Logo weiterlesen.de
Einsetzung eines Königs

Menü

Inhaltsübersicht

Das Fell des Bären

Das Grundwasser

Neue Kronen

Sondierung

Oberst Mutius

Ostpolitik

Der Alte und der Junge

Nach des Tages Arbeit

Strom, Gegenstrom

Eine Abteilung von Ober-Ost

Für Teck

Gespräch nach Tisch

Café Conrad

Herr und Diener

Botschaft aus Merwinsk

Leutnant Perl

Die Haltbarkeit der Wolken

Fahrt nach innen

Liebe

Die Auskunft

Der Geist von Wilna

Clauss

General Clauss kondoliert

Ausritt

Die rote Lampe

Leda erschrickt

Buchenegger

Erste Probe

Die Früchte des Sieges

Fronleichnam

Bärbe

Babka

Herr Sasnauskas

Der Auftrag

Hemmerle

Im Mitternachtslicht

Stromfahrt

Selbstbestimmung

Drei Feldwebel

Es wird ernst

Ein Höhepunkt

Männer unter sich

Heiße Nächte

Auf der Weiche

Der Wind schlägt um

Lebehdes leise Hand

Im Anhauch des Geistes

Böse Sterne

Jagdgäste

Militärs nehmen Deckung

Das Menschliche

Frau Ministerialrat empfiehlt sich

Es blitzt

Aus dem Schlamm

Am Wildinger See

Briefsteller für Liebende

Das Testament

Im Netz der Ursachen

Der Bericht

Winfried steigt um

Aus den Nebeln

Die Träume der Jugend

Abgesang: Der Sektkelch des Lebens

Nachbemerkung

Anhang

[Synopse des Romans]

[General Clauß wird Armee-Inspektor … – Notiz zur Fabel]

[Ein Läufer – frühe Fassung des Romananfangs]

[Begegnung im Treppenhaus – gestrichenes Kapitel im früheren 4. Buch]

[Ein starker Esser – nicht verwendetes Kapitel]

Profil eines Feldherrn

[Bloß Pferde – nicht verwendetes Kapitel]

[Waschzettel-Entwurf]

Anmerkungen

Entstehung und Wirkung

Anmerkungen

Editorische Notiz

Bandeinteilung

 

Für Sigmund Freud

Erstes Buch

Das Fell des Bären

Erstes Kapitel

Das Grundwasser

Die Ordonnanz Lebehde von Abteilung Fünf, Ober-Ost, eine schildlose Mütze in die Stirn gedrückt, läuft durch die Nacht, stramm und soldatisch, Koppel überm Mantel, eine dünne Aktenmappe unterm Arm. Die Straßen der Stadt Kowno sind mäßig beleuchtet und ganz leer. Nach sieben Uhr bedarf es eines besonderen Erlaubnisscheins, wenn Bürger sich außerhalb des Hauses aufhalten wollen; man spielt Feindesland, und ein aufgeweckter Soldat wie der Gefreite Lebehde weiß das längst. Manche spielen mit, manche grinsen darüber oder zucken die Achseln; man spielt ja auch, denkt der laufende Mann, mit ihnen Heer im Kriege, während sie doch nur noch verhaftetes Zivil sind, beschlagnahmtes Volk, zu Kriegsdiensten gepreßt von den herrschenden Klassen, den Fürsten, Fabrikherren, Beamten, Berufsoffizieren, Junkern, Bankleuten, Oberlehrern, Pastoren, Zeitungsschreibern und ihren Weibern, ihrem Anhang. Die sitzen beisammen und sichern ihrer Kaste die Macht; die stänkern gegeneinander, aber im Ernstfall halten sie sich wechselseitig im Gleichgewicht wie eine Doppelmannschaft beim Tauziehen. Die nämlich zerrt auch hin und her, her und hin, aber sie kennt die Spielregeln, gibt nicht nach. Erst wenn die eine losläßt, fällt die andere auf den Hintern; das Tau wird frei, und vielleicht können dann Leute mit diesem Tau etwas Vernünftiges anfangen.

Die Nacht ist schneidend kalt. Nordwind bläst von der Ostsee her, aber dem Mann Lebehde ist warm unterm Mantel trotz seiner grimmigen Gedanken, wegen ihrer. Daß er den ollen Bertin entdeckte, als er nach dem Dienst das neueste Verordnungsblatt studierte, die Rubrik »Kommandiert und versetzt« – entdeckte, nicht in einem unbekannten Merwinsk, sondern hier in Kowno, um die Ecke, das ist in ihm hochgeschossen wie ein Springbrunnen und wieder hinuntergeflossen, als wäre der Springbrunnen aus Schnaps. Und darum hat er sich gleich gemeldet, als die Registratur noch jetzt, spät abends, eine »geheime Dienstanweisung« an die Presseabteilung schicken wollte. Sie haben viel miteinander durchgemacht, der Referendar Bertin und der Gastwirt Lebehde. Aber einmal getrennt, pflegen Mannschaften Briefe nicht zu wechseln. Ja, der Bertin. Wer weiß, wie der sich hier entwickelt hat. Vielleicht ist er wieder auf den Schwindel hereingefallen, die rauhe Wirklichkeit von Verdun und der Armierung vergessend; vielleicht war er, Karl Lebehde, einfach ein Idiot, mit seiner Dienstanweisung loszustürzen wie ein Bräutigam und auf eine Braut zu treffen, die ihm bloß eine kalte Schulter zeigen wird.

Im Erdgeschoß der Presseabteilung kennt er sich aus, der Ordonnanzdienst zwischen den beiden Häusern ist rege, der Aktenumlauf dicht. Lebehde wendet sich nicht links (Registratur), sondern geradeaus, nach der Milchglastür, hinter der noch Maschinen klappern. Die Nachrichtenstelle der Presseabteilung ist Tag und Nacht mobil. Nachts hat sie oft Hochbetrieb, da schwirren die Telefondrähte von all dem durchgegebenen Stoff, den Stenographen in den Aufnahmezellen werden die Ohren heiß unter den Metallbügeln mit den Schalldosen, diktierend schreiten Unteroffiziere zwischen Tischen hin und her, an denen andere Diensttuende, auch Gefreite und Gemeine, das empfangene Material in Wachsplatten schreiben. Noch in der Nacht läuft es durch die Walzen, frühmorgens hat der ganze Stab, hat auch die Kownoer Zeitung das Neueste aus aller Welt, soweit es deutschen Köpfen erreichbar ist oder für deutsche Herzen taugt …

Karl Lebehde öffnet die Tür, tritt ins grün überschattete Licht der Bürolampen, hält aber gleich inne, merkt eine befremdliche Erstarrung in dem sonst so geschäftigen Raum mit den längs und quer stehenden großen Tischen. Nur die Schreibmaschine des Wachsplattenschreibers Nentwich knattert dumpf, nur die diktierende Stimme des Unteroffiziers Haller spricht. Gleichmäßig verliest er aus dem Stenogramm, was vorhin sein gehaltenes vernünftiges Gemüt aufnahm. Abgewandt, am äußersten Ende des Raumes steht einer im Mantel, der ihm offen von den Schultern hängt. Auch er hört zu, gestützt auf den Tisch und die Papiere, die er überfliegen wollte. Lebehde sieht nur seinen geschorenen Hinterkopf, leicht abstehende Ohren, seinen eckigen Rücken.

»Die Antwort der russischen Regierung auf die erneuten ultimativen Friedensbedingungen dürfte im Laufe der Nacht eintreffen. Nach privaten Meldungen aus Petersburg erscheint ihre Annahme gesichert, da sonst die bolschewistische Regierung ihren Halt unter den Massen verlöre. Verlöre«, wiederholt Haller auf einen fragenden Gesichtsausdruck des schreibenden Nentwich, dem man, er weiß es, manchmal nachhelfen muß. Die stillen Leute hier tragen über ihren Uniformen die Gesichter des deutschen Durchschnitts, mehr oder weniger zerdrückt und entstellt durch das Leben in abhängiger Lage und drei Jahre Krieg. Aber gerade darum vertreten sie, wie sie hier lauschen und um Verständnis ringen, das ganze deutsche Riesenheer, das Volk, ja die Männer und selbst die Frauen, die Kinder und die Ungeborenen aller europäischen Schichten und Klassen, die nicht mitbestimmen dürfen über ihr eigenes Geschick, sondern über die beschlossen und verkündet wird. So drängen sich mit ihnen und durch sie vertreten Millionen und Scharen von Millionen unsichtbar um den Unteroffizier Haller, gierig nach seinen Worten, die das Schicksal enthalten. Rußlands? Nicht nur Rußlands.

»Es versteht sich von selbst, daß die Annahme der erneuten und zu unserem Bedauern verschärften Bedingungen dem Rat der Volkskommissare nicht leicht fällt. Einsichtige russische Kreise geben aber zu, daß das Verhalten der Sowjet-Delegation die Geduld unserer Unterhändler wie die der verbündeten Regierungen auf härteste Proben gestellt hat, und daß es nur den Manövern des Volkskommissars Trotzki zuzuschreiben ist, wenn der Friedensschluß nicht auf der milderen Basis der Anfangswochen und der guten Brest-Litowsker Beziehungen zustande kam. Die neuen Bedingungen lauten wie folgt. Erstens: Zurückziehung der roten Truppen aus Finnland, Lettland und Estland. Zweitens: Anerkennung dieser baltischen Provinzen wie auch Kurlands, Litauens, Polens und der Ukraine als losgelöst vom russischen Reich auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker; keine Einmischung Rußlands in die Abmachungen der abgetrennten Gebiete mit dem Vierverband. Drittens: die Abtretung von Kars, Batum und Ardagan (Kaukasus) an die Türkei. Viertens: Vergütung der rückständigen Zinsen für russische Vorkriegsanleihen in deutschem und österreichischem Besitz durch Sicherstellung eines Goldschatzes von dreißig Millionen Rubeln bei der Reichsbank in Berlin. Fünftens: Austausch der Gefangenen unter Schonung unserer wirtschaftlichen Belange. – Neue Zeile. – Die Erbitterung der Ententepresse über den Frieden im Osten, dem hoffentlich bald der rumänische Friede folgen wird, gereicht unseren Erfolgen und unserer Mäßigung zu besonderer Genugtuung.«

»›Folgen‹ und ›Erfolg‹ klingt schlecht«, sagt der Mann mit dem Mantel zu seinem Tisch. »Hat Berlin so durchgegeben, bedaure«, antwortet Haller, hebt die Stimme und diktiert weiter: »Französische Blätter unterstreichen gehässig, daß in diesem ›Frieden ohne Annexionen‹ das russische Reich vier Prozent seines Bodens und sechsundzwanzig Prozent seiner Bevölkerung einbüße. Ebenso heftig greifen englische Stimmen die Passivität der eigenen und der verbündeten Regierungen gegenüber dieser deutsch-bolschewistischen Verschwörung an.«

»Allerhand«, murmelt der Gefreite Lebehde. Er läßt im Unklaren, was und wen er damit meint, und die gleiche Wortlosigkeit hängt im Raume. Alle diese Männer fühlen sich durch einen Widerspruch dumpf auseinandergezerrt. Sie begrüßen den Frieden, weil er ein Anfang ist, das große Schlachten zu beenden. Aber alle haben ihn seit Wochen voll Angst werden sehen: falls man nämlich selbständige Staaten gründete und das Besatzungsheer brotlos machte, fliegen sie alle in den großen Wurstkessel der Musterungen und dann nach Westen. Ihr Selbsterhaltungstrieb wird jetzt durch die Art befriedigt, mit der die Sache in Brest-Litowsk gefingert worden ist. Alles Schein und Schwindel, Aufrechterhaltung der Verwaltung, der Besetzung, eines großen Ostheers. Und dennoch spukt in den meisten ein Unbehagen, schlechtes Gewissen, Scham über den Mißbrauch, der hier getrieben wird. Die Presseabteilung ist nicht alldeutsch, wie ja das ganze Heer nicht alldeutsch ist. Aber sie ist deutsch, sie fügt sich der Macht, obwohl sie sie nicht für Recht hält, läßt fünfe grade sein, auch sieben oder neun, nimmt dazu keine Stellung.

Während Haller die Fortsetzung seiner Notizen im Block sucht, wendet sich der Gefreite Lebehde an den Nächstsitzenden, ob er wisse, wo im Quartier ein Landsturmmann Bertin läge, oder ob er noch im Hause arbeite, aus Zufall. »Telefoniert gerade mit Wilna«, sagt der Mann, der vor einiger Zeit aus dem großen Vermittlungsraum herübergekommen ist, um zuzuhören. »Unsinn«, sagt sein Nachbar, »steht ja dort, studiert die Ablage.« Gekränkt blickt der erste hin: wirklich der Redakteur Bertin – und vergißt alsbald den Zwischenfall.

Die ungeheure Angelegenheit, die hier in den nüchternen Sätzen des anständigen Haller, im Geklapper der Maschine des Gefreiten Nentwich Form erhält und der gesamten Bevölkerung des Ostens ihr Schicksal mitteilt, hat auch aus dem Gefreiten Lebehde die Absicht ausgetilgt, in der er herkam. Bertin? Wer ist Bertin? Die russischen Massen jenseits der Front sind etwas, sind da, verhungert, zerlumpt, zerfleischt, aufgefressen von der verrückten Politik fremder Kapitalisten und eigener Großfürsten, Rasputins und ähnlicher Schmarotzer – die russischen Genossen, die jetzt dabei sind, eine Notbrücke über den Blutsumpf zu legen – ohne Kleider, ohne Stiefel, ohne Mehl, Zucker, Fett, ohne Gewehre, ohne Pulver und ohne Eisenbahnwagen: Rußland kann nicht mehr, es will nicht mehr, es darf nicht mehr. Einer muß jetzt aufstehen und den Völkern zeigen, wie man Schluß macht. Der Gastwirt Lebehde sieht einen riesigen Bottich vor sich, in dem der russische Lehrtrank für die Völker gebraut wird – ein ungeheures Faß, in das dieser Bottich sich verwandelt, mit einem großen Zapfhahn; wünscht sich ein Bierseidel in die Hand, um zu dem Hahn zu stürzen und jedem Menschen rundum, jedem dieser schweigenden und zuhörenden Grauröcke ein solches Glas voll Wissen unter die Nase zu halten. Das ist ein großer Tag, dies leitet wirklich das Ende ein, ob die Jungens hier das wissen oder nicht. Was soll da der Gedanke an einen Mann namens Bertin, einen wohlwollenden Schwachkopf, der nur einmal aufbegehrt hat, im Lazarett von Dannevoux, es muß jetzt ein Jahr her sein?

Sonderbarerweise aber und zu seinem eigenen Erstaunen stößt ein Antrieb den Gefreiten Lebehde wie eine Billardkugel durch den Gang, hin ins Licht der Lampen, die über dem Ablagetisch besonders hell leuchten, und alle Menschen in diesem Raume gewahren ein vergnügtes Lächeln in den Grübchen seines angenehmen Gastwirtsgesichts.

»Na, Kamrad«, sagt er vertraulich, »kleiner Skat gefällig mit dem ollen Reinhold, dem gutmütigen Männchen?«

»Ist doch tot«, antwortet es aus Bertin, während er herumfährt und hoch. Landraub, Heuchelei und dennoch Frieden, hat er soeben gedacht, das könnte wirklich das Grundwasser aufrühren, das schwarze, schweigsame, unter den Häusern, unter dem Pflaster, unter den Feldern, unter den sichtbaren Flüssen. Dann erst erkennt er den Mann, packt ihn mit beiden Fäusten an den Achselklappen. »Lebehde«, ruft er, »Mensch, Lebehde! Wie, um Gotteswillen, kommst du in diese Bruchbude?« – »Wirst schon hören, Kamrad.« Und sie schütteln sich die Hände, sekundenlang umschließen dicke Finger schmale. Die Zuschauer staunen, freuen sich mit.

Dann wendet sich Lebehde an Haller und überreicht ihm soldatisch die Aktenmappe. Der blonde Unteroffizier bestätigt den Empfang durch Unterschrift, entnimmt ihr den Briefumschlag mit dem aufgedruckten Vermerk »Geheime Dienstanweisung«, reißt ihn auf und liest: »An alle Zensurstellen und Redaktionen, durch die Nachrichtenstelle der Presseabteilung. Über die für morgen Vormittag 10 h 30’ bei S. K. H., dem Herrn Oberbefehlshaber Ost, nach Krasny Dwor einberufene Besprechung darf weder an die reichsdeutsche noch an die Presse des besetzten Gebietes berichtet werden. Ihr Inhalt wird später bekannt gegeben. Kowno, 24. II. 1918. Gezeichnet: v. Ellendt.«

Unteroffizier Haller schüttelt bloß den Kopf. Als ob wir uns das nicht selber gesagt hätten, denkt er. Aber er weiß, daß im militärischen Obrigkeitsstaate immer derjenige dümmer ist oder dafür gilt, der das geringere Gehalt empfängt, und darum reicht er wortlos die leeren Aktendeckel dem Gefreiten Lebehde zurück, der sich inzwischen mit seinem Kameraden Bertin für eine spätere Gelegenheit verabredet hat und jetzt zurücktraben wird durch die sternlose Nacht, um im Kellergeschoß von Abteilung Fünf Erdäpfel zu kochen. Heute abend gibt es Pellkartoffeln und Hering.

Zweites Kapitel

Neue Kronen

»Um Litauen!« lächelt Oberst Mutius seinem Wirt zu, indem er ihm verbindlich das Glas entgegenhält. »Königliche Hoheit werden sich doch nicht um Litauen den Mittagsschlaf verderben!« Gebärde und Stimme des mageren Mannes mit dem dünnen Haar und der gebogenen Nase wirken zugleicherzeit devot und selbstzufrieden, also leicht reizend. Und der alte Prinz blinzt ihn auch ärgerlich aus den Winkeln seiner scharfen Äuglein an und brummt, während er seine hängende Unterlippe kaum bewegt: natürlich, den Herren von der Obersten Heeresleitung bedeute Litauen nicht viel mehr als ein Emmenthaler Käse; aber für Bayern wär es halt doch ein schöner Bissen gewesen. Nun, wenn sein Bruder Ludwig und sein Neffe Ruprecht sich lieber mit Elsaß-Lothringen abspeisen ließen, durfte er nicht raunzen. Aber schade sei’s doch. Und er saugt an seiner Zigarre, lehnt sich zurück, läßt für ein paar Sekunden die Lider fallen. Sogleich dämpft sich der Ton des Tischgesprächs, auch der Nachbar zur Rechten des greisen Feldmarschalls, der nicht minder greise Generaloberst von Lychow, fährt halblaut fort, sein Gegenüber auszufragen.

Sieben Herren in grauen Uniformen erfüllen den sechseckigen Raum, das Erdgeschoß des großen Eckturms von Schloß Krasny Dwor. Dumpf dringt Schneelicht durch die schmalen Fenster in den Riesenmauern, elektrische Lampen, an bronzenen Leuchtern befestigt, und einige Kerzen auf dem Tisch geben ihm Wärme und Farbe. (Im Dorfe Borky unten, das zu Krasny Dwor gehört, erzeugt die Maschine eines abgewrackten Lastwagens mittels eines kleinen Dynamos den elektrischen Strom.) Die Männer haben hier beraten und gefrühstückt, wie es sich für Herren schickt, denen das Wild des Feldes, die Milch der Rinder und die Früchte des Bodens untertan sind. Flaschen, dickbäuchige und schlanke, werden eben mit Kaffeetassen vertauscht; herb und vertraut mischt sich der Duft des schwarzen Getränks in den leichten Tabakrauch. Man hört die Ordonnanzen nicht, ein dicker afghanischer Teppich, sechseckig, legt den Fußboden aus und ergänzt die bucharischen Wandbehänge, die, dunkelbunt wie Kirchenfenster und ebenso kunstvoll erfunden, mit ihrem verschränkten Schwarzblau und Rot die Mauern verhüllen – die Grafen Tyschkiewicz, denen Schloß Krasny Dwor eigentlich gehört, sind ein reiches polnisches Geschlecht.

Lychows Gegenüber ist offenbar aufs Beste unterrichtet über die Friedensverhandlungen mit den Russen, die in Brest-Litowsk mit endlosem Gewäsch geführt und gottlob schließlich krachend abgebrochen wurden – ein riesengroßer Mann, mit breiten Schultern, prallen Wangen, ohne eine Spur von Bart und, unter schrägen Augenbrauen, spottlustig wie ein Primaner durch den randlosen Kneifer blickend. Das ist Generalmajor Clauss, Stabschef des alten Herrn, den er gewöhnlich S. K. H. nennt, wie ja auch die Oberste Heeresleitung immer nur als O. H. L. zitiert wird – vertraute Worte, die nur dem Unkundigen wie aus einer weltfernen Sprache entnommen klingen: eskaha … oha’ell … Drei Kriegsjahre lang kannten Clauss nur die Eingeweihten; jetzt rollt und glänzt sein Name durch die Welt. Denn er hat den Russen endlich Bescheid gesagt, die Tiraden des Herrn Trotzki ebenso zum Schweigen gebracht wie vorher die des Herrn Joffe. Den ganzen saudummen Agitatorenkram leicht und höhnisch mit dem Hinweis abgeblasen, daß hier doch schließlich jemand der Sieger sei. Diese Kleinigkeit war den Herren der roten Sündflut offenbar entfallen, als sie sich weigerten, den Friedensvertrag zu unterzeichnen und stürmisch, gekränkt heimfuhren, zu Mütterchen Rußland. Der Krieg hatte also wieder angefangen, allmählich hatten sie es gemerkt, und wir inzwischen Zeit gefunden, neue Tatsachen zu schaffen, neue Grenzen. Und er schildert, über der Tischkante wuchtend, die komische Atmosphäre in Brest-Litowsk, wo man verhandelte, um sich eine völlig niedergebrannte Stadt und vor der Nase Partner, die sich das Recht ausbedungen hatten, ihre Berichte in die Welt funken zu lassen, auf dunklen Ätherwellen und zum Schaden der Disziplin in allen Heeren der Christenheit.

An den Schmalseiten des Tisches sitzen die beiden Adjutanten, sehen einander an, trinken einander zu. Der bayrische Major, dem Prinzen Leopold gleichsam als persönlicher Sekretär beigegeben, betrachtet den jungen preußischen Hauptmann schwermütigen Herzens. Er gönnt ihm sehr, daß er sich noch des Lebens freut, da ihn sein Onkel Lychow rechtzeitig aus dem dreckigen Grabenkrieg beim sicheren Stabe geborgen hat. Vor ein paar Tagen hat er erfahren, daß wieder einer der Begabten und Seltenen vom Heldentod ereilt worden ist, und das tut weh. Dabei hätte der ganz leicht gerettet werden können. Aber er war der Neffe des bayrischen Kriegsministers, und der Hellingrath scheute aus begreiflichen Gründen, den Norbert aus der Front zu ziehen und sich den Landtagsabgeordneten ins Maulwerk zu liefern. Ja, da half nichts, da mußte der Bub eben hinwerden, wie schon Dutzende und Hunderte vorher, so wertvoll er auch war, ohne Furcht und Tadel. In seiner Briefmappe liegt das wütende Schreiben eines Münchener Philologieprofessors, der außer sich ist über diesen Verlust: »Dichtung und Wissenschaft trauern gleichmäßig um diesen edlen Geist …« Major von Krottmayr hat den Norbert immer gut begriffen, die Tragweite seiner Entdeckungen, wenn er mit neuentzifferten Gedichten des Friedrich Hölderlin ankam. Hätte der Hellingrath nicht ebensoviel unbekümmerten Schneid haben können wie der Lychow dort, der preußische Junker? Nur die Dreisten haben recht, die sich um Gewäsch nicht kümmern, mit der Faust auf den Tisch hauen und tun, was sie vor ihrem Gewissen verantworten können … Und er erstickt einen Seufzer und vertieft sich in seine Kaffeetasse, den geschwungenen Schnurrbart sorgfältig wegstreichend.

Blanken Auges sitzt Paul Winfried da, die russische Zigarette zwischen den Fingern, übermütig wie ein Schuljunge, der sich, man glaube es oder nicht, in den Rat der olympischen Götter geschmuggelt hat. Ja, er blickt verstohlen unter den Tisch, ob sich das Eisbärenfell, das die Füße des Prinzen wärmt, nicht manchmal in eine Wolke verwandele und diese hohe Tafelrunde am Ende drei- bis viertausend Meter über die demütigen Köpfe der Menschheit hebe. Was hat er nicht alles heute gehört! Der linke Flügel des Heeres zieht mit Schwung auf Dünaburg, Dorpat, Reval – ganz Estland, Lettland und Livland unter deutsche Befreiung und Herrschaft zu stellen. Von den baltischen Inseln aus – das Zusammenspiel mit den Marinefritzen ist gesichert – wird ein Vorstoß übers Eis geleitet werden, wie in sagenhaften Zeiten; später soll eine Heeresgruppe nordwärts nach Finnland durchstoßen und das Land von bolschewistischen Banden säubern. Und wenn die Russen nicht schleunigst klein beigeben, wird man sie in ihrem eigenen Neste aufstöbern und die Petrograder Bürger jubelnd aus den Fenstern winken sehen. Der rechte Flügel aber rückt auf Kiew – auf Kiew, auf Odessa, Gott weiß, wie weit. Und wer befehligt ihn? Heeresgruppe Lychow wird er heißen, die Ukraine einnehmen und der armen Rada oder Regierung schon helfen, den Sonderfrieden zu erfüllen, den sie selbständig in Brest-Litowsk geschlossen hat – und Weizen, Petroleum, Zucker, Tabak und Mais ins blockierte Deutschland schicken. Zwar haben dort die Österreicher ihre Hände schon angelegt, und obwohl diese Hände Glacéhandschuhe tragen, vermögen sie doch ganz nett zuzugreifen. Aber jetzt marschiert der Generaloberst von Lychow ein, an der Spitze seiner Pommern und Westpreußen, thüringischer Landwehr und märkischen Landsturms, mit Kanonen und Flugzeugen, Kavallerie voran. Österreichische Glacéhandschuhe – was vermögen die gegen preußische Fäuste. Und Paul Winfried betrachtet die festen Hände seines Onkels Lychow, die er gegen die Tischkante stemmt, blaugeäderte, kräftige Finger, die breiten Nägel kurz geschnitten. Der General Clauss scheint ihn besonders gut zu unterhalten; seltsam, wie in ihrer beider Augen das gleiche spöttische Funkeln liegt. Jetzt wendet sich sogar der Nebenmann des Herrn Clauss mit halbem Ohre dem Gespräch zu, und auch in seine Augen tritt das gleiche Spottlicht. Dieser Hauptmann Freiherr von Ellendt scheint Winfried die merkwürdigste Gestalt dieses ungewöhnlichen Kreises.

Ein geistreiches Gesicht, denkt er, häßlich mit dem vorgewölbten Mund und den Gruben unter den Augen; aber etwas Zartfühlendes liegt, wenn man so sagen darf, über diesen mageren Backen, und das gescheitelte Haar, grau überpudert, gibt den breiten Schläfen dieses Schädels eindrucksvolle Deutlichkeit. Alles an ihm befremdet den Neuling: sein Name, der den jungen Mann an die »Gegend von Schiercke und Elend« erinnert und also einen leisen Anflug von Goethes Faust heraufbringt; die Tatsache, daß dieser simple Hauptmann der Landwehr gleichberechtigt mitreden darf und sogar aufmerksamst angehört wird, wenn er seine schartigen Lippen auseinandertut unter dem braunblonden Barte. Aber auch seine Schweigsamkeit ist befremdend, und selbst die Art, wie er den langen Hals aus dem Kragen reckt und sein behaartes Ohr fast anmutig zu Clauss hinneigt. Ein sonderbarer Mann, denkt Winfried, ein gescheiter Mann, ein verschollener Kopf aus alten Zeiten. Früher, als es noch zu meinem Geschäft gehörte, Stöße von Kunstbildern durchzusehen und nicht die Gefechtsbücher unserer Bataillone, hatte ich Umgang mit solchen Gesichtern; sie waren aus Holz geschnitzt, trugen Spuren von Bemalung und stammten aus dem deutschen Mittelalter. Hier aber verblüfft einen solch ein Kopf … Was ist der Herr? Leiter der Abteilung Fünf Ob.-Ost? Was besagt das? Ob viel oder wenig, wer will das wissen? Daß aber dieser Mann hier etwas zu melden hat, fühlt ein Blinder mit dem Stock. Jetzt winkt er mit den Augen meinem Onkel zu, dann dem Adjutanten des Prinzen: offenbar soll Lychow die Tafel aufheben und den alten Herrn ungestört sein Nickerchen machen lassen. Richtig, Lychow steht auf, sofort auch Baron Ellendt und die anderen; und sie verlassen lautlos die große Bienenwabe, in der goldene Helle auf blau und rot verschränkten Mustern schimmert. Jetzt löscht der Adjutant das elektrische Licht: zurückgelehnt in seinem Sessel, den grauen Bart in die Luft reckend, schläft der greise Generalfeldmarschall, gleichsam Wache haltend über Kerzen und Kaffeetassen, und seine hängende Unterlippe leiht seinem rötlichen Greisengesicht etwas Schmollendes, Kindliches. Wie klein seine geballte Rechte aus den Manschetten des Hemdes, den Ärmeln des Waffenrocks hängt.

Drittes Kapitel

Sondierung

Unvermutet findet sich Winfried allein mit dem Freiherrn von Ellendt in der Bibliothek von Krasny Dwor, wo Bücher mit gepreßten und vergoldeten Rücken und bunten Namensschildern anderthalb Wände füllen, ein eichener Tisch auf Löwenfüßen, hochlehnige Holzsessel und ein Kamin aus blankem Stein Gemütlichkeit verbreiten. Vor ihm strahlt ein eiserner Ofen Wärme aus, sein Rohr verschwindet unter der Marmorplatte. Nützlich und häßlich wie ein schwarzer Melonenhut zwischen Vasen steht das kleine Ungeheuer auf einem riesigen Quartanten, einem Atlas aus dem 17. Jahrhundert mit kostbaren Stichen. Die beiden Offiziere sehen darüber weg; im Krieg hat das Nützliche dem Gesittungsgut gegenüber einigen Vorrang.

Kopfschüttelnd läßt Baron Ellendt, die Hände auf dem Rücken, seinen Blick über die Bücher gleiten, die einmal dem Grafen Tyschkiewicz gehört haben und ihm, so Gott und der König von Preußen es wollen, auch wieder gehören werden. Heute aber gehören sie in den Bereich der Etappenverwaltung Ob.-Ost, die einen heillosen Wust von Gegenständen vorfand, als sie nach Abzug der Russen von Krasny Dwor Besitz ergriff. Sind aber Bücher erst einmal notdürftig in Schrankfächern untergebracht, so müssen Zeichen und Wunder geschehen, wenn sie eine wirklich ordnende Hand nochmals umstellen soll. Und wer findet Zeit zu solchen Dingen? Höchstens der Adjutant, dieser Major von Krottmayr, den aber nur antikes und deutsches Sprachgut fesselt. Und so sind die lateinischen und deutschen Bücher auch einigermaßen handgerecht und sinnvoll in einem der Mittelschränke vereinigt. Die Franzosen aber in ihren herrlichen Einbänden, die Engländer, die Russen und die Polen wurden einfach der Größe nach zusammengepfercht. So prangen vor Winfrieds Nase einträchtig die Gedichte von Adam Mickiewicz, der zweite Band einer Lebensbeschreibung Napoleons, eine Anweisung zur Hasenjagd und Gogols ›Tote Seelen‹. In der Ecke drüben droht mit einem ungeheuren Trichter aus himmelblauem Blech, die Ränder goldgezackt, ein Holzkasten, braun, mit blanker Kurbel: eine Sprechmaschine, ein Grammophon.

Voll Neugier betrachtet Winfried den Baron Ellendt, der augenscheinlich etwas Bestimmtes in dieser Bibliothek sucht. Wie lang sein Hals aus dem Uniformkragen kriecht, jetzt, wo er den Kopf in den Nacken legt und sogar einen altmodischen goldgefaßten Kneifer mit schrägen Gläsern über den Nasenrücken hängt; wie stark sein Adamsapfel auf und ab steigt, offenbar in lautlosem Selbstgespräch. Winfried mit seinen guten Augen möchte ihm gern behilflich sein; bis zur Zimmerdecke hinauf reichen zwar die Schränke, aber nicht das Licht. Hätte er nur eine geeignete Anrede für diesen Mann, der im Rang nicht höher steht als er, gesellschaftlich aber und als Person so viel mehr wiegt. Man sollte meinen, denkt er rasch, daß im Kriege die Formen gleichgültig würden, aber da bist du schön angeschmiert, mein Lieber. Nirgendwo herrschen strengere Formen als in Kasinos und unter Verwaltungsbeamten, für die ihre Rangklassen Lebensinhalte bedeuten. Und hier tobt schon lange kein Krieg mehr, das hast du wohl gemerkt. Hier ist Sieg und Eroberung und Scheidung von Machtbereichen vorgegangen, sie haben den Vormittag ausgefüllt, ihr Hin und Her ist mitstenographiert worden. Verglichen mit Esnes und Höhe 304, mit Pozières und der Somme-Schlacht und all dem Dreck vorher war zwar auch Merwinsk tiefster Friede. Aber was ist dann das hier? Die Zone der Entscheidungen oberhalb des Irdischen, Gletscherhöhen und atemlose Stille. Schnell jedoch nimmt er sich zusammen und fragt den Baron, ob er ihm nicht behilflich sein könne, indem er den Titel durch eine besondere Liebenswürdigkeit in der Stimme ersetzt.

»Ich vertraue zwar stets Dienstfeldwebeln und Ordonnanzen, denn die wissen immer. Diesmal aber scheinen sie zu versagen. Hier soll sich eine Enzyklopaedia Britannica finden. Sehen Sie was davon?«

Hauptmann Winfried turnt bereits auf einen Sessel und gleich danach auf seine Armlehnen. Er holt eine elektrische Taschenlampe aus seiner Hose – oben wird es hell. »Hat ihm schon. Schwarze Lederrücken mit Goldpressung. Konnte man nicht erwarten.«

Wohlgefällig mustert Ellendt die schlanke Gestalt, die sich geschickt im Gleichgewicht hält. »Man muß nur die Jugend zu Hilfe rufen. Ihr gehört, wie der Dichter so schön bemerkt, die Zukunft. Buchstabe U, wenn ich bitten darf.« Winfried bläst, als stiege er von der Leiter einer Universitätsbibliothek, den Staub von dem marmorierten Schnitt des Buches und legt es unter die Lampe. Dann zieht er seinen Waffenrock zurecht. »U«, wiederholt Ellendt, »Ukraine. Wenn er nützliche Angaben enthält, nehmen wir ihn mit.« Dabei liegt seine Hand, behaart und mit gespitzten Nägeln, besitzergreifend auf dem Band, den er im übrigen nicht öffnet. »Sie wissen, daß Sie zu uns übersiedeln sollen?« Winfried blickt erstaunt dem Sitzenden in die braunen Augen. »Ich?« fragt er ungläubig, »übersiedeln?« – »Lychow bat mich darum, und ich bin nicht abgeneigt. Die Frage, wie Sie sich einarbeiten werden, kann nur der Versuch beantworten. Das Ganze scheint Sie zu überraschen?« – »Mein Onkel hätte mich vorbereiten sollen«, sagt Winfried und setzt sich auch. Jetzt, wo es um ihn selbst geht, schickt er die Formzweifel zum Teufel: »Darf ich fragen, Herr Baron, was ›uns‹ bedeutet? Doch nicht etwa den Stab Ober-Ost?« – »Allerdings«, erheitert sich der andere. »Scheint Ihnen das so entsetzlich? Glauben Sie mir nur, wir beißen nicht.« Winfried errötet; niemand läßt sich gern verspotten, am wenigsten von einem Bürohengst und Zimmersoldaten. »Es war ja klar wie Kloßbrühe«, entgegnet er mutwillig, »daß dieser Waffenstillstand alles durcheinanderquirlen würde. Aber daß ich, statt zur fechtenden Truppe, ins Labyrinth von Ober-Ost verschickt werden soll …« Die Stimme versagt ihm. »… will denn mein Onkel ohne mich nach Südrußland kutschieren?« – »Das Labyrinth von Ober-Ost – gut gesagt. Eine Flucht unübersichtlicher Säle, geheimer Gänge und gläserner Treppen, spiegelndes Parkett, auf dem man hinstürzt und sich blamiert bis auf die Knochen: so stellten wir uns als Referendare den kaiserlichen Hof vor. Unbesorgt, junger Mann! Wir sind eine simple Verwaltung, die eines größeren Rittergutes, wenn Sie wollen«, schmunzelt er behaglich. »Es mag beiläufig die Größe von ganz Bayern mit der Pfalz, Baden und Württemberg haben, unser Rittergut Ob.-Ost. Aber was besagen Dimensionen? Es kommt auf die Sache an, nicht wahr? Und die ist so gerecht umschrieben.« Winfried läßt sich von der guten Laune des anderen anstecken, der jetzt seinen Kneifer an schwarzer Schnur um den großen Zeigefinger kreisen läßt, ihn immer näher heranwickelnd. »Und was betreut Abteilung V in dieser Gutsverwaltung? Schweinezucht und Futtermittel, oder Buchführung und allerlei?« – »Allerlei«, lacht Hauptmann von Ellendt, »allerlei, das ist’s. Sie werden ja sehen. Schweinezucht« – jetzt lacht er schallend – »Schweinezucht im übertragenen Sinne. Wir sind die Politische Abteilung, junger Mann. Und wenn es auch ehrenvoller gewesen wäre, ein Bataillon in Frankreich zu übernehmen …« – »Danke«, sagt Winfried herzhaft, »die Ehre hätten wir schon genossen. Wer den Segen kennt und sich nicht drückt …« – »Der ist verrückt«, ergänzt Hauptmann Ellendt ruhig. »Ehrlich währt am längsten. Nur Oberst Mutius darf das nicht hören.« – »Da Sie schon so freundlich sind, mich aufzuklären, verehrter Herr Baron – wer ist Oberst Mutius? Ein Gesandter der O. H. L., gut und schön. Aber was betreibt er dort? Und warum darf er nicht hören, was er in jedem Schützengraben und Batteriestand hören müßte?« Der Hauptmann drückt schlau blinzelnd beide Zeigefinger in seine behaarten Ohren: »Weil er der Chef III b ist, der gute Mutius; unser Doktor Allwissend.« Winfried reißt die Augen auf, Ellendt betrachtet belustigt das Arbeiten der Gedanken in seinem offenen Gesicht. Unter III verbarg sich die Nachrichtenabteilung jedes größeren Stabes wie unter I seine Operationsabteilung. Aber was bedeutete das b? »Politische Nachrichten«, kam er ihm zu Hilfe, »Spionage und Gegenspionage und vor allem Kampf gegen die Zersetzung in Heer und Heimat. Zersetzung der Stimmung, des Siegeswillens. Ein gefährlicher Herr für Leute, die ihn zu fürchten haben.« Dabei sah er, immer ernster geworden, Winfried ganz kurz und forschend an. Aber nichts veränderte das Nachdenken auf dem Gesicht des jungen Mannes oder seine harmlose Stimme: »Wird ja wohl so sein müssen«, sagt er, »das ist also der Chef III b. Was aber will er hier, wo doch alles erledigt ist?« – »Oh«, antwortet Baron Ellendt, »einiges. Haben Sie es noch nicht gemerkt? Richtig, Sie mußten ja stenographieren. Er bringt ein paar Bitten der Obersten Heeresleitung, schlichte Anliegen ganz unpolitischer Art, denn Politik ist ja, wie Sie wissen, ein Reservat der Reichsregierung. Aber diese schüchternen Meinungsäußerungen haben unseren Prinzen gezwungen, auf Litauen zu verzichten, obwohl der Reichskanzler, Graf Hertling, ein Bayer ist. Und wenn einem alten Mann ein Traum von Macht und Herrschaft zusammenstürzt, darf er wohl so müde werden, daß er nach Tische einschläft. Eigentlich wunderte ich mich, daß er Ihnen nicht komisch vorkam, unser Prinz, bis mir einfiel, Sie seien von Ihrem Onkel her im Umgang mit alten Menschen geübt. Aber wäre er Ihnen komisch vorgekommen, so hätte ich trotz aller Verehrung für Exzellenz Lychow bedauern müssen, daß bei uns kein Platz frei sei. Denn das Menschliche kommt hierzulande immerfort zu kurz, und darum liegt mir einiges daran, und ich kultiviere es ein bißchen.« Eine Schärfe in seiner Stimme wunderte Winfried. Zugleich empfand er deutlich, sie sei nicht gegen ihn gerichtet: durch die Mauern drängte sie wie ein unsichtbarer Degen gegen eine unbestimmte Macht an. Klar war nur, sie hing mit dem Obersten Mutius zusammen.

Viertes Kapitel

Oberst Mutius

Der kehrte gerade von einem Spaziergang zurück, er hatte den Generalmajor Clauss gebeten, ihm die Trümmer des Kirchleins zu zeigen, das die Russen im Rückzug 1915 gesprengt hatten. Denn Schloß Krasny Dwor versteckte sich hinter den Hügeln des Njemen-Ufers, dicht an der Stelle, wo ein Nebenfluß sie durchbrach, die kleine Newiatza, fast im Vorgelände der Festung Kowno. Die Herren trugen beide dünne Schuhe, aber auf dem sorgfältig mit Asche bestreuten Wege brauchten sie Erkältungen nicht zu fürchten, als sie nebeneinander den winterlichen Park durchwanderten. Aus den kahlen Wipfeln alter Bäume schwangen sich Krähen in den blaßgrauen Himmel; unvergleichlich leuchtete das Rot an den Hosen der beiden Herren in diesem gedämpften Licht.

»Neuschnee«, sagte Clauss, die Stumpfnase hebend und die Luft einziehend wie ein witternder Hund. Und dann sprachen sie einige Sekunden über das Wetter, das den deutschen Plänen zu Hilfe kam und den hungernden Russen die Widerstandskraft endgültig zermürben würde. Beide waren über den Zustand in dem niedergebrochenen Reiche, wie sie meinten, genau unterrichtet. Der lächerliche Versuch analphabetischer Arbeiter und Bauern, sich des Staates zu bemächtigen, mußte in wenigen Monaten scheitern; denn die paar Juden, Polen und Tataren, die ihnen als Führer zur Verfügung standen, konnten natürlich im mindesten nicht den schwierigen Apparat einer modernen Gesellschaft in Bewegung setzen oder halten. Da ganz Rußland der Räuberregierung den Gehorsam verweigerte, alle Beamten in Petersburg streikten, von denen der Staatsbank bis zu den städtischen Telefonistinnen und den Eisenbahnern, reichten die Finger einer Hand aus, um die Monate dieser edlen Sowjetregierung zu bemessen.

Behaglich schienen die beiden Herren dahinzuschlendern, ihre pelzgefütterten Jacken streiften Schnee von den Zweigen der Fliedersträucher, und ihre Stimmen klangen gemütlich in der Sonntagsstille. Aber nur General Clauss schlenderte; er schwenkte seine langen Beine. Da er seinen Kameraden um halbe Haupteslänge überragte und mühelos Staub von Mutius’ Mützendeckel hätte blasen können, zwang er den anderen voll versteckten Spotts, zu hasten. Mutius merkte das nicht. Ernst und in sich gekehrt drängte er vorwärts, offenbar zu einem Ziel, das ihm naheging: einem beschneiten Trümmergeviert. Vom überhöhenden Ufer breitete sich ein weiter Blick aus, die Newiatza hinauf und hinab, ein Stück des Njementales mit dem eisern gefrorenen, kilometerbreiten Strome eindrucksvoll zur Linken. Die Russen hatten natürlich recht getan: die Kirche mit fast meterdicken Mauern beherrschte die beiden Flüsse, sie bot einen Stützpunkt erster Ordnung, um den Übergang über die Newiatza zu verhindern, und mußte gesprengt werden, wenn man je daran denken wollte, das Land wiederzuerobern. Und damals durfte der russische Generalstab getrost so denken. Die Herren vom Deutschen Orden verstanden sich ausgezeichnet auf die Vereinigung von Frömmigkeit und Taktik, Beten und Erobern. Bei der Zerstörung eines solchen heiligen Forts hätte natürlich nur ein gefühlvoller Narr auf Kunstschätze Rücksicht nehmen können: die Grabkapelle der Herren Tyschkiewicz, von italienischen Bildhauern mit hübschem Marmorwerk geschmückt, war dabei in die Binsen gegangen. Ein deutsches Aufräumungskommando hatte mit Sorgfalt die Reste dieses erlesenen Schmuckes zusammengetragen und im Schutze einer zufällig entstandenen Nische aufgehäuft. Achtlos nahm Clauss ein rundes Engelsköpfchen von diesem Haufen, drehte es ein paarmal zwischen seinen Fingern, fand es kalt und legte es sorgsam wieder in seine Schneedelle. Seit wann war Herr Mutius voller Empfindsamkeit für das Vergängliche am Gebild der Menschenhand? Der Chef III b stand, die Lippen zusammengekniffen, vor den Mauerbrocken, sandte einen fast umflorten Blick über sie hin, trat dann von einem Fuß auf den anderen und bedankte sich bei Herrn Clauss für den eindrucksvollen Anblick, bittend, kalter Füße wegen jetzt umzukehren. Solch ein Schauplatz, sagte er, regte ganze Reihen von Gedanken in jedem vernünftigen Menschen an. Hier sah man zum Greifen vor sich die Rollen, die deutscher Geist und russischer im Osten spielten: dieser zerstörte, was jener aufgebaut. »Hier haben unsere Ahnen Gesittung hergebracht, Ordnung, Staatsrecht und Wohlergehen. An uns ist es, daraus Verpflichtungen zu folgern und nicht kleiner zu sein als sie.« – »Nun«, meinte Clauss, indem er seine Beine wie ein Schlittschuhläufer schwenkte, »sie haben vor allem keinen schlechten Rebbach gemacht, die Brüder vom Deutschen Orden, und an Selbstlosigkeit werden wir sie bestimmt erreichen.«

Mutius zog die Brauen zusammen: wie unangenehm im Munde eines deutschen Generalstäblers dieses jüdische Wort für Gewinn oder Profit klang! Man sah, das Milieu steckte an. Es war Zeit, auch hiervor tatkräftig zu warnen. »Sie haben«, erklärte er fast streng, »den Lohn für ihre Mühen mit Recht eingezogen, dankbar gegen Gott, der sie an diese Stelle geführt hatte.« – »Natürlich«, antwortete Clauss harmlos, »Profit kommt immer von Gott, und ein Augsburger Panzerhemd wurde von christlichen Gebeten für die litauischen Heidenpfeile noch ein bißchen undurchdringlicher gemacht.« – »Lieber Clauss«, sagte Mutius tadelnd, »Ihre Art, die Dinge zu betrachten, stünde dem Hauptmann Winfried da drin eher an als dem Stabschef Seiner Königlichen Hoheit. Wann nehmen Sie eigentlich Vernunft an?« – »Nie«, antwortete Clauss. »Da meine militärische Laufbahn beendet ist und ich es nie weiterbringen werde, wie Sie sehr gut wissen, leiste ich mir wenigstens das Vergnügen, die Dinge zu sagen, wie ich sie sehe.« Und er wollte fortfahren: Camouflage und holde Verbrämung überlasse ich euch, den Halbgöttern der O. H. L.; aber er verschluckte den Satz, denn er war keineswegs der Leichtfuß, den er spielte, und sprach seine Wahrheiten nur dort aus, wo sie nutzten.

Oberst Mutius schwieg einen Augenblick. Sinnlos, einem Manne zu widersprechen, der so genau Bescheid wußte. Ja, die Clauss’sche Laufbahn war beendet, er würde niemals zum Generalleutnant aufrücken, den Titel Exzellenz erreichen. Armer Kerl, der Clauss: trotz seiner hohen Gaben saß er auf dem Sande. Er hatte sich zu weit vorgewagt.

Irgendwo fern peitschte ein Schuß: wahrscheinlich ging jemand von der Dorfbesatzung einem Hasen zu Leibe, der seinen Hunger an den Sträuchern und getauten Zweigspitzen des Ufers stillte. Der russische Winter, der vierte des Krieges, war kein Spaß auch für die Tiere des Feldes.

»Wie kamen Sie übrigens«, brach Clauss die Stille, »auf Lychows jungen Mann, um mir meine Schnauze zu vergällen? Netter Kerl, nicht? Sein Onkel hält große Stücke auf ihn.« – »Ja«, sagte Mutius, den Blick verloren zwischen den Stämmen, »auch seinetwegen wollte ich Sie sprechen. Höchst ungern sehe ich ihn am Protokoll. Hätten Sie mich vorher gefragt, ich hätte unbedingt gewarnt.« – »Wäre Ihnen schlecht bekommen«, lachte Clauss, »das ist unser Ressort. Da lassen wir uns nicht hineinfunken.« Mutius blieb stehen. »Clauss«, rief er mit einem fast hysterischen Ausdruck von Besorgnis, »Clauss, um Gottes willen, nehmen Sie’s ernst, hören Sie auf Warnungen, streichen Sie den Ressortfimmel, helfen Sie uns im Endspurt. Wir haben den Sieg in der Tasche, niemand kann ihn uns entreißen, wenn wir nur dem Wurm den Kopf zertreten, bevor er uns in die Ferse sticht, wie er den Russen in die Ferse gestochen hat. Halten Sie mich, bei allem Guten, halten Sie mich für sachverständig. Ich bin der Mann, auf dessen Rat die O. H. L. den Lenin und sein Gesindel im plombierten Wagen durch Deutschland verfrachtete, ihn Rußland einzuspritzen wie eine tödliche Injektion. Wir haben, ich habe die Wirkung vorausgesagt, und, siehe da, sie ist eingetroffen. Die größte Militärmacht der Erde, verbündet mit der ganzen Welt, lag wie ein verblutender Hirsch in Brest-Litowsk, und wir schneiden uns beliebige Portionen aus seinem Schenkel. Wenn wir nur selber gegen das Gift gefeit bleiben. Und darum ist mir dieser Hauptmann Winfried an diesem Verhandlungstisch geradezu ein Skandal.« General Clauss prüfte lange das Gesicht des erregten Menschen zu seiner Rechten, des Gastes, Gesandten der höchsten deutschen Macht und eines der mächtigsten Männer der Welt – war er verrückt geworden? Was für eine Sprache führte er und wegen welches Anlasses? »Mein lieber Mutius«, entgegnete er kühl, »ich spaziere manchmal unter diesen Bäumen und suche in Gedanken diejenigen Äste und Wipfel, die ich durch das Aufhängen meiner ehrwürdigen Freunde, der Herren Bolschewiken, verschönern könnte. Ich fand gewisse Lieblingsplätze für Herrn Trotzki, für den weinenden Herrn Joffe, den prächtigen Knaben Kamenew, den unsichtbaren Meister Lenin. Wenn irgendwer, so bin ich zuständig für die sachgemäße Behandlung von Bolschewiken und ihrem Kram. Aber daß Sie mir aus Lychows jungem Mann solch eine Vogelscheuche machen wollen, das lehne ich vor dieser geehrten Versammlung ab«, und er rief mit umfassender Gebärde Bäume und Sträucher zu Zeugen auf. »Womit begründen Sie auch nur den Schatten eines Verdachts?« – »Ist Ihnen entgangen«, entgegnete halblaut Oberst Mutius, »daß dieser Jüngling versucht hat, einen zum Tode verurteilten Russen aus dem Gefängnis zu befreien, und daß das Unternehmen lediglich an der Entschlossenheit eines wachthabenden Gefreiten scheiterte? Der fuhr auf Urlaub und wurde befördert, der Russe erschossen, wie es sich gehörte. Gegen den Offizier jedoch, der sich so unglaublich benahm, wurde nichts veranlaßt; allzu mächtige Männer deckten ihn. General Schieffenzahn, in seiner außerordentlichen Sachlichkeit, bestimmte sogar, daß sein Gegner von damals, dieser mächtige Herr, jetzt in die Ukraine einreiten soll, ein Pflästerchen, nobel und dienstgemäß, wie Sie zugeben werden. Daß er aber nun noch seinen Neffen an unser Protokoll setzen darf, nachdem er ihn zum Hauptmann gemacht hat, das überschreitet alle Grenzen. Ich bin ziemlich sicher, Exzellenz Schieffenzahn wird diesen Vorgang nicht verstehen, und noch weniger verstehe ich ihn. Ein Verfahren müßte man ihm anhängen, diesem Burschen«, zischte er plötzlich, »der die Disziplin wegen lumpiger Sentimentalitäten so in Scherben gehen ließ.« Blieb dieser Ausbruch auf Clauss ohne Wirkung? Immer mehr verfinsterte sich seine Miene, und schon rötete ein Schein von Hoffnung das Gesicht des Obersten. »Von wem ward Ihnen diese Wissenschaft?« fragte aber Clauss beiläufig, gleichsam als verfolge er die Anregung, den Hauptmann Winfried zur Verantwortung zu ziehen. »Ist er wenigstens zuverlässig, Ihr Zeuge?« – »Völlig«, erwiderte Mutius. »Wir erfuhren alles durch den Ortskommandanten von Merwinsk, den Rittmeister von Brettschneider, als wir mit seinem Vater wegen Tanks verhandelten. Der Sohn bekam Urlaub zu unserer Besprechung, wir streiften die Arbeiterfrage, das Wort Mannszucht fiel, und wir hörten, wie sie untergraben wird. Diese Angelegenheit Winfried ist mehr als ein Fall, sie ist ein Symptom.«

General Clauss trug in diesem Augenblick in seinem Kopfe, hinter seinem rosigen Gesicht, ein dichtes Gewebe hin- und herschießender Gedanken durch die Landschaft, von Verantwortungen, von halbbewußten Überlegungen und Einfällen. Er hielt sehr darauf, daß man ihn »Herr General« ansprach, aber innerlich hatte er sich keineswegs weit von dem Major Clauss entfernt, der als junger hochbefähigter Stabsoffizier, als Leiter der Operationsabteilung der 8. Armee die verzweifelte Schlacht gewagt, entworfen und angelegt hatte, jene Rückzugsschlacht über die Weichsel zwischen Allenstein und Lötzen, die durch den Flankeneinbruch der russischen Narew-Armee nötig geworden war. Jene Schlacht war ein überwältigender Sieg geworden und als Schlacht von Tannenberg in Geschichte und Legende eingegangen, ohne daß sein Name dabei fiel. Als preußischer Offizier überließ er dem damaligen Obersten Schieffenzahn die Leitung seines eigenen Gebildes, der wiederum hinter dem breiten Rücken des Generals von Hindenburg zurücktrat. Seither war viel Wasser die Weichsel hinabgeströmt, auch den Njemen, der dort drüben unter dem Eise ächzte. Ohne Unterbrechung hatte der Major Clauss den Krieg gegen die Russen geführt, zu dem er sich schon im Frieden ausgebildet, er war langsam, von Vorgesetzten beschattet und maßvoll gefördert, die militärische Rangleiter emporgestiegen, bis ihn jüngst ein Zusammenstoß mit General Schieffenzahn aufs tote Gleis geschoben hatte. Aber eine jungenhafte Freude an Wagnis und impulsiver Tat war ihm geblieben, und darum hatte er vergangenen Oktober die Haltung des Generals von Lychow und auch die seines Neffen in dem Fall jenes russischen Gefangenen gebilligt. Er suchte in seinem mächtigen Gedächtnis nach dem Namen, vielmehr den Namen, die damals eine Rolle spielten, und fand sie: ein gewisser Paprotkin, aus einem Gefangenenlager entkommen, hatte sich für einen gewissen Bjuschew ausgegeben, als er wieder eingefangen wurde, und behauptet, ein Überläufer zu sein, der, quer durch die Fronten, sein heimatliches Dorf im Wilnaer Kreis aufgesucht habe. Da sich herausstellte, daß ihn eine Verordnung von Ob.-Ost als Spion zum Tode verurteilte wegen allzu langen Herumtreibens hinter der deutschen Front, hatte er vergeblich versucht, seine echte Identität wieder aufzunehmen: trotz ihres Nachweises und des Beistandes, den der Divisionär von Lychow ihm lieh, war er auf unmittelbare Anordnung des Generals Schieffenzahn und in Vollstreckung des rechtskräftigen Urteils erschossen worden. Die Wahrung der Disziplin unter den deutschen Soldaten, die Abschreckung vor Fahnenflucht und Meuterei hätte noch ganz andere Maßregeln gerechtfertigt; das Jahr 17 war das härteste des Krieges, es stellte alle Nerven auf die Zerreißungsprobe und zwang zum Beispiel die Franzosen zu umfangreichen Hinrichtungen meuternder Poilus. So weit, so gut. Daß aber jetzt und hinterdrein, nachdem der Sieg des deutschen Heeres außer Frage stand, ein Offizier und erprobter Frontsoldat von den politischen Stänkerern und patentierten Etappenschweinen verfolgt werden sollte, das paßte dem ehemaligen Major Clauss keineswegs. Industrieller hin, Industrieller her: dieser Herr von Brettschneider hatte die Schnauze zu halten und Interna der Ostgebiete und des Dienstes nicht bei Hinz und Kunz herumzutragen. »Mein lieber Mutius«, sagte Clauss daher, und sein Gesicht hellte sich auf, mit dem Hauch eines bösen Grinsens, »ein Disziplinarverfahren ist wirklich am Platze. Aber nicht gegen den Hauptmann Winfried, sondern erst einmal gegen jenen Herrn von Brettschneider, der offenbar sein Mündchen zu halten in Mamachens Kinderstube nicht gelernt hat. Wollen mal gleich ein paar Worte mit dem Etappenchef sprechen, er wird uns gewiß nicht im Wege sein.« Oberst Mutius stockte im Schritt. Was sagte Clauss da? Blitzschnell übersah er, daß er sich zu weit vorgewagt, den Rittmeister von Brettschneider bloßgestellt und offenbar einem Feinde in die Schußlinie geliefert hatte. Der Vater Brettschneider unterstützte leidenschaftlich alldeutsche Kriegsziele. Jetzt hieß es aber einlenken, die Streitaxt begraben, womöglich durch einen Bauerntausch das Feld für gewichtigere Fragen bereinigen. Diesen Herrn Winfried konnte man aus dem Hintergrund ruhig weiterbeobachten und gegebenenfalls in die Luft sprengen. »Sie halten also diesen Hauptmann Winfried nicht für einen heimlichen Bolschewiken?« fragte er wie bekümmert. »Soll ich Ihnen vertrauen?« Und unbeirrt durch ein grunzendes Gelächter: »Sie lachen. Ich wünschte, ich könnte es auch. Sie glauben nicht, um wieviel besser der Schlaf meiner Nächte wäre.«

Clauss hörte auf zu lachen, streifte mit Neugier das hagere Gesicht des Gastes, seine graue Haut, die Falten um Augen und Mund: tatsächlich, der Chef III b schlief schlecht, und es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, wenn er etwas für seine Gesundheit getan und seine Nerven in Fett gebettet hätte. »Mutius«, sagte er beinahe herzlich, »ihr müßt einem ja leid tun. Da hockt ihr in Kreuznach, zwischen Rhein und Nahe, in weichem Klima, ohne viel Auslauf. Ihr reitet nicht, ihr jagt nicht, ihr treibt euch nicht im Felde herum – ihr führt entschieden das ungesündeste Leben, das einem Soldaten Seiner Majestät nur zustoßen kann. Kommen Sie zu uns, Mann, machen Sie unseren Ostkrieg mit, wie er sich jetzt entfaltet, frische Luft und Frost um die Nase, und ich versichere Ihnen, in drei Wochen erkennt Ihr eigener Bursche Sie nicht wieder. Blutumlauf, Mutius, das ist das ganze Geheimnis, dann sehen Sie nicht mehr Gespenster und Bolschewiken, wo brave Neffen anständiger Onkels Unüberlegtheiten begehen.«

»Ach«, seufzte Mutius, »wenn man Sie reden hört, Clauss, Sie haben so etwas Überzeugendes, Sie reißen einem den Verstand fort. Ja, das ließe man sich gefallen«, und er blieb stehen, blickte sich wie zum ersten Male und aus einem Traume erwachend in der Landschaft um, atmete tief ein, sah den hellen Himmel, fühlte die reine Schneeluft durch seine dünnen Nasenhäute ziehen, die gesunde Kälte vom Boden aufsteigen. »Wer so leben könnte! Unsereiner hat leider nichts als Sorgen: Streiks in Berlin und Wien, in Oberschlesien, im Ruhrrevier, und eine wachsende Drückebergerei, gegen die etwas unternommen werden muß. Da verliert man manchmal den Blick für Einzelheiten und setzt einen braven Kerl auf die schwarze Liste – wie nannten Sie ihn? Lychows jungen Mann? Das ist gut, das ist vorzüglich. Also nichts mehr über ihn und gegen ihn – aber auch nichts gegen den jungen Brettschneider, denn wir brauchen nun einmal die Industrie, sie muß mit beiden Händen gestreichelt werden. Abgemacht?« Er blickte treuherzig zu Clauss hinauf und hielt ihm die Hand hin, wie zum Einschlagen. »Topp«, sagte Clauss, »haust du meinen Juden nicht, hau ich deinen Juden auch nicht, so haben wir es schon als Jungens gehalten.«

»Clauss«, bat Mutius ärgerlich, »wenn es hierzulande auch von schwarzen Juden wimmelt, laßt sie doch beiseite; ihr macht unsereinen bloß nervös.« – »Wollen wir ja gerade«, lachte Clauss, »wer nervös wird, verliert, besonders im Endspurt. Und die Amerikaner machen euch keine Sorgen?« Statt aller Antwort schnippte Oberst Mutius mit den langen Fingern. »Drei Divisionen«, sagte er schließlich, »lumpige drei Divisionen in einem Jahr. Fünfundvierzigtausend Mann. ›Sie können nicht schwimmen, sie können nicht fliegen, sie werden nicht kommen‹ – wie’s Herr Hergt im Landtag prägte.« – »Na denn prost«, sagte Generalmajor Clauss breit und ließ dem Gast den Vortritt über die Schwelle von Krasny Dwor.

Fünftes Kapitel

Ostpolitik

Punkt halb drei eröffnete der Prinz die Sitzung wieder. Wieder schrieben Major von Krottmayr und Hauptmann Winfried an der Schmalseite des Tisches, dessen braune Platte diesmal aber von grünen Löschblättern, weißen Foliobogen und rotbraunen Bleistiften gescheckt wurde. Rauchzeug in Kisten und Leuchter mit Kerzen schmückten die Mitte. Die kleine Versammlung hatte sich um zwei neue Köpfe vermehrt: einen kurzgeschorenen mit starken Augenknochen und wuchtiger Kinnlade, und einen gescheitelten, an welchem alles katzenhaft zierlich war und von freundlichem Ausdruck – Oberquartiermeister und Chef der Etappeninspektion, klärte Herr von Krottmayr seinen jungen Kollegen auf. Als jedermann saß, wurden die Türen geschlossen, Ordonnanzen hatten in Hörnähe dieser vertraulichen Unterhaltung nichts zu suchen. Die Herren, im Schmuck ihrer Ordensschnallen und hohen Auszeichnungen, wußten, daß jetzt die litauische Thronfrage geklärt werden sollte, nachdem am Vormittag Kurland von dem riesigen Verwaltungsgebiet Ober-Ost abgeschnitten worden war wie ein siamesischer Zwilling vom anderen: schwierige Operation. Darum überraschte es sie, als der Prinz zunächst seinem »Chef« zu einem förmlichen Protest das Wort erteilte. Er sah frisch aus, der alte Herr, er hatte sich bei Lychow und Ellendt seines Einschlafens wegen entschuldigt, spaßend, nächstens werde er wohl einen Altleuteplatz beziehen und bloß noch eine Suppe aus dem Napf löffeln dürfen. Aber trotz seiner bayrischen Aussprache klang der Satz mit den Worten ›förmlicher Protest‹ erstaunlich scharf. Clauss brachte ihn vor, im Sitzen, und indem er dabei seinen Bleistift wie eine Zigarette zwischen den Fingern schwenkte: leider habe sich die Oberste Heeresleitung nicht damit begnügt, das Ostheer um die sechsundvierzig besten Kampfdivisionen zu erleichtern, die seit Dezember nach Westen gerollt seien. Sie pickte sich vielmehr immer noch, wie Rosinen aus dem Kuchen, einzelne Leute aus den gebliebenen Verbänden heraus, Offiziere und Mannschaften, besonders letztere. Und damit müsse Schluß gemacht werden. Was könne Ob.-Ost den beschwerdeführenden Kommandeuren erwidern, denen einzelne Geschützführer oder Richtkanoniere weggenommen wurden? Was den Maschinengewehrkompanien, was den Schallmeßtrupps? Für all solche Einheiten galt ja dasselbe Gesetz wie für eine Fußballmannschaft oder einen Ruder-Achter: das Zusammenspiel war alles, drei Viertel der Leistung beruhte darauf. Jeder neue Kerl, den besten Willen vorausgesetzt, hemmte alle anderen, verlangsamte ihr Tempo und minderte die Schlagkraft, die das Restheer des Ostens, diese bejammernswerte Ruine, ebenso dringend brauchte wie Brot. Es müsse also von Seiten des Herrn Oberbefehlshabers Ost auf die sofortige Abstellung dieses Brauches gedrungen werden, eines Brauches, davon der Bruch, um mit Schiller zu reden, mehr ehrte als die Befolgung. »Shakespeare«, verbesserte Ellendt ernst. »Sie berauben Hamlet um ein Zitat, lieber Clauss.« Und ebenso ernst entgegnete der Stabschef des Ostens, indem er mit der Hand salutierte: er danke gehorsamst, aber im Kriege mit England seien Zitate ein für allemal von Schiller. Als der Prinz herzlich lachte, lachten auch die anderen Herren, ihre Achselstücke schüttelnd oder eine rote Nackenfalte aufwölbend. Und Oberst Mutius benutzte die gelockerte Stimmung, um sich jede Antwort zu ersparen: er werde diese Verwahrung dem Herrn Generalfeldmarschall zur Kenntnis bringen und nehme nebenbei an, daß die Umgruppierung schon vollendet sei. Aber der Prinz ließ ihn nicht so leicht entschlüpfen: der Vormarsch, den man nächster Tage auf wichtige Landstriche ausdehnen werde, könne sehr wohl Schwierigkeiten antreffen; die Ententemissionen in Petersburg gaben sich gewiß die erdenklichste Mühe, den Ostkrieg fortzusetzen, und Revolutionsheere hatten schon manchmal Wunder getan. Zwar war das russische Volk wirklich kriegsmüde, satt der erfolglosen Schlächterei. Das wußten die Herren Lenin und Trotzki. Aber wenn sie bei den Völkern der Entente auch hinten abgerutscht waren mit ihrem Appell, sich dem Frieden anzuschließen, konnten sie bei ihren eigenen Leuten wohl auf mehr Erfolg rechnen, wenn jetzt der böse Deutsche die südlichen und westlichen Gouvernements von Rußland abriß. Und darum müsse die Anforderung einzelner Mannschaften und kleiner Verbände gestoppt und zum Teil sogar rückgängig gemacht werden.

Oberst Mutius biß sich auf die Lippe. Was fiel diesem eigensinnigen alten Bayern ein? Wie konnte er sich unterstehen, so gegen diejenigen Stimmung zu machen, die heute die Last der Verantwortung für Deutschlands Gegenwart und Zukunft auf ihren Schultern trugen? Und siehe da, wie prompt das schlechte Beispiel wirkte; bat da nicht auch schon dieser Baron Ellendt um die Erlaubnis, vor Eintritt in die Tagesordnung noch rasch mal nach der O. H. L.-Meinung über die Lage im U-bootkrieg fragen zu dürfen? Der dauere jetzt in seiner unumschränkten Form ein Jahr. Er habe einen Monat vor dem Zusammenbruch der Zarenherrschaft die Vereinigten Staaten den Gegnern Deutschlands zugetrieben, nachdem es den Bemühungen der Deutsch-Amerikaner, der Juden und der katholischen Iren gelungen war, die Neutralitätspolitik Amerikas fast drei Jahre zu stützen. Erst in sechs Wochen, dann in sechs Monaten, so habe die Admiralität bindend versichert, werde England aus Mangel an Zufuhr auf den Knien liegen. Wie sonderbar, daß die Engländer immer noch, ja mit vermehrter Verbissenheit ihre Frontabschnitte hielten und sogar verbreiterten. Wäre nicht ohne die Amerikaner, mit dem Ausscheiden der Russen das Kriegsende jetzt da, der ungeheure Einsatz im Westen überflüssig gewesen?

Oberst Mutius setzte sich steif im Stuhle auf: »Bin ich hier in einer Kommission des Reichstags?« fragte er trocken. »Um Entschuldigung, daß ich das nicht wußte.«

Diesmal schmunzelte alles, auch Baron Ellendt. Die Ausschüsse des Reichstags galten als das unbehaglichste, aber auch als das ohnmächtigste Forum der deutschen Kriegspolitik, auf welchem einflußlose Abgeordnete unbequeme Fragen stellten. Manchmal fielen ihnen Zivilbeamte der Reichsleitung zum Opfer; zu ändern vermochten sie nichts. Denn die wirkliche Macht lag längst nicht mehr in der Griffnähe des Reichstags und der Reichsregierung. Da im Kriege zwischen modernen Staatswesen schlechterdings alles kriegswichtig war oder werden konnte, hatte die Oberste Heeresleitung überall dreinzureden; und das tat sie denn auch. Faktisch stand jede politische Entscheidung bei ihr. Und jetzt, hier in diesem kümmerlichen Schloß Krasny Dwor, in einer Frage, die General Schieffenzahn mit einer Handbewegung verworfen hätte, traf sein Abgesandter auf den zähen Widerstand einer bösartigen Clique. Was für eine war das? Was bezweckten diese Leute? Der Clauss? Der Bayer? Hatte etwa der Abgeordnete Hemmerle seine verdammten Viehhändlerfinger bis hierhinauf zu strecken verstanden? Hitziges Rot färbte die Backen des Obersten Mutius. Er sah in der Runde umher, alle diese festen Herrengesichter, die unglaublichen Brauenknochen des Oberquartiermeisters von Kullmann, seine unerträglich starren Blicke, das barocke Gesicht des Barons Ellendt, die glatte Säuglingsschnauze des Clauss, die beiden übers Papier gebückten Scheitel der Adjutanten – und er sagte sich: irgendetwas an der preußischen Lösung, die er durchsetzen wollte, paßte diesen Preußen nicht. Was, mußte er herausbekommen. Die Marinefrage war leicht abzubiegen – er werde dem Herrn Admiral von Holtzendorff die Bedenken von Abteilung V übermitteln und den Besuch eines Sachverständigen in Kowno anregen. Im übrigen beeinflußte das ja den wichtigen Punkt nicht, über den er heute Vortrag halten sollte; und er bitte darum, jetzt beginnen zu dürfen.

Die Bleistifte der Adjutanten liefen im Takte seiner Sätze heftig übers Papier. Jeder vollgekritzelte Bogen wurde einfach vom Tisch gefegt, um keine Silbe zu verlieren. Hauptmann Winfried schrieb in einer Art hellhörigem Traume mit. Ihm schien, er sei um unvordenkliche Jahre jünger geworden, zurückversetzt in Kolleg und Studententum, und notiere, was ein Prüfungsprofessor vom Katheder her orakelte wie ein Storch, der im Salat klappert. Dumpf drangen Inhalte durch die Schicht des Aufnehmens; zwischendurch beharrte eine ärgerliche Stimme: es seien ja gar nicht unvordenkliche Jahre, es seien vielmehr kaum vier Jahre vergangen, sieben Semester einschließlich der Ferien. Was verlangte der Herr Professor? Den litauischen Königsthron für einen Prinzen aus dem Hause Hohenzollern. Die O. H. L. machte sich den Vorschlag zu eigen, den gleichen Weg zu beschreiten, den man in Kurland mit Erfolg gegangen: eine Bittschrift bei Bauern und Städtern umlaufen zu lassen, der König von Preußen möge so gnädig sein, die Krone ihres Landes der seinen hinzuzufügen und eine ewige und unteilbare Personalunion zwischen Litauen und Preußen zu stiften, die Stellvertretung aber einem seiner Söhne anzuvertrauen. Man wisse, daß in der Verwaltung Litauens eine Anzahl Herren diesen Gedanken unterstützten, zum Beispiel Seine Durchlaucht der Herzog von Landquardt. Verspreche man den Bauern Freiheit von Requisitionen – oder besser: Beitreibungen –, so habe man im Nu hunderttausend Unterschriften. Die Gründe aber für diese Personalunion waren vielfältig und reichhaltig, sie waren eingeteilt in a, b und c – politische, wirtschaftliche und militärische, und die militärischen überwogen, klug versteckt hinter unverfänglichen Formeln wie Heeresunion, Grenzschutz, Vorgelände des Reichs und dergleichen. Der stenographierende Winfried erkannte in seinem vollbeanspruchten Schreibersinn, hier sprach der Generalstab, zukünftige Verwicklungen und Aufgaben bedenkend. Dieses Land Litauen mußte von Berlin aus regiert werden, genau wie Kurland oder Finnland, vielleicht noch unmittelbarer. Denn in Kurland gehörte der Grund und Boden Deutschen, den baltischen Baronen, bis nach Livland und Estland hinauf saßen sie, deutschen Einfluß verbreitend, so daß selbst die Zeitungen in den Landessprachen die deutsche Druckschrift benutzten von jeher. Ein Prinz aus dem Hause Hohenzollern, der in Kowno oder vielmehr in Wilna residierte, der König von Preußen aber jeweilig auch Großherzog von Litauen – und das Problem der Sicherheit war gelöst für das Reich und für Preußen. Daher bereite die O. H. L in pflichtmäßiger Erwägung aller dieser Umstände einen Antrag an seine Majestät vor – und so weiter.

Die Stimme schwieg. Der magere Herr Mutius war von seinem Stuhl aufgestanden, er hatte mit Überzeugung und eindringlich geredet, jetzt wartete er auf die Gegensprecher. Um sich zu beruhigen, wählte er eine Zigarette und zog eine Kerze an sich, sie zu entzünden; seine Hand zitterte erregt. Schon stieg blauer Rauch, vermischt mit grauem, an die Decke, die, zum Glück hoch über den Köpfen, ein sechsteiliges Gewölbe bildete mit einem Knauf in der Mitte, von dem ein alter radförmiger Leuchter herabhing, buntes Holz. Generaloberst von Lychow und Generalmajor Clauss rauchten Zigarren, der Prinz hatte eine dunkelbraune Jägerpfeife im Munde, Baron Ellendt nippte von einer gelblichen Papyrosse. »Litauen als preußische Kolonie«, flüsterte in biederem Bayrisch Major von Krottmayr seinem Schreiberkollegen zu.

Die hellblauen Äuglein des alten Prinzen blinzelten fast humorig aus ihren Falten und Säcken, seine Brauen schoben sich der Nase zu, er paffte. Das konnte den Herren in Berlin gar schmecken, das Land Litauen zu schlucken mit Stumpf und Stiel, Ahr und Halm. Nein, lieber Wilhelm, so einfach läuft der Has nicht. Auch wenn Bayern seinen Anspruch beiseite läßt und gutwillig hier wieder herausgeht, weil das Elsaß und Lothringen mit den schönen Städten Straßburg und Metz auch nicht grad zu verachten sind, gelten doch die deutschen Fürsten und ihr Bundestag auch noch was im Reich – und kurzerhand: so geht’s nicht. Soll Kurland geschluckt werden – nun schön, da haben die Preußen fix gearbeitet mit dem Landtag, der kurländischen Ritterschaft und ihrem Prinzen Eitel Friedrich – läßt sich nix mehr machen. Aber Finnland kriegt der Hesse, der Zarenschwager, und Litauen kriegt der Sachse, der Wettiner, und wenn’s im Juli Schneemänner regnet. Zwar würde sich sein Vater, der Prinzregent Luitpold, der alte Jäger, im Grab herumdrehen, wenn einer seiner Söhne wie ein Bettler aus Litauen abzog, nachdem er seine Hand auf dem ganzen Lande gehabt. Er, Leopold, wird auch nicht so dumm sein. Haben sich die Herren, die vor ihm Oberbefehlshaber Ost spielten, nicht jeder ein schönes großes Gut für ihre persönlichen Zwecke reserviert, damit es ihnen das dankbare Vaterland nach Friedensschluß schenke? Standen die beiden Domänen nicht als ›Reservatgüter‹ unter besonderer Rechnungsführung? Nun, wenn der zukünftige König von Litauen ein Herr aus dem Hause Wettin ist, wird er schon wissen, was sich gehört, und seinem Vetter Wittelsbach ein kleines Cadeau nicht schuldig bleiben – eine von den herrlichen Wildbahnen des Landes, ein Wald, der ihn nichts kostete. Vorher aber heißt’s geschickt sein, den Preußen nur durch Preußen abwehren und die allgemeine Stimmung zugunsten einer sächsischen Lösung durch Clauss und Ellendt beeinflussen. Erst soll einmal der Clauss die militärischen Trümpfe stechen. Danach hat er im Hintergrund noch ein unfehlbares Argument, und das, er weiß es, wird der Ellendt schon vorbringen. Und er bittet den Chef seines Stabes, das Wort zu nehmen.

Alle Blicke ruhen auf dem prallen Knabengesicht mit den selbstbewußten Augen und dem bissigen Munde. Was wird der Riese vorbringen? Wie sich halten?

Hauptmann Winfried schreibt, Student Winfried weiß, er schreibt weltgeschichtliches Kolleg mit. Der Mann, der nichts mehr zu verlieren hat, bittet als Einleitung, ohne Rückhalt reden und das schnurrige Gewächs mit der Wurzel herausziehen zu dürfen. Angefangen habe es, als man, er erinnere sich genau, am Sonntag, dem 5. November 1916 mit jenem Erlaß herausplatzte, der das Königreich Warschau stiftete. Das geschah, um ein ungeheures Heer von polnischen Freiwilligen in die Lücken zu schieben, die die Somme-Schlacht und besonders, leider, die Eselei von Verdun den deutschen Kaders geschlagen hatten. Daß diese Blütenträume nicht reiften, wer wußte es jetzt nicht. Einige aber, zum Beispiel er, hätten sich erdreistet, das gleich zu befürchten und mit ihrer Skepsis nicht hinterm Berge zu halten. Man konnte sich an den Fingern abzählen, daß nach zwei Kriegsjahren die polnischen Jünglinge sich nicht die Hacken ablaufen würden, um für Berlin oder Wien zu sterben. Der Enderfolg sei denn auch gewesen, daß man den Brigadier Pilsudski auf Festung habe bringen müssen, nach Magdeburg, wo er heute noch sitze und fleißig Erinnerungen schreibe. Damals, in der Sonderausgabe der Kownoer Zeitung, mit der der überraschten Bevölkerung jener großmütige Akt der Mittelmächte beschert wurde, stand nun auch etwas über ein selbständiges Litauen zu lesen – seines Wissens der erste Schritt auch auf dem Wege, der sie heute hier so traut vereine. Warum, so frage er, war dieses Litauen nötig? Weil Preußen nur ein kleines Polen an seiner Flanke dulden konnte. Weil ein Polen mit einem Ausgang zum Meere, das Großpolen hitziger Träume, die deutsche Hegemonie im slawischen Osten bedroht und in der Ostsee eine neue Flagge gezeigt hätte, eine Flagge, mit gefährlichem Expansionsdrang geladen, solange noch ein polnisch sprechender Landkreis oder Industriebezirk in deutscher oder österreichischer Hand verblieb. Die Gründung Litauens war also eine Funktion der Gründung Polens, und diese beruhte auf einer falschen Berechnung – auf einer doppelt falschen, denn jene Novemberweisheit wirkte auf das Zarenrußland wie eine Kampferspritze; von rechts bis links standen die Parteien hinter dem Ministerpräsidenten Stürmer, als er diese ›Anmaßung‹ der Zentralmächte zurückwies, und die Offensiven des Jahres 17 verdankten ihre Popularität unter anderem der vorschnellen Losreißung Polens vom russischen Staatskörper. Nun könne man sagen, Offensiven seien nie populär, und man überlasse sie am besten den Gegnern. Aber da jetzt deutscherseits die Jahreszeit für diese Art Pflanzen im Westen anbrechen solle, erinnere er sich, gerade vor dem Chef der Nachrichtenabteilung, daß der alte Moltke, der richtige Moltke, am Rhein immer nur für die Defensive gewesen sei und das Opfern von Blut und Leben den anderen zuschieben wollte.

Winfried wußte nicht, warum ihm von vornherein Oberst Mutius unsympathisch, der pralle General Clauss aber sympathisch gewesen. Jetzt wußte er es. Der magere Mutius gehörte zur Partei der Stubengeneräle, die nur in Ziffern und Einheiten dachten; ihr ausgeprägtester Typ, Schieffenzahn, hatte seinem Onkel das Ende des Jahres verdorben. Dieser Herr Clauss aber verkörperte den Offizier mit munterer Schnauze und unabhängigem Denken, der vor der Wirklichkeit nicht kniff. Bravo, Herr Clauss, dachte er, Lychow einen Blick zuwerfend, und er sah in den Augenwinkeln seines Onkels auch: bravo, Herr Clauss.

Der hatte einige flüsternde Reden mit Baron Ellendt getauscht und fuhr in seinen Darlegungen fort. (Herr Mutius machte sich Notizen.) Die Gründung eines selbständigen Litauen war ein politisch-militärischer Akt, nichts weiter, eine Form der Besitzergreifung, gekleidet in das holde Papiergewand, das augenblicklich Mode war, genannt Selbstbestimmungsrecht der Kleinen. Was die brauchten, bestimmten wir selbst, um aus unserem Geheimwörterbuch zu plaudern. Militärbündnis, also Heereseinheit, und Wirtschaftsbündnis, also Wirtschaftseinheit mit dem Deutschen Reich waren errungen und sollten festgelegt werden für ewige Zeiten, sprich: für die nächsten dreißig Jahre. Unterm Schutz der Bajonette würde nach einem klugen Wahlsystem ein uns genehmes Ergebnis gesichert werden. Wir konnten machen, was wir wollten, denn in unserem Wörterbuch kam machen von Macht, und die hatten wir; und wer Macht hatte, hatte auch Recht, in gewissen Grenzen. Über diese Grenzen selber wollte er seinem verehrten Kameraden von Ellendt nicht vorgreifen. Er aber mußte sagen: dieses selbständige Litauen war ein Pfahl im Fleische Rußlands, es entriß ihm ein wichtiges Stück gemeinsamer Grenze mit Deutschland und versperrte ihm Peters des Großen Weg nach Westen, errichtete einen Festungswall, den es gleichzeitig Petersburg entzog, und bildete ein beständiges Ausfallstor, eine beständige Drohung also, ins Innere Rußlands. Und wenn auch Rußland für ewige Zeiten, das heißt also für die nächsten fünfzig Jahre – man sehe, er lasse mit sich handeln, fügte er unsachlich und gut gelaunt ein – als Machtfaktor der europäischen Politik ausschied, dürfe man bei einer solchen Gründersitzung auch diesen Punkt nicht außer Acht lassen. Zweitens aber sei dieses Litauen ein Pfahl im Fleische Kongreßpolens, wie er schon gezeigt habe, eine Barre auf dem Wege zum Meer. Und da niemand annehme, Preußen werde Polen die beliebige Benutzung der Weichsel und ihres Mündungshafens Danzig großzügig gestatten, und da andererseits Polen seine Ansprüche auf Wilna und das ganze Gebiet um die litauische Hauptstadt durch den Mund seines schweizerischen Komitees deutlich angemeldet, habe er diese peinlichen Erinnerungen vorgebracht, und er überlasse die Ernte seiner Saat jetzt dem Herrn Chef der Politischen Abteilung.

Der Prinz hatte behaglich in seinem großen Stuhle gelehnt und seinem Stabschef auf den Mund geblickt, der mit so schlecht verhohlener Freude der Obersten Heeresleitung ihre vorschnelle Gründung Polens ins Gedächtnis stieß wie einen Dolch, ihn darin hin- und herwendend, wie es die Romanschriftsteller ausdrückten. Dabei war kein unsachliches Wort gefallen. Der Ellendt konnte, vornehmer Mann, der er war, jetzt mit der größten Verbindlichkeit einherfahren. Und das tat er nun. Die Ausführungen seines verehrten Vorgesetzten, sagte er, mit kleinen Gebärden seiner Rechten das Kommende unterstreichend oder abschwächend, erlaubten verschiedene Folgerungen. Ohne Zweifel konnte man versuchen, sie auch für die preußische Lösung zu verwenden. Er müsse aber, so leid es ihm tue, diese Meinung zerstören. Worauf wollte man sich in Litauen stützen, auf welche Macht einen dauernden Zustand gründen? Eines Tages, nach erfochtenem Sieg, also hoffentlich bald, mußte die deutsche Besetzungsarmee aus Litauen verschwinden. Sie konnte zu einem Teil getarnt werden, als Festungsbesatzung etwa, als Grenzschutz. Aber im wesentlichen mußte der litauische Staat aus eigenem Willen die Kraft aufbringen, seine Existenz und sein Bündnis mit dem Deutschen Reich zu verteidigen. Und dazu bedurfte man von Seiten der Bevölkerung selbst Zustimmung, einen gewissen Geist, innerlich ergriffene Massen. Zwei Arten von Massen gab es in Litauen, eine große kompakte und einige kleinere, versplitterte. Von den letzteren, um von ihnen zuerst zu reden, konnte man die Juden vernachlässigen: trotz aller Maßnahmen des Heeres waren sie unter deutschem Schutz so viel besser daran als unter dem zaristischen Rußland, daß sie zu allem ja sagen würden, machtlos, wie sie waren. Die wirkliche Masse der Litauer aber waren die Bauern, und ihr stärkstes Interesse jenseits der Wirtschaft ihre litauische Sprache und ihr katholischer Glaube. Zweifellos, mußte die neue Herrschaft das Land einzudeutschen suchen, schon des Heeres wegen. Wollte man sich trotzdem die Bauern gefügig machen, so mußte man sich ihrer Pfarrer bedienen, also der Kirche, und ihnen einen katholischen Herrscher stellen. Das sächsische Königshaus war katholisch, ein Prinz aus dem Hause Wettin also geeignet, diese vernünftige litauische Forderung zu befriedigen. Dabei gewährleistete die enge Verbindung Berlin-Dresden dem Generalstab reibungsloses Zusammenarbeiten. »Wir ostpreußischen Junker«, und er fiel plötzlich in seinen breiten Heimatstonfall, »haben Erfahrung mit dem litauischen Marjellchen, wir sind ja auch die Dransten, wenn es mal hart auf hart geht, und werden schon verstehen, es zu umkuren und den sächsischen Prinzen mit Königsberger Bier zu stärken. Aber einen protestantischen Fürsten auf den litauischen Thron zu setzen – davon rate ich ab.«

Major von Krottmayr flüsterte Winfried zu, es sei immer angenehm, die deutsche Sprache zur Verhüllung kluger Gedanken verwandt zu hören. Mit dieser Wendung nehme der Herr Baron dem Abgeordneten Hemmerle und seinen Litauern allen Wind aus den Segeln. Das war sein Hauptgrund, und den habe er völlig verschweigen können. Kannte Winfried den Abgeordneten Hemmerle? Dem Namen nach? Vom Zeitungslesen? Na schön. Er werde von ihm noch hören.

Der Oberst Mutius sah sich im Kreise um. Während der Rede des Generalmajors Clauss war ihm das Blut aus den Wangen gewichen, vor Erbitterung. Gegen diesen Menschen mußte etwas unternommen, daß er nichts war, ihm begreiflich gemacht werden; doch das später. Die Rede des Barons Ellendt aber hatte ihm endlich die Erleuchtung gebracht, nach der er vorhin gesucht. Die ostpreußischen Junker wollten nicht, daß das Haus Hohenzollern noch reicher, mächtiger und unabhängiger werde. Der Gegensatz zwischen den beiden siegreichen Feldherren des Ostens, jetzt die Oberste Heeresleitung, und dem Kaiserhause war nicht von gestern und den Eingeweihten wohl bekannt. Der Kaiser haßte die Erfolgreichen, und diese wieder duldeten seine Söhne nur in untergeordneten Stellungen, als Landräte von Bialystok etwa oder von Mitau. Jene Abneigung rächte sich jetzt. Ihre Nachfolger hielten daran fest, während sie selbst, militärische Staatsmänner geworden, diesen kindischen Gegensatz längst unter sich gelassen hatten. Katholische Kirche? Die Zunge juckte ihm im Munde, den klugen Herren voll Harmlosigkeit vorzuschlagen, dann doch die Herrscherwahl gleich den Bauern, der Taryba und dem Abgeordneten Hemmerle zu überlassen, der mit der deutschen Zentrumspartei nur auf seine Stunde wartete und ja schon einen Thronkandidaten parat hatte. Aber er unterdrückte diese spitzzüngige Anwandlung. Mit dem Abgeordneten Hemmerle wollte er nicht einmal rednerisch Arm in Arm erscheinen. Was Litauen brauchte, antwortete er schließlich auf eine einladende Geste des Prinzen, war ein Obrigkeitsstaat nach preußischem Muster. Nur ein solcher genügte den deutschen Forderungen nach Sicherheit und Landesprodukten, wobei die Bedürfnisse der Eingeborenen zurücktreten mußten. Ehe Deutschland auf allen Fronten so gesiegt habe wie hier und in Rumänien, vor Herbst 1919 also, könne die englische Blockade nicht zerstört werden. Noch ein Jahr danach werde Deutschland aus Litauen Holz, Butter, Wolle, Leder und dergleichen ziehen müssen. Das ging nicht ohne Zwang; ihn mußte der litauische Herrscher und sein Beamtenkörper durchzuführen die Nerven haben. Darum: Personalunion mit Preußen und ein preußischer Prinz. Denn leider bewies der O. H. L. die rote Entwicklung in Sachsen, seine verhetzte Arbeitermasse alles andere als solche Fähigkeiten im Hause Wettin. Obwohl die O. H. L. jetzt mit der Vorbereitung der Offensive im Westen voll beschäftigt war, hoffte er, dem Herrn Ersten Generalquartiermeister bald Vortrag halten zu dürfen. Bis dahin, so bitte er, möge Ob.-Ost dem Herrn Reichskanzler mitteilen, daß die Kriegslage leider nicht gestatte, die Militärverwaltung Litauens noch weiter zivilistisch umzubauen. Die Thronfrage gar zu erörtern, sei völlig verfrüht.

Ja Schmarrn, dachte Prinz Leopold von Bayern, während Oberst Mutius einen Zettel voll Notizen ans Licht hielt – wär schön dumm, zu warten. Morgen wird er das mit dem Krottmayr durchsprechen und alsbald seinem königlichen Vetter Friedrich August ein vertrauliches Handschreiben nach Dresden schießen. Ihn einladen, die sächsischen Truppen an der Ostfront zu besichtigen und seine Prinzen mitzubringen, den Christian oder den Heinrich, auf daß die Herren hier mit seinem Baron Ellendt unauffällig Fühlung nehmen konnten. Wenn der Hemmerle, der zuwidre Schwab, sich mit dem Reichstag zusammentat, sollte er schon sehen, was er und der ausrichteten – einen Emmenthaler Käs und noch weniger.

Inzwischen begann Herr Mutius wieder. Zu seinem Unglück klang in seiner Stimme jene gewisse näselnde Schärfe mit, die man dem preußischen Gardeleutnant nachsagte: bei Bewertung demokratischer Verlockungen, führte er aus, müsse für Litauen die Entwicklung in Kurland maßgeblich erscheinen. Dort hätten die folgenden Phasen einander abgelöst: erst Jubel über die deutschen Befreier, dann lange Gesichter der Einquartierung und der Kriegswirtschaft wegen auch bei den Herren Baronen – Mißgriffe zugegeben; drittens die Februar-Revolution: Abspaltung einer zarentreuen Minderheit, bei der Mehrheit aber deutliche Sehnsucht, den deutschen Stiefel mit einem bequemen russischen Filzschuh und demokratischen Pantoffel zu vertauschen. Die litauische Entwicklung hielt augenscheinlich hier. Oben aber war die Kurve bereits fortgeschritten: denn der Oktoberaufstand hatte die Bauern auch der Ostseeprovinzen nach dem Land der Gutsbesitzer gierig gestimmt. Überall troff ihnen das Wasser aus den Mundwinkeln. Deutsche Hilfe gegen den drohenden Bauernaufstand machte viertens die besitzenden Klassen hellhörig für die bescheidenen Reize preußischer Ordnung und Führung. Nur als Ergebnis solcher Einsicht ließ sich das Angebot der Personalunion richtig verstehen. Die Litauer dachten langsamer, aber auch bei ihnen konnte man mit Sicherheit den Augenblick erwarten, in dem der Bauer entdeckte, daß er zu wenig Land habe, Graf Tyschkiewicz aber zu viel. Von diesem Augenblick ab brauchte niemand mehr mit katholischen Sympathien und der immer unbequemen Kirche zu rechnen.

An diesem Tische saß ein einziger Katholik, der Prinz. Selbst sein Adjutant gehörte protestantisch-bayrischen Kreisen an. Aber all diese Herren, längst zu einem kleinen Hof zusammengewachsen, zuckten innerlich auf und schauten bestürzt vor sich hin, weil solche Worte die sehr kirchentreue Wittelsbachische Familienhaltung kritisierten, taktlos berührten. Kriegt keine bayrische Auszeichnung, der Herr Mutius, notierte in Gedanken der Adjutant. Der Prinz aber schmunzelte und half mit einer behaglichen Handbewegung dem Obersten aus seiner Verlegenheit: »Ist oft faktisch unbequem, unsere heilige Kirche«, sagte er, »weil sie einen ebenso harten Schädel hat wie wir und oft klüger ist als selbst ein Generalfeldmarschall.« Aber diese Frage habe ihm der Herr Hauptmann von Ellendt während der Brester Verhandlungen so schön auseinandergesetzt, daß der Herr Oberst den nur bitten solle. Draußen beim Tee ließ sich das aufs kommodeste erledigen; er danke den Herren.

Wirklich hatten sich alle bereits in Gedanken auf den heißen Tee und die belegten Brötchen gestürzt, die nebst einer Batterie von Schnapsflaschen der Küchenchef von Krasny Dwor im geheizten Vorsaal bereithielt; auch biß der Rauch selbst die Raucher mittlerweile in die Augen.

Die beiden Adjutanten, zurückgeblieben zwischen schiefstehenden Stühlen und einem dicken graublauen »Hecht« von Tabakrauch, suchten eifrig ihre zeichenbedeckten Blätter zusammen. Von Krottmayr, ein sehr ordentlicher Herr, hatte sie alle numeriert, von vornherein und auch für seinen Mitschreiber. Winfried kniete auf dem Boden. »Wie lange waren Sie an der Front, Herr Hauptmann?« fragte ihn der Bayer unvermittelt. Winfried hob sein überraschtes Gesicht: »…zig Monate, seit 1914. Mein Onkel entsann sich meiner erst, als Anfang 1916 ein Lychow gefallen war. Gehörte sich ja auch so.« – »Da hätte Ihnen also auch auffallen dürfen, was mir vorhin durch mein Kalbshirn zog.« – »Und das wäre?« Winfried tauchte mit rotem Kopf aus der Unterwelt empor, seine Blätter ineinanderschiebend: »Warum haben wir eigentlich keine Blocks benützt?« fragte er ärgerlich den Kameraden. Der aber, versonnen und seine Notizen durchmusternd: »Daß in dieser ganzen Besprechung nicht ein einziges Mal das Wort Volk vorgekommen ist. Weder das Wort Volk noch das Wort Mensch oder Menschheit habe ich heute stenographiert. Und dabei hätte sich mir die Abkürzung lk oder die Verschleifung nsch bestimmt eingeprägt. Ich schreibe nämlich als guter Bayer Gabelsberger. Und Sie?« Winfried, auf seine Blätter blickend, sagte nachdenklich: »Eigentümlich, Sie haben recht. Ich schreibe Stolze-Schrey, Debattenschrift, und da sind Volk und Mensch einfache Kürzungen, Striche mit Schwänzen. Nicht vorgekommen, wirklich.« – »Herbst 1919«, las Krottmayr indessen, »und noch ein weiteres Jahr Blockade, sagte Mutius von der O. H. L., die es ja wissen muß. Was, mein lieber Herr Hauptmann, täten wohl, Ihrer Erfahrung nach, die Männer in den wässerigen flandrischen Gräben mit dem Herrn Mutius, wenn er so zu ihnen spräche?« – »Totschlagen«, entfuhr es Winfried, und dann biß er sich auf die Lippe.

Gelbes Licht füllt von den Fenstern her den bunten und unordentlichen Raum: durch das trübende Wolkengewölbe breitet sich der Widerschein der sinkenden Sonne aus, unbestimmt und wie ein feinst verteiltes schwefelfarbenes Gas.

Sechstes Kapitel

Der Alte und der Junge

Am Ende dieses Tages saß Hauptmann Winfried in einem niederen Plüschsessel altmodischster Bauart und sah den Vorbereitungen zum Schlafengehen zu, denen sich sein Onkel umständlich hingab. Eben stand er in Schlafschuhen vor dem Spiegel, das Nachthemd in der Generalshose mit dem breiten Rotstreifen, und putzte seine Zähne, wozu er eine altgewohnte Zahnseife benutzte und nicht eine jener weißen oder rosa Pasten, die neuere Reklamekunst auf allen Anschlagsäulen durch ein Fräulein mit Perlgebiß aus appetitlichen Tuben quetschen ließ. »Verrückter Tag«, sagte Winfried, »gut, daß er endet.« Der Alte legte den Kopf zurück und gurgelte wie ein auftauchendes Walroß; so wenigstens, dachte der Neffe, stellt man sich das vor. Sonderbar, wie laut in der Stille dieses Gastzimmers das ausgespuckte Wasser in den Eimer klatschte. »Ich weiß noch gar nicht, Onkel Otto«, fuhr er fort, »ob ich dir dankbar bin.« – »Wofür?« Der alte Herr drehte sich ihm zu, er überdeckte eben seinen Schnurrbart mit einer Binde, die hinter den Ohren geschlossen wurde. »Dafür, daß du mich in diesen feudalen Teich geworfen hast, in dem ich nun schwimmen soll. Dieses Ober-Ost – nichts als Prinzen, Generäle und Barone und dazwischen dein Neffe Paul, ahnungslos wie ein Flamingo.« Eben zog sich der General die Hosen aus und saß in grauen Strümpfen, weißen Unterhosen auf dem Bettrand, das Gesicht durch die Binde seltsam entstellt. Nee, sprach er zu sich selbst und tat sie wieder ab, morgen früh muß auch noch Zeit sein, strich sich mit Kämmchen und Bürstchen den Bart glatt und zog dann, wie jeden Abend, seine goldene Taschenuhr auf, die ihn seit Jahrzehnten begleitete. »Du und Flamingo«, knurrte er dabei. »Lassen wir die Possen, Paul. Wer weiß, ob ich dich morgen ohne Zeugen spreche. Warum ich mich von dir trenne? Erstens weil ich auf deinen Platz den Jürgen Jamlich rette, aus einer dreckigen Klemme. Das bin ich seinem Vater schuldig. Auf seinen beiden Augen steht die Familie, alte Familie, und ihre Güter stoßen an die meinen. Zweitens weil ich nicht in diese gottverlassene Ukraine schaukeln will, ohne einen zuverlässigen Menschen bei dem einzigen Mann zu wissen, der mich ehrlich informieren und unterstützen wird. Ich will dir nämlich gleich verraten: mein Kommando verdanke ich nicht etwa dem Prinzen oder Clauss, sondern Schieffenzahn höchstselbst.« – »Ausgerechnet«, staunte Winfried. Der alte Herr zog sich inzwischen die Strümpfe aus, die Unterhosen, fröstelte einen Augenblick mit dünnen behaarten Beinen und verkroch sich dann eilig und seufzend unter ein dickes leichtes Federbett, das er bis zum Kinn heranzog. »Ausgerechnet, das sage ich auch. Es kann sein, er oder der Feldmarschall hatten im Sinne, mir eine Genugtuung zu geben, als sie mich wählten. Einfach wird das Geschäft da unten nicht, die Österreicher werden dafür schon sorgen, die Herren von der Rada, die Bolschewiken, tatü tata. Man wird sich gesagt haben, da unten sei jetzt weniger Feldherrnkunst als Menschenbehandlung vonnöten, Behandlung der Truppe, damit sie von der roten Krätze unangesteckt bleibe, Behandlung der Bauern, damit sie mit ihren Vorräten herausrücken. Meine Leute hängen an mir, das darf ich ohne Selbstlob konstatieren.« Winfried nickte. Beruhte die Wahl Lychows für diesen Posten auf solchen Erwägungen, so stimmte sie. Gleichwohl –. »Und Bauern sind in erster Linie Bauern, in Afrika wie am Nordkap.« Befriedigt schloß der alte Herr die Augen, rückte sich mit den Schultern das Kopfkissen zurecht, machte Schlafprobe. Dann, noch sehr wach, sah er seinen Neffen voll an und: »Gleichwohl könnte der Wind auch anders wehen. Ich reite da mit meinen Männeken ins weite Rußland hinein. Unbekannte Gegend, unbesiegte Völkerschaften, Städte, die man bisher nur auf der Karte sah: Kiew, Odessa, Rostow am Don. Stell dir das mal vor. Rundum Kosaken und Ruthenen. Denn Ukrainer, das ist doch ein Name, den es vorher bei uns gar nicht gab. Und das soll ich nun erobern, pardon: besetzen. Einen Friedensschluß vollstrecken. Aber dort machen die Weißen und die Roten Krieg miteinander, und man kann zwischen ihnen häßlich in die Zwickmühle geraten. Beabsichtigt Schieffenzahn mit diesem Kommando, mich weithin sichtbar zu blamieren, so kann es sich uffs scheenste ereignen, daß ich ihm den Gefallen tue. Die Sache hat Häkchen und Haken.« Leicht seufzend dachte Winfried, dieses Schachspiel mit Wenn und Ob sollte eigentlich um halb zehn beendet sein. »Auf jeden Fall deckt dich doch der Prinz, und General Clauss ist auch nicht von schlechten Eltern.«

Lychow hob den rechten Arm unter der Decke hervor, streckte ihn mit gespreizten Fingern abwehrend von sich. »Lieber Junge«, sagte er, »weder der Prinz noch Clauss. Beide haben gar nichts mehr zu bestellen. Von weitem sieht man das nicht, aber wenn man so dichte bî ist wie wir heute, erfährt man es zum Staunen der Nachwelt. Hast du nicht vor dem Essen selber mitgeschrieben, wie liebenswürdig ihm die O. H. L. Kurland unterm Sitz wegzog, um es ab dato durch einen eigenen Bevollmächtigten zu dirigieren? Die gleiche Entwicklung steht in Litauen bevor, und was General Clauss anlangt, den wir alle für den fähigsten Kopf rundum halten, so hat er mir nach dem Frühstück selber die Geschichte versetzt, wie es dazu kam, daß er in Brest-Litowsk auf den Verhandlungstisch schlug und den starken Mann spielte, während er doch eher der Kluge ist. Aber er hatte das Pech, vorigen Monat in Schloß Bellevue vom Kaiser empfangen zu werden.« Und Lychow erzählte, halb angegraust und halb voll Behagen die Geschichte, wie im Januar die O. H. L. durch zwei Rücktrittsgesuche das Verschwinden des Generals Clauss verlangt hatte, weil der dem Kaiser eine andere Meinung in der polnischen Frage als die alldeutsche vorgetragen, und wie der kluge Staatssekretär des Äußeren dem bedrohten Generalmajor den rettenden Rat gegeben, zum Sieger von Brest-Litowsk zu avancieren: dadurch nahm er den Alldeutschen den Wind aus den Segeln und half dem Kaiser, ihn zu halten. Gesagt, getan. Wilhelm Clauss kam Herrn Trotzki grob, die deutsche Öffentlichkeit begeisterte sich daran, und sein Bild wanderte in alle illustrierten Zeitungen. »Seither schikanieren sie ihn, aber sie können nicht an ihn ’ran. Mit der Neese«, kicherte der alte Mann; er hatte sich seit einer Minute im Bett aufgerichtet, weißhaarig, mager, und rieb sich vergnügt die Hände.

Dem Hauptmann Winfried wurde während dieses Berichts immer merkwürdiger zumute. Saß er in einem Schaukelstuhl? In einer Ballongondel? Mit weit offenen Augen hielt er das Bild des Zimmers fest, des Bettes, das vertraute seines Onkels: von wem war hier die Rede? Von der Obersten Heeresleitung, von den Generälen, denen das deutsche Volk acht Millionen Mann anvertraut hatte und sein ganzes Schicksal, in dem Endkampf gegen die Hälfte des bewohnten Erdballs, ja gegen den ganzen, wenn man Chinas und Südamerikas Kriegserklärungen einmal ernst nahm? Und diese mächtigen Männer kämpften gegeneinander mit den Mitteln wildgewordener Schauspielerinnen, auf dem Rücken eines Kaisers, der sich am liebsten mit einem Adlerhelm, aber immer nur in Kriegerpose hatte knipsen lassen. Dieser Kaiser tat ihm leid, in seinem schönen Schloß Bellevue, mitten in Berlin; aber war Mitleid mit dem Obersten Kriegsherrn ein Gefühl, das sich für einen jungen Infanteriehauptmann schickte? In was für eine Welt war er denn plötzlich geraten? Was für Zwielicht regierte hier, und was blühte ihm noch bei Ober-Ost? »Dolle Chose«, sagte er, weil Lychow auf eine Äußerung wartete. »Und wenn also weder der Prinz noch Clauss – wer in aller Welt soll dir den Rücken decken?« – »Dein neuer Chef«, antwortete sehr ruhig die Exzellenz und legte sich wieder nieder. Winfried beschloß, sich über nichts mehr zu wundern. »Ein Hauptmann der Landwehr«, stellte er sachlich fest, »ausgezeichnet. Nun mach ich mich doch wenigstens mit meiner Charge nicht lächerlich. Baron Ellendt – wer ist das?« – »Mein lieber Paul«, sagte der General, »das wirst du schon merken. Konrad Ellendt ist erstens der Sohn von Otto Franz von Ellendt, General der Infanterie, der ein gewisses Buch über den Feldzug von Sechsundsechzig verfaßt hat, ein unbequemes Buch, ein klassisches Buch, sagen die, die es angeht. Er ist zweitens durch seine Frau ein unabhängiger Mann, der den Prinzen oder den Feldmarschall von Hindenburg auf seine Güter einladen kann und ihnen in seinem eigenen Walde einen kapitalen Hirsch zum Schießen vorsetzen – eine Ehrung, die der Feldmarschall gar nicht erwidern kann und der Prinz nur, wenn sein Bruder und die staatlich-bayrische Forstverwaltung nichts einzuwenden haben. Drittens aber und mehrschtens ist er er selbst, ein Kopf, der jeden Augenblick preußischer Staatsminister oder deutscher Reichsminister sein könnte, wenn er der konservativen Fraktion nur den Gefallen täte und Ja sagte. So, nun weißt du das. Weder der alldeutsche Verband noch die Vaterlandspartei, und wie die Bünde starker Männer alle heißen, die das Reich heute hin- und hertanzen lassen, werden auch nur den Finger krümmen, wenn Ellendt auf seine höfliche Art meint, ihm scheine geraten, ihn grade zu lassen. Links ziehen die Sozis und Katholiker mit Herrn Hemmerle, rechts ziehen die starken Männer, und da wundert man sich, daß das Reich im Zickzack steuert wie Herr Schulze, der im Witzblatt aus der Kneipe kommt. Auf so schwierigem Terrain passiert einem alten Manne leicht mal was, will ich dir sagen, und darum brauche ich Ellendt und dich bei ihm, um ehrenvoll zu bestehen und Alberten ein Schnippchen zu schlagen, falls er mich aufs Glatteis schickt.«

Winfried versicherte dem alten Herrn, der offenbar endlich müde wurde, daß er, wie seit Mitte 16, sein getreuer Adjutant bleibe und seine Sache zu der eigenen mache, ob bei Ober-Ost oder im Armee-Oberkommando Lychow. Aber der alte Mann schnippte mit dem Finger, dann hielt er sich die Hand vor und gähnte: »Pi pa po, das weiß ich, du Schnacker. Aber manchmal treten Umstände ein und ereignen sich Fakten. Und darum sollst du wissen, ich gehe auch deinetwegen in die Ukraine und hoffe, auch deinetwegen, zu reüssieren.« – »Wieso?« – »Denken, lieber Paul, hat noch keinem Vorgesetzten geschadet.« Ein schlauer Ausdruck trat in sein Gesicht, die Müdigkeit noch einmal überglänzend wie das Schlußlicht eines Zuges, der gleich um die unvermeidliche Kurve biegt: »Wir brauchen die Ukraine zum Schutz für unsere eigenen Güter. Nach diesem Kriege werden alle Leute Land haben wollen: erstens die es verteidigt haben, zweitens die dafür gefallen sind – was sage ich? Ihre Hinterbliebenen, Witwen und Waisen von anderthalb Millionen. Neuverteilung des Volksvermögens, sagen die Bolschewiken. Das Land aber haben wir, freien Boden gibt es in Deutschland nicht; erobern wir keinen, so geht es uns selbst an die Nieren. Also erobern wir welchen, dort, wo er gut und zu haben ist. Und, Dunnerlittchen und außerdem: bin ich erst einmal Kommandierender General in der Ukraine, so entsteht unter meinem Schutz eine deutsche Verwaltung mit Stellen und Posten, niederen, schlecht bezahlten, und höheren, gut bezahlten. Schult sich mein Neffe inzwischen im Verwaltungsdienst von Ober-Ost, und hat er Lust und Spucke dafür, so steht ihm nach Friedensschluß ein angenehmes Amt da unten bereit, gute Arbeit mit nettem Gehalt und einer schönen Dienstwohnung. Tausende von Engländern leben so, und ich habe mir sagen lassen, nicht schlecht. Falls ihr aber lieber auf dem Lande wohnen wollt, du und deine Bärbe – ein Gut kauf ich dort auf alle Fälle. Daß ich mit schönen Banknoten zugreife, wenn was Preiswertes winkt, das kann mir niemand verübeln. Angenehme Dinge, nett, daran zu denken, wenn ein scharfer Tag vorüber ist und das Ende des Weltkrieges in Sicht. Grüß mir den Baron Ellendt, sobald du ihn siehst, und jetzt gute Nacht, Paul. Mach ruhig dunkel.«

Durch das leicht geöffnete Fenster fiel frische Schneeluft ins Zimmer und ein mattes Licht des verhüllten hohen Mondes. Ein riesiger Kachelofen, vom Gang her geheizt, unterbrach die dicke Mauer, Lychow würde es die ganze Nacht angenehm warm haben. Behutsam zog Winfried die Tür zu. Eine Öllampe erhellte die Wendeltreppe, die er hinabstieg, kopfschüttelnd, reichlich erschöpft.

Siebentes Kapitel

Nach des Tages Arbeit

Auf dem Weg in sein Zimmer fühlte sich Winfried wie zerschlagen. Ein unübersehbarer Trubel von Eindrücken kochte in ihm. Er suchte den Adjutanten des Prinzen, um sich für heute zu verabschieden. Eine Ordonnanz wies ihn in die Bibliothek. Winfried merkte, dies war das erste Mannschaftsgesicht seit seiner Ankunft, mit dem er sprach. Es sah wie zerquetscht aus, verglichen mit den straffen, wohlgenährten oder mageren Herrengesichtern.

Wirklich fand er Krottmayr in der halbhellen Bibliothek, Schnapsflaschen neben sich, beschäftigt, unter schwarzglänzenden Platten zu wählen, runden, mit Rillen bespielten und bemüht, zu klein und obendrein mit Gold gedruckte Bezeichnungen zu entziffern. Er freute sich ehrlich des späten Besuchs, lobte ihn dieses guten Einfalls wegen, zwang ihn, sich auf dem Sofa auszustrecken, als er hörte, der Gast sei müde. Dann öffnete er eine Schublade, hantierte an dem braunen Kasten, setzte etwas in Schwung, ließ sich verlangenden, ja gierigen Ausdrucks in einem Sessel nieder. Zischendes Surren: und dann erblühten Töne aus dem albernen blaugoldenen Trichter, tiefe Bässe, voll umrundet und überschwebt von Bläsern und Streichern. Noch tiefer, bis auf den Grund der Musik sanken sie, und auf wuchs langsam aus ihrem Untergrunde die Schwermut einer sprechenden Melodie, eines Stückchens Klang, das unaufhaltsam ins Wort zu drängen schien und sich wiederholte, steigend wie auf zitternden Flügeln. Winfried, fast schon im Einschlafen, riß die Augen auf, griff mechanisch nach einem grünen Likör, trank die brennende Süße beider, des Alkohols und der Musik: das war, bei Gott, Meistersingerklang, irgendetwas aus der Mitte, vielleicht das Vorspiel zum zweiten Akt oder zum dritten! Was denn, dachte er verwirrt, und ließ sich wieder fallen – gab es denn das hier? War das erlaubt, mitten im Kriege, in einem Hauptquartier, nach einem Tag voll Eroberungen, politischer Entscheidungen, militärischer Zwistigkeiten? Hier lag er ja schon wie auf Urlaub, anpochte das Vergessene, der Frieden, der Glanz des Opernhauses am Abend; der Dirigent, undeutlich vom Platze des Studenten Winfried aus, hob beschwörend seinen Stab, jetzt malten die Flöten Verse: »… und da der Adam, wie ich seh /An Steinen dort sich stößt die Zeh …« Gleich würde der Sänger Hans Sachs seine schwermütige Rolle wieder aufnehmen, dort, wo er als Werbender nicht mehr in Betracht kam, neben dem sieghaften Tenor des jungen Stolzing … Noch ehe die Platte endete, stand der Major schon am Apparat, fing sie nach der letzten Schwingung, drehte sie um mit geübten Händen, versank wieder in seinen Polstern. Ja, das war der Frieden, glanzvoll und großartig, wie er 1914 gegipfelt, unmöglich zu steigern, so wenigstens erschien es dem Soldaten Winfried jetzt. Mensch, Mensch, ächzte es in ihm, wenn das nur wiederkommt, wenn das nur bald wiederkommt, daß man Herr seiner selbst ist, machen kann, was man will, schweifen, lesen, trödeln, mit Bärbe zusammen sein, leben von irgendwas und irgendwie. Vor seinen geschlossenen Augen tanzten Bruchstücke der Gestalten, die heute an ihm vorübergezogen, Gesichter, halb belichtet, herausgehobene Einzelheiten: die Unterlippe des Prinzen, die Augenhöhlen des Oberquartiermeisters, Ellendts Zeigefinger, Lychows Mund und Kinn mit Bartbinde. Unaufhörlich beherrschte ihn das Fremde, drückten sich andere Leute in ihm ab; wann endlich kam man selbst an die Reihe, das Ich zu sich? Wie hoch in Bögen aus Silber sich die Geigen zu schwingen wußten, immer noch einmal vermochten sie anzusetzen, immer neue Einfälle zeitigten sie. Woher der Wagner das nur hatte, das unaufhörlich Wiederkehrende, den Brunnen, der stieg und fiel und sich immer wieder füllte! Mensch, Mensch, dachte Winfried wieder, wenn wir erst unsere alte Freiheit zurückgewonnen haben, was für ein Erwachen wird das geben, welch seliges Erwachen.

»Ja, Kamerad«, sagte Krottmayr, »die haben es in sich, die so Musik zu machen verstehen. Das war der Arthur Nikisch mit den Wiener Philharmonikern. Wer weiß, ob wir das je wieder hören werden.« Winfried fragte, wie er das meine. Als Antwort bot ihm der Major die Wahl zwischen einem Allasch und einem Kümmel an, beide des Trostes voll, wie er sagte. Seine Augen, blau, groß, schwammen im Weiß des Gesichts, und ein goldenes Armband umschloß das schmale Handgelenk, als er sein Gläschen an das Winfrieds tippte; Sympathie mit ihm, seinem jungen frischen Wesen hatte ihn angeweht, während sie nebeneinander wie Schulbuben über ihre Blätter gebeugt geschuftet hatten. Schlimmstenfalls, wenn man sich täuschte, konnte man sich auf Übermüdung und Schnaps herausreden. Luft machen jedenfalls nach einem solchen Tage tat so not wie ein Bad. »Finis Austriae«, äußerte er heiser, »Österreich ist hin, das haben wir zu Tode gesiegt.«

Winfried lag bequem auf einem Sofa, dessengleichen er noch nie benutzt hatte: weichgrünes Leder mit Daunen gefüllt und auf einem leise federnden Gestell. Köstliche Trägheit kitzelte sein Herz. Jetzt war Zeit, an die süße Bärbe zu denken, die sich in einem Lazarett voll Darmkranker abrackerte, in Wilna. Kowno und Wilna – benachbarte Städte im Vergleich zu der Ukraine, in die hinabzuschwimmen er sich schon gefaßt gemacht! Dieser kleine diebische Gedanke hatte ihn den ganzen Tag immer wieder einmal durchfunkt und fast zum Lachen gebracht: er hatte vielleicht Schwein. War Österreich hin, nun, so war es hin; aber außerdem war es gar nicht hin – was fabelte der Major? Die Österreicher hatten sich hervorragend geschlagen. Gut, fünfundzwanzig deutsche Divisionen steckten zwischen ihnen, aber das war auch nötig bei einem Heer mit neun Kommandosprachen. Ein bißchen spät hatten die Deutschen das entdeckt; aber nicht zu spät, denn nun brach schließlich und endlich Friede an, im Osten und den Menschen ein Wohlgefallen, zum mindesten denen der Mittelmächte.

Der Major zog seinen Sessel näher ans Sofa. »Schon vorigen Herbst schien Österreich zu Ende. Wir kriegten eine Denkschrift des Grafen Czernin zwischen die Finger und einen Brief von Kaiser Karl: dürre Feststellungen. Die rumänischen Siege haben den Riß verkleistert, aber die Toten nicht wieder aufgeweckt und die Hungernden nicht gefüttert. Die Tschechen mögen Habsburg nicht mehr, die Kroaten, die bosnischen Serben. Die polnische Legion war von Anfang an in Aufruhr, für die österreichischen Deutschen fechten zu müssen. Und die Slowaken, die siebenbürgischen Rumänen, ihre magyarischen Herren – welch ein Gulasch! Und alle voll Stinkwut gegen uns, die ›Piefkes‹, wie sie uns schimpfen. Und wenn Sie sich der Gesichter erinnern, so heute an uns vorüberzogen, der Reden, all der naiven Sicherheit – Hand aufs Herz, Kamerad, haben die Leute so ganz unrecht?«

Winfried schwamm abseits: das himmelblaue Kurbelding – eine große Erfindung. Wie stellt es der schlaue Mensch bloß an, Töne zu notieren. So, daß man hört: viele Geigen; und Flöte klingt anders als Horn. Krottmayr rückte noch näher, in der Stille des Raumes mit den Bücherwänden und der hohen Decke dämpfte er seine Stimme, seine Worte flüsterten bayrischer als je unter dem geschwungenen Schnurrbart hervor, und sein Blick haftete in der Luft über Winfrieds Gesicht. »Warnen Sie Ihren Onkel, Herr Kamerad«, sagte er, »da unten braut sich etwas zusammen. Es war sakrisch schlau, ihn da hineinzudrängen. Er war doch nie ein politischer General, und jetzt besorgt er die Geschäfte der Länderfresser, ob er will oder nicht. Was geht ihn die Ukraine an? Was, frag ich Sie, geht sie uns an, Sie und mich? Ein offenes Wort über Belgien, Herausgabe, Wiederherstellung, Französisch-Lothringen mit Metz als Pflaster auf Frankreichs Wunden: und wir hätten alle Frieden gehabt, schon fünfzehn, dann wieder siebzehn, als der Papst zur Einkehr mahnte und Amerika sich gerade ankurbelte. Aber wir sind ein großes Volk, wir müssen uns ausdehnen«, parodierte er bitter irgendwen. »Treiben Schindluder mit dem Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker und blasen uns dabei auf, krachen in allen Nähten. Ja, lieber Herr, ich sehe schwarz wie in einen Kohlensack«, murmelte er trübe, stierte dabei auf seine Stiefelspitzen und das Glas, das er sich wieder füllte, zum wer weiß wievielten Male. »Ich gehöre zu denen, die unser Kaiser nicht duldet oder zerschmettert oder was sonst noch. Gott strafe England? Er tue es, und die umliegenden Provinzen. Wissen Sie, was er straft, immer und überall? Die Frechheit. Den Größenwahn. Hat noch stets geklappt. Nicht die Amerikaner machen mir bange – das Ganze. Die Hybris. ›Ich lehre euch den Übermenschen‹ – uns, die ohnehin nie genug kriegen. Das ist es. Jetzt sammeln sie im Westen ein Heer an, wieder mal das größte der Welt, Deutschlands letztes. Leute, die zugleicherzeit Reichskanzler und Oberfeldherr sein möchten. Clauss – kennen Sie Clauss? – hat da Bedenken. Unserem Prinzen nicht verborgen. Strategen, die ihre Hände gleichzeitig überall haben, in Kurland, Polen, auf der See und an der Front. Befehlen, drohen, schikanieren. Wollen alles allein machen, wissen besser. Stänkern gegen jeden dritten – keine Ahnung, wieviel der Mensch bestenfalls erträgt. Jeder einzelne Repräsentant der Kaste, der Weltordnung. Jetzt sind diese Leute noch im Gewinn, da können sie großzügig sein, humoristisch. Aber lassen Sie sie erst einmal in Verlust geraten. Was für Zähne die dann plötzlich weisen werden. Gegen all und jeden. Wer immer ihnen in den Weg tritt. Dann wird eben Deutschland besetztes Gebiet, und basta. – Ja, ja, ja«, er pustete, lallte, sank in sich zusammen, trocknete die Augen. »Groß ist die Diana der Epheser, hinter Wolken versackt die der Deutschen, und der kleine Hellingrath nun auch ein Plunder. Weidmanns Heil in Kowno, Kamerad.« Das Glas entfiel seiner Hand, blieb weich auf dem Teppich liegen. Sein Kinn auf den Kragen gepreßt, mit hängenden Armen, ging er in Dunkel ein, in undeutliche Bilder, in Schlummer.

Winfried schlief längst.

Zweites Buch

Strom, Gegenstrom

Erstes Kapitel

Eine Abteilung von Ober-Ost

Die Stadt Kowno stemmt sich demjenigen, der sie von Krasny Dwor her aufsucht, entgegen wie der Bug eines Schiffes. Sie wiederholt im Großen die Lage der gesprengten Kapelle an der Newiatza-Mündung, im Winkel zwischen den Flüssen Wilja und Njemen errichtet, und von denselben ritterlichen und habgierigen Gründern. Aber dieser älteste Kern hat seine Bedeutung längst an jüngere Teile abgegeben, nur noch eine Benediktinerabtei mit schöner Doppelturmkirche, kleine Gassen für die Ärmsten und eine riesige Turmruine füllen das Dreieck aus, das im Frühling allzu leicht überflutet und den ganzen Sommer über von Mücken heimgesucht wird. Erst wenn man einige Wochen in Kowno heimisch ist, versteht man die Anlage dieser wichtigen Festung und Holzhandelsstadt, die sich, zwischen Flüssen und Hügeln eingeengt, nur längs des Njemen ausdehnen kann. So entwickeln sich lange Straßenzüge und kurze Querstraßen, je weiter weg von den Flüssen, desto neuer, bis eine russische Kathedrale die Hauptstraße abschließt wie der Korb einen Degen. Weit weg im Lande liegt der Bahnhof, den eine Pferdebahn mit der Stadt verbindet. Durch die große Stille der beschneiten und blitzenden Landschaft schallt manchmal das Pfeifen der Lokomotiven, weht ihr schwarzer Rauch. Die Russen haben Kowno ausgeleert; als sie die Stadt räumten, nahmen sie an vierzigtausend Einwohner mit, ausnahmslos Juden; in die leergelassenen Häuser aber zogen andere Juden ein, die Dörfer und Städtchen rund um die Festung ergossen sich in sie. Trotzdem macht Kowno keinen allzu lebhaften Eindruck auf denjenigen, der über die Wilja-Brücke und durch die Altstadt in einem grauen Automobil gefahren wird und sich überall neugierig umsieht, den Lebenskreis auszuschnuppern, der einen von jetzt an aufnehmen soll: Feldgraue, schwarze Juden, bleich, mit Schläfenlocken, Frauen in grauen oder roten Umschlagetüchern, viele Kinder. Es wird auszukundschaften geben, denkt er vergnügt, merkwürdige Baulichkeiten, kathedralenartige, dorfartige, kleinstadtartige, alles eng beieinander. Und nur die breite Kaiser Wilhelmstraße mit ihren Baumreihen und den niederen Häuserzeilen rechts und links macht einen großzügigeren Eindruck, als der Wagen vor der Offiziersunterkunft II bremst und der Fahrer von Ober-Ost dem Hauptmann vom A. O. K. Lychow die Koffer ins Zimmer trägt. Nach Krasny Dwor wirkt dieses Hotelchen eigentlich dürftig.

»Wollen Sie sich mit diesem Pott auf dem Kopfe bei Baron Ellendt melden?« fragte Oberleutnant von Gorse-Wilding, als er den neuen Kameraden abholte. »Warum nicht?« staunte Winfried, »ich habe keinen anderen Helm.« Herr von Gorse lachte: »Werden sich einen kaufen. Geht hier schlecht ohne. Na, werden schon sehen.« Winfried dachte: was sich die Leute nicht alles einbilden! Bei einer popligen Abteilung von Ob.-Ost wird’s, wenn nicht der Stahlhelm, doch die Mütze tun. Er betrachtete von der Seite seinen Begleiter, der sich ihm als Offizier vom Gästeempfang und der Diensteinführung vorgestellt hatte: ein langer Mann, gut gewachsen unter der Pelerine, mit frischfarbigem Gesicht, kleinem Bärtchen und blaßblauen Augen voll intelligenten Humors. Sie machten den Weg zusammen, den Winfried von nun an jeden Tag viermal als Dienstweg gehen sollte: ein Stück die Kaiser Wilhelmstraße hinauf, links in eine Nebengasse. Und dann standen sie vor einem weißen Hause. Einem Hause? Winfried riß die Augen auf. Ein ungeheurer Kasten, von der Länge einer Regimentskaserne und drei Stock hoch, füllte die eine Straßenseite. Seit der Münchener Universität hatte er ein Bauwerk von ähnlichem Ausmaß nicht mehr erblickt. »Da soll ich hinein? Was ist denn da alles drin?« Eine Art Platzangst bemächtigte sich seiner. Er hatte die letzten Jahre nur in Dörfern gehaust, in Unterständen, Kellern, Schulhäusern, mit Lychow in Schlößchen und Villen. »Was da drin ist«, antwortete der Oberleutnant, »ein gutes Stück Abteilung Fünf. Beileibe nicht die ganze.« Damit führte er Winfried an einem Pförtnerhäuschen vorüber, in dem Soldaten an einem großen Telefonschrank saßen, und über Treppen durch einen endlosen Gang im ersten Stock. »Mal erst zu mir«, erklärte er freundlich, »zum Aufwärmen und zum Eingewöhnen. Als wir hier einzogen, verschlug es uns zunächst auch die Puste. War mal die Festungsverwaltung der Russen. Ja, die Herren bauten nicht kleinlich. Waren auch weiß Gott nicht darauf angewiesen.« Und er lachte wieder sein sympathisches Baßlachen. Im Verlauf der Stunde auf seinem nüchternen Zimmer, ohne Gardinen und mit rotgrauem Läufer, begann Winfried sich von der Betäubung zu erholen, die der erste Eindruck und Herrn von Gorses Erklärungen ihm zugefügt. Abteilung Fünf enthüllte sich nicht als Abteilung eines Stabes, sondern als eine Regierung. Freiherr von Ellendt, Hauptmann der Landwehr, war ein Regent. Zum Glück händigte von Gorse dem Neuen gleich gedruckte und getippte Blätter aus, sogenannte Verteilungspläne, und erläuterte sie ihm bei einem Glas Tee und vielen Zigaretten.

Da war zunächst die Hauptsektion P, Politik, mit ihren Untersektionen 1 bis 6. Sie kümmerten sich um alles, was in einem bevölkerten Lande vorkam: allgemeine politische Angelegenheiten, Verkehr mit der O. H. L. und den Reichsbehörden, die Fremdenpolizei, die Auslandsdeutschen, die Unterstützungssachen. Alles das war Amtsbereich des Oberleutnants von Gorse-Wilding selbst, der sich später als rechte Hand des Freiherrn von Ellendt herausstellte, eine intelligente Hand, eine leichte Hand. Andere Herren in anderen Zimmern befaßten sich mit den speziellen politischen Problemen der Litauer, Polen, Weißruthenen, Juden, mit Landeskunde und Statistik, mit einem Verwaltungsarchiv, der Bücherei und Kartensammlung, dem Beschwerdewesen, mit Verfassungsfragen und all dem Ärger, den die Taryba machte, die litauische Volksvertretung.

Einen besonders breiten Raum nahm die Verkehrspolitische Abteilung ein, genannt Hauptsektion Fünf Vp. A. Sie gestattete oder verbot den Menschen zu reisen, aus- und einzuwandern, sich aufzuhalten. Ihr unterstanden Meldewesen, Nachtverkehr und Flößerei, da Ströme auch Straßen sind. Mit ihren drei Unterabteilungen ergab dies schon neun Sektionen, alle durch einen geregelten Dienstbetrieb miteinander verknüpft, durch Fernsprecher, Ordonnanzenwege, Aktenumlauf. Und dann begann erst der eigentliche Innenbetrieb des Landes Litauen unter der Hauptsektion L, der Landesverwaltung (geleitet von Ellendts linker Hand, einem Rittmeister von Wreech). Ihr unterstand alles, was mit Polizei zusammenhing, Vereine und Versammlungen. Aufsicht über die Stadt- und Landkreise, das Armenwesen und die Gendarmerie, das Bauwesen, die Arbeiterfragen, das Wirtschaftspolitische und schließlich sogar das Militärische, soweit es sich mit Verwaltungs- und Landesangelegenheiten kreuzte.

So ging es fort durch fünf Abteilungen, von denen die des Stabsveterinärs mit dem Hygienischen Institut zur Hauptsektion S überleitete, dem Sanitätswesen. Alles, was mit der Gesundheit des Landes zusammenhing, unterstand einem Stabsarzt, der zugleicherzeit Professor war, und der sich um die ansässigen Ärzte und Zahnärzte ebenso zu kümmern hatte wie um die Kurpfuscher und Dirnen, die Krankenhäuser, die Irrenanstalten, die Lepraheime – oh, es gab auch Lepra im Lande Ober-Ost – die Feldschere und Zahntechniker. Ein Korpsstabsapotheker kümmerte sich um Apotheken und Drogen und um die Tauglichkeit der Nahrungsmittel. Die Leute neigten dazu, sie zu verfälschen und zu strecken am Ende des vierten Kriegsjahres.

Die Abteilungen Fünf U. 1 und 2 und Fünf K. 1 und 2 leisteten die Aufgaben eines Unterrichts- und Kultusministeriums. Lehrerbildung, Volks- und Privatschulen, Fach- und Fortbildungsschulen – alles ward von Abteilung Fünf bald besonnt und begossen, bald beschnitten oder ausgejätet. Für den Kultus diente Herrn von Ellendt ein Professorensohn, Leutnant von Bardeleben, als Referent: Kirchenhoheitsrechte für mehrere christliche Bekenntnisse und die Verwaltung ihres Vermögens, Verkehr mit der Geistlichkeit, einschließlich der katholischen Kirche und der jüdischen, kirchenrechtliche Streitfragen und, zu allerletzt, die Pflege von Kunst und Wissenschaft …

Hauptmann Winfried schwindelte der Kopf vor der Fülle der Gesichte und der Macht, der Namen, der Unterabteilungen und Zimmer. Aber Herr von Gorse tröstete ihn: so sei es jedem gegangen, der nicht dem langsamen Ausbau dieses Riesenapparates unter dem Genie Schieffenzahn beigewohnt, und daran gewöhne man sich so schnell wie an Essen, Trinken und das Gegenteil. Ja, um den Eindruck von Abteilung Fünf zu vollenden, müsse man eigentlich noch die Kownoer Zeitung mit hinzurechnen, das litauische Regierungsblatt Dabartis, die Druckerei Ober-Ost und, wolle man weitergehen, das Buchprüfungsamt und die Presseabteilung. Ähnliche Riesengebilde bearbeiteten Justiz und Finanz, Wirtschaft, Post, Eisenbahn und Forsten – oh, der Stab Ober-Ost hatte Arbeit genug und bewältigte sie mit einer Mindestzahl von Offizieren, Zivilbeamten, Unteroffizieren und Mannschaften. Bei dem Worte Presseabteilung stutzte Hauptmann Winfried: die wolle er bald besichtigen.

»Und nun sagen Sie, Herr Kamerad, kann man väterlicher für die Litauer sorgen als wir? Müssen sie sich auch noch den Kopf zerbrechen, was für einen Landesvater sie kriegen? Sollten sie doch ruhig der Fürsorge von Abteilung Fünf überlassen. Wir stellen ihnen die Ministerien, wir stellen ihnen den Fürsten – so gut wie ein Litauer möcht ich’s auch mal haben.« Und er lachte schallend, Winfried mit ihm, so sehr, daß der benachbarte Herr die Tür aufriß und um seinen Teil an den neuen Weiberwitzen bat, die der Kamerad da offenbar mitgebracht.

 

Als Winfried gegen Ende dieser verwirrenden und bedeutenden Stunde im Zimmer des Herrn von Gorse fragte, wann er sich bei seinem neuen Chef melden dürfe, sah der Oberleutnant ihm nachdenklich ins Gesicht: »Eigentlich erst um sechs, nach dem Dienstplan, ich glaube aber, da Sie’s sind, schon um zwölf.« In einem lustigen Hin und Her erklärte er dem Neuen, dieses ›Sie‹ bezöge sich nicht auf seine Person, sondern auf die Tatsache, daß er in Sektion P arbeiten, also zum engsten Kreis um Ellendt gehören werde und daher baldmöglichst unterzubringen sei. Winfried blickte an sich hinab. Er war so anständig und dienstgemäß gekleidet, wie es dem Adjutanten einer Frontdivision nur entsprach. Er hatte Helm und Handschuhe bei sich, seine Auszeichnungen angelegt, an seinem Aufzug fehlte nichts Notwendiges. Nur daß dieser Helm eben ein Stahlhelm war, seine Hosen in ledernen Gamaschen endeten, denen man ihre Kriegsjahre ansah, sein Offiziersdolch in einer graulackierten Blechscheide steckte, bestoßen an manchen Stellen, und seine Handschuhe abgetragen waren – so tüchtig abgetragen wie sein Waffenrock oder die Breeches. Und Winfried machte die Erfahrung, daß man in Merwinsk, dem Divisionsquartier, ein eleganter Adjutant unter lauter schiefgezogenen Frontröcken sein konnte – durch eine winzige geographische Veränderung aber in Kowno ein ruppiges Frontschwein unter lauter pikfeinen Etappenleuten. Selbst seine Achselstücke mit den zwei Sternen wirkten kahl neben den blitzend silbernen des Oberleutnants von Gorse, die nur einen aufwiesen. Aber alle Bedenken dieser Art warf er mit unmutigem Schnauben zum Krempel: war er, zum Donnerwetter, nach ein paar Stunden in dieser verwünschten Stadt schon solch ein Idiot, daß er sich Anzugsorgen machte? Baron von Ellendt wußte, wie er aussah; er hatte ihn nicht als Schneiderpuppe, sondern als Verbindungsmann zum Oberbefehlshaber der Ukraine in die Abteilung übernommen …

Zwölf Minuten vor zwölf hob Gorse den Telefonhörer ab und verlangte Hauptmann von Ellendt. Gleich danach bat er, zehn Minuten früher anklopfen und Hauptmann Winfried zur Meldung mitbringen zu dürfen. Als er den Hörer wieder hinlegte: »Genehmigt«, sagte er. »Der Chef ist schlechter Laune. Wird manchem Mann den Kram verderben, denn Leutnant Palgraebe legt nach dem Essen die Urlauberlisten vor. Ellendt durchliest sie sehr genau; sein verdammtes Gedächtnis werden Sie noch kennenlernen. Wir haben zwei Leute eingeschmuggelt. Ist Ellendt gut aufgelegt, so übersieht er die außertourlichen Erscheinungen; im Gegenfalle streicht er sie. Heute wird er sie streichen, ich höre es am Ton. Armer Leutnant von Crewen, armer Herr Schmalstich, es hat nicht sollen sein.« Winfried fand es im Stillen nützlich für sich, gleich auf das Menschliche seines neuen Chefs gestoßen zu werden. Während jener Beratung hatte der Freiherr von Ellendt bei ihm den Eindruck hinterlassen, als sei er über Launen und Stimmungen längst weg. Der Alltag sah anders aus; gut, das zu wissen.

Zehn Minuten vor zwölf traten Winfried und von Gorse durch eine Tür, an der ein Schild befestigt war: Kein Eintritt, Meldung auf Zimmer 17. Ellendt sah stirnrunzelnd auf, nickte kurz, legte einen Blaustift weg, erhob sich, ging Winfried entgegen. Er bat ihn, Platz zu nehmen, beklagte sich nach einigen einleitenden Sätzen über den Ärger, den dieses halsstarrige Land allen Wohlmeinenden bereite, und fragte dann ziemlich unvermittelt, wann er wohl das Protokoll der Besprechungen in Krasny Dwor werde sehen können. Er stelle ihm vom Nachmittag an eine Stenotypistin zur Verfügung. »Wann, Herr Hauptmann, glauben Sie fertig zu sein?« Geht ja forsch vor, dachte Oberleutnant von Gorse. Schön, da kriegt der Neue gleich einen Begriff von unserem Tempo. Aber der Neue entgegnete unverzagt: »Sofort«, knöpfte seinen Waffenrock auf und überreichte in einem Briefumschlag ein eng gefaltetes und beschriebenes Protokoll. Der Hauptmann sah ihn groß an, lächelte, während er die Blätter glättete, und fragte, wie das zustandegekommen sei. Winfried erklärte, Major von Krottmayr habe ihn gebeten, nach der Abfahrt von Exzellenz noch zwei Tage im Schloß zu bleiben und die gemeinsame Niederschrift gemeinsam zu bearbeiten; es hatte sich gut getroffen, daß sie beide keine Freunde der langen Bank waren. »Keine Freunde der langen Bank«, nahm Hauptmann von Ellendt Winfrieds Wort auf, »das wärmt einem den Magen. Sie leisten uns einen Dienst von Gewicht, Herr Hauptmann. Jetzt können wir sofort zu Maßregeln schreiten und die Litauer davon überzeugen, daß Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschen Stellen nicht bestehen, daß es nur eine deutsche Politik gibt und die Unklarheit, die dem Lande so schade, in Wahrheit eine Erfindung ihres Herrn Hemmerle ist. Infolgedessen verweigert die Vp. A. dem Vorstand der Taryba, der nach Berlin fahren will, die Pässe mit vollem Recht, und der Herr Reichskanzler kann von diesem Empfang bei seiner Überlastung bestens dankend Abstand nehmen. Gönnen Sie mir einige Sekunden.« Er entnahm einem Stoß von Mappen eine blaue mit der Aufschrift Vp. A. und schrieb mit eiligem Bleistift ein paar Zeilen an den Schluß einer Eingabe. (Später lernte Winfried die Abstufungen an Wichtigkeit begreifen, die Konrad von Ellendt durch Blei-, Blau- und Rotstift ausdrückte.)

Befriedigt lehnte Gorse an der Wand: der Neue hatte sich gut eingeführt, einen warmen Wind erzeugt und manches fast erfrorene Blümchen wieder gekräftigt. Winfried dachte, daß der Abgeordnete Hemmerle eigentlich stolz sein konnte auf die Gemütsbewegungen, die er hier auslöste. Die Arbeit am Bericht und Krottmayrs Erklärungen hatten ihn gelehrt, daß mit dem Namen Hemmerle etwas für Ob.-Ost recht Hassenswertes verknüpft war; was, hatte sich nicht ergeben. Ob er Ellendt einfach fragte? Über diesen Punkt Bescheid zu wissen, gehörte vielleicht nicht zu seinem Dienst, aber keinesfalls konnte es schaden. Als Ellendt die Mappe schloß, fragte er also: »Darf man gehorsamst um Auskunft bitten, was es mit dem Herrn Hemmerle auf sich hat?« – »Natürlich dürfen Sie, alles und jedes, besonders da Einmütigkeit der Auffassungen unsere Pflicht, ja Voraussetzung ist. Der Name Hemmerle kann Ihnen nicht unbekannt sein.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Einsetzung eines Königs" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen