend fuhr er herum. Sie gehörte Ric, dem Mann, den sein Vater ihm immer vorgezogen hatte.

„Vielleicht kannst du noch eine Minute warten, damit ich mich von meinem Vater verabschieden kann!“, herrschte er Ric an.

Beide Männer sahen sich an. Rics Blick wurde weich, aber das machte Ryan nur noch wütender. Mitleid konnte er nun wirklich nicht ertragen. Ric schien zu spüren, was in ihm vorging, denn seine Miene war jetzt kühl und unbeteiligt.

Ryan wandte sich ab. Die Orgelmusik wurde lauter, und er senkte den Kopf und sprach ein kurzes Gebet, bevor er an dem Wagen vorbeiging, um seinen Platz dahinter einzunehmen.

Da hielt Ric ihn kurz an der Schulter fest. „Kann ich dich kurz sprechen?“

Unwillig nickte Ryan. „Klar.“

Sie gingen ein paar Schritte zur Seite und blieben an einer hohen Hecke stehen. „Zunächst einmal: Glaub mir, dass ich aufrichtig mit dir fühle, was den Verlust deines Vaters betrifft.“

Misstrauisch sah Ryan ihn an. War Ric vielleicht deshalb so betroffen, weil er befürchtete, dass Howard sein Testament noch vor seinem Tod geändert hatte? Dass Ric nicht mehr die Aktienmehrheit erhalten würde, wie es das ursprüngliche Testament vorgesehen hatte? Weil seine Verlobte Kimberley möglicherweise überhaupt keine Anteile erben würde?

Ryan versuchte, Rics Gesichtsausdruck zu entschlüsseln, als er sagte: „Garth hat Kim erzählt, dass Howard sein Testament geändert hat.“ Garth Buick, einer von Howards ältesten Freunden und dazu noch sein Testamentsvollstrecker, war eine äußerst verlässliche Quelle.

Ric nickte. „Ja, er hat Kim gewarnt, nicht zu viel zu erwarten. Nicht nachdem sie zu Howards ärgstem Konkurrenten, dem House of Hammond, gewechselt hatte.“

Aus eigener Erfahrung konnte Ryan sich vorstellen, dass sich Vater dafür gerächt hatte. Vor zehn Jahren hatte Ric die Vertriebsabteilung übernommen, wodurch er nach Howard Blackstone der zweitmächtigste Mann im Unternehmen wurde. Ryan war daraufhin zu De Beers nach Südafrika gegangen, weil er die Degradierung nicht ertrug. Sein Vater war außer sich vor Zorn gewesen über dieses „Überlaufen zum Feind“, wie er es nannte.

Als Ryan schließlich, mittlerweile älter und reifer, in das väterliche Unternehmen zurückgekehrt war, hatte sein Vater ihn zwar wieder aufgenommen, allerdings mit einer Kälte, die ihm klarmachte, dass sein „Verrat“ nicht vergessen war. Der Vater hatte ihn dann zum Chef der Blackstone’schen Juweliergeschäfte gemacht, aber was in der Vergangenheit geschehen war, lag wie ein unüberwindbares Hindernis zwischen ihnen. Zwei Wochen vor Weihnachten hatte Ryan sich dann endlich ein Herz gefasst und einen stärkeren Einfluss in der Firma gefordert. Zu seiner Überraschung war der Vater darüber sogar erfreut gewesen.

Wenn Howard also tatsächlich ein neues Testament gemacht hatte, dann war es sehr gut möglich, dass Ryans Anteil an der Firma sich zulasten von Ric erhöht hatte.

Dadurch würde das schwierige Verhältnis zwischen ihm und Ric zwar nicht besser, aber wenn Ryan die Aktienmehrheit hielt, war das immerhin ein eindeutiges Zeichen für das Vertrauen seines Vaters zu ihm. Dadurch war er in einer stärkeren Position, und es bestand eher die Aussicht, dass er zum Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens gewählt wurde. Die entscheidende Sitzung war für den kommenden Montagvormittag anberaumt worden.

Doch so weit waren sie noch nicht. Noch wussten sie nicht, was genau in dem neuen Testament stand. „Aber Kimberley wird doch sicher Mutters Schmuck und auch Anteile erben“, meinte Ryan. Wegen dieser Anteile hatte er schon einige schlaflose Nächte verbracht. Zusammen besaßen Ric und Kim eine beträchtliche Anzahl von Aktien und damit auch Stimmen. Ob er oder Ric Vorstandsvorsitzender wurde, hing davon ab, wie viele Aktien Kim erbte und wie sie sie bei der Wahl einsetzte.

„Das werden wir bald wissen.“ Ric blickte in Richtung der Kapelle und musterte Ryan dann mit zusammengezogenen Brauen. „Kim glaubt, dass Matt Hammond zur Trauerfeier gekommen ist. Auch wenn du und ich in vielem unterschiedlicher Meinung sind, es ist wichtig, dass wir ihm gegenüber geschlossen auftreten.“

„Kann sein.“ Ryan nickte widerstrebend. Seit seine Schwester wieder in Sydney war, hatte sie die PR-Abteilung des Unternehmens übernommen. Und es war im Wesentlichen ihr zu verdanken, dass der Kurs der Blackstone-Aktien nicht weiter in den Keller gerutscht war, sondern sich wieder gefestigt hatte. Dass Marise Hammond, die Frau von Matt Hammond und möglicherweise die letzte Geliebte von Howard Blackstone, mit ihm zusammen im Flugzeug abgestürzt war, hatte zu allen möglichen Spekulationen geführt. Und da Matt, der Chef des House of Hammond, Blackstone-Aktien aufgekauft hatte und man schon über eine feindliche Übernahme munkelte, musste die Geschäftsleitung von Blackstone Diamonds sich als besonders geschlossen präsentieren.

„Ja, Matt Hammond ist da, sitzt sogar in der ersten Reihe. Er wird sicher jedem Reporter, der es hören will, sagen, dass er da ist, um sicherzugehen, dass der ‚Kerl auch wirklich unter die Erde kommt‘.“ Ryan wusste, dass sein Vater viele Feinde hatte, und er war sicher, dass der Sohn des einzigen Bruders seiner Mutter dazugehörte.

Matt Hammond war ein Schuft, genauso wie dessen Vater Oliver. Und jetzt hatte er den Blackstones den Krieg erklärt. Ryan nickte grimmig. Okay, den konnte er haben. „Lass uns gehen.“

Der Sarg wurde aus dem Leichenwagen herausgerollt. Der Beerdigungsunternehmer, der nach alter Sitte Cut und Zylinder trug, legte das große Blumengesteck auf den Sarg, das Kimberley bestellt hatte und das aus Lilien und weißen Freesien bestand, den Lieblingsblumen der Mutter.

Als der Sarg an ihm vorbeirollte, nahm Ryan den Blumenduft wahr, und plötzlich erinnerte er sich an kurze Momente voll Sonnenschein und Gelächter. An Zeiten, in denen in seinem Elternhaus noch so etwas wie Glück geherrscht hatte. Aber das war schon lange vorbei.

Und jetzt lag das, was von seinem Vater übrig war, in diesem prachtvollen Sarg. Er konnte sich kaum vorstellen, dass er nie wieder die schroffe Stimme des Vaters hören würde. Dass er seinem Vater nie mehr würde beweisen können, dass er in der Lage war, die Firma zu leiten, und zwar mit dem gleichen Geschick und Erfolg, wie der Vater es getan hatte.

Die sechs Sargträger nahmen ihre Position ein. Ryan war vorn, Ric auf der anderen Seite. Hinter Ryan stand Garth Buick, hinter Ric Kane Blackstone. Die beiden älteren Brüder von Howard, Vincent und William, nahmen die beiden hinteren Plätze ein.

Ryan sah Onkel William bewusst nicht an. Vor zwei Monaten hatte der Onkel seine Anteile von zehn Prozent an Matt Hammond verkauft und hatte dadurch den Stein ins Rollen gebracht und die Spekulationen hervorgerufen. Er bückte sich und packte den Griff. „Also, los!“

Die sechs hoben den Sarg an. Ryan begegnete Rics ernstem Blick und bemühte sich, nicht zu zeigen, was in ihm vorging. Für ihn war es das Wichtigste auf der Welt, zu beweisen, dass er für die Position geeignet war, die sein Vater ihm nie zugetraut hatte, nämlich das Unternehmen zu führen.

Als sie die Kapelle betraten, schwoll der Orgelklang an. Ryan warf einen kurzen Blick auf die vordersten Reihen, konnte aber Matt Hammond nicht entdecken. Schnell sah er sich nach Jessicas blondem Schopf um, aber auch sie sah er nicht. Doch sicher war sie irgendwo. Kurz dachte er an die letzte Nacht und war plötzlich sehr viel ruhiger. Jessica war eine wunderbare Geliebte. Der Trost, den er in ihren Armen fand, würde ihn diesen Tag überstehen lassen.

Sie setzten den Sarg unter der Kanzel ab, auf der der Pfarrer schon wartete. Kimberley, die in der ersten Reihe saß, machte ihnen ein Zeichen, und Ric und Ryan setzten sich neben sie.

Wieder sah Ryan sich suchend um. Immer noch konnte er weder Matt noch Jessica sehen.

„Sie sitzt ganz hinten“, flüsterte Kim.

Scheinbar uninteressiert blickte Ryan sie an. „Wer?“

„Jessica.“ Kim sah ihn fragend an. „Nach ihr suchst du doch, oder?“

Ryan sagte nichts, sondern starrte stur geradeaus auf den Sarg. Glücklicherweise fing der Pfarrer jetzt an zu sprechen, und so brauchte Ryan nicht zu antworten.

Woher wusste Kim, dass er nach Jessica Ausschau hielt? Sicher, sie hatte immer eine gute Menschenkenntnis gehabt, aber er hatte doch nun wirklich alles getan, um die Affäre mit Jessica geheim zu halten.

Die Kapelle war bis auf den letzten Platz besetzt. Die Hitze wurde unerträglich. Jessica stand kurz vor einer Ohnmacht. Sie kniff die Augen zusammen, um der Übelkeit Herr zu werden, die wieder in ihr aufstieg. Und dabei hatte sie nur ein winziges Stück Toast gegessen.

„Liebes, was ist mit dir? Geht es dir nicht gut?“ Besorgt sah ihre Mutter sie an.

„Doch.“ Wieder überkam sie dieses Gefühl der Übelkeit. „Oder vielleicht auch nicht“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ihre Mutter wusste nichts von der Schwangerschaft, und auf Howard Blackstones Beerdigung wollte sie sie nicht gerade damit überraschen.

Morgendliche Übelkeit, was für ein Unsinn. Es war bereits nach Mittag.

„Komm, ich geh mit dir raus.“

„Raus?“ Entsetzt blickte sie ihre Mutter an. „Du meinst, jetzt, mitten in der Trauerfeier?“ Bei dem Gedanken wurde ihr gleich wieder übel. Sie hatte sich extra mit den Eltern in die hinterste Reihe gesetzt, damit sie möglichst wenig auffielen, was sowieso nicht so einfach war, weil ihr Vater im Rollstuhl saß. Aber wenn sie jetzt die Kapelle verließen …

Ihre Mutter nickte. „Ja. Du musst unbedingt an die frische Luft. Du bist weiß wie ein Laken, Jessica.“

Eine Frau mit einem Hut, der aussah wie ein umgedrehter Blumentopf, blickte sich empört um. Jessica lächelte entschuldigend und legte der Mutter die Hand auf den Arm. „Keine Sorge, alles in Ordnung“, wisperte sie.

Sally Cotter war davon nicht überzeugt. „Wenn du meinst“, flüsterte sie und seufzte.

Der Blumentopf drehte sich wieder um.

Jessica schloss die Augen. Sie fühlte sich furchtbar elend. Als die Trauergemeinde endlich aufstand und die abschließende Hymne sang, war sie ungeheuer erleichtert. „Ich warte dann draußen auf euch“, sagte sie und erreichte als Erste die Tür. Draußen atmete sie erst einmal tief durch. Dann stürzte sie zur Toilette in dem kleinen Nebenraum der Kapelle. Nachdem sie sich das Gesicht kalt gewaschen hatte, fühlte sie sich etwas besser.

Ihr Arzt hatte ihr zwar Tabletten gegen die Übelkeit gegeben, aber Jessica hatte Hemmungen, sie zu nehmen. Das war vielleicht keine gute Idee gewesen, denn so war sie mitten während der Trauerfeier fast ohnmächtig geworden. Noch im Nachhinein zitterte sie vor Entsetzen. Was Ryan wohl gesagt hätte? Und an die Gerüchte, die sofort aufgekommen wären, mochte sie gar nicht denken. Schnell holte sie die kleine Schachtel aus der Tasche und nahm eine Tablette.

Als sie um die Ecke kam, sah sie, dass die Tür der Kapelle geöffnet war und die Menge herausströmte. Sie reckte den Hals und sah sich nach ihren Eltern um, aber sie konnte sie nirgends entdecken. Wahrscheinlich waren sie noch drinnen. Doch als sie die Stufen wieder hochstieg und sich zu ihrem alten Platz durchdrängen wollte, packte sie plötzlich jemand beim Arm und zog sie zur Seite.

Ryan.

„Jessica, ich habe dich gar nicht gesehen. Warst du die ganze Zeit draußen?“

„Nein, ich bin nur als Erste rausgestürzt. Ich musste dringend auf die Toilette.“

„Danke, dass du gekommen bist.“

„Aber das war doch selbstverständlich. Er war schließlich dein Vater.“

„Und dein Chef.“

„Nein, du bist doch mein Chef.“ Verlegen senkte sie den Blick.

„Sieh mich nicht so an.“ Er blickte sie verlangend an. „Kaum zu glauben, aber ich will dich. Sofort.“

„Ryan …“ Ihr wurde ganz heiß vor Erregung. Was für ein anderes Gefühl als die Übelkeit, die sie noch vor wenigen Minuten gequält hatte. „Was sollen die Leute denken …“

„Das ist mir im Augenblick vollkommen egal.“ Er griff nach ihrem Arm. „Jess …“

„Vorsicht!“ Entschlossen entzog sie ihm den Arm. „Man wird über uns reden. Und glaub mir, das ist dir dann sicher nicht egal.“

Bevor er etwas darauf erwidern konnte, war sie die Stufen hinaufgelaufen und in der Menge verschwunden.

Ryan steuerte seinen schwarzen BMW durch das Tor auf der Victoria Street auf den Rookwood Friedhof und folgte dabei dem Leichenwagen, der langsam die gewundenen Wege entlangfuhr, an den Gräbern vorbei. Sie erreichten den alten Teil des Friedhofs, durch den der Serpentine Kanal führte, der von saftigem Grün umgeben war. Als der große schwarze Wagen stoppte, hielt Ryan dicht hinter ihm.

Er stieg schnell aus und ging zu der Grube, die frisch neben einer Norfolktanne ausgehoben war. Sein Gesicht verriet keine Regung. Er hatte sich fest vorgenommen, sich nicht anmerken zu lassen, wie hart dieser Tag für ihn war.

Weiter hinten lag das Grab seines Großvaters Jeb, daneben das seiner Mutter. Erst jetzt bemerkte Ryan, dass Tante Sonya neben ihm stand und auf den Stein von Ursula Blackstone blickte, ihrer Schwester. Zärtlich legte Ryan der Tante den Arm um die Schultern.

„Ich komme manchmal hierher und kümmere mich um die Rosenstöcke, die Ursula für James gepflanzt hat“, sagte Sonya leise. „Sie war gewöhnlich jeden Sonntag hier. Und ich schaffe es höchstens alle paar Monate.“ Sonya schluckte. „Und nun ist auch Howard bei ihnen.“

Auf einer kleinen Plakette neben der Grabplatte seiner Mutter, von Rosenbüschen umgeben, stand: In Erinnerung an unseren vermissten Sohn James. Eines Tages sehen wir uns wieder. Aber die Eltern hatten ihren Erstgeborenen nie wiedergesehen, der als Zweijähriger gekidnappt worden war.

Sonya war Ryans Blick gefolgt. „Vielleicht sind die drei ja jetzt vereint“, murmelte sie.

„Vielleicht.“

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