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Einsamer Wächter

Für meine Familie, die mir nie gesagt hat, dass ich etwas nicht kann und vor allem für Gabriel, der sich jede neue Idee ausführlich angehört hat!

Charles

Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.

Es ist die Geschichte eines Helden. Sie wirkt zu Beginn wie eine typische Heldengeschichte, in welcher der Held mit einem magischen Schwert eine Prophezeiung erfüllt und somit das Königreich rettet.

Doch unsere Geschichte soll zwei Jahre nach diesen Ereignissen spielen und gar nicht von diesem Helden handeln, sondern von jemand anderem, der diese Geschichte ganz und gar außergewöhnlich machte: Ein Bruder.

Dieser Bruder bin ich. Mein Name ist Charles und mein Bruder, der Held, hieß Ewan.

Eigentlich begann unsere Geschichte vor vielen Jahren, als der Prophet Arileas von einem furchtbaren Krieg sprach. Ein Krieg, der unzählige Opfer forderte, obwohl er nicht einmal einen einzigen Tag andauerte! Die Parteien, die sich in diesem schrecklichen Krieg gegenüberstanden, waren nicht Menschen unterschiedlicher Meinungen, Religionen oder Herkunft. Nein, die Menschen waren in diesem Krieg alle vereint, denn auf der anderen Seite standen die Dämonen. Doch wie in der Prophezeiung genannt, fand ein auserwählter junger Mann, mein Bruder, ein auserwähltes, mächtiges Schwert und beendete den Krieg in einer einzigen Schlacht.

Das Ganze war nun aber schon fast zwei Jahre her. Ich lebte seit Ende des Krieges zusammen mit meinen besten Freunden Niall, Anya und Liam in einem kleinen Dorf in der Nähe des Diamantsees. Das Leben dort hatte nun wieder eine gewisse Ruhe und ein kleines Stück Frieden war zurückgekehrt. Und doch hörten wir hin und wieder, wenn ein Händler im Dorf zu Besuch war oder ein Reisender seine Geschichten erzählte, dass es im ganzen Königreich Sichtungen von Dämonen geben sollte. Doch wie der Mensch nun einmal war, so glaubten wir den Händlern und Reisenden nie, denn wir selbst hatten die Dämonen seit Ende des Krieges nicht mehr gesehen und wollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass wir hier ein sicheres Leben führten.

Mein Leben war ein fröhliches und friedliches und das wollte ich auf keinen Fall verlieren.

Kyan

Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.

Es ist die Geschichte eines Helden. Sie wirkt zu Beginn wie eine typische Heldengeschichte, in welcher der Held mit einem magischen Schwert eine Prophezeiung erfüllt und somit das Königreich rettet.

Doch unsere Geschichte soll zwei Jahre nach diesen Ereignissen spielen und gar nicht von diesem Helden handeln, sondern von etwas anderem, das diese Geschichte ganz und gar außergewöhnlich machte: Ein Monster.

Dieses Monster war ich. Ich war mit Sicherheit kein normales Monster, denn es gab einen Haken: Ich wollte gar kein Monster sein!

Lass mich das erklären: Du bist doch, wer du bist. Und so war ich eben, wer ich war. Ich hatte mir nicht ausgesucht ein Monster zu sein, ich war es einfach. Seit ich mich erinnern konnte, war ich ein Kyan-Flügler.

Natürlich kannte ich die Geschichten, oder eher Legenden, die sich die Menschen über mich erzählten. Für sie war ich das Boshafteste, das es in der Welt der Dämonen gab. Der Kyan sollte wie ein König über die Dämonen herrschen und ohne ihn könnten sie nie auf die Erde (obwohl der Teil stimmt, aber dazu kommen wir später). Ich hatte natürlich auch keine Ahnung, woher die Menschen dieses Bild von einem Kyan hatten, aber es war falsch! Ich wollte den Menschen nie etwas Böses, ich war einfach ich.

Zu Beginn hatte ich versucht den Menschen zu zeigen, dass ich ungefährlich bin, doch sie warfen einen kurzen Blick auf mich, dann rannten sie um ihr Leben. Ein Angriff wurde nicht einmal in Erwägung gezogen. Eines Tages hatte ich mich damit abgefunden den Spiegelwald kaum noch zu verlassen…

Die Menschen hatten jedoch Recht, dass ich ein besonderes Monster war. Du musst wissen, dass die Welt der Menschen und die der Dämonen getrennt waren.

Inmitten des magischen Spiegelwaldes befand sich jedoch ein Portal, durch welches die Dämonen auf diese Welt gelangen konnten - oder die Menschen in die andere, aber das wollte wunderlicher Weise niemand. Zum Glück konnten die Dämonen aber nicht kommen und gehen, wie sie es wollten, da das Portal einen Wächter hatte: Mich!

Die ganze Sache ist wirklich schwer zu beschreiben, aber es war wie ein Schalter – ganz tief in meinem Herzen versteckt. Eine fremde Macht wollte diesen Schalter stets umlegen und dann könnten die Dämonen auf diese Welt kommen. Ich hingegen musste jeden Moment meines Lebens gegenhalten. Wurde ich einmal unachtsam oder erschöpft, dann konnte der Schalter umgelegt werden und Dämonen könnten durch das Portal kommen. Meistens konnte ich sie dann gleich töten, bevor sie den Spiegelwald verlassen konnten, doch manchmal kamen gleich mehrere hindurch und ich konnte sie nicht alle aufhalten - erst gestern war mir ein Lava-Dämon entwischt.

Aber genug Drama! Ich will dir unbedingt erzählen, wie ich aussah:

Wirklich ein prächtiges Wesen war ich, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Die Spannweite meiner Flügel betrug knapp vier Meter, wenn ich sie ausbreitete und die Schuppen, die sie bestickten, hatten eine magische Wirkung. Sah man die Schuppen an, so wirkten sie, als würden sie sich wie eine unruhige Wasseroberfläche bewegen und man könnte sich stundenlang in ihren blauen und grünen Farben verlieren, doch fiel das Sonnenlicht auf meine Flügel, so färbten sich die Strahlen in den wunderschönsten Blau- und Grüntönen, als würden sie auf einen Edelstein treffen. Meine ganze Haut schimmerte in diesen Farbtönen, doch nur die Flügel hatten dicke Schuppen, die diese magische Wirkung hatten.

Sonst hatte ich zwei kurze, aber kräftige Beine, mit welchen ich Dinge tragen konnte, die doppelt so schwer wie ich selbst waren und einen Kopf mit kurzem Schnabel, gebogenen Ohren und strahlend blauen Augen, mit welchen ich auch im Dunkeln problemlos sehen konnte. Arme hatte ich keine, aber am äußeren Ende meiner Flügel befanden sich drei schwere, schwarze Krallen, welche ich zum Laufen mitbenutzte.

Mein Leben war nicht einfach, ich hatte schon zu oft einen Dämon entwischen lassen, was vermutlich viele Menschen das Leben kostete. Trotzdem versuchte ich stets, das Beste daraus zu machen.

Mein Leben war ein einsames und schuldbeladenes, doch es war nun mal mein Leben und damit hatte ich mich schon lange abgefunden.

Charles

Mein Leben hier war in der Tat sehr friedlich. Die Angst, dass die Dämonen zurückkehren würden, hatten die Menschen so tief in sich vergraben und unter den Teppich geschoben, dass sie selbst kaum mehr an die Dämonen glaubten.

Das galt jedoch nicht für Niall. Er war schon als Kind sehr neugierig gewesen und hatte sich die Erforschung der magischen Welt zur Aufgabe gemacht. In seinem Notizbuch, dessen brauner Einband inzwischen sehr zerzaust war, schrieb er von den magischen Wesen, die uns in dieser Welt stets umgaben. Er erzählte von den verschiedenen Feenarten, den längst ausgestorbenen Drachen, den lebendigen Bäumen oder natürlich auch den Dämonen. Jeder Reisende, der angeblich von einem Dämon berichtete, wurde sofort zu Niall geschickt, welcher unverzüglich alle Details aufschrieb.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob mein bester Freund, mit dem ich schon als Kind versuchte die Fische im Diamantsee zu fangen, ein unrealistisches Hobby hatte, oder ob ich ihm eines Tages dafür danken würde, doch als Freund blieb mir keine andere Wahl als mir jedes neue Kapitel, das Niall verfasste, zu lesen und zu sagen, wie gelungen ich es fand. Dieses Buch war nämlich die einzige Sache, in der Niall sich selbstsicher fühlte. Im Grunde war er eigentlich ein sehr ruhiger und schüchterner junger Mann, der die besagten Fische als Kind nie töten konnte, sondern sie immer zurück in den See warf.

Anya hingegen war die Art von Kind, die mit Pfeil und Bogen schon drei Fische gleichzeitig aufspießte, bevor andere kaum laufen konnten. Sie hatte diese „Achtung-hier-komme-ich-Art“, mit der man einfach klarkommen musste, sonst rannte sie einen eben über den Haufen. Doch so rücksichtslos sie für andere auch zu sein schien, wir Freunde wussten, dass sie sich sehr um uns sorgte. Ich war mir fast sicher, dass Niall ein wenig in sie verknallt war, was mich ehrlich gesagt etwas überraschte, da sie so komplett gegensätzlich voneinander waren.

Liam war wie Anya auch nicht der Typ, der sich vor einem Abenteuer drückte. Er war der, der selbst mit der Schlinge um den Hals noch einen Witz reißen konnte. Stets fesselte er das Leben mit bunten Seilen und erzählte ihm so viele Dinge, dass es ihn freiwillig in Ruhe ließ. Ich kannte ihn zwar erst seit Ende des Dämonenkrieges, doch wir waren inzwischen gute Freunde geworden und er vervollständigte unsere Gruppe.

Manchmal erinnerte Liam mich an mich selbst. Früher hatte ich auch viel gelacht und die Dinge nicht sehr ernst genommen. Das musste ich auch nie, denn Ewan nahm immer alles so schrecklich ernst. Alles was ich anstellte, bügelte er wieder gerade. Manchmal jedoch vergaß er, dass das Leben mehr als nur Verantwortung und Pflichten zu bieten hatte, aber genau dafür hatte er ja mich. Ich nahm ihm den Ballast von den Schultern und munterte ihn auf. Wir machten alles gemeinsam.

Als Ewan starb, starb auch ein Teil von mir. Ich musste nun plötzlich auch Verantwortung tragen. Ewan hatte mir scheinbar den Ballast weitergegeben und manchmal war ich darüber etwas verärgert gewesen, doch inzwischen hatte ich mich damit abgefunden. Alles was ich tat, tat ich in seinem Namen. Einige Details um Ewans „Tod“ waren etwas unklar, weshalb ich niemals die Hoffnung aufgab, dass er vielleicht eines Tages zu mir zurückfinden könnte. Natürlich war es idiotisch nach zwei Jahren immer noch zu denken, dass er auf magische Weise hier auftauche, aber ich war doch sein Bruder. Ich konnte nicht aufhören zu hoffen.

Das Leben hier war jedoch eine gute Ablenkung für mich. Jeden Morgen machte ich meine typische Runde. Zuerst fütterte ich die Pferde im Stall, wo meistens schon die kleine Phina auf mich wartete. Das Mädchen war so verrückt nach Pferden, dass sie mir jeden Morgen auflauerte, um mich anzuflehen, dass ich sie helfen ließe. Wenn ich gute Laune und die nötige Zeit hatte verabredete ich mich auf den Mittag mit ihr, um ihr ein wenig Reitunterricht zu geben. Obwohl sie erst acht Jahre alt war, hatte sie eine Verbindung zu den Pferden, die ich vermutlich nie ganz verstehen würde. Sobald sie alt genug sein würde, hatte ich vor ihr die Leitung des Stalles zu übergeben. Ich konnte mir schon das Funkeln in ihren Augen vorstellen, wenn ich es ihr sage.

Nachdem ich den Stall verlassen hatte, machte ich mich auf den Weg zum Brunnen, um den Wasserstand zu überprüfen. Vor ein paar Monaten hatte der Brunnen weniger Wasser als sonst gehabt, was uns allen Sorgen bereitet hatte. Doch inzwischen hatte es sich wieder normalisiert, was mich jeden Morgen beruhigte.

Anschließend ging ich über die Felder zu Murray, wobei ich Tagkraut sammelte und es ihm brachte. Murray hatte im Krieg der Dämonen sein Augenlicht verloren, brauchte aber das Tagkraut wegen seines schwachen Herzens jeden Tag. Um zu verhindern, dass er versehentlich Nachtkraut sammelte, welches sich nur in der Farbe von Tagkraut unterschied, aber tödlich wirkte, hatte ich beschlossen ihm jeden Tag etwas Tagkraut vorbeizubringen.

Danach konnte ich die Herausforderungen des Alltags aufnehmen. Hier und da brauchte man meine Hilfe, aber wenn ich nicht gebraucht wurde machte ich mich mit meinen Freunden auf die Jagd oder bei schönem Wetter badeten wir im Diamantsee, der nur wenige Minuten entfernt vom Dorf lag. Wenn das Mondlicht auf die Wasseroberfläche traf, dann glitzerte das Wasser als würde es aus tausend Diamanten bestehen, wodurch der See seinen Namen erhielt.

Alles in Allem war ich hier glücklich. Dieses Leben hier hatte beinahe die Lücke gefüllt, die mein Bruder hinterlassen hatte, als er beschloss sich seinen Dämonen zu stellen. Und doch dachte ich jeden Tag an ihn und vermisste ihn mit jeder Stunde, die verging, noch mehr. Könnte er doch nur sehen, welches Leben er uns allen ermöglicht hatte.

Im Moment saß ich mit meinem Schwert am Gürtel, einer bequemen Reiterhose und hellbraunem Hemd auf meinem treuen Pferd „Mailo“. Dessen Hufe hatte sich von der Entzündung gut erholt und er konnte wieder problemlos laufen.

Ich hatte Phina heute Morgen mal wieder versprochen, dass ich mit ihr ausreiten würde. Zuerst hatte ich jedoch ihre Mutter, Rosalie, gefragt, ob sie einverstanden war, dass wir bis zum Diamantsee ritten. Rosalie zeigte sich begeistert und wünschte sich daraufhin, dass ihr sechsjähriger Pete auch mehr Interesse an realen Lebewesen zeigen würde. Jeden Tag jagte er auf den Wiesen Feen, Trolle, Kobolde oder Drachenfliegen.

Nicht, dass diese magischen Lebewesen nicht real waren, doch sie lebten seit dem Dämonenkrieg sehr zurückgezogen in den Wäldern und zeigten sich kaum noch. Selbst die Mondfeen waren fast verschwunden, was für diese Art sehr untypisch war.

Jedenfalls bewunderte ich Petes Fähigkeit zu träumen insgeheim, doch natürlich gab ich Rosalie Recht. Sie hatte es die letzten Zwei Jahre nicht leicht gehabt, denn genau wie ich hatte auch sie ihren Bruder im Dämonenkrieg verloren. Pete und Phinas Vater war schon vor vielen Jahren, kurz nach der Geburt von Pete an einer Krankheit verstorben.

Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, da Phina rief: „Charles? Bist du endlich bereit?“ Sie hatte sich, während ich einen Moment ablenkt war, ganz allein auf ihr riesiges Pferd „Minou“ gesetzt. Ich schüttelte lächelnd den Kopf, dann ritten wir los.

Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt gerade erreicht, weshalb es sehr warm war. Es war, als wollte sie noch ein letztes Mal zeigen, wie kräftig sie strahlen konnte, bevor sie der Kälte des Herbstes in wenigen Wochen Platz machte.

Als wir den Diamantsee erreicht hatten, fragte Phina sofort, ob sie ins Wasser dürfte. Ich stimmte zu, denn der See war nicht allzu groß, weshalb er angenehm warm war. Phina tauchte sehr gerne und war ab und zu für einige Sekunden unter Wasser verschwunden, bevor sie wieder aus dem Wasser schoss und nach Luft schnappte. Ich hatte die Pferde an einen Baum gebunden und war ebenfalls kurz ins Wasser gesprungen, doch dann hatte ich Hunger bekommen und verließ den See wieder. Meine Kleidung war klitschnass, doch es war warm genug um sie am Leib trocken zu lassen. Ich holte drei Äpfel aus meiner Tasche, gab jedem der Pferde einen und aß den dritten selbst.

Ich hatte den Apfel kaum zur Hälfte aufgegessen, da ließ ich ihn fassungslos ins Graß fallen. Aus der Richtung des Dorfes sah ich, wie eine Menge Rauch aufstieg. Phina tauchte auf, folgte meinem besorgten Blick und sah mich dann panisch an. Ich musste sofort eine Entscheidung treffen.

„Phina, hör‘ mir gut zu! Du kommst aus dem Wasser, bindest Minou los und wartest auf ihr. Du reitest mir nicht hinterher, hast du gehört?! Du wartest hier bis ich, oder jemand den du kennst, dich abholen kommt! Gehe mit keinem andern mit. Wenn jemand fremdes kommt, dann reitest du so schnell du kannst davon. Verstanden! Und wehe du folgst mir!!“

Mit diesen Worten hatte ich mich auch schon auf Mailo geschwungen und war losgeritten. Das Wasser des Sees tropfte mir immer noch von den Haaren, als ich das Dorf erreichte. Ein paar der Häuser standen in Flammen, die Menschen rannten hektisch durch die Gegend und einige Meter vor mir auf dem Weg stand ein Dämon.

Ich wollte kaum meinen Augen trauen, doch wie konnte ich ihn ignorieren? Der Dämon war knapp drei Köpfe größer als ich und schien aus Steinen zu bestehen. Es gab Risse in den Steinen und darunter glühte es tiefrot. Seine Gestalt ähnelte jedoch der eines Menschen und er schien scharfe Krallen aus Stein zu besitzen, mit welchen er gerade die Haustür von Rosalie, Pete und Phina zerstörte. Hoffentlich waren sie nicht zuhause, denn er war beinahe im Haus.

So einen Dämon hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen, nicht einmal im Krieg der ...

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