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Einsames Lachen

I. Kapitel

1

„So eine Gemeinheit!“ schimpfte Ninne und wischte sich die Tränen ab. Ihre Sandburg war zerstört.

„Wir bauen eine neue“, tröstete ihn sein Freund Linde. „Komm, wir machen Schularbeiten!

Ninne rümpfte die Nase. „Jetzt… schon?“ Er sog die milde Frühlingsluft ein und guckte einer Taube nach. „Sollen wir nicht lieber zum Springbrunnen…?“

Ein Mädchen in einem roten Kleid mit weißen Pünktchen kam von der anderen Straßenseite herüber und sprach ihn an: „Musste nich traurich sein nich… Kleene… willste ´n Stück Schokolade?“

Ninne musterte sie. „Bin kein Mädchen!“

„Siehst aba aus wie eens.“

„Bin ich nicht. Bin ein Junge!“

Das Mädchen kniff ein Auge zu und zupfte sich am Ohrläppchen. „Und wie heißte?“

„Ninne… Bin neun.“

„Komischa Name – willste ´n Stück?“

Er streckte seine Hand aus, doch Linde zog ihn von dem Mädchen weg und flüsterte ihm ins Ohr: „Komm schnell, die ist doof.“

„Ick will de Kleene nich verjiften nich“, empörte sich das Mädchen, „und biste ja nur eifasüchtich mit deine komischen Polkalocken.“

Linde schwieg und drehte sich weg.

„Nüscht für unjut“, sagte das Mädchen und steckte die Schokolade wieder in das gestrickte Täschchen, das an einem blauen Bändchen um seinen Hals hing. „Machs jut kleene Ninni.“

Ninne schaute den weißen Pünktchen nach, die wieder über die Straße hoppelten und vor dem Gemüseladen im Nachbarhaus stehen blieben.

„Die ist nicht gut“, grollte Linde und hob seine Schulmappe auf, „ist ´ne Schulschwänzerin.“

Ninne kniete sich hin und grub die Hände in den Sand; sein Blick suchte nach dem Fähnchen, das auf dem Burgfried gesteckt hatte.

„Da ist ein Gesicht hinterm Vorhang“, bemerkte Linde, „ da guckt einer.“

„Was für ein Gesicht?“ Ninne stand auf und klopfte sich den Sand von der Hose.

Linde zeigte auf ein Fenster. „Da drüben im zweiten Stock, hinter der Gardine… Der denkt wir sehen ihn nicht. Komm jetzt!“

2

Krille stellte sich vor einen Stapel Obstkisten neben ihrer Haustür und legte die Hände an den Mund. „Doofa Blödaffe!“ rief sie über die Straße und stampfte mit dem Fuß auf. „Ick will de kleene Ninni nüscht tun nich … und kannste dir an Pulla fassen olla blöda Pudelkopp!“

Mit einem Ruck wandte sie sich um und stemmte die Schulter gegen die schwere Eichentür. Als sie in den halbdunklen Hausflur trat, sprang ein mit einem Gardinenfetzen umwickeltes Gesicht auf sie zu. „Du Sau!“ fauche es sie an. Sie riss die Arme hoch, wollte sich schützen, doch es war schon zu spät. Ein Faustschlag riss ihre Oberlippe auf, ein zweiter die linke Augenbraue. Sie taumelte gegen die Wand, versuchte zu entkommen, doch das Gardinengesicht setzte nach und packte sie an der Kehle. „Keen Mucks!“ zischte es durch den Fetzen. „Schön Fresse halten!“ Für einen Augenblick glaubte sie, die Stimme zu kennen, aber der Schmerz raubte ihr das Erinnerungsvermögen. „Ab de Post!“ befahl die verstellte Stimme. Ein harter Stoß trieb sie zum Kellereingang.

3

Als Ninne von Linde zurückkam, lehnte er die Schulmappe an die Laterne vor seinem Haus und schaute nach dem Mädchen mit dem Pünktchenkleid. „Na du süßer Fratz“, hörte er die Stimme der Gemüsefrau hinter sich, „spielst ja heute gar nicht im Sandhaufen.“

Er wandte sich um. „Unsere Burg hat einer kaputt gemacht.“

Die große Frau machte sich ein Stück kleiner und streichelte mit ihrer rauhen Hand seine Wange. „Ist doch nicht schlimm, Ninneherzchen. Da baut ihr einfach eine neue, du und der kleine Graf, und der Sandhaufen rennt ja nicht weg.“

„Und wenn die wieder einer…“ Ein Bauarbeiter steuerte auf der anderen Straßenseite seine Schubkarre auf den Sandhaufen zu.

Die Hand der Gemüsefrau fuhr wie eine Raspel über seine andere Wange. „Allmächtiger, der hat ja ´ne Schippe bei sich… Na denn komm mal und hol dir ´n schönen großen Appel ab.“

Als er mit einem dicken rotbäckigen Apfel in der Hand aus dem Gemüseladen heraus kam, war der Bauarbeiter schon bei der Arbeit. Er hackte seine großen Schneidezähne in das fruchtige Fleisch und schaute dem Mann zu: Schippe für Schippe und Karre für Karre wurde der Sandhaufen kleiner. Für eine Burg reichte das nicht mehr. Er spuckte die Kerne aus, warf den Griebs in die Luft und schoss ihn mit dem Fuß auf die Fahrbahn. „Schade“, murmelte er und ging ins Haus.

„Da bist du ja, Liebling“, empfing ihn die Mutter mit ausgebreiteten Armen. „Kommst du von Leopold?“

„Ja, Schularbeiten…“ Er schmiegte sich an sie, lauschte ihrem Herzschlag und weinte.

„Was ist, was hast du, Ninnepüppchen?“ Sie nahm sein Gesicht in die Hände und küsste die Tränen weg.

„Unsere Burg hat einer zertrampelt.“

„Das ist aber schade, die war doch so schön! Leider gibt es schlechte Menschen, Liebling. Du musst dich vor ihnen hüten… Das Böse lauert überall.“

Er schaute in ihre braunen Augen und drückte sich noch fester an sie. Was war das Böse, wie sah es aus? Er ahnte nicht, wie dicht es ihm schon auf den Fersen war.

4

Zwei Wochen später saßen sie bei Linde auf dem Balkon und mäkelten über ihren Erdkundelehrer, als Ninne mit einer Handbewegung jäh das Gespräch abschnitt. „Guck mal schnell!“, gellte er und zeigte auf ein buckliges Männchen, das sich mit einer Hand an der grün gestrichenen Pumpe auf der gegenüberliegenden Straßenseite festklammerte und mit der anderen gegen einen Terrier ankämpfte, der es umzureißen drohte.

Linde stellte seinen Kirschsaft ab. „Der sieht ja komisch aus.“

Ninne lachte. „Stimmt, wie ein Klabautermann am Mast… Das ist Tarzan und sein Leopardenhund. Der wohnt bei uns im Hinterhaus.“

Linde schüttelte seinen Lockenkopf. „Find ich lustig – der und Tarzan! Von dir?“

„Von Frederic.“

„Ich finde das nicht gut von deinem Bruder, Ninne“, mischte sich Lindes Mutter mit einem Seitenblick auf ihren Sohn ein, „dir so etwas beizubringen. Der arme Mensch da unten hat genug zu leiden.“

Ninne hielt sich die Hand vor den Mund und gackerte: „Gucken Sie doch mal, Frau von Lindendorff, was der Tarzan jetzt macht!“

Lindes Mutter beugte sich über die Brüstung. „Der schlägt ja das Tier mit einer fürchterlichen Peitsche“, erregte sie sich, „der schlägt ja wie verrückt auf das wehrlose Tier ein… Zum Glück trifft er es nicht richtig!“

Tarzan gewann die Oberhand, bändigte durch bessere Treffer den Terrier und nahm ihn kurz an die Leine. Das Gelächter auf dem Balkon schien ihm nicht entgangen zu sein; sein spitzes Fuchsgesicht pellte sich aus dem hohen Mantelkragen und legte sich schräg auf die Seite. Sekundenlang richteten sich zwei Augenschlitze auf Ninne.

„Der sieht ja wie ein Teufel aus“, bemerkte Linde.

„Leopold“, ermahnte ihn seine Mutter, „man redet nicht so über Menschen.“

„Nein, so wie ein Tollwutzeichen“, wandte Ninne ein und malte ein spitzes Dreieck in die Luft. „Da ist ein Fuchs drauf und darunter steht Tollwutgefahr.“

Lindes Mutter schmunzelte. „Stimmt!“ pflichtete sie bei. „Letzten Sommer sah ich so ein Schild am Waldrand – der hat so ein Gesicht.“

„Der quält Tiere.“

„Na, nun nicht übertreiben, Ninne! Hast du das gesehen?“ Ihr Gesicht wurde eine Spur ernster.

„Der sperrt Mäuse in Gläser und dann wirft er sie in die Mülltonne. Ich hab schon welche gerettet, und mich will er auch einfangen…“

„Weil du ihn ärgerst, oder?“

„Frederic hat Tarzan gerufen, da musste ich lachen.“

„Ich pass auf dich auf“, versprach Linde. Seine Mutter lächelte und streichelte ihre Köpfe.

„Habt ihr noch einen Wunsch?“ fragte sie. „Ich muss gleich weg.“

Linde schaute auf seine Armbanduhr. „Das Mädchen vom Gemüseladen kam neulich zu uns.“

„Mädchen vom Gemüseladen – was für ein Mädchen?“

„Mit der ich nicht spielen soll.“

„Ach die… von den Portiersleuten. Du meine Güte! – Was wollte die denn?“

„Ninne Schokolade geben…“

Lindes Mutter machte ein Gesicht, als hätte sie auf einen Kirschkern gebissen. „Schokolade? – Unglaublich!… Warum wollte sie dir denn Schokolade geben?“

„Weiß ich nicht.“

Linde verdrehte die Augen. „Kleine hat sie zu Ninne gesagt, Mama.“

Ein mildes Lächeln glättete ihr Gesicht und gab ihm seine feinen Züge zurück. „Ihr seht ja auch aus wie Bruder und Schwester… wenn man euch so zusammen sieht, ich meine, wenn…“ Sie blickte Ninne an. „Aber lass dich nicht mit der ein, Maurice!“ erhob sie noch einmal ihre Stimme, „das Mädchen taugt nichts… So, Kinder, ich muss jetzt los.“

Ninne schaute auf die Straße. Maurice war zwar sein richtiger Name, doch sprach man ihn selten so an. Selbst die Lehrer sagten Ninne zu ihm, und nur wenn es um etwas Ernstes ging, redeten ihn seine Eltern so an. „Hat die was Schlimmes gemacht?“ wollte er von Linde wissen, als sie beide allein waren.

Linde wühlte in seiner nussbraunen Lockenpracht, die seinen Kopfumfang verdoppelte. „Die will immer Arzt spielen und alles angucken…“

„Macht das Spaß?“

„Weiß nicht… Mama sagt, die ist verdorben, und ich soll nicht mit der spielen… Ich find die doof. Wir machen Schularbeiten. Komm!“

5

„Ninne, Ninne!“ riefen die Kinder aus der Nachbarschaft, als er sich mit Schulzeug und Büchern bepackt auf dem Bordstein wie ein Schienenfahrzeug heranschob. Lindes Mutter, die einen Buchladen betrieb, hatte ihn wieder reichlich beschenkt; und wie sein Freund konnte er schon vor der Einschulung lesen und verschlang seitdem ein Buch nach dem anderen. Gleich nach der Mittagsruhe wollte er sich über „Sindbad der Seefahrer“ hermachen.

„Wir wollen Versteck spielen“, platzte Klein Moni vom Uhrmacherladen in seine Gedanken und pflanzte sich wie ein Prellbock vor ihm auf, „und du musst in die Munke!“

Er mochte Klein Moni nicht. Sie war ein Jahr älter als er und schien seit einiger Zeit nur noch in die Breite zu wachsen. Einen Augenblick war er versucht, dem stämmigen Plagegeist auszuweichen, der aus geringstem Anlass kreischte und ihn seit Wochen abfing, wenn er von Linde kam. Aus Neugier blieb er aber stehen und fragte: „Und warum soll ich in die Munke?“

„Weil du doof bist.“

„Gar nicht“, entgegnete er und wollte ausscheren, doch Klein Moni trat dicht an ihn heran und breitete die Arme aus. „Lass mich durch“, verlangte er, „ich will nicht mit dir spielen!“

Klein Monis Pupillen schrumpften zu Punkten. „So“, erboste sie sich, „ mit mir willste nich spieln… aber mit dem doofen blöden Peter spielste Straßenbahn… Ja, mit ´nem Doofen spielste.“

Ninne fühlte, wie ihm die Röte bis unter seinen Pony kroch. Bemerkte sie das? Er stellte sich immer bei der grünen Pumpe auf den Bordstein und spielte Straßenbahn, wenn er von Linde kam. Nur „Bimmelbimmel!“, wie der bleiche, hohlwangige Junge, den alle den Blöden nannten, schrie er nicht dabei. Die Bordsteine waren die Gleise, die Laternen die Haltestellen und Peter der Triebwagen. An manchen Tagen sauste Peter stundenlang die von Ahornbäumen gesäumte Straße auf dem Granitstreifen hin und her und regte die Leute mit seinem Geschrei auf; und wenn Ninne als Anhänger hinterherlief, beschimpften sie ihn als Mistkröte.

„Siehst aus wie ´ne Tomate“, feixte sie. Ihre kleinen Augen glänzten wie Hornknöpfe.

„Meine Mama sagt, der Peter ist nicht doof, der ist krank“, verteidigte er seinen Spielgefährten.

„Deine Mama soll dir lieber mal die Hosen stramm ziehn und nich so verpäppeln und dir die langen Loden abschneiden, hat mein Pappi gesagt.“

„Hosen stramm ziehen…“, äffte er sie nach und blickte auf die eingesenkte Nase in ihrem breiten Gesicht. „Du siehst aus wie ein plattgedrückter Frosch.“

Klein Moni ließ die Arme herunter fallen, kreischte und raste quer über die Straße zu ihrem Vater, der seine restlichen Haare mittels Pomade zu streichholzdicken Drähten zwirbelte und sie über den fleckigen Schädel von einem Ohr zum anderen spannte.

Er schaute ihr hinterher und wartete auf den Auftritt des Uhrmachermeisters, der Sekunden später aus dem Laden herausschoss und seine fingerdicken Brillengläser wie Scheinwerfer auf ihn richtete. „Ungezogene Rotznase!“ hallte es herüber. „Von wegen breitgequetschter Frosch! … Das sage ich deiner Mutter.“

„Doofe Petze“, murmelte Ninne und trat vom Bordstein herunter. Nach wenigen Schritten umzingelte ihn die Kinderschar. „Was hat Klein Moni?“ wollte Janette wissen.

„Zahnschmerzen“, antwortete er.

„Warst du böse zu ihr?“ fragte Kurtchen, ein hochaufgeschossener, weißblonder Junge von zwölf Jahren, der sich gerne vor Mädchen aufspielte.

Ninne zog eine Grimasse und drehte sich weg. Was wollte denn dieses Marzipanei auf Spinnenbeinen von ihm?

„Du warst böse zu Moni, nicht?“ wiederholte Kurtchen und ließ nicht locker.

Ninne versuchte auszuweichen, doch Kurtchen verstellte ihm mit einem Bein den Weg und schubste ihn. Das erzürnte Ninnes elfjährige Freundin Katja. „Pfoten weg, du feige Sau“, schrie sie Kurtchen an, „sonst kriegste Kloppe!“

Die anderen Mädchen stellten sich hinter ihre Anführerin. „Hau doch ab du hässlicher Plumpsack!“ beschimpften sie den ungelenken Jungen.

„Ich tu ihm gar nichts, mache nur Spaß“, heuchelte Kurtchen.

Mit einem hämischen Zug um den Mund betrachtete Katja seinen feisten Oberkörper, der auf den langen dünnen Beinen wie ein aufgespießtes Stück fettes Fleisch aussah. „Du kennst ja meinen Bruder, du scheinheiliger Sack“, warnte sie ihn, „der haut dir ´n paar runter, wirste pampig.“

Sie kehrte Kurtchen den Rücken zu und wandte sich an Ninne: „Wir wollen Versteck spielen, machste mit?“

Ninne zögerte mit der Antwort. Seine Mutter wartete mit dem Essen und nach der Mittagsruhe wollte er lesen. Aber Katja hatte sich wieder einmal für ihn eingesetzt. „Na gut“, willigte er ein.

Die Kinder standen schon im Kreis, als er das Mädchen bemerkte, das ihm zwei Wochen vorher Schokolade geben wollte. Es stand ein paar Meter abseits und schien mitspielen zu wollen, aber die anderen beachteten es nicht. Er winkte es heran. Das Mädchen lächelte und kam näher. Es war in Katjas Alter, hatte aber schon einen Busen. Über seinem linken Auge klebte ein Pflaster. „Hast du dich verletzt?“ fragte er, als es vor ihm stand.

„Bin hinjefalln und is nich schlimm nich.“

„Wie heißt du denn?“

„Christa oder ooch Krille.“

„Spiel doch mit!“

„Au, ja!“ jubelte sie und drehte sich wie ein Kreisel.

Doch als sich Krille in den Kreis stellen wollte, rückten die Kinder eng zusammen. „Wir wollen nicht mit der spielen“, murrte Janette von der Drogerie, „die hat ´n Verbrecher als Vater.“

Katja vom Hutladen verzog das Gesicht. „Die schwänzt die Schule und wäscht sich nicht.“

Kurtchen durfte nicht mit Krille spielen. Sein Vater war Polizist und hatte ihm das strengstens verboten. „Die hat Läuse“, behauptete er und tat so, als juckte ihn schon der ganze Körper.

Ninne guckte zu Detlef vom Lebensmittelladen, aber der pummelige Junge mit den honigfarbenen Hamsterbacken, die wie immer mit Süßigkeiten gefüllt waren, blickte nicht einmal von seiner Bonbontüte auf. Doch enttäuscht war er nur von Katja. Mit ihrer langen schwarzen Mähne war sie die wildeste von den Mädchen und die einzige, die mit ihm in den Ruinen herumkletterte und mit ihm Höhlen baute. „Wenn Krille nicht mitspielen darf, mach ich auch nicht mit“, sagte er und bückte sich nach seinen Sachen.

Katja warf ihr hüftlanges Haar nach hinten; ihre dunklen Augen glühten. „Spielverderber“, fauchte sie ihn an, „oller… blöder Spielverderber!“

„Was hat er denn gemacht, Katja?“ vernahm er die Stimme seiner Mutter, die unbemerkt herangetreten war.

Katja errötete. „Na ja, nein, nichts… wir haben nur…“

„Und warum sagst du so etwas Hässliches zu Ninne? – Ich dachte, du bist ein gut erzogenes Mädchen.“

Katja brach in Tränen aus. „Na weil… Ninne mit… der da… spielen will“, stotterte sie und zeigte auf Krille.

Seine Mutter zog die Augenbraue hoch und nestelte an ihrem tadellos sitzenden Kostüm herum, als hätte es plötzlich Falten geschlagen. „Ist das wahr, Maurice?“ wandte sie sich an ihn.

Er antwortete nicht, schaute zu Krille, die wie eine arme Sünderin mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf vor den Kindern stand. Im nächsten Moment lief sie auf die andere Straßenseite, setzte sich auf den Bordstein und legte den Kopf auf die Knie. „Jetzt weint sie“, sagte er zu seiner Mutter, „Sie soll aber nicht weinen.“

„Ist ja gut, Liebling“, beruhigte sie ihn. „Vertrag dich wieder mit Katja. In einer Stunde bin ich zurück. Frederic kann dir das Essen warm machen.“

6

Die fünf Frauen, die vor dem Spielzeugladen ihr Schwätzchen hielten, während ihre Kinder mit den Nasen blanke Bahnen in die Staubschicht auf der Schaufensterscheibe rieben, unterbrachen ihren Klatsch, als sie Ninnes Mutter erblickten. „Da kommt ja die vornehme Dame“, bemerkte eine Blondine, die durch ihr aufgetürmtes Haar die anderen überragte, „und ´n teuren Fummel hatse ooch schon wieder uff´n Arsch.“

„Einjebildete Ziege“, meldete sich die nächste, die trotz gleicher Gesichtshöhe einen Kopf kleiner wirkte als die Platinblonde, da ihre fettigen Haarsträhnen wie Bandnudeln an ihrem breiten Schädel klebten.

„Aber bildhübsche Jungs hatse“, schwärmte ein gemütliches Butterfass, „besonders der Kleene is ´n richtiges süßes liebes Schnuckelchen zum Uffressen… Und wie der guckt und wie der lächelt!“

„Nu machen Se mal ´n Punkt!“, fuhr ein grauhäutiges Halbgerippe dazwischen und zeigte dem Fettkloß einen Vogel.

„Eben!“, unterstrich die fünfte in der Runde. „Der eene is nämlich ja keen echta Bengel und is sowat wie ´n Zwitta und der andre is ´n Deibel… Wissense, wat der zum Friseurlehrling um de Ecke, zur Jisela, jesacht hat?“

Die Turmfrisur hob ihr Kinn und legte eine Hand ans Ohr. „Nee, keen blassen Schimmer. Die hat mir doch jestern erst det Haar jemacht… Und wat hat der Knilch nu jesacht?“

Die Frau wog ihren kleinen runden Kopf, ließ die abfallenden Schultern noch tiefer fallen und wackelte wie eine Ente mit dem Hintern, ehe sie mit dem Neuesten vom Tage herausrückte. „Also“, legte sie los, „ der hat zum Lehrling jesacht, se soll sich frühzeitig det Jesicht operiern lassen, damit se eenes Tages nich so jemeinjefährlich aussieht wie ihre Mutter. – Jibs dafür Töne?“

„Da wird ja der dickste Köter inne Pfanne verrückt“, entrüstete sich die Turmfrisur. „So ´n Lümmel! – Is aber keen Wunder bei sone Mutter.“

„Wissense“, griff die Dicke noch einmal ein, „ der Bengel is doch erst fuffzehn oder so. Aber wenn man so die Kerle hört…, hier in unser Gegend, und wat die uns Weibern so an Kopp werfen… Hörnse mir bloß uff!“

7

„Tut mir leid, Ninne“, entschuldigte sich Katja und streichelte ihn. Er ließ sie gewähren und stellte sich wieder in den Kreis. Janette zählte ab; er blieb übrig und musste in die Munke.

Als Munke wählten die Kinder die Ecke hinter seiner Haustür. Katja sperrte einen Türflügel auf und hakte ihn ein. „Nich schmulen“, ermahnte sie ihn, „und du dürfst vorher nich raus und musst ´ne Hand in die Ritze machen.“

Ninne steckte seine rechte Hand in den Spalt zwischen Türkante und Rahmen und zählte laut bis fünfzig. Als er tief Luft holte und „Ich komme!“ rufen wollte, löste jemand den Haken von der Wand; und ehe er begriff, was hinter seinem Rücken geschah, krachte die wuchtige Holzmasse ins Schloss. Sein Schrei verhallte im kühlen Halbdunkel der Durchfahrt wie in einer Felsenhöhle. Er sah noch Blut aus den zerquetschten Fingern spritzen, bevor er ohnmächtig wurde.

8

Krille erhob sich vom Bordstein und überquerte die Straße. Als sie vor Ninnes Haustür verweilte, bemerkte sie eine rote Flüssigkeit, die in dicken Bahnen am Holz herunterrann. Sie trat näher heran und erschrak. Vier Finger, hell und zart wie Spargelspitzen, ragten aus dem blutverschmierten Spalt heraus und zeigten auf sie. Es dauerte einige Atemzüge, ehe sie fähig war, den Türflügel aufzustoßen. Ein abgehackter Schrei entfuhr ihrem Mund, als Ninne vor ihr zu Boden sackte. „Ninni is dot“, stammelte sie, „de kleene Ninni…“ Wie betrunken wankte sie in den Gemüseladen und ließ sich auf eine Kiste fallen. „Willste hier pennen oder wieder anschreiben lassen?“ herrschte sie die Gemüsefrau an und machte Miene, sie zu packen und hinaus zu werfen.

Sie schaute zu der grauhaarigen Frau mit dem altmodischen Dutt hoch. „Jagense mir nich weg nich“, bettelte sie, „de kleene Ninni liegt da und Blut und is…“

„Welche Ninni? – Na egal jetzt… wo?

„Nebenan hinta de Haustüre.“

Der Rettungswagen war kaum den Blicken der Zuschauer entschwunden, als das Gerücht aufkam, Krille hätte die Tür zugeschlagen. „ Lieber Gott nochmal, das Mädchen hat mich doch geholt, war kreidebleich… wie der Tod auf Latschen“, verteidigte sie die Gemüsefrau. „Nein, nein, das ist Unsinn!“

„Na und?“ entgegnete der Uhrmachermeister. „Das sagt gar nichts.“

Kurtchens Mutter nickte. „Genau! Das war mutwillig, bösartig, heimtückisch…“

„Das war die olle Krille“, bezeugte ihr Sohn. „Die ist rein und denn wieder rausgeschlichen… “

„Habt ihr andere Personen gesehen?“ Kurtchens Mutter schaute die Kinder der Reihe nach an.

„Nein, Frau Schönrock“, meldete sich Jannette, „nur die Krille, und die kam raus und ist zum Gemüseladen.“

„Und du Katja?“ Kurtchens Mutter legte die Hände auf den Rücken und schaute sie streng an. „Hast du was gesehen?“

„Wir wollen nicht mit der spielen!“ rief Detlef dazwischen.

„Wir machen die Tür immer fest“, antwortete Katja und schwang ihr Haar, „ hat einer losgemacht.“

Kurtchens Mutter klatschte die Hände zusammen. „Reicht! Immer dasselbe Lied, wenn verwahrloste Kinder nach ihren Eltern kommen und ohne Aufsicht sind.“

Das faltige, fahle Gesicht der Gemüsefrau lief blaurot an. „Sie hetzen die Kinder auf, Frau Schönrock – schämen Sie sich!“

Krille drückte sich derweil am Rande der Versammlung herum. Als der Aufruf ertönte, nach ihr zu suchen, versuchte sie sich davon zu machen. Doch Jannette erblickte sie und packte sie an den Haaren. Im nächsten Moment fielen die Kinder über sie her und droschen auf sie ein. Die Erwachsenen sahen weg und die Gemüsefrau war schon wieder in ihrem Laden. Als sie sich zerzaust und verbeult vom Boden erhob, überkam sie das gleiche Schuldgefühl, das sie auch nach jeder Tracht Prügel zu Hause empfand. Niedergeschlagen ging sie die wenigen Schritte zur Haustür und sperrte sie weit auf, bevor sie in die düstere Durchfahrt trat. Der Schreck von dem Überfall saß ihr noch noch frisch in den Gliedern. Ihren Vater hatte frühmorgens die Polizei abgeholt und ihre Mutter saß in der Kneipe; nur ihre älteste Schwester Irmgard, die auf den Strich ging und von der es wegen jeder Kleinigkeit Ohrfeigen und Fußtritte gab, war zu Hause und schlief ihren Rausch aus. Sie aufzuwecken bedeutete weitere Prügel. Krille tastete nach dem Schlüsselbund, das an einer Schnur um ihren Hals hing. Der Schlüssel vom Trockenboden war dran; dort hatte sie ihr Versteck und da war auch ihr Teddybär, dem Irmgard die Ohren abgesengt hatte.

„Haste meen Sohnemann jesehn?“ krächzte sie im Hausflur die viereckige Frau aus dem Vorderhaus mit ihrer verhusteten Stimme an, von der die Leute sagten, sie wäre mit ihrer speckigen Kittelschürze schon auf die Welt gekommen.

Krille musterte das mit Fischschuppen beklebte Quadrat, das mit zwei stinkenden Mülleimern auf dem Weg zu den Abfalltonnen war. „Nee“, erwiderte sie und schüttelte ihr zerkratztes Gesicht, „nich jesehn nich.“

Die Frau verlor kein weiteres Wort und ging weiter. Krille überholte sie und hielt ihr die Tür zum Hof auf. Die Mülltkästen standen an der eingesunkenen, moosbedeckten Mauer, die die Grenze zum Nachbarhof bildete. Gegenüber, im Parterre des Seitenflügels, wohnte sie. Das Küchenfenster stand offen; das brachte sie auf den Gedanken, sich eine Milchflasche von der Fensterbank zu angeln. Aber das sollte die Frau nicht sehen, und damit die schnell wieder vom Hof verschwand, nahm sie ihr die Eimer aus der Hand und kippte sie aus. Als sich der Inhalt des zweiten Mülleimers zu den Kartoffelschalen und Fischköpfen des ersten gesellte, stutzte sie: zwischen leeren Schnapsflaschen und zerdrückten Konservenbüchsen lag ein Stück Gardine, das ihr bekannt vorkam. Sie zitterte am ganzen Körper.

„Wat is los?“ wollte die Frau wissen. „Haste inne Buxen jepisst?“

Krille brachte kein Wort hervor, sah den umwickelten Kopf vor sich, spürte die Faustschläge, die Kühle des Kellers… Wie ein Tier war sie in die Finsternis getrieben worden. Sie musste vorangehen, der umwickelte Kopf leuchtete den Weg. Am Ende eines Ganges lehnte eine Sperrholzplatte an der Wand. Sie musste sie wegräumen. Eine kreisförmige Markierung aus Phosphorfarbe leuchtete auf; Modergeruch schlug ihr entgegen. „Rein!“ befahl die verstellte Stimme. Vor Angst krümmte sie sich zusammen. Über die im Krieg angelegten Fluchtunnel hatte sie schaurige Geschichten gehört: Leichen sollten in den unterirdischen Gängen herumliegen und Mädchenmörder in ihnen umgehen. Sie wollte schreien, konnte aber nicht. „Klamotten runter!“ bellte die Stimme. War das nicht ein… Junge – nicht viel älter als sie? Aber woher kannte sie ihn? Sie zögerte, knöpfte mit steifen Fingern ihr luftiges Pünktchenkleid auf. Was hatte der vor, warum sollte sie sich ausziehen? „Mach hinne, sonst knallt´s“, drohte die Stimme. Sie ließ Kleid und Unterwäsche auf den Boden fallen. Der Schein der Taschenlampe tastete ihren Körper ab. Sie musste sich drehen, bücken, strecken, sich hinhocken und die Schenkel spreizen. Der Lichtkegel richtete sich auf ihre Schamspalte. „Haste schon Jefühle inne Punne?“ forschte die Stimme. „Fidelste dir schon een ab?“

Die Kellertür knarrte, das Licht ging an, Schritte näherten sich. Der Junge zerrte sie in das Loch und knebelte ihr mit ihrem Schlüpfer den Mund. Doch sie dachte nicht daran, um Hilfe zu rufen, hielt still; denn wenn etwas war, war sie sowieso immer die Schuldige. Spürte der Junge das? Er nahm ihr den Knebel aus dem Mund und drückte sie behutsam an seinen Körper. Das tat ihr gut; sie atmete durch, bewegte ihre Finger. Der Junge roch nach Seife, Birkenhaarwasser, Schuhcreme, Pferd… Ja, wie ein Pferd… in der Badewanne roch er! Sie schmiegte sich an ihn, sog seine Gerüche ein, spürte scharfe Bügelfalten an ihren Schenkeln. Warum war das auf einmal so schön? Ihr Gesicht schmerzte nicht mehr und sie bibberte auch nicht mehr, fühlte sich geborgen wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie wollte etwas sagen, doch im nächsten Moment ging das Licht wieder aus und die Kellertür fiel ins Schloss. Der Junge reichte ihr die Sachen und brachte sie nach oben. Dann war er verschwunden. Jeden Tag dachte sie seitdem an ihn, sehnte sich nach seinen Händen, seiner Stimme und seinem Pferdegeruch. Die Angst jedoch, die sie zugleich empfand, die sie nachts aus dem Schlaf jagte, sie an Kellertüren vorbeirennen ließ und ihr den Hausflur verleidete, die war geblieben.

„Herrjottchen Mensch, biste abjetreten?“ hörte sie die Stimme der Frau wie aus weiter Entfernung.

Krille öffnete die Lippen, wollte antworten, gab es aber auf: die Stimme erschien ihr zu weit entfernt. Die Frau zupfte an ihrer von Bratensoße gestärkten Schürze, bleckte die verfaulten Zähne und atmete schwer. Das sah nach einer letzten Frist von wenigen Sekunden aus; als die verstrichen war, schnappte sich die Frau ihre Eimer und wackelte wie ein Mistkäfer davon.

Krille war jetzt allein auf dem Hof. Aus den vollgestopften Mülltonnen drang süßlicher Fäulnisgestank. Sie verzog das Gesicht, wich aber keinen Schritt von den ekeligen Rückbleibseln täglichen Lebens. Ihr Blick wanderte über den rissigen Putz des Vorderhauses zu einem verzogenen Blumenkasten, dessen verdorrte Pflanzen den Eindruck einer verlassenen Wohnung erweckten; doch hinter den toten Primeln im zweiten Stock wohnte eine Familie, mit der niemand im Haus zu tun haben wollte.

Ein Flügel des Küchenfensters stand offen. Ob die mit ihren Eimern noch auf den Treppen war? Sie kannte alle Mieter im Haus: zwei Söhne und drei Töchter hatte die Frau. Ihr wurde heiß; sie blickte auf die Mülltonne, in der der Gardinenfetzen lag. Verstohlen schob sie die Hand unter den Deckel. Sollte sie oder sollte sie nicht? Aber da hatte sie ihn schon, zog ihn mit einem Ruck heraus, knüllte ihn zusammen und drückte ihn wie eine Kostbarkeit an ihre Brust. Guckte jemand? Sie wagte nicht aufzuschauen, doch nichts war zu hören, niemand machte sich bemerkbar, nur das Gurren einer Taube drang vom Dachgesims in die Tiefe des Hofes. An die Milchflasche dachte sie nicht mehr, wollte nur noch zu ihrem Versteck. Ohne sich umzuschauen drückte sie sich in den schmalen Eingang des Hinterhauses und hastete die Treppen zum Trockenboden hinauf.

Die eiserne Tür war verschlossen; vorsichtig steckte sie den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn lautlos herum. Stickige Wärme umfing sie. Es war Mitte April, die Nachmittagssonne goss gleißendes Gold auf die Dachfenster; weißes Bettzeug hing stumm und starr auf gespannten Leinen in dem von Stille beherrschten Raum. Auf Zehenspitzen näherte sie sich ihrem Versteck. Das Schlaflager war unversehrt; ihr Teddybär lugte mit seinen schwarzen Ohrstümpfen wie ein krankes Baby unter der Decke hervor. Behutsam setzte sie das stattliche Stofftier vor sich hin, wickelte ihm den Gardinenfetzen um den Kopf und zog sich nackt aus. Ein Weilchen lauschte sie in die Stille, ehe sie die Beine spreizte, drei Finger in ihre Schamspalte drückte und das erregte Zäpfchen knetete. Doch als hätte es sich in glühendes Eisen verwandelt, zuckten ihre Finger im nächsten Augenblick zurück. War das nicht der…? Sie griff nach dem Teddy und riss ihm den Gardinenfetzen vom Kopf. Das war der! Sie starrte den Fetzen an. Jetzt wusste sie es: der kräftige Junge aus dem Vorderhaus war es; und der wurde Sohni genannt, weil seine Mutter Sohnemann zu ihm sagte. Sie zog die Beine an und setzte sich den Teddy auf den Bauch. „Der Sohni“, flüsterte sie, „ der isset jewesen…“ Sie breitete die dünne Decke über sich, umklammerte den Teddy und schlief ein.

9

Sohni trat vom Treppenfenster zurück, schlich zu seiner Wohnung im zweiten Stock hinunter und legte das Ohr an die Tür. Seine Mutter war in der Küche, Geschirr klapperte. Sollte er sie aushorchen oder zuerst Krille nachsteigen? Beides behagte ihm nicht, konnte sie doch misstrauisch werden oder ihn vom Fenster aus sehen. Er stieg auf Zehenspitzen eine halbe Treppe tiefer, trampelte auf dem Podest herum und sprang mit drei Sätzen wieder nach oben. „Tachchen“, begrüßte er sie und japste, so als wäre er außer Atem, „bin wie ´n Irrer jewetzt und…“

„Haste wieder wat jeklaut… und is da wieder eener hinterher dir oder wat?“

„Hab nischt jestemmt, hab Hunger und will kieken, watte Mülleimer machen…weeßte.“

Die Mutter trocknete sich die Hände ab und guckte ihn an. „Sind leer“, knurrte sie, „de Portiersjöre hatse ausjekippt.“

„Wollt ick ja machen und wat fressen…weeßte.“

„Und deswejen biste so jeflitzt?“

„Willste mir ausquetschen oder wat?“

Die Mutter band ihre Uhr ab und steckte sie in die Schürzentasche. Er kannte diese Geste und achtete auf ihre Hände, denn ihre Ohrfeigen kamen schnell und ansatzlos aus der Hüfte. Aber warum guckte sie auf seine Hose? Er ging einen halben Schritt zur Seite, doch sie folgte ihm und fragte: „Wo kommste denn her?“

„Na vonne Straße, hab inne Kneipe jekiekt wat Pappa macht…weeßte.“

„So, so. Und wo haste de Hose einjedreckt?“

Er schaute an sich herunter: ein weißer kalkiger Streifen am rechten Hosenbein war nicht zu übersehen. „Dit is keen Dreck“, antwortete er, „dit is Stoob…oda Kreide vonne Schule oder wat weeß ick…weeßte.“

„Du und inne Schule – da lachen ja de Hühner! Det is Taubenscheiße watte da am Been hast, Freundchen, da biste über wat rüberjeklettert und hast nich uffjepasst. Machste doch sonst immer, oder? Und weeßte nich wat vor ´ne Stunde oder so abjeloofen is?“

Er schüttelte den Kopf. „Ick bin nich Dokta Allwissend.“

„Haste keen Menschen jesehn, wenne vonne Straße jekomm´ bist?“

„Nee, da is nur de alte Jurke vom Jemüseladen…weeßte. Hat kurz mal rausjeglotzt.“

„So, so. Komischerweise stehn da immer noch Leute und ´n paar Jörn vor unsre Haustüre. Wat sachste nu?“

„Dit stört mir nich. Könnse doch stehn bisse dot sind.“

„Und wat mitten kleen´ Kerlchen aussen Nebenhaus passiert is weeßte ooch nich, oder?“

Er schwieg, ging zum Fenster und blickte in den Hof. Hatte sie gesehen, wie er über die Mauer geklettert war? Oder hatte es sie erraten, weil er Taubendreck an der Hose hatte? Der Ton und die Fragen der Mutter gefielen ihm nicht, es war Zeit, ihr aus dem Weg zu gehen. „Ick jeh mal kieken wat Pappa macht“, wich er aus, „jeh mal inne Bierstube rin.“

„Kannst hinjehn wo der Pfeffer wächst… falscher Fuffzjer. Hauptsache bist mir vonne Pelle.“ Sie drehte ihm den Rücken zu und scheuerte weiter die Bratpfanne sauber.

„Jerne“, sagte er, hakte den Bodenschlüssel vom Brett und verließ die Wohnung. Vor dem Haus scharrten sich Kinder und Erwachsene um den Uhrmachermeister, der sich anhörte, als hätte er die Untat an Ninne aufgedeckt. Sohni musste grinsen, als eine alte Frau ihren Krückstock erhob und versprach, Krille das Fell zu gerben, sollte sie ihr in die Arme laufen. Er schlug die Richtung zu der Kaschemme ein, in der sein Vater täglich mit seinen Kumpanen zusammenhockte; doch als er außer Sichtweite war, bog er hinter dem runden Platz in die nächste Querstraße ein und ging zu Püppi, die in einer Kohlenhandlung als Lehrmädchen arbeitete. „Biste meschugge“, krähte die jüngste seiner Schwestern und eilte ihm auf halber Treppe entgegen, „meen Chef is anjefressen uff dir.“

„Na und? Kanna doch; und dit is ´ne alte Kellerwanze.“ Er zog hoch und spuckte auf das Reklameschild. „Ick kann de alte Pissnille ooch mal kurz uff´s Ooge rotzen…weeßte.“

Püppi schloss die Augen und faltete die Hände, so als wollte sie für ihn beten. „Bist ´ne viermotorige Sumpfsau“, stöhnte sie, „hast da ´ne fette Aule ranjehängt…Pfui Deibel!“

„Na und? Kannste essen.“

„Alte Keue! Und wat willste? Sie schaute über die Schulter in den Kohlenladen.

Er blickte auf ihren flachgepressten Busen. „Hamse deine Titten jeplättet?“

„Nee, nich… ooch nich abjesäbelt.“ Sie zog den Reißverschluss des engen Overalls bis zum Bauchnabel auf. „Is ´n echta Tittenquetscha und ick soll hier wie ´n Junge rumloofen und vorne platt wie ´ne Flunda und ´ne Mütze uff ´n Kopp… Kannste jetze wieda abschieben?“

„Haste ´ne Mücke für Eis und Kaujummi?“

Püppi kramte zehn Groschen aus ihrer Tasche und zählte sie ihm auf die Hand. „Musste aba abzischen weil sonst krichste ´ne Presskohle int Kreuz jeschmissen vom Chef.“

„Ick hab noch wat vor…weeßte, ick mach ´n Abjang.“

„Bist ja schon wieder ´n Stück gewachsen“, begrüßte ihn die Tochter der Eisdielenbesitzerin, „und ist Püppi noch verknallt?“

Sohni musterte das vierzehnjährige Mädchen. Püppi sollte verknallt sein? Das konnte er sich nicht vorstellen. Nicht deswegen, weil der Alte ihr den Verkehr mit Jungs verboten hatte: Püppi gehörte ihm, er hatte sie entjungfert. Er musste lachen, als er daran dachte, denn nicht mit seinem Glied, mit der Rasierseife des Alten hatte er das Häutchen durchstochen.

Das Mädchen zog die Augenbrauen zusammen. „Warum lachst du so blöde?“

„Keene Ahnung… Meene Schwester will nischt von Piepels wissen und dürfse ooch nich…“

Das Mädchen warf den Kopf hoch. „Und wenn´s der schöne Frederic ist?“

Der Name sagte ihm nichts. Wollte die was von ihm? Er guckte auf ihre platte Brust und wandte sich an ihre Mutter, die Kaffee brühte: „Ick will Vanille und oben Sahne druff.“

„Und wieviel Kugeln, junger Mann?“

Sohni hob die linke Hand, knickte den Daumen weg und setzte sich an einen leeren Tisch neben der Tür. Das Mädchen schnappte sich den Eisbecher, knallte ihn auf die Marmorplatte und zischte: „Den Frederic kann sich deine Schwester aus dem Kopf schlagen, den kriegt sie nie und nimmer.“

„Ooch jut“, entgegnete er. „Noch wat?“

Das Mädchen presste die Lippen zusammen, stemmte die Hände in die Hüften und stakste mit hohlem Kreuz hinter die Theke zurück. Er schleckte den silbernen Becher aus, reichte der Frau drei Groschen und eilte nach draußen. Ob Krille noch auf dem Trockenboden war? Er verlangsamte den Schritt. Die hatte sich bestimmt wieder in ihr Versteck verkrochen! Er beschleunigte wieder den Gang und malte sich aus, was er mit ihr anstellen würde. Aber da war noch Mutter. Was konnte ihr Krille bloß gesagt haben? Mit Mutter stimmte was nicht, und das musste mit ihr zu tun haben. Hatte die ihn erkannt? Seine Mutter wackelte zum Seifenladen am runden Platz, als er sich aus entgegengesetzter Richtung seinem Haus näherte. Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete von hinten das Viereck, das von einer Seite auf die andere kippte. „Mutter hat ´ne jemeine Fijur“, murmelte er, „und looft wie ´n Bauer.“

Krille schlief; in ihrem Arm hielt sie einen Teddybären, der mit einem Gardinenfetzen bedeckt war. Stammte der nicht von ihm? Den hatte er doch gestern in den Mülleimer geworfen! Sohni ging einen Schritt zurück. Hatte die noch alle Tassen im Schrank? – Warum hatte sie den aus der Mülltonne gefischt? War das eine dämliche Sau! Was er sich ausgedacht hatte, kam ihm jetzt lächerlich vor. Doch als er sich auf Zehenspitzen zurückziehen wollte, bemerkte er ihr Pünktchenkleid, das zusammengefaltet auf einem leeren Bierkasten lag. War die nackt unter der Decke? Sein Glied wurde steif; er drückte die Hand auf den Hosenschlitz und glitt hinter eine Verstrebung. Nach einem Weilchen klopfte er mit dem Bodenschlüssel an das wurmstichige Holz.

Es dauerte einige Sekunden, ehe sie die Augenlider auseinander bekam. „Nanu… hier wohnt ja eener!“ rief er und spielte den Überraschten.

Ihr Oberkörper schnellte wie eine Sprungfeder hoch, die fadenscheinige Decke flog zur Seite; ihre Augen weiteten sich. „Bitte hau mir nich… bitte“, stammelte sie, „und hab nüscht verbrochen nich und nich in Kella nich…“

„Haste nischt wo de pennen kannst oder wat? Keene Angst, mussta nich inne Hose pissen, ick fress dir nich uff…weeßte“

Sie schluckte, ihre steifen Brüste bebten. „Ick trau ma nich inne Bude nich und ick krieje imma Kloppe… und du hast ma ooch…“

Er trat an die Matratze heran. Blickte die durch? Es sah so aus, aber das im Keller war schon eine Weile her; und sollte ihn Mutter danach fragen, würde er das abstreiten. Wer konnte ihm was? Aber hatte die ihn heute auf der Mauer gesehen? Er stieß den Teddybären mit der Fußspitze an und fragte: „Willste kleene Kinder Angst machen mit dit Viech wie ´n Kinderschreck?“

Sie errötete und versuchte, den Teddy hinter ihrem Rücken verschwinden zu lassen. „Will ick ja nich kleene Kinda nich… und haste mir jehaun und alle vakloppen mir und der heißt Maxe und is…“

„Ick dir jehaun?“ Er kniete sich auf den Matratzenrand und schob sein Kinn vor. Ick soll dir jehauen ham? – Dir hamse wohl int Jehirn jeschissen, du blöde Sau.“

„Oda haste mir nich?“

„Nee! Wie kommste fürhaupt daruff, du Mistmade. Spielste hier Dokta uff´n Hängeboden?“

Ihre großen braunen Puppenaugen guckten ihn an. „Hier uff´n Wäscheboden mach ick sowat nich und hier is meen Versteck und hier bin ick mit Maxe.“

„Und warum versteckste dir? Haste wat ausjefressen?“

„Hab nüscht ausjefressn nich und trau…“

„Und wat is mitten kleen´ Piepel von nebenan?“

„Weeß nüscht nich und wat fürn kleena Piepel?“

„Den hamse vorhin mitte Feuerwehr abjeholt…weeßte, weila halbdot is. Weeßte nu wat Sache is?“

Krille schlang sich die Decke um die Schultern, als wäre ihr kalt. „Det is de kleene Ninni und ick bin rin und allet blutich und denn hab ick… bin ick rüba und…“

Sohni stieß ihr mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Quatsch keene Scheisse! Unten vor de Türe is ´ne alte Olle mit ´ne Krücke und will dir kaschen weil de olle Ninne überfalln hast…weeßte. Wat hatten dir der Kleene jetan?

„Ick hab de kleene Ninni nich… und ick hab und ick…“

„Gloobt keener… Wer soll dit sonst jewesen sein?“

„Weeß ick nich und hab nüscht jesehn nich und so ville Blut und ooch de Finga…“

„Ick gloob dir dit nur wenn de artich bist und uffhörst zu spinnen…weeßte.“ Er deutete auf ihre angeschwollenen Wange. „Krichste Keile vonne Alten?“

„Meen Alta hat so´n olln Ledajürtel und haut mir uff´n nackten Arsch und meene Mutta haut mir ooch uff´n Arsch und uff´n Kopp rum… und meene jroße Schwesta haut mir Schelln und Arschtritte… und ick krieje Anbrülla.“ Sie machte eine Atempause und guckte ihn an. „Krichste ooch Kloppe?“

Er kratzte sich den Nacken. „Uff ´n Arsch nich… nee, aber uff ´n Rücken und immer rin inne Fresse; und am Kopp.“ Er strich das Haar aus der Stirn und zeigte eine Narbe. „Kannste sehen? Immer wenn de alte Mistsau besoffen is krieje ick Senge und Püppi ooch… weeßte.“

„Imma uff de Kleen.“ Sie rückte näher an ihn heran und guckte sich die lange schmale Narbe an. „Haste da ´n Messa ranjekricht?“

„Nee, ´n Feuerhaken. Meen Alta hat nur een Arm, der alte Penner… und meene große Atze haut mir mitte Faust inne Fresse; und wenn ick größer bin müssen se beede büßen…weeßte.“

Sie warf die Decke ab und reekelte sich; bis auf ein schmutziges Höschen war sie nackt. „Is wie ´n Bratofen so heiß und haste Lust uff ´ne Lunte.“ Sie hielt ihm eine Schachtel Zigaretten hin.

Er schnüffelte an der Schachtel; der Duft des Aromas gefiel ihm. Zu Hause bei ihm rauchten alle und ständig gab es Streit um Zigaretten. Einige Male hatte er schon probiert. Warum nicht jetzt? Er ließ sich von ihr Feuer geben, unterdrückte den Hustenreiz nach dem ersten Zug und tat so, als wäre er ein richtiger Raucher. „Haste schon ´n paar Fusseln anne Ritze?“ erkundigte er sich nach dem dritten Zug.

Sie lüpfte ihr Höschen und öffnete die Schenkel. „Nee, nich de Bohne nich und kannste nüscht sehn nich weil det noch kahl wie ´n Babyarsch is… und ick bin aba bald zwölwe und ick weeß Bescheid und so.“

Er knetete sein Kinn und beäugte dabei ihren Körper. „Wat weeßte denn schon? Hast ´ne Kahlvotze und ville Titte haste ooch nich. Steh mal uff, ick will dir ankieken!“

Sie rollte sich von der Matratze und stellte sich vor ihm hin, als wäre sie beim Arzt. „Ick hopse jerne nackisch rum wie ´n Nacktfrosch und kannste mir untasuchen und allet nachkieken.“

Sein Blick blieb an ihrer Scham hängen, die sich unter dem Höschen abzeichnete. „Biste schon mal durchjefickt… oder biste noch eng wie ´ne Mäusevotze?“

„Mir hamse schon durchjerattat… aba nur janz kurz und det tut weh weil ick eng bin und so… und der Dokta macht meen Loch jrößa und is ooch schon ville bessa und ick krieje ´ne richtje Fickvotze hatta jesacht.“

Er winkte sie näher heran. „Jib mal de Titte her!“

Sie kniete sich hin und streckte ihre Brust heraus. Er fühlte sie ab, zerrte an den Warzen und bedeutete ihr, sich wieder hinzustellen. „Stramme Dinger“, bemerkte er, „und haste ´n Macker?“

„Nee ick hab keen Macka nich.“

Fickst aber rum wie ´ne Hafennutte.“

„Mir hamse wat übern Kopp jemacht und da hab ick nüscht jesehn nich… und ick war ooch festjemacht anne Pritsche.“

Er packte sie am Arm. „Spinnste mir de Hucke voll?“

„Is keene Spinne nich und is ooch nich schlimm nich und der Dokta kiekt nach und hat jesacht is allet dufte unten mang de Beene und pipapo…“

„Wat is dit für eener?“

„Is ´n Weibaarzte und heißt Dokta Dietrich und untasucht mir imma …“

„Und warum krichste ´n Sack über de Birne jestülpt?“

„Weeß nich und is ja ooch keen Sack nich watse üba meene Omme… und ick gloobe det is ´n Handtuch… und kannste ja ooch wat machen mit mir und…“

Er schob sie von sich weg und winkte ab. „Nee, lass mal jut sein; ick hab heute keene Zeit… weeßte.“

„Willste nich mit mir jehn nich weil ick wie so ´n doofa Babyarsch keene Haare nich hab anne Flaume?“ Sie ließ sich neben ihm nieder und drückte den Teddy an ihre Brust. „Nur Maxe jeht mit mir… aba Maxe kann nich sprechen nich.“

Er nahm ihr den Teddy weg. „In wat für ´ne Klasse biste inne Penne?“

„Inne vierte oda so weil ick ´n Sitzenbleiba bin und imma putzen muss uff de Treppe… Und du?“ Sie beugte sich zu ihm hin und beguckte ihn, als wäre er ein putziges Tierchen. „Meene Schwesta sacht dir hamse inne Hilfschule rinjesteckt und mir wollnse ooch in so ´n Scheißding für Doofköppe rinsetzen und ick bin aba nich doof nich.“

„Ick… inne Hilfsschule?“ Sein Kinn schob sich wie von selbst vor. Hatte die Doofköppe gesagt? Er hatte Mühe, seinen Ärger zu unterdrücken.

„Biste nich? Mir is sowat schnuppe weil ick ja nich doof bin nich und so… und kannste meenswejen inne Doofenschule sitzen weil ick dir jut finde und ick schwänze ooch.“

Er war nahe dran, ihr einen Fausthieb zu versetzen. Von der Doofenschule wusste sie also auch! „Deine Schwester is ´ne alte verpisste Trippernutte“, knirschte er.

„Nee isse nich weil se ´n Beckabuch hat… und da kieken se imma nach inne Flaume und da dürf keen Trippa nich dran sein nich und sonst dürfse nich anschaffn nich.“

„Willste meene Olle sein?“

Krille nickte. „Will ick und will mit dir jehn und da komm ja ooch Haare anne Flaume und ick krieje ooch Titte.“

„Musste aber machen wat ick will… Haste verstanden?“ Er blickte noch einmal auf den Gardinenfetzen. „Dafür jibt´s ´ne Strafe…weeßte.“

„Kommste wieda?“

Er stand auf. „Morjen tanzte wieder an; und wehe wenn de wieda so ´n ekligen Dreckschlüppa uff´n Arsch hast. Haste ´n jeilen Unterrock?“

„Klau ick und trallala… und meen Schlüppa is mistich weil se mir verkeilt ham und da hab ick uff ´n Arsch jesessen.“

Als Sohni nach Hause kam, fing ihn die Mutter an der Wohnungstür ab und legte den Finger auf den Mund. Der Alte war also wieder besoffen! Er tappte auf Zehenspitzen über den Korridor und blickte ins Wohnzimmer. Sein Vater lag mit heruntergerutschter Hose auf dem Sofa und grunzte wie eine Wildsau. Die Mutter drängelte ihn in die Küche. „Hab Kohldampf“, raunte er, grapschte sich einen halbwarmen Blutwurstring aus dem Kochtopf und schlang ihn hinunter.

„Frisst wie ´n Kannibale“, raunzte die Mutter, „und denn ooch noch mitte Dreckpfoten rin innen Topp…Oh Jottchen!“

„Ick hab ´n janzen Tach nischt jefressen…weeßte, und ick hau wieder ab.“ Er spuckte die Wurstpelle in den Mülleimer, verließ die Wohnung und ging noch einmal zur Kohlenhandlung; doch Püppi war nicht mehr da.

Am nächsten Tag erwartete ihn Krille in einem viel zu weiten Unterrock. Sohni lachte. „Siehst aus wie ´ne Vogelscheuche“, lästerte er, „dit Ding sieht aus wie ´n Dotenhemde… weeßte.“

„Jibt´s ´ne Strafe wenn ick dir nich jefalle nich?“

„Na klar. Warste schon mal am Marterpfahl wie bei de Indianer?“

„Nee… nich aba ick hab ´n Fülm jesehn und da ham Injana sowat jemacht und Jungs spieln det ooch… und kannste mir mit Strippe ooch an so ´ne Stange ranmachen.“ Sie zeigte auf den Stützbalken, an dem ihr Teddy lehnte. „Der is jut da wo Maxe sitzt und da kannste mir ranmachen.“

„Komm!“ Sohni führte sie zu dem Balken und band sie mit einer Wäscheleine fest, doch als er sein Werk betrachete, empfand er nicht den Reiz wie bei Püppi, wenn er sie an den Küchenstuhl fesselte. „Glotzt mir an wie ´n Mondkalb“, moserte er, „und siehst fürhaupt nich jeil aus…weeßte. Für heute kannste pissen jehn.“

Tage später trafen sie sich vormittags auf dem Trockenboden. Es war das fünfte Mal und Krille hatte sich diesmal die Lippen geschminkt und ihre abgenagten Fingernägel rot lackiert. Zwischendurch hatten sie Arzt gespielt, doch diese Spiele langweilten ihn jetzt. Sie mochte es, wenn er ihre Schamlippen auseinander zog, ihr heiße Löffelstiele in den After steckte oder sie mit Mullbinden wie eine Mumie einwickelte. Jedes Mal hatte sie einen neuen Einfall, rieb sich mit Haarwuchsmittel den Schamhügel ein und bat ihn, ihr Mund und Augen mit Pflaster zuzukleben. Hatte sie das von dem Doktor Dietrich? Der Gedanke regte ihn auf. Und hatte sie solche Sachen auch mit Ninne gemacht? Das wollte er jetzt wissen.

„Wat is mit ´m Doktor los?“ Er schnappte sich den Teddy und spuckte auf die abgesengten Ohren. „Jetze wachsen se wieder… weeßte.“

Sie lachte. „Kannst ja ooch uff Dokta machen mitte Spucke… und meene Schwesta sacht Dokta Dietrich is ´n Kumpel von unsa Alta und hamse sich in Knastjefängnis jetroffn unsa Alta und Dokta Dietrich… und aba det is ´n juta Weibaarzte… und ´n Kiekrohr und ´n weißa Kittel und so ´n Ding wo ´n Schlauch dran is hatta ooch…“

„Und wat macht der alte Vogel mit dir und haste dit janze Zeuch von den?“

Sie schwieg, errötete über das ganze Gesicht und zupfte an ihrem gekürzten Unterrock herum. „Haste Lehm inne Ohrn?“ setzte er nach. „Oder muss ick dir de Zunge lösen?“

„Ick weeß nich wat ick sagen soll und ick hab ja jesacht detta mir untasucht und meen Loch so macht det ´n Pulla rinpasst und so und ick trau mir nich…“

Sohni sprang auf. „Los, allet ausziehen und ran an Balken!“

Sie gehorchte und stellte sich nackt an die Dachstütze. „Weeßte fürhaupt wat Indianer machen, wenn eener am Marterpfahl is?“ fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. „Keene Ahnung nich.“

Er zeigte auf die Wäscheklammern an den Leinen. „Jetze wirste jemartert, du kleene Pulllertrude, und haste ´n Schimmer wat dit is?“

„Na det tut weh und is wie son Aua… und machste mir sone Dinga anne Neese?“

„Wirste gleich sehn.“ Er band sie fest und holte die Klammern. Als er fertig war, sah sie wie ein gespickter Hase aus, klemmten an Nase, Ohren, Lippen und Brustwarzen Wäscheklammern aus hartem Buchenholz. „Und jetze lös ick dir de Zunge“, zischte er.

Sie verzog keine Miene, als er ihre Brustwarzen und Ohrläppchen zwackte; doch als er die Klammer ankokelte, die wie ein Horn auf ihrer Nase saß, begann sie zu erzählen: erst schleppend und bruchstückhaft, dann aber flüssiger und deutlicher; zwischendurch verstummte sie und errötete, aber auch das unterblieb, als ein Flämmchen an der Nasenklammer aufzüngelte. „Bitte… bitte keen Feua nich anne Neese und det tut ooch janz jemeen weh anne Oogen und ick sach allet… und Dokta Dietrich hat so ville jemacht und ick sach allet und…“

Er pustete das Flämmchen aus und setzte sich auf die Matratze. „Los, fang an und keene Spinne!“

„Ja und denn hatta mir untasucht und so ´n Jummiding inne Flaume jesteckt und ´n Einlauf jemacht und da hatta mir warmet Bier hinten rinjemacht… und wa ick ooch besoffn und Fotos…Und denn hatta jesacht meen Loch is zu kleen und wenns nich jrößa is werde ick fette wie ´n Fannkuchen und krieje keene Kinda nich…“

„Stark!“ Er knöpfte seine Hose auf und rieb an seinem Glied. „Und haste ooch Jefühle jehabt und is dit jeil?“

„Isset und ick jeh jerne zu den Dokta und untasuchen macht ooch Spaß und nu willa mir ooch uff so ´n Weibastuhl ruffsetzen und allet noch ville bessa machen.“

„Weeß dit eener?“

«Nee det weeß keena nich und meen Alta weeß det und sonst keena nich… und ick sach ooch nüscht?“

„Und haste Ninne untersucht und dit janze Schweinezeuch jemacht?“

„Nee und kannste mir dotschlagen und ick hab janüscht jemacht nich mitte kleene Ninni… und det schwör ick hoch und heilich und…“

Er hob die Hand und bedeutete ihr, den Mund zu halten. „Jut, bist jetze meene Olle…weeßte, und ick steh dir bei.“

Als er zum nächsten Treffen kam, war Krille nicht da. Ihr Schlaflager war auseinandergerissen und der Teddy lag unter einem Dachfenster und guckte mit seinen Murmelaugen wie ein verlassenes Kind in den Himmel. Wo konnte sie sein? Sie war immer pünktlich. Er suchte das ganze Haus nach ihr ab, lauschte an ihrer Wohnungstür, fand sie aber nicht. „Det kleene Luder is dank meine Hilfe dingfest jemacht“, brüstete sich Stunden später der feiste Rentner aus Krilles Nachbarwohnung, „´ne Amtsperson hatse im Lotternest hops jenommen und abjeführt… Und da wollte det Aas ooch noch stiften jehn… Ick hab aber jetan, wat jetan werden muss.“

Sohni ballte die Fäuste und spannte die Halsmuskeln. „Dit musste büßen bis de keene Sonne mehr siehst, du Mistratte“, flüsterte er und drückte sich in die Durchfahrt. Kurz vor Mitternacht schloss er mit einem Dietrich die Tür vom Nebenhaus auf, kletterte im Hof auf eine Mülltonne und warf dem Rentner die Scheiben ein.

II. Kapitel

1

Der spitzbäuchige Professor nagte auf der Unterlippe herum und betrachtete dabei seine dünnen, gelblich behaarten Finger, die an die Beine einer Kreuzspinne erinnerten, bevor er zu einem Vortrag über die Vorzüge kindlichen Knochengewebes ansetzte. „Junges, unverbrauchtes, noch in einem frühen Stadium des Wachstums begriffenes Knochengewebe läßt sich daher in den meisten Fällen – also nach Brüchen, Quetschungen und Prellungen – erfolgreich behandeln…“, ließ er seine Zuhörer wissen. „Die Hand unseres kleinen Patienten wird daher nach Abschluss des Heilungsprozesses wieder ihre volle Funktionsfähigkeit erhalten.“

Frederic grinste. „Wer hätte das gedacht!“ raunte er seiner Mutter zu. „Ich nahm bisher an, Greise hätten bessere Heilungsaussichten.“

Die Mutter zog ihn dicht an sich heran. „Erspar dir solche Bemerkungen“, wies sie ihn zurecht, „Professor Sandholz ist ein hervorragender Arzt.“

„Das wollte ich damit sagen, verehrte Mutter.“

„So, wolltest du? Ich habe mehr und mehr den Eindruck, du kommst nach meiner Mutter.“

„Das erleichtert mich.“

„Wie meinst du das?“

„Keine Ahnung. Frag mich das in zwei Jahren.“

„Hoffentlich bist du dann etwas reifer, verehrter Sohn.“

„Ninnepüppchen wird eine hässliche Narbe davontragen, Mutter.“

„Er ist zarter besaitet als du. Viel schlimmer wäre eine seelische.“

„Körperlicher Schmerz ist schlimmer als seelischer, sagt Hippokrates.“

„Lass jetzt bitte deine Späße, Frederic, ich muss weinen.“

„Wir leben unter furchtbaren Menschen, Mutter.“

„Ja, und dazu noch in einer furchtbaren Gegend. – Deine geschwollene Ausdrucksweise geht mir übrigens auf die Nerven.“

„Wolltest du nicht weinen?“

2

Die Schmerzen ließen nach. Dafür plagten Ninne umso mehr der Krankenhausgeruch, das tote Licht und das Gewusel der Schwestern, die dauernd nach ihm guckten und ihm Pfannen und Enten unter die Bettdecke schoben, obwohl er selber zur Toilette gehen konnte. Hinzu kam ein gleichaltriger Zimmergenosse, der jede Einzelheit von seinem Kaninchen erzählte.

Die zweite Woche begann mit einem Glücksfall: der Junge mit dem Kaninchen wurde in ein anderes Zimmer verlegt. Nachmittags kam Linde und machte mit ihm Schulaufgaben. Danach besuchte ihn Frederic und las ihm Geschichten von Huckleberry Finn vor. Hingerissen lauschte er seinem Bruder, der bis zum Abendessen an seinem Krankenlager verweilte. In den nächsten Tagen kamen auch die Kinder aus der Straße und überhäuften ihn mit Spielsachen. Einen Tag vor seiner Entlassung besuchten ihn eine Frau und ihre Tochter aus dem Nachbarhaus.

Dunkle Regenwolken hingen über der Stadt, Windböen zausten die Kastanie vor seinem Fenster. Schläfrig öffnete er die Augen, als die Schwester den unerwarteten Besuch meldete. „Wolln nich weita störn“, entschuldigte sich die Frau mit heiserer Stimme, „nur mal schnell allet Jute wünschen.“

Ninne nickte einen Gruß und betrachtete die Frau, die wie ein Quader vor seinem Bett stand und sich am Hinterkopf kratzte. „Tut´s noch weh?“ erkundigte sie sich.

Er schüttelte den Kopf. „Nö.“

Die Frau hüstelte, krächzte ein paar unverständliche Laute und wandte sich an ihre Tochter: „Willste nich ooch wat stammeln?“

Das aschblonde Mädchen federte an der schwerfälligen Körpermasse vorbei und streckte ihm die Hand entgegen. „Tach Ninne“, begrüßte sie ihn, „biste wieda uff ´n Dampfa?“

Er nickte. „Morgen kann ich nach Hause.“

„Und Pfötchen is noch dran?“ spaßte sie.

„Ist nur Gips drum.“

Mutter und Tochter schauten ihn noch ein paar Sekunden an, bevor sie sich verabschiedeten und mit Tränen in den Augen wie Krebse rückwärts das Zimmer verließen. „Maiglöckchen haben sie dir mitgebracht“, bemerkte die Schwester.

Ninne liebte Flieder, und sein Krankenzimmer strotzte davon. Die Maiglöckchen wirkten zwischen den Sträußen wie verirrte Kinder im Wald. Hieß das Mädchen nicht Püppi? Die hatte ihn doch nach Frederic gefragt! Er wohnte erst seit einem Jahr im Nachbarhaus und kannte die Leute noch nicht so gut. „Die hat schlimme Brüder“, hatte Linde gesagt, „und der eine sieht aus wie ein Kindermörder.“ Noch abends schlich er sich an seinen Bruder heran und füsterte ihm ihre Grüße ins Ohr. „Ich habe bald Prüfung, Brüderchen“, schnauzte ihn Frederic an, „ich habe keine Zeit für die alberne Stupsnase!“

„Aber du hast was mit ihr“, beharrte er.

„Woher weißt du das?“

„Sag ich nicht, ist geheim, und ihr habt euch geküsst… Stimmts?“

„Nicht richtig… Hau jetzt ab, Quälgeist!“

„Wollt ihr heiraten?“

„Sei mir nicht böse Brüderchen, aber wir schreiben morgen eine Mathearbeit.“

„Geh ja schon, aber du musst mir sagen, ob ihr Bruder wie ein Kindermörder aussieht.“

Frederic lachte. „Du meinst sicher Schnauze, ihren großen Bruder.“

„Warum heißt der Schnauze?“

„Der heißt so und der isst auch die totgemachten Kinder.“

„Du spinnst.“

„Verschwinde endlich, sonst gibt´s Kopfnüsse.“

„Und wann erzählst du mir eine neue Geistergeschichte?“

„So in zwei Stunden… vom achtäugigen Dämon.“

Es war spät geworden und er schlief bereits, als Frederic zu ihm kam und versprach, die Geschichte ein anderes Mal zu erzählen.

Ninne rekelte sich und lauschte dem Regen, bis ihn der Duft der Fliederblüten wieder einschläferte. „Der Doktor will dich noch einmal angucken“, weckte ihn eine trockene Stimme. Die lange dürre Schwester quälte ihrem strichartigen Mund ein schiefes Lächeln ab und sperrte die Zimmertür bis zum Anschlag auf, so als käme der auf einem Nilpferd angeritten. Im nächsten Moment eilte ein schmaler junger Mann mit wehenden Kittelschößen herein und stürzte sich auf seine Gipshand. „Sehr schön, alles wunderbar“, hechelte der Arzt und fegte wieder hinaus.

Wie Tausendblatt im Wellenschlag verschwamm die Kastanie im Dunst, leiser und leiser trommelten die Regentropfen auf das Fensterblech; wonnige Müdigkeit ließ ihn unter die Bettdecke kriechen. Eine Stunde später kitzelte ihn Frederic wach, rückte den Stuhl an sein Bett und schlug Huckleberry Finn auf. Die Geschichte war noch nicht zu Ende, als Frederic das Buch zuklappte und sagte: „Das war kein Spaß, Brüderchen, das war heimtückisch… Weißt du, was das ist?“

„Nö.“

„Du liebst doch Tiere, und stell dir ein zutrauliches Kätzchen vor. Und dann kommt einer und streichelt es. Das Kätzchen hält still und schnurrt. Und dann packt er es und steckt es in einen Sack und ersäuft es.“

„Das ist ganz gemein und böse.“

„Die Leute sagen, die Krille hätte es getan.“

„Die hat die Tür nicht zugemacht. Die war ja auf der Straße.“

„Weißt du das ganz sicher?“

„Klar, ich hab ja geschmult.“

„Mutter holt dich morgen ab.“

„Püppi war hier und ihre Mutter.“

„Wer bitte?“ Frederic legte die Hände an die Ohren, als hätte er sich verhört. „Wer bitte war hier?“

„Ja, die waren hier.“ Ninne zeigte auf die Maiglöckchen. „Guck, da sind ihre Blumen.“

„Haben sie was gesagt?“

„Na wie es mir geht. Sind gleich wieder weg.“

„Kein Wort zu den Eltern! – Hast du verstanden, Brüderchen?“

„Soll ich das geheim halten?“

„Kein Sterbenswörtchen!“

„Du musst mir dafür eine ganz gruselige Geschichte von einem Kindermörder erzählen.“

„Ich weiß nicht, Brüderchen, ob es nicht besser wäre, dir mal was von Meerschweinchen und Osterhasen zu erzählen. Also bis morgen.“

3

Gegen neun Uhr vormittags holten ihn seine und Lindes Mutter aus dem Krankenkenhaus ab. Der Himmel war noch bezogen, doch es regnete nicht mehr. „Lass uns zu Fuß gehen, Bella, schlug Lindes Mutter vor, „Maurice wird die frische Luft gut bekommen.“

Die Mutter küsste seine Stirn. „Magst du ein Eis, Liebling?“

„Ja, ein ganz dickes.“

Kurz darauf kehrten sie in ein Eiscafé ein. „Du hättest mit der Krille nicht spielen dürfen, Maurice“, begann Lindes Mutter, „das Mädchen hat keine gute Kinderstube.“

„Die durfte ja nicht mitspielen, und da hat sie geweint.“

„Aber du warst auf ihrer Seite“, hielt ihm seine Mutter vor.

„Sie war es nicht.“

„Und woher weißt du das so genau?“

„Hab ich gesehen.“

„Aber du warst in der Ecke und konntest gar nichts sehen.“

„Doch, durch die Ritze.“

„Und hast du sie gesehen, bevor es passiert ist?“ hakte Lindes Mutter ein.

„Ja, die saß auf dem Bordstein und weinte.“

„Das passt zusammen, Mona.“

„Dann muss etwas für das Mädchen getan werden, Bella.“

„Ich fürchte, es ist schon zu spät. Das Jugendamt hat von der Sache erfahren und meint, das Maß sei damit voll, das Kind müsse in einem Heim untergebracht werden. Die Sachbearbeiterin möchte Maurice und mich aber dazu noch hören.“

„Andererseits ist das Mädchen verwahrlost und eine Gefahr für andere Kinder. Leopold habe ich den Umgang mit ihr verboten.“

„Ja, natürlich. Aber es darf kein Unrecht geschehen.“

„Nein, das möchte ich auch nicht, das möchte ich wirklich nicht, Bella. Mir tut das Mädchen leid, aber was soll man machen?“

4

„Das ist ja gut gemeint, kleiner Mann“, versicherte ihm eine Woche später eine dickliche Frau vom Jugendamt, „aber du musst uns keine Geschichten erzählen. Wir wissen, dass es die Christa war.“

„Stimmt nicht was die sagt“, wandte sich Ninne an seine Mutter.

Die Frau hinter dem klobigen Behördenschreibtisch schlug mit der Handfläche auf die Tischplatte. „Hier spielt die Musik!“ blaffte sie ihn an und bohrte beide Daumen in die Fleischmasse ihres Busens.

„Ich muss doch sehr bitten“, erregte sich seine Mutter, „mein Sohn ist diesen Ton nicht gewöhnt!“

Die Frau setzte ihre Brille auf und kramte in einem Aktenordner herum. „Hier haben wir´s“, entgegnete sie. „Es liegen eindeutige Aussagen vor.“

„Das mag ja sein“, winkte seine Mutter ab, „aber ich betrachte meine Kinder als gleichberechtigte Menschen und nehme ernst, was sie sagen. Ich bitte Sie, das zu berücksichtigen. Andernfalls wüsste ich nicht, was wir hier bei Ihnen sollen.“

Die Frau setzte die Brille wieder ab; die Einkerbung an ihrer Nasenwurzel färbte sich violett. „Ich habe Sie hergebeten, um einen Sachverhalt zu klären“, polterte sie, „ aber mir scheint, Sie haben die Kontrolle über den Jungen verloren.“

„Ich will nicht mehr hier bleiben, Mama!“ Er rutschte vom Stuhl und griff nach ihrer Hand.

Seine Mutter erhob sich. „Maurice wünscht zu gehen. Guten Tag.“

„Warum weinst du, Mama?“ fragte er, als sie das klotzige Gebäude verließen.

„Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll. Uns fehlt das Geld, in eine andere Gegend zu ziehen. Ich kann die Menschen hier nicht ertragen.“

„Und wohin sollen wir?“

„Wo Oma wohnt.“

„Die meckert immer und da sind keine Trümmer.“

Seine Mutter tupfte sich die Tränen ab, beugte sich zu ihm herunter und hielt ihm die Wange hin. „Gib mir einen Kuss, Liebling, und dann kaufen wir für dich einen Cowboyhut – du hast dir doch einen gewünscht.“

5

„Du musst dir ´n paar neue Augen kaufen!“, keifte Janette, als Ninne Krille verteidigte.

Die Kinder rückten von ihm weg; und als er es noch einmal versuchte, kletterte Klein Moni auf den Rand des Springbrunnens, zeigte mit dem Finger auf ihn und krähte: „Du hast mit der Krille Arzt gespielt und ganz ekelige Schweinereien habt ihr gemacht!“

Er schaute einen Moment auf die Fontäne, ehe er sich Katja zuwandte. Ihr elfenbeinfarbenes Gesicht war starr wie eine Gipsmaske, ihre Augen funkelten. Das verhieß nichts Gutes. „Sauerein habt ihr gemacht!“ platzte es aus ihr heraus. „Du hast mit der ollen Pottsau Arzt gespielt!“

„Ninne hat Läuse“, setzte Kurtchen mit seiner Masche nach und zog ihm den neuen Cowboyhut über die Ohren.

Die Mädchen lachten, und als Kurtchen ihm den Hut obendrein noch vom Kopf schlug, johlten sie und klatschten sich auf die Schenkel. Ninne bückte sich und wollte ihn aufheben, doch ein Tritt in den Hintern ließ ihn vornüber stürzen. Seine Gipshand schlug hart auf; und er lag noch auf dem festgestampften Gemisch aus Schlacke und schwarzer Erde, als Kurtchen ein zweites Mal zutrat.

Unweit des Springbrunnens löste sich aus dem Schatten einer alten Platane die kräftige Gestalt eines knapp vierzehnjährigen Jungen. Langsam und geschmeidig kam Püppis jüngerer Bruder näher. Kurtchen schickte sich gerade an, den Cowboyhut wie eine fliegende Untertasse in das Wasserbecken segeln zu lassen, als Sohni wie aus dem Boden geschossen vor ihm stand. „Trausta nur an Kleene ran, wat?“ forderte er Kurtchen heraus. „Du jemeine Missjeburt.“

Die Mädchen verstummten und drängten sich wie Schafe zusammen. Kurtchen stand allein; sein Haarschopf glänzte wie Weißkohl in der Sonne. „Hau den ollen Mistsack zu Mus!“ feuerte Klein Moni Kurtchen an.

Sohni und seine Familie waren in der Straße verrufen und die Kinder der besser gestellten Leuten mieden ihn. Doch nun war der verfemte und verachtete Hilfsschüler mitten unter ihnen – mit polierten Schuhen, scharf gebügelter Hose und blütenweißem Hemd. Kurtchen schaute zu den Mädchen, winkte mit dem Cowboyhut, doch die wandten sich Ninne mit seinem aufgeplatzten Gipsverband zu. „Tut mir so leid“, entschuldigte sich Katja, „nicht mehr böse sein… bitte, bitte.“

Ninne verbiss sich den Schmerz. Als sie seinen Arm berührte, drehte er sich weg. Auch die anderen Mädchen entschuldigten sich, doch er schaute an ihnen vorbei zu Kurtchen, der am ganzen Leibe zitterte.

Sohni pendelte wie ein Boxer die Arme aus, tänzelte um Kurtchen herum, belauerte ihn mit seinen hellgrauen Augen, die wie kleine Steinkugeln in seinem breiten Gesicht steckten, spielte mit dem schlaksigen Jungen wie die Katze mit der Maus, bevor sie sie frisst. Zwischendurch blickte Sohni zu den Mädchen und fuhr sich mit der Hand über das dichte, strohblonde Haar, das wie ein Reetdach auf seinen Henkeltopfohren saß. Kurtchen zog den Kopf ein. „Mein Vati ist Polizist “, versuchte er Sohni einzuschüchtern.

Sohni sperrte den Mund auf, als wäre ihm vor Schreck die Luft weggeblieben. „Wirklich?“

„Kurtchen fuhr den Kopf wieder aus. „Ja wirklich, der macht Streife und ist gleich hier.“

Die Mädchen grienten und schnitten Grimassen. „Komm doch mit, Ninne!“ bedrängte ihn Katja. „Wir hauen ab.“

Sohni nahm die Fäuste herunter und schaute zu Ninne und Katja; doch als Kurtchen bei dieser Gelegenheit einen Satz machen wollte, fegten ihn zwei wuchtige Fausthiebe von seinen langen Stelzen und ließen ihn wie einen Pudding auf die Erde plumpsen. Die Mädchen rissen die Köpfe herum und starrten auf Kurtchen, der wie ein hingestreckter Hase am Boden lag und aus Mund und Nase blutete. Die Mädchen kreischten auf und jagten davon. Die alte Frau auf der Parkbank legte die Tüte mit dem Taubenfutter zur Seite und schüttelte den Kopf.

6

„Guten Tag, hier ist Linde“, meldete er sich, als Ninnes Mutter den Hörer abnahm. „Ist Ninne da?

„Ach du, Leopold… Nein, er ist nicht hier. Ich dachte, er wäre bei dir.“

„Ist er nicht.“

„Aber wo könnte er denn sein?“

„Vielleicht in der Ruine.“

„Lieber Gott!

„Ich geh mal gucken.“

„Weißt du denn, wo?“

„Ja, ja… ungefähr. Da hat er mit Katja eine Höhle gebaut.“

„Er soll nach Hause kommen, und ruf mich bitte an, wenn er nicht dort ist. Sei bitte so lieb, Leopold.“

Linde hinterließ für seine Mutter eine Nachricht und machte sich auf den Weg zu den Ruinen, die hinter dem runden Platz am anderen Ende der langen Straße lagen. Die tägliche Versammlung vor dem Spielzeugladen war heute größer als sonst. Zwischen den Leuten schwirrten Katja und ihre Mädchenbande. Er überquerte das Kopfsteinpflaster und stellte sich dazu. „So, und det Backpfeifenjesicht hat Kurtchen blutig jeschlagen… Oda wat haste jrade erzählt?“ befragte die Frau mit der Turmfrisur Klein Moni.

„Ganz hinterlistig“, Frau Laser, „ganz gemein“, versicherte Klein Moni.

„Der ist ja als bösartiger Strolch bekannt“, unterstrich der hagere Uhrmachermeister und blies den Qualm seiner Zigarette über sein Töchterchen hinweg. „Und was hatte der kleine Ninne da zu suchen?“ wandte er sich an Katja.

Katja verzog den Mund. „Wir waren am Brunnen…“

„Am Brunnen – ist das alles?“

„Na ja, am Springbrunnen…“

„Da lauern die Hunnen“, reimte der Uhrmachermeister. „Das ist doch keine Antwort!“

Katja warf ihre schwarze Mähne nach vorne und drückte sie sich auf den Mund. Wie es schien, war aus ihr nichts mehr herauszuholen.

„Wir hatten Streit“, meldete sich Bärbel, ein X-beiniges Mädchen mit Pausbacken.

„Und warum?“ hakte der Uhrmachermeister nach. „Da gab es ja bestimmt einen Grund, oder?“

Katja boxte ihr in die Seite. „Nicht, dass ich wüsste“, wich Bärbel aus.

„So, so, schon wieder vergessen. Na dann wollen wir noch mal meine Tochter fragen.“ Der Uhrmachermeister schob Klein Moni einen Meter von sich weg, damit sie jeder sehen konnte.

„Ninne hat mit der ollen Schweinekrille Arzt gespielt“, bekundete Klein Moni, „und der Sohni hat Kurtchen zu Brei gehauen.“

„Det ís ja allerhand!“ regte sich die Turmfrisur auf. „Und de Schwester von dem Mistfink war bei dem Ninne im Krankenhaus. Det hatse beim Bäcker rausposaunt – wenn det mal keen Zufall is!“

Linde griff sich in die Locken. Was redeten die für ein Zeug! Und das mit der Krille – wann sollte das denn gewesen sein? „Das stimmt nicht“, meldete er sich zu Wort.

„Dis is der Bengel von der Büchergräfin“, mischte sich eine piepsige Stimme ein. Die Turmfrisur kippte das steife Haarwerk nach vorne und ließ ihre schlaffe Unterlippe herunterhängen. „Wie willste det so jenau wissen?“ pöbelte sie ihn an. „Oda haste ooch mit det Miststück rumjefummelt?“

„Weil Ninne mein Freund ist und weil das nicht wahr ist.“

Ein Raunen ging durch die Versammlung, die Blicke richteten sich auf Klein Moni. „Woher weißt du das, Monika?“ stellte sie die Spielzeugfrau zur Rede.

Klein Moni drehte sich um und guckte ihren Vater an. Der packte sie kurzerhand am Genick und schob sie wie einen Stuhl hinter seinen Rücken. „Mein Kind hat Angst, wie Sie sehen“, begründete er den Platzwechsel.

„Euch hamse doch alle vollet Rohr int Jehirn jeschissen, ihr Bumsköppe“, grölte ein Betrunkener dazwischen, „wat soll denn dabei sein, wenn Kinder Doktor spieln und nachkieken, wat Ambach is!“

Ein junges Mädchen kicherte; die Leute blickten auf eine riesige Sonnenbrille. „Blöde Jans“, zischte die Turmfrisur.

„Selber blöde und außerdem hässlich“, erwiderte das Mädchen mit der Sonnenbrille und blies seinen Kaugummi auf.

Die Leute schauten aneinander vorbei und stahlen sich davon: niemand schien angesichts der fetten weißen Blase unter der Sonnenbrille noch bleiben zu wollen.

Linde stellte sich Katja in den Weg. „Kannst du mir bitte sagen, wo Ninne ist?“

„Such ihn doch, du Heini!“ ließ sie ihn abblitzen.

„Der Uhrmachermeister richtete seine Brenngläser auf ihn. „Der müsste am Brunnen sein, denke ich, und beste Grüße an deine Mutter.“

Linde bedankte sich und trabte los. Hätte er sich das nicht denken können – bei diesem Wetter? Ninne würde bestimmt Schiffchen schwimmen lassen oder mit den Füßen im Wasser planschen. Doch als er vor dem runden Becken stand, war von seinem Freund nichts zu sehen. „Haben Sie einen Jungen mit langen Haaren gesehen?“ fragte er die alte Frau auf der Parkbank, die von einem Schwarm Tauben umgeben war.

Die Alte hob ihr zerfurchtes Gesicht gegen die Sonne und blinzelte ihn mit ihren winzigen Augen an, die wie Wassertropfen unter den schlohweißen Brauen glitzerten. „Du bist doch der Linde, der Leopold, nich?“

„Ja…, ich suche Ninne. Kennen Sie den?“

„Na, klar, kenn euch beide. Kennste mich nich mehr?“

„Kann sein, aber weiß ich jetzt nicht. Tut mir leid.“

„Macht nüscht. Bin ´ne alte Frau. Aber die Tauben kennen mich, die wissen Bescheid. Suchst Ninne, nich?“

„War der hier?“

„Is weg… Da am Brunnen war der Deibel los.“

„Der Deibel?“

„Ja, erst hat so ´n langer Lausebengel Ninne versemmelt und denn hat der Sohni den langen Lulatsch det Jackstück vollgehauen.“

„Wo ist Ninne hin?“

Die Frau zeigte mit ihrem abgezehrten Finger auf die Fontäne des Springbrunnens. „Dahinter, da, wo die Birke steht, da isser lang – nach rechts.“

Er wünschte der Greisin einen schönen Tag und lief in die angegebene Richtung. Als er an der Birke war, kreuzte Katja seinen Weg. „Ninne ist nicht mehr hier“, rief sie ihm zu, „ ist zur Höhle.“

Er blieb stehen. „Hast du ihn gesehen?“

Katja zeigte auf einen Gartenarbeiter, der einen vertrockneten Strauch ausgrub. „Der hat gesagt, wo er lang ist.“

Im nächsten Augenblick war sie neben ihm. „Komm wir laufen zur Höhle, Süßer!“

Katja war schneller als er, aber das störte ihn nicht. Sportliche Leistungen waren ihm ebenso gleichgültig wie Mädchen; außerdem war sie die beste Sportlerin in der Schule. Warum sollte er sich ausgerechnet mit ihr messen! Sport durfte er auch aus gesundheitlichen Gründen nicht treiben. Wegen einer Lungenentzündung war er ein Jahr später eingeschult worden. „Kann nicht so schnell“, keuchte er.

„Aber mir Ninne wegschnappen, du Murkel, das kannste.“

Er blieb stehen. Was wollte die von ihm? Er hatte nur seine Mutter und Ninne. Sein Vater war tot. „Puste wie ´n alter Opa, aber eingebildet“, setzte Katja nach.

„Ich…warum?“

„Na wegen adlig und so und Bücherwurm und immer schicke Sachen… und nur mit Ninne… weil der so hübsch ist.“

„Bist selber eingebildet und tust dich immer hervor.“

„Haste auch mit Krille Arzt gespielt und dein Schniepel gezeigt?“

„Mit der spiele ich nicht.“

„Die hat Ninne die Hand kaputtgemacht.“

„Hat sie nicht. Lass mich jetzt in Ruhe!“

Als die Ruinen in Sicht kamen, packte Katja seinen Arm. „Ducken!“, zischte sie und zog ihn in den nächsten Hauseingang. „Der Sohni läuft da vorne.“

Sohni drückte sich auf der anderen Straßenseite an der Häuserfront entlang. Katja zeigte auf ihn. „Siehste das weiße Hemd da? Wir schleichen uns an.“

„Und wieso?“

„Ist ´n gemeiner Hund und wenn der uns sieht, kommta hinterher.“

„Wo ist denn eure Höhle?“ erkundigte er sich.

„Ganz hinten bei der kaputten Fabrik.“

„Nicht an der Straße?“

„Was denkste denn!“

Linde schaute zu den Ruinen; schon ihr Anblick jagte ihm Furcht ein. Was Ninne da bloß immer wollte! Und dann die Geschichten von Geistern, Leichen, Mördern und finsteren Kellern. Sein Blick wanderte über eingestürzte Giebel und zerborstene Brandmauern zu einem Schild, das an einer von Geschossen zerfetzten Fassade vor Einsturzgefahr warnte. „Und da willst du rein?“ stöhnte er.

„Na und… haste Bammel?“ Sie lachte.

„Ja, hab ich…, aber wenn Ninne da drin ist…na gut. Siehst du den Sohni noch?“

„Nee, aber der latscht immer zum Getränkeladen anne Ecke und holt Bier.“

Die verwitterte Haustür stand einen Spalt offen. Katja drückte sie auf und ging voran. Es roch nach Mörtel und Brand. „Ist von den Bomben“, belehrte sie ihn.

„Weißt du das noch?“

„Da war ich noch ganz klein… 1941 geboren. Im August werde ich zwölwe. Aber ein bisschen kann ich mich noch erinnern – an das viele Feuer. Wir müssen jetzt ruhig sein; hier sind manchmal komische Männer.“

Als sie den ersten Hof erreichten, starrte er auf die brüchigen Mauern, die sie umschlossen. „Hier wohnt der Tod“, stammelte er und spürte die Gänsehaut auf seinem Rücken. Katja zeigte auf die zweite Durchfahrt, vor der sich ein Schuttberg auftürmte. „Da müssen wir durch“, flüsterte sie.

Er griff sich in die Locken, öffnete den Mund und wollte ihr seine Angst mitteilen, doch sie ließ ihn nicht dazu kommen und zog ihn vorwärts. Als sie vor dem halbverschütteten Loch standen, sträubte er sich. Die Durchfahr erschien ihm wie eine Todesfalle. „Ist nicht schlimm“, ermutigte sie ihn und schob ihn hinein. Kurz hinter dem Treppenaufgang blieb sie stehen und griff nach seinem Arm. „Hörst du das?“ fragte sie und zeigte zur Decke. „Hört sich an wie im Gebirge.“

Er legte den Kopf in den Nacken und lauschte. „Stimmt“, bestätigte er, „hört sich so an – so als wenn Geröll einen Berghang hinunterrutscht.“ Sekunden später donnerte es, als stürzten Gesteinsmassen in eine Schlucht. Brach die Ruine zusammen? Sie hielten sich aneinander fest. Im nächsten Augenblick bebte unter ihnen der Boden; Massen von Schutt krachten in den unteren Treppenschacht. Nach einer Minute verebbte das Getöse; Stille legte sich wie eine Erdschicht über sie. Er bohrte die Fingernägel in seine Kopfhaut. Lebte er noch? Er spürte Katja, aber er sah sie nicht: ein scharfes Brennen schweißte seine Augenlider zusammen. Er rang nach Luft, doch beißender Staub presste sich wie ein Stopfen in seine Luftröhre.

III. Kapitel

1

„Wo steckt denn der kleine Teufel?“ Frederic schaute die Mutter an.

„Was schürt dein Verlangen nach ihm?“

Frederic knallte zwei Lehrbücher auf den Tisch und schlug sie auf. Sie waren vollgemalt mit Gespenstern, Spinnen, Totenköpfen und Kindermördern. Die Mutter zog eine Augenbraue hoch und tippte mit dem Finger auf eine Gestalt, die ein Baby in einen Kochtopf steckte. Kindermörder stand in Schönschrift darunter. „Das sieht nach deiner geistigen Urheberschaft aus, Frederic, oder nicht?“

„Nur zur Hälfte, um ehrlich zu sein.“

„Er plappert dir alles nach. Wie kommst du denn auf Kindermörder, die Säuglinge essen? Du wirst demnächst siebzehn.“

„Ninne wollte wissen, ob Kindermörder so aussehen wie der Idiot von nebenan.“

„Wen meinst du? – Du stempelst ja ziemlich schnell andere Leute als Idioten ab.“

„Ich meine den gemästeten Gorilla, der immer hundert Messer mit sich herumschleppt.“

„Du meinst den ewig betrunkenen Kerl vom Schlachthof? – Eine furchtbare Erscheinung! Und was hast du ihm gesagt?“

„Die sehen so aus…“

„Das ist nicht alles.“

„… und dass der die totgemachten Kinder verspeist.“

„Verstehe, deswegen der Kochtopf. Ich bitte dich, mit dem Unfug aufzuhören.“

„Ich werte das als mütterliche Anweisung. Und nun sag mir bitte, wo ich ihn finden kann, er hat meinen Fahrradschlüssel.“

„Hast du ihn wieder dein Rad putzen lassen?“

„Ich habe ihn fürstlich bezahlt.“

„Er soll in seiner Höhle sein. Leopold rief vorhin an. Weißt du, wo die ist?“

„In den Ruinen – mittendrin.“

„Mittendrin…? Sagtest du, mittendrin?“

„So ist es.“

„Wir machen uns sofort auf den Weg und holen ihn.“

„Ich mach das alleine, Mutter, das geht schneller. Im nächsten Moment stürmte er die Treppen hinunter.

Kurz vor den Ruinen schnürte eine kleine windschiefe Gestalt wie ein Fuchs schräg über die Straße und blieb vor einer Litfaßsäule stehen. Frederic lief langsamer. Die Gestalt schien etwas zu suchen, umrundete mit flinken Trippelschritten die Säule und überflog die Plakate. Vor einer Zigarettenreklame schlug sie die Hacken zusammen und riss den Kopf hoch. Es war Tarzan, sein schwarzer Anzug hing auf den mageren Schultern wie auf dem Lattenkreuz einer Vogelscheuche; nur über seinen Buckel spannte sich der blankgewetzte Stoff wie ein Strumpf über einen Stopfpilz. Warum gaffte der nur so lange ein Plakat an, auf dem nichts weiter zu sehen war, als eine rotweiße Zigarettenschachtel mit einer Goldkrone? Und den Köter hatte er auch nicht dabei! Tarzan war sonst nie ohne seinen struppigen Terrier unterwegs.

Als Frederic den Ruineneingang erreichte, pinkelte ein Betrunkener an die Tür und beobachtete, wie das morsche Holz den Urin aufsog. Er drückte sich an dem Burschen vorbei und schlüpfte durch den Spalt. Hinter der Tür schlug ihm Kalkgeruch entgegen. Als er in den Hof trat, versperrte eine Staubwand die Sicht. War der hintere Teil eingestürzt? Er wich bis zum Treppenaufgang zurück. War Ninne unter den Trümmern? Er dachte nicht weiter, hetzte in den vierten Stock hinauf und hängte den Kopf aus dem Treppenfenster. Wie ein Daunenbett lag die Staubwolke im Geviert des Hofes. Er blickte auf das verkohlte Dachgebälk gegenüber: das Quergebäudes stand noch. Aber woher kam der Staub? Es musste doch was zusammengestürzt sein! Er durfte keine Zeit verlieren. Noch im Lauf riss er sich das Hemd vom Körper und band es sich vor den Mund, bevor er in die weiße Nacht des Staubes eintauchte.

In der zweiten Durchfahrt saß der Staub wie ein Pfropfen. Er tastete sich an der Wand entlang. Stechender Schmerz ließ ihn innehalten. Er griff sich an die Schläfe und spürte Blut, das sofort verkrustete und sich wie ein Sandklumpen anfühlte. Er kam nicht mehr weiter: Schutt und Eisengestänge versperrten den Weg. Wie eine Nase ragte eine Schutthalde aus dem Treppenaufgang in die Durchfahrt. Auf allen vieren krabbelte er hinüber. Ihm wurde die Luft knapp,doch er musste es wagen, musste die letzten Meter im Lauf nehmen. Doch als er lossprang schlug er mit dem Schienbein gegen einen Mauerbrocken und stürzte hin. Ein halber Atemzug ließ sich noch aus dem zusammengeknüllten Hemd saugen. Ihm wurde heißer und heißer; Schweiß und Staub panierten ihn wie ein Schnitzel. Würde das bisschen Luft reichen? Er quälte sich auf die Beine.

2

Ninne verließ den Park und irrte durch die Straßen. Vor einem verwaisten Schuhmacherladen blieb er stehen, setzte den verbeulten Cowboyhut auf und spiegelte sich in dem schmutzigen Schaufenster. Er dachte an den Helden eines Wildwestromans, den er im Krankenhaus gelesen hatte. „Gary Grey, König der Cowboys“, hieß der Titel. Gary Grey kämpfte für Gerechtigkeit und liebte eine Indianerin; das machte ihn zu seinem Lieblingscowboy.

„Gary Grey“, murmelte er und starrte auf die stumpfe Scheibe, als wäre der König der Cowboys hinter ihr verschwunden. Eine dicke Fliege surrte heran und ließ sich in seinem Blickfeld nieder. Der grünlich schillernde Fleck störte ihn, und er hoffte, er verschwände gleich wieder. Doch die Fliege blieb sitzen, als wollte sie ihn ärgern. Er spuckte nach ihr, aber sein Speichel verfehlte das Ziel. Die Fliege rührte sich nicht. Er beugte sich nach vorne, wollte sie besser treffen, doch bevor er die zweite Salve abschießen konnte, warf der Brummer sein sechsbeiniges Laufwerk an und machte sich mit seinem Rüssel über die Spucke her.

Die Fliege verleidete ihm die Erinnerung an den König der Cowboys. Er nahm den Hut ab, glättete sein dunkelblondes Haar, das in weichen Wellen auf die Schultern fiel, und krempelte ihn um. Texas-Cowboy stand auf dem Schweißband. Wie stolz war er auf ihn gewesen! „Nicht traurig sein, Mama“, flüsterte er, knüllte den lappigen Filz zusammen und klemmte ihn in das rostige Scherengitter vor der Ladentür. Und wollte er nicht allen den Hut zeigen und von Gary Grey erzählen? Aber sie hatten ihn hingeschubst, getreten und ausgelacht, und dabei hatte er nur die Wahrheit gesagt! Und Katja…? Tränen flossen über seine Wangen. Nie wieder würde er zum Brunnen gehen, nie wieder bei dem Sandsteinmädchen auf sie warten – dort, wo ihr Treffpunkt war. Sie hatte ihm weh getan. Mit gesenktem Kopf ging er weiter.

Ein Stapel Bretter lud ihn zur Rast ein. Er machte es sich auf dem rauen Kiefernholz bequem und sog den würzigen Harzgeruch in die Nase. Das Geschehen um ihn herum entrückte; und als wäre er nach langem Wandern auf einer Waldlichtung angekommen, streckte er sich aus und schloss die Lider. Nach wenigen Atemzügen schlief er ein.

Nebel umfing ihn, Wasser plätscherte; eine Gestalt schälte sich aus dem Dunst und winkte. Es war die Figur vom Springbrunnen, das badende Mädchen aus Sandstein. Seine Augen flackerten wie Kerzen im Windzug. Der Nebel löste sich auf und es erstarrte wieder zu Stein. Doch jetzt hatte es Katjas Gesicht. Dunkle Flammen brannten in ihren Augen – ruhig und sanft wie im Glaszylinder einer Petroleumlampe. Plötzlich loderten sie auf, prasselten hell und erloschen; zwei ausgebrannte Löcher starrten ihn an. Ein Windstoß breitete ihre Mähne zu Schwingen; ein schwarzer Vogel stürzte von den Schultern des Sandsteinmädchens in das Wasserbecken und versank. Er schnellte hoch. „Na, schön Nickerchen jemacht, kleene Süße?“ erkundigte sich ein Lastwagenfahrer, der die Bretter aufladen wollte.

Die Straße schien endlos: graugelbe Fassaden, nirgendwo ein Baum – nichts als eine schattige Schlucht, in der es nach Gully und Erbsensuppe roch. Ein aufgedunsenes Gesicht glotzte ihn aus einer Parterrewohnung an. Zwei Fenster weiter baumelten fette Frauenarme wie Leberwürste über den Sims. Vor einem Sargladen streckte ihm ein schielender Junge ein Marmeladenglas voller Spinnen entgegen und eine Zahnspange grinste ihn von der Seite an. Als er den Fahrdamm überquerte, blickten ihm zwei kleine traurige Segelohren hinterher. Aus einer Kohlenhandlung erklang ein grelles „Ninne!“. Er verhielt den Schritt und wandte sich der Stimme zu. „Mensch, Ninne!“ schallte es noch einmal aus dem Kellerloch. „Biste uff Achse?“

Es war Püppi. Sie steckte in einem fleckigen Arbeitsanzug und roch wie ein alter Dieselmotor. „Menschenskinder, Ninne! Haste dir verloofen und wie kommste hierher?“

Er war verlegen, schaute zur Seite. „Weiß nicht“, wich er aus. „Und du?“

„Icke acka hier und bin Lehrling für Verkäufa für Brennstoffe da unten im Kohlnbunka.“ Sie zeigte auf ihre unterirdische Arbeitsstelle. „ Wie jeht´s deine Atze?“

„Atze?“ Er hob den Kopf. „Was ist das?“

Püppi lachte und steckte sich eine Zigarette an. „Atze heißt Bruda oda kannste ooch Keule sagen.

Bei dem Wort Keule musste er an ihren älteren Bruder denken, der wie ein Kindermörder aussehen und Schnauze heißen sollte. „Hast du einen Bruder?“ fragte er.

„´n jroßen und ´n kleenen.“

„Was machen die?“

„Meene jroße Atze ackat uff ´n Viehhof und meene kleene is dreizehn und ´n paar Zerquetschte.“

„Macht der Tiere tot?“

„Pausenlos, volle Pulle Schweine abstechen… Und deine Atze?“

„Geht zur Schule.“

„Nich Lehrling für Schneida?“ Sie quetschte die Zunge zwischen die Lippen.

„Nö.“

„So ´n Spinna! Hat ma erzählt macht uff Schneida und eua Alta is ooch ´n Schneida Meckmeckmeck.“ Sie nahm einen tiefen Zug und lachte.

„Unser Vater ist kein Schneider, der ist Lithograph.“

„Nie nüscht jehört wat von… Und Händchen?

„Der Gips kommt bald ab.“

Sie guckte auf den aufgeplatzten Verband. „Weeßte wer det wa?“

„Nö.“

„Nich Krille… die olle Schluse?“

„Die war es nicht, weiß ich ganz genau.“

„Die is jetze im Heim. Neulich kam so´ne fette Sau vom Jugendamt und hatse jejrapscht.“

„ Was ist das?“

„Da kommste hin wenn eena frech is und wenn…“

„Kundschaft!“ brüllte eine Männerstimme aus dem Kellerloch. „Quatschen kannste nach Feierabend.“

„Jrüß deine Atze und…“ Püppi knipste die Glut von der Zigarette und eilte in ihr Kohlenloch.

Am Ende der Straße fragte er zwei Jungs nach der Uhrzeit. Die beiden grinsten. „Fünf Minuten vorm Dicken, wenn de rennst kannste noch…“, witzelte der eine. „Aber nicht Pappi sagen.“

An der Kreuzung blickte er auf die Normaluhr und rannte los. Eine Autohupe ertönte, Reifen quietschten. „Verflixte Blake“, kreischte eine Eunuchenstimme, „kannste nich uffpassen!“

Sekundenlang stand er verloren auf der Fahrbahn. Als die Ampel auf grün schaltete, riss ihn der Fußgängerpulk mit auf die andere Straßenseite. „Nächstet Mal fahrnse dir den Arsch weg, Fräulein“, warnte ihn ein Rundkopf mit Kaiser-Wilhelm-Bart.

Für ein Mädchen gehalten zu werden, war er gewohnt. „Du solltest ja auch eins werden“, sagte seine Mutter immer, „und langes Haar steht dir gut.“ Er drehte sich um. Warum war er gerannt? Ziellos ging er weiter und kam in die Straße, wo der Buchladen von Lindes Mutter war. Sollte er sie besuchen? Als er näher kam, trat ein hochbeiniges Mädchen in einem taubenblauen Kleid heraus und blieb auf dem Bürgersteig stehen. In der rechten Hand hielt es ein Netz voller Bücher und in der linken eine rote Teufelspuppe. Ein elfjähriger Junge kam hinterher, entriss dem Mädchen die Puppe und ging in den Laden zurück. Es dauerte eine Weile, ehe der Junge wieder herauskam und sich von dem Mädchen an die Hand nehmen ließ.

Das Mädchen zog Ninne an. Es war etwas älter als Katja. Als die beiden losgingen, folgte er ihnen. Der Junge trug einen stahlblauen Anzug, blieb alle naselang stehen und zupfte an seiner dunkelroten Fliege herum; und jedes Mal wartete das Mädchen, bis sich der kleine Herr bequemte, weiterzugehen. Er überholte sie und wartete an der nächsten Ecke. Als sie herankamen, stellte er sich vor ein Schaufenster und schaute auf die Auslage. Der Junge riss sich los und stellte sich neben ihn. Erst jetzt bemerkte Ninne die Reißverschlüsse, Knöpfe und Garnrollen vor seinen Augen. „Ich muss hier rein, Thomas“, sagte das Mädchen, „etwas für Mutti kaufen.“

Der Junge ging mit. Durch die Schaufensterscheibe konnte Ninne die beiden gut sehen. Das Mädchen war größer und schmaler als Katja und hatte seidiges blondes Haar, das sich weich an die Schläfen schmiegte. Sein Gesicht erinnerte ihn an ein Madonnenbild in einer Kirche. Das Mädchen trat an die Auslage heran und beugte sich über die niedrige Rückwand. Die Verkäuferin zeigte auf verschiedene Knopfmuster. Der Blick des Mädchens blieb auf einem Mantelknopf ruhen, der wie ein Edelstein auf blauen Samt gebettet war. Er drückte die Stirn an die Scheibe. Der feine, steile Nasenrücken des Mädchens schimmerte wie Perlmutt. Das war doch das Kirchenmädchen – so sah es doch aus! Das Mädchen hob den Kopf. Ihm schoss das Blut in die Schläfen. Es sollte ihn doch nicht sehen! Er schob die Hände zwischen Gesicht und Scheibe, doch als er sie herunternahm, blickten ihn zwei große bernsteinfarbene Augen an. Er duckte sich weg und jagte zu den Ruinen.

3

Frederic taumelte ins Freie; seine Augen brannten, als hätte er sie mit Salzsäure gespült. Er befeuchtete sie mit Speichel und rieb den Staub heraus. Wie durch einen Schleier sah er zwei nackte Kinder, die Anstalten machten, in den von jungen Birken und Holunderbüschen umsäumten Löschteich zu steigen. Er ruderte mit den Armen, denn in dem fast drei Meter tiefen Becken aus der Kriegszeit lauerte eine tödliche Gefahr. „Macht das nicht!“ schrie er und eilte zu ihnen.

Hinter dem Quergebäude dehnte sich ein weitläufiges, von Bomben und Granaten umgepflügtes Fabrikgelände, das sich die Natur in den Jahren seit Kriegsende zurückgeholt und in eine Wildnis verwandelt hatte. Birken, Pappeln, Robinien, Ahorne, zahllose Wildkräuter und Gräser, wilder Wein, Schlingenknöterich und Efeu wetteiferten miteinander, die geschundenen Fassaden hinter ihrem Laubwerk zu verstecken. Vor drei Jahren noch hatte er hier gespielt, den Fabrikruinen aus rotem Backstein ihre Geheimnisse entlockt und ihre Gefahren herausgefordert; und hier war auch die Idee geboren, Architekt zu werden. Die Überbleibsel einst prunkvoller Industriegotik hatte er damals in seinem Zeichenblock festgehalten.

Frederic blieb einen Moment stehen und schaute zu den Ruinen auf der anderen Seite von Ninnes Spielparadies. In der einen waren Bestecke, Scheren und Chemikalien, in der anderen Stahlhelme hergestellt worden. Die Eltern wussten nicht, dass er Ninne hierher gelockt hatte; und von dem Tag an, an dem sein kleiner Bruder die Säurebecken im Keller der Besteckfabrik sah, konnte er ihm die Ruinen nicht mehr ausreden. Immer neue Geschichten über die in den Boden eingelassenen Säurebecken, in denen eine grün-gelbe Flüssigkeit ölig glänzte, musste er ihm seitdem erzählen – besonders solche von Mördern, die ihre Opfer nachts dorthin lockten und hinterrücks hineinstießen.

Katja und Linde winkten ihm zu. „Was ist mit euch los?“ begrüßte er sie. „Habt ihr Schlammpackungen auf euren Köpfen?“

Katja schaute ihn an. „Bist ja auch so weiß wie ´n Mehlwurm.“

„Wo steckt Ninne?“ wandte er sich an Linde. „Wie lange seid ihr hier?“

Linde fuhr mit der Hand über seine eingesumpften Locken. „Keine Ahnung… Ninne war am Springbrunnen… ich hin… Katja war mit… kein Schimmer…“

Frederic trat dicht an sie heran. „Und wo ist er?“

Wie es ihre Art war, wollte sie erst ihre Mähne in eine andere Lage schwingen, bevor sie antwortete, aber das moddrige Haar klatschte nur wie ein nasser Lappen gegen ihr Schulterblatt.

„Rede doch!“ drängte er.

Katja hielt sich die Hand vor die Scham. „Wir wollten uns die Haare waschen… alles voll Staub…“

„Nicht wichtig.“

Sie versuchte erneut ihr Haar nach vorne zu schleudern, schaffte es aber wieder nicht.

Frederic drückte die Handballen gegeneinander. „Lass doch mal deine dämlichen Haare in Ruhe! Wo ist Ninne?“

Katja holte ihr Haar mit der Hand nach vorne und presste es sich auf die Bauchdecke. „Wir sind nicht lange hier“, begann sie, „waren mit Ninne am Springbrunnen, und dann hat ´s im Hausflur gekracht. Weiß nicht, wo er steckt.“

„Und da drinnen?“ Frederic zeigte auf die Durchfahrt, aus der immer noch Staub quoll.

„Da geht er nicht mehr durch… da lag ein toter Hund und alles voll Maden und da hat er sich geekelt.“ Sie schnitt eine Grimasse. „Ninne kommt jetzt immer von woanders, aber ich weiß nicht…“

Das beruhigte ihn – ein toter Köter voller Maden! Wie ekelanfällig Ninne war, hatte er erst neulich wieder bei der Oma erlebt. „Oma isst tote Vögel!“, jaulte Ninne und flüchtete mit zugehaltener Nase vom Abendbrottisch. Dabei hatte sie sich nur über ihren Lieblingskäse hergemacht. Frederic wischte sich mit dem Handrücken die Schweißperlen von der Stirn. „Und was ist mit euch, wie seid ihr da rausgekommen?“

„Katja hat mich gerettet“, antwortete Linde, „ich war wie blind.“

„Na, ja“, sagte sie, „hab ihn am Wuschelkopf gepackt.“ Sie betrachtete seine eingeschlemmte Lockenpracht und lachte. „Jetzt isser so glitschig und da rutscht man ab und da müsste er drin bleiben.“

„Meine Mama soll nichts wissen, Frederic.“ Linde griff nach seiner Hand. „Du sagst doch nichts?“

„Habt ihr es nicht mit der Angst zu tun gekriegt?“ Frederic schaute die beiden abwechselnd an.

„Ja, mächtig, das Gedonner und so und der Staub.“ Katja riss die Arme hoch. „Ist aber nichts passiert.“ Ihre Arme sanken wieder herunter.

„Habt Glück gehabt. Wir machen uns sauber und dann suchen wir Ninne.“ Frederic schaute Katja an. „Wir halten alles geheim – einverstanden?“

Sie nickte. „Einverstanden.“

Das glasklare Wasser, in das die Maisonne ihre Strahlen bohrte, verlockte auch Frederic, in den Löschteich zu steigen, doch zwei Verletzungen reichten ihm. Sie staubten die Kleidungsstücke aus und wuschen sich am Rand. Als sie fertig waren, betrachtete er eine blaugrüne Libelle, die auf dem schwertartigen Blatt eines Rohrkolbens saß und ihre Farben spielen ließ.

„Hier sind Frösche drin“, bemerkte Linde.

„Stichlinge auch.“ Katja wies mit ausgestrecktem Arm auf die frischen Blätter einer Teichrose. „Da steht einer, ein Männchen, ganz bunt.“

Frederics Blick wanderte über die Wasseroberfläche. „Ist nicht alles“, fügte er hinzu und zeigte auf einen Gelbrandkäfer, der zum Luftholen nach oben ruderte. „Da sind noch Wasserläufer, Muscheln, Schnecken, Molche, Karauschen… Und guckt euch mal die Pflanzen an!“ Er warf ein Steinchen auf eine Sumpfdotterblume, die ihre Blüten wie Goldmünzen über das saftige Grün ihrer Blätter verstreute.

„Ja, die ist schön, aber noch schöner ist der Blut-Weiderich, aber der blüht noch nicht.“ Sie guckte ihn an. „Weißte noch mehr?“

Sein Blick kehrte zu der Mosaikjungfer auf dem Rohrkolbenblatt zurück. War es die lauernde Stellung des wendigen Räubers oder war es die Arglosigkeit der beiden? Er strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und schaute sie an. „Wisst ihr, wie alt mein kleiner Bruder ist?“

Katja warf ihre Mähne hin und her. „Ja, ja, weiß ich, aber was ist da noch alles drin? – Ninne sagt, da gibt´s ´n Geheimnis und wo es ganz tief ist solln Totenköpfe sein.“

Frederic presste die Lippen zusammen. Das Geheimnis waren Handgranaten und Stabbrandbomben, die im Löschbecken lagen und die bei der geringsten Berührung losgehen konnten. Davon hatte er Ninne nichts gesagt. Was hatte er da bloß angerichtet! Jeden Augenblick konnte hier ein Unglück geschehen. Was hatten Kinder hier zu suchen? Unwillkürlich wich er von dem mit Gräsern und Moosen bewachsenen Rand zurück.

„Ninne will tauchen und die olln Totenköpfe… Igitt!“ Katja schüttelte sich.

Er blickte auf ihre spitze Nase, die ihn an ein geschwätziges Mädchen im Gymnasium erinnerte. Sollte er es verraten? – Nein, das konnte er nicht! Eine Spitznase wie sie würde es herumerzählen und ihm am Ende nur Ärger bereiten. Ihm blieb nichts übrig, er musste die beiden von hier vergraulen.

„Warum sagst du nichts?“ Sie steckte ein Bündel Haarspitzen in den Mund und schmollte.

„Gleich…, ich sag gleich was…“ Er schaute für einen Moment den Meisen und Rotkehlchen zu, die auf der Jagd nach Futter wie Pfeile durch die Luft schossen, ehe er fortfuhr: „…geht nicht mehr hierhin, hier…“

„Und warum nicht?“ Katja schwenkte ihren Rock und zwinkerte.

Er schwieg, ein Bild formte sich in seinem Kopf. „Sag doch was“, drängelte sie, „sag doch, was hier ist!“

„Hier ist…“ Das Bild überwältigte ihn. Ninne sitzt am Teich, beobachtet einen Molch… Hinter ihm drücken Hände Zweige beiseite, eine bleiche Fratze schält sich aus dem Laub… Die dunkle Gestalt krümmt sich, streckt die Arme aus, schleicht sich ran. Krallenartige Hände spiegeln sich im Wasser, senken sich… Er schlug sich gegen die Stirn. „… wisst ihr, was ein Todesgarten ist?“ fuhr er mit heiserer Stimme fort.

Lindes fuhr zusammen. „So etwas wie ein Friedhof?“

„Nein.“ Frederic schaute Katja an. „Weißt du, was ich meine?“

Katja angelte nach ihrem Haar. „Na so was wie in Gruselgeschichten. Ich bin nie alleine hier.“

„Und Ninne?“ Frederic trat noch weiter vom Teichrand weg.

„Der geht alleine hierher… Find ich nicht gut, weil er noch so klein ist.“

„Du bist auch noch klein!“ schrie er sie an und zeigte auf die Wasseroberfläche und auf die Ruinenfront. „Hier lauert der Tod. Du siehst ihn nicht, aber er sieht dich. Was, wenn plötzlich einer hinter dir steht?“

Katja wurde aschfahl. „Ninne erzählt immer so schreckliche Geschichten… und nachts sollen hier Mörder sein…“

„Mörder“, hakte Frederic ein, „können sich hier auch am Tage verstecken, und in den tiefen Kellern ist immer Nacht.“

Lindes Gesicht nahm das kalkige Weiß von Stallwänden an. „Müssen wir… durch den… Hausflur zurück?“ stotterte er.

„Frederic klopfte ihm auf die Schulter. „Nein, kommt! Ich kenn mich hier aus.“

IV. Kapitel

1

Sohni rieb sich die Augen trocken und warf das Taschentuch aus feinem Leinen in den rußigen Schutt des ausgebrannten Dachstuhls. Wie kamen die dorthin? Noch einmal kam ihm die Wut hoch und quetschte Tränen aus den Drüsen. Er guckte auf die bereitgelegten Wurfgeschosse, aber die Entfernung war zu groß. Seine Zähne knirschen. Er hatte mit Katja und Ninne gerechnet, nicht aber mit Linde und dem Bruder; und wäre er nicht zum Springbrunnen gegangen, wäre die Höhle längst zerstört, der Teich eine trübe Brühe und die Fische würden mit den Bäuchen nach oben schwimmen. Doch statt ihre Höhle einzustürzen und die Karbidflasche im Teich explodieren zu lassen, hatte er Ninne beigestanden – ausgerechnet Ninne!

Sein Blick schwenkte zu Katja. Ihr Vater hatte ihn Strolch genannt und aus dem Hutladen gejagt. Sie gefiel ihm, obwohl ihre Brüste nicht größer waren als Walnüsse. Stärker jedoch erregte ihn Ninne. Kein Mädchen fand er hübscher als ihn; und wenn die beiden am Teich Indianer spielten und Ninne sich von ihr an den Marterpfahl binden ließ, malte er sich jedes Mal aus, was er mit ihm an Katjas Stelle machen würde. Von allen Kindern hasste er ihn am meisten. Und doch war er ihm von allen der Liebste. Er schaute wieder zu Katja. Sie schleuderte ihr Haar nach hinten und zog Linde vom Teich weg. Gleich würden sie über den Hof kommen. Er hob die Steine auf und verließ seinen Ausguck.

Als er von der anderen Seite in den Hof blickte, stutzte er. Was war denn da noch alles eingestürzt? Er eilte zum Treppenschacht und beugte sich über die Kante. Da mussten doch Treppen sein! Er starrte und starrte, trommelte mit den Fäusten auf seine Schädeldecke, doch sie blieben verschwunden. Das konnte nicht wahr sein! – Er wollte doch nur Linde verscheuchen! Was hatte er sich da eingebrockt? Als hätten die Treppenläufe aus mürbem Gebäck bestanden, lagen sie zerbröckelt im unteren Schacht; und nur die verkohlten Türblätter, die sich in den Mauerlöchern wellten, erinnerten an die Stufen, die er so oft hinauf – und hinuntergestiegen war. Es gab keinen Rückweg – vor ihm gähnte ein nackter Krater. Er ließ die Steine hineinfallen.

Wie Pulverdampf aus einem Kanonenrohr war der Staub Sekunden später in den Himmel gepufft, nachdem er ein schweres gusseisernes Rohr auf einen Eisenträger gestürzt hatte, der wie ein Schwengel aus der Wand ragte. Mit singendem Knall sackte der Träger nach unten und riss ein großes Stück Mauerwerk mit in den Treppenschacht. Ohrenbetäubendes Getöse erfüllte die Ruine; unter seinen Füßen tanzte der Boden. Mit größeren Hindernissen als Schutt auf den Treppen hatte er nicht gerechnet.

Vom Dachstuhl gab es kein Entkommen, denn die Eisentür zur Nachbarruine war verrammelt. Er lehnte die verbogene Stange, mit der sich nichts ausrichten ließ, an die Brandmauer. Sollte er um Hilfe rufen? Eine Elster schwebte im Gleitflug auf den Teich zu und tauchte ihren Schnabel ins Wasser. Die hatte es gut! Die schwüle Hitze quälte ihn. Er griff wieder die Stange und schlug auf das rostige Stahlblech wie auf eine Pauke, doch nicht einmal die Krähen auf dem Giebel beeindruckte das. Sie beäugten ihn nur kurz und dösten weiter.

„Allet Scheiße und Pisse!“ fluchte er und warf die Stange über die Dachkante. Wer sollte ihn auch hören! Und Ninne – wo steckte der mit seinem verdammten Cowboyhut? Wie gerne würde er den jetzt fesseln und martern und sagen: Hier kannst du blöken, bis du schwarz wirst. „Kann selber blöken, bis ick schwarz bin“, murmelte er und schlurfte zu seinem Schaukelpferd, das er in der Ruine gefunden hatte. Machten Indianer nicht Rauchzeichen? Streichhölzer hatte er bei sich. Er hörte auf zu schaukeln und stöberte im Schutt nach Brennmaterial. Dabei stieß er auf eine Blechkiste.

Die olivfarbene Munitionskiste war vollgepackt mit fabrikneuen Fotoapparaten und Filmen. Er dachte an seinen Vater, als er die Kostbarkeiten befühlte. So eine Beute durfte er sich nicht entgehen lassen! Er versteckte sie unter Zinkschrott und schleifte die leere Kiste zum Ausguck. Wölkchen am Himmel erinnerten ihn an ein Gewitter, dem er vor ein paar Tagen entronnen war. Er musste sich beeilen, fand aber nichts Brennbares. Als er schon aufgeben wollte, kam ihm ein Gedanke. Er schlug die Handballen gegen die Stirn. Warum war er nicht gleich auf Stinkbomben gekommen? Filme hatte er genug. Er brauchte nur noch ein Rohr, eine Büchse, eine Flasche oder Papier. Nach kurzem Suchen fand er ein Rohr, einen Kanister und eine Feldflasche. Jetzt konnte er auch Bomben bauen.

Er stopfte die drei Behälter mit Filmrollen voll und versah sie mit kurzen Lunten aus dem gleichen Material. Die Glocken der evangelischen Kirche schlugen drei. Sollte er noch eine halbe Stunde warten? Er trat an die Dachkante und schaute zu dem schlanken, achteckigen Helm des Kirchturms, dessen Türkis sich zart vom Azur des Himmels abhob.

Die halbe Stunde war um. Sein Blick schweifte zum Löschteich. Schwalben jagten im Tiefflug über das kleine Gewässer; kein Windzug regte sich. Drückende Schwüle lag auf dem schwarzgebrannten Skelett des Dachstuhls; hinter zinnfarbenem Schleier flimmerte die Sonne wie sterbendes Gaslicht. Es sah nach Gewitter aus. Seine ausgedörrte Zunge bohrte nach Speichel, aber die Mundhöhle gab nichts mehr her. Die rissigen Lippen schmerzten. Noch geisterte kein Wetterleuchten am Horizont, noch stand alles still. Er zündete ein Streichholz an, doch als er die Flamme an das Rohr halten wollte, das Zelluloid schon zischen hörte, bemerkte er am Teich eine Kindergestalt.

Die kleine Gestalt hielt in der einen Hand wie einen Schild einen Kochtopfdeckel und in der anderen einen Speer. An ihrer Hüfte steckte ein Holzschwert. Das Gesicht war nicht zu erkennen – ein Stahlhelm bedeckte es bis zur Nasenspitze. Sollte er rufen, pfeifen, auf die Blechkiste trommeln, das Hemd schwenken? Eine zweite Gestalt tauchte auf. Doch mit ihrem Hut und ihrem schwarzen Anzug wirkte sie nicht wie ein Spielgefährte.

Vielstimmiges Säuseln drang von den Espen im Ruinengelände zu ihm. Ein Windhauch spielte mit ihrem Laub. Der kleine Recke richtete die Speerspitze auf die Wasserfläche, als stiege ein Drache aus den Fluten. Sohni schaute zu Katjas und Ninnes Höhle, die achtzig Meter vom Teich zwischen Schutthügeln lag. Die Gestalt mit dem Hut schlich sich an sie heran und spähte in das Eingangsloch. Es wurde kühler und dunkler; er zog sich die Hose an.

Der Hutmann zog den Kopf aus dem Loch und strebte mit flinken Schritten zum Teich. Sah der nicht wie der Hausmeister in der Schule aus? Das war doch auch so ein krummer Hund! Aber der trug immer einen blauen Kittel und eine graue Schiebermütze. Der Hutmann jedoch erinnerte an einen Leichenbestatter. Im nächsten Augenblick verschwand der Hut hinter dichtem Buschwerk. Kühler Wind kräuselte Sohnis Haut. Er zog sich das Hemd über. Ein Windstoß fegte durch den Dachstuhl. Die Nebelkrähen hoben ihre dolchartigen Schnäbel und flogen mit klatschendem Flügelschlag zur Kirche. Worauf wartete er noch? Er blickte zum Turmhelm, als wüsste der eine Antwort.

Vor der nachtschwarzen Wand leuchtete die Patina seiner kupfernen Schuppenhaut wie ein bengalisches Licht. Der Hut wippte wie auf einer Stange durch niederes Gebüsch. Was war das für ein Spiel? – Der schlich sich doch an! Der kleine Junge schien nichts zu ahnen. Im nächsten Augenblick stockte ihm der Atem. Das war kein Spiel! Er konnte den Mann jetzt deutlich sehen. An seiner Hand hing eine Schlinge. Er kroch zur Dachkante. Der Hut verschwand hinter dem Jasminstrauch im Rücken des Jungen. Der Wind wurde stärker, peitschte die Blüten von den Sträuchern. Er presste Luft in die Lunge: ein Pfiff sollte den Jungen warnen. Doch als er die Finger zwischen die Lippen steckte, setzte der Junge den Stahlhelm ab. Sohni stieß die Luft wieder aus – die kleine Gestalt war Ninne.

Als würde der Docht einer Öllampe heruntergedreht, verdämmerte das Tageslicht. Bäume und Sträucher legten die Farben der Nacht an. Durch die Ruinen heulte der Wind; ihre dunklen Fensterhöhlen klagten stumm wie ausgestochene Augen. Ninne stand wie eine Schildwache am Teich. Sohni pumpte noch einmal die Lunge voll, doch der Wind zerfetzte den Pfiff. Es war zu spät. Auch die Bomben würden in wenigen Minuten nichts mehr nützen – Regen und Sturm würden Knall und Rauch wie einen kleinen Apfel verschlucken. Er riss sich das Hemd vom Körper und schwenkte es. Blitze zuckten am Horizont. Ein Schatten löste sich aus dem Gebüsch, und als wollte er ein Tier einfangen, schlich sich der Hutmann mit der Schlinge in der Hand von hinten an Ninne heran.

Noch fiel kein Tropfen; es ging um Sekunden. Jeden Augenblick konnte sich die Schlinge um Ninnes Hals legen. Sohni griff nach dem Rohr. Der Wind blies das Streichholz aus. Er bündelte die Zündhölzer. Gleich würde die Flamme aus dem Rohr schlagen, hell und böse fauchen. Doch als die Zündhölzer aufflammten, der Schwefelgeruch in seine Nase drang, quietschte es hinter ihm. Er fuhr herum. Das Geräusch kam von der Eisentür. Da musste jemand sein! Die Hölzchen krümmten sich und erloschen.

Hinter dem Kirchturm blitzte es; Hammerschläge übertönten das leise Grollen. Wollte man ihn befreien oder wollten die Diebe ihre Beute holen? Er blickte auf die Blechkiste. Die Schläge wurden kräftiger; jeden Augenblick konnte die Tür aufspringen. Doch jeden Augenblick konnte auch der Mann… Ninne… Die Sicht wurde schlechter und die vom Wind geschüttelten Büsche verwischten die Umrisse der Gestalt wie ein Reisigbesen Spuren im Sand; und nur der weiße Fleck unter der Hutkrempe verriet, wie dicht sie schon an Ninne heran war. Regentropfen platschten auf seinen Rücken. Der weiße Fleck verharrte. Vielleicht noch drei Armlängen… Hebt der schon die Schlinge? Das vergoldete Kreuz auf der Turmspitze glühte auf. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte Sohni das Ziffernblatt der Uhr unter dem Glockenstuhl erkennen. Der erste Donnerhall rollte über die Ruinen. Die Hammerschläge wurden noch wuchtiger, die Tür ächzte in ihrer rostigen Zarge. Der weiße Fleck bewegte sich wieder: zwei Armlängen… eine… Die Gewitternacht eilte heran. Er riss die Schwefelköpfe über die Reibefläche, das Zelluloid flammte auf.

2

Ninne erkannte im Feuerschein Sohni auf dem Ruinendach. Grelle Zackenlinien fegten über die Trümmer hinweg, Donner erschütterte die morschen Gemäuer. Der erste Guss klatschte auf seinen Stahlhelm. Er hob den Deckel bis zur Kinnspitze und sprang vom Teich weg. „Wasser zieht Blitze an“, hatte ihn Frederic gelehrt und ihm eine verkohlte Weide an einem Seeufer gezeigt. War da nicht etwas Schwarzes ins Gebüsch gehuscht? „In den Ruinen musst du wie ein Indianer sein“, hatte ihm Frederic eingeschärft. Er ließ Speer und Deckel fallen und stob über den holprigen Boden davon. Nach achtzig Metern verschanzte er sich hinter einer Tonne und spähte zum Teich, konnte aber nichts entdecken. Oder war das der Holunderbusch? Der bewegte sich manchmal im Wind wie ein Mensch. Flutartiger Regen setzte ein, Hagelkörner prasselten wie Geschosse auf seinen Helm. Bis auf die Haut durchnässt erreichte er die Höhle. Der Gipsverband an der Hand war nur noch ein glitschiger Klumpen. Er streifte ihn ab.

Der schwere Helm wurde ihm lästig. Aber da war was am Teich… Er zog den Kinnriemen enger. Mit dem Stahlhelm, den ihm Frederic wegnehmen wollte, weil daran ein Hakenkreuz prangte, fühlte er sich stärker als mit dem Cowboyhut. „Cowboyhut!“ zischte er und dachte an Kurtchen. Seine Hand legte sich um den Griff des Holzschwertes. Nie wieder würde er sich von dem schubsen lassen! Er holte seine Taschenlampe aus der Höhle und machte sich auf den Weg zu Sohni.

Vor den Schutthügeln in der Mitte des Geländes hatte ihn Frederic ebenso gewarnt wie vor den Säurebecken, aber der verschlungene Pfad, auf dem man sie umgehen konnte, erschien ihm jetzt noch gefährlicher. Nur nicht in einen Hinterhalt geraten, dachte er.

Hinter dem Regenvorhang verschwammen die Konturen der Schutthaufen, die wie Pyramiden aus einem Urwald von Wildkräutern herausragten. Schlüpfriger Boden und knietiefe Wasserlöcher warnten davor, in das Dickicht einzudringen, in dem sich nicht nur Glasscherben, Eisenschrott und Stacheldraht verbargen: unter dem Geflecht aus Gräsern, Brennesseln und Brombeergestrüpp lagen Tiefkeller, die meterhoch unter Wasser standen und in deren brüchigen Decken Löcher klafften. Katja und er hatten Ziegelsteine hinunter fallen lassen; und es hatte dumpf gegluckst, als wären sie in einen tiefen Brunnen gefallen. Ein Sturz in ein solches Loch bedeutete den Tod.

Meter um Meter drang er vor, mähte mit dem Holzschwert nieder, was die Sicht versperrte. Das Leuchtfeuer der Blitze half, die dunklen Flecken im Grün auszumachen. Als er dreckverschmiert vor der Durchfahrt stand, streckte er das Holzschwert in die Höhe und stieß einen Schrei aus. Aber was war da geschehen? In der Durchfahrt lag Schutt und der Eingang zum Treppenhaus war verstopft. Er trat ins Freie zurück und starrte in die Wolken. Hatte er jemals zuvor dunklere gesehen? Er schmiegte sich an die Hauswand und ging bis zu der Stelle, an der das Feuer heruntergestürzt war. Regen überflutete sein Gesicht, als er nach oben schaute; ihm war, als läge er auf dem Grund eines Schwimmbeckens. Rief da jemand oder war es der Wind? – Der klang in den Ruinen oft wie eine menschliche Stimme. Er drückte sich mit dem Rücken an die Hauswand und genoss die Sonnenwärme, die sie gespeichert hatte. Es goss schon eine halbe Stunde und es sah nicht so aus, als hörte es bald auf. Doch eine viertel Stunde später ebbte das Rauschen ab und ein Lichtstrahl durchbrach die Wolkendecke. Vor seinen Füßen prallte eine Schachtel auf. Er klaubte sie auf, polkte eine Filmrolle heraus und wog sie in der Handfläche. Der blassroten Narbe, die seine Finger kerbte, gönnte er nur einen flüchtigen Blick. Die Wolkendecke riss auf, es war wieder heller Tag. Er setzte den Stahlhelm ab und trat von der Hauswand weg. Sohni stand an der Dachkante und fuchtelte mit den Armen. Warum rief der nicht? Im nächsten Augenblick blieben Sohnis Arme wie angehaltene Uhrzeiger stehen. Oben auf dem Dach dröhnte es. „Was ist das?“ rief Ninne hinauf.

Sohni malte eine Tür in die Luft, deutete Hammerschläge an und fuchtelte wieder mit den Armen. Ninne zuckte die Schultern und schaute zu dem Hinterhaus am anderen Ende des Geländes, in dem er gewohnt hatte. Das Vorderhaus war zerstört; und wenn es dunkel war, gruselte er sich im Hausflur. „In den Ruinen gehen Dämonen um“, hatte ihm Frederic an regnerischen Herbstabenden immer vor dem Einschlafen erzählt. Sein Blick glitt zu den beiden alten Kastanien, die an der Rückfront standen. Sein Spielkamerad Dieter wohnte noch dort; und vom Küchenfenster seiner Wohnung aus lasen sie jedesmal im Lenz Maikäfer von den Blättern. Nach Großvaters Tod erhielt die Mutter ihren Erbteil und die Eltern konnten sich die neue große Wohnung auf der anderen Seite des runden Platzes leisten. Das war vor einem Jahr. Doch jetzt beschwerte sie sich über die Leute und die Wohngegend. „Wir sind nicht betucht wie deine Mutter“, sagte der Vater dann, „und ich brauche den Plunder nicht, auf den sie so stolz ist.“ Er wandte sich von den Kastanien ab, unter denen der Vater an Sommertagen an seiner Staffelei gesessen hatte. Die Eisentür kannte Ninne. Sie hatte im Krieg als Fluchtweg gedient und ließ sich mit einem Trick öffnen.

Die Sonne trocknete rasch seine Sachen. Er rieb sich die Schlammkrusten von den zerkratzten Beinen, kramte eine zerdrückte Tafel Schokolade aus seinen abgeschnittenen Bluejeans und schüttete die Krümel in den Rachen. Sollte er über den Schuttberg in der Durchfahrt klettern? Das war der kürzeste Weg, aber da war er Tage vorher auf einen toten Hund gestoßen. Er sah den aufgeplatzten Kadaver vor sich und spürte den süßlichen Gestank in der Nase. Ein riesiger Köter war das, ein halbes Pferd! Die Schokolade schmeckte nicht mehr. Er beugte sich vornüber und spuckte sie aus. Die dunkelbraune Masse fiel senkrecht auf eine Distel und wippte, ehe sie wie eine fette Spinne am Faden nach unten sackte. Voller Ekel wischte er sich mit dem Handrücken die Lippen ab und ging zum Teich.

Als er sich näherte, schnellten die Frösche wie Tennisbälle in das übergelaufene Becken. Im Sonnenlicht sah alles friedlich aus. Er betrachtete den Jasmin und dachte an den schwarzen Schatten. Bienen krabbelten auf Blüten herum, Hummeln torkelten von Kelch zu Kelch; um ihn herum sirrte und summte es. Als er in den Jasmin hineinguckte, bemerkte er etwas Blankes. Er drückte mit dem Holzschwert die Zweige zur Seite. Vor ihm hing eine Hundeleine mit Karabinerhaken. Wie kam die hierher? Er ließ sie durch die Hände gleiten. Die hatte ja eine Schlinge! Er legte die Leine in den Stahlhelm und versteckte beides in einem Loch. Als er hinter dem Jasmin hervorkam, schwenkte Sohni sein Hemd. Ninne winkte mit dem Schwert und schlüpfte in den Keller der Stahlhelmfabrik. Es roch nach Öl und Karbid. Er schlängelte sich durch das Halbdunkel und kletterte auf der anderen Seite wieder hinaus. Dort, zwischen Straße und Fabrikruinen, war ein großer Holzplatz. Er versteckte sich hinter einem Stapel Kanthölzer und lugte nach dem Besitzer, der ein Kinderschreck sein sollte. Aber der hatte ein Holzbein und hieß bei den Kindern Holzwurm. Gefährlich war der nur aus der Nähe, weil er treffsicher mit Holzkloben werfen konnte. Ninne duckte sich, rannte von Holzstoß zu Holzstoß und kletterte an der Ecke über die Mauer.

Hungrig war er nicht, aber durstig. Er krempelte die Taschen um und förderte ein Fünfzigpfennigstück zu Tage, das an einem fusseligen Kaugummi klebte. Das waren zwei Cola. Er löste es von dem Klumpen und galoppierte zum Getränkeladen an der gegenüberliegenden Ecke. „Herrjott noch mal“, jubelte die dralle Besitzerin, von der Frederic sagte, sie könnte in Trickfilmen als Made auftreten, „da is ja unser Ninnepüppchen!“ Und wie immer ließ sie alles stehen und liegen und drückte ihn an ihre riesige Brust. „Unser Ninnepüppchen, unser Herzchen!“ schwelgte sie. Frau Biester hatte er gerne, und deswegen verzieh er ihr das verhasste Ninnepüppchen. „Und schöne kräftje Beißer haste!“ rief sie ihm hinterher, als er mit den Flaschen abzog. Was die nur alle mit seinen Zähnen hatten! Er bleckte sie und schaute in den Seitenspiegel eines Autos. Alle lobten seine großen Schneidezähne, nur Frederic nicht. „Bei den Indianern würdest du mit solchen Hauern Kleiner Biber heißen“, hatte er neulich gespottet. „Dummes Zeug“, hatte die Mutter dazu bemerkt, „schönere Zähne kann ein Kind gar nicht haben.“ Doch was Frederic sagte, wog schwerer; und Kleiner Biber missfiel ihm noch mehr als Ninnepüppchen.

Auf den ersten Blick wirkte die wuchtige Fassade des langgestreckten Gebäudes unversehrt, doch die zersiebten Figuren über dem Sandsteinportal ließen erkennen, es war beim Sturm auf Berlin nicht übersehen worden. Von Bomben bis auf den Grund durchbohrt glich es einem hohlen Zahn. Eingang und Kellerfenster waren mit Brettern vernagelt. Das war neu, denn vor ein paar Wochen konnte er noch durch die schmiedeeiserne Tür hineingehen. Bei einem Kellerfenster waren die Bretter nur locker befestigt. Er machte sie los und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Unter dem Fenster stand ein Regal. Er guckte sich um und kletterte hinunter. Der Gasgeruch war noch da. Im Lichtkegel sah er ein zweites Regal, das mit Lötkolben und Schweißbrennern beladen war.

Über verwinkelte Gänge erreichte er das Treppenhaus, das sich wie ein Turm aus den zertrümmerten Innereien des Gebäudes erhob. Er blickte nach oben. Durch das Stahlgeflecht der zerborstenen Decke leuchtete ein azurblauer Himmel. Zentnerschwere Betonklöppel an fingerdicken Eisenwürmern warnten davor, sich dem Schacht in der Mitte zu nähern. Von Stufe zu Stufe wurde es lichter. Auf dem Absatz zwischen dem zweiten und dem dritten Stockwerk lagen Kippen, Bierflaschen und eine Zeitung. Er hob das Blatt auf und überflog die Schlagzeilen. Waren Bauarbeiter in der Ruine? Er horchte, doch es war ruhig. Er stieg zur dritten Etage hinauf. Es musste doch welche hier sein! Aber wie waren die hereingekommen? Er befestigte die Taschenlampe am Gürtel und schlich zur vierten Etage hinauf.

Oben hörte er nur Taubengeflatter. Wie spät konnte es sein? Er hatte Frederics Fahrradschlüssel bei sich. Das ehemalige Verwaltungsgebäude war höher als die angrenzende Ruine und die Eisentür befand sich auf der fünften Etage. Von der vierten an war das Treppenhaus nur noch ein ausgeglühtes Stahlgerippe, in dem die letzten Treppenläufe wie welke Blätter in einem Spinnennetz hingen. Auf allen vieren kroch er die Stufen zum letzten Absatz hinauf. „Nicht hinunter schauen“, hatte ihm Frederic geraten, „sonst wird dir komisch.“

Als wäre es die Absicht der Bomberpiloten gewesen, das Gebäude von oben wie eine Brille aussehen zu lassen, klafften links und rechts des Treppenturmes riesige Löcher in der Decke der fünften Etage. An das Dachgeschoss erinnerte nur noch ein ausgezackter Schornstein, der wie die Hand eines eilig Verscharrten in den Himmel zeigte. Ein ausgefranstes Betonband, das sich an der Rückseite über verbogene Stahlträger spannte und sich stellenweise bis auf dreißig Zentimeter verjüngte, war der einzige Weg zur Eisentür; und bis dorthin waren es vierzig Meter.

Unter dem abgebrochenen Türsturz musste er sich diesmal ohne Frederics Hilfe über den meterbreiten Abgrund zur anderen Seite hangeln. Als er vor der mit Blech verkleideten Gittertür in der Zwischenwand stand, hörte er Stimmen. Er legte sein Ohr an das rostige Blech. „Herz As, meen Stich“, dröhnte eine Männerstimme. Was machten die da? Er presste sein Auge an ein erbsengroßes Loch im Blech und sah zwei Männer, die im Schneidersitz vor der Eisentür saßen und Karten spielten. Der eine war der Einarmige aus dem Nachbarhaus, den Jüngeren kannte er nicht. Er atmete leiser. Die Männer zündeten sich Zigaretten an und bliesen sich gegenseitig den Rauch ins Gesicht. „Jetze biste dot“, sagte der Einarmige, „jetze biste mit ´nem Zwickel inne Brenne, du alter Hühnerficker.“

Der Jüngere beugte seinen sehnigen Oberkörper vor und prüfte das aufgedeckte Blatt seines Partners. „Alter Misthund“, bemerkte er und befühlte seine riesige Hakennase, die aus dem Pockennarbengesicht wie der Schnabel eines Raubvogels herausragte. „ Neue Partie, verstehste. Ick hau von Amts wejen ´n Zwickel ruff.“

Der Einarmige streckte seine Hand aus. „Erstmal Zahlemann und Söhne, alter Schwede.“

Die Hakennase kramte ein Zweimarkstück aus der Tasche und ließ es in die nikotingelbe Kralle fallen. Das Spiel ging weiter. Was sollte er machen? Die Zeit drängte. Sollte er nicht einfach sagen, was er wollte? Aber die beiden gefielen ihm nicht, und die Gestalt mit der fliehenden Stirn, den kleinen schwarzen Augen und der Hacknase flößte ihm noch größere Abscheu ein als der Einarmige mit seinem altdeutschen Topfschnitt und den bräunlichen Hasenohren, die an dem rübenförmigen Kopf wie angenäht wirkten. Der Einarmige ist ein Spitzbube, munkelten die Leute, und den Arm hätte er beim Klauen verloren. Warum spielten die ausgerechnet vor der Eisentür Karten? Die würden ihm bestimmt etwas tun. Ob er die beiden einsperren sollte? Er blickte auf den Riegel.

Es juckte ihn in den Fingern. Was aber, wenn es nich klappte? Und was würde aus Sohni? Seine Hände schwitzten; und als könnte er sich an dem Riegel verbrennen, berührte er ihn mit dem Holzschwert. Er presste wieder das Auge ans Loch. Die Hacknase nahm einen Schluck aus einer Bierflasche und reichte sie dem Einarmigen. Qualmwolken waberten um ihre Köpfe. Der Drang, den Riegel zuzuschieben, nahm zu. Er nahm die rechte Hand auf den Rücken, doch im nächsten Augenblick gehorchte die linke nicht mehr. Rostiges Eisen rieb kurz gegeneinander, der Riegel rastete ein. Seine Stirn schabte über die körnige Fläche wie über Schmirgelpapier zum Guckloch. Die Hacknase drehte sich um und starrte auf die Tür. Er hatte das Gefühl, die würden ihn sehen, doch als er sich wegducken wollte, versagten die Beine. Die Hacknase bückte sich nach einem Schlegel, während der Einarmige seine Zigarette an der Schuhsohle ausdrückte und die Spielkarten einsammelte.

Der Druck, mit dem die haarige Pranke den Hammerstiel umklammerte, ließ die Knöchel weiß hervortreten. Fuß an Fuß, als wollte die Hacknase die Entfernung bis zur Tür ausmessen, setzte sie ihre Schritte. Mit jeder Fußlänge wurde ihr Körper länger. Er hörte ihren Atem, sah die Krähenaugen, das nach hinten geklatschte Haar, das sich wie das Kopfgefieder eines herabstoßenden Habichts an die Schädeldecke schmiegte, immer deutlicher. Er fiel auf die Knie. Seine Beine waren wie aus Gummi. Warum krachte es nicht, warum riss der Hammer nicht das Blech vom Gitter? Er rutschte ein Stück von der Tür weg. Wenn er nur rennen könnte! Aber er kam nicht hoch. Die Tür bewegte sich. „Hier is der Deibel am Werk“, sagte die Hacknase, „jefällt mir von Amts wejen nich, verstehste.“ „Scheißspiel“, stimmte der Einarmige zu, „sitzen wie Klopse inne Mausefalle.“ Ein Feuerzeug klickte, bittersüßer Tabakgeruch drang durch die Tür. Die Spannkraft seiner Muskeln kehrte zurück. Er rappelte sich hoch. Hatten die Angst vor ihm – vor Ninne, dem Ruinenteufel? Er zog das Holzschwert aus dem Gürtel; doch als er es in die Höhe strecken wollte, fiel es ihm aus der Hand.

3

Sohni spähte zur Eisentür. Vor ihr formte sich dichter Rauch zu einem Pilz. War das ein Knall! Er verließ die Deckung hinter dem zertrümmerten Schornstein und trat an die Dachkante. „Was ist da los“, rief Ninnes Bruder von unten, „was ist da explodiert?“ Sohni fuhr zusammen. Ausgerechnet die mussten es sein! Unten reckten Ninnes Bruder, Linde, Dieter, Katja und ihr Bruder die Hälse.

Sohni blickte zur Eisentür. Der Rauchpilz wuchs in die Höhe und trennte sich von giftgelben Schwaden, die über den Boden krochen. „Keene Ahnung“, rief er hinunter, „ wa ´n Knall… weeßte.“

„Du bist doch der Sohni!“ schrie Katja. „Was hast du da oben zu suchen?“

„Hier sind welche und kloppen uff de Türe.“ Sohni zeigte auf die Rauchwolke.

„Ich heiße Fredéric!“ rief Ninnes Bruder. „Kennst du meinen kleinen Bruder Ninne?“

Sohni stutzte. Frederic… – Ninnes Bruder hieß Frederic? In diesen eingebildeten Lackaffen sollte Püppi verliebt sein? Er brauchte einige Sekunden, um das zu verarbeiten. „Der krabbelt da hinten mang dit Jrüne rum“, antwortete er und deutete auf die Birkengruppe am Teich. „Hat ´n Eisenhut uff ´n Kopp und ´n Holzsäbel… weeßte. Jetze isser nich mehr da.“

„Wie lange ist das her?“

„Wat weeß ick, halbe Stunde. Da am Tümpel… weeßte.“ Er zeigte wieder zum Teich. „Da flitzt ooch ´n Mörder rum. Musste uffpassen!“

„Ist die Feuertür da oben offen?“

Sohni zögerte. Woher wusste der von der Eisentür? „Da sind welche uff de andre Seite.“

„Hab keine Angst, wir holen die Polizei.“ Frederic ging mit der Gruppe zum Teich. Sohni sah die Gestalt mit der Schlinge vor sich. Hatte er das geträumt? Der Himmel strahlte blau und an das Gewitter erinnerte nur noch der vollgesogene klebrige Schutt unter seinen Füßen. Die Eisentür war aufgebogen wie der Deckel einer Konservendose.

4

Blasse Rauchfahnen schlängelten sich durch die Löcher im Türblech. Ninne versuchte etwas zu erkennen, bekam aber nur Qualm ins Auge. Die Hacknase und der Einarmige waren hinter der Tür, die wie eine Membrane ihr Gehuste verstärkte. Er zog den Kopf zurück. Im nächsten Augenblick zerteilte ein Hammerschlag das Blech; ein zweiter vergrößerte das Loch. Es wurde brenzlig, er zog sich hinter einen Mauervorsprung zurück. Eine Hand schob sich durch das Loch und versuchte den Riegel aufzuschieben, aber der rührte sich nicht. Ein dritter Schlag traf einen Gitterstab und ein vierter fetzte einen großen Flatschen Blech herunter. Dunkel behaarte Hände griffen nach dem Riegel. Sein Schwert lag noch vor der Tür. Der Riegel bewegte sich nicht, die haarigen Hände verschwanden. Er schlich zur Tür. Als er sich bückte, schlug eine glatte gelbbraune Hand mit dem Schlegel den Riegel zurück. Die Tür ächzte, ehe sie aufsprang. Inmitten einer Rauchwolke, als hätte sie die Hölle ausgespien, torkelten die Hacknase und der Einarmige ins Sonnenlicht. „Wenn ick det Dreckviech erwische“, krächzte die Hacknase, „ is von Amts wejen ´n Sarch fällich.“

Die Männer, der ältere Mitte vierzig, der jüngere Mitte zwanzig, blickten sich um. Es sah aus, als wollten sie sich wieder in ihr Quartier zurückziehen. Kurz vor der Tür blieb der Einarmige stehen und wippte auf den Zehenspitzen. Nach einem langen Zug aus der Zigarette ließ er sich auf die Hacken fallen und langte nach dem Ärmel seines Gefährten. Der neigte den Kopf und nickte. Im nächsten Moment verschwanden sie. Ninne schob den Kopf vor; und als lauerte hinter der halbgeöffneten Tür ein Pygmäe, traf sein Blick auf ein Augenpaar in Stuhlhöhe. Etwas Kaltes kroch ihm den Nacken hoch und berührte wie eine gefrorene Hand seinen Hinterkopf. Die eiskalte Hand am Hinterkopf des Bahnwärters, fiel ihm der Titel einer Gruselgeschichte ein. Er biss sich in den Daumen, um nicht laut aufzulachen.

Wie ein Delphin sprang der Treppenlauf über den Abgrund. Ninne schlängelte sich wie eine Eidechse an ihn heran und wandte sich um. Die Hacknase sprang auf und suchte mit ihren Krähenaugen nach ihm. Er kroch auf die ausgewaschenen Stufen zu, rutschte auf dem Hosenboden ins Treppenhaus und raste nach unten. Ledersohlen trommelten hinter ihm her.

Der Trommelwirbel schwoll an, sein Verfolger holte auf. Würde ihn der hässliche Geier erwischen? Er jagte weiter, erreichte das Erdgeschoss, den verwinkelten Gang; doch nirgendwo war ein Versteck, nirgendwo Rettung. Er legte zu, dachte und fühlte nicht mehr; eine unbekannte Kraft riss ihn vorwärts, füllte seine Lungen, kühlte seine Haut durch Ströme von Schweiß. Erst der Gasgeruch sagte ihm, wo er war. Am Regal mit den Lötkolben blieb er stehen. Darunter war ein Hohlraum – niedriger als ein Sarg. Er warf sich auf den Bauch und quetschte sich wie eine Kellerassel hinein. Schritte tappten heran.

Ledersohlen knarrten, ein Feuerzeug flammte auf. Der Geruch von Schuhcreme drang in seine Nase. Das Feuerzeug erlosch, die Schuhe schurrten weg. Vor dem Schlupfloch zur Straße verharrten sie. Ein hohles Brummen hallte durch den Kellerraum: die Hacknase stand breitbeinig da und ließ Luft ab. Ein Lachreiz quälte ihn, blähte seinen Brustkorb auf und pumpte Blut in die Schläfen. Gleich war es so weit, gleich würde er sich verraten. Er stopfte sich den Hemdärmel in den Mund und versuchte, sich auf die Seite zu drehen, aber es ging nicht. Jedes Glied schmerzte. Warum verschwand der nicht? Er rutschte vor, hob den Kopf. Die Schuhe rührten sich nicht, als wären sie festgeklebt. Der Schmerz nahm zu. Warum gab er nicht auf? – Der würde doch einen kleinen Jungen nicht umbringen! Aber wollte er nicht wie ein Indianer sein? Eine Kippe fiel zu Boden; ein Schuh hob sich wie ein Pferdehuf und trat sie aus. Der Einarmige näherte sich, die Zigarette in seinem Mundwinkel leuchtete wie ein winziges Lämpchen. „Verschärfter Jasjeruch hier unten“, tönte er, „stinkt wie de Pest… Hast det Miststück nich erwischt, wie?“

„Die Scheißkröte is mir durch de Lappen, verstehste.“

„Haste ´n Schimmer, wer det war?“

„Nee, is jeflitzt wie ´n Wiesel… Schwuppdiwupp und schon war det Aasstück weg. Scheint ´n Bengel zu sein.“ Die Hacknase zeigte auf das Fenster. „Da isse mit ´m Arsch durch, ick sah keene Sonne.“

„Dit wird mir hier langsam zu heiß“, bemerkte der Einarmige.

„Willste det janze Zeuch verreisen lassen – Fotoapparate, Lötkolben… und solln de Joldringe ooch verschütt jehn?“

„De Joldringe sind heiß wie Omas Kitzler… Haste nich inne Zeitung jelesen?“ Der Einarmige zeigte auf das Regal. „Da könnse nich bleiben, müssen uff sicher verbunkert werden.“

5

Sohni schlich sich an die aufgefetzte Eisentür heran und schob den Kopf durch das Loch. Verblassende Rauchfahnen zogen gemächlich nach draußen. Niemand war da; er kroch hindurch und ging bis zur Gittertür. Als er ins Freie trat, bemerkte er einen Schlegel am Boden. Er hob ihn auf und betrachte das im Stiel eingebrannte Firmenzeichen. Der Schlegel entglitt ihm und schlug neben einer Kippe auf. Den mit Speichel vollgesaugten Stummel brauchte er sich nicht näher anzusehen; er kannte nur einen, der sich aus Nikotingier lieber Brandblasen an den Lippen einfing als auch nur auf einen Zug zu verzichten. Und den Hammer kannte er auch. Den hatte er von der Baustelle mitgehen lassen, nachdem er die Sandburg zertrampelt hatte. Die zweite Kippe war eine Lucky Strike. Der andere war also Krücke – der Kumpel vom Alten! Sohni bückte sich nach dem Schlegel und schleuderte ihn in die Tiefe.

Das zerstörte Verwaltungsgebäude kannte er. Die wollten also die Fotoapparate holen! Er blickte zum Treppenturm. Er war schwindelfrei. Als er im ersten Stock ankam, fiel ihm Ninne wieder ein. Wo konnte der sein? Er balancierte auf einem Stahlträger zu einem Fenster und schaute auf die Straße. Unten stand Katja neben einem Funkwagen. Sie bemerkte ihn und wandte sich an die Polizisten. „Na, was machen wir denn da Schönes, junger Freund?“ rief einer der Beamten.

„Ick suche meene kleene Katze… Mohrchen!“ rief Sohni zurück.

„Komm da mal raus, aber fix!“

„Ick weeß nich, wie ick hier rauskomme… wissense“

„Na so wie de rin bist, du Matzblöke. Oder müssen wa nachhelfen?“

Sohni verschwand vom Fenster. Seit Stunden war er in den Ruinen, hatte Hunger und Durst. Doch wie konnte er entkommen? Hinter dem Gebäude war eine Mauer und vorne warteten sie auf ihn. Er musste es durch den Keller versuchen. Bevor er in die Dunkelheit tauchte, verharrte er einen Augenblick auf der Kellertreppe. Wortfetzen drangen zu ihm. Waren das Polizisten? Auf Zehenspitzen ging er weiter. „Lass de Pfoten vonne Ringe, draußen steht de Schmiere“, vernahm er die Stimme seines Vaters, „ hab det Jefühl, wir ham ne Lampe anne Backe.“

„Ne abjewichste Streife, Kalle“, erwiderte Krücke, „hast´n Knall verjessen? Deswejen sindse da… Det Jelbe muss von Amts wejen mit, verstehste.“

„Willste nochmal nach Tejel und haste den Bengel verjessen. Ick will mit Knast nüscht zu tun ham… Immer schön sauber bleiben, sagt der Pastor.“

„Meinste der hat de Schmiere jeholt?“

„Der Knall hat keen Aas jekümmert… Na klar hat der se jeholt. Bist ja wie ´n Mörder hinterher. Det wa ´n kleener Bengel. Den Kopp konnte ick nich sehn.“

„Ick ooch nich, nur Beene und Arsch, verstehste. Det hat da oben nach verbrannte Filme jestunken… Haste ´n Schimmer, wat da jeknalt hat?“

„Weeß der Deibel, aber ick gloobe, ne alte Jranate. Nich mal ´ne Flocke machen is drin, allet dicht. Am besten kloppen wa Karten und machen uff doof.“

„Und det Jold?“ drängte Krücke.

„Haste det Zeuch abjewischt, ick meine ooch de Lötkolben?“

„Allet mit Handschuhe“, versicherte Krücke.

„Und wat is mit ´m Hammer? – Den hatten wa beede inne Flossen.“

„Den könnse sich unter de Vorhaut schieben, verstehste.“

„Det Ding is jeklaut, du Ameisenhirn… So fängts an. Und wennse de Lötkolben sehn, kommt Wandke, und der kiekt sich den Hammer an und so jehts weiter…“

„Wandke is ´ne schlaue Sau“, bemerkte Krücke.

„…so und denn leuchten se ab und denn kommt eens zum andern und denn schmorn wa erstmal in Moa. Olle Wandke hat dir schon eenmal einjebuchtet und für den biste ´n Mausehaken und bleibst ooch eener – so siehts aus.

„Lange her mitte Einbuchterei…Und wat is Sache?“

„Wir schnappen det Jold. Muss weg vonne Lötkolben, packen wa um, so, und denn verschwindet der Hammer und wenn se wat wolln, erzähln wa vom Knall und deswejen wollten wa kieken wat los is und fertich is de Laube.“

„Jenau, da könnse nich meckern, det is normal, verstehste.“

„Jut, du holst det Jelbe und ick jeh schon vor.“

Sohni hörte seinen Vater kommen, sah den glühenden Punkt, die unvermeidliche Zigarette im Mundwinkel. Totschlagen würde ihn der Alte, würde der ihn hier unten erwischen. Eine stählerne Tür hinter ihm stand halboffen; er drückte sich in den stockfinsteren Raum und stieß mit dem Fuß gegen Aktendeckel. Er blieb stehen; das leiseste Geräusch konnte ihn verraten. Das war nun sein Vater! Noch nie hatte er ihn so sprechen gehört. Zu Hause war der Alte wortkarg, sprach nüchtern nie einen ganzen Satz; und wenn er besoffen war, brüllte und tobte er. Die Schritte kamen näher; er hielt den Atem an. Nur Armlängen von ihm entfernt zog die winzige Glut in Mannshöhe an ihm vorbei. Was hatte der bloß für ein Gesicht! In der Dunkelheit war es nicht zu erkennen, aber er sah es leibhaftig vor sich: die gelbliche Haut, die fauligen Zähne, die haarigen Nasenlöcher, die Hitlerfrisur, die Karnickelohren.

6

Ninne zog den Kopf unter das Regal zurück. Ihm war klar: die Hacknase würde jetzt kommen. Seine Zähne klapperten. Schuhe schoben sich wie Kähne heran; und wieder kroch der Terpentingeruch in seine Nase. Die lange Gestalt ging in die Hocke; ihr Atem dröhnte, als holte sie durch ein Ofenrohr Luft. Ein Feuerzeug flammte auf. War es soweit? Er fühlte nichts mehr, starrte auf die beharrte Pranke, die wie eine Spinne auf ihn zukrabbelte. Doch als er sie schon zu spüren vermeinte, ertönte vom Fenster her eine scharfe Stimme: „Polizei, ist da unten jemand?“ Im nächsten Augenblick blitzte ein Scheinwerfer auf. Die Pranke ballte sich zu einem haarigen Klumpen und wich zurück; und noch ehe sie der Scheinwerfer erfasste, hastete die Hacknase in den Kellergang.

„Ninne, Ninne…! Bist du da unten?“ hörte er Katjas Stimme. „Warum versteckst du dich? Frau Siegel hat dich gesehen.“

Er drückte sich von der Wand weg und spähte zum Fenster. Neben einer Polizeimütze hing ihre schwarze Mähne in den Keller. Sein Körper spannte sich. Von ihr wollte er nicht gerettet werden! Der Lichtkegel wanderte noch einmal durch den Raum und der Polizist rief ein zweites Mal: „Ist da unten jemand? Dann müssen wir nachsehen.“ Mütze und Mähne verschwanden.

Ninne tastete nach dem Holzschwert und stieß dabei auf ein Säckchen. Er musste sich beeilen, die Polizisten entfernten schon die restlichen Bretter. Im nächsten Moment füllte eine Uniformjacke die Fensteröffnung. Er kroch hervor, stopfte das pralle Säckchen in den Hemdausschnitt und blickte zum Fenster. Die Beine des Polizisten waren schon im Keller. Kurz vor der Kellertreppe hörte er Schritte. Waren die schon hinter ihm her? Die Schritte holten ihn ein. „Icke bins“, hörte er Sohnis Stimme. An der Kellertür wandte sich Ninne um und raunte: „Die Polizisten klettern rein. Ich weiß einen Weg.“

Sohni lief hinter ihm her.Frederic hatte ihn vor alten Gasleitungen und Stromkabeln in dem unterirdischen Gang gewarnt. Aber das kümmerte ihn jetzt nicht. „Ist hier jemand?“ schallte es hinter ihnen. Schuhabsätze polterten die Kellertreppe hinauf.

Ninne zeigte auf ein Fenster. Sie sprangen in den schmalen schattigen Hof, den zum Ruinengelände hin eine hohe Mauer begrenzte. Zwischen Schutthaufen gähnte halbzugedeckt ein Schachteinstieg. „Hier müssen wir rein“, sagte Ninne und warf einen Stein in das modrige Loch.

Sohni verzog das Gesicht. „Da wirste ja dreckich wie ne Sau…weeßte. Und wo jehts wieder raus?“

Ninne hakte die Taschenlampe vom Gürtel. „Ist nicht weit. Weißt du, wo die Robinien und der Bombentrichter sind?“

„Ja, weeß ick. Dit sind de Dinger wo pieken; aber ick hab Bammel vor dit Dreckloch. Wat machste wenn da ´n Doter drin sitzt?“

„Glaub ich nicht. Ich gehe vor.“

„Nee, nee, bist kleena wie icke und vor dit Jewitter hab ick ´n Mörder jesehn… weeßte, und da müssen wa uffpassen. Jib mal de Funzel!“

Der Gang war niedrig. An Seiten und Decke verliefen verrottete Kabel und Rohre und auf dem Grund stand knöcheltief Regenwasser. „Dit stinkt hier nach Scheiße… weeßte, und nasse Beene uff Anhieb“, meuterte Sohni.

Nach achtzig Metern näherten sie sich der Stelle, an der die Seitenwand aufgesprengt war und der Gang zur Stahlhelmfabrik abknickte. Wie durch ein Fenster blickten sie in den von Robinien überwucherten Bombentrichter. „Mensch Ninne“, jubelte Sohni, „ick könnt dir abknutschen… weeßte.“

Sie gingen zum Teich und wuschen sich. Ruinen und Bäume warfen schon lange Schatten. Ninne schaute auf das dunkle Wasser, über dem Mückenschwärme tanzten. „Ich muss nach Hause“, sagte er.

„Watten… wie…willste schon abpfeifen?“ Sohni ließ sich auf eine Grasnarbe fallen und fuhr seine Kinnlade aus.

„Bin müde… meine Mama macht sich Sorgen.“

„Biste ´n Muttersöhnchen und hängste noch anne Titte?“

„Willst du nicht nach Hause?“

„Wat soll ick da?“ Sohni musterte ihn. „Haste ne dote Ratte im Hemde?”

“Ich, wieso… wo denn?“

„Na am Bauch.“ Sohni zeigte auf sein ausgebeultes Hemd.

Ninne zog das Säckchen hervor. „Ist keine Ratte, lag unterm Regal. Da waren zwei Männer. Ich glaube, da sind goldene Ringe drin.“

Sohni blickte sich um. „Wat für Joldringe? Hamse dir jesehn?

„Ich hatte mich versteckt und dann kam die Polizei und dann sind sie weggelaufen.“

„Müssen ne Kurve kratzen. Drehn uns ´n Kopp ab…weeßte. Los!“ Sohni sprang auf.

Als sie den Holzplatz betraten, kläffte der alte halbblinde Schäferhund. „Stalin ist um die Zeit an der Kette“, bemerkte Ninne.

„Is dit ´n Russenköter?“

„Der Hund heißt so.“

„Ejal, mach mal dit Ding uff! Mal kieken wat drin is.“

Ninne knotete das Säckchen auf. Sohni nahm es ihm aus der Hand. „Jold… da sind fette Joldringe drin! – Weeßte fürhaupt wat dit is?“

„Weiß ich. Meine Oma hat Schmuck und…“

„Jetze sind wa beede reich wenn wa dit Jelbe verkloppen… weeßte. Mensch, Ninne… ick gloob mir laust der Affe! Müssen wa aba verstecken und Maul halten.“

Hinter einem Bretterstapel gruben sie ein Loch und legten das Säckchen hinein. Sohni trat den Boden wieder fest und legte altes Holz darüber. „Findet keene Sau“, versicherte er.

„Du sahst einen Mörder?“ erinnerte er Sohni, als sie sich ihren Wohnhäusern näherten.

„Wa am Tümpel… weeßte. So ne kleene schwarze Mistratte is von hinten ranjeschlichen mit ´ne Schlinge inne Pfote und ´n Hut uff ´n Kopp, und denn hab ick meene Bombe runterjefeuert und da hatse sich dünne jemacht. Haste dit nich jeschnallt?“

Ninne antwortete nicht. Hatte die Hundeleine nicht eine Schlinge? Seine Beine schlackerten. Wortlos wandte er sich von Sohni ab und ging in sein Haus. Vor dem ersten Treppenabsatz sackte er auf die Stufen. „Der Holunderbusch kommt“, stammelte er, „der Holunder…“ Er versuchte nach oben zu flüchten, kam aber nicht hoch und schrie: „Der Holunderbusch kommt!“

„Da bist du ja!“ Frederic half ihm auf die Beine. „Wollte gucken, ob du schon zu Hause bist.“

Ninne klammerte sich an ihn. „Der Holunderbusch kommt…“

„Was ist los, Brüderchen? Habe dein Geschrei gehört. Was ist mit dem Holunderbusch?“

„Der kommt… und die Schlinge…“

„Du bist ganz heiß.“ Frederic befühlte seine Stirn. „Die Eltern sind bei den Ruinen, ein Dutzend Polizisten sucht nach dir. Ich muss Bescheid sagen.“

„Geh nicht weg!“

„Willst du nicht in die Wohnung?“

„Nicht alleine.“

„Du bist den ganzen Tag schon auf den Beinen. Schaffst du es, mitzukommen?“

„Ja.“

„Komm iss, Ninnepüppchen“, drängte ihn die Mutter am nächsten Tag beim Früstück, „du hast ja gestern den ganzen Tag gehungert.“

Frederic verzog den Mund. Die Mutter guckte ihn an. „Na, wieder was auf Lager?“

„Ninnepüppchen isst sein Süppchen und bleibt für immer Mamas Püppchen“, reimte Frederic und verneigte sich wie ein Komödiant.

„Sehr geistreich, ich wusste gar nicht, dass du ein kleiner Schiller bist“, bemerkte sie. „Ich bin stolz auf dich.“

„Brüderchen ist flink wie eine Katze, klettert in den Ruinen herum, springt vom Dreimeterbrett und du nennst ihn Ninnepüppchen. Ich bin auch stolz auf dich, Mutter.“

„Und du, Liebling“, wandte sie sich an Ninne, soll ich dir Honig in die Milch machen?“

„Ja, zwei Löffel.“

„Ich muss in die Bibliothek“, entschuldigte sie sich Minuten später.

„Du hast im Schlaf gesprochen, Kleiner Biber“, begann Frederic, als sie allein waren, „von Goldringen, Einarmigen, Hacknasen, von Sohni und immer wieder von einem Holunderbusch und einer Schlinge. Warst du in einem Gruselfilm?“

Ninne trat von der Balkonbrüstung zurück. Sollte er nicht besser alles erzählen? Er setzte sich in den Korbstuhl, blickte in den Himmel und erzählte sein Erlebnis. Frederic presste die Lippen zusammen, sein Gesicht war fahl. „Traust du dich noch dorthin, Brüderchen, ich meine mit mir?“

„Ninne federte hoch. „Na klar!“ flötete er, rannte zu seinem Spielzeugschrank und steckte sich Holzschwert und Knallplätzchenrevolver in den Gürtel.

Am Teich streunte eine Tigerkatze herum. Als sie näher kamen, huschte sie unter einen Spierstrauch. Ninne guckte nach ihr und entdeckte zwischen bemoosten Ziegeln eine rotweiße Zigarettenschachtel. Er steckte sie sich auf die Nase und sprang aus dem Gebüsch heraus. „Sei nicht albern, Kleiner Biber“, raunzte Frederic, „was hast du da im Gesicht?“

Ninne reichte ihm die Schachtel. Frederic betrachtete die goldene Krone auf der Vorderseite und kratzte sich die Schläfe. „Was sagst du als Indianer dazu, kleiner Biber, wie kommt die dahin?“

„Die ist ganz trocken – komisch.“

„Also war jemand nach dem Gewitter hier. Gucken wir mal, ob die Schlinge noch da ist.“

Hundeleine und Stahlhelm waren noch da. „Kein Halsband, keine Hundemarke, Karabinerhaken an die Leine geknipst, „brummte Frederic, „der schwarze Mann hat sich eine Schlinge gemacht…“

„Gehen wir jetzt zu den Goldringen?“ fragte Ninne.

Frederic nickte. Als sie hinter dem Bretterstapel standen, zeigte Ninne auf ein morsches Brett am Boden. „Da liegen sie drunter.“

„Glaube ich nicht.“ Frederic grinste.

„Doch, doch!“ Ninne schob das Brett weg und wühlte mit den Händen die Erde auf. Das Säckchen war nicht mehr da. „Aber es war…“

„Ist gut so, denk nicht mehr dran. Wollen wir in die Eisdiele?“

„Au ja!“

An der Litfaßsäule vor den Ruinen fasste ihn Frederic am Arm. „Warte mal kurz“, sagte er und blickte auf ein Reklamebild. „Weißt du noch wie die Zigarettenschachtel aussieht, kleiner Biber?“

„So wie die.“

„Richtig.“ Frederic zog die Schachtel aus der Tasche.

„Ist das alles?“

„Erst mal ja, Brüderchen, und jetzt ab in die Eisdiele.“

7

Kühle Luftströme und Dauerregen sorgten Mitte Juni für Aprilwetter. Doch es war nicht nur das Wetter, das die Vorfreude auf den Sommer vergällte: auf der Stadt lag ein Druck, der von Stunde zu Stunde zunahm. Am sechzehnten Juni saß sein Vater morgens in der Küche am Radio und rauchte eine Zigarette nach der anderen. „Hoffentlich gibt es keinen Krieg“, murmelte er zwischendurch, „hoffentlich…“

„Glaubst du, Paul“, fragte die Mutter, „glaubst du, Ulbricht lässt schießen?“

„Ulbricht ist nur Statthalter, die Russen entscheiden.“

„Aber die Bauarbeiter von der Stalinallee wollen doch nur diese Schinderei nicht mehr!“

Der Vater stellte das Radio ab. „Ich muss ins Atelier. Der Junge soll nach der Schule nach Hause kommen und nicht zur Grenze gehen.“

Ninne stand auf dem Korridor und hörte zu. Hinter der Grenze hatte er neue Ruinen und einen verwüsteten Friedhof entdeckt. Gleich nach der Schule wollte er dort die Gruft eines zerstörten Mausoleums erforschen. Aber warum waren die Eltern so besorgt? Er trat in die Küche und tat so, als wüßte er von nichts.

„Maurice“, sprach ihn der Vater an, „es kann sein, dass heute noch Panzer rollen und die Russen die Grenze dichtmachen. Geh bitte nicht in den Osten und hör auf mich, ich war Soldat!“

In der Schule war die Stimmung nicht besser. Lehrer und Lehrerinnen zeigten wenig Lust zu unterrichten und erzählten statt dessen Geschichten aus ihrem Leben. Nach der dritten Stunde leerte sich das Schulgebäude. Ninne schnappte seine Mappe, versprach Linde, später zu ihm zu kommen und machte sich auf den Weg zu dem Friedhof. Am Grenzübergang schickte ihn ein Volkspolizist in dunkelblauer Uniform wieder zurück. Doch er kannte Wege, unbemerkt über die Grenze zu kommen. Als er den Friedhof betrat, peitschte ein Regenschauer über die überwucherten Gräber. Er stellte sich unter eine Ulme und dachte an die Worte des Vaters. Der Regen nahm zu, die Wege zwischen den Gräbern wurden zu Bächen. Er verließ den Friedhof; seine Neugier trieb ihn zum Grenzübergang. Inzwischen waren Lastwagen mit schwer bewaffneten Volkspolizisten aufgefahren und die Leute wurden nicht mehr in den Westen gelassen. Hatte das nicht Vater gesagt? Aber er sah keine Russen.

Am siebzehnten Juni fiel der Unterricht aus. Die ganze Stadt war in Aufregung. In den Nachrichten fiel immer wieder das Wort „Stalinallee“. Dort wollte er hin, nur durften das die Eltern nicht wissen. Am späten Vormittag war er auf der breiten Straße, die eine einzige Baustelle war. Überall standen Gruppen und ein Demonstrationszug marschierte zum Alexanderplatz. Gegen Mittag lernte er drei Jungs kennen, die ihm von der Stalinallee und den Bauarbeitern erzählten. „Die Russen kommen von Friedrichsfelde!“ ging es plötzlich von Mund zu Mund. Zwischen Weberwiese und Straußberger Platz leerte sich die Stalinallee; die Menschen zogen zum Alexanderplatz. Als am Warschauer Tor die ersten Panzer auftauchten, kletterte er mit den Jungs auf eine Telefonzelle, die dicht am Bordstein stand.

Die Panzer rasselten mit hoher Geschwindigkeit heran, die Kanonen nach hinten gedreht, die Maschinengewehre auf den Türmen in Fahrtrichtung aufgepflanzt. Ihre Ketten zerfetzten die Straßendecke, zermalmten abgestellte Autos, schleuderten Schubkarren, Bauwagen und Fahrräder auf den Bürgersteig, verwüsteten, was sie erfassten. „Runter!“ brüllte einer der Jungs und stieß Ninne vom Dach. Im nächsten Augenblick krachte es und das gelbe Häuschen wickelte sich um den nächsten Laternenmast. Ninne lag mit zerschürften Knien und verstauchtem Fuß am Boden und wimmerte. Sein Retter nahm ihn mit zu sich nach Hause. „Wat habta da ooch zu suchen, ihr Lauseköppe“, schimpfte die Mutter des Jungen, als sie ihn verband, „um een Haar hätt´ euch der Iwan zu Hackepeter jemacht.“

Ninne bekam noch einen heißen Kartoffelpuffer, bevor ihn die Frau und ihr Sohn in einen Leiterwagen setzten und ihn so dicht es ging an den nächsten Grenzübergang herankarrten. Er humpelte auf die in schwarze Wolken gehüllte Brücke zu. Schreie und Schüsse hallten durch den Rauch; aus Wachbaracke und umgestürzten Fahrzeugen schlugen Flammen. Niemand hielt ihn auf. Der Qualm biss in Augen und Lunge, nahm ihm die Sicht, doch er kannte die Brücke mit den Türmen, die in der Mitte mit Balken und Bohlen zusammengeflickt war. Von der Spree her wehte böiger Wind neuen Regen heran, als er den amerikanischen Sektor erreichte.

V. Kapitel

1

Das Diktat war zu Ende, die Lehrerin sammelte die Hefte ein. „Na, Ninne“, sprach sie ihn an, „ ich hoffe, dich im neuen Schuljahr mit einem ordentlichen Haarschnitt anzutreffen.“ Er betrachtete ihre Waden, die wie Tischbeine unter dem Rocksaum hervorguckten. Das letzte Klingelzeichen ertönte. Linde drehte sich um und fragte: „Kommst du gleich mit?“

„Wir wollen Fußball spielen. Dieter hat einen neuen Ball.“

„Na dann nicht!“ Linde raffte seine Sachen zusammen und stürmte aus dem Klassenzimmer. Ninne packte sein Schulzeug ein und schlenderte nach Hause. Vor der Haustür wartete Dieter. Unter seinem Arm klemmte der neue Fußball. „Sollen wir zum großen Park?“ fragte sein Spielkamerad.

Ninne überlegte. Würden nicht Katja und die Mädchen dorthin kommen? „Lieber da, wo die Kirche ist“, antwortete er.

„Der blöde Sohni will mir den Ball klauen“, beschwerte sich Dieter, „und neulich hatta Bärbel verkeilt. Die hat jebrüllt wie am Spieß.“

„Warum?“

Dieter lachte. „Hat Doofenschüler jerufen und is weggeflitzt. Hatse aber einjekriegt und vermöbelt… Der kraucht jetzt immer inne Trümmer rum.“

Ninne verhielt den Schritt. Ob da noch der Mörder war? Er hob den Kopf. Dieter war elf und ein Stückchen größer als er. „Und was macht der Sohni da?“

„Hat wat unter ne Eisenplatte versteckt. Sollen wir mal gucken?“

Ninne wollte nicht in die Ruinen gehen und schüttelte den Kopf.

„Nur mal schnelle.“ Dieter stieß ihn an. „Sei keen Frosch!“

Ninne latschte mit, doch auf dem runden Platz sträubte er sich und ließ sich auf eine Parkbank fallen. „Meine Schultasche ist schwer wie ein Dinosaurier“, quengelte er.

„Die lassen wir so lange bei Frau Bredow im Seifenladen“, sagte Dieter

„Na, Dieter, haste dir ´ne kleene Freundin anjelacht?“ scherzte die kleine schmale Frau, die in ihrem hellgrünen Kittel selber wie ein Stück Seife aussah. Dieters Gesicht färbte sich himbeerrot und seine buschigen Augenbrauen krochen über der Nasenwurzel wie Raupen zusammen. „Ninne is… is ´n Junge“, stammelte er, „hab keene…“

„Is ja jut und reg dir nich uff, Dieterkin…Spaß muss sin, nich wahr? So, und wat willste koofen? – Wat für Muttern?“

„Ninne will für ne Sekunde seine Schulmappe hier lassen.“

„Sekunde is jut… Na denn jib det Ding mal her und zischt ab, aber nich bis morjen und…“ Die Frau verstummte und blickte zur Tür. Von draußen drang Gekläffe herein. „Det is der jemeine Köta vom Röder. Hoffentlich bleibt det bissige Scheißviech vor de Türe.“

„Tarzan kommt“, flüsterte Ninne Dieter ins Ohr, „und sein Leopardenhund.“

Dieter grinste, als der hereinkam. Tarzan quälte sich ein Lächeln ab. „Schönen guten Tag, Frau Bredow“, grüßte er. Seine Augen flitzten von der Seifenfrau zu Ninne. „Na du, Schule schon aus?“

„Guten Tag Herr Röder“, erwiderte Ninne, „wir hatten heute nur drei Stunden.“

„Aha!“ Tarzan nickte und ließ sich Rasierpinsel zeigen.

Sie verabschiedeten sich. Nach ein paar Schritten drehte sich Ninne um. Warum war Tarzan diesmal so freundlich? „Da läuft ein schwarzer Mörder rum“, versuchte er Dieter kurz vor den Ruinen abzuschrecken.

Dieter guckte ihn an. „Quatsch…Haste een jesehen?“

„Nur einen schwarzen Schatten, aber…“ Er verschluckte das nächste Wort. Beinahe hätte er Sohni gesagt.

„Haste jeträumt… Und wenn da eener ist, fangen wa den, so wie Sherlock Holmes.“

Dieter warf den Ball auf den Holzplatz, bevor sie über die Mauer kletterten. „Na, meine Freunde“, empfing sie eine Bassstimme, „den faulen Trick kennen wa schon. Der Ball is beschlagnahmt.“ Breitbeinig, auf einen Krückstock gestützt, stand wie ein Kleiderschrank der Holzwurm vor ihnen. Seine Zimmermannshose verbarg nur schlecht die Prothese, die sein rechtes Bein ersetzte. Zwischen seiner Boxernase und den schiefstehenden Schneidezähnen klemmte ein grauer Schnurrbart, der mit seinen nach innen gebogenen Spitzen an die Fresswerkzeuge einer Raupe erinnerte.

„Ist aus Versehen rüberjeflogen“, behauptete Dieter.

Der Holzwurm musterte sie. Der Ball lag vor dem faltenlosen Schuh, in dem der künstliche Fuß steckte; Stalin, der alte einäugige Schäferhund, schnüffelte an dem frischen Leder. „So, so, und det Meechen gleich mit… Keene Jeschichten! – Wollt hier fummeln, oder?

„Ich bin kein Mädchen, ich heiße Ninne!“

„Sachte, sachte, Kleene, keen Uffstand! – Is det ´n Russenname, sowat wie Nina oder so?“ Der Holzwurm guckte ihn an. „Der Iwan hat mir det Been wegjeschossen.“

„Tut das noch weh?“ erkundigte sich Ninne.

„Det tut weh bis zum Jrab, det könnta euch nich vorstelln… Scheißleben uff deutsch jesacht… Na jut, seid ja beede nette Kinder, also Jnade vor Recht. Und jetzt ab durch de Mitte, aber nich über de Mauer.“ Der Holzwurm gab ihnen den Ball zurück und Stalin begleitete sie wie ein guter Freund bis zum Tor.

„Und jetzt?“ Dieter sah ihn an und drehte den Ball in den Händen.

„Na Fußball spielen.“

Vor dem Park mit der katholischen Kirche begegneten sie Dieters Mutter und Bruder, die einen Garderobenständer schleppten. „Kommst wie jerufen“, sagte Achim, „kannst Mutti ablösen.“

„Nicht traurig sein, Ninne“, tröstete ihn Dieters Mutter, die wieder blass aussah, „kommste mal wieder zum Spielen zu uns und grüß Mama und Papa.“

Ninne blickte ihnen hinterher. „Die Lehmannsche macht nicht mehr lange“, munkelten die Leute, „die pfeift auf dem letzten Loch.“

Er blickte zur Kirchturmsuhr. Eine Fahrradklingel jagte ihn vom Bordstein. „Blöde Pute!“ brüllte ein Junge und spuckte nach ihm. Er ging über die Straße und blieb bei der alten Linde vor dem Kirchenportal stehen. Unter ihrem Laubdach dösten Rentner auf den Bänken und ein Stück weiter ließen sich Kinder von einem Rasensprenger bespritzen. Die eisenbeschlagene Kirchentür war geschlossen. Er guckte sich den Aushang an. „Kinder singen in Liebe zu Jesus Christus und Pfarrer Mirbach spricht mit Jungen und Mädchen“, las er. Er sprang die Portaltreppe hinunter und reckte noch einmal den Kopf zur Turmuhr. Der Uhrzeit nach musste der Pfarrer mit den Kindern noch in der Kirche sein. Die Neugier übermannte ihn. „Bitte den Seiteneingang benutzen“, stand auf einer kleinen Tafel. Er drückte auf die Klinke. Als er den Kopf durch den Spalt steckte und hineinhorchte, spürte er den sanften Druck einer Hand auf seiner Schulter. „Nicht so schüchtern“, sagte eine Frauenstimme, „geh nur rein.“ Die Frau drückte die Tür auf und schob ihn hinein. „Ich bin Schwester Dorothee“, flüsterte sie, „geh nur und setz dich zu den anderen.“ Die Nonne streichelte flüchtig sein Haar und raschelte davon.

Links vom Altar saßen Jungen und Mädchen mit dem Pfarrer im Kreis. Ein Junge erzählte von einem kranken alten Mann, wie der sich die Treppen hinaufquälte. Als der Junge mit seiner Geschichte fertig war, erhob sich mit dem Rücken zu Ninne ein blondes Mädchen in weißer Bluse. Der Pfarrer ermunterte es mit einer Handbewegung. Ninne duckte sich und schlich hinter der letzten Bankreihe zur rechten Seite. Das Mädchen begann, doch schon nach dem zweiten Satz hob der Pfarrer die Hand und das Mädchen schwieg. „Warum versteckst du dich?“ hallte es durch die Kirche. „Ich sehe dich doch, mein Kind!“ Meinte der ihn? Ninne duckte sich noch tiefer.

Der Pfarrer stand auf und schirmte die Augen ab; die Butzenscheiben in den hohen gotischen Fenstern funkelten wie Edelsteine. „Geh, Rita, schau nach!“ befahl der Geistliche, der mit seinem silbrigen Kopf, der weißen Halskrause und der schon unter dem Kinn beginnenden Bauchwölbung wie eine aufgeplusterte Ringeltaube aussah. Ninne presste die hohle Hand auf den Mund und lachte in sich hinein. Das Mädchen blickte zu den Fenstern auf der Sonnenseite. War das nicht das Kirchenmädchen? Er drückte sich gegen das dunkle Eichenholz. Das Mädchen ging zum Mittelgang. „Wo bist du denn?“ rief es leise. „Du kannst doch zu uns kommen!“

„Komm mal her, Rita“, ertönte es hinter ihm, „das arme Würmchen krabbelt hier rum!“ Er wandte den Kopf: hinter ihm ragte wie eine schwarze Säule die Nonne aus dem Boden und blickte durch kreisrunde Brillengläser auf ihn herab. Das Mädchen drehte sich nach links. Gleich würde es ihn sehen. Er schielte zur Nonne hoch; ein wie auf ein Ei gemalter Mondsichelmund lächelte ihn an ohne sich zu bewegen. Er stützte die Hände auf, zog das linke Knie an und atmete durch. „Lauf nicht weg!“ sagte die Nonne, doch er war schon auf den Beinen.

Hinter der Linde blieb er stehen und drehte sich um. Das Kirchenmädchen hieß also Rita! Wie lange würde sie noch bleiben? Er beschloss, auf sie zu warten. Als ein von Kindern umkreister Gartenarbeiter den Rasensprenger umstellte, gesellte er sich dazu. Pitschenass suchte er sich eine Stelle mit Blick zur Kirche und legte sich auf den Rasen. Ein Ball rollte auf ihn zu; er hielt ihn an und guckte nach dem Besitzer. „Mein Balla!“ kreischte ein kleines Mädchen. Er sprang auf und trat den Ball weg. Das Mädchen kreischte noch lauter. Er gab den Platz auf und schlenderte zur Linde. Ein alter Mann winkte ihn heran und schwenkte eine Puppe. „Suchste dein Puppchen, Kleene?“

„Ich spiele nicht mit Puppen“, beschied er den Alten und wandte sich dem Kirchenportal zu. Die Kinder strömten aus dem Seiteneingang heraus, unter ihnen ein Junge im weißen Anzug. War das nicht der vom Knopfladen – Thomas oder so? Er brauchte nicht weiter zu rätseln, denn im nächsten Moment nahm Rita den Jungen an die Hand und wartete mit ihm vor dem Portal. Kurz darauf erschien der Pfarrer und redete mit ihnen. Als der Pfarrer fertig war, tätschelte er dem Jungen die Wange. Rita knickste. Der Pfarrer streckte seine Wampe heraus und sauste in die Kirche zurück. Die beiden stiegen die breite Treppe hinunter und wandten sich nach rechts. Ninne ging ihnen nach. Kurz vor dem Parkausgang riss sich der Junge los und lief den Weg zurück. „Thomas, Thomas“, rief Rita und rannte hinterher.

Ninne wartete einen Moment, ehe er ihnen auf einem Nebenweg folgte. Vor der Portaltreppe blieb Rita stehen und guckte sich um. Thomas war nicht zu sehen. Sie ging zum Seiteneingang und drückte auf die Klinke, aber die Tür war verschlossen. Sollte er ihr helfen? Er schlüpfte unter das Blätterdach eines Rhododendron und betrachtete sie. Mit ihrem blonden Pferdeschwanz, der weißen Bluse und dem blauen Rock erinnerte sie an ein Veilchen.

Ein „Kuckuck, Kuckuck!“ ließ ihn nach links blicken. Nicht weit von ihm versteckte sich Thomas hinter einem Buchsbaum. Rita schaute zum Rhododendron. „Komm doch bitte!“ rief sie. „Mutti schimpft mit mir.“

Thomas antwortete nicht. Als sie sich umwandte, ertönte wieder „Kuckuck, Kuckuck!“ So ging das einige Male hin und her, bis sie ihn entdeckte und auf den Buchsbaum zuging. „Da bist du ja“, sagte sie, „hoffentlich hast du dich nicht schmutzig gemacht.“

„Ich will noch was gucken“, entgegnete Thomas, „Mutti kann warten.“

„Bitte komm…, ich darf sonst heute nicht in die Bücherei.“

„Das macht nichts.“

„Von Vati bekomme ich eine Strafe… du weißt ja.“

„Hast du verdient… Hast nicht aufgepasst und das Kind ist weggelaufen.“

„Konnte ich doch nicht… Ich sah es gar nicht.“

Thomas rupfte zwei Brennesseln aus und ging auf sie zu. Sie guckte ihn mit weit geöffneten Augen an. „Oh, bitte Thomas, Mutti…“

„Ja, zur Strafe… oder ich sage Vati, was du gemacht hast…“

„Und wenn Mutti die Blasen an meinen Beinen sieht?“

„Das macht nichts. Komm!“

Sie folgte Thomas hinter die Kirche, wo dichtes Gebüsch war. Ninne schlich ihnen nach. Als er sie wieder im Auge hatte, stand Rita mit dem Gesicht zur Mauer, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. „Mutti darf nichts sehen“, bat sie, „ich kann ja den Rock hoch machen.“

Thomas wedelte mit den Brennesseln. „Ja, mach ihn hoch.“

Sie hob den Rock und Thomas klatschte die Brennesseln auf ihre nackten Schenkel, bis Stengel und Blätter erschlafften. Kein Laut kam über ihre Lippen, obwohl sich große rote Flecken auf der Haut bildeten. Sie ließ den knielangen Rock herunter, nahm Thomas an die Hand und ging mit ihm zum Parkausgang. Ninne schaute ihnen hinterher. Was die sich gefallen ließ! Er ging zum Rasen, ließ sich fallen und streckte Arme und Beine von sich. Ein Marienkäfer landete auf seinem Handgelenk und krabbelte bis zum Ellenbogen. Er setzte das Tierchen auf seinen Daumen und wartete, bis es wegflog. Würde er Rita wiedersehen? Er stand auf. Es war Zeit, Schularbeiten zu machen.

2

Die Klassenlehrerin putzte ihre Brille, bevor sie sich erhob und wie ein Priester die Arme ausbreitete. Das Geschnatter verstummte, der große Augenblick war gekommen. Die Schüler trugen Sonntagssachen, Linde ein Samtjäckchen mit aufgesticktem Familienwappen. Die faltige Frau mit der Apothekerbrille blickte auf das vergangene Schuljahr zurück, lobte, tadelte und spornte zu noch besseren Leistungen im neuen an. Als sie fertig war, ließ sie sich hinter einem Stapel Zeugnisse nieder und rief Jungen und Mädchen einzeln auf. Die Klassenbesten kamen zuletzt ran. Die Spannung wuchs, die Blicke wanderten von Hannelore über Ninne zu Linde. „Hannelore“, ertönte die dünne Stimme der Lehrerin, „komm bitte nach vorne!“ Das apfelbackige Mädchen strahlte, als es sein Zeugnis erhielt. Jetzt wurde es noch spannender. Die schmale Frau, die einer Eidechse ähnelte, erhob sich ein zweites Mal. Linde lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen zurück, so als wäre sein Sieg eine ausgemachte Sache. „Ninne ist Zweiter“, flüsterte ein Mädchen. Die Lehrerin richtete ihre Brillengläser auf Linde. „Leopold“, beendete sie die Spannung, „komm bitte nach vorne!“ Linde starrte sekundenlang auf die Tafel, ehe er sich nach vorne schleppte. Die Klasse jubelte, als sie Ninne als letzten aufrief. „Die Feier in der Aula beginnt in einer dreiviertel Stunde“, verkündete die Klassenlehrerin und raffte ihre Sachen.

Als Ninne in den Flur trat, bedrängten ihn die Mitschüler. „Alles Einsen“, staunten sie. Er fragte nach Linde. „Der hockt noch da und jault“, verriet ein Junge. Er ging ins Klassenzimmer zurück. Linde saß auf seinem Platz und weinte. „Ist doch nicht schlimm“, versuchte er ihn zu trösten, „ich hab Murmeln und Bugger mit und…“

Linde drehte ihm den Rücken zu. „Lass mich…hau ab! Schularbeiten mach ich nie mehr mit dir.“

Ninne wollte noch etwas sagen, aber Linde hielt sich die Ohren zu. Was hatte er nur getan? Er verstand seinen Freund nicht. Wie gerne hätte er mit ihm die Freude geteilt! Aber es war nichts zu machen. Ninne verließ den Raum und ging über den langen Gang zum Treppenhaus; kein Mensch begegnete ihm auf den kalten Granitstufen; die ganze Schule tummelte sich schon auf dem Pausenhof. „Wo ist denn dein Freund?“ fragte die Klassenlehrein.

Er zeigte nach oben. „Will nicht runterkommen, Frau Eckstein… weiß nicht…“

Die Lehrerin quetschte ihre ledrige Unterlippe hinter die obere Zahnreihe, die wie eine Säge aussah. Unwillkürlich zählte er mit den Augen die Zacken. Das schien sie zu bemerken, denn sie bedeckte mit der Hand ihren Mund und nuschelte: „Der wird sich beruhigen, geh mal zu seiner Mutter… da drüben.“

Lindes Mutter unterhielt sich unter einer Eiche mit einer hochgewachsenen Frau, die wie sie ein helles Kostüm von gleichem Schnitt trug. „Gratuliere, Ninne“, sagte sie und umarmte ihn. „Wo ist denn Leopold?“

„Ist das der Kleine von Bella?“ warf die fremde Frau dazwischen.

„Ja, das ist Maurice, aber er möchte mit Ninne angesprochen werden, nicht wahr?“ Lindes Mutter guckte ihn an.

„Ein entzückender Junge, Mona. Ich würde gerne Thomas mit ihm bekannt machen. Was meinst du?“

Lindes Mutter lachte. „Leopold wird dir eine Eifersuchtsszene machen, Eva.“

„Der will nichts mehr von mir wissen“, bemerkte Ninne.

„Ich weiß, ich weiß… In einer halben Stunde ist das vorbei – er hat dich doch viel zu lieb.“ Sie streichelte ihm übers Haar und wandte sich wieder der Frau zu: „Was spielt sich am Gymnasium ab?“

„Rita steckt noch in der Prüfung. Zeugnisse gibt´s wohl erst nächste Woche.“

Ninne stutzte. Hatte die Rita gesagt – und vorher Thomas? Er musterte sie von der Seite. „Schau mal, wer da kommt“, unterbrach Lindes Mutter seine Gedanken.

Ninne stahl sich ein paar Schritte hinweg. „Thomas, mein Herz“, sagte die Frau, „da bist du ja endlich.“

„Wo bist du denn, Ninne?“ fragte Lindes Mutter und drehte sich nach ihm um. „Komm mal bitte, Frau Domberg will dir Thomas vorstellen.“

Ninne blickte sich um. Würde Rita auch kommen? Ihm war unbehaglich zumute; und als müsste er auf der Hut sein, schob er sich mit eingezogenem Kopf an den Ankömmling heran. Thomas lächelte und spielte an seiner maisfarbenen Fliege, die er zu einem marineblauen Anzug trug. „Guten Tag“, begrüßte ihn Thomas mit silberheller Stimme und reichte ihm die Hand.

Ninne betrachtete einen Augenblick den Lapislazuli an Thomas´ linker Hand, ehe er den Gruß erwiderte.

Thomas Mutter berührte seine Schulter. „Wo bleibt deine Mutti, Ninne?

„Sie kommt später“, antwortete Lindes Mutter für ihn. „Wir treffen uns in der Aula. Ninne ist übrigens Klassenbester… Und Thomas?“

„Mein Liebling war nicht so fleißig, na ja… eine Drei nach der anderen…“

„Das macht nichts“, bemerkte Thomas und rümpfte die Nase.

Das Klingelzeichen rief zur Abschlussfeier; Schüler, Eltern und Lehrer strömten in das Backsteingebäude. Komm, Ninne“, sagteThomas Mutter und nahm ihn an die Hand. Im ersten Augenblick wollte er sich losreißen, doch ihre Hand fühlte sich angenehm an. Am Eingang wartete Linde und umarmte ihn.

Der Schulleiter war schon auf der mit Blumen geschmückten Bühne, als Ninnes Mutter in die Aula hetzte. Herr Pflaumbaum wartete, bis sie Platz genommen hatte. Thomas nutzte die Gelegenheit und setzte sich neben Ninne. Als Pflaume, wie er genannt wurde, mit seiner Rede begann, zog Thomas ein Bild aus der Tasche. Es zeigte eine Hölle, in der winzige, rote Teufel mit gefletschten Zähnen um eine von Flammen umzüngelte Bratpfanne herumtanzten, in der sich nackte Leiber wie Schafe vor einem Unwetter zusammendrängten. Die Augen der Opfer waren weit aufgerissen, ihre Arme ergeben in die Höhe gestreckt, so als wollten sie den Teufeln keine Schwierigkeiten machen. „Das sind Sünder“, flüsterte ihm Thomas ins Ohr, „die werden zur Strafe gebraten.“

„Warum springen die nicht raus?“ fragte Ninne. „Die sind doch viel größer als die Teufel.“

„Geht nicht, die müssen büßen.“

„Und wenn die nicht wollen? Ich würde mich nicht von kleinen verschrumpelten Teufeln wie ein Stück Speck braten lassen!“ Er nahm Thomas das Bild aus der Hand und guckte es sich genauer an. Die Teufel waren zwar mit dreizackigen Spießen bewaffnet, aber die schienen nicht größer als Stecknadeln und der Feuerring nicht höher als eine Kerzenflamme; die Nackten in der Pfanne waren dagegen Riesen. Warum nur ließen die sich das gefallen? Das regte ihn auf.

Ein junges Weib bildete den Mittelpunkt des Bildes. Die Augen niedergeschlagen reckte es anmutig den Körper und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Ein beleibter Oberteufel schaute es wohlgefällig an und kratzte sich den struppigen Bauch. Was hatte das zu bedeuten… und hatte nicht Rita auch so ihre Hände gehalten? Ninne tippte mit dem Fingernagel auf sie. „Die fürchtet sich nicht… Lässt sie der dicke Teufel frei?“

Thomas berührte mit den Lippen sein Ohr. „Nein, tut er nicht.“

„Der guckt sie aber freundlich an.“

„Das macht nichts.“

„Woher weißt du das?“

„Weiß ich.“ Thomas steckte das Bild wieder ein. „Wollen wir nachher spielen?“

„Und was?“

„Verkleiden.“

Die gelbgraue Dauerwelle vor ihnen bewegte sich heftiger. Aber Ninne wollte noch wissen, was Thomas meinte und fragte: „Als Teufel?“

Doch bevor Thomas antworten konnte, wirbelte die Dauerwelle herum. Hängebacken wabbelten, glasige Dackelaugen stierten sie an. Ninne drückte sich gegen die Rückenlehne, versuchte den kurzsichtigen Augen zu entkommen. Was war das nur für ein Gesicht! Welke, hellrot bemalte Lippen lösten sich wie zusammengeklebte Gummihäute voneinander, Schleimfäden zogen sich in die Länge und ein Kuchenzahn kam zum Vorschein. Noch drang kein Laut aus dem Loch, in dem der schwarz angelaufene Hauer wie eine Maulsperre wirkte.Fäulnisgeruch schlug ihnen entgegen. Thomas riss das maisfarbene Tüchlein aus der Brusttasche und presste es auf Nase und Mund, als hätte er es mit der Pest zu tun gekriegt. Die Halsschlagader der kinnlosen Frau blähte sich wie ein Blutegel und straffte den welken Putenschlund. Mit kurzen, flachen Atemzügen pumpte sie Luft. Ninne rechnete mit Gebrüll und stopfte sich die Daumen in die Ohren, doch sie krächzte nur etwas von Rotzgören, Ruhestörung und frechen Schnäbeln.

„Vergiss nicht, für heute Nachmittag einzuladen, Leopold!“ erinnerte Lindes Mutter, bevor sie mit ihren beiden Freundinnen verschwand.

„Spielen wir dann morgen Verkleiden?“ wandte sich Thomas an Ninne.

„Was willst du denn von ihm?“ mischte sich Linde ein.

„Prinz und Bettelmann spielen… “

Linde kraulte sich die Locken. „Und was soll Ninne machen?“

„Prinzessin, weil…“

„Linde guckte Thomas von oben bis unten an. „So was Doofes… Spiel das doch mit deiner Schwester!“

Ninne dachte gerade an sie und verglich sie mit der in der Bratpfanne, als Thomas ihn fragte. „Magst du mit mir spielen?“

„Ja…Hast du auch Teufelskleider?“

„Klar, auch für Engel… Bringt ihr mich ein Stück?“

Thomas wohnte an der grünen Pumpe gegenüber von Linde. Als sie allein waren, guckte Linde Ninne in die Augen und fragte: „Willst du mit dem spielen?“

„Weiß ich noch nicht. Und du?“

Linde zog eine Grimasse. „Die sind katholisch und Thomas ist Ministrant und im Kirchenchor und Liebling vom Pfarrer… Der liest vielleicht komische Bücher!“

„Was denn für welche?“ Ninne wurde neugierig.

„Über Teufel und Hexen und Zauberer und sowas…, und wenn er bei uns im Laden ist, guckt er nur nach sowas und dann ärgert er immer seine Schwester und in der Schule ist er faul… Und eine Teufelspuppe schleppt er auch immer mit sich herum!“

„Spielst du mit der Rita?“

„Nein, keine Lust. Ihre Mama ist ungerecht und Thomas kriegt alles… Rita geht zum Ballettunterricht und singt auch im Kirchenchor. Wenn sie bei uns ist, sagt sie kein Wort und sitzt wie eine Holzpuppe da… Warum hat die komische Frau gemeckert?“

„Weiß nicht… Thomas zeigte mir ein Bild und ich sagte was.“

„Waren da Teufel drauf?“

„Ja, ganz kleine, so wie rote Ameisen, und große weiße Menschen – so wie die Liliputaner, weißt du, wenn sie auf Gulliver rumklettern. Die Teufel braten die Menschen…“

„Kenn ich.“ Linde verzog den Mund. „Der hat nur Quatsch im Kopf und Rita lässt sich alles gefallen.“

„Ist sie nicht stärker?“

„Glaube ist schon dreizehn und lässt sich von Thomas in die Speisekammer sperren.“

Ninne begleitete Linde bis vor die Haustür. In seinem Kopf tobte es. Er blickte zur grünen Pumpe; aus ihrem gusseisernen Drachenmaul tropfte Wasser in das flache Granitbecken. Peter sauste vorbei. Sollte er mit ihm Straßenbahn spielen? Oder sollte er zum Friedhof hinter der Grenze gehen? Ob da noch die erbsengrünen Panzer waren? Niemand wusste von seinem Abenteuer. Als er vor seiner Haustür stand, rief Sohni aus dem zweiten Stockwerk des Nebenhauses herunter: „Haste ´n Momentchen Zeit, ick komm mal kurz uff ´n Sprung.“

Ninne überlegte, ob er warten sollte. Doch ehe er sich versah, stand Sohni nur mit einer Dreieckbadehose bekleidet vor ihm. „Scheißpenne aus“, begrüßte ihn Sohni, „und biste hängenjeblieben?“

„Hängengeblieben?“

„Na weil de so doof aus de Wäsche kiekst und rumschwänzelst wie eener, wo Schiss hat… weeßte.“

Ninne betrachtete Sohnis braungebrannten Körper. Wovor sollte er Schiss haben? Doch als er das erklärt haben wollte, verschwand Sohni im Hausflur. Was hatte der? Er guckte sich um und sah auf der anderen Straßenseite Frederic, der ihm zuwinkte und rief: „Komm kleiner Biber, ich spendiere ein Rieseneis.“

„Weil ich Klassenbester bin?“

„Bist du? Wusste ich nicht. Na umso besser. Ich war auch nicht schlecht.“

„Du bist doch auf einem Gymnasium, nicht?“

„Scheint so.“

„Kennst du Rita?“

„Kein seltener Name.“

„Die wohnt an der grünen Pumpe.“

„Ach die. Wie kommst du auf die? Ist die Tochter von Mutters Schneiderin.“

„Ist die bei dir?“

„Die ist nicht bei uns. Ich muss doch immer weit fahren. Unser Gymnasium ist da, wo Oma wohnt… Das weiß du doch alles! Was hast du denn mit der Rita?“

„Warum sind wir nicht katholisch?“

„Weil wir evangelisch sind – oder waren. Und du bist gar nichts, du bist nicht getauft.“

„Warum nicht?“

„Weil die Alten vor deiner Geburt aus der Kirche austraten.“

„Na ihr beiden Hübschen“, empfing sie die Eisdielenbesitzerin, „habt ihr gute Zeugnisse nach Hause gebracht?“

Frederic nickte und bestellte zwei große Eisbecher. Als ihre Tochter die Nase aus der Küche herausstreckte, drängte Frederic nach draußen. „Ich komme diesmal nicht mit, Brüderchen“, begann er, als sie am Tisch saßen, „Oma nimmt mich mit nach Florenz.“

Ninne glaubte, nicht richtig gehört zu haben. War das ein Spaß? Er guckte Frederic an und wartete auf das verschmitzte Lächeln, das immer folgte, wenn etwas nicht ernst gemeint war. Doch es kam nicht. „Sei nicht traurig, Kleiner Biber“, fuhr Frederic fort, „aber ich will die Bauwerke sehen… Du weißt doch, ich will Architekt werden.“

Ninne konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ferien ohne ihn, ohne gemeinsame Entdeckungen, ohne Gruselgeschichten vor dem Schlafengehen – das konnte nicht wahr sein! Er warf den Eisbecher um; das bunte Gemisch zerschmolz in Sekundenschnelle auf der heißen Tischplatte und tropfte auf Frederics Hose. „Du ruinierst meine Beinkleider, Ninnepüppchen“, schimpfte er, „dafür war das Eis nicht gedacht.“

„Doch, war es! Und du bist ein Verräter und Oma ist eine geizige alte Hexe und dir hat sie eine neue Gitarre gekauft und Papa seine ist alt und geht immer kaputt und…“ Ninne brach ab und rannte zur katholischen Kirche. Vor dem Portal setzte er sich auf die Stufen und weinte, bis die Augen brannten. Hatten sie nicht gestern noch Pläne geschmiedet und wollten sie nicht Feuersalamander in dunklen Schluchten suchen? Was wollten sie nicht alles unternehmen! Er erhob sich und irrte durch die Straßen.

VI. Kapitel

Im Schulgebäude roch es nach frischer Farbe. Der neue Klassenraum lag auf der schattigen Nordseite und statt Kastanien und Eichen bot sich dem Auge ein schwarzgraues Viereck aus festgestampfter Schlacke. Verdrossen suchte sich Ninne einen Platz auf der Fensterseite. Endlich kam Linde. Sie umarmten sich. „Wir haben Glück“, sagte Linde, „wir sind wieder zusammen.“

Er ging auf seinen Platz zurück und Linde ließ sich wie immer nahe der Tür nieder. Ein Mädchen legte sein Schulzeug neben Ninne ab und sprach ihn mit einer Stimme an, die sich nach einem Spatzen anhörte: „Ich bin die Dagmar, ich war vorher in der B-Klasse, ich bin jetzt hier.“

Er guckte seine neue Nachbarin an. Ihr dünnes weißblondes Haar erinnerte ihn an Kurtchen. Augenbrauen und Wimpern waren in dem blassen Gesicht kaum zu erkennen; auch Lippen und Augen gaben an Farbe nichts her. Einzig ein winziger Leberfleck auf der Wange und blaue Äderchen an den Schläfen unterschieden das trostlose Gesicht von dem Anblick einer Papiertüte. „Ich heiße Ninne“, erwiderte er.

„Und wo kommst du her“, fragte sie? „Du hast ja Jungssachen an!“

„Ninne is ´n Junge du Doofe!“ rief Hannelore von hinten. „Kommt aus Afrika… hi.“

Dagmar setzte sich hin und kniff die Lippen zusammen. Ein neuer Junge, größer und kräftiger als die anderen, stellte sich vor die Klasse und rülpste. Hannelore spitzte ihren Mund und kam dicht an Ninne heran. „Is ´n Doppelsitzenbleiber“, flüsterte sie, „der is jetzt bei uns und der is gemein.“

Ninne musterte den Jungen. Wie sah der denn aus! „Der hat ja ein Elefantengesicht“, sagte er halblaut, „guck dir mal den dicken Rüssel an… und die Augen sind klein wie Stecknadelköpfe.“

Das Elefantengesicht beunruhigte ihn; schon wie es sich hinsetzte, sich mit gleichgültigem Ausdruck Platz verschaffte, verhieß nichts Gutes. Ninnes Blick glitt über die kalten, leblosen Wände. Nirgendwo hing ein Tuschbild, klebte ein Kaugummi… Er hatte das Gefühl, das neue Schuljahr könnte freudloser werden als das alte. Eine dunkelgrau gekleidete Frau schnellte herein, brachte die Klasse mit einer kurzen Handbewegung auf die Beine und verschränke die Arme vor der Brust. Alles Scharren und Kichern verstummte. „Ich bin Fräulein Schulze“, stellte sie sich vor, „ich bin eure neue Klassenlehrerin, ihr habt bei mir Deutsch und Erdkunde. Setzt euch!“

Fräulein Schulze ging die Anwesenheitsliste durch und verteilte die neuen Schulbücher. Gleich darauf griff sie nach der Kreide und schrieb mit flinker Hand die erste Lektion an die Tafel. Ihre Schrift war winzig und zusammengedrängt und sah aus der Entfernung wie ein Strich aus. Bodo, ein kurzsichtiger, wasserköpfiger Junge, eilte auf seinen krummen Beinen nach vorne und peilte die Tafel aus nächster Nähe an. Sein Kopf wirkte auf dem schmächtigen Körper wie ein kandierter Apfel auf einem Holzstiel. Alles lachte. „Wollt ihr mich veralbern, ihr Grünschnäbel?“ keifte Fräulein Schulze und scheuchte Bodo mit dem Zeigestock auf seinen Platz, bevor sie das Geschriebene erklärte. Sie sprach hastig und leise; ihr kleiner, wie aus Holz geschnitzter Mund erinnerte an den Schnabel eines Wellensittichs, der eine Rispe bearbeitet. Ein hochgeschlossenes, knöchellanges Sackkleid verhüllte ihren Körper. Aus dem grauen Gewebe ragte ein säulenartiger Hals, der sich zu einem keulenartigen Kopf mit Eulenaugen verdickte. Als sie wieder zur Kreide griff, dachte Ninne an die Ferien:

Endlich da! So was von müde! Verlassener Bahnhof, schiefe Laternen, trübes, gelbes Licht… Nachtfalter, Spinnennetze. Und dann der Pensionswirt – eine Tonne auf Beinen… Das alte Auto rumpelt über den steinigen Weg. Tiefer Schlaf. Frühe, Sonne – wie die glüht, wenn sie hinter den Bergen aufgeht! Frische Milch, Butter, Bienenhonig… Wie das schmeckt! Felsen, Höhle… Forellen im Bach. Das alte Bauernbett knarrt! Mamas Hände, Küsse; das dicke Buch – blöde Schnörkelschrift. Schillers Räuber; der Karl Moor, der Spiegelberg – Räuber … toll! Aber der Franz, der gemeine Hund! Der grässliche Kerker – ist da Rita drin? Und Franz von Moor sieht wie Thomas aus… Kühle, schwarzblaue Nacht. Wo ist der Turm, das Verlies? Der Kirchturm sieht wie ein Zuckerhut aus. Mondschein, spitze Dächer. Die Schieferschindeln glänzen wie Fischschuppen… riesige Karpfen am Grunde eines Sees. Flauschiges Federbett, weißer Mond… die Burg… tief unten der Kerker. So eine Finsternis, so eine dicke Tür! Würde da einer rauskommen? Schreie… Ist das Rita? Die Kerkertür geht nicht auf. Überall kleine rote Teufel… Alles ist still, Geisterstunde – jede Nacht …

„Du wirst ein steifes Genick bekommen, Hans Guck-in-die-Luft“, störte ihn Fräulein Schulze auf, „der Unterricht spielt sich nicht in den Wolken ab. Wo bist du denn mit deinen Gedanken?“

Er drehte sich langsam herum. „Weiß ich nicht.“

Die Eulenaugen senkten sich auf ihn herab. „Weiß er nicht! Ist ja schön. Weiß er denn, wo er ist?“

Er rutschte näher an Dagmar heran. „Das Klassenzimmer gefällt mir nicht.“

Der Keulenkopf neigte sich noch tiefer. „So, so, gefällt ihm nicht. Und mir gefällt sein Haarschnitt nicht… Lange Haare, kurzer Verstand. Die kommen ab!“

Sie ging wieder nach vorne. Niemand lachte über ihren Witz. Das Elefantengesicht drehte sich um und schnitt eine Grimasse. Als das Pausenzeichen ertönte, blieb er sitzen, fühlte sich wie ein Fremder in der Schule. „Magst du einen Apfel?“ vernahm er die Spatzenstimme seiner Nachbarin, „ist von Omas Garten.“

„Ja… gerne. Meine Oma hat auch einen, und der ist groß und unser ist klein und meine Tante hat auch einen und der ist gleich am Wald.“

„Kommst du nachher ein Stück mit?“ fragte Dagmar. Über ihr durchsichtiges Gesicht huschte ein zartes Rosa.

Er nickte. „Ja, mach ich.“

Nach dem Unterricht fing ihn Linde auf dem Flur ab. „Komm, wir gucken uns bei mir die neuen Schulbücher an.“

Das konnte er nicht abschlagen. Doch was sollte er Dagmar sagen? Er blickte zur Tür. Sie schien drinnen auf ihn zu warten. „Los, schnell!“ drängte er. „Wir müssen weg.“

Linde sah ihn verdutzt an. „Wieso?“

„Frag nicht, komm!“ Ninne rannte los. Als er sich am Ende des Flurs umdrehte, guckte Dagmar in die andere Richtung. Vor dem Schultor wartete er auf Linde. In den Ferien war Ninne gewandert, geklettert und täglich im Schwimmbad gewesen; und ein größerer Junge hatte ihm gezeigt, wie ein Boxer die Arme hält. Er fühlte sich kräftiger als vorher.

„Was ist denn los?“ wollte Linde wissen.

„Na um die Wette rennen… Bin von zehn Meter gesprungen, Steher und Arschbombe.“

„Wirklich?“ Linde zwinkerte.

„Gar nicht schlimm, und der Bademeister hat mir Schmetterling und Kraulen gezeigt.“

Auf dem Heimweg erzählte Ninne seine Ferienerlebnisse, verschwieg aber seine Träume und ein Erlebnis mit zwei Mädchen. Als sie auf dem Balkon saßen, blickte er zu Dombergs Wohnung hinauf. Die Fenster im vierten Stock gegenüber waren geschlossen. Er schlug das Lehrbuch zu und schob es zur Tischmitte. Linde blickte auf. „Schon fertig?

„Na so…ja“, druckste er herum. „Hast du Thomas gesehen?“

„Ach der! – Ja, heute morgen auf dem Schulweg. Der war mit Rita in den Ferien beim Onkel… Der heißt Onkel Robert.“

„Kennst du den?“

„Der hat ein großes Haus und Geld wie Onkel Dagobert.“ Linde schmunzelte. „Na, ja, nicht so viel, aber ganz schön…“

„Die Schulzen mag ich nicht“, schweifte Ninne ab, „die sieht aus wie der Knüppel aus dem Sack… So wie das Bild im Märchenbuch, weißt du?“

Linde lachte. „Stimmt, die hat einen komischen Kopf.“

„Die hat mir gar nichts zu sagen! Soll sich doch selber die Haare abschneiden. Bist du mir böse, wenn ich jetzt gehe? Mir ist nicht gut.“

„Schade, aber wenn dir schlecht ist…“

Als er auf die Straße trat, schaute er noch einmal zu Dombergs Wohnung hinauf. Vor dem Spielzeugladen spielten Katja und ihre Freundinnen Hopse. Er ging zurück, versteckte sein Schulzeug bei Linde im Hausflur und machte sich auf die Suche nach Thomas und Rita.

Unterwegs dachte er an Elisabeth, die Tochter vom Ferienwirt.Sie hatte weizenblonde Zöpfe, dick wie Taue, und himmelblaue Glubschsaugen. Sie hatte ihrer plattfüßigen, kugelrunden Mutter geholfen, die Tische auf der Terrasse zu decken. Zwischendurch arbeitete sie in der Küche. An den Wochenenden schlenderte sie mit ihrer rothaarigen Freundin die Dorfstraße auf und ab. Eines Samstags lockten ihn die beiden Mädchen zu einem Weiher. Als er sich an der Badestelle auf die Decke legte, tuschelten sie. „Du bist gar kein Bub“, neckten sie ihn, „ willst uns an der Nas herumführen.“ Ehe er antworten konnte, stürzten sie sich auf ihn und kitzelten ihn ab, bis ihm die Puste ausging. Als er schlapp auf dem Rücken lag, zogen sie ihm die Badehose aus und setzten sich auf ihn rauf.

Elisabeth und die Rothaarige waren schon dreizehn. Sie fühlten seinen Körper ab, bohrten ihm die Finger in den After, kneteten die Hoden und lutschten an seinem Glied. Als es steif war, zogen sie sich aus. Elisabeth sah nackt wie ein Kastenweißbrot aus. Die Rothaarige war ihm angenehmer; ihr Körper war zierlich und biegsam, ihre Hände sanft. Sie hatte lange, auseinanderstehende Zähne, Albinoaugen, eine verpickelte schiefe Nase und war von den Zehen bis zum Schopf mit Sommersprossen übersät; und wenn sie sich bewegte, zappelten ihre spitzen Brüste wie Schweinezitzen. Mit ihr traf er sich allein am Weiher. Dort spielten sie Modenschau oder badeten nackt. Beim letzten Mal setzte sie sich auf ihn rauf und rieb ihre Scham an seinem Glied. Als es glitschig wurde und anfing nach Fisch zu riechen, dachte er an die Regenbogenforellen im Bach, die auch so gesprenkelt waren wie ihr Körper, und lachte. Daraufhin hatte sie ihm Mund und Augen zugehalten und weitergerieben.

Vor dem Buchladen wechselte er die Straßenseite. Lindes Mutter sollte ihn nicht sehen. Rita und Thomas waren nicht da. Er trottete zur Kirche; sie war geschlossen. Wo konnten sie noch sein? Er lief zum Knopfladen, aber auch dort waren sie nicht. Er gab auf und ging zur Bücherei Die Rothaarige hatte von Liebesgeschichten erzählt, die Kinder nicht lesen durften. Ob die Bücherei am Park solche Romane hatte? „Na du kleine Leseratte“, empfing ihn die hagere Frau an der Bücherausgabe, „wie geht ´s deiner Mutti?“

„Mama geht es gut, wir waren in den Bergen.“

„Ah, in den Bergen… großartig!“ Die Frau richtete ihre sechseckigen Brillengläser zur Decke, als hätte sie den Mont Everest vor sich. „Arbeitet deine Mutti noch in der Bibliothek?“

Er wartete, bis die kleinen Glassärge auf Talfahrt gingen. „Ja, da gefällt es ihr.“

„Na dann sag ihr herzliche Grüße von mir.“

In dem Regal für Liebes- und Heimatromane fand er nichts Verbotenes und ging zur Toilette. Als er sich die Hände wusch, bemerkte er einen Satz neben dem Spiegel: Sittenroman Mandarin, echt geile Schwarte, pralle Wichsvorlage, Kumpels. Es grüßt euch Otto der Geile. Das musste es sein! „Liebesgeschichten müssen geil sein“, hatte die Rothaarige gesagt. Er fand das Buch zwischen Arzt- und Försterromanen und überflog die ersten Seiten. Es handelte von einem grausamen und unersättlichen Mandarin im alten China, dem seine Dienerinnen zu Willen sein mussten. Immer wieder waren Stellen unterstrichen und Bemerkungen an den Rand geschrieben. Das Buch packte ihn und er stahl sich mit ihm in den Leseraum. Seine Ecke am Fenster war frei. Er blickte kurz in den Park und blätterte es durch. Eine Stelle war dick unterstrichen: „…nackt kniete sie vor ihm, ihre Stirn berührte den Boden; sie flehte ihren Herren an, sie am Leben zu lassen, der aber befahl ihr, sich mit gespreizten Beinen auf ein Bambusgestell zu setzen…“

Obwohl er vieles nicht verstand, hastete er über die Zeilen, hörte und sah nichts mehr um sich herum. Erst als ihn eine Hand berührte, löste er sich von den Seiten. „Tag Ninne“, begrüßte ihn Thomas.

„Tag Thomas“, erwiderte er. „Warst du auch verreist?“

„Rita und ich waren bei unserem Onkel. Mutti und Vati sind immer am Meer.“

„Und was habt ihr da gemacht?“

„Ganz viel. Onkel Robert hat Geschichten erzählt und Räuber und Gendarm haben wir auch gespielt… Und ihr habt jetzt die olle Schulzen, nicht? – Ist die hässlich!“

„Stimmt! Ich habe eine Kasperpuppe, einen Waldteufel mit einem grünen Kopf und so wie eine Birne… und der sieht auch so aus. Oder Knüppel aus dem Sack, weißt du, so wie das Bild im Märchenbuch.“

Sie lachten. Thomas legte ein dickes schwarzes Buch auf den Tisch und setzte sich. „Hexen“ stand in weißen Buchstaben auf dem Einband. Ninne reckte den Hals. „Was steht da drin?“

Thomas schlug es auf. „Hier, guck mal, hier wird eine Hexe ins Wasser getaucht.“

Der Holzschnitt zeigte eine zusamengefesselte Frau, die von einer Brücke am Strick ins Wasser gesenkt wird. „Hexenprobe“ stand darunter. Was sollte an der eine Hexe sein? Das waren doch Märchengestalten! Die Frau auf dem Bild aber war jung und nackt – kein Buckel, keine Hakennase mit Warze… Ninne schüttelte den Kopf. „Das ist doch keine Hexe!“

Thomas rückte dicht an ihn heran und tippte mit dem Finger auf ein anderes Bild. „Hier wird eine verbrannt. Siehst du?“

Ninne schob das Buch zur Mitte des Tisches. „Furchtbar… warum werden die totgemacht?“

„War ganz früher. Die haben mit dem Teufel zusammen böse Sachen gemacht. Meine Schwester weiß ganz viel darüber.“

Ninne angelte das Buch wieder heran und blätterte weiter. Bei der Abbildung einer Folterkammer verweilte er länger; sie erinnerte ihn an das Burgverlies, das er in den Ferien gesehen hatte. „Hochnotpeinliche Befragung“, murmelte er vor sich hin. Was konnte das sein? Er stieß Thomas an, der im „Mandarin“ herumblätterte. Das war ihm peinlich; er verzichtete auf seine Frage. „Wer ist denn Otto der Geile?“ fragte Thomas.

„Weiß nicht, steht in der Toilette an der Wand.“

„Stimmt nicht, guck mal hier!“ Thomas zeigte auf die Titelseite. „Otto der Geile“ stand dort mit Tinte geschrieben.

Sie lachten wieder und suchten den Mandarin nach geilen Stellen ab. „Darf ich mich zu euch setzen?“ ertönte hinter ihnen eine Mädchenstimme. Es war Rita. Thomas schien sie nicht zu bemerken und Ninne wagte nicht, sich umzuwenden. „Darf ich mich zu euch setzen?“ wiederholte sie leise.

Ohne sie anzublicken herrschte Thomas sie an: „Wo kommst du her?“

„Ich habe für Mutti Garn besorgt und war dann im Fotoladen… Du weißt doch, die Bilder von der Prüfung in …“

Thomas drehte sich um. „Die Ballettfotos?“

„Ja, die auch …“

„Zeig mal!“

Rita schob den freien Stuhl unter den Tisch, stellte sich hinter die Lehne und holte die Fotos aus ihrer Tasche. Thomas nahm sie ihr aus der Hand, breitete sie aus und suchte eines heraus, das sie im Ballettkleid zeigte. „Guck mal, hat Onkel Robert gemacht!“

Ninne schirmte die Augen ab. Sah sie nicht wie eine Schneeflocke aus? Ihm wurde heiß und er verspürte den Drang, sie zu berühren, doch seine Hände sanken wie abgestorben nach unten. Warum sagte denn Thomas nichts? Und der Mandarin lag aufgeblättert da und jeder konnte die Stellen sehen! Rita beugte sich über den Tisch, reichte ihm die Hand und sagte: „ Ich heiße Rita, unsere Mutti erzählte von dir.“

Ninne rührte sich nicht. Am liebsten wäre er unter den Tisch gekrochen, aber diesmal gab es kein Entkommen. Es dauerte Sekunden, ehe er den Arm hoch bekam. „Ich heiße… heiße Ninne“, stammelte er. Ihre Hand fühlte sich an wie Babyhaut. Träumte er? Ihre Blicke begegneten sich und ihre Hände schienen nicht voneinander lassen zu wollen. Thomas grinste. Ninne wollte seine Hand aus Ritas lösen, doch sie schaute ihn mit ihren großen ruhigen Augen an und drückte fester zu. „Du bist ein ganz süßer Junge“, hauchte sie.

„Komm wir gehen spielen“, drängte Thomas.

„Weißt du schon was?“ fragte Ninne

„Räuber und Gendarm, macht Spaß.“

Rita schloss halb die Augen, ihre langen seidigen Wimpern beschatteten wie Markisen die unteren Lider. „Thomas, bitte, ich soll dich nach Hause bringen… Mutti schimpft mit mir und…“

„Das macht nichts.“ Thomas erhob sich und griff nach dem Hexenbuch. „Komm, Ninne!“

Ninne klemmte den „Mandarin“ unter den Arm und folgte Thomas zur Bücherausgabe. „Aber Kinder, was habt ihr euch denn da ausgesucht!“ Die Frau schob das Brillengestell auf ihre abgepellte Nasenspitze und guckte sie über die Sechsecke hinweg an.

Thomas legte die Hand auf das Buch. „Ich will das ausleihen.“

„Aber das ist doch was für Erwachsene, Thomas!“

„Das macht nichts.

„Na wenn du meinst… Und du, Ninne, was hast du dir denn so gedacht? – Oder ist es für Frederic?“

„Ja“, schwindelte er, mein Bruder will das haben.“

„Na gut, der ist ja alt genug.“ Die Frau langte nach einem Stempel. „ Dann trollt euch mal.“

Am Ausgang wartete Rita. „Bitte, Thomas“, versuchte sie es noch einmal, „Mutti…“

„Halt den Mund, sonst sag ich alles Vati!“

Rita stellte wie ein Soldat die Füße zusammen und senkte den Kopf. „Aber was…ich hab doch… bitte, bitte Thomas, ich hab…“

„Weißt du nicht mehr…in der Bodenkammer… bei Onkel Robert?“

Ein sanftes Rot überzog ihre Wangen. „Oh, bitte Thomas, ich wusste doch nicht… Du hast heimlich geguckt…“

„Das macht nichts.“

„Bitte, bitte, Thomas, sag das nicht Vati, bitte…“

Thomas drückte ihr das Buch in die Hand. „Du bist jetzt unser Untertan und musst uns daraus vorlesen. Komm!“

Rita nahm sie beide an die Hand. Vor einer Bank in einem abgelegenen Winkel des Parks blieb Thomas stehen. „Hier ist gut, hier ist keiner.“

Sie setzten sich und Rita schlug das Buch auf. Ninne hörte nicht zu, seine Gedanken waren bei der Bodenkammer. Was hatte sie da gemacht? Die Neugier überwältigte ihn, und als sie eine Pause einlegte, setzte er sich neben Thomas und flüsterte ihm ins Ohr: „Was ist mit der Bodenkammer?“

Thomas stand auf und zog ihn von der Bank weg. „Da sind geheimnisvolle Sachen drin, auch eine echte Ritterrüstung.“

„Eine Ritterrüstung… eine echte?“ Er packte Thomas am Arm. „Auch Schwerter?“

„Ja, und solche Sachen, weißt du, so wie Ritter haben.“ Thomas beschrieb mit den Händen Morgensterne, Hellebarden und Streitäxte.

„Ist da auch ein Verlies?“

„Da ist ein riesengroßer Garten und ganz hinten ist ein Bunker, ganz tief runter und da ist Wasser drin… Ganz gruselig. Und da haben wir Räuber und Gendarm gespielt und Ullrich hat Rita an einen Baum gefesselt … Rita war Räuber und ich Sheriff und die Sachen haben wir ihr weggenommen…nur Unterhosen.“ Thomas lachte.

Rita schlug das Buch zu und legte es neben sich auf die Bank. „Thomas, bitte, was soll denn Ninne denken!“

Thomas hob die Hand. „Unserm Pfarrer hast du auch nicht die Wahrheit gesagt… und du weißt ja, was Vati mit dir macht.“

Sie beugte sich nach vorne und vergrub ihr Gesicht in den Händen; der weiche blonde Pferdeschwanz glitt zur Seite und entblößte ihren Nacken. „Ja“, antwortete sie, „ich schäme mich… Sag doch, was ich machen soll… und ich will ja alles machen, Thomas.“

„Du musst eine Strafe kriegen und Ninne soll zugucken, und du musst auch Verkleiden mit uns spielen.“

Rita strich ihren Rock glatt und richtete den Oberkörper auf. „Spielen wir bei uns zu Hause Verkleiden?“

„Machst du mit?“ wandte sich Thomas an ihn.

Ninnes Schüchternheit vor Rita ließ zwar nach, doch er traute sich noch nicht, in ihrer Gegenwart etwas zu sagen. Spielen würde er das gerne mit ihr, aber konnte er das zugeben? Er winkte Thomas zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr: „Und wenn sie nicht mitmacht?“

„Gibt ´s nicht! Kannst du morgen nach der Schule?“

„Da bin ich bei Linde, aber wenn…“

Thomas rümpfte die Nase. „Der geht nie zum Gottesdienst und sagt, unser Pfarrer sieht wie ein Pinguin aus…“

Ninne lachte. Den Pfarrer Mirbach kannte er ja, ließ sich das aber nicht anmerken. „Sieht der wirklich so aus?“

„Tut er nicht! Ich möchte auch dein Freund sein. Kommst du morgen?“

Ninne nickte. „Sollen wir uns in der Bücherei treffen?“

Rita erhob sich. „Das ist aber schön, Ninne. Ich weiß ja, wie lange du immer bei Leopold bist. Darf ich dich abholen?“

„Au ja!“ jauchzte er, biss sich aber im nächsten Augenblick auf die Unterlippe. Hatte er sich verraten? Er setzte sich wieder auf die Bank und schaute in den Himmel, so als hätte er nichts gesagt.

„Komm wir spielen jetzt Fangen“, erinnerte ihn Thomas, „und sie ist Räuber.“

Rita stellte wieder ihre Füße zusammen, nahm die Hände auf den Rücken und blickte zu Boden. „Gib mir doch jetzt die Strafe, Thomas, und dann spielen wir andermal Räuber und Gendarm. Und dann könnt ihr mich einfangen, weißt du…“

Ninne riss den Kopf herum. Was hatte sie gesagt? Er blickte zu Thomas. Würde sie sich wieder alles gefallen lassen? Thomas setzte sich zu ihm. „Die kriegt jetzt eine Strafe und du sollst zugucken. – Machst du?“

„Ja“, raunte er hinter vorgehaltener Hand. „Was machst du mit ihr?“

„Sie kriegt auf den Po, so wie von unserm Vati… Und mit Brennesseln“, antwortete Thomas laut.

„Aber ich schäme mich vor Ninne, Thomas… wenn ich mich bücken muss.“

„Das macht nichts.“

„Sagst du es auch nicht weiter, Ninne?“ Sie griff nach seiner Hand. „Bitte sag es nicht weiter, bitte!“

Er schüttelte den Kopf. „Mach ich nicht. Und wo gehen wir hin?“

Thomas guckte ihn an. „Weiß ich nicht. Weißt du was?“

„Ich hab eine Höhle, da ist Gebüsch und ein Teich… Ist nicht weit.“

„Eine Höhle?“ Thomas sperrte den Mund auf. „Da müssen wir hin.“

„Darf ich dein Buch tragen, Ninne?“ fragte sie.

Er gab ihr den Mandarin. Hoffentlich guckte sie nicht rein! Sie steckte das Buch in ihre Umhängetasche und nahm sie beide wieder an die Hand. Nach ein paar Schritten traf Ninne ein Kieselstein am Hinterkopf. Er drehte sich um und sah eine schwarze Mähne hinter einem Feuerdorn verschwinden. Das konnte nur Katja sein! Rita blieb stehen und fragte: „Ist was passiert?“

„Nein…nichts.“ Sie gingen weiter. Katja würde bestimmt noch mal was werfen. Wie konnte er sie am besten abhängen? Lautes Geschrei ließ ihn herumfahren: sechs Vogelmasken stürmten aus den Büschen und umzingelten sie. Katja schob ihre Käuzchenmaske ein wenig zur Seite und sprach ihn mit verstellter Stimme an: „Na Süßer, wo möchtest du denn hin?“

Er schwieg und schaute an ihr vorbei. Sie rückte die Maske wieder zurecht und wandte sich an Klein Moni, die ihr Mondgesicht hinter einer dottergelben Kükenmaske verbarg: „Kennst du den Kleinen da?“

Klein Moni baute sich vor ihm auf, ehe sie antwortete: „Ja, der hat mit der Krille Arzt gespielt und die ist die größte Sau auf der Welt.“

Er löste sich von Rita, schob Klein Moni auf Armlänge von sich weg und zischte: „Zieh Leine, du Eierbacke!“

„Isser wieder frech?“ vernahm er hinter sich Kurtchens Stimme. Mit einer Rabenmaske vor dem lachsfarbenen Gesicht kam Kurtchen hinter einem Ligusterstrauch hervor und stakste auf ihn zu. Der Weißkohl sollte nur kommen! Kurtchen stieß Krächzlaute aus und schlug die Arme wie Flügel auf und nieder. Die Mädchen vergrößerten den Kreis, als ahnten sie, was kommen würde. Rita versuchte Ninnes Hand zu greifen, doch Janette drohte mit der Faust und blökte hinter ihrer Entenmaske: „Pfoten weg du Nachtgespenst, sonst kriegste Keile!“

Im nächsten Augenblick stieß Kurtchen mit der Faust zu. Ninne duckte sich weg, sprang in die ungelenke Gestalt hinein und rammte ihr den Kopf in den Bauch. Kurtchen brüllte auf; sein Oberkörper kippte wie eine Mehltüte von den Storchenbeinen. Als er mit dem Gesicht auf die Erde schlug, knickte der Pappschnabel ein und legte sich wie eine Bananenschale auf die Rabenmaske. Katja riss sich die Käuzchenmaske vom Gesicht und starrte Ninne mit geöffneten Lippen an. Er drehte sich weg, ließ sich das Buch geben und ging.Rita und Thomas standen wie Hänsel und Gretel unter den alten Eichen.

VII. Kapitel

1

Der Abschied von Katja war schmerzvoll gewesen. Tagelang verfolgten ihn ihr Elfenbeingesicht, ihre dunklen Augen, ihr wildes Haar; und immer wieder sah er schwarze Kirschen auf einem Porzellanteller, immer wieder einen Rappen, der mit wehender Mähne durch den Birkenhain hinter dem Springbrunnen sprengt und sich vor dem Sandsteinmädchen in einen schwarzen Vogel verwandelt. Drei Jahre verbrachten sie miteinander, bauten Höhlen, fuhren Boot, tollten im Wasser, schliefen im Zelt und suchten Beeren im Wald. Doch er konnte ihr nicht verzeihen, konnte nie und nimmer weiter ihr Freund sein. An diesem ersten Tag im neuen Schuljahr lernte er aber auch Rita kennen und besiegte Kurtchen. Thomas sah traurig aus, als er sich von Rita das Buch geben ließ. Doch er ertrug Katjas erstarrtes Gesicht keine Sekunde länger – es war der erste Abschied für immer von einem vertrauten Menschen. Rita und Thomas hatte er seitdem nur einmal kurz in der Bücherei getroffen.

Es war ein später Oktobertag, als er etwas Bitteres erlebte. „Wer hat diese Sauereien geschmiert?“ keifte die Schulzen und hielt eine ausgerissene Heftseite hoch. Niemand meldete sich. Die Schulzen ließ alle aufstehen und drohte der ganzen Klasse Nachsitzen an. „Ich habe Zeit“, verkündete sie und nahm sich die Diktate vom letzten Mal vor. Hannelore bohrte ihren Finger in seinen Rücken und flüsterte: „Du musst dir melden, sonst müssen alle nachsitzen.“

„Warum ich?“

„Ist aus dein Heft, hat die alte Säge in der Pause gefunden.“

„Aus meinem Heft?“ Ninne blätterte sein Übungsheft durch: es fehlten zwei Seiten, auf denen er aus dem Mandarin abgeschrieben hatte. Die Schulzen bemerkte das Getuschel, rief ihn nach vorne und hielt ihm ein Stück Papier vors Gesicht. „Kennst du diese Schrift?“

„Ja, ist meine.“

Die Eulenaugen kamen noch dichter als beim letzten Mal an ihn heran. „So, so, wo hat er denn so was her?“

„Aus einem Buch.“

„Na schön, machen wir weiter.“ Sie nahm die zweite Heftseite vom Lehrertisch und zeigte auf einen Satz, um den mit Rotstift ein Ei gemalt war. „Auch aus einem Buch oder aus seinem Köpfchen?“

„Die Votze ist blutig“ stand krakelig unter seinen Zeilen, dazu war ein Glied gemalt, aus dem Urin tropft. Das sah komisch aus, er musste lachen. Die Schulzen brauste auf: „Jetzt ist aber genug, Freundchen, erst lügen und dann sich lustig machen. Du meldest dich in der Pause im Lehrerzimmer!“

Alle glotzten ihn an; und als er auf seinen Platz zurückging, hielt ihm das Elefantengesicht die Faust unter die Nase. In der Pause meldete er sich im Lehrerzimmer. Die Schulzen saß allein an dem langen Tisch und winkte ihn mit gekrümmtem Zeigefinger wie ein unartiges Hündchen heran. „Entweder du bist jetzt brav und sagst die Wahrheit“, drohte sie, „oder ich bringe dich zum Rektor.“

„Das andere ist nicht von mir.“

„Also nicht, na gut. Dann ist dir nicht zu helfen.“

Im nächsten Augenblick kam Pflaume herein. Die Schulzen erhob sich. „Ich wollte gerade zu Ihnen, es liegt etwas vor.

Pflaume verschränkte seine kurzen dicken Arme vor der Brust und hörte sich von ihr die Geschichte an. Als sie fertig war, beguckte er die beiden Seiten und fragte: „Hast du sie selber rausgerissen?“

Ninne zupfte an seinem Pony und blickte Pflaume mit sanftem Augenaufschlag an. „Nein, und die Krakelschrift ist auch nicht von mir.“

Pflaume drückte mit dem Daumen sein fettes, bläulich schimmerndes Kinn hoch. „Und das andere?“

„Hab ich abgeschrieben – aus einem Buch.“

Pflaume nahm die Hand herunter; sein Kinn quoll wieder über den Hemdkragen. „Aber warum? Das verstehst du ja noch gar nicht! Da sitzt eine nackte Frau auf einem Bambusstuhl und so weiter. Wo kommt das her, was ist das für ein Buch?“

„Weiß nicht, lag auf der Parkbank und die Stellen waren angestrichen.“

„Ach, so, und da dachtest du, es sind Geheimnisse?

„Ja, und dann kam auch ein Mann…“

Pflaume lächelte und streichelte ihm über den Kopf. „Du bist mir schon einer! Jetzt geh mal schnell in den Unterricht zurück.“

Als er ins Klassenzimmer zurück kam, richteten sich wieder alle Augen auf ihn. Die junge Geschichtslehrerin gestattete eine kurze Pause, doch er hatte keine Lust, Rede und Antwort zu stehen. Die Lehrerin zwinkerte ihm zu. „Musst ja nicht, Ninne, setz dich hin.“

Linde lag an diesem Tag krank im Bett, und so hatte er Zeit, Dagmar nach der Schule ein Stück zu begleiten. Als er mit ihr durchs Tor ging, ziepte Hannelore von hinten sein Haar. „Komm mal schnell, Ninne, ganz wichtig!“

Er drehte sich um. „Was ist?“

Sie griff nach seinem Arm und zog ihn ins Gebäude zurück. Vor dem Säulenaufgang im Flur ließ sie ihn los und pfiff. Im nächsten Augenblick trat das Elefantengesicht hinter einer Säule hervor, und noch ehe er begriff, was gespielt wurde, schlug es ihm ins Gesicht. Der Schlag schmerzte, machte ihn aber nicht kampfunfähig. Er ging in Boxstellung; das ältere und kräftigere Elefantengesicht lachte. „Die kleene Nudel bettelt um Keile“, höhnte es, „aber für blutije Votze jibsts inne Fresse.“

Ninne stutzte, doch bevor er sich das zusammenreimen konnte, schlug das Elefantengesicht ein zweites Mal zu. Er taumelte, sah Funken und Blitze und kauerte sich hin. Sein rechtes Auge schwoll zu. Dagmar hockte sich neben ihn, tupfte mit einem Tüchlein in seinem Gesicht herum und wisperte: „Du musst zum Doktor, sonst wirst du blind.“

Zwei ältere Schüler kamen die Treppe herunter und bemerkten Dagmar und ihn. Sie wechselten ein paar Worte mit ihr und schleppten ihn in die nächste Toilette. „Kriegen wir hin“, sagten sie und hielten seinen Kopf unter den Wasserhahn. Der Schmerz ließ nach; er blickte in den Spiegel: Das Auge war nur noch ein Schlitz. „Siehst wie ´n Chinese aus“, bemerkte Dagmar. „Geh schnell zum Doktor!“

Ihr Rat passte ihm, denn er hatte keine Lust, mit dem dicken Auge durch die Gegend zu laufen; außerdem sann er nach Rache. Immer wieder hatte er dieses Wort in Abenteuergeschichten gelesen: jetzt wusste er, was es bedeutete. Doch wie sollte er sich rächen? – Das Elefantengesicht war stärker als er. Mit gesenktem Kopf schlurfte er nach draußen.

Der Himmel war fahl; eine kalte Sonne schickte ihr bleiches Licht in die schmutziggraue Straße. Es roch nach verbrannter Kohle, die Luft schmeckte bitter. Die zernarbten Häuser gegenüber ähnelten verwitterten Grabsteinen. Er stellte sich vor, ihre Bewohner lägen in weiße Tücher gehüllt tot in den Betten – weiße Mumien, die zur Geisterstunde Kindern den Tod bringen. Er mied die Mitte des Bürgersteiges und schlich an der Häuserfront entlang. Schlaffe, teigige, verschrumpelte Gesichter hetzten an ihm vorbei; darunter rosige Kinderköpfe, rund und frisch wie Apfelsinen. Er schlug den Kragen hoch und zog den Kopf ein: niemand sollte sein blaues Auge sehen. Als er in seine Straße einbog, fegte Peter unter dem buntgefärbten Laub der Ahornbäume wie ein Schatten vorbei und verschwand im milchigen Dunst des frühen Nachmittags. Für Sekunden beschlich ihn das Gefühl, er würde seinen Spielgefährten nie wieder sehen.

Als er vor der Haustür stand, betrachtete er die dunkelbraunen Bahnen, die sein Blut auf dem Holz hinterlassen hatte. Wer mochte das gewesen sein? Er berührte mit der Zungenspitze die Narbe an der Hand, bevor er die Klinke herunterdrückte. „Mensch, lebst ja noch, Ninnekin!“ vernahm er Sohnis Stimme. „Ick dachte schon dir hamse abjemurkst… weeßte.“

Ninne drückte die Handfläche auf das blaue Auge. „Tag Sohni …will nach oben“

„Wat is los und warum haste de Pfote am Kopp?“

„Mich stach eine Wespe.“

„Erzähl keene Oper! Dit is jetze kalt und de Viecha sind alle dot… weeßte. Haste ´n Eiterpickel am Ooge oda wat?”

Ninne dachte an das Elefantengesicht. Wie es ihn auch noch ausgelachte hatte! Er nahm die Hand vom Auge. „Au Vata!“ bemerkte Sohni. „Hatta ´n Pferd jetreten oda hatta ´n Pauka dit Musooge jehaun?“

„Vom Elefantengesicht, und das ist älter und größer als ich. Richtig heißt der Udo Siebert.“

„Elefantenjesicht?… Stark!“ Sohni lachte. „Und wat wa los?“

Ninne berichtete. Sohni knirschte mit den Zähnen. „Und hat ´ne lange dicke Neese wie ´ne Pferdenille?“

„Ja, der wohnt nicht weit.“

„Kann dit sein, det ick den kenne… weeßte?“ Sohni schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.

„Der spielt immer Fußball… Bei der Wäscherei, weißt du?“

„Jetze weeß ick. Dit is der Piepel vonne Waschbude… weeßte, und der hat ´n Elefantenkopp. Da jehn wa gleich mal hin.“

„Ich versteck schnell meine Schulmappe, bin gleich wieder da.“ Ninne eilte ins Haus und packte sie in einen abgestellten Kinderwagen.

Die Wäscherei lag neben einem verlassenen Schrottplatz, auf dem eine freie Fläche war. „Wäscherei Siebert“ stand in verblassten blauen Buchstaben über dem Laden. Sohni blieb stehen. „Dit issa… weeßte, und jetze kieken wa mal uff ´n Jerümpelplatz.“

Zwischen zwei Türmen aus Autoreifen, die als Tor dienten, wartete das Elefantengesicht auf einen Elfmeter. Sie blieben hinter einer verrosteten Mischmaschine stehen und guckten ein paar Minuten zu. Sieben Jungs waren auf dem kleinen Spielfeld, das von einem Schrottgebirge umgeben war. Sohni kratzte sich am Ohr. „Dit is ´ne janz schöne Masse Piepel… weeßte, und dit is bessa wenna alleene is.”

Ninne schaute ihn an. „Zwei gegen sieben – sollen wir lieber abhauen?“

Sohni schüttelte den Kopf. „Denkste ick latsche hier umsonst hin… weeßte? Pass mal uff, wat ick jetze mache und sach keen Piep und zieh de Omme ein!“

Das Elefantengesicht hielt ohne Mühe den Ball, den ein kleinerer Junge getreten hatte. „Dürf ick ooch mal?“ rief Sohni und mischte sich unter die Jungs.

„Wer biste denn?“ Das Elefantengesicht hielt den Ball fest.

Sohni wandte sich an die Jungs: „Und wat sacht ihr?“

Ein bebrillter Dünnling meldete sich: „Kannst für mir spieln, ick muss noch Wasserflöhe für meene Fische koofen und…“

„Det is meen Ball und ick bestimme wer mitmachen dürf!“ brüllte das Elefantengesicht dazwischen.

Die Jungs guckten sich gegenseitig an. „Na denn kannste ooch alleene knödeln und dir deine Ille anne Rippe nieten!“ sagte einer. Die anderen nickten.

Sohni ging auf das Elefantengesicht zu. „Jib doch mal dit Ding her… weeßte, ick will nur mal kieken, watte kannst.“

Das Elefantengesicht musterte ihn, legte den Ball auf die Erde und stellte seinen Fuß rauf. „Wetten wa um ´n Arschtritt, wenn ick halte?“

„Steht.“

Sohni legte sich den Ball zurecht, nahm Anlauf und schoss das Leder in die Schrottwüste. „Tor!“ schrien die Jungen und lachten.

Sekundenlang stand das Elefantengesicht wie angewurzelt da, ehe es auf Sohni losging. „Den holste wieda, sonst…“

„Sonst wat?“

Das Elefantengesicht ging einen Schritt zurück. Ninne kletterte auf die Mischmaschine und setzte sich auf die Trommel. Sohni war anderhalb Jahre älter und ein paar Zentimeter größer als sein Gegner. Kräftig gebaut waren sie beide. Im nächsten Augenblick griff das Elefantengesicht blitzartig an; Sohni stolperte und fing sich einen Schlag auf die Nase ein. „Ick bin im Boxverein und hau dir zusammen wie ´n Bund Lumpen“, prahlte das Elefantengesicht.

„Hab ick jemerkt…und bist janz jut…weeßte. Aber jetze pass mal uff!“

Sohni zog das Blut durch die Nase hoch und spuckte den schleimigen Klumpen seinem Gegner ins Gesicht. Als der mit verzerrtem Mund vorstürmte, sprang er ihm an die Beine und zog sie weg. Das Elefantengesicht knallte auf den Rücken, und noch ehe es sich wegrollen konnte, saß Sohni auf ihm drauf und hämmerte mit den Fäusten auf seinen Kopf ein.

Ninne kletterte von der Baumaschine herunter und ging auf den Kampfplatz. Sohni hörte erst auf, als sich das Elefantengesicht nicht mehr bewegte. „Hatta mal verdient“, bemerkte ein Junge.

Mit den anderen Jungen verließen sie den Schrottplatz. Als sich Ninne umdrehte, rappelte sich das Elefantengesicht hoch. Sollte er helfen? – Das hatte er nicht gewollt. – Was hatte er nun von seiner Rache? Das Elefantengesicht tat ihm leid. Hätte er nur nicht sein blaues Auge gezeigt! Er spürte ein flaues Gefühl im Unterleib und dachte an den Tag, an dem Sohni auf dem Ruinendach gestanden hatte – nachtschwarz war da der Himmel gewesen!

Sohni stieß ihn an. „Wat is los, willste ´n Passbild vom Elefantenkopp?”

„Der wankt so…Sollen wir ihm nicht helfen?“

„Helfen…? So ´ne Mistwanze willste helfen? Ick hab ´m extra de Luken dicht jehaun… weeßte, damitta ´ne Weile nich kieken kann, dit Schweinevieh, und deswejen tappelta da rum und kiekt wo sein Ball is… weeßte.“ Sohni rieb sich das getrocknete Blut unter der Nase weg und grinste.

„Aber den Ball können wir ihm doch holen.“

„Dit is ´n nagelneua Fußball, Mensch! Echt Leda… sowat kostet Jeld…weeßte, und ick weeß ja wo dit Ding is… und wenn de Piepels sich dünne jemacht ham holn wa uns det Ding und ham ´n duften Ball…weeßte.“

„Der Ball gehört uns nicht. Das ist gemein.“ Ninne blickte noch einmal zurück. Das Elefantengesicht lehnte an den Reifen und spuckte Blut. „Ich geh jetzt hin, der blutet.“

„Haste wat am Kopp?“

„Der ist verletzt.. und kann nicht sehen.“ Er hörte nicht mehr auf Sohni, rannte zum Elefantengesicht und führte es wie einen Blinden in die Wäscherei.

Ein großer rotnasiger Mann im weißen Kittel kam hinter dem Ladentisch hervor und packte den Angeschleppten am Kragen. „Na, haste endlich mal selba wat uff ´n Rüssel jekricht?“

Ninne guckte zu dem Mann hoch, dessen Rundkopf wie ein Mond über ihm hing. „Aber Udo blutet doch!“

„Seh ick… und haste det Matschooge von meen Bengel, Kleene, und hatta die zerkloppte Fresse etwa von dir?“

„Nein, die haben Fußball gespielt und dann… Ich bin kein Mädchen.“

Im nächsten Moment kam Udos Mutter mit einer prall gefüllten Einkaufstasche herein. „Warum hast du den Jungen am Kragen, Erwin?“ keifte sie. „Hast du ihn wieder geschlagen?“

„Nee, Herzchen, kannste de Kleene da fragen. Die hatten so wia is anjeschleppt… Noch wat?“

Die Frau blickte Ninne an. „Irgendwoher kenne ich dich doch… Bist du nicht bei der Frau Schulze?

„Stimmt… Ich hab Dieter gesucht und da hab ich Udo gesehen und ihn hergebracht.“

„Wer hat euch denn verbimst?“ Die Frau betrachtete sein Veilchen.

Ninne hob die Schultern und ließ sie wieder heruntersacken. Was sollte er darauf antworten? Die Wahrheit konnte er nicht sagen, sonst müsste er Sohni verpetzen. „Udo war allein. Ich weiß nicht, da war keiner…“

„Du schwindelst doch! Wer hat dir denn das Auge blau gehauen?“

„Keiner, bin hingefallen… auf der Treppe…“

„Na schön, dann geh mal nach Hause zu deiner Mutti, und Udo kommt jetzt zum Doktor.“

Sohni war nicht zu sehen. War der abgehauen? Ninne betastete sein Gesicht; die rechte Hälfte fühlte sich an wie ein aufgeblasener Luftballon. Als er sich in der Schaufensterscheibe einer Fleischerei auf der gegenüberliegenden Straßenseite spiegelte, bemerkte er Sohni hinter sich. „Haste jedacht ick hab ´ne Mücke jemacht, wat? – Nee, nee, ick hab nur wat aussen Jerümpel jefischt…weeßte“

Ninne drehte sich um; Sohnis Bauch war dick wie der einer schwangeren Frau. „Hast du den Ball…?“

„Mensch kiek nich so doof aus de Wäsche und komm! Oda willste jesehn werden vom Fleescha mit seine Schweineoogen?“

Ninne stutzte. Warum sollte der ihn nicht sehen? Doch bevor er darüber nachdenken konnte, griff Sohni nach seiner Hand und zerrte ihn vom Schaufenster weg. Hinter der nächsten Straßenecke holte Sohni den Fußball hervor. „Haste jesehn wie dit jemacht wird? Imma ´ne Flocke machen…weeßte, denn könn se dir alle wie se jebacken sind anne Kimme lecken.“

Als sie sich trennten, richtete Sohni seine Steinkugelaugen auf ihn. „Musste aba dit Maul halten…weeßte…, und morjen fressen wa beede ´ne scheene fette Bockwurscht mit Mostrich inne Marchthalle.“

2

„Sag doch, was passiert ist, Maurice, bitte!“ bedrängte ihn seine Mutter.

„Du musst Ninnepüppchen zu ihm sagen“, mischte sich Frederic ein, „sonst bleibt dein Liebling verschlossen wie ein Grab.“

„Du musst es ja wissen… Du gehst am besten aus dem Zimmer.“

Ninne nahm den kalten Umschlag vom Auge und drückte ihn der Mutter in die Hand. „Frederic soll hierbleiben!“

„Ich will doch nur wissen, was geschehen ist, Liebling, und ob es noch weh tut.“

„Tut nicht mehr weh. Wir haben Fußball gespielt… da wo der Schrottplatz ist.“

„Warst du nicht bei Leopold?“

„Der ist krank. Ein Junge hat mich gestoßen, aber nicht mit Absicht.“

„Aber du bleibst auf der Couch und hältst den Kopf still, Ninnepüppchen, und der Umschlag kommt auch wieder rauf. Versprichst du mir das?“

„Ja.“ Er legte sich auf den Rücken und ließ sich den Umschlag wieder aufs Auge packen. „Du kannst ruhig gehen, Mama… ist alles gut“

Als sie draußen war, stieß ihm Frederic den Finger in die Rippen. „Weißt du eigentlich, Kleiner Biber, dass man Mutter und Vater nicht anlügen soll?“

Ninne setzte sich auf. „Hab ich ja nicht…“

Frederic verzog das Gesicht, als hätte er ein Messer in den Bauch bekommen. „Lügenbolden wächst die Hand aus dem Grab.“

„Deine auch, und die wird so hoch wie ein Baum.“

„Du hast einen neuen Freund, Brüderchen, oder habe ich mich verguckt?“

„Wen denn?“

„Na den netten Sohni von nebenan. Wenn Mutter das spitzkriegt, fällt sie tot um.“

„Der ist nicht mein Freund so wie Linde.“

„Na gut. Dein anderer Freund ist im Krankenhaus. Oder weißt du das schon?“

„Weiß ich nicht. Meinst du Dieter?“

„Nein, den nicht, den Geisteskranken, Monsieur Straßenbahn; der ist in ein Auto gelaufen.“

Ninne warf den Umschlag auf den Teppich und sprang von der Couch. „Peter ist im Krankenhaus… und ist es schlimm?“

„Die alte Pritzeln war an der Kreuzung… Soll schlimm sein. Leg dich wieder hin, ich mach dir einen frischen Umschlag.“

Das ließ ihm keine Ruhe. Bis die Mutter wiederkam, stand Ninne am Fenster und starrte auf die Straße. „Leg dich hin, Liebling, der Peter kommt nicht mehr“, vernahm er ihre Stimme, „leg dich hin, ich bin ja bei dir.“

„Aber wenn Peter wieder gesund ist, Mama, dann kommt er doch, nicht?“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Nein, Maurice, Liebling, der Peter ist nicht mehr unter uns. Ich traf eben seine Mutter.“

„Wo ist er denn?“

Sie nahm ihn in die Arme und küsste ihn. „Bitte spiel nie wieder Straßenbahn, kleiner Liebling, ich habe so eine Angst um dich!“

„Und wenn Peter wieder da ist?“

Sie drückte seine Hände. „Peter starb vor einer Stunde im Krankenhaus. Du wirst ihn nie wieder sehen… Gib mir dein Köpfchen, Ninnepüppchen!“

Er richtete sich steil auf. „Ist er tot – ganz tot?“

„Ich bin ja bei dir, komm…“

„Wird er jetzt begraben?“

„Ja, wird er… aber wir wollen jetzt nicht mehr darüber reden. Leg dich wieder hin, ich mache heute früher Abendbrot, Liebling.“ Sie ging aus dem Zimmer und schloss behutsam die Tür hinter sich.

Er ging wieder zum Fenster und guckte hinunter. Warum war Peter tot? – Er hatte ihn doch eben noch gesehen! Dunkelgraue Wolken bedeckten den Himmel, die Dämmerung brach herein. Unten ging Katja mit ihrem neuen Freund vorbei. Das Abendbrot schmeckte ihm nicht. Bei jedem Bissen sah er Peter vor sich, umgeben von weißen Mumien und verwitterten Grabsteinen. Er schob den Teller von sich weg und stand auf; in seinem Hals würgte es. „Was hast du?“ fragte der Vater.

„Schmeckt mir nicht.“

„Du weißt nicht, was Hunger ist… Das hast du nicht mehr erlebt.“

Frederic faltete die Hände. „Ich danke dir, allmächtiger Gott, der Geißel des Hungers entgangen zu sein.“

„Frederic!“ Die Mutter erhob sich halb. „Unterlass das bitte! Und du Paul“, wandte sie sich an den Vater, „musst nicht immer gleich mit deinen alten Geschichten anfangen. Er hat eben keinen Appetit.“

„Darf ich aufstehen, Mama?“

Sie nickte. Ninne ging ins Wohnzimmer und legte sich wieder auf die Couch. Nach einer Weile kam der Vater, stimmte seine Gitarre und fragte: „Möchtest du was hören?“

„Ja, spiel was… irgendwas.“

Der Vater schlug zart die Saiten an und sang ein russisches Volkslied, das von zwei Kindern erzählte, die im Wald Beeren suchen und sich dabei verlaufen. Eine halbe Stunde später gesellten sich Mutter und Frederic hinzu. Sie las Gedichte vor und Vater und Bruder spielten Gitarre. Als Mutter Ninne Gute Nacht sagte, versprach sie, ihn für zwei Tage in der Schule zu entschuldigen.

Am nächsten Tag traute er sich nicht auf die Straße. Immer wieder guckte er in den Spiegel. Das Auge schillerte grün und blau und sah wie eine verfaulte Kartoffel aus. Er war alleine zu Hause. Nach wenigen Stunden hielt er es in der Wohnung nicht mehr aus. Wollte Sohni nicht mit ihm Bockwurst essen? Er blickte vom Erker auf die Straße. Es nieselte, das Kopfsteinpflaster glänzte, als wäre es mit Zuckerguss überzogen. Vor dem Hutladen stand der rote amerikanischer Straßenkkreuzer von Katjas Vater. Sohni mochte er nicht sehen; er sehnte sich nach Linde, Dieter und Thomas. Mit Dieter spielte er in der kalten Jahreszeit am liebsten; vor allem mit der elektrischen Eisenbahn und dem Stabilbaukasten. Er brachte dann seine Bleisoldaten, Indianer, Panzer und den Tonziegelbaukasten mit zu Dieter. Als er nach rechts blickte, bemerkte er unter einem schwarzen Regenschirm Tarzan, der mit seinem Terrier vom runden Platz kam. Schwarz waren auch der kurze Mantel und der altmodische Hut. „Tarzan hat auch schwarze Tapeten und schwarze Nachthemden“, hatte Frederic vor kurzem gelästert, „und schläft in einem schwarzen Sarg – des Buckels wegen aber auf dem Bauch.“

Vor dem Gemüseladen klappte Tarzan den Regenschirm ein und schaute nach oben. Unter der Hutkrempe sah sein Gesicht wie ein Totenkopf aus. Ninne dachte an den schwarzen Schatten am Teich und spürte eine Gänsehaut auf dem Rücken. Hatte Sohni nicht von einer kleinen schwarzen Mistratte mit Hut gesprochen? Auch Frederic hatte ihn vor Tarzan gewarnt und ihn beschworen, die Ruinen zu meiden. Aber sah Tarzan wie ein Kindermörder aus? – Die trugen doch Brillen! Und wenn sie nachts in den Ruinen lauerten, spiegelte sich das Mondlicht in den Gläsern. Auch Sohnis großer Bruder sah mit seinem fetten Bauch und den zugewachsenen Augen nicht wie ein Kindermörder aus. Aber es sollte welche geben, die die Kinder essen und die hätten dicke Wampen und würden wie Schnauze aussehen. Das stammte von Frederic. Er lachte.

Tarzan ging weiter. Ninne sprang zur linken Erkerseite, sah ihn aber nicht und eilte in die Küche, die auf der Hofseite lag. Doch Tarzan überquerte nicht den Hof. Seine Wohnung lag im ersten Stock des Hinterhauses. War der im Vorderhaus? Auf Zehenspitzen schlich er zur Wohnungstür und lauschte. Im Treppenhaus war es still. Die Tür war nur zugeschnappt; Frederic hatte wie immer vergessen, sie abzuschließen. Sollte er die Sicherheitskette vorlegen? Aber die klirrte immer. Er legte das Ohr an die Tür – draußen rührte sich nichts. Oder sollte er durch den Briefschlitz gucken, ob da einer war? „Da kann dir mal einer die Augen ausstechen“, hatte ihn die Mutter gewarnt. Aber da war noch der Riegel, der sich geräuschlos drehen ließ. Seine Hand zitterte, als sie den Messingknauf berührte, doch die kühle glatte Oberfläche des Metalls beruhigte ihn. Als er den Knauf drehte, schrillte die elektrische Klingel.

Vom Boden des Korridors starrte er auf das Hämmerchen, das gegen die Glocke schlug. Er saß auf dem Hintern; der Schreck hatte ihm die Beine weggeschlagen. Aber die Tür war verriegelt! Als die Klingel verstummte, krabbelte er auf allen Vieren in die Küche, holte die Rutsche und stellte sie unter den Türspion. Er drückte das Auge auf die Linse und lauschte. Doch er sah und hörte nichts. Als er von der Rutsche herunterstieg, quietschte die Klappe am Briefeinwurf. Da war also doch einer! Im nächsten Moment hob sich der Filz, der den Schlitz von innen abdichtete. Ob das der Briefträger war? Der hatte schon öfter geklingelt und dann einen Brief durchgeschoben. Aber warum sah er den nicht? Er drückte sich zur Seite und wartete. Der rostbraune Filz hob sich weiter, doch statt eines Briefes drang nur ein kalter Luftzug in die Diele. Er hockte sich hin und beobachtete den Filzstreifen. Sollte er ihn hochhalten? Er streckte den Arm aus und lüpfte ihn. Der Filz war noch zwischen seinen Fingern, als eine scharfe Eisenspitze wie ein Pfeil durch den Schlitz schoss. Sekundenlang ragte ein glatter Stock wie ein langer Finger in den Korridor, ehe er wieder verschwand.

Er blieb ruhig. Hinter der Tür fühlte er sich sicher. Der Filz drückte sich wieder auf den Schlitz und die Briefklappe aus schwerem Messsing fiel zu. Er stieg wieder auf die Rutsche und guckte durch den Spion. Noch immer war niemand zu sehen, doch es roch jetzt nach Zigarettenrauch. Der musste noch da sein! Das Telefon klingelte. Sollte er rangehen? Es stand drei Schritte entfernt auf einem Tischchen. Er zögerte, nahm dann aber ab. „Ja, Ninne“, sprach er leise in die Muschel und zog sich mit dem Telefon in die Küche zurück. Am anderen Ende war Dieter. Er berichtete das gerade Erlebte. „Den fangen wir!“ rief Dieter ins Telefon. „Der dürf aber nich Lunte riechen.“

Er schlich zur Tür zurück. Schritte entfernten sich. Sollte er zuerst vorne oder hinten gucken? Aber wie kam er auf Tarzan? Der trug keine Brille und bei dem brannte immer bis spät in die Nacht Licht. Zur Geisterstunde konnte der nicht in den Ruinen sein! Er raste zum Küchenfenster. Tarzan kam nicht. Der musste doch längst unten sein! Vom Erker schaute er zum Gemüseladen hinunter. Der Terrier war am Hundering neben der Tür festgemacht.

Wieder klingelte das Telefon. „Haste schon ne Spur?“ wollte Dieter wissen.

„Der Augenausstecher ist noch im Haus“, antwortete Ninne, „und Tarzan ist im Gemüseladen.“

Dieter lachte. „Du hast keene Ahnung, Mensch! Mörder tragen ooch Masken und sind viel jefährlicher wie du denkst.“

Dieter spielte gerne Detektiv und war dafür der Richtige. Sie beschlossen, Tür und Treppenhaus nach Spuren abzusuchen. Ninne zog sich Straßenkleidung an. Dieter meldete sich ein drittes Mal und ließ sich den Stock beschreiben. „Der hat eine Spitze aus Eisen und lauter Abzeichen“, sagte er, „so wie ein Wanderstock.“

Er legte auf und ging ins Wohnzimmer. Wer war hinter ihm her? Wer hatte ihm die Hand eingequetscht? Wer war der schwarze Schatten? „Weißt du, was heimtückisch ist, Brüderchen?“ fielen ihm Frederics Worte ein. Er zitterte am ganzen Körper. Wieder klingelte das Telefon. Diesmal war es Linde, der ihn besuchen und mit ihm Schularbeiten machen wollte.

„Ninne, du Armer!“ begrüßte ihn Linde. „Ich weiß alles von der Dagmar… In der Pause bin ich zum Rekse…“

„Hast du Pflaume…?“

Linde legte seine Sachen ab und guckte sich das blaue Auge an. „Ja, hab ich…, hab ihm das gesagt. Pflaume war traurig und wünscht dir gute Besserung, und Dagmar will wissen, ob du gucken kannst.“

Ninne lachte. Als sie sich voneinander verabschiedeten, küsste ihn Linde auf die Wange. Kurz darauf kam Frederic. „Na, Ninnepüpchen, kleiner Liebling, ist aus dir ein Stubenhocker geworden?“

„Ninnepüppchen find ich blöde.“

„Warum? Sagt doch die liebe Mama immer zu dir.“

„Na und? Aber du darfst das nicht!“

„Weißt du überhaupt, woher das kommt?“

„Will ich gar nicht wissen! Ich heiße Ninne.“

„Darum ja.“

„Was?“

„Als du klein warst, konntest du das K nicht aussprechen und hast statt Kinder Ninder gesagt; und deswegen hat unsere Cousine dich Ninne genannt, und weil dich alle so niedlich fanden wurde daraus Ninnepüppchen. Glaub mir: Kleiner Biber ist zehnmal besser.“

„Ninne ist tausendmal besser!“

„Hast du Angst, auf die Straße zu gehen?

„Das Auge sieht so doof aus.“

„Bind dir doch eine Augenklappe um, dann siehst du wie ein Seeräuber aus.“

Ninne stürzte zur Hausapotheke. Warum war er nicht selbst darauf gekommen! Es nieselte immer noch, a ls er das Haus verließ. Die Gemüsefrau schleppte Kisten mit Gurken und Kürbissen in ihren Laden. „Na Ninneherzchen“, sprach sie ihn an, „spielste Pirat?“

„Guten Tag, Frau Weiß, ja, ja…Pirat.“ Er ging näher an sie heran. „War Herr Röder bei Ihnen?“

Sie stellte die Kiste ab und guckte ihn an. „Wieso?“

„Sein Hund war hier.“ Er zeigte auf den Ring in der Mauer.

Sie schüttelte den Kopf. „Nee, Ninneherzchen, den Köter macht der öfter hier fest, kauft aber nie was bei mir. Der mag wohl kein Obst und Gemüse. Wahrscheinlich ist der deswegen auch so krumm und schief geworden.“

Sein Herz pumpte schneller, die Knie schlackerten; er taumelte und fiel gegen die Hauswand. Sie ließ die Kiste fallen und griff ihm unter die Arme. „Was haste denn, Ninneherzchen, was ist mit dir?“

„Mir ist schwindlig.“

„Bist ja kreidebleich und zitterst… und hast Angst – richtige Angst! Hat dir der Röder was getan?“

„Mir ist… mir ist nicht mehr schwindlig…“

Sie nahm ihn an den Schultern und blickte ihm ins Gesicht. „Dir ist was ganz Schlimmes passiert, Ninneherzchen. Steht dir im Gesicht; und auf den Röder pass ich ab jetzt auf wie ´n Luchs, und noch was: Auf so hübsche Jungs wie dich sind se scharf… Die ganzen bösen Teufel, die überall sind, und wenn du nicht aufpasst, kriegen sie dich… und deine Mutti wird weinen…Und noch was: Der da über mir, da im zweiten Stock… “ Sie brach ab und zeigte auf die Fenster mit den gelben Stores. „…vor dem musst du dich hüten – bitte glaub mir das, Ninneherzchen!“

Er half der Gemüsefrau, die bis zum Rinnstein gerollten Kürbisse aufzusammeln, ehe er zur grünen Pumpe ging. Gab es wirklich böse Teufel oder meinte sie Menschen, die so böse wie Teufel waren? Noch einmal raste sein Puls, noch einmal schlotterte er.

Sieben Regenschirme zählte er, als er sich dem Spielzeugladen näherte. Sechs Frauen und der Uhrmachermeister standen im Kreis. Er grüßte und wollte weitergehen, doch der Uhrmachermeister verstellte ihm den Weg. „Kannst du mal kommen, Ninne?“

Ninne folgte ihm zu den Frauen, die bis auf eine Hüte trugen. Die ohne Hut sprach ihn an: „Warste dabei wenn der Peter dotjefahrn wurde?“

Er musterte sie. Ihre aufgetürmte Frisur erinnerte an einen Baumkuchen. Das musste die sein, die Frederic Nofretete nannte. Von Bildern kannte er die Büste der ägyptischen Königin und verglich sie mit dem Mopsgesicht vor sich. Trotz seiner niedergedrückten Stimmung musste er grinsen. Die Frau ging in die Knie, zwei wässerige Augen senkten sich auf seine Gesichtshöhe. „Haste Töne“, keifte sie, „wat jibt´s denn da zu lachen?“

Nofretetes Unterlippe hing wie die Lefze einer Bulldogge herunter. Er zuckte zurück. „Ich lache gar nicht“, entgegnete er, „und ich spielte gestern nicht mit Peter. Der starb im Krankenhaus.“

„So, so, im Krankenhaus… Und mehr weeßte nich?“

„Nö.“

Nofretete wandte sich dem Uhrmachermeister zu: „Klara Fall, Herr Stuhlträger, den jeisteskranken Bengel hamse abjespritzt, wa ja ne jünstige Jelegenheit.“

Ninne ging weiter. Vor der grünen Pumpe blieb er stehen. Was meinte die mit abgespritzt? Er trat an die Pumpe heran, befühlte ihre kalte, nasse Oberfläche. Es roch nach Urin und fauligem Wasser; in dem kleinen Granitbecken unter dem Wasserspeier schwammen Blätter und Kippen. Eine aufgeweichte rotweiße Zigarettenschachtel erinnerte ihn an die vom Teich. Er ging um den eisernen Koloss herum und stellte sich auf den Bordstein. War Peter wirklich tot? Für einen Moment überkam ihn das Gefühl, Peter wäre in dem grünen Gehäuse gefangen und er müsste ihn daraus befreien. Als er mit dem Fuß gegen den Sockel stieß und am Schwengel rüttelte, rief eine sanfte Stimme seinen Namen. Er wollte sich noch hinter der Pumpe verstecken, doch Rita war schon bei ihm und nahm ihn unter ihren Regenschirm. „Dein Haar ist ja ganz nass, Ninne, und du trägst eine Augenklappe…oh Gott! Lass dich mal…“ Sie holte ein Tuch aus ihrer Umhängetasche und rubbelte ihm den Kopf. „Wo willst du denn hin?“

„Zur Bücherei.“

„So nass wie du bist?“

„Wird ja wieder trocken.“

„Thomas ist in der Bücherei. Ich bringe dich hin. Wir sahen dich lange nicht und guckten immer nach dir.“ Sie drückte ihn an sich und streichelte sein Gesicht. „Ich dachte ganz viel an dich, Ninne… Kommst du?“

Sie nahm ihn an die Hand und ging los. Die ersten Meter zuckelte er wie ein störrisches Kleinkind und guckte zu Lindes Wohnung hoch, ehe er mit ihr Schritt hielt. Vor der nächsten Querstraße verhielt Rita den Schritt. „Magst du durch den Park gehen, Ninne?“

„Mir egal?“

Sie stellte ihre Füße zusammen und blickte an sich herunter. „Da wird es matschig sein, aber wenn du willst…“

Er guckte auf ihre Beine, die ein nachtblauer Mantel bis zu den Knien bedeckte. Erst jetzt fiel ihm auf, sie war wie eine Erwachsene gekleidet, trug Nylonstrümpfe und hochhackige Schuhe, auch wippte nicht der vertraute Schweif an ihrem Hinterkopf: ihr Haar floss seidig und weich über den breiten Mantelkragen und breitete sich wie ein Fächer aus. Er wölbte seine Hand über die Augenklappe und hob das Gesicht. „Bist du schon über zwölf?“

„Ich bin dreizehn. Und du bis neun, nicht?“

„Weihnachten werde ich zehn. Im Park ist es matschig.“

Sie gingen um den Park herum und betraten die Bücherei durch den Haupteingang. Rita zog ihm die Jacke aus und hängte sie zusammen mit ihrem Mantel in der Garderobe auf. „Was ist denn das?“ fragte sie, als sie seinen Knallplätzchenrevolver im Hosenbund entdeckte.

Er zog den Pullover über den Griff. Sie lächelte. „Thomas spielt gerne Gendarm und fängt mich ein.“

„Und was macht er dann mit dir?“ Sie senkte den Blick und stellte sich auf wie ein Kind, das ein Gedicht aufsagen soll.

„Dann schickt er mich zu einen Baum oder zu einer Wand, und da muss ich dann bleiben. Wenn wir bei Onkel Robert sind und Ullrich dabei ist, sperren sie mich ein oder binden mich an einen Baum.“

Wie schon einmal erregte ihn das, nur stärker. Unter seiner Bauchdecke kribbelte es, als wären Ameisen in seinen Unterleib eingedrungen. Was war das nur? Er wollte noch mehr darüber hören, wusste aber nicht, wie er sie dazu bringen konnte. Sie stand kerzengerade vor ihm; das weinrote Strickkleid schmiegte sich eng an ihre kleinen spitzen Brüste.

„Lass uns reingehen?“ sagte sie.

Thomas saß im Wintergarten des Leseraumes und blätterte mit beiden Händen in einem gewaltigen Buch, das fast die Hälfte der Tischfläche bedeckte. Rita trat auf Schuhspitzen an ihn heran und sprach ihn leise an: „Grüß dich Thomas, sieh mal, wen ich mitgebracht habe.“

Thomas sprang auf, schob sie beiseite und drückte ihn auf den Stuhl neben sich. „Mensch Ninne…guck mal, was ich hier habe!“ – Das sind die sagenhaften Visionen des Hieronymus Bosch: Ungeheuer, echte Teufel, Höllenqualen…“

Sie blätterten beide das Buch durch. Die meisten Bilder kannte Ninne aus den Kunstbüchern seines Vaters, behielt das aber für sich. Thomas sollte seine Freude haben. „Darf ich ich auch mal gucken?“ fragte Rita.

Thomas schlug das Buch zu. „Das ist nichts für dich! Warst du bei Onkel Robert?“

Sie ging um den Tisch herum und stellte sich mit dem Rücken zum Fenster. „Ja, war ich. Tante Karin ist krank.“

„Was hast du gemacht?“

„Wir waren im Wald spazieren, und dann hab ich Hausaufgaben gemacht und danach noch etwas vorgetanzt.“

„War Ullrich da?“

„Der war noch in der Schule.“

„Und du?“

„Wir hatten heute nur zwei Stunden Unterricht, und da hat mich Mutti zu Onkel Robert geschickt.“

„Weiß ich… Aber du hast doch von Vati Stubenarrest gekriegt.“

„Ich will dich ja nur nach Hause bringen.“

Thomas schlug das Buch wieder auf. „Ich bleibe noch hier!“

„Aber dann kriege ich noch mehr Stubenarrest…“

„Das macht nichts.“ Thomas ließ sie am Fenster stehen und wandte sich an Ninne: „Wollen wir was spielen?“

Ninne blickte in den Park. Der feine, kalte Regen fiel immer noch. Er mochte dieses Wetter. Er zeigte auf das rostbraunes Blätterkleid einer Kastanie. „Kennst du Kastanienschlacht?“

Thomas schob das Buch von sich weg. „Was ist das?“

„Wir sammeln Eicheln oder Kastanien und machen eine Schlacht. Wer die meisten Treffer hat ist Gewinner.“

Thomas sprang ein zweites Mal auf. „Toll, machen wir!“

Rita zuckte zusammen. Sekundenlang stand sie mit halbgeöffnetem Mund da, ehe sie sprach: „Ihr werdet doch nass und schmutzig, Thomas, bitte …“

„Das macht nichts.“ Thomas strich sich über das glatte gescheitelte Haar und griente. „ Wir können dich mit Kastanien bombardieren.“

„Mit meinen Schuhen und Strümpfen… im Matsch? Thomas… bitte!“

Thomas letzter Satz erinnerte ihn an die Stelle im Mandarin, wo die Dienerin mit gespreizten Beinen auf dem Bambusgestell sitzt und ihr Herr ihre Schamspalte mit Kirschen bewirft. Ob Thomas auch so was mit Rita machen würde? Er spürte, wie ihm die Schamröte ins Gesicht stieg und schielte zu Thomas. „Wir können ja auch Verkleiden spielen“, warf er ein.

Thomas blinzelte ihn an. „Linde hat gesagt, du willst nicht zu uns und Verkleiden spielen.“

„Meinte ich nicht so… Spielt Rita auch mit?“

Sie schaute Thomas an. „Mutti würde sich freuen, wenn Ninne zu uns kommt.“

Thomas legte sich das riesige Buch auf den Kopf und brachte es im Eilschritt an seinen Platz zurück. Als er wiederkam, brachen sie auf.

Im Hausflur begegnete ihnen ein massiger Mann, der in seinem dickrippigen braunen Kordanzug wie ein Bär mit einem Schweinekopf aussah und den er sogleich Schweinebär taufte. Der Schweinebär beguckte ihn argwöhnisch, so als hätte er seine Gedanken erraten. „Das ist Schwille unser Portier“, raunte ihm Thomas zu, „der ist hässlich und ekelig und stinkt wie ein Gullytaucher.“

„Das ist aber schön, Ninne“, begrüßte ihn Frau Domberg, „komm nur herein!“

Allein schon die Diele verriet die ungewöhnliche Größe der Wohnung. Rita zog Thomas den Mantel und ihm die Jacke aus. „Zeig doch Ninne schon immer dein Spielzimmer, Thomas, und du, Rita, machst Tee und deckst den Tisch“, sagte ihre Mutter.

Thomas Zimmer war doppelt so groß wie seines; doch nirgendwo waren Bauklötzer, Eisenbahnwagen, Bleisoldaten oder ein Stabilbaukasten. An den hellroten Wänden hingen Masken und in den Ecken standen bekleidete Schaufensterpuppen; auf einem rollbaren Kleiderständer hingen Kostüme, Uniformen und Umhänge; und zwischen Hüten, Kappen und Zylindern funkelte auf einem Wandbord eine Königskrone. Das Geheimnisvollste aber war eine schwarze Truhe mit goldenen Verzierungen, die an einen Sarkophag erinnerte. „Liegt da ein toter König drin?“ scherzte Ninne.

Thomas ließ sich auf ein karminrotes Lederkissen fallen und rutschte auf dem spiegelblanken Parkett an die Truhe heran. „Da sind meine schönsten Sachen drin… Komm wir rutschen um die Wette!“

Sie legten sich bäuchlings auf die prallen Kissen, rutschten um die Truhe herum und machten dabei einen Heidenlärm. „Wer ist schneller?“ mischte sich Frau Dombergs Stimme in das Gejohle.

Ninne zeigte auf Thomas, obwohl er schneller war. „So hab ich dich ja noch nie erlebt, Schatz!“ rief die hochgewachsene schlanke Frau in dem dunkelgrauen Nadelstreifenkostüm. „Mit Ninne taust du ja richtig auf!“

„Ist alles fertig, Mutti“, meldete Rita von der Tür aus.

Als sie sich im Bad wuschen und Ninne einen Blick in den Spiegel warf, vermisste er die Augenklappe. Wo konnte die sein? So durfte ihn Rita nicht sehen! Doch sie war nur in den Nacken gerutscht. Er band sie wieder um und kämmte seinen Pony tief in die Stirn. Thomas zog seinen Scheitel gerade, bestäubte sich mit Kölnisch Wasser und legte Manschettenknöpfe an. Als sie hinausgehen wollten, bemerkte Ninne an einem silbernen Haken zwei Ledergerten: kurz und kräftig die eine, lang und dünn die andere. Thomas zog die halbgeöffnete Tür wieder zu, nahm die Gerten vom Haken und flüsterte: „Damit kriegt Rita, wenn sie unartig ist, und dann muss sie den gelben Badeanzug anziehen… Und dann muss sie ins Bett…“ Thomas hängte die Gerten wieder an den Haken, legte das Ohr an die Tür und öffnete die unterste Schublade eines Wäscheschranks. Obenauf lag ein gelber Badeanzug. „Ist er das?“ fragte Ninne

Thomas schloss die Tür ab und nahm den Badeanzug heraus. „Der Fencheltee wird kalt!“ rief Frau Domberg von draußen.

„Wir kommen gleich, Mutti. Ninne muss pullern!“ rief Thomas zurück.

Ninne war das peinlich. Thomas ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, holte den ganzen Stapel heraus, zeigte die einzelnen Stücke und erklärte, wozu sie dienten. „Strafe muss sein“, stand auf einem knöchellangen Hemd, das sich wie ein Sack anfühlte. „ Musst du so was auch zur Strafe anziehen?“ wisperte Ninne.

Thomas pustete die Backen auf und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. „Ich doch nicht! Mein Vati tut mir nichts…, aber Rita muss nachher das Stubenkleid anziehen, weil sie Stubenarrest hat.“

„Da seid ihr ja endlich!“ Frau Domberg wies auf die Stühle neben sich.

Ninne beäugte sie von der Seite. Mit ihrem kurzen brünetten Haar, den dunkelgrünen Augen, die scharf in die Welt blickten, und der leicht gebogenen Nase ähnelte sie einem Falken. Thomas kam nach ihr, hatte das gleiche Haar, die gleichen Augen, die gleiche Hautfarbe, die an Milch mit einer Prise Kakao erinnerte. Im Speisezimmer befanden sich außer einem ovalen Esstisch und sechs Stühlen ein Büfett und ein Blumenständer aus dunkler Eiche. Bis auf das Parkett waren alle hölzernen Gegenstände dunkel bis schwarz und alle aus Stoff karminrot und violett. An der Wand gegenüber dem Büfett hingen ein stattliches Kruzifix aus Altsilber und Ebenholz und ein Madonnenbild.

Als die Kirschtorte verzehrt und der mit Honig gesüßte Fencheltee ausgetrunken war, räumte Rita das Geschirr ab. „Darf ich schon den Kaffee bringen?“ fragte sie ihre Mutter, die eine Zigarette aus einem Silberetui fingerte und sie in eine silberne Spitze mit schwarzem Mundstück steckte.

Frau Domberg blies mehrere Wölkchen ins Zimmer, bevor sie raunzte: „Vergiss nicht, dich umzuziehen. Mir wäre lieb, wenn du dich danach in dein Zimmer verziehst und Thomes und Ninne in Ruhe spielen lässt.“

Ninne stützte den Kopf auf. Verkleiden spielen ohne Rita? – Das war langweilig! Er guckte Thomas an und zog eine Schnute.Thomas zwinkerte und zog seiner Mutter den Aschbecher weg. „Aber bitte, Thomas, wo soll ich denn die Asche lassen?“

„Weiß ich doch nicht.“

„Schieb ihn bitte wieder her, ja.“

„Aber nur, wenn Rita mitspielen darf. Ich will Ninne als Prinzessin verkleiden und da muss sie helfen.“

„Prinzessin?“ Frau Domberg lächelte. „Das ist ja süß! Aber da muss die olle Augenklappe weg.“

„Mein Auge ist schlimm, bin hingefallen…“

„Das macht nichts“, bemerkte Thomas.

Rita brachte Kaffee und stellte sich zwei Schritte vom Tisch entfernt wie eine Dienerin auf. „Ninne hat was am Auge“, unterwies sie ihre Mutter, da machst du ihm Salbe rauf, hörst du? Du darfst mitspielen, aber ich will keine Klagen hören.“

Rita tat Ninne leid. „Weiß deine Mutti, wo du bist?“ unterbrach Frau Domberg seine Gedanken.

„Die ist auf der Arbeit. Mein Bruder ist zu Hause.“

„Ruf ihn bitte an, Ninne, ja, damit sich keiner Sorgen macht. Ich muss nämlich gleich ins Geschäft.“

Thomas führte ihn zum Telefon. Frau Domberg rauchte noch eine Zigarette und leerte schlückchenweise die goldverzierte Porzellantasse, ehe sie die Wohnung verließ. Ninne war nun mit Thomas und Rita allein – in einer riesigen Wohnung voller Geheimnisse. Er war gespannt, wie es weiterging.Thomas rutschte vom Stuhl. „Komm gleich wieder, Ninne.“

Kurz darauf verschwand Rita. Ninne ging zum Fenster und schaute zu Lindes Wohnung auf der anderen Straßenseite. Hinter der Gardine erkannte er im Schein der Tischlampe seinen Lockenkopf. Wenn der wüsste, wo er jetzt war! Als er zum Tisch zurückging, kam Rita mit einem Kästchen herein. „Ich mach dir schnell das Auge“, sagte sie und drückte ihn sanft auf den Stuhl.

Er guckte sie an. Sie steckte in einer pechschwarzen Röhre mit großen gelben Knöpfen und sah aus wie ein Feuersalamander. „Spielst du Lurchi?“ fragte er.

Sie senkte den Blick. „ Lurchi sagt Thomas immer zu mir, wenn ich das Hauskleid anhabe…“

Er lehnte sich zurück und genoss mit geschlossenen Lidern, wie sie mit zarten Fingern sein Auge behandelte. Als sie fertig war, drückte sie ihre vollen weichen Lippen auf seine Stirn. „Die Klappe kann jetzt weg“, sagte sie. Ich bringe nur das Verbandskästchen weg, dann gehen wir zu Thomas.“

Er blickte ihr hinterher; ihre hurtigen kurzen Schritte erinnerten an einen Tausendfüßler. Als sie wieder hereinkam, beobachtete er die gelben Pantöffelchen, die sich wie die Kolben eines Motors bewegten. Die Röhre war an den Knöcheln so eng, sie konnte nur trippeln. „Da bin ich“, meldete sie sich zurück, „wir können gehen.“

Thomas war nicht zu sehen. Sie stellten sich vor die Truhe und schauten zur Tür. Als Rita im Badezimmer nachschauen wollte, knackte es leise. Sie drehten sich um. Langsam, als stemmte ein lebendig Begrabener den Sargdeckel hoch, öffnete sich die Truhe und eine in schwarze Seide gehüllte Gestalt erhob sich und breitete die Arme aus. „Das ist aber toll!“ rief Rita. „Da kriegt man ja richtige Angst…“

Thomas schwieg, rührte sich nicht. Ninne zuckte die Achseln. Was sollte daran gruselig sein? Doch als im nächsten Augenblick Kapuze und Umhang zur Seite flogen und ein augenloser Kopf, nackt und blank wie eine Billardkugel, zum Vorschein kam, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Sekundenlang blickte er wie gebannt auf die silbrig-weiße Seide, die Thomas Gesicht wie eine zweite Haut umspannte. So sahen die weißen Mumien aus! Letzte Nacht hatte er von ihnen geträumt – sie waren der Tod, sie hatten Peter geholt. Er spürte den Unbekannten vor der Wohnungstür und sah die scharfe Spitze auf sein Auge zukommen. Rita drückte ihn an sich. „Armer kleiner Ninne, du zitterst ja“,hauchte sie. „Musst nicht bange sein, Thomas macht nur Spaß.“

Ninne schwieg, zuviel stürmte in diesem Moment auf ihn ein; und keine von Thomas Masken – auch die schrecklichsten Fratzen nicht – vermochten, was der weiße gesichtslose Kopf vermochte – dem Tod ein Antlitz zu geben. Sein Abbild grub sich tief in Ninnes Gedächtnis.

Thomas stieg aus der Truhe. „Hab ich gut gemacht, nicht wahr?“ heischte er Beifall.

Ninne blickte auf das von Seide bedeckte Gesicht, auf dem sich unter der Nase ein nasser Fleck ausbreitete; und was ihn eben noch entsetzt hatte, wirkte jetzt lächerlich. „Ganz toll“, lobte Rita, „ wie ein richtiges Gespenst!“

Thomas riss sich die Hülle vom Kopf. „Bin kein Gespenst, dumme Hexe! Weißt du nichts von der unsterblichen Seele?“

„Tut mir leid, aber das ist ja noch besser… unsterbliche…“

„Halt die Gusche und stell dich in die Ecke!“ Thomas wandte sich an ihn: „Gefiel es dir?“

„Ich kriegte einen Schreck und musste an Peter denken, der ist gestorben…“

„Wirklich?“ Thomas warf die Seide auf den Boden und klatschte die Hände zusammen. „Wenn einer stirbt, verlässt die Seele den Körper… Hab ich das gut gemacht?“

„Ja, hast du… aber…“

Thomas Augen glänzten. „Mit dir macht das so einen Spaß Ninne!… Sollen wir jetzt Verkleiden spielen?“

„Ja.“ Er guckte zu Rita, die mit dem Gesicht zur Wand stand. „Spielt sie nicht mit?“

„Soll sie?“

„Ja und sich das Kleid anziehen, weißt du, wie auf dem Foto.“

„Thomas dunkle, fein geschwungene Augenbrauen hoben und senkten sich einige Male. „Du meinst das Foto mit dem Ballettkleid, nicht?“

„Ja, das ist so schön.“

„Hast du gehört?“ wandte sich Thomas an sie. „Du sollst das Tanzkleid anziehen.“

Sie drehte sich um und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Das Tutu darf ich doch zu Hause nicht anziehen, Thomas. Wenn Vati das erfährt… Du weißt ja, was dann passiert…“

„Das macht nichts. Hol es!“

„Soll ich es hier anziehen? Oh bitte, Thomas, bitte…“

„Na klar, wir wollen zugucken.“

Und wieder fühlte Ninne diese Lust, roch Moos, schmeckte Vanille und Erdbeeren. Sie kribbelte, juckte und ließ ihn alles andere vergessen. Er konnte es nicht erwarten, sie darin zu sehen. Draußen wurde es dunkel und der Regen nahm zu. Durch die roten Vorhänge schimmerte das Licht der gegenüber liegenden Fenster. Thomas knipste die Wandleuchte über dem Regal mit der Königskrone an und wühlte zwischen den Umhängen und Kostümen herum. „Du musst mit zu Onkel Robert kommen, Ninne“,nuschelte er dabei, „da können wir toll spielen.“

„Au ja! Zeigst du mir dann auch die Ritterrüstung und die Schwerter?“

Thomas nickte. Zwischen seinen Zähnen klemmte ein Stoffzipfel. Leise Trippelschritte näherten sich. Mit einem Karton in den Händen trat Rita ins Zimmer und schaute Ninne an. „Bist du zufrieden, wenn du es nur anguckst?“ fragte sie. Was sollte er antworten? Enttäuscht ging er zum Fenster, schlüpfte hinter den Vorhang und blickte zur anderen Seite. Linde saß noch neben der Lampe mit dem grünen Glasschirm und las. Thomas eilte zu ihm. „Macht es dir keinen Spaß mehr, Ninne?“

„Weiß nicht… Rita will nicht mitspielen…“

Thomas zog ihn vom Fenster weg und fuhr sie an: „Wenn du nicht mitmachst, sage ich Vati, was du gemacht hast.“

Sie senkte den Kopf. „Habe ich nicht so gemeint, Thomas, bitte, aber du weißt, Vati… und ich habe nichts unter… Man kann alles sehen…“

„Das machts nichts. In der Bodenkammer hattest du auch nichts an.“

„Bitte, bitte Thomas, ich mach ja alles, aber ich hab doch unter dem Hauskleid nichts an und das Tutu ist so kurz…. Oh bitte, Thomas, ich schäme mich so vor Ninne… Und wenn das rauskommt!“

„Mach jetzt oder du musst büßen!“

„Und Ninne?… Gib mir lieber eine Strafe… im Badezimmer. Es sieht so ulkig aus, wenn ich mich bücken muss…“

„Ulkig?“ Thomas packte sie am Pferdeschwanz und zog sie zu Boden. „Ist nicht ulkig! Ich will nichts mehr von dir wissen und nicht mehr mit dir sprechen und du darfst auch nicht mehr in mein Zimmer.“

Ninne schämte sich, weil sie seinetwegen am Boden kniete und ihre Tränen verbarg. Es lag in seiner Hand, sie von der Last zu befreien, doch er wollte sie als Schneeflöckchen sehen. Oder sollte er lieber gehen? Thomas schien seine Gedanken zu erraten. „Geh nicht weg, Ninne“, bat er, „wir können uns als Teufel verkleiden und da können wir Rita mit dem doofen Lurchikleid nicht gebrauchen.“

Ninne lehnte sich an die Truhe und betrachtete die Masken. Als Teufel würde er sich gerne verkleiden, aber da müsste Rita erst recht mitspielen. Aber wie ließ sich das machen? „Ich muss mal auf´s Klo“, bemerkte Thomas, „und dann spielen wir Teufel und Hölle.“

„So wie auf dem Bild mit der Bratpfanne?“

„Klar!“

Als sie allein waren, drängte sie sich an ihn. „Thomas soll mich nicht wegschicken. Bitte, Ninne, ich freue mich so… ja, weil du hier bist, und unsere Mutti kommt erst abends und unser Vati erst morgen, da könnten wir so schön spielen… Und wenn du willst, kannst du es ja anziehen – du siehst ja auch aus wie ein Mädchen… Weißt du, was?“

Er guckte sie an. „Nein, weiß nicht… Ich soll das…?“

Sie berührte mit den Lippen sein Ohr. „Thomas freut sich, wenn du es anziehst.“

„Wirklich?“

„Ja, er will dich als Prinzessin verkleiden, traut sich aber nicht, es zu sagen.“

„Aber wir wollen doch Teufel spielen!“

„Danach, bitte, Ninne, das wäre so schön, und Thomas ist dann auch nicht mehr böse.“

„Und was machst du?“

„Thomas kann mich bestrafen und dann fangt ihr mich ein und bringt mich in eure Hölle … Aber sag ihm bitte nichts, ich meine… von der Prinzessin.“

Sein Herz klopfte. Im nächsten Augenblick kam Thomas herein, stieg in die Truhe und buddelte in seinen Schätzen herum. „Die hat meine Mutti gemacht“, dröhnte es aus ihrem Innern, „zu meinem elften Geburtstag … Echte Teufelskostüme!“

Die scharlachroten Kostüme gefielen Ninne. „Du musst aber alles ausziehen“, sagte Thomas, „nur Unterhosen.“

Ninne blickte zu Rita, die ihn mit einer Geste ermunterte. Thomas bemerkte das und schrie sie an: „Du sollst abhauen, sonst sperre ich dich in die Speisekammer!“

Ninne ließ die Schultern hängen. Fing das wieder von vorne an? Er ging ein zweites Mal zum Fenster. Thomas eilte ihm hinterher. Ninne zeigte auf den grünen Lichtschein und flüsterte: „Guck mal wer da ist – wenn der wüsste …!“

Thomas fasste ihn um. „Soll er nicht, ist unser Geheimnis.“

„Stimmt… Und wenn wir Teufel spielen, könnten wir doch Rita in die Hölle bringen… Findest du nicht?“

„So wie die Sünder?“

„Ja, so wie die auf dem Bild mit der Bratpfanne. Die müssen büßen, hast du gesagt.“

„Klar, müssen sie.“

„Ich darf das Ballettkleid anziehen, sagt Rita. Soll ich?“

„Au ja!“ Thomas Zähne schimmerten wie Perlen zwischen den kirschroten Lippen.

„Was kriegt sie für eine Strafe und was machen wir mit ihr in der Hölle?“

„Na so wie von unserm Vati, und in der Hölle pieken wir sie.“

„Aber das tut doch weh!“

„Das macht nichts.“

„Du darfst mitspielen und kommst in die Hölle“, wandte sich Thomas an sie. „ Deine Strafe kriegst du vorher.“

Sie griff nach Ninnes Hand und schaute ihn an. „Aber du guckst nicht zu, nicht? Bitte, bitte ,ich schäme mich!“

Thomas blickte sie mit kalten, unbewegten Augen an. „Vor Ullrich schämst du dich nicht, olle Lügnerin.“

Sie legte die Hände auf den Rücken und senkte den Kopf. „Ich sag´ ja nichts mehr.“

Ninne wurde neugierig. Was machte der Ullrich mit ihr? Rita wagte einen verstohlenen Blick, bevor sie hinausging. In ihren Augen lag Zärtlichkeit.

„Wenn du zuguckst, ärgert sie sich“, bemerkte Thomas.“

„Ich will sie nicht ärgern.“

„Schade… Kannst dich schon als Teufel verkleiden. Soll sie sich auch?“

„Ist ja schon Lurchi.“

Thomas lachte. „Was will denn ein Feuersalamander in der Hölle! Ich geh´ schon mal.“

Ninne nahm das Teufelskostüm von der Truhe, ließ den weichen Stoff durch die Hände gleiten und zog sich um. Die würden Augen machen! Sollte er hinter der Truhe lauern? Er horchte in den Korridor. „Du musst dich vor uns Teufeln verstecken“, hörte er Thomas Stimme.“

„Du bist in der Truhe, stimmts?“ rief Thomas von der Türschwelle aus.

Ninne rührte sich nicht. Als Thomas den Deckel anhob, packte er ihn an den Beinen und rang ihn zu Boden. „Hast du nicht gedacht, was?“

„Hast du gut gemacht… Mannomann!

„Hat sich Rita verkleidet?“ Ninne brannte vor Neugier.

„Sie sucht sich was aus.“

„Habt ihr schon mal Hölle gespielt?“

„Ja, und Hexen fangen mit Ullrich.“

„Kriegte sie eine Strafe?“

„Na klar, hab ihr ein paar übergezeckt.“

„Was hat sie denn gemacht?“

„Einen Schundroman gelesen… Hat unser Pfarrer rausgekriegt.“

„Ist das so was wie der Mandarin?“

Thomas schmunzelte. „Hast du den schon aus?“

„Ja, aber ich schreibe da was ab. Kannst ihn nächste Woche haben. Läßt sie sich von dir alles gefallen?“

„Na klar!“

„Hast du sie nicht gerne?“

„Onkel Robert macht immer nur von ihr Fotos und sie kriegt auch schönere Geschenke und darf in sein Arbeitszimmer… Wir sind jetzt Teufel, Ninne, echte. Los!“

Wie Einbrecher schlichen sie auf dem roten Kokosläufer durch den Korridor, der sich wie eine kleine Straße von der Diele bis zum anderen Ende der Wohnung erstreckte. Thomas schien zu wissen, wo sie sich versteckte, führte ihn aber erst durch sechs Zimmer zu ihrer Mädchenkammer, die einer Mönchszelle glich. Über dem schmalen Bett hing ein Kruzifix und auf dem Nachtschränkchen lag eine Bibel; ein schwarzgerahmtes Bild an der Wand gegenüber zeigte einen gefesselten und von Pfeilen durchbohrten halbnackten Jüngling. „Das ist der heilige Sebastian“, bemerkte Thomas, „ ihr Liebling.“

Das Atelier lag auf der Hofseite. Thomas drückte die Klinke herunter. Es glich einem Saal. Kein Laut regte sich. Es roch nach Lavendel. Thomas scherte nach rechts aus, er nach links. Kleiderständer,Tische, Nähmaschinen, Stoffballen, Regale und Bügelbretter füllten den Raum. Beulige Fotos und Schnitte an den Wänden erinnerten im schummerigen Licht einer Schirmlampe an abgewellte Tapeten. Eine Schneiderpuppe erhob sich vor Ninne. Er dachte an den enthaupteten Störtebeker. Ein Hauch von Kölnisch Wasser vermischte sich mit dem Lavendelduft. „Sie ist hinterm Schreibtisch“, flüsterte Thomas.

Sie krochen auf allen Vieren zu dem mit Schnitzereien verzierten Möbel. Gegen das riesige Sprossenfenster dahinter trommelte der Regen. Rita kniete; ihre Stirn berührte den Boden, ihre Hände waren im Nacken verschränkt. Thomas robbte an sie heran, stieß sie mit einer Elle und grunzte: „Deine Stunde hat geschlagen.“

Sie richtete den Oberkörper auf und ließ den Kopf nach hinten fallen. Ninne stutzte. Warum trug sie eine Augenbinde? – Sie spielten doch nicht Blindekuh! Thomas bohrte die Elle in ihre Pobacke. „Hast du nicht gehört?“

Sie stand auf, stellte die Füße mit den hochhackigen Schuhen zusammen und reckte sich. Ein dünnes, blassgelbes Hemd bedeckte ihren Körper bis zu den Knien. Thomas reichte ihm eine Elle. „Dein Teufelsspieß, Ninne… Wir müssen sie fesseln.“

„Warum?“

„Sagt Ullrich… Stimmt´s?“

Sie nickte. „Ja, stimmt… Wie soll ich die Hände halten?“

Mit ihren hohen Absätzen überragte sie Thomas und ihn um anderthalb Köpfe. Ninne dachte an die winzigen rotenTeufel und das Mädchen in der Bratpfanne. War er jetzt nicht auch so ein kleiner Teufel? Thomas drückte seinen Mund an Ninnes Ohr und flüsterte: „Muss was gucken, bin gleich wieder da.“

„Hast du ein Teufelskostüm an?“ fragte sie, als sie allein waren.

„Ja, passt mir gut.“

Sie nahm die Arme herunter und tastete nach seinem Gesicht. Als sie es zwischen ihren Händen hatte, beugte sie sich herunter, schob seine Maske hoch und küsste ihn auf den Mund. „Ich hab dich lieb, kleines Teufelchen“, hauchte sie. „Versprichst du mir was?“

„Ja…gerne… Und was?“

„Niemand etwas zu sagen.“

„Was soll ich nicht sagen?“

„Wenn wir was spielen oder was machen.“

„Ja, verspreche ich.“

„Möchtest du zugucken, wenn ich eine Strafe bekomme?“

In seiner Brust tobte es, seine Zunge schwoll an. Er stemmte die Hände gegen ihre Hüften und wollte sich von ihr lösen, doch sie drückte ihn fester an sich. „Ich höre es, Ninne, ich höre dein kleines Herz… Ich schrieb was in mein Poesiealbum…“

Thomas nahte heran und drückte die Tür auf. Sie ließ ihn los und verschränkte wieder die Hände hinterm Kopf. Thomas legte zwei Ledergürtel auf den Schreibtisch und befahl ihr, die Arme herunterzunehmen. Sie straffte sich und presste die Handflächen an die Oberschenkel. Ninne dachte an die Indianerspiele mit Katja, als sie ihn an einen Baum gefesselt hatte; doch vorher hatten sie gekämpft. Warum wehrte sich Rita nicht? Thomas schlang einen Gürtel um ihren Oberkörper und zog ihn fest. „Ist es so gut?“ fragte er, als täte er ihr einen Gefallen.

„Ja, aber Ullrich schnürt auch die Ellenbogen zusammen… Weißt du noch?“

Thomas nahm den zweiten Gürtel und schnallte ihre Arme oberhalb der Ellenbogen zusammen. „Ist es jetzt gut?“

Ninne guckte auf ihren Mund. Was würde sie sagen, jetzt, wo das dünne Leder in ihr Fleisch schnitt, sich ihre Brust spannte, sich wie bei einem Huhn herauswölbte, sie wie ein Mensch ohne Arme aussah? Ihre Lippen öffneten sich, doch sie antwortete nicht. Thomas zog den Vorhang halb zu und knipste die Schreibtischlampe an. „Du kannst sie schon wegbringen, Ninne, ich suche noch was.“

Ninne war verlegen. Wie sollte er das anstellen? Er legte die Elle aus der Hand und fragte: „Soll ich dir die Augenbinde abmachen?“

„Brauchst du nicht. Führe mich doch wie eine Blinde, weißt du?“

Geheuer war ihm nicht, als er sie durch den Korridor führte. Was, wenn jetzt Frau Domberg kommt? Er blieb stehen und fragte: „Und wenn jetzt eure Mutter kommt?“

„Die ist im Geschäft und ruft vorher an. Abendbrot ist noch eine Weile hin, und ich muss vorher den Tisch decken. Weißt du noch, wo Thomas Zimmer ist?“

„Wo der große böse Wolf an der Tür ist.“

Drinnen schaltete er die Wandleuchten an und führte sie zur Truhe. Thomas war noch im Atelier. Ninne wartete noch einen Moment, ehe er die Zimmertür schloss. Was sollte er solange mit ihr machen? „An welchem Tag hast du Geburtstag?“ unterbrach sie die bedrückende Ruhe.

„Weißt du doch, Weihnachten. Da werde ich zehn und bin kein kleiner Junge mehr.“

„Ja, ja, aber an welchem Tag?“

„Heiligabend… ist doof.“

„Ist es nicht, Ninne, ist es nicht! Heiligabend wurde das Chistkind geboren. Leg dein Köpfchen an meine Brust!“

Als er sich an sie schmiegte, kam Thomas mit einer Schachtel herein. „Hab alles“, sagte er, kippte den Inhalt auf den Boden und stellte sieben Kerzen im Kreis auf. Im Schein der Flammen schimmerte matt ein kleiner Schrotthaufen aus Fingerhüten, Nadeln und Klammern. Thomas sortierte die Gegenstände, löschte die Wandleuchten und wandte den Kopf zu Rita, die auf ihren hohen Hacken wie eine Seiltänzerin heranbalancierte und sich hinkniete. Thomas nahm ihr Augenbinde und Fesseln ab und sprach wieder mit verstellter Stimme: „Du musst für deine Sünden büßen, Verdammte… Bist du bereit?“

Rita blickte auf den Flammenring und senkte den Kopf. „Ja, mächtiger Fürst der Hölle, ich bin bereit.“

Ninne horchte auf. Spielten sie Theater – so wie Mama, Frederic und er, wenn sie zu Hause ein Stück aufführten? Er betrachtete Thomas, der sich in seinem Umhang aus roter Seide wie ein Schauspieler gebärdete. Was würde jetzt geschehen? Er erhob sich vom Kissen und setzte sich auf die Truhe wie auf einen Logenplatz. Das Zimmer schien ein einziges Rot, das wie Blut aus dem Dunkel ins Helle wallte und im Flammenkreis der Kerzen verglühte.

Thomas hielt einen Schnürsenkel in die Flamme einer Kerze. Sie blakte, rußige Kringel stiegen auf, Brandgeruch erfüllte das Zimmer. Rita knöpfte ihr Hemd auf, streifte die Träger über die Schultern und streckte den feurigen Zungen ihre entblößte Brust wie eine Opfergabe entgegen. Thomas erhitzte die Spitzen zweier Stricknadeln und richtete sie auf ihre Brustwarzen, die wie junge Triebe steil und spitz aus dem ebenen Brustkorb sprossen. Doch er berührte sie nicht, hielt die Nadeln einen Zentimeter von den rosigen Knospen entfernt. Erleichtert atmete Ninne auf und nahm wieder seinen alten Platz ein. „Gestehe deine Sünden im Angesicht des ewigen Feuers!“ hob Thomas wieder an.

Rita blickte Ninne aus den Augenwinkeln an, so als wolle sie sich vergewissern, ob er sich nicht über sie lustig machte. „Ich lese verbotene Bücher und sagte bei der Beichte nicht die Wahrheit“, gestand sie, „und ich…“

Thomas lehnte sich zurück. „Weiß ich schon“, zischte er und erhitzte wieder die Nadeln.

„Ich will ja noch was sagen… Ich habe gelogen…“

Thomas schnellte vor. „Gelogen? “

„…ja, Ullrich war da…, und dann setzte sich Onkel Robert ans Klavier und ich tanzte das Aschenbrödel …“

„Mach die Sicherheitsnadeln an und setz die Fingerhüte auf!“

Sie klemmte sich Sicherheitsnadeln an die Brustwarzen, setzte Fingerhüte auf die Zeigefinger und streckte die Arme aus, ehe sie fortfuhr: „… und dann ging ich in mein Zimmer und da sah mich Ullrich bei etwas…“

„Wobei?“

„… ich trug noch das Tutu, aber ohne Höschen, und ich las in einem Buch… Das habe ich aus der Bibliothek genommen, ohne Onkel Robert vorher um Erlaubnis zu fragen…“

„Was?“ Thomas nahm die Stricknadeln aus den Flammen. „Und was steht da drin?“

„Es geht um eine Dirne, die ins Gefängnis kommt, aber unschuldig ist …“

Thomas verengte die Augen zu Schlitzen und befahl ihr, die Spitzen der Zeigefinger über die Flammen zu halten. Ninne wollte gerade die Kerzen auspusten, als das Telefon klingelte. Mit zusammengepressten Lippen zog sie die Hände zurück und schaute Thomas an. „Das könnte Vati sein“, sagte sie leise.

Thomas eilte nach draußen, kam aber gleich wieder zurück. „Für dich, Ninne, dein Bruder.“

„Ich muss bald nach Hause“, teilte Ninne den beiden mit. „Soll ich noch schnell das Ballettkleid anziehen?“

Thomas sprang zum Karton und zerrte es heraus; und ehe sich Ninne versah, zog ihm Rita das Teufelskostüm aus. Er gab sich dem angenehmen Gefühl hin, das ihm ihre Hände bereiteten; und als sie ihn an die Hand nahm und ins Bad führte, fühlte er sich wie in den Armen seiner Mutter. „Darf ich dich auch schminken und dir das Haar machen?“ fragte sie.

Er nickte und lächelte in den Spiegel. Sie drehte den Warmwasserhahn auf, tränkte einen Schwamm mit Seifenschaum und streifte ihm die Unterhose ab. Sie brauchte ihn nicht mehr fragen, seine Augen sagten zu allem ja. Er hob die Arme wie ein kleiner Junge, der von der Mutter gewaschen wird, öffnete die Beine und hielt ihr sein Glied hin. Sie streichelte es und legte ihr Hemd ab. „Damit es nicht nass wird“, flüsterte sie.“

Die Sicherheitsnadeln klemmten noch immer an ihren Brustwarzen; und sie wurden steifer und größer, als sie ihn abseifte und mit dem Finger sanft in ihn eindrang. Er lugte nach ihrer Scham, doch die bedeckte ein weißes Spitzenhöschen. Schämte sie sich vor ihm? Katja hatte sich nie geschämt. Rita bohrte den Finger tiefer in sein After und berührte mit den Lippen seine Eichel, bevor sie sie in sich hineinsaugte. Als er aufstöhnte, zog sie ihr Höschen runter und fasste sich zwischen die Beine. Minutenlang übertönte ihr heftiges Atmen das Klopfen der Wassertropfen, die aus der undichten Tülle auf den Boden der Wanne fielen. Als die Tropfen wieder zu hören waren, wusch sie sich und zog mit errötetem Gesicht ihr Höschen hoch. „Ich bin eine Sünderin“, stammelte sie mit niedergeschlagenen Augen und nahm die Schminksachen aus dem Schrank.

Ninne ergötzte sich noch an seinem Spiegelbild und schwang den Pferdeschwanz, als Thomas von draußen rief. War er wirklich so hübsch? Rita zog ihm das Ballettkleid an und führte ihn ins Zimmer zurück. Thomas schaltete die Deckenleuchte an, kletterte auf die Truhe und klatschte in die Hände. Ritas Augen glänzten. Hochbeinig wie ein Fohlen stand sie vor Ninne und knickste, bevor sie ihn um die Truhe herumführte, auf der sich Thomas wie eine Radnabe mitdrehte und bei jeder Runde „Ninne!“ stöhnte. War er Mädchen oder Junge? Er fühlte sich anders als sonst, bewegte sich weich und anmutig wie Rita; und als ihn Thomas umschlang und küsste, schloss er die Augen und ließ ihn gewähren.

Wieder hallte das Telefon. Thomas schickte Rita. „Dein Bruder, Ninne.“ Ihre Stimme klang niedergedrückt.

„Wenn du nicht sofort kommst, hole ich dich!“ drohte Frederic. „Dieter ist bei uns“

Ninne beeilte sich, dachte weder an die rotgeschminkten Lippen noch an den Pferdeschwanz… noch an den Augenausstecher.

3

Linde klappte das Buch zu; ihm taten Kopf und Augen weh. „Nicht überanstrengen“, hatte der Arzt geraten, doch er achtete nicht darauf, obwohl seine Sehkraft nachließ. Vor einer Brille fürchtete er sich – schon wegen Ninnes Lästermaul. Mit einer Brille sähe er wie ein Pudel aus, glaubte er und verschwieg daher der Mutter sein Leiden. Er öffnete das Fenster und hielt den Kopf hinaus. Frische Luft linderte manchmal den Schmerz. Kalter Sprühregen netzte sein Gesicht; er lehnte sich noch weiter hinaus und kühlte Stirn und Schläfen. Als er die Kur beenden wollte, fiel ihm eine Gestalt auf, die mit ihrem übermäßig gebogenen Regenschirm wie ein Pilz aussah. Wie es schien, suchte sie dem Lichtwurf der grell-grünen Reklame der Drogerie im Nachbarhaus zu entkommen. Er schloss das Fenster, eilte ins Nebenzimmer und stellte sich hinter den Vorhang. Der Pilz war inzwischen verschwunden. Wo war der nur so schnell hin? Vor der grünen Pumpe stand ein zweirädriger Handwagen. Polterten nicht Kohlenträger mit solchen Karren durch die Straßen – schwarze Männer mit speckigem Lederrücken und kräftigen Armen? Doch statt Tragkästen war auf der Ladefläche eine längliche Kiste festgezurrt. Im nächsten Augenblick schob sich der Pilz zwischen Pumpe und Handwagen. Unter dem Schirm leuchtete ein Feuerzeug auf; minutenlang hob und senkte sich die Glut einer Zigarette. Als die Haustür hinter der grünen Pumpe aufging und Hausmeister Schwille wie ein Bär auf die Straße tapste, huschte der Pilz über die Fahrbahn.

Schwille zwängte sich seine Schirmmütze auf den dicken Schädel, klopfte an der Pumpe die Pfeife aus und marschierte wie jeden Tag um diese Zeit zum Tabakladen an der Ecke. Linde knöpfte die Jacke zu und beugte sich über die Balkonbrüstung. Unter ihm stand der Pilz; er hätte einen Blumentopf auf ihn fallen lassen können. Warum war der vor Schwille geflüchtet? Im nächsten Moment öffnete sich wieder die Haustür gegenüber. Der Pilz glitt wie auf Schlittschuhen zur Pumpe zurück und drückte sich in ihren Schatten. Was hatte der vor? Die Gaslaternen brannten schon; die Straße war menschenleer. Ein Mädchen trat heraus und ging auf die Pumpe zu. Wollte es zum Pilz? Es trug einen Pferdeschwanz wie Rita, war aber kleiner als sie. Der Pilz zog sich zurück und verschanzte sich hinter dem Karren. Das Mädchen stellte sich neben die Pumpe und lief los. Er dachte an Ninne, der dort immer Straßenbahn spielte. Als es außer Sicht war, nahm der Pilz seinen Platz hinter der Pumpe wieder ein.

4

„Nee, keen Korn, lieba ne Pulle Stoni und Tuten … und verlier nich dit Jeld!“ rief ihm Püppi vom Fenster aus hinterher. Sohni schwenkte den Arm und ging weiter. Er feierte mit seinen drei Schwestern Püppi, Karin und Maggi seinen vierzehnten Geburtstag. Maggi war mit zwanzig die Zweitälteste unter den fünf Geschwistern. Vor ihr hatten sein Vater und sein älterer Bruder Respekt. Letzten Silvester hatte sie beiden eine Schnapsflasche über den Schädel gezogen; und wenn sie mal einen Abend zu Hause verbrachte, verzogen sich der Alte und Schnauze in ihre Kaschemmen. Sohni befühlte den Geldschein in seiner Hosentasche und ging schneller. Um den Spielzeugladen machte er einen Bogen, obwohl die Leute, die immer davor standen und jedes Mal mit dem Finger auf ihn zeigten, nicht da waren. Dem Kind, das auf dem Bordstein an den bunt angestrahlten Spielsachen vorbeisauste, gönnte er nur eínen flüchtigen Blick. Er musste pinkeln und ging auf die Pumpe zu. Als er sein Glied herausfummelte, stieß sein Kopf gegen einen Regenschirm. „Watten nu“, polterte er, „ick muss pissen.“

„Verschwinde!“ zischte eine Fistelstimme. Der Schirm kippte nach vorne, als wollte ihm sein Träger die Spitze ins Gesicht stoßen. Sohni wich zurück und betrachtete die kleinwüchsige Gestalt, die wie ein Schirm auf Beinen aussah. „Hast du Watte in den Ohren?“ setzte die Fistelstimme nach.

Sohni sah sich um. Nur eine alte Frau schlurfte auf der anderen Straßenseite vorbei. „Dit is nich Ihre Pumpe“, schimpfte er, „und ham mir ja nischt zu sagen… wissense, und ick kann ooch meene jroße Atze holn.“

Der Mann schwieg, kippte den Schirm noch weiter nach vorne, wollte, wie es schien, nicht erkannt werden. Sohni maß mit den Augen die Kiste auf dem Handwagen. Sie erinnerte an einen Sarg. War da was Wertvolles drin und spielte der sich deswegen so auf? Er gab nach und ging weiter bis zum Tabakladen. Durch die Türscheibe erkannte er Schwille, dem er die Luftpumpe vom Fahrrad geklaut hatte und der seitdem hinter ihm her war. Schwille beroch und befühlte etliche Tabaksorten, obwohl er nie etwas anderes als sein klumpiges schwarzes Zeug rauchte, das nach verbrannten Leichen stank. Sohni beobachtete noch einen Moment den weißhaarigen Tabakhändler, der mit seinen fleckigen Greisenhänden einen Karton aus dem Wandregal zerrte, ehe er sich auf die andere Straßenseite zurückzog.

Kurz vor der Drogerie zog er den Kopf wie eine Schildkröte in seine Joppe, mogelte sich an dem hell erleuchteten Schaufenster vorbei und pinkelte im nächsten Hauseingang an die Tür. Stöckelabsätze hämmerten auf den nassen Granitplatten heran; eine schlanke Frau im Trenchcoat klappte den Regenschirm ein und streckte den Arm nach der Klinke aus. Er kam nicht mehr dazu, seinen Pimmel einzupacken, bepinkelte seine Hose und flüchtete schräg über die Straße. „Ferkel“, rief ihm die Büchergräfin hinterher, „so was macht man nicht!“

Der Gnom mit dem mächtigen Regenschirm zuckte zusammen, fühlte sich, wie es schien, angesprochen und hetzte in Richtung Tabakladen. Die Büchergräfin schüttelte den Kopf und verschwand im Haus. Sohni knöpfte Hose und Joppe zu und ging zur Ecke zurück.

Vor dem Tabakladen hob sich der pilsartige Schirm wie eine Käseglocke und legte die obere Hälfte der Figur frei. Sohni drückte sich an die Hauswand und schlich näher heran. War das nicht der Bucklige aus dem Nebenhaus? Doch aus der Nähe glich der Mann mit seiner Lederhaube, der Motorradbrille und dem steifen grauen Wettermantel eher einer Kreuzung aus Hornisse und Kellerassel. Als Schwille den Laden verließ, senkte sich der Schirm und verbarg wieder die obere Hälfte. Sohni ging zum Tabakladen zurück. Der Schirmmann war wie vom Erdboden verschluckt. Im Tabakladen hantierte der alte Weißkopf an der Ladenkasse. Sohni ging hinein. Der Weißkopf rückte seine Goldrandbrille zurecht und blickte ihn freundlich an. Draussen sprang ein Motor an. Sohn wandte sich um. Ein Fahrrad mit Hilfsmotor knatterte davon.

„´n Hühnerschreck, die Dinger sind lauter als Panzer“, bemerkte der Weißkopf. „Was darf´s sein?“

„Ne jroße Pulle Stoni und zweemal Zijaretten … mitten Kopp druff.“ Er zeigte auf eine Marke.

„Können es auch zwei halbe Flaschen Stonsdorfer sein?“ erkundigte sich der Weißkopf.

„Is ejal.“

Der alte Mann drehte ihm den Rücken zu und hinkte zu einem Regal. Im nächsten Augenblick fuhr Sohnis Hand in die Kasse, zupfte von den Scheinen drei untere heraus und stopfte sie in seine Geheimtasche im Joppenfutter. Als der Weißkopf mit den Flaschen kam, betrachtete er eine Zigarettenreklame, auf der ein Herr einer Dame Feuer gibt. „Der ist magenfreundlich“, versicherte der Weißkopf, „soll sich dein Herr Vater schmecken lassen.“

Regen mochte Sohni nicht, doch als er wieder auf der Straße war, legte er den Kopf in den Nacken und öffnete den Mund. Ein paar Häuser weiter fischte er in einem Hausflur die Beute aus dem Futter. „Du krichst de Tür nich zu“, flüsterte er, „da is ´n Fuffi bei!“

Er näherte sich der Pumpe und umrundete sie. Niemand war da. „Ran anne Buletten!“ sagte er halblaut und stellte die Flaschen ab. Der Karren ließ sich nicht wegschieben; eine Kette mit Vorhängeschloss blockierte das rechte Rad. Er kletterte auf die Ladefläche und wollte die Kiste öffnen, doch kräftige Seile hielten den Deckel zu. Er zückte sein Taschenmesser und hockte sich hin; als er die Klinge ansetzte, bemerkte er neben der Kiste einen Krückstock mit scharfer Eisenspitze. Ein Auto tuckerte heran, Scheinwerfer leuchteten ihn an. Er setzte sich auf die Kiste und wartete. Als es vorbei war, schaute er sich um und stutzte: an der nächsten Laterne lehnte ein Fahrrad mit Hilfsmotor. Er sprang vom Karren, schnappte sich Stock und Schnapsflaschen und pirschte über die Straße.

Das düstere Geschäftshaus aus der Gründerzeit schräg gegenüber trug noch Spuren vergangener Pracht. Sohni stopfte die Flaschen in die Joppentaschen und betrachtete einen Augenblick den zerlöcherten Fassadenschmuck über dem Säulenportal. Die von Spinnweben verschleierte schmiedeeiserne Laterne unter dem Dreiecksgiebel brannte nicht mehr; statt ihrer rang eine mit Fliegendreck besäte Vierzigwattbirne mit dem Dunkel des tiefen Eingangs. An das ehemalige Juweliergeschäft links vom Portal erinnerten nur noch zerkratzte Goldlettern auf schwarzen Marmortafeln. Sein Besitzer war wie der Pelzhändler auf der anderen Seite und der Rechtsanwalt im ersten Stock von den Nazis ermordet worden. Seit Kriegsende stand es leer; niemand mochte dort einziehen, bis auf einen schwindsüchtigen Kunstdrucker, der in der zweiten Etage hauste. Sohni war das Haus vertraut, und der Fluch, der auf ihm lastete, kam ihm gelegen, verbarg er doch im Keller seine Schätze.

Sohni zog die Geldscheine aus dem Futter, rollte sie zusammen und wickelte sie in sein Taschentuch. Warum war die Straße am frühen Abend schon so menschenleer? Und wo steckte der Schirmmann? Mit dem im Rücken traute er sich nicht ins Innere. Er stellte sich hinter eine Säule und hielt den Krückstock wie einen Spieß. Ein Türflügel stand halb offen; säuerlicher Geruch drang aus dem Vestibül. Die Funzel, die wie eine madige Frucht an einem Akanthusblatt des Kapitells hing, beleuchtete ihn mehr als ihm lieb war. Er zog sich in den Hintergrund zurück. Als er sich mit dem Rücken an einen Wandpfeiler stellte, knackte es leise hinter der Tür, so als hätte jemand auf eine Erdnuss getreten. War da einer? Er packte den Krückstock fester und drehte den Kopf zur Seite. Im nächsten Augenblick hielt er den Atem an: riesige Plexiglasaugen spiegelten aus dem Dunkel das schmutzige Licht der sommersprossigen Birne.

Als sein Brustkorb schmerzte, stieß er die angestaute Luft aus, atmete durch und fasste den Krückstock mit beiden Händen. Die Plexiglasaugen bewegten sich nicht. Sollte er wegspringen? Doch bevor er dazu kam, packten ihn wie die Krallen eines Greifvogels zwei Hände und zerrte ihn ins Innere. Er widersetzte sich, klammerte sich an das eiserne Rankenwerk der Tür. Der Krückstock entglitt ihm. Ein Mörder, jagte es durch seinen Kopf. Seine Hand fuhr in die Tasche, umschloss den Flaschenhals. Im nächsten Augenblick spürte er eine Schlinge um seinen Hals. Doch bevor das schmale harte Leder seine Kehle zusammendrückte, schlug er zu.

Ein Gurgellaut entfuhr der Gestalt, als hätte sie einen Tritt in den Magen bekommen. Die Flasche hatte die Schulter getroffen. Er riss die Schlinge vom Hals, holte zum nächsten Schlag aus. Der kleine Mann wankte, schützte mit angewinkeltem Arm den Kopf. Die Flasche schmetterte auf seinen Ellenbogen und zerbarst. Klebriger Kräuterlikör ergoss sich über den Wettermantel. Der Arm des Mannes sackte kraftlos nach unten; wie ein Blinder tastete er nach einem Halt und röchelte. Sohni griff die zweite Flasche, erhob sie wie einen Hammer und zielte auf die Lederhaube.

„Nicht“, säuselte der kleine Mann, „ich geb dir Geld… Hör auf!“

Sohni trat ihm gegen die Kniescheibe. „Wat rückste denn raus du alte Dreckwanze?“

„Was?… Ja… fuffzich Mark…“

„Kann dit sein, dette ´n Dotmacher bist? Und kannste mal de Scheißbrille abmachen, ick will deine Fresse ankieken…weeßte.“

„Ja, Momentchen, muss ´n bisschen heller sein.“

Sohni ließ ihn näher an die Tür heran. Als die kurze Gestalt sich drehte und der trübe Lichtschein auf ihren Rücken fiel, blieb ihm noch einmal die Luft weg. Im nächsten Moment schlug der Türflügel zu, eine Taschenlampe blendete ihn. „Jetzt bist du dran!“ keifte eine grelle Stimme, als hätte sich der Mann in eine verrückte Alte verwandelt. Sohni wich nach hinten zurück; die Taschenlampe folgte ihm. Noch hatte er die Flasche in der Hand, und im Haus kannte er sich aus. „Du kommst nicht weg“, knarrte eine dritte Stimme. Waren da noch zwei andere? Oder verstellte der sich? Doch er hörte nur einen Atem, begleitet von einem leisen Pfeifton. „Dit wirste büßen du abjebrochene Mistratte“, drohte er zurück.

Der Lichtkegel zitterte, erfasste für den Bruchteil einer Sekunde die vorgestreckte Eisenspitze. Weniger als einen Schritt war sie von ihm entfernt, konnte ihn jeden Augenblick treffen. Als sie zustieß, sprang er zur Seite. Der Wettermantel knirschte, der kleine Mann stolperte. „Pech jehabt“, höhnte Sohni und schlug ihm von hinten die Flasche auf den Rücken – genau auf die Stelle, die soeben alles verraten hatte. Ein hohler Ton quälte sich aus dem gekrümmten Körper; die Taschenlampe knallte auf zersprungene Terrazzofliesen und rollte von ihrem Besitzer weg. Sohni hob sie auf, strahlte die blanken Gamaschen an, die magere Waden einzwängten. „Spindeldürre Beene mit Wadenquetscher, du alte Krücke“, lästerte er. „Wie findste dit wenn ick dir jetze ´n warmen Walzer um de Wade pisse?“

Der kleine Mann atmete schwer, stützte sich mit der einen Hand auf den Krückstock und drückte die andere gegen die Wand. Sohni richtete den Schein auf die verschmierte Motorradbrille. „Jib jetze dit Jeld raus“, drohte er, „sonst jibt´s uff ´n Wirsing.“

„Wie viel?“ Die Stimme klang wieder anders.

„Watte jesacht hast… ´n Fuffi… und mach hinne!“

„Das ist Raub. Wenn dich die Polizei erwischt, kommst du hinter Gitter.“

„Willste mir bei de Plempe anscheißen, du alte Sackratte?“

„Wenn du mich jetzt zufrieden lässt, melde ich dich nicht.“

„Wat… wat is denn nu los?“

„Ist so, wie ich sage. Dir glaubt man kein Wort. Am besten du verschwindest und hältst den Mund. Dann könnte ich ein Auge zudrücken.“

„Noch wat?“

„Komme ich dir bekannt vor? – Kannst du ruhig sagen… Vielleicht schenke ich dir fuffzig Mark zu Weihnachten.“

Sohni überlegte. „Nee“, erwiderte er, „will ick nich wissen… und dit Jeld kannste dir unter de Vorhaut schieben… weeßte. Ick hau jetze ab… und de Lampe is aber meene.“ Er schlug den Türflügel hinter sich zu und verharrte einen Augenblick unter dem Säulenportal. An einer Laterne auf der anderen Straßenseite stand der Hühnerschreck. Er jagte hinüber. Das Damenrad mit dem niedrig gestellten Sattel und dem Hilfsmotor war nicht gesichert. Er trat den Motor an und fuhr los.

5

Dieter und Frederic grinsten Ninne an, als hätten sie einen Clown vor sich. „Du warst bei Dombergs, nicht wahr?“ begann Frederic. „Weißt du noch, was du Dieter erzählt hast?“

Ninne fasste sich an den Pferdeschwanz und lachte. „Ja, weiß ich… Wir haben Verkleiden gespielt.“

„Auch, was du die Gemüsefrau gefragt hast?“

„Ja, ja… Ich bin traurig, weil Peter tot ist, aber Verkleiden macht Spaß.“

„Bist du nicht mehr ganz richtig im Kopf, Brüderchen, stimmt das alles nicht?“ Frederic wurde zornig.

„Das stimmt, und wir wollen den suchen.“

„Wie bist du auf Tarzan gekommen?“

„Weil der hochguckte und dann weg war.“

„Wir haben Spurn gefunden.“ Dieter machte ein wichtiges Gesicht. „Vor der Tür war Zigarettenasche und am Briefschlitz is wat kaputt…“

„Hast du was gerochen?“ Frederic wurde wieder freundlicher. „Rauchte da einer?“

„Ja, ganz viel.“ Ninne erzählte kurz sein Erlebnis; danach gingen sie in die Küche und schauten in den Hof. Tarzans Wohnung war hell erleuchtet. „Ich weiß nicht“, meinte Frederic, „ passt nicht zusammen… Was meinst du, Dieter, als Sherlock Holmes Nachfolger?“

„Tarzan is verdächtig. Mehr weeß keener, und ob der son Stock hat und ob der qualmt, weeß keener. Kann auch ´n andrer sein.“ Dieter kratzte sich die Ohren und schaute Frederic an.

Frederic war erheitert. „Müssen wir herausfinden; und du passt ab jetzt auf, Brüderchen, so wie es sich für einen Indianer gehört, und kein Sterbenswörchen!“

„Ich bring Dieter noch ein Stück; bin gleich zurück.“ Ninne holte sein Holzschwert und verließ mit seinem Spielgefährten die Wohnung. Vor dem Seifenladen am runden Platz verabschiedeten sie sich. Er schaute Dieter hinterher. Wie gerne würde er wieder bei den Ruinen wohnen! Als er sich seinem Haus näherte, ratterte auf dem Bürgersteig ein Ungetüm ohne Licht auf ihn zu. Er wich zur Seite; Sohni bremste und stellte den Motor ab. „Kannste mal sehn… weeßte“, sprach ihn Sohni an, „ ick hab dir am Jang erkannt und wejen dem Säbel. Wat issen mit dir los und haste jetze de Haare anders? Dit sieht jeil aus. Kannste mal warten?“ Sohni schob das Gefährt in seinen Hausflur und kam wieder heraus. „Komma schnell, und musste mal anfassen!“

Er folgte Sohni in den Hausflur. „Was ist damit?“

„Dit Ding muss innen Keller… jeht schnell.“

Als sie wieder im Hausflur waren und er gehen wollte, hielt ihn Sohni am Ärmel fest. „Haste nich Schiss dette mal jefickt wirst wenn de so rumloofst wie ne kleene Votze?“

„Ich bin doch kein richtiges Mädchen.“

„Da haste aber ne Ahnung!“ Sohni lachte. „Kommste uff´n Sprung mit hoch?“

„Ich muss zum Abendessen.“

„Nur uff de Schnelle… Ick hab Jeburtstach… weeßte. Meene Schwestern sind ooch da.

Ninne dachte nicht an Sohnis Vater und ließ sich überreden; und ehe er sich versah, saß er in einer verrauchten Stube eingequetscht zwischen zwei angetrunkenen Mädchen auf einer speckigen Couch, wurde geknuddelt, gekost und liebevoll seiner Freiheit beraubt. Nach einer halben Stunde befreite ihn die Mutter aus dem Knäuel. „Kommste mal wieder, Kleener, de Mädels sind janz verrückt nach dir und ick hab dir ooch jerne“, sagte sie an der Wohnungstür und streichelte ihm übers Haar.

Als er auf die Straße trat, bemerkte er auf der anderen Seite im Hauseingang neben dem Uhrmacherladen die Umrisse einer Gestalt, die einen Schirm über sich hielt. Es regnete nicht mehr. Kalter Wind kräuselte die Pfützen, trocknete die glatten Oberflächen der Pflastersteine und trieb welke Blätter vor sich her. Der aufgespannte Schirm erschien ihm überflüssig. Er stieß mit dem Fuß die Haustür auf und strebte zum Treppenaufgang. Vor dem Antrittspfosten mit dem Medusenhaupt kam ihm noch einmal die Gestalt mit dem Schirm in den Sinn. Als er den Fuß auf die erste Stufe setzte, erlosch die Hausbeleuchtung. Seine Hand tastete nach der Gorgone mit den furchtbaren Augen, befühlte die Schlangen aus Lindenholz. Im nächsten Moment fiel ein schwacher Lichtstreifen in den Hausflur. Jemand zwängte sich durch den Spalt und schloss behutsam die Tür hinter sich. Aus einer Wohnung erklang Jazzmusik.

Ninne lauschte in den Hausflur. Warum ging das Licht nicht an? Leise Schritte näherten sich, verstummten jäh. Er hangelte sich am Geländer vier Stufen höher und zog das Holzschwert aus dem Gürtel. Süßlicher Schnapsgeruch drang in seine Nase. War das ein Betrunkener? Er sah gut im Dunkeln, und durch die Farbglasfenster auf den Podesten drang ein wenig Licht vom Hof ins Treppenhaus. Der Eindringling verharrte hinter der Ecke, atmete, als bliese jemand leise auf einem Kamm. Ninne verspürte einen Lachreiz und biss sich auf den Daumen. Im nächsten Augenblick leuchteten zwei rote Pünktchen auf und richteten sich wie Augen auf ihn. Er fasste das Holzschwert fester; denn was sich da in Brillengläsern spiegelte, war der Leuchtschalter unter dem Sicherungskasten an der Wand. Wollte der nach oben? Eine Ahnung vereiste seine Haut. War das der Augenausstecher? Die roten Punkte kamen näher und blieben neben dem Medusenhaupt stehen.

Sekunden später zitterte das Treppengeländer; die roten Pünktchen verschwanden. Die Gestalt stand anderthalb Meter tiefer am Fuß der Treppe. In den großflächigen Brillengläsern sammelte sich farbiges Restlicht: bläuliche und grünliche Sternchen, die wie winzige Himmelskörper die Gläser besiedelten. Die Sternchen verrieten die Höhe der Gestalt. War das Tarzan? Er hielt den Atem an.

Die Brille drehte sich dem Sicherungskasten zu, die Sternchen verschwanden. Hatte der ihn nicht bemerkt? Aber Tarzan betrank sich nie und trug keine Brille! Ninne war nahe daran, auf den Treppenabsatz zu springen, als ein Feuerzeug anging und etwas beleuchtete, was wie eine Gasmaske aussah. Die Flamme wanderte zum Sicherungkasten, der gegen ein senkrechtes Rohr in der Ecke stieß, hinter dem sich ein Hohlraum befand. Was suchte der an seinem Versteck? Lange magere Finger drehten im Schein der Flamme einen Krückstock wie einen Bleistift, ehe sie ihn hinter das Rohr klemmten. Der Feuerzeugdeckel klappte zu und auf den Brillengläsern glitzerten wieder die bläulichen und grünlichen Sternchen. Wollte der ihn jetzt schnappen? Er setzte zum Sprung an. Doch als er losschnellen wollte, ging die Hausbeleuchtung an und tauchte ihn und den Fremden in das milchige Licht der Deckenleuchte. Der Fremde erinnerte an eine Kellerassel mit Wespenkopf. Bewegungslos starrten sie sich gegenseitig an: Ninne vorgebeugt, mit gesenktem Holzschwert, die Gestalt mit dem Rücken an der Wand, so als klebte sie wie ein Insekt am Fliegenfänger.

Die Uhr im Kasten, die die Beleuchtungsdauer regelte, tickte wie eine Höllenmaschine. Irgendwer hatte das Licht angeschaltet, ließ aber nichts von sich hören. Ninne beguckte die Gestalt mit dem beschmierten Mantel und den Lederröhren, konnte aber das Gesicht unter der Lederhaube und der Motorradbrille nicht erkennen. Der Wespenkopf schraubte sich aus dem steifen Mantel und legte sich auf die Seite. Das hatte etwas Tückisches an sich und erinnerte Ninne an den Frühlingstag bei Linde auf dem Balkon, als Tarzan hochgeschaut hatte. Sein Hals verengte sich. Er hatte das Gefühl, seine Füße wären an die Treppenstufe genagelt. „Sind… Sie… Herr Röder?“stammelte er.

Die Uhr tickte, Sekunden verrannen. Der Angesprochene schwieg, löste sich von der Wand und horchte nach oben. Im oberen Treppenhaus herrschte Ruhe. Das Uhrwerk schlug an, das Licht ging aus. „Nein, kleiner Freund“, antwortete aus dem Dunkel eine Stimme, die sich nach einer Ziege anhörte, „ich bin eine gute Fee und bringe dich zu den Engelein.“

Ninne fuhr zusammen. War das ein Irrer? Die Stimme erinnerte ihn an die steinalte Warmbrunn im ehemaligen Haus, die den Kindern Urin auf die Köpfe goss, wenn sie unter ihrem Fenster spielten. Das war nicht Tarzan – der hatte eine andere Stimme! Er fasste das Holzschwert fester und stieg eine Stufe höher. Ein Geräusch drang von einer höheren Etage nach unten und hielt ihn davon ab, zur Wohnung zu flüchten. Unter ihm leuchteten wieder die Sternchen, näherten sich, funkelten von Stufe zu Stufe schärfer. Sprödes Wetterzeug stieß gegen das Holzschwert. Einem römischen Kurzschwert nachempfunden war es ein wuchtiges Stück und wog schwer in der Hand. Er bog den Oberkörper nach hinten, wollte sich des fauligen Atems erwehren, der leise heranpfiff. Doch ehe er dazu kam, schnellten wie die Fangmaske einer Gottesanbeterin zwei Hände vor und legten sich wie eine Garotte um seinen Hals. Das Holzschwert entglitt seiner Hand und polterte die Stufen hinunter. Ein kindlicher Quietschlaut ertönte. Die Sternchen, die der blaue Harlekin vom Treppenfenster ins Dunkle sandte, erloschen und die hölzernen Hände fielen wie tote Äste herunter. „Wo seid ihr?“ rief eine weibliche Stimme. „Sagt was, Sophie, Alice!“

„Da hat einer Krach gemacht“, rief ein kleines Mädchen zurück, „wir sind da, wo der blaue Mann durchs Fenster guckt!“

Im nächsten Moment sprang die Uhr an. Der Wespenkopf glitt wie auf Schienen lautlos nach unten. Vor dem Harlekinfenster standen auf Strümpfen zwei kleine Gestalten und kicherten unter ihren Laken. „Wir spielen Gespenst… und was spielst du?“ sprach ihn die Größere an.

Ninne klammerte sich ans Geländer, während sich der Wespenkopf an den Pfosten schmiegte, als wollte er die Medusa küssen. Waren das weiße Mumien? War das der Augenausstecher? Kalter Schweiß perlte aus seinen Poren, rann über Rippen und Bauchdecke, klebte die aufgelösten Haare an Schläfen und Nacken und kühlte ihn wie eisiges Wasser. „Hast ´n Schreck gekriegt, nich?“ jauchzte die kleinere Sophie.

Er guckte die beiden an. Das waren doch keine weißen Mumien! Alice und Sophie, die eine sieben, die andere fünf, beharrten darauf, ihn erschreckt zu haben und hüpften auf dem Podest herum. Im nächsten Moment kam ihre große Schwester die Treppe herunter. „Heiliger Strohsack“, sprach sie ihn an, „siehst aus wie wenn dir der Leibhaftige am Wicklel hatte!“

„Der…Leibhaftige“, murmelte er und blickte zum Pfosten. Aber da war niemand mehr. „Ninne hat ´n Schreck gekriegt, Schreck gekriegt…!“ krähten Alice und Sophie und trampelten mit den Füßen.

„Nu is juti“, sagte ihre große Schwester, „jetzt lasst mal den armen Ninne in Ruhe.“

Er wartete, bis im zweiten Stock die Tür hinter den aufgedrehten Bälgern ins Schloss fiel, ehe er sich das Holzschwert holte und mit müden Beinen nach oben stieg. Was hatten die nur für Quakstimmen – greller als Frösche! Er musste lachen. „Du spinnst wohl“, empfing ihn Frederic, „einfach so lange wegzubleiben. Wo warst du denn?“

„Da war der… wo mein Versteck ist… und war der Augenausstecher… und der sieht aus wie eine Wespe…“, stammelte er, „…und der hört sich an wie eine alte Hexe…“

„Was faselst du da, Brüderchen, hast du wieder einen Holunderbusch auf Beinen gesehen?“

„Lass ihn in Ruhe, Frederic!“ fuhr die Mutter dazwischen. „Siehst du nicht, dass er was hat?“

„Na klar sehe ich das. Ninnepüppchen hat Gespenster gesehen. Guck dir mal seinen Malblock an, da wimmelt es nur so davon – in meinem Notenheft übrigens auch.“

„Komm Liebling, ich habe Milchreis für dich gekocht und danach gehst du gleich ins Bett“, sagte sie und schob ihn sanft in die Küche.

Als Ninne am nächsten Morgen aufwachte, dauerte es eine Weile, ehe er Traum und Erlebtes unterscheiden konnte. In seinem zerwühlten Bett lagen Holzschwert, Knallplätzchenrevolver, Bleisoldaten und Aufziehpanzer. Im Traum war er Rita gewesen, trug das Ballettkleid und Thomas quälte ihn. Dann war er das Mädchen in der Bratpfanne und der Augenausstecher marterte ihn mit dem Wanderstock; und dann verfolgten ihn weiße Mumien und kreischende Frösche und der blaue Harlekin versperrte ihm den Weg. Und dann war Sohni gekommen und hatte das Fenster mit dem Harlekin zertrümmert und dem Augenausstecher die Beine weggezogen. Er stellte sich krank und die Mutter entschuldigte ihn für den Rest der Woche in der Schule. Draussen stürmte und regnete es wie seit langem nicht mehr; doch obwohl er Sturm und Regen liebte, zog es ihn nicht nach draußen. An diesem Tag wollte er in der Wohnung bleiben und nur nach dem Stock gucken. Ob der noch da war? Er rollte sich aus dem Bett, wusch sich und zog seinen Trainingsanzug vom Schwimmverein an.

Das Treppenhaus wirkte selbst bei düsterem Himmel freundlich und hell. War keiner auf den Treppen, rutschte er auf dem Geländer, saß auf den Stufen und las oder betrachtete die Figuren, die die Buntglasfenster auf den Podesten zierten. Seine Lieblingsfigur war das Blumenmädchen zwischen zweiter und dritter Etage, das in der Morgensonne lachte und in der Abenddämmerung weinte. Jedes Mal entdeckte er einen neuen Ausdruck in dem von Goldhaar umrahmten Gesicht. Diesmal wirkte es angstvoll und aufgeregt. Er öffnete das kleine Seitenfenster und spähte zum Hinterhaus. Tarzan schien zu Hause; in seiner Küche brannte Licht. Im Treppenhaus war es still. Er schwang sich rittlings auf´s Geländer und rutschte bis zur Medusa hinunter. Auch im Hausflur war niemand. Er griff in den Hohlraum; der Stock war nicht mehr da. Er starrte noch auf das leere Versteck, als die Durchgangstür zum Hof knarrte und ein kalter Windzug in den Hausflur drang. Wie es schien, verließ jemand das Haus.

Ein leiser Pfeifton ließ ihn herumfahren. Zwei Schritte hinter ihm stand Tarzan. Eine breite Hutkrempe beschattete sein Gesicht. Den mickrigen Körper umhüllte ein langer schwarzer Mantel. Unter der Hutkrempe stachen Kinn und Nase spitz und scharf wie aus Kreide geschnitzt hervor. Wo kam der so plötzlich her? Ninne drückte sich zur Treppe hin und guckte nach unten. Tarzan trug Schuhe mit Kreppsohlen. Ninnes Hände wurden feucht. „Guten… Morgen… Herr… Röder“, presste er heraus, „…sah Sie gar nicht…“

„Mach dir keine Sorgen, mein Junge, ich suche meinen Hund. Ich glaube, der ist die Treppen hoch gelaufen… Hast du ihn gesehen?“ Tarzans Stimme klang noch sanfter als sonst. Wenn er atmete, pfiff er kaum hörbar wie ein Kessel, in dem das Wasser zu kochen beginnt.

Ninne blickte auf die Hundeleine, die wie eine Schlinge aus dem Mantelärmel heraushing; dann auf den Wanderstock, der auf Tarzans Unterarm hing. Er stieg eine Stufe höher, bevor er antwortete: „Den hab ich nicht gesehen, aber da war eben die Haustür auf… Vielleicht ist der rausgelaufen.“

„Warum bist du nicht in der Schule?“ forschte Tarzan unvermittelt.

Ninne vergrößerte den Abstand um eine weitere Stufe. „Wir haben heute schulfrei.“

„So, so, wegen Regen oder was?“ Tarzan kam einen halben Schrit näher. „Und da bist du so ganz alleine zu Hause?“

Ninne schwieg und blickte kurz auf die scharfe Eisenspitze des Stockes. Was sollte die Frage? Sie machte ihn noch misstrauischer. Er hätte nach oben laufen können, doch er fühlte sich mutiger. Doch dicht an sich herankommen lassen wollte er Tarzan nicht – die Würgemale an seinem Hals waren noch frisch. Als hätte er die Frage nicht gehört, zog er sich bis zur Mitte des Treppenzugs zurück und musterte Tarzan.

„Hast du Angst vor mir?“ Tarzan hob den Kopf und lächelte, so als wollte er Vertrauen gewinnen.

Ninne verglich ihn mit dem Wespenkopf, stellte sich ihn mit Motorradbrille und Lederhaube vor. Die Größe passte, wenn auch die Hutspitze das hölzerne Schlangenhaar der Medusa um eine Handbreit überragte. Aber der Augenausstecher roch nach Schnaps und hatte eine andere Stimme. Aber der Pfeifton beim Atmen war ähnlich! Und auch der Wanderstock, der am Unterarm hing, glich dem aus dem Versteck. Bis auf einen fehlten die Stocknägel und die hellen Stellen verrieten, dass sie vorher noch dran waren. Aber hatte der einen Buckel? „Tarzan wäre länger“, hatte Frederic neulich bemerkt, „klopfte man ihn wie einen krummen Nagel gerade.“ Ninne nahm den Daumen in den Mund, aber das half nicht.

Als er wieder Luft bekam, aber noch kraftlos am Treppengeländer hing, knallte Wodarski der Wasserpollacke auf dem Podest die Hacken zusammen und stierte ihn mit seinen Froschaugen an. „Wat jibts hier zu lachen uff de Treppe“, schnauzte er, „stichta der Hafer?“

Wodarski arbeitete als Nachtwächter, hörte und sah alles und trug auch in der Freizeit seine Uniform; und weil er spitzelte und anschwärzte, nannten ihn die Leute auch Blockwart und schnitten Grimassen hinter seinem Rücken. Frederic nannte ihn Karpfen und meinte, Wodarski könne mit seinen Froschsugen um die Ecke gucken.

„Schwerhörig?“ setzte Wodarski nach, stapfte mit seinen Stiefelbeinen einen Schritt vor und stemmte die Fäuste in die Hüften. Ninne stieg eine Stufe tiefer. Warum sollte er antworten? Das war doch ein Wichtigtuer! Er schwieg und betrachtete die dicke Leibesmitte des Karpfens.

Tarzan räusperte sich, trat bis zur ersten Treppenstufe vor und grüßte: „Guten Morgen Herr Wodarski, kein schönes Wetter heute, nicht wahr?“

Wodarski zog die schwarze Uniformjacke mit den silbernen Knöpfen straff, knallte erneut die Hacken zusammen, legte die rechte Hand an die Schläfe und hakte die linke ans Lederkoppel, das seinen Körper wie ein Fassreifen umspannte. „Morjen, morjen, Herr… Köder“, grüßte er zurück.

„Röder, Herr Wodarski, Röder“, verbesserte Tarzan. „Nicht weiter schlimm… Was sagen Sie denn dazu, ich meine, der Junge ist nicht in der Schule und treibt hier Unfug, lacht die Leute aus wie ein Narr.“

„Hatta Sie etwa unerlaubt ausjelacht?“ Wodarskis Stimme klang unwillig.

Ninne horchte auf. Was hieß denn das? „Der Karpfen ist blöde“, hatte Frederik gesagt und am Beispiel seines Gesichts erklärt, wie Idioten aussehen.

„Der lachte schon, als ich von der Straße hereinkam, hat bestimmt einer alten Dame was gemopst.“ Tarzan hob siegesgewiss seine Arme, so als wäre das erwiesen. Im nächsten Augenblick rutschte der Stock von seinem Arm und knallte auf die Stufen. Der Karpfen zucke zusammen und warf einen grimmigen Blick auf Tarzan.

„Stimmt nicht, sind gar nicht von der Straße rein!“ verteidigte sich Ninne. „Sie suchen Ihren Hund, haben Sie selber gesagt.“

Wodarski glotzte ausdrucklos wie ein halbgarer Silvesterkarpfen den Stock an, der längs auf den Stufen lag, so als hätte ihn der Aufprall aus der Fassung gebracht.Tarzan hatte bei Ninne verspielt, auch wenn die Mutter ihn für einen anständigen Menschen hielt und sich gelegentlich mit ihm unterhielt. „Der Rolli ist nach oben geflitzt“, wandte er sich an den Karpfen, „und Herr Röder hat der Medusa seinen Hut aufgesetzt, und da musste ich lachen.“

Das trübe Gesicht des Karpfens belebte sich wieder. „Wat is Rolli für eener und wat is Metusa für eene?”

„Medusa ist der Kopf vom Treppenpfosten und Rolli ist der Hund“, antwortete er und zeigte auf die Leine in Tarzans Hand.

„Watten, watten…looft det Mistvieh uff de Treppen rum?“ Die Schwabbelbacken des Karpfens blähten sich auf.

„Aber, aber“, wehrte sich Tarzan, „der Bengel lügt ja wie gedruckt. Mein Hund ist in der Wohnung…“

„So, so, inne Wohnung… Und wat is mitte Leine und wat machen Se überhaupt im Vorderhaus, wo Se doch int Hinterhaus jehörn, bitteschön?“

„Ich bitte Sie, Herr Wodarski, Sie reden mit mir wie mit einem Spitzbuben…“

Der Karpfen schnitt Tarzan mit einer schroffen Handbewegung das Wort ab und stellte sich breitbeinig hin, bevor er, wie es schien, einem lange gehegten Groll Luft machte: „Mal uff ´n Teppich bleiben, Meester… ick bin nich so doof wie ick ausseh, ick bin nämlich jeschultet Wachpersonal und kenne meene Pappenheimer, verstehnse?“

„Was meinen Sie damit?“ fragte Tarzan.

„Warum hamse eijentlich Licht an, wennse janz woanders rumjeistern, Herr Köder, und warum machen Se sich unkenntlich wie ´n Dunkelmann, sind Se da etwa uff Tour?“

„Das ist unerhört, Herr Wodarski, unerhört!“

„Det is schon richtich… Passen Se bloß uff!

Tarzan schnappte nach Luft und verschwand nach draussen. Den Stock ließ er liegen.

„Haste jut jemacht, müssen nur noch de langen Zotteln vom Kopp, so wie sich´s für ´n deutschen Jungen jehört, und denn wird noch wat aus dir“, lobte ihn der Karpfen und stampfte in seine Wohnung zurück.

Der Stock musste durch die aufgenagelten Wappen wie eine Raspel gewirkt haben; denn unter dem noch verbliebenen klemmten winzige Holzsplitter. Mit Taschenlampe und Lupe untersuchte Ninne den Briefschlitz und stellte fest, die Splitter stammten von dort. Den Briefschlitz im Auge tappte er ins Wohnzimmer und dachte über die Worte des Karpfens nach. „Dunkelmann“, flüsterte er, „ein Dunkelmann, der herumgeistert.“

VIII. Kapitel

1

Mitte November kündigte eisiger Wind einen strengen Winter an. Lange Wochen sollte die Stadt unter dickem Pulverschnee liegen. Peters Beerdigung stand vor der Tür. Immer wieder guckte sich Ninne die Straßenbahnbilder an, die zu seinen kostbarsten Schätzen gehörten und die er Peter als letzten Gruß mit ins Grab geben wollte. Vor Beerdigungen hatte er Angst, und die Vorstellung, Mutter, Vater und Bruder verschwänden eines Tages für immer in der Erde, bedrückte ihn oft. Friedhöfe kannte er; dort ruhten Vaters Mutter, Mutters Vater, Onkel Eberhardt und Tante Lieschen. Onkel Eberhardt hatte er tot im Bett liegen gesehen; keine halbe Minute hielt er das aus. Sein liebster Onkel war Bildhauer und sah auf dem Totenbett aus, als wäre er selber aus Stein gemeißelt – aus gelbem, hatte doch sein Gesicht die Farbe einer Zitrone. Keiner konnte ihm erklären, warum der tote Onkel so schauderhaft gelb war, bis auf Frederic, der meinte, Gelb wäre Onkel Eberhardts Lieblingsfarbe gewesen.

In der Zwischenzeit war nichts Aufregendes geschehen. Den Wanderstock versteckten Dieter und er am nächsten Tag auf dem Holzplatz und am Montag darauf ging er wieder in die Schule.

Dagmars Gesicht überzog sich mit einem zarten Rosa, als sie sich begrüßten. „Kannst du wieder sehen?“ erkundigte sie sich.

„Ja, ist wieder gut. Wo ist denn das Elenfantengesicht? Ist der noch krank?“

„Weiß nicht wo der olle Junge ist.“

„Was ist mit dem Elefantengesicht?“ fragte er in der Pause Linde.

„Meine Mutter hat bei Pflaume Krach gemacht, weil sie keinen Raufbold in der Klasse haben will. Der ist jetzt weg.“

„Der tut mir leid.“

„Der?“ Linde kraulte sich die Locken. „Was dir so alles passiert! Geht dir bald so wie Jesus. Erzähl bloß nicht Thomas, wann du Geburtstag hast!“

„Warum nicht?“

„Weil der spinnt. Gestern waren Rita und ihre Mutter bei uns…“

„Und?“

„Thomas wünscht sich zu Weihnachten ein Papstkostüm… Stell dir das mal vor! Rita sagte nichts; und dann sprachen wir über dich und da spitzte sie mächtig die Ohren… Und Thomas möchte mit dir spielen.“

„Mit mir?“ Ninne stellte sich ahnungslos.

„Ja, find ich aber nicht gut, und Rita ist viel zu groß für dich… Komm nach dem Turnen gleich zu mir!“

Ninne liebte die Turnhalle mit ihren riesigen Fenstern und dem Geruch nach Leder und Holz; außerdem mochte er die neue junge Sportlehrerin. Nach der Turnstunde nahm sie ihn zur Seite und erkundigte sich nach seiner Augenverletzung und wie es dazu gekommen war. „Boxen ist noch nicht das Richtige für dich, das hat bei Größeren und Stärkeren keinen Zweck“, belehrte sie ihn; „du musst Judo machen. Du bist flink und schnell… und wenn du das erstmal kannst, dann soll´n die mal sehen!“

„Ist das schwer?“

„Bleib noch hier, und wenn alle weg sind, zeig ich dir was.“

„Na, können wir?“ fragte sie, als sie allein waren und führte ihn auf die Matte für Bodenturnen. Sie hieß Martina, war schlank und biegsam wie eine Weidenrute und hatte kleine spitze Brüste. „Greif mich mal an“, sagte sie und schaute ihn schelmisch an.

Er duckte sich, wollte es so wie bei Kurtchen machen und sprang sie an, landete aber mit dem Rücken auf der Matte, als hätten ihn Geisterhände dorthin befördert. „Und jetzt nochmal, aber langsam“, sagte sie.

Er fiel wie vorher, nur sanfter; aber diesmal hatte er das Gefühl, als hätte er sich selbst hingelegt. Er guckte sie von unten an und wartete auf die nächste Anweisung. „Hat´s dir gefallen?“ fragte sie und half ihm auf die Beine.

„Ja, ganz toll. Kann ich das auch lernen?“

„Die Lehrerin verzog ihr hübsches Gesicht und zwinkerte mit den Augen. „Komm mal her, ich will dich mal abfühlen!“

Er trat auf Armlänge an sie heran und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Die Lehrerin lächelte. „Keine Angst, dichter“, ermunterte sie ihn und zog ihn an sich heran. Er spürte ihren glatten, festen Körper, der nach Meer und Algen roch. Sie befühlte seine Oberarme, griff ihm unter das Turnhemd und drückte ihre Daumen in Rippen und Bauch; dann drehte sie ihn mit einem Ruck um und legte ihren Arm um seinen Hals, als wolle sie ihm die Luft abdrücken. Ein wenig drückte sie auch, doch er empfand es als angenehm. „Und jetzt hör zu“, sagte sie und drehte ihn mit dem Gesicht zu sich, „ ich will dir was verraten: Du lernst das schnell, und wenn du willst, kannst du übermorgen zu uns kommen. Du musst aber deine Eltern fragen.“

„Mach ich… wo ist das?“

Sie schrieb Uhrzeit und Adresse auf und blickte ihn sekundenlang an, bevor sie ihm den Zettel reichte und sagte: „Sprich nicht darüber und prahle niemals damit!“

Vor dem Schulgebäude fing ihn Dagmar ab und bat ihn, sie ein Stück zu begleiten. Er hatte keine Zeit, Linde wartete auf ihn. „Ich muss zum Doktor“, log er, „der will sich nochmal mein Auge angucken.“

Sie nickte und ließ die Arme hängen. „Aber morgen musst du mich ein Stück bringen“, verlangte sie und guckte ihn mit ihren wasserfarbenen Augen lange an.

Sie tat ihm leid. Ständig schwindelte er sie an! Er schaute ihr nach und wollte sie zurückrufen, doch das kleine blasse Mädchen war schon verschwunden, als hätte es der Wind fortgeweht.

„Was bedeutet Buß- und Bettag?“ wandte sich Ninne an Frederic, als er zu Hause war. „Der ist morgen und dann kommt Totensonntag.“

„Spielt für dich keine Rolle, bist Heide, brauchst nicht büßen, nicht beten.“

„Ich bin aber am gleichen Tag wie Jesus geboren… Was sagst du nun?“

Frederic legte sein Lehrbuch auf den Tisch, strich sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn und setzte eine nachdenkliche Miene auf. „Du weißt ja wie der Heiland gestorben ist, oder?“

„Weiß ich, am Kreuz. Aber dann wurde er wieder lebendig.“

„Stimmt… und lebt immer noch. Ein echtes Wunder.“

„Und warum büßen die Leute am Bußtag nicht? Ich hab noch nie einen gesehen, wie er büßt und Schmerzen hat und blutig ist. Dich auch nicht, und du bist eingesegnet.“

Frederic zückte seinen Kamm und bändigte das wellige schwarzbraune Haar. „Dafür habe ich dich, Brüderchen; wer so etwas wie dich hat, kann auf Buße verzichten. Außerdem kann man nicht gleichzeitig beten und büßen.“

„Warum nicht?“

„Büßen tut weh, und mit Schmerzen kann man nicht beten. Das würde sich grauenhaft anhören.“

„Und wenn man erst betet und dann büßt oder andersherum?“

„Gute Frage, aber das macht keiner.“

„Und warum nicht?“

„Sünde und Buße gehören zwar zusammen, aber du kannst beten und Gott um Vergebung bitten, wenn du gesündigst hast, dann brauchst du nicht mehr büßen. Die Leute beten deswegen lieber.“

„War Jesus ein Sünder?“

„Nein, Brüderchen, Jesus hat die Sünden der Menschen auf sich genommen und für sie gebüßt – einer musste es ja tun.“

„Dann brauchen sie ja nicht mehr in der Hölle büßen… Aber woher weißt du das alles?“

„Das musste ich alles vor der Einsegnung pauken. Christen wissen daher mehr als sie glauben.“

„Sind die schlauer als Heiden?“

Frederic lehnte sich zurück und schmunzelte. „Weißt du, was unser Großvater gesagt hat, bevor er starb?“

„Nö.“

„Unser Urgroßvater war Pfarrer und Großvater als sein Sohn kannte die Bibel auswendig. An Gott zu glauben, habe er gelernt, sagte Großvater, und ohne die Schriften und Predigten hätte er keinen blassen Schimmer vom christlichen Glauben. Glaube aber sei das Gegenteil von Wissen; und da er über die Heilsgeschichte soviel wisse, glaube er nicht an sie. Kommst du mit?“

„Nein, ich darf ja nicht zum Religionsunterricht. Ich will das alles wissen. Mama sagt, ein Mensch kann nur fromm in seinem Herzen sein und muss nicht in die Kirche gehen.“

Frederic lachte. „Wenn du ein kleiner Jesus sein willst, Kleiner Biber, musst du dir das zu Herzen nehmen.“

„Ich möchte lieber wie Spartakus sein.“

„Der ist noch vor Jesus am Kreuz gelandet, aber tot geblieben.“

„Möchstest du so einer wie Jesus sein?“

Frederic schloss die Augen, und als wolle er den Allmächtigen anrufen, verschlang er die Hände ineinander und streckte sie empor. „Ich bin schmerzempfindlich, schon ein Schnupfen könnte mein Gottvertrauen auf die Probe stellen.“

„Mama sagt, du bist altklug.“

„Ich nehme an, sie verriet dir auch, was das ist. Ich bestreite das nicht…“

„Peter wird nächste Woche beerdigt. Da ist bestimmt ein Pfarrer dabei. Kommst du mit, Frederic?“

„Das is jetzt kein Friedhofswetter, Brüderchen. Sei tapfer und geh alleine hin.“

2

Feiner scharfkörniger Schnee peitschte Ninne ins Gesicht, als er aus dem Doppeldeckerbus stieg und dem Friedhofstor zustrebte. Eine schmale Gestalt mit einem Gebinde in der Hand kam ihm mit müden Schritten entgegen. „Guten Morgen, Frau Handel“, begrüßte er Peters Mutter.

Sie legte stumm ihre Hand auf seine Schulter und blickte ihn mit verweinten Augen an. „Komm kleiner Ninne“, sagte sie, „Peterchen wartet auf uns.“

In der düsteren Trauerhalle war es noch kälter als draußen. Mit gesenktem Kopf schritt Peters Mutter zur Stirnseite des kahlen Raumes und legte das Gebinde auf den schmucklosen Sarg, der von heruntergebrannten Kerzen dürftig beleuchtet auf einem steinernen Sockel ruhte. Im nächsten Moment schneite der Pfarrer herein, warf ihr sein Beileid zu und steuerte ohne Umschweife auf das Rednerpult zu. Ihm folgten in dicken schwarzen Mänteln zwei Totengräber, die ihre Schirmmützen unter den Arm klemmten und sich sprungbereit neben dem Sarg aufstellten. Breit und kantig wie ein Klotz der eine, aufgedunsen und bläulich wie eine Wasserleiche der andere, fassten sie den Schrein ins Auge, so als könnte der jeden Augenblick Beine bekommen. Der Pfarrer räusperte sich, hob das Gesangbuch und streckte der zweiköpfigen Trauergemeinde wie eine Warnung vor Tod und Verderben seinen runden, platten Bart entgegen, der wie der Atemfilter einer Gasmaske aussah, bevor er seine Predigt heruntermurmelte. Nach drei Minuten war die Trauerfeier vorbei. Der Gottesmann rieb sich die Hände warm und nickte den Totengräbern zu, die das Gehäuse aus heller Fichte auf ihre Schultern stemmten und ruckartig wie Ruderwanzen nach draußen marschierten.

Das Grab war nicht weit entfernt. Neugierig guckte Ninne hinein. Es war nicht so tief, wie er es sich vorgestellt hatte, nicht mehr als anderthalb Meter. Das Schneetreiben nahm zu; die Totengräber ließen den Sarg hinab. „Kommste noch früh jenuch rin, Kleene“, raunte ihm der Klotz zu und schob ihn vom Rand weg.

„… Staub zu Staub“, trug der Wind an sein Ohr, Krumen gefrorener Erde prasselten auf den Sargdeckel. Im nächsten Moment stand er mit Peters Mutter allein am Grab; Pfarrer und Totengräber verschwanden im Schneegestöber. Er holte die Bilder aus der Tasche und ließ sie einzeln hinunterflattern. „Sind für dich Peter“, flüsterte er und guckte auf die roten, gelben, grünen und blauen Straßenbahnen aus aller Welt, bis sie der Schnee bedeckte.

„Komm jetzt kleiner Ninne“, drängte Peters Mutter, „sonst holst du dir noch eine Lungenentzündung.“

Er drehte sich um und blickte in ihr verhärmtes Gesicht. „Hat gar nicht lange gedauert, Frau Handel, und der Pfarrer…“

„Der hatte keine Zeit. Ich bin eine arme Frau, und Peters Papa ist schon lange tot… Da wird man eben so behandelt… So ist das auf der Welt, kleiner Ninne. Und mein Peterchen ist jetzt auch nicht mehr…“ Ein Weinkrampf nahm ihr die Sprache.

Jetzt flossen auch ihm die Tränen. „Ohne Peter spiel ich nicht mehr Straßenbahn“, schluchzte er.

Mit dem Zipfel ihres Taschentuches tupfte sie ihm die Augen trocken und zog ihn vom Grab weg. „Leb wohl kleiner lieber Ninne, Gott schütze dich“, sagte sie am Friedhofstor, „und sag auch deiner Mutti ein Lebewohl von mir.“

„Kommen Sie nicht mit?“

Peters Mutter antwortete nicht mehr, drehte sich um und tauchte im Flockenwirbel unter.

Als er wieder oben im Doppeldecker saß, dachte er an Peters Tod vor vier Wochen. Hatte er nicht Stunden davor gefühlt, er würde ihn nie wieder Straßenbahn spielen sehen? Und würde er Frau Handel wiedersehen? Er nahm sich vor, gleich nach der Schule bei ihr zu klopfen.

Die Schulzen gab gerade die Aufsatzhefte zurück, als Ninne eintrat. „Setz dich und lärme nicht!“ herrschte sie ihn an. Ihre unwirsche Stimme verhieß nichts Gutes. Bei seinem Aufsatz war nichts angestrichen, nichts bewertet; unter der letzten Zeile war nur vermerkt: „Scheint mir nicht von dir zu sein.“

Er las das noch einmal. War die verrückt? Doch er wollte sich nicht mit ihr streiten und schob das Heft von sich weg. Seine Gedanken weilten bei Peter und seiner Mutter. „Schläft er?“ störte ihn die Schulzen auf. „Will er nicht aufwachen?“

Frederic hatte ihm geraten, nicht zu antworten, sollte sie ihn noch einmal in der dritten Person anreden. Das befolgte er jetzt und guckte zur Decke. „Dir werd ich helfen!“ drohte sie und holte den Zeigestock, den sie gewöhnlich nur gegen Bodo einsetzte. Glaubte die, er würde sich das gefallen lassen? Er wollte ihr das sagen, doch die Spitze saß schon auf seinem Schlüsselbein. Weh tat es nicht, aber es beleidigte ihn. „Nehmen Sie das Ding weg, ich bin keine Tafel!“ warnte er sie.

„Huch, da wird er ja wach!“ alberte sie und drückte stärker.

Ninne biss sich auf die Lippen, versuchte die Wut zu bändigen, doch sie ließ sich nicht mehr bezwingen. Im nächsten Augenblick knallte der Stock wie ein Geschoss gegen die Tafel, prallte schräg nach unten ab und schlug gegen den Lehrertisch; Kreide, Schwamm, Lineal und Zirkel lagen auf den Boden, Staubwölkchen zogen zur Tür. Wie vom Schlag gerührt verharrte die Schulzen sekundenlang mit aufgerissenem Mund und zangenartig geöffneten Händen in ihrer Stellung, ehe sie ihm das aschfahle Gesicht zuwandte.

Er sah das Weiße in ihren Augen, spürte das Unwetter, das sich zusammenbraute. Doch er fürchtete sich nicht. Noch sagte sie nichts, noch sah sie mit ihrem aufgesperrten Mund wie ein Nistkasten aus. Allmählich kehrten die Grundfarben ihres Gesichts zurück, malten die Stirn brotfarben, die Nase aschgrau und die Augenränder und Tränensäcke tintenblau. Sie holte Luft, kippte den Kopf nach hinten und befühlte die Nasenlöcher. Doch ihre Fingerspitzen wiesen keine Spuren von Blut auf. Zentimeterweise kippte sie den Kopf wieder nach vorne, beugte den Oberkörper und näherte sich mit ihrer Stirn seine Nase. Für Sekunden hatte er das Gefühl, ein Totem neige sich auf ihn herab, schrecklich bemalt und mit einem Mund wie ein Papageienschnabel.

„Du wagst es“, zischte sie mit dürrer Stimme, „wagst es, einen Lehrer anzufallen?“

„Ich lass mir so was nicht gefallen!“

„Du hast die Stirn zu widersprechen?“ keifte sie. „Du hebst sofort alles auf, und dann…“

„Mach ich nicht.“

„Willst du zum Rektor?“

„Hab ich keine Angst vor.“

Die Schulzen stakste steif wie ein Brett nach vorne und stellte sich vor die Klasse. „Habt ihr das gehört? – Wollt ihr mit so einem weiter zusammen in einer Klasse sitzen?“

Linde stand auf, seine neue Brille klemmte schief auf der Nase. „Ich ja“, empörte er sich, „und Sie dürfen Ninne nicht mit dem Zeigestock piesacken! Ich gehe mit zu Herrn Pflaumbaum.“

Sie setzte sich hin und blätterte im Klassenbuch; Lindes Auftritt schien sie zu beschäftigen. „Kann ich den Stock für Ninne aufheben?“ meldete sich Bodo und streckte seinen Wasserkopf in die Höhe.

„Nein, Bodo, das tust du nicht. Zieh deinen Kopf ein und sei ruhig!“

„Mich martern Sie immer mit dem Zeigestock, und wenn Ninne den an die Tafel schmeißt…“

„Bist du von Sinnen?“ Die Schulzen sprang auf und schlug die Faust auf den Tisch. „Red´ kein dummes Zeug – von wegen martern!“

Das Wort martern zog die Sache ins Lächerliche; Ninne lachte als erster. „Ist aber die Wahrheit“, bestätigte er, „und Bodo tut keiner Fliege was und Sie martern ihn.“

„Die Mädchen kicherten. „Ick will ooch nich mitten Stock jemartert werden wie vom Indianer“, heizte die vorlaute Sybille die Stimmung an.

Die Schulzen nahm sich erneut das Klassenbuch vor, so als enthielte es eine Anleitung zur Aufstandsbekämpfung. „Ich möchte mit dem Unterricht fortfahren“, erklärte sie nach einer Weile, „und zugleich bitte ich euch, keinen Unsinn zu verbreiten… ich meine das mit dem Zeigestock… ich meine, in meiner Klasse wird keiner gemartert.“

Als Ninne nach den Schularbeiten Lindes Haus verließ, trug ihn ein rauschhaftes Siegesgefühl durch den frischen Schnee. Vor dem Spielzeugladen verhielt er den Schritt. Es ging auf Weihnachten zu und hinter dem Schaufenster blitzten zwischen Tannenzweigen und Christbaumkugeln Schlittschuhe und Schlittenkufen. Doch mit den Judosachen hatte er sein Geschenk schon bekommen. Schlittschuhstiefel aus rotem, schwarzem und weißem Leder fesselten seinen Blick. Und er hatte nur angerostete Schraubendampfer, die nach kurzer Zeit jeden Schuh kleinkriegten. Ein Pfiff von der anderen Straßenseite ließ ihn herumfahren. „Haste ´n paar Takte Zeit?“ rief Sohni herüber.

Ninne winkte. Sohni kam herüber und stellte sich in seiner nagelneuen Lederjacke mit Pelzkragen breitbeinig vor ihm hin. „Dufte Sachen, wat?“ bemerkte Sohni mit einem Blick ins Schaufenster. „Kannste Schlittschuhe fahrn?“

„Ja kann ich, ich habe aber nur olle Hackenabreißer.“

„Und jetze biste scharf uff de Dinger da im Laden, wat?“

„Die sind Klasse, Säge und Hohlschliff, aber die kann mir meine Mama nicht kaufen.“

„Ick bin hier nich jerne… weeßte.“ Sohni guckte sich nach allen Seiten um. „Hier sind immer de janzen Scheißtiere vonne Straße und quatschen… weeßte. Wolln wa nich ´n Stücke loofen?“

„Ja, können wir, ich geb nur schnell meine Schulmappe ab.“

Als Ninne auf die Straße trat, kam Tarzan mit seinem Terrier heran. Er stellte sich neben Sohni und gaffte ins Schaufenster. „Da kommt der Puckelf anjerudert“, bemerkte Sohni, „sieht aus wie ´n Sarch uff Beene… Kennste den?“

Ninne zögerte. Wie kam Sohni auf Sarg? „Tarzan wohnt bei uns im Hinterhaus“, antwortete er.

„Wat…wie, so ne alte Mistkrücke nennste Tarzan? – Uff echt? Ick krieg ´n Steifen…weeßte, und dit is fürhaupt dit Schärfste wat ick jehört hab bei so ne krumme…“ Sohni bekam einen Lachanfall.

Tarzan verlangsamte den Schritt und zog den Hut tiefer in die Stirn. Sohni knetete einen Schneeball und versteckte ihn hinterm Rücken. Als Tarzan auf Schussweite war, warf er ihm den Schneeball an den Kopf. Der Hut lag im Schnee, und während sichTarzan nach ihm bückte, zerrte der Terrier an der Leine und riss ihn von den Füßen. Ninne wollte Tarzan helfen, doch Sohni hielt ihn davon ab. Tarzan quälte sich auf die Beine, klopfte den Schnee vom Mantel und ging mit abgewandtem Gesicht an ihnen vorbei. „Jeh mal zu deine Affen, Tarzan!“ brüllte Sohni hinterher.

Ninne blickte sich um. Hoffentlich hatte die Spielzeugfrau nichts bemerkt! Er schämte sich und floh auf die andere Straßenseite. Sohni holte ihn ein. „Willsta dünnemachen und weeßte fürhaupt wat dit für eener is?“ warf er ihm vor.

„Wenn jemand hinfällt, muss man helfen und nicht solche Ausdrücke sagen!“

Sohni zog seinen breiten Mund noch breiter und leckte sich die Oberlippe. „Aba nich wenn dit so eener is…weeßte.“

Ninne überlegte. „Für den Buckel kann er nichts… Aber Tarzan war gemein zu mir.“

Sohni schob sein Kinn vor und legte die Hände hinter die Segelohren. „Wat hatta jemacht?“

Ninne zögerte. Sollte er vom Stock erzählen? Dieter konnte nicht mehr mitmachen, seine Mutter war krank, und Frederic hatte keine Zeit. „Da hat einer bei uns im Haus einen Krückstock versteckt“, weihte er Sohni ein, „ein komischer Mann, der sah aus wie eine Wespe; und am nächsten Tag hab ich den Stock geholt und da war Tarzan…“

Sohni kniff die Augen zusammen und bleckte seine kleinen viereckigen Zähne. „Is dit so ´n Viech wat janz jemein sticht…weeßte, und wat issen dit für ne Krücke?

„Ja, die sind schwarzgelb gestreift und der Stock hat lauter Abzeichen und der muss ein Motorrad haben; und ich glaube, der ist ein Augenausstecher.“

Sohni holte eine Zigarettenschachtel aus der Tasche und polkte sie auf. „Wat für ´n Oogenausstecher, haste ´n Jeisterfilm jesehn?“

Ninne erzählte die Geschichte und fügte hinzu: „Und der Karpfen sagte, Tarzan verkleidet sich, wenn es dunkel wird.“

„Roochste eene mit?“ Sohni hielt ihm die Schachtel hin.

„Nö, will ich nicht.“

Sohni steckte sich eine an und machte ein paar Züge. „Und weeßte noch wenn dit war mitte Wespe?“

„An dem Abend, da haben wir das olle Knatterding in den Keller gebracht und dann sind wir zu dir. Und dann bin ich runter auf die Straße und da stand einer mit einem großen Regenschirm…“

„Und wo haste de Krücke?“

„Auf dem Holzplatz. Sollen wir sie holen?“

Sohni nickte. Der Holzplatz war geschlossen. Sie stapften zwischen den zugeschneiten Bretterstapeln umher und suchten den richtigen. Endlich fand Ninne den Stock und reichte ihn Sohni. „Das ist er und der ist vom Augenausstecher, weiß ich ganz genau.“

Sohni wog, drehte, schwang und beguckte den Wanderstock, stieß ihn wuchtig in den Schnee und grinste. „Und wat gloobste wer dit is?“

„Weiß ich nicht. Der Augenausstecher roch nach Schnaps und war dreckig und Tarzan ist nie betrunken und das Gesicht konnte ich nicht sehen; der hatte eine ganz große Motorradbrille auf. Was sollen wir jetzt machen?“

„Und biste sicher detter son Ding uffhatte?“

„Ja, und einen Gummimantel und Wadenquetscher – ganz gemein!“

„Wadenquetscha!“ Sohni lachte. „Woher weeßte, dette Dinga so heißen?“

„Die heißen richtig Gamaschen… Hilfst du mit, den zu fangen?“

„Aber fette! Ick will dir aba noch wat andret erzähln…weeßte, und jetze lass uns mal abzittern.“

Ninne schob den Stock wieder zwischen die Bretter und führte Sohni auf die Straße zurück. Kurz darauf gingen sie an der Ruine vorbei, in der sie sich kennengelernt hatten. Sohni blieb stehen, schien etwas sagen zu wollen, steckte sich aber nur eine Zigarette an. Als sie den runden Platz überquerten, blieb Sohni abermals stehen und fragte: „Haste am Nikolaus Zeit?“

„Was ist da?“

„Kennste Krille?“ Dit is meene Mieze… weeßte, und die hamse inne Erziehungsanstalt jesteckt und ick dürf se nich sehn.“

„Die hat meine Hand nicht eingequetscht…“

„Ick war neulich da und wollte rin…weeßte, und da hamse mir anjeglotzt und denn kam so´ne dicke alte Votze anjewackelt und hat jesacht, dit is nich jestattet, und für so een wie mir schon ja nich. Und weeßte, wat ick jemacht hab?“

„Sag!“

„Dit war vorne beim Förtner, ´n alter Pissbär…weeßte, und denn hab ick die alte Mistsau ´ne volle Rückhand uff de fetten Arschtitten jeklatscht und ne Mücke jemacht. Ick kann mir da nich mehr blicken lassen…Ick muss aba olle Krille wat sagen und dit is janz wichtich. Da musste mir helfen!“

„Und was?“

„Wir jehn da hin am Nikolaus und denn musste wat ufftischen dette rinkommst…weeßte, und dit andre siehste denn schon. Jeht dit?“

„Wenn ich aus der Schule komme, ja.“

Sie machten den Tabakladen als Treffpunkt aus. Danach ging Ninne zu Frau Handel. Die Fenster der kleinen Wohnung im Erdgeschoss des Seitenflügels waren zugezogen. Er klingelte und klopfte, doch hinter der Tür rührte sich nichts. Wo konnte sie sein? Peter hatte immer gleich aufgemacht. Tränen liefen über seine Wangen. Bevor er den Hof verließ, guckte er zu Tarzans Wohnung hoch. Das Küchenfenster stand einen Spalt offen. Es roch nach Linsen mit Speck.

Vor dem Spielzeugladen stand der Rat der Weisen, wie Frederic die tägliche Zusammenkunft nannte. Der Uhrmachermeister spannte wie ein Häscher die Arme auf, als Ninne näherkam. „Sei willkommen!“ rief er, „wir möchte dich was fragen.“

„Guten Tag, Herr Stuhlträger“, grüßte Ninne. „Was möchten Sie wissen?“

„Ach, nichts weiter. Aber du warst doch dabei, wenn dein großer Freund den armen Herrn Röder zu Fall gebracht hat, oder nicht?“

„Dafür kann ich nicht, ich hab mir Schlittschuhstiefel angeguckt“, antwortete er und ging in den Laden.

„Du hast keine Schuld, Ninne“, bestätigte die Spielzeugfrau. „Willst du deinen Ranzen abholen?“

„Kann er bitte noch hierbleiben, Frau Paulsendorf? Ich will in den Park zur Schlidderbahn und dann in die Bücherei.“

„Ja, ja, natürlich, nur zu!“

Auf der Rodelbahn wimmelte es von Schlitten, Kindern und Müttern, da konnte er nicht schliddern. Enttäuscht schlurfte er durch den tiefen Schnee zur Bücherei und spähte durch die Terrassentür in den Lesesaal. Drinnen war niemand; er ging zum Haupteingang. Rita zog gerade ihren Mantel an, als er auf die Garderobe zuging. „Ninne!“ rief sie leise und umarmte ihn. „Ich hab dich gesucht, ich dachte, du wirst heute herkommen… Und da bist du ja auch.“

„Bist du schon lange hier? Ich wollte schliddern, aber da ist alles voll, und heute morgen war ich zur Beerdigung. Das war traurig, da wurde Peter begraben.“

Sie drückte ihn noch einmal an sich, ehe sie antwortete: „Eine halbe Stunde, vielleicht etwas mehr. Wo kommst du denn her? Thomas fragt jeden Tag nach dir. Er ist seit einer Woche krank.“

„Ich war im Spielzeugladen, aber da sind jetzt die ganzen Meckertanten.“

Rita knöpfte sich den Mantel zu und wickelte einen Wollschal um ihren Hals. „Ich muss zum Kirchenchor, zur Probe. Kommst du ein Stück mit?“

Die Kirche sah unter der Schneelast wie ein Lebkuchenhaus mit Zuckerguss aus. Maßwerkfenster blickten wie riesige Augen auf sie herab. Rita schob die dunkelrote Wolle von ihrem Mund weg und neigte sich. „Ich muss dir so viel erzählen, süßer Ninne“, flüsterte sie ihm ins Ohr, als fürchtete sie einen Lauscher. „Hast du am sechsten Dezember Zeit, da sind Thomas und ich allein zu Hause?“

„Am Nikolaustag?“

„Ja, da mache ich eine Prinzessin aus dir.Thomas wünscht sich das so sehr. Und hast du alles geheimgehalten?“

„Ja, hab ich, aber am Nikolaustag kann ich erst nachmittags kommen.“

„Gut, wir warten auf dich, und ich bin dann …“

„Na Rita“, ertönte hinter ihnen eine Männerstimme, „wen hast du denn da mitgebracht?“

„Guten Tag Herr Pfarrer“, antwortete sie und errötete, „ja, ich bin… ach ja, das ist Ninne… Thomas´ Freund.“

„Du scheinst mir doch eher ein kleines Fräulein zu sein, nicht wahr?“ sprach ihn der Pfarrer an und tätschelte ihn. „Ich glaube, wir kennen uns. Willst du nicht mal zu uns in unsere schöne Kirche kommen?“

Ninne zog den Kopf ein. Hatte der ihn erkannt? Die Peinlichkeit kroch ihm bis in die Zehenspitzen. Der Pfarrer lächelte, fasste ihm sanft unters Kinn und sagte: „Nun schau mir mal in die Augen und sag dem Pfarrer Mirbach deinen richtigen Namen.“

„Die sagen alle Ninne zu mir, auch in der Schule. So heiße ich, und ich bin ein Junge.“

Der Pfarrer streichelte seine Wange. „Na gut, dann bist du eben Ninne. Du bist herzlich willkommen.“

3

Sohni zog gerade den Wanderstock aus dem Bretterstapel, als er ein heiseres Kläffen vernahm. Er drehte sich vorsichtig um und entdeckte einen Schäferhund, von dem aus dem hohen Schnee nur Augen und Ohren herausguckten. Im nächsten Augenblick traf ihn ein Holzkloben wie ein Tomahawk an der Wade, und als wären Sehnen und Muskeln durchtrennt, knickte er ein und plumpste mit dem Hintern zuerst in den Schnee. „Blattschuss!“ höhnte eine tiefe Stimme. „Meene erste Sau inne Wintersaison.“

Der Schmerz hielt Sohni am Boden. Er drehte den Kopf in Richtung der Stimme. Zwölf Meter entfernt grinste eine Gestalt, die in ihrem sibirischen Fellmantel wie ein Eisbär aussah. Das muss der Holzwurm sein, von dem Ninne erzählt hat, fuhr es ihm durch den Kopf, und der soll ein Holzbein haben. „Bleib ja uff ´n Arsch sitzen und keene Fluchtversuche“, warnte der Holzwurm, „ick bin schnell wie ´n Rennpferd.“

Der Schnee kühlte seine Wade, der Schmerz ließ nach. Konnte er es wagen? Der Hund war alt, wie er von Ninne wusste, und wenn der ein Holzbein hatte, reichte der Vorsprung allemal. Er drehte sich auf die Seite und jammerte: „Dit Been is kaputt…aua! Kann nich mehr loofen… aua, is allet zermanscht…aua!“

Der Holzwurm rieb sich den Schnurrbart und spuckte seinen Priem aus. „Die Masche zieht nich, du Rübensüß. Von wejen aua, aua!“

Sohni bewegte das rechte Bein; es tat weh, aber er konnte es gebrauchen. Der Holzwurm rief dem Hund einen Befehl zu und stapfte los. Sohni drückte sich hoch. „Wirste mal schön uff ´n Arsch bleiben!“ brüllte der Holzwurm.

Sohni hinkte so schnell er konnte davon. Der Holzwurm fluchte und jagte ihm den Schäferhund hinterher, doch das betagte Tier blieb auf halber Strecke im Schnee stecken. „Dit wirste bereun, du alter Mistkrüppel!“ schrie Sohni von der Straße. Die Wade schmerzte wieder stärker. Er humpelte von der Mauer weg und rieb sie mit Schnee ein, bis sie sich wie ein auf Eis gelegtes Fischfilet anfühlte. Zum Glück hatte er den Stock! Sein neuer Freund Krücke wusste von seinem Kampf im alten Geschäftshaus und fand heraus, Tarzan besaß einen Blumenladen an einem Friedhof. Ninnes Geschichte passte dazu. Auch der Stock war derselbe. Aber warum wollte der Ninne kaltmachen? Er dachte an den Tag in den Ruinen und schüttelte sich. Auf Umwegen erreichte er eine Kneipe. „Zum Sportsmann“ prangte über der Tür. Ein grob gemalter Fußballer mit Bierwampe verbürgte das. Krücke saß im Schlosseranzug an der Theke und redete auf eine vierschrötige Kellnerin ein, die mit vollgestopften Backen zuhörte. „Hasta ´n Pferdekuss einjehandelt?“ begrüßte ihn Krücke.

„Nee, ausjerutscht…weeßte“, erwiderte Sohni. „Ick hab wat Neuet.“

„Neuet? Musste von Amts wejen erstmal ´n Klaren tanken, is jejen allet.“

Er setzte sich neben Krücke und beobachtete, wie die Frau mit einem Kotelett zwischen den Zähnen einen doppelten Korn eingoß. „Nee, nee, nich so ville“, wehrte er ab, „dit jeht mir inne Bonje.“

Die Kellnerin nahm das Kotelett aus dem Mund und schlürfte die Hälfte ab. Angeekelt blickte er auf den mit Fett beschmierten Rand und die Fleischfasern, die wie zerkaute Kellerasseln in der durchsichtigen Flüssigkeit schwammen. Er schob den Trunk zu Krücke hin und schützte Zahnschmerzen vor. Krücke grinste, rührte mit einem Streichholz im Glas und ulkte: „Fleischbeilage, vorjekaut. Wat willste mehr? Fehlt noch ne fette jrüne Aule oben druff als Kompott.“

Sohni wurde speiübel. „Schnaps is jut für Cholera, jumheidi und jumheida…“ sang die Kellnerin mit vollem Mund und leerte das Glas. Er war erlöst und schnappte nach der Zigarette, die Krücke ihm hinhielt. Als die Kellnerin sich zu einem Gast setzte, berichtete er die letzten Neuigkeiten. Sein neuer Freund, über zehn Jahre älter als er, strich sich mit seiner knochigen Hand dreimal hintereinander über das ölige Haar und rauchte in langen Zügen die Zigarette zu Ende, ehe er sich äußerste: „Also jut, det is ´n Kindermörder, und da mussa von Amts wejen blechen. Der hat ne Anjestellte, ne Jungsche, aba ick weeß, wenna im Laden is. Ick mach det von Amts wejen klar und denn jibt´s Zasta.“

„Und wat krieje ick?“ wollte Sohni wissen.

„De Hälfte… und wat is mit Püppi und Krille?“

„Willste Püppi ficken?“

Krücke schug mit der flachen Hand auf die Theke. „Quatsch! Ick will se kennenlernen und mal ausjehn und mal sehn, ob ick ihr jefalle… Ob ick Schlach habe, verstehste?

„Und von olle Krille willste Fotos machen, haste jesacht, oda?“

„Von Amts wejen, aber halt de Schnauze und keen Mucks bei deine Alten, verstehste, und wenn allet jut jeht, hängen wa voll mit Kohle und denn kannste Krille jeile Schlüppa aus Seide koofen.“

„Nikolaus jeh ick da hin in dit Scheißheim… weeßte“, verabschiedete er sich und überließ Krücke den Wanderstock.

4

Zarte Küsse weckten Ninne. „Ich muss mich beeilen, Liebling“, hauchte die Mutter. „Vergiss nicht, in deine Schuhe zu schauen!“

Seine Mutter hasste Süßigkeiten, und wenn sie ihm welche zusteckte, waren es höchstens eine halbe Tafel Schokolade oder ein kleines Marzipanbrot. Nur Weihnachten und Ostern machte sie eine Ausnahme; und Süßigkeiten steckte sie am Nikolaustag auch nicht in die Schuhe, sondern legte sie auf den Küchentisch. Dort blieben sie aber nur so lange liegen, bis Frederic sie sah. War heute etwas Besonderes? Die Neugier trieb ihn zu den Schuhen. Als er sie umstülpte, fiel ein Zettel heraus. „Probier bei Frau Paulsendorf dein Geburtstagsgeschenk an, Ninnepüppchen. Kuss, Mama“, stand darauf. Das war neu, denn bisher gab es für Weihnachten und Geburtstag immer nur ein Geschenk. „Schlittschuhstiefel!“ schrie er durch die Wohnung. In Gedanken schon auf der Eisbahn aß er nur die Hälfte des Frühstücks und jagte mit vorgebeugtem Körper zur Schule, als hätte er sie bereits an den Füßen.

„Frau Schulze ist krank“, stand an der Tafel. Das war die zweite gute Nachricht an diesem Morgen. Als das letzte Klingelzeichen verklang, bedrängte ihn Dagmar, sie auf ihrem Nachhauseweg zu begleiten. Was sollte er machen? Er musste zum Spielzeugladen, musste aber auch pünktlich Sohni treffen. Linde rettete ihn zwar vor Dagmar, wollte ihn aber gleich mit zu sich nehmen. Er war in der Zwickmühle, denn seinen besten Freund anlügen brachte er nicht so leicht über sich. „Ich verlor gestern was auf dem Holzplatz – ist ganz wichtig“, redete er sich heraus. „Kannst du meine Mappe im Spielzeugladen abgeben?“

Linde machte ein betrübtes Gesicht. „Immer gehst du zu den Ruinen… Bis dir eines Tages was passiert. Komm aber danach zu mir!“

Er drückte Linde seine Schulmappe in die Hand und rannte los. „Da biste ja“, empfing ihn Sohni, „dit is ne Weltreise zu olle Krille…weeßte.“

Während der Fahrt heizte ihm Sohni ein, worauf er achten und was er erzählen sollte. In einem waldigen Vorort, der unter dem Schnee wie unter einer Daunendecke Winterschlaf hielt, stiegen sie aus dem Bus und liefen eine von Taxushecken gesäumte Straße entlang. Frischer Schnee knirschte unter ihren Sohlen; der Geruch von Kienholz würzte die klare frostige Luft. Vor einer hinter Blaufichten und Thujas versteckten Dorfkirche blieb Sohni stehen und zeigte auf ein von einer Mauer umfriedetes Gelände. „Da musste jetze rin…weeßte“, erklärte er, „und musste uff doof machen, wenn wat is. Ick warte hier anne Kirche.“

Die Eingangspforte war geschlossen. Was er dem Pförtner auftischen sollte, überzeugte ihn nicht – von wegen Grüße von Oma bestellen! Er freute sich auf Krille. Das konnte er doch dem Mann im Pförtnerhäuschen sagen, der schon den Hals nach ihm reckte. Er drückte auf die Klingel und wartete, bis sich die Gittertür neben dem Haupteingang öffnete. In nächsten Augenblick sprang der Pförtner heraus, zerrte ihn in die Bude und herrschte ihn an: „Name, Haus, Gruppe, Erzieherin!“

Ninne war verdattert. Was war denn nun los? Er musterte den Mann. An seinem Schädel war kein einziges Härchen. Ein kahler bleicher Eierkopf starrte ihn mit milchigen Augen an. „Biste ´n Neuzujang, haste Ausjang oder biste durchjeflutscht?“ prasselte es auf ihn ein.

„Ich will Christa besuchen“, antwortete Ninne, „ich fuhr nach der Schule hierher.“

„Der Pförtner ließ ihn los und zeigte einen grauen Zahn, der in seinem wie mit einem Beil eingekerbten Mund der einzige zu sein schien. „Und wie is dein Name?“

„Ninne.“

„Ninne… Spinne. Sach mal, Mädchen, willste mir veräppeln? Wir können dir ooch einkassiern, wenn de dir hier rumtreibst. Denn müssen dir deine Eltern hier abholn. Also, wat is?“

„Bin kein Mädchen. Alle sagen Ninne und ich will nur Christa besuchen. Sie haben kein Recht, mich in Ihr olles Gefängnis zu sperren und…“

„Hoppla, hoppla!“ bremste ihn der Pförtner und lachte. „So war´s nich jemeint… Zu welche Christa willste denn?“

„Christa Mielke, die wohnt in unserem Nebenhaus und half mir und lief zur Gemüsefrau…“

„Hoppla, hoppla!“ stoppte ihn der Pförtner erneut und blätterte ein dickes Buch durch. „Ham wir, Ninne, ham wir. Ick ruf mal durch. Setz dir mal so lange hin.“

Ninne setzte sich ans Fenster und betrachtete die langen flachen Gebäude unter den hohen Kiefern, die mit ihren verschneiten Dächern wie mit Quark bepackte Stullen aussahen. In der Bude roch es nach faulen Eiern. Er lugte zu dem blanken Ei auf den Schultern des Pförtners, das an die steinernen Attrappen erinnerte, mit denen Hühner getäuscht werden. „So, Ninne“, meldete sich der Pförtner, „ne janz wichtje Frau im Haus zwei möchte dir sprechen.“

Mit einem freundschaftlichen Klaps auf den Rücken schickte ihn der Pförtner zu einem der Gebäude. Ein größeres Mädchen öffnete die Haustür, schloss sie hinter ihm wieder ab und führte ihn über einen breiten hellen Flur. In der Mitte des Ganges lungerte eine Horde Mädchen in blauen Turnhosen und blauweiß gewürfelten Blusen herum. „Wat willst du kleene Jurke denn bei uns? Du jehörst doch int Haus nebenan wo de Säuglinge sind!“ pöbelte ihn eine bebrillte Bohnenstange an und versperrte ihm den Weg.

Im nächsten Moment war er eingekreist; die Mädchen befummelten ihn und fassten in seine Taschen. „Det is ne kleene Modepuppe mit janz teure Klamotten!“ regte sich ein Bubikopf auf.

„Du hast ja Kuhscheiße uff de Oogen, du alte Kanne, det sind Anziehsachen für Jungs und die hatse uff Trebe jemaust“, widersprach eine Spitznase mit langen dünnen Zöpfen.

Plötzlich schrie eines der Mädchen „Ninnepüppchen!“ und hielt den Zettel von seiner Mutter hoch. Die Horde johlte und drehte ihn wie einen Triesel bis ihm schwindlig wurde und er auf dem glatten Linoleumboden hinstürzte. Er verbiss sich den Schmerz. Was waren das bloß für Mädchen! Das Mädchen, das ihn hereingelassen hatte, half ihm auf die Beine und fragte: „Hats weh getan?“

Er schwieg, glättete seine Kleidung und guckte sich jedes Gesicht einzeln an. Abscheu überkam ihn. „Ich möchte den Zettel wiederhaben“, sagte er, „der ist von meiner Mutter.“

„Wat für ´n Zettel?“ höhnte die Lange. „Brauchste wat zum Arsch abwischen?“

„Wo bleibst du denn mit unserem Gast, Sabine?“ rief vom Flurende eine Frauenstimme.

Die Mädchen verstummten, rieben die nackten Beine gegeneinander und schoben sich vor ihn. Eine zierliche Frau in dunklem Rock und hellgrauer Strickjacke kam im Eilschritt heran und wandte sich an das Mädchen mit dem Namen Sabine: „Was geht hier vor? Du hast Schlüsseldienst und solltest den Jungen zu mir bringen. Wo ist er?“

„Ich bin hier“, meldete sich Ninne und bohrte sich durch die Leiber, die nach Chlor und Bohnerwachs rochen. „Guten Tag.“

„Du bist der Junge?“ Die Frau legte die Stirn in Falten und beguckte ihn von oben bis unten. „Kein Wunder, dass dich der Pförtner für eine Entwichene hielt. Na schön… Haben sie dir was getan?“ Ihr Blickt wanderte zu dem Mädchen mit dem Namen Sabine.

Das Mädchen flehte ihn mit den Augen an. „Nein“, antwortete er, „ ich möchte aber den Zettel wiederhaben, der ist von meiner Mutter.“

Das Kinn der Frau sprang wie von einem Aufwärtshaken getroffen nach oben. „Wer hat ihn? Sie blickte auf ihre Armbanduhr. „Ich gebe eine halbe Minute.“

Die Mädchen ließen eine Dunkelhaarige mit fraulichem Busen allein stehen. Neben ihren Füßen lag ein Stück zusammengeknülltes Papier. „Nun, Sabine, wer ließ das Knäuel fallen?“ wandte sich die Frau an das Mädchen mit dem Schlüsselbund. „Du sollst zu Weihnachten entlassen werden… Du verstehst, was ich meine, oder?“

Die Angesprochene zögerte diesmal nicht und zeigte auf die Dunkelhaarige, die sich sofort nach dem Zettel bückte und ihn Ninne zurückgab. „So, das hätten wir“, beendete die Frau den Zwischenfall. „Über den Rest unterhalten wir uns später. Und jetzt alle wir ihr gebacken seid ab in den Tagesraum! Und du, Sabine, sorgst für Ruhe und Ordnung, bis eure Erzieherin von der Besprechung zurück ist.“ Die Frau legte ihren Arm um seine Schultern und brachte ihn in ein Zimmer, in dem neben einem Schreibtisch noch ein runder Tisch mit drei Sesseln stand. „Leg deine Sachen ab und nimm Platz“, sagte sie und holte sich einen Aktenordner vom Schreibtisch.

Er ließ sich in einen Sessel fallen und guckte sie an. „Ich bin Frau Mittelstedt, die Hausleiterin“, stellte sie sich vor, „und du hast außer Ninne sicher noch einen richtigen Namen… Woher kennst du denn die Christa?“

„Die wohnt im Nebenhaus und hat mir geholfen.“

„Wie denn?“

„Mir hat einer die Hand eingequetscht und da ist sie zur Gemüsefrau und hat…“

„Bist du der kleine Maurice?“ unterbrach sie ihn und schlug den Ordner auf.

Ninne verschlug es die Sprache. Woher wusste die das? Er reckte den Hals nach dem Ordner.

„Bist du in Begleitung gekommen, hat dich jemand geschickt, wissen deine Eltern Bescheid?“ setzte sie nach. „Und woher weißt du, dass Christa hier im Kiefernhof ist?“

Auf solche Fragen war er nicht vorbereitet. Was sollte er antworten? Er senkte den Kopf und spielte mit seinen Haarspitzen.

„Na, mein kleiner Maurice“, ermunterte ihn die Frau, „wie bist du denn hierhergekommen?“

Er schaute in ihr glattes, ovales Gesicht, trotzte ihren kleinen harten Augen. Sie mochte Mitte dreißig sein, wie seine Mutter. Warum sollte er sich von der ausfragen lassen? Doch er wollte Krille sehen. Er schlug die Augen auf, schürzte die Lipppen und tippte sich mit der Fingerspitze an die Stirn, so als hätte er nachgedacht.

„Na, Maurice, möchtest du etwas sagen?“

„Ja, aber Sie wissen ja meinen Namen, so wie ein Geheimagent! Sie müssen mir erst sagen, wie Sie ihn rausgekriegt haben.“

„Nein, nein, bin ich nicht, du kleiner Schelm, kann auch nicht zaubern. Dein Name steht hier in meiner Akte. Ist deine Hand wieder heil?“

„Ja, nur eine Narbe.“ Er beugte sich vor und streckte seine Hand über den Tisch. Ohne Christa wäre es…“

„Das kannst du mir gleich erzählen; aber sag mir erst, wie du hergefunden hast und wie du auf den Kiefernhof gekommen bist?“

„Meine Mama sagt, es darf kein Unrecht geben, und mein Bruder und Lindes Mutter sagen das auch Und dann habe ich einen Polizisten gefragt, und der hat telefoniert und mir das gesagt. Und ins Telefonbuch guckte ich auch… War puppenleicht.“

„So, so, puppenleicht.“ Die Frau lächelte und schaute ihn schräg von der Seite an. „Und deine Mama, arbeitet sie, weiß sie, dass du hier bist?“

„Die ist in der Bibliothek und die soll das nicht wissen.“

„Nanu. Warum denn nicht?“

„Die hat immer Angst um mich, und in so ein olles Gefängnis wie hier hätte sie mich nicht reingehen lassen; und heute ist ja auch Nikolaus…“

„Ich bitte dich, Maurice, das ist ein Heim für schwer erziehbare Mädchen, aber kein Gefängnis! So, und jetzt erzähl mir mal die Geschichte von deiner Hand.“

Ninne erzählte, und gleich dazu noch die Geschichte vom Springbrunnen. Als er fertig war, glänzten ihre Augen weniger stählern. „Du kannst jetzt Christa besuchen,“, sagte sie, „ich melde dich an und dann holt dich Frau Stöber.“

Fünf Minuten später füllte eine dicke rotgesichtige Frau den Türrahmen. „Das ist der Junge, Frau Stöber“, erklärte die Hausleiterin. „Er macht einen guterzogenen Eindruck.“

„Na, denn komm mal!“ forderte ihn die Rotgesichtige auf und watschelte zum Ende des Flurs, wo sie wie ein Türmer mit klirrendem Schlüsselbund eine Gittertür aufschloss und ihren schweren Körper über eine Treppe zu einer zweiten Tür schleppte. Noch einmal klirrte und rasselte es, ehe sie im oberen Gang standen. Es war heiß und stickig und roch wie in einer chemischen Reinigung. Grelles Deckenlicht spiegelte sich in dem auf Hochglanz gewienerten Fußboden. „Geh mal hier rein und warte“, sagte die Erzieherin und öffnete eine Tür mit der Aufschrift Besuchszimmer.

In dem viereckigen Zimmer standen vier viereckige Holztische mit jeweils vier Stühlen; das Fenster war mit einem weiß gestrichenen Rautengitter versehen. Er guckte auf die Wanduhr über der Tür; der Nachmittag war weit fortgeschritten. Was Sohni jetzt wohl machte? Er ging noch einmal durch, was er Krille einschärfen sollte. Unter anderem sollte sie Seife essen, sich die Pulsadern anritzen und vorgeben, Stimmen zu hören; und sollte das alles nicht helfen, sollte sie Laken zusammenknoten und sich aus dem Fenster abseilen. Er öffnete einen Fensterflügel und befühlte die schiefwinkligen Vierecke des vorgekragten Gitters. Wie sollte sie da durchkommen? Auch die anderen Fenster waren vergittert. Vom Pförtner aus sah das Gebäude mit seinem weißgrauen Mauerputz harmlos aus; doch jetzt, wo er durch die Rauten zum Pförtnerhäuschen blickte, wurde ihm unbehaglich zumute. Er ging zur Tür und drückte sie einen Spalt weit auf. Zwei Mädchen tuschelten vor dem Besuchszimmer. Sie mochten vierzehn oder fünfzehn sein, trugen graublaue Kittel und hatten Busen wie erwachsene Frauen. Im nächsten Augenblick nahte das rote Gesicht der Dicken heran. Er zog die Tür zu und setzte sich an den Fenstertisch.

Krille trat herein, dicht hinter ihr wie ein Speckgebirge der rotköpfige Koloss. Zaghaft kam sie näher. Er stand auf und sprach sie an: „Guten Tag, Christa. Ich bin Ninne. Weißt du noch?“

Sie blieb stehen und schaute an sich herunter. Sie war größer geworden; Brüste wie Tennisbälle beulten ihren verwaschenen Kittel aus. Und wie hübsch sie war! Ihre weichen Locken kringelten sich über Stirn und Schläfen. Der Leberfleck unterhalb ihres Mundwinkels schien wie ein winziger Mond ihre vollen Lippen zu umkreisen. Sie errötete, als sich ihre Blicke begegneten.Und wieder senkte sie den Kopf. Er schaute auf die Pantoffeln an ihren Füßen. Plump und breit wie Bauernbrote ließen sie ihre schlanken hohen Beine wie Zahnstocher erscheinen. Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte: „Ich möchte mich bei dir bedanken… und ich weiß ganz genau, du hast meine Hand nicht eingequetscht und die sind alle so gemein.“

Sie fiel ihm um den Hals. „Kleene Ninni“, schluchzte sie, „ick freu mir janz doll und da is keen Mensch nich und besucht mir…und ick freu mir so und ick hab jedacht biste dot und det janze Blut…“

„Kein Mensch, sagst du?“, mischte sich die Erzieherin ein. „Da wollte dich doch neulich ein Junge besuchen. Oder sehe und höre ich schlecht?“

Krille wischte sich mit dem Unterarm die Tränen weg. „Wat für ´n Junge? Ick weeß von nüscht nich.“

„Auch nichts von dem langen finsteren Kerl, der ein Stück weiter wartete?“

„Nee und da könnse mir noch so ville fragen und ´n Loch in Bauch fragen und mir uff´n Kopp stelln und wat weeß ick…“

Die Frau schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab und wandte sich an Ninne: „Kennst du Christas Freund?“ Sie beschrieb Sohni und fügte hinzu: „Der ist schon ein richtiger Verbrecher.“

Krilles Gesicht drückte Angst aus. Sie drehte sich von der Erzieherin weg und presste die Lippen zusammen. Er verstand, verzog aber keine Miene. Allein der zuckersüße Unterton in der Stimme der Erzieherin machte ihn widerspenstig. „Nö, kenne ich nicht“, antwortete er, „ich bin immer mit Linde und Dieter zusammen und manchmal auch mit Thomas.“

Die Erzieherin stieß wie eine Schlange vor. „Und wer ist Linde, wie heißt der richtig?“

„Leopold von Lindendorff, und der ist mein bester Freund. Wir machen immer Schularbeiten zusammen und Dieter…“

„Schon gut“, winkte die Erzieherin ab, „ was willst du Christa sagen?“

Ninne war verdutzt. „Hab ich schon… na mit der Hand und mich bedanken…“

„Und was noch?“

Die Art, in der die Frau jetzt mit ihm redete, verärgerte ihn. „Sie sollen Christa freilassen“, entgegnete er, „und es ist ganz gemein hier und …“

„Det stimmt!“ warf Krille ein. „Und ick bin de Kleenste hier und krieje Kloppe vonne andern und sind ville älter wie ick und keena steht mir bei nich und ick bin schon ´n janzen Monat hier einjesperrt und hab nüscht jemacht nich…“

„Wirst du mal den Mund halten!“ schnitt ihr die Frau das Wort ab. „Du weißt ganz genau, warum du in der festen Abteilung bist. Du brauchst nur den Namen zu sagen; und im übrigen bist du zu deinem Schutz hier oben.“ Die Erzieherin richtete ihre Augen auf Ninne und blähte die Nüstern auf.

Er betrachtete ihr Gesicht. Auf den von einer dicken roten Schwarte bedeckten Jochbeinen glänzten zwei Warzen, die von den Pupillen schwer zu unterscheiden waren und den Eindruck von Vieräugigkeit erweckten. Er dachte an die Geschichte vom achtäugigen Dämon, die ihm Frederic erzählt hatte: Der hatte vier Augen vorne und vier am Hinterkopf, doch alle acht taugten nichts mehr. Und so ging der Dämon zum Brillenmacher und verlangte eine Brille mit vier Gläsern für vorne und eine mit vier Gläsern für hinten. Doch so etwas hatte der nicht, und Monokel durften Dämonen nicht tragen. Also befestigte der Brillenmacher vier Brillen an den spitzohrigen Dämonenschädel und gab dem unheimlichen Kunden noch ein paar gute Worte mit auf dem Weg. Doch mit den vier Brillen hatte der Dämon Pech, denn sie fielen beim Fliegenfangen herunter. Der Dämon aß nämlich nur Fliegen und drohte zu verhungern, bekam er nicht bis zum nächsten Tag ordentliche Gläser für seine Augen. Der Brillenmacher brütete und brütete, fand aber keinen Ausweg. Der Dämon setzte eine Frist bis zum Morgengrauen und drohte, ihn in seinem eigenen Schornstein wie einen Aal zu räuchern, sollte er bis dahin nicht die richtige Brille angefertigt haben. Als sich die Frist dem Ende näherte und der Brillenmacher sein letztes Gebet sprechen wollte, riet ihm die alte Hausratte, acht Brillengläser in einen Eimer einzulassen und ihn dem Dämon über den Kopf zu stülpen… An dieser Stelle war Ninne dann eingeschlafen.

Er stellte sich die dicke Erzieherin mit einem solchen Eimer über den Kopf vor und musste lachen. Er kämpfte dagegen an, aber vergeblich. Krille schaute ihn einen Moment lang an, ehe sie fragte: „Lachste übern knallroten Bullrichsalzkopp?“

Bullrichsalzkopp ließ ihn vom Stuhl rutschen. Jetzt lachten sie beide, lachten immer lauter und krümmten sich. Die Erzieherin saß stumm und schwer auf ihrem Stuhl, atmete wie ein Blasebalg und verfolgte mit zusammengepressten Lippen das Geschehen. „Aus, Ruhe!“ donnerte sie, als das Gelächter zunahm. „Ihr seid wohl von Sinnen!“

„Mir fiel eine komische Geschichte ein“, japste er, „entschuldigen Sie bitte.“

„So, so“, entgegnete die Erzieherin, „aber wir wollen jetzt Schluss machen.“

Krille umschlang ihn und drückte sein Gesicht an ihren Hals. „Is det scheen kleene Ninni“, jauchzte sie, „und nu könnse mir alle de Bolln lecken und wenn ick mir ´n Ast lache und…“

„Du kannst dich ruhig auslachen, Fräulein“, zischte die Dicke, „und dann verrätst du mir, wer einen Bullrichsalzkopp hat.“

Krille stemmte die Hände in die Hüften, so als wäre ein aufgeschwemmter Kopf keine Kleinigkeit. „Se ham so´n Ding“, erregte sie sich, „und ham ooch jemeine Ausdrücke jesacht und ham Miststück und Zecke und weeß der Kukuck wat zu mir jesacht und Proletenjöre hamse ooch jesacht und deswejen sehn Se ooch so aus und ham ´n Bullrichsalzkopp und det steht im Klo ooch janz fette anne Wand und…“

„Schluss jetzt!“ Die Erzieherin packte sie an den Schultern und schüttelte sie.

Sohni war nicht an der Kirche. Ninne ging vor den Blaufichten auf und ab und schaute nach allen Seiten. Der Nadelgeruch ließ ihn an Weihnachten denken, an knuspriges Gebäck und saftige Apfelsinen. Ob Krille bis dahin wieder zu Hause war? Ihre Haut hatte nach Seifenpulver geschmeckt und ihre Kleidung nach Bohnerwachs gerochen. Sie tat ihm leid, und er nahm sich vor, seinen bunten Teller mit ihr zu teilen. Schneeflocken schmiegten sich an seine Wangen und schmolzen zu kleinen Rinnsalen. Er schaute zur Kirchturmsuhr. Fünfzehn Minuten waren inzwischen vergangen. Wie lange sollte er in dieser verlassenen Gegend noch warten? Nicht mehr als zehn, beschloss er und ruderte sich mit den Armen warm. Er blickte noch einmal zum Kirchturm. Die Zeit war um.

Als hätte der Winter die Bewohner des Vorortes vertrieben, wartete niemand an der Bushaltestelle. Doch hinter den immergrünen Hecken stieg Rauch aus den Schornsteinen, lockte warmes Licht lauschiger Stuben. Er wurde müde, hungrig und fror; sein dick gefütterter Anorak erschien ihm wie eine nutzlose Last. Scheinwerfer streckten ihre Finger nach ihm, der Bus rollte heran. Er kramte in seinen Taschen nach Fahrgeld, brachte aber nur die Hälfte zusammen. Was sollte er machen? Bis zur S-Bahn waren es vier Haltestellen. Der eindeckige Omnibus bremste; die hartgefahrene Schneedecke zerknackte unter den Rädern wie Knäckebrot. Er stieg ein, fingerte seine Büchereikarte aus der Brusttasche und lächelte den Fahrer an. Der musterte ihn kurz mit seinem Igelgesicht und schmunzelte. „Jut, Puppe, jut”, sagte er, „dit is uff alle Fälle ne Naht besser wie ´ne Kinokarte von jestern.“

„Da biste ja endlich!“ rief ihm Sohni entgegen, als er auf das Bahnhofsgebäude aus gelben Klinkern zuging. „Komm her, hier jibts wat zu fressen.“ Sohni stand vor einer Wurstbude, die wie ein Hexenhäuschen aussah. Zwei junge Frauen in weißen Kitteln brutzelten Buletten und schäkerten mit drei dickbäuchigen Taxifahrern, die Knackwürste verschlangen. Ninne verharrte einen Augenblick, bevor er auf die Bude zubog, aus der der Geruch von Rinderbrühe strömte. „Hau erstemal wat ein…weeßte“, riet Sohni, „ sonst hängste durch wie ne alte Nille.“

„Heiße Rinderbrühe mit Schrippe, fünfzehn Pfennige“, pries eine Papptafel an. Ninne drehte seinen Groschen zwischen den Fingern. Sohni grinste, fingerte einen Geldschein aus der Tasche und tönte: „Nu is aber jut mitte Ficksechser…weeßte. Uff wat haste Hunger?“

Ninne schämte sich. Sollte er sich das spendieren lassen? – Warum denn nicht! Sohni winkte mit dem Geldschein eine der Frauen heran und bestellte Brühe und ei Paar Knackwürste mit Kartoffelsalat. Ninne schaffte davon nicht einmal die Hälfte. Als er den Pappteller von sich wegschob, rauchte Sohni zwei Zigaretten an und wollte ihm eine davon in den Mund stecken. Ninne presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.

Eiskalter Wind strich über den verödeten, von trüben Lampen nur dürftig beleuchteten Bahnsteig und wirbelte pulverigen Schnee unter die brüchige Überdachung hindurch, die sich auf rostigen gusseisernen Säulen über ein Drittel der Plattform erstreckte. Meterlange Eiszapfen an den zerfressenen Dachrinnen drohten wie Dolche auf jeden niederzufahren, der sich den Bahnsteigkanten näherte. Mit einem Schneeball holte Ninne die Spitze eines Eiszapfens herunter und steckte sie sich in den Mund. Ihm war wieder warm, die Müdigkeit vorüber. „Ist zweiundzwanzig nach vier, der Zug kommt in drei Minuten“, wandte er sich nach einem Blick auf die Bahnhofsuhr an Sohni.

„Woher weeßte dit?“

„Steht auf dem Fahrplan.“

„Kann ick ja noch mal pissen.“ Sohni stellte sich an die Bahnsteigkante und pinkelte im hohen Bogen auf das Gleis.

„Wat is los mit olle Krille?“ begann Sohni, als der Zug den Bahnhof verließ. „Wat haste da solange im Votzenbunker jemacht?“

Ninne berichtete. Danach erkundigte sich Sohni nach ihren Brüsten und den anderen Mädchen. „Wie, wat, da jibt´s dicke Titten und Krille hat nur kleene Äppel?“ platzte Sohni dazwischen, als Ninne einige der Mädchen beschrieb.

Ninne zuckte die Achseln. Was konnte er dafür? „Warum warst du nicht an der Kirche?“ fragte er. „Ich wartete eine halbe Stunde.“

„Jing nich, da war wat…weeßte. Da is ´ne Spinne uffjekreuzt und dit war mir zu heiß.“

Ninne verstand kein Wort. Wollte ihn Sohni veräppeln? „Im Winter laufen keine Spinnen herum“, wandte er ein.

Sohni bleckte seine viereckigen Zähne, die wie winzige Küchenkacheln aussahen, und grinst breit. „Weeßte nich, wat ne Spinne is – nee? Ne Spinne is ´n Funkwagen und so´n Ding is uff eenmal uffjetaucht und janz langsam durch de Jejend jefahrn und hat abjeleuchtet. Da warste schon ne Weile drinne… weeßte. Die ham wat jereunt und deswejen hamse dir hinjehalten und ausjequetscht die alten Mistweiber…weeßte. Aber dit merk ick mir und wenn ick mehr Bums hab hau ick die fette Sau ne Bratsche uff de Schweinetitten detse sich bescheißt.“

Ninne rutschte auf der glatten Holzbank ein Stückchen von seinem Gefährten weg und zählte ein paar Sekunden die Schienenstöße, ehe er ihn von der Seite anblickte und fagte: „Wer ist denn der lange Mann? Die Frau sagte, da war ein langer finsterer Kerl und du bist ein kleiner Verbrecher.“

Sohni schob sein Kinn vor und starrte zum Fenster hinaus. Draußen flogen weiße, grüne und rote Lichter vorbei. Räder quietschten: der Zug rumpelte über eine Weiche und fuhr in den nächsten Bahnhof ein. Als er wieder anfuhr, zog Sohni sein Kinn ein und knurrte: „Ick weeß nich watte meenst…weeßte. Weeß nu dit fette Vieh wie ick heiße oda nich?“

„Hat sie nicht rausgekriegt.“

„Haste heute Tarzan jesehn?“ fragte Sohni unvermittelt.

„Nö, und Frau Handel auch nicht.“

„Wer is dit?“

„Peters Mutter, wir spielten immer Straßenbahn…“

„Is dit der Blöde, wo jetze dot is?“

„Peter war krank und seine Mutter habe ich nicht mehr gesehen.“

„Is mir schnuppe. Haste morjen Zeit?“

„Weiß ich nicht.“

Am Übergang zur U-Bahn trennten sie sich. Sohni hatte es plötzlich eilig und verschwand im Gedränge. Im Spiezeugladen wartete Frederic auf Ninne. „Na, Kleiner Biber“, begrüßte er ihn, „kommst du aus den Weiten der Prärie? Linde macht sich Sorgen um dich. Schau mal auf deine Schulmappe!“

Mit ernstem Gesicht übergab ihm die Spielzeugfrau die abgewetzte Ledermappe, an der ein Zettel befestigt war. „Lieber Ninne“, las er Lindes Nachricht, „ich bin ganz böse auf dich. Ich habe mir Sorgen gemacht und auch geweint. Und du treibst dich irgendwo herum und keiner weiß, wo du bist.“

„Komm und ruf deinen Freund an“, sagte die Spielzeugfrau, „und dann probierst du Schlittschuhstiefel an.“ Sie führte ihn zum Ladentelefon und wartete, bis er Anschluss hatte. Linde verzieh ihm und teilte mit, am nächsten Tag falle der Schulunterricht aus.

„Du weißt schon, was gut ist“, lobte die Spielzeugfrau und legte ein Paar Schlittschuhstiefel aus rotem Leder mit schwarzen Streifen für ihn beiseite.

„Bist du müde, schlapp, hungrig?“ erkundigte sich Frederic, als sie vor ihrer Haustür standen. „Und waren wieder Dämonen und Mörder hinter dir her?“

„Nö, nur schlapp. Aber ich traf einen vieräugigen Dämon. Was sagst du nun?“

„Glaube ich. Ich bin übrigens wieder einmal dein Erziehungsberechtigter; die Alten gehen ins Konzert. Du musst mir einen Gefallen tun, Brüderchen.“

„Und was?“

Frederic kniff die Augen zusammen und legte ihm die rechte Hand auf den Kopf, so als wolle er ihn beschwören. „Kannst du in deinem Zimmer bleiben und dich nicht bemerkbar machen?“

„Und warum?“

„Da kommt jemand zu mir und…“

„Püppi?“

„Nein, die doch nicht! Eine andere. Ich erzähl dir dafür auch eine Gruselgeschichte erster Klasse, von einem Schloss im Moor, einer geheimnisvollen Ritterrüstung und einem Mörder.“ Das ist doch was, oder?“

„Einverstanden, und wenn du mir noch eine Mark gibst, gehe ich solange zu Rita und Thomas. Das ist doch auch was, oder?“

„Du machst dich, Kleiner Biber.“

5

Als die gelbe Schlange mit den Glotzaugen aus der Tunnelröhre heranrauschte, versteckte sich Sohni hinter einem dunkelgrün gestrichenen Stahlpfeiler und wartete, bis alle eingestiegen waren, bevor er losrannte und im letzten Moment in den hintersten Waggon hechtete. Als er ankam, sprang er noch während der Zug fuhr ab und jagte die Treppe zum Ausgang hinauf. „Sicher is sicher“, murmelte er und ging über Umwege zum „Sportsmann“. Unterwegs dachte er über das Unternehmen nach. Konnte er Ninne trauen? Warum mochten den alle? Auch seine Schwestern und seine Mutter schwärmten von Ninne. Und was war mit Krille? Alte Hassgefühle stiegen in ihm auf.

Krücke hockte wie immer an der Theke und trank Bier. „Dachte schon, dir hamse hops jenommen“, grunzte sein älterer Gefährte, „und wollte det Ding von Amts wejen schon abblasen,verstehste.“

„Hat ´n paar Takte länger jedauert, is aber jut jeloofen“, entgegnete Sohni, „und olle Krille hat Titte jekricht… So wie Äppel…weeßte.“

Krücke hob ruckartig seine Hakennase. „Hört sich jut an. Und wann will se ne Mücke machen?“

„Jeht nich so leicht…weeßte. Krille hamse ne Treppe höher hinter Jitter jesteckt. Da sind Weiber mit schwere Titten…“

Krücke stellte seine Zigarettenschachtel hochkant und pustete sie um. „Lass jut sein, Jroßer, det is allet versautet Jelumpe. Wir brauchen sowat wie Krille und keene Weiber mit Nuttenfresse, verstehste?“

„Aba Krille is ooch ne Sau und macht allet mit…weeßte.“

„Is nich detselbe, verstehste. Aba dafür biste noch zu doof. Wir müssen jetzt los, der Puckel is nach sechse rum da und zählt Jeld. Da kanna von Amts wejen gleich mal ne Anzahlung machen. Tarzan ist übrijens ´n starker Name für so ´ne vertrocknete Nille.“

„Schlosserei und Werkstattbetrieb Türnagel“ stand auf dem alten Kastenwagen, der nicht weit vom „Sportsmann“ parkte. Während der Fahrt schwiegen sie. Am Rande eines Parks stellte Krücke den Opel ab und erklärte auf dem Weg zum Blumenladen noch einmal den Plan. Das Geschäft befand sich gegenüber einem Bestatter auf der linken Seite des Friedhofseingangs. Kurz davor verhielt Sohni den Schritt und stutzte. War das nicht der Handwagen von der Pumpe? Ein paar Meter vor dem Blumenladen stand mit Tannengrün beladen ein gleicher Wagen an der Friedhofsmauer. Da er sich gut an das Vorhängeschloss am Wagen erinnern konnte, guckte er nach. Es war dasselbe Schloss, dieselbe Kette. Doch Ihm war rätselhaft, wie der dorthin gekommen war, schien ihm doch Tarzan zu leicht, einen so großen Handwagen lenken zu können. Er winkte Krücke heran. „Det ist ´n wichtjet Glied inne Beweiskette“, flüsterte Krücke.

Der Friedhof war bereits geschlossen, während der zweite Sargladen auf der Friedhofsseite und das Blumengeschäft noch offen hatten. Im Blumenladen bediente eine stockdürre Frau in grüner Kittelschürze einen Jungen mit dicker gelber Pudelmütze, was auf den ersten Blick aussah, als hielten ein Grashalm und eine Pampelmuse ein Schwätzchen. Tarzan war nicht zu sehen. „Der sitzt in sein Kabuff“, bemerkte Krücke, „ und det jeht zum Friedhof raus. Wir jreifen von Amts wejen von hinten an, verstehste.“

Hundert Meter vom Haupttor entfernt war eine schmale Eisentür in der Friedhofsmauer, die Krücke mit einem Dietrich öffnete. Sie schlugen einen Bogen und bahnten sich über schneebedeckte Grabhügel den Weg zum Blumenladen zurück. Zwei hell erleuchtete Fenster an der Rückseite des flachen Gebäudes warfen ihren durch Gitter zerteilten Schein auf eine lebensgroße Engelsfigur, deren Schattenriss an einen aufgeknüpften Truthahn erinnerte. Auf ein Handzeichen Krückes erkundete Sohni die Lage. Tarzan stand mit dem Rücken zum Friedhof vor einem übermannshohen, messingbeschlagenen Panzerschrank aus Großvaters Zeiten und rührte sich nicht. Im nächsten Moment drehte er sich um, schleppte eine silberne Kassette zu einem Schreibtisch aus dunkler Eiche und setzte sie ab. Dann zog er die mittlere Schublade auf, nahm drei Zigarrenschachteln heraus und stellte sie neben die Kassette. Sohni pirschte zurück und gab Bescheid. „Fängt mitte Jeldzählerei an“, brummte Krücke und schaute auf seine Armbanduhr, „ aba gleich krichta ´n Ooge.“ Mit einem Schwung drehte sich Krücke um die eigene Achse und zog Tarzans Stock wie einen Degen unter dem Mantel hervor.

Sohni zog ruckartig den Kopf ein. „Wie, watten… wo kommt dit Ding uff eenmal her?“

„Von selber herjeloofen“, erwiderte Krücke, holte ein mit Maschine beschriebenes Blatt aus der Innentasche seines knöchellangen Ledermantels und befestigte es mit Gummiringen am Ende des Stockes. „Tarzan kricht jetzt Post vom Nikolaus, verstehste“, fuhr er fort, „und wenn’s klirrt, wetzte zum Laden und leuchtest ab, wat los is. Aba Mütze int Jesicht und Schal vor de Klappe!“ Krücke beugte seinen Oberkörper nach vorne, fasste den Stock wie einen Speer und glitt wie auf Schneeschuhen an das hintere Fenster heran. Im nächsten Augenblick durchschlug die eiserne Stockspitze mit hartem Knall die Scheiben des Doppelfensters. Sohni rannte los. Der Junge mit der gelben Pudelmütze verließ gerade mit einem Bündel Tannenzweigen bepackt den Blumenladen, als er ankam. Die Verkäuferin schien nichts bemerkt zu haben; sie klemmte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zupfte an einem Farn. Dafür trat der Bestatter von der anderen Seite auf die Straße und blickte sich um. Hatte der was gehört? Der Mann im schwarzen Anzug wackelte mit dem Kopf und huschte wieder in seinen Sargladen. Niemand schien beunruhigt. Sohni eilte zur Eisentür zurück, aber die war zu. Ging was schief? Er drückte noch einmal die Klinke herunter und presste den Oberkörper gegen die Tür, aber sie gab nicht nach. Ein flaues Gefühl befiel ihn; er spürte die Hundeleine um seinen Hals, sah die Motorradbrille vor sich und die scharfe Stockspitze auf sich gerichtet. War Tarzan nicht ein Mörder? Ein kurzer Pfiff riss ihn herum. Auf der anderen Seite der breiten Straße ragte neben einer Kabeltrommel Krücke wie eine riesige Zigarre aus dem Schnee.

Sohni schlurfte hinüber und blickte zu dem hohlwangigen Kopf hoch, auf dem eine runde Ledermütze wie ein Napfkuchen thronte. „Wat machste denn für Scheiße mit mir?“ griff er Krücke an. „ Ick dachte is wat passiert… weeßte. Und haste dit Jeld?“

Krücke grinste und wischte sich den gefrorenen Tropfen von der Nase. „Schon jut, wollte mal von Amts wejen sehn, watte so machst, verstehste.“

Und wat is mit olle Tarzan? Vorne is allet sauber…“

„Wat soll sein? Erst hatta de Birne einjezogen und denn hatta de Bude duster jemacht… und denn isser zum Telefon jewieselt.“

„Und hatta de Plempe…“

„Weeß der Deibel, is ooch ejal. Wir wolln da nich übernachten, verstehste. Kohle jibt´s ´n paar Tage später. Den müssen wa erstmal weichkochen.“

„Der hat bestimmt ne janze Menge Kinder abjemurkst…weeßte…“

Krücke warf seine angerauchte Zigarette weg. „Quatsch! Wie kommste denn daruff?“

„Meene Schwestern ham neulich über Würjer und Sittenstrolche und weeß der Henker wat jequatscht, und da hab ick mir so meen Teil jedacht…weeßte. Und hinter olle Ninne issa ja ooch her…“

„Is keen Kinderficker. Der fickt eher Leichen oda dote Katzen, verstehste. Det mit Ninne sieht irjendwie nach Hass aus. Aber dafür biste noch zu doof, verstehste?“

„Aba mir wollta ooch dotmachen…weeßte. Ick kann ne Anzeije machen.“

Krücke lachte. „Hatta aba nich jeschafft. Und wat soll ne Anzeije! Dir gloobt keener wat, da kannste dir koppstelln. Du hast ´n Stempel im Jesicht…“

„Und wat, wenn Ninne zur Plempe jeht?“

„Denn issa uff de Rolle. Wenn ick Tarzan wär, würde ick dem von Amts wejen vorher den Hals umdrehen…“

Sohni verhielt den Schritt; in seiner Brust zuckte es. „Meenste dit ernst?“

Krücke schwieg und sprach auch während der Heimfahrt nicht mehr darüber. Nur als sie sich verabschiedeten, sagte er leise: „Det kann ne janz heiße Kiste werden, verstehste, ick hab det irjendwie im Urin.“

6

Nach dem Bad fühlte sich Ninne müde und wollte Rita absagen, doch Frederic bestand darauf, die Verabredung einzuhalten. Missmutig kleidete sich Ninne an, aß eine halbe Wurstschnitte und quälte sich mit seinem Holzschwert bewaffnet in die Kälte hinaus. Auf der Straße war ihm zumute, als wäre es späte Nacht, obwohl die Geschäfte noch offen waren. Einziger Trost war der Gedanke an den nächsten Tag, an dem er länger schlafen konnte. Vor dem Spielzeugladen tobte eine Schneeballschlacht. Jungs brüllten, Mädchen kreischten; und backte der pulverige Schnee nicht schnell genug, rissen die Jungs die Mädchen zu Boden und stukten sie mit der Nase in den Schnee. Er ging auf die andere Straßenseite, schlidderte bis zu Lindes Haustür und schaute zur grünen Pumpe hinüber, auf der ein weißes Hütchen saß und ein Eiszapfen wie erstarrter Geifer an ihrem Drachenmaul hing. Oben im vierten Stock brannte schwaches Licht hinter dem roten Vorhang von Thomas Spielzimmer.

Die Pfeife im Mund, die dicken haarigen Pranken auf den Rücken gelegt kam der Schweinebär vom Tabakladen heran und verweilte einen Augenblick neben der Pumpe, bevor er schwerbeinig ins Haus stapfte. Ninne überquerte die Straße und tauchte in Schwilles Gestankswolke, die um die Pumpe herumwaberte. Vorsichtig näherte er sich der Haustür und spähte durchs Schlüsselloch. Im Hausflur brannte noch Licht, aber der Schweinebär schien bereits in seiner Parterrewohnung zu sein. Er wartete, bis es ausging, ehe er die vier Treppen hinaufstieg. „Da bist du ja endlich!“ empfing ihn Rita. „Komm nur herein.“

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich, „aber die Bahn fuhr mir auch weg. Bin müde.“

„Ach Gott!“ bedauerte sie ihn. „Du musst dich ausruhen. Komm nur, ich helf dir.“ Sie zog ihm Anorak, Pullover und Schuhe aus und führte ihn in Thomas Zimmer. Das Holzschwert ließ er im Korridor.

Thomas war nicht zu sehen; die Truhe war mit einem schwarzen Tuch bedeckt und sah in dem schummerigen Licht jetzt wirklich wie ein Sarg aus. Spielte der Vampir? Ninne trat an die Truhe heran, fuhr mit der Hand über den weichen Stoff und flüsterte: „Thomas ist da drin, stimmt´s?“

Rita schüttelte den Kopf und lächelte. „Nein, ist er nicht. Thomas ist woanders; in der Truhe ist etwas für dich. Darf ich dich zurechtmachen oder willst du dich erst ausruhen? Ich bin deine Dienerin.“

Er lehnte sich an die Truhe und betrachtete sie. Sie schlug die Augen nieder, legte ihren Umhang ab und zeigte sich in einem weißen Leinenhemd, das von schmalen Trägern gehalten ihre Oberschenkel frei ließ. An den Füßen trug sie Sandalen mit korallenroten Bändchen und im hochgesteckten Haar schimmerten Spangen von gleicher Farbe. Korallenrot waren auch drei Riemchen, von denen zwei den linken Oberarm einschnürten und der dritte in das porzellanfarbene Fleisch ihres linken Oberschenkels einschnitt. Auf ihrem Brustbein vermisste er das schwarzsilberne Kreuz, das sie beim letzten Mal getragen hatte. Dafür hing an ihrem linken Ohr eine ovale eiserne Scheibe, die an eine Hundemarke erinnerte und die mit ihrem Gewicht das zarte rosige Läppchen in die Länge zog. Warum alles nur auf der linken Seite? Sie trat einen Schritt zurück, knickste wie eine Zofe und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Ich bin deine Dienerin“, sagte sie noch einmal, „was soll ich machen?“

Ihm wurde heiß, das Blut pulste in seinen Schläfen. Er starrte auf das grob gewebte Leinen und dachte an das Höllenspiel. Aber da hatte sie alles von selbst gemacht oder Thomas hatte es ihr gesagt. Jetzt aber sollte er ihr befehlen! Er war neugierig und erregt, wollte wissen, was sie unter dem Leinenhemdt trug. Seine Mundhöhle trocknete aus, seine Lippen wurden spröde. „Tut dir auch nichts weh?“ tastete er sich mit heiserer Stimme vor.

Sie hob leicht den Kopf. „Es tut mir gut.“

„Und warum bindest du dir den Arm und das Bein ab?“

„Thomas hat ein Buch, und da steht das drin…“

„Und was steht da drin?“

„Es handelt von Sünderinnen; und ich bin so eine und Thomas hat mir auferlegt, für meine Sünden zu büßen. Und seit ich dich kenne, denke ich immer an dich. Ich habe heute alles für dich angelegt. Gefällt es dir?“

Er dachte an das Gespräch mit Frederic über den Bußtag. „Hast du was an die Brust rangemacht und möchtest du so leiden wie Jesus?“

„Das geht nicht, auch nicht so wie der heilige Sebastian; doch vielleicht wie die heilige Magdalena…Manchmal träume ich aber, Sebastian zu sein… Ja, ich trage was an der Brust – zur Buße, weil ich dich verführte. Thomas weiß nichts davon. Es sind eiserne Plättchen, wie das am Ohr. Man kann sie überall ranklemmen: an die Ohrläppchen, an die Lippen und…“ Sie blickte auf und lächelte. „ Magst du sie sehen?“

„Ja, will ich.“

Sie nahm die Hände nach vorne und drückte das Hemd an ihren Unterleib. „Soll ich mich zuerst oben freimachen?

Er blickte auf ihre geöffneten Lippen. Hatte sie wieder nichts unter? „Ich will aber alles sehen.“

Sie entblößte ihre knabenhafte Brust und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Zwei eiserne Plättchen hingen wie Orden an den Warzen, die trotz der Last steil und steif nach oben standen. Ihr Gesicht zeigte kein Anzeichen von Schmerz. Glatt und sanft wie im Schlaf drückte es eher W onne aus. Und das sollte Buße sein? Als hätte sie seine Gedanken erraten, streckte sie die harten Spitzen vor und flüsterte: „Zieh bitte dran, dann ist es so, wie es sein muss.“

Er zögerte, ehe er die Hand nach dem linken Plättchen streckte und es auf den Fingerspitzen wog. Die Plättchen hingen an hauchdünnen Seidenschlingen, die die Warzen wie Hälse würgten. „Zerre an beiden“, bat sie mit erregter Stimme, „zerre, dass ich mich bücken muss!“

Sie schloss die Augen und öffnete den Mund. Ihre Nasenflügel bebten. Er konnte nicht mehr zurück, ergriff die eisernen Ovale, zog sie nach unten, nach vorne und nach oben. „Doller, doller“, japste sie, „führe mich wie eine Kuh um die Truhe herum!“

Nach der zweiten Runde nahm sie einen Gürtel vom Ständer, presste die Schenkel zusammen und stöhnte: Schnüre sie bitte zusammen, damit ich nicht so schnell gehen kann.“

Er erfüllte ihren Wunsch und zerrte sie im Rückwärtsgang hinter sich her. Ihre Schenkel rieben sich, die Füße trippelten; doch sie stolperte nicht. Als sich ihre Brustwarzen nicht weiter dehnen ließen, stieß sie einen leisen Schrei aus und griff sich an die Scham. Er blieb stehen und fragte: „Hab ich dir weh getan?“

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