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Einsam und kalt ist der Tod

LARS PETTERSSON ist Filmemacher. Er hat zahlreiche Spielfilme, Fernsehserien, Dokumentarfilme und Reportagen gedreht. Er verbringt jeden Winter in Kautokeino, im Norden Norwegens, dort, wo sein Kriminalroman spielt. Den Rest des Jahres lebt er in der Nähe von Lindesberg in Mittelschweden.

EINSAM UND KALT IST DER TOD ist Lars Peterssons erster Kriminalroman. Er hat für sein Debüt in Schweden begeisterte Reaktionen von den Lesern und Rezensenten bekommen. Sein Buch wurde als »Bestes Krimidebüt 2012« von der Schwedischen Kriminalakademie ausgezeichnet.

Zurzeit schreibt er an seinem zweiten Roman, der ebenfalls in Kautokeino spielen wird.

Lars Pettersson

Einsam und kalt ist der Tod

Lappland-Krimi

Übersetzung aus dem Schwedischen
von Thorsten Alms

BASTEI ENTERTAINMENT

GUOVDAGEAIDNU
VARRA NIIBI

Kautokeino
ein blutiges Messer

Die Samen, die Bewohner Lapplands, haben den Brauch, in ihren traditionellen Joik-Gesängen, Orte durch unterschiedliche Gegenstände zu charakterisieren. Für den Schauplatz dieses Kriminalromans, Kautokeino, wird ein blutiges Messer genannt.

Karte

Joik. Eine eigenartige Kraft, bejahend und befreiend. Verächtlich oder spöttisch, ironisch herausfordernd.

Er hatte früher nie darüber nachgedacht. Nie dieses Spielerische wahrgenommen, diese Leichtigkeit. Hatte die Sprachmelodie nie so verstanden wie heute Nacht.

Wenn es kein betrunkenes Krakeelen gewesen war, dann unbeholfen einstudierte Touristennummern. Alte Männer und Frauen im Festkolt, die nervös auf das Publikum schielten und endlose Beschreibungen der Natur und ihrer Enkelkinder joikten.

Hier aber schlängelte sich der Joik durch die rauchgeschwängerte Luft des Lokals, vermischte sich mit den versprengten Resten der Popmusik aus dem Tanzsaal, flatterte wie die schnellen Blitze aus der Discokugel, die sich unter der Decke drehte. Schnelle Bilder von Licht und Leben auf einem Lärmniveau, bei dem man eine Motorsäge starten könnte, ohne dass jemand reagiert hätte. Ganz plötzlich erschien ihm der Joik als ureigener Ausdruck von Lebensfreude.

Er gab ihm das Gefühl der Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Nie zuvor hatte er das so empfunden, nie so deutlich erlebt.

In der Discoabteilung ließ jemand ein Tablett mit Gläsern fallen. Eine betrunkene Stimme rief etwas, aber niemand hörte ihr zu. Irgendwo im Lokal fiel ein Stuhl um, ein Tisch wurde scharrend über den unebenen Boden geschoben.

Er nahm sein Glas und ging durch den Schankraum zum Fenster hinüber. Scherte sich nicht um das Geflüster hinter seinem Rücken, ließ die Leute reden und mit dem Finger auf ihn zeigen. Es war ihm gleichgültig, es war jetzt vorbei. Vergangenheit. Er hatte keine Lust, zu grüßen oder nach Bekannten Ausschau zu halten.

Die Zapfanlage funktionierte nicht. Der röchelnde Zapfhahn hustete nichts als weißen Schaum aus. Es war Zeit für die letzte Runde. Alle riefen ihre Bestellungen der schweißgebadeten Kellnerin zu, die eine Batterie zur Hälfte mit Schaum gefüllter Gläser vor sich stehen hatte.

Verzweifelt versuchte sie aus den Gläsern einen klaren halben Liter zusammenzuschütten. Schließlich rief sie resigniert nach dem Türsteher, der sich mit einer Rohrzange in der Hand einen Weg durch das verräucherte Lokal bahnte.

Draußen vor den schmalen Fenstern sammelte sich der Nordostwind von der Finnmarksvidda aus zum Angriff. Er presste den wirbelnden Neuschnee gegen die Hotelwand und den Eingang zur Bar.

Ein Auto schlitterte durch den Schneematsch und warf ein flackerndes Licht auf ein Paar, das gegen einen Abfallcontainer gelehnt beieinander stand. Der Mann trug Lederhosen und einen Kautokeinokolt mit farbenfrohen Bändern, einem hohen Kragen und viel Gold im Gürtel. Die Frau hatte lediglich eine kurze Lederjacke an, Boots und einen sehr kurzen Rock. Ihr helles Haar flatterte im Wind.

Es sah einen Moment so aus, als würde der Mann weinen. Die Frau fror und versuchte ihn in den Windschatten hinter dem Container zu ziehen. Ein weißer Volvo Amazon, wahrscheinlich aus den Sechzigerjahren, legte auf dem Parkplatz eine sportliche Wendung hin. Er selbst hatte früher auch so einen Wagen gehabt.

Dieser hatte norwegische Flaggen auf der vorderen Stoßstange. Kam wohl von einer Hochzeit? Oder einem Geburtstag? Die Frau mit dem kurzen Rock winkte dem Fahrer zu. Gemeinsam halfen sie dem Mann mit dem Kautokeinokolt auf die Rückbank. Die Frau drängte sich zu ihm in den Wagen. Das Auto schlitterte weiter durch das Schneetreiben zur Reichsstraße hinunter.

Er zog die staubige Gardine wieder zu, verdeckte die Aussicht, als gälte es, den Wind, den Schnee, die Kälte, die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung und die Frustration auszusperren. Er wollte in der Wärme des lärmenden Lokals bleiben.

So war es also. Er hatte es ganz vergessen. Vier Jahre sind eine lange Zeit, in der sich viel verändern kann. Sowohl das, was man mit sich genommen hat, als auch das, was man zurückgelassen hat. Er ging in die Diskoabteilung hinüber.

Auf der Tanzfläche waren nur wenige Paare, die meisten saßen an den Tischen. Ein betrunkener Mann mit Sonnenbrille, Kolt, Jeans und Cowboystiefeln kniete auf der Tanzfläche und streckte die Arme der flimmernden Lichtanlage entgegen.

Ein älterer Mann in Scooteranzug und Yetistiefeln kam in einer Wolke aus wirbelnden Schneeflocken herein, ein oranges Lasso über der Schulter. Hundefellmütze und Handschuhe in der Hand, ein großes Messer im abgewetzten Gürtel. Das verschwitzte Haar stand in alle Richtungen ab. Der Mann blieb in der Tür stehen und schaute sich aufmerksam im Lokal um.

Er zog sich zurück und versuchte dem Blick des Mannes auszuweichen, aber dieser hatte ihn schon entdeckt.

»Hallo, bist du hier, gibst du einen aus?«

»Es gibt nichts mehr, die Zapfanlage ist kaputt.«

»Sollen wir teilen?«

Der Mann deutete mit einem Nicken auf die Flasche, die er in der Hand hielt. Er nahm umständlich das Lasso ab und öffnete den Reißverschluss des Overalls, zog die Arme heraus und ließ das Oberteil des Overalls über den Gürtel hängen. Dann legte er Mütze, Handschuhe und Lasso neben der Tür auf den Boden.

»So, du bist also zurückgekommen?«

Auf einem der Tische fand er ein leeres Glas. Das Licht in der Diskothek wurde eingeschaltet und verwandelte die intime Stimmung in eine fahlgrüne, nikotingelbe Leuchtröhren-Tristesse.

»War es schlimm?«

Er antwortete nicht, betrachtete nur das geliehene Glas in dem neuen Licht, bevor er mehr als die Hälfte des Flascheninhalts hineingoss und das Glas dem Mann im Scooteranzug reichte.

Um die beiden Männer herum erhoben sich die Gäste langsam von den schmuddeligen Polstermöbeln. Die meisten waren Jugendliche, die sich in der Dunkelheit der Diskothek zielstrebig den Mut und die Entschlossenheit angetrunken hatten, die sie brauchten, um sich in das Schneetreiben und die stille Finsternis hinauszuwagen.

Der Mann mit dem Overall holte Zigarettenpapier und Tabak aus einer geheimen, wasserdichten Tasche.

»Wirst du bleiben?«

»Ich weiß nicht, ich hab mich noch nicht entschieden. Mal sehen.«

Er trank aus der Flasche und schaute sich in dem heruntergekommenen Laden um. Die Möbel waren dieselben. Dieselben Gardinen. Derselbe fleckige Teppichboden. Sogar die gelben Staubfäden in der asthmatischen Absaugklappe der Ventilationsanlage waren wahrscheinlich dieselben. Vier Jahre konnten auch eine kurze Zeit sein.

Ein blasses Mädchen mit dünnen Armen begann die leeren Flaschen und Gläser einzusammeln. Die Leute im Lokal standen auf und bewegten sich auf den Ausgang zu.

Der Joik aus der Bar suchte sich wie eine Schlingpflanze seinen Weg durch den maroden Tanzsaal. Eine grüne Liane voller Lebenskraft und Übermut, die sich ihre Nahrung aus selbst gedrehten Zigaretten, saurem Tabak und abgestandenem Bier zu holen schien.

Ein betrunkener junger Mann mit einer bunten Scooterjacke und zwei blondierten Mädchen im Hintergrund kam herüber und ließ sich Feuer geben. Wandte sich an den Mann im Overall, hatte aber die ganze Zeit seine Aufmerksamkeit auf den anderen gerichtet. Saugte an der unförmigen Zigarette und drehte sich um, fragte wie beiläufig:

»Bist du wieder raus?«

Der Overallmann warf ihm einen warnenden Blick zu.

»Hau ab!«

Der junge Mann scherte sich nicht um ihn, sondern schaute zurück zu den Mädchen an der Theke. Sie nickten ihm aufmunternd zu.

»Du warst es doch, oder?«

»Verpiss dich, du verdammter Grünschnabel!«

Der Mann mit dem Overall baute sich in seiner ganzen, nicht allzu imponierenden Größe vor ihm auf, und der junge Mann trat einen Schritt zurück, erschrocken vor allem von der Heftigkeit, mit der sich der Mann bewegt hatte. Er drehte sich um und kehrte zu der Gruppe von Jugendlichen zurück, die sich an der Theke versammelt hatte.

»Immer mit der Ruhe, Ovla, das macht nichts. Ich kann für mich selbst sprechen.«

Er war mit der Bierflasche in der Hand sitzen geblieben, wirkte ruhig und gelassen. Er schien darauf vorbereitet gewesen zu sein. Vorbereitet auf die Fragen. Den heimtückischen Missklang in dem freundlichen Tonfall. Er hatte genug Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Vier Jahre. Er schaute zu der Gruppe hinüber, die an der Theke zusammenstand. Das Flüstern. Das dumme Gequatsche.

Auf einmal fühlte er sich unheimlich müde und bereute, dass er heute Abend überhaupt hierher gekommen war. Er hätte eine Woche warten sollen. Dann hätte das Gerücht seine Runde durch die Gemeinde gemacht, bevor er sich wieder unter Leuten gezeigt hätte.

Scheißegal. Jetzt war es ohnehin zu spät.

Er brachte Ovla dazu, sich wieder zu setzen, und wandte dem Jungen, der sich grinsend wieder zu seinen Leuten an der Theke gesellt hatte, den Rücken zu. Die anderen Jugendlichen hatten sich erwartungsvoll um ihn geschart.

Die Kellnerin drängte sich mit einem weiteren Tablett voller leerer Flaschen und schmutziger Gläser an ihnen vorbei. Sie versuchte vergeblich, die Aufmerksamkeit des Türstehers auf sich zu lenken, aber dieser war damit beschäftigt, die Jacken aus der Garderobe auszugeben, und schaute nicht in ihre Richtung. Schließlich balancierte sie ihr überladenes Tablett selbst hinter die Theke.

»Kümmere dich nicht um sie, du weißt, wie sie sind. Skål!«

Ovla lachte und hob sein Glas, aber sein Blick war ernst, und er behielt genau im Auge, was sich hinter dem Rücken des anderen Mannes abspielte.

Der Junge hatte seine Scooterjacke geöffnet. Er hatte struppiges blondes Haar, und die Aufregung und das viele Bier hatten sein Gesicht rot anlaufen lassen. Unterstützt vom anfeuernden Rufen und Nicken seiner Freunde kehrte er zu den beiden Männern zurück. Legte die Hand auf seine Schulter.

»Du hast ihn umgebracht, oder?«

Ovla wollte aufstehen, wurde aber von dem Mann auf der anderen Seite des Tisches mit einem Blick daran gehindert.

»Jetzt, wo du wieder draußen bist, kannst du doch sagen, wie es war?«

Er drehte den Stuhl nicht herum, bewegte sich nur kurz nach links, sodass der Junge das Gleichgewicht verlor, sprang schnell zur rechten Seite auf, drehte sich um und schlug zwei Mal kurz hintereinander mit der Bierflasche zu.

Der erste Schlag traf oberhalb der Nase. Der zweite erwischte Wange und Schulter, sodass der Junge über den Stuhl fiel und unter den niedrigen Cocktailtisch rutschte. Es wurde vollkommen still im Lokal.

Das Gemurmel aus der Bar flatterte ziellos zwischen den grauen Wänden hin und her.

Er stellte die Flasche auf den Tisch und ging zum Ausgang, ohne sich umzuschauen.

*

Es gab ein Foto von uns beiden an der Pinnwand über Mamas Schreibtisch, zwischen unleserlichen Merkzetteln, Stundenplänen und vergessenen Weihnachtskarten. Ich kann mich nicht daran erinnern, es vorher schon einmal gesehen zu haben, aber als ich am Tag nach der Beerdigung Mamas Sachen durchging, fiel es mir plötzlich in die Hände.

Die Farben waren von der Sonne ausgeblichen. In einer Ecke waren sie fast vollständig verblasst. Es konnte aber auch ein Lichtschaden am Negativ gewesen sein.

Nils Mattis war in einen abgewetzten Arbeitskolt gekleidet. Er trug einen Gürtel mit Messern, und ein altmodisches, geflochtenes Lasso hing über seiner Schulter. Ich selbst hatte einen weißen Anorak an und schaute skeptisch in die Kamera.

Ich erinnere mich an diese Jacken. In jenem Frühjahr waren sie bei uns Mädchen auf der Ängschule in Sundbyberg total angesagt. Meine hatte ein kariertes Futter in Rot und Grün und roch bemerkenswert stark nach Imprägniermittel. Ein Geruch, der sich auf den Wollpullover und alle anderen Kleidungsstücke übertrug, die ich darunter anzog. Nach diesem Frühjahr habe ich die Jacke nur noch getragen, wenn wir bei Großmutter und Großvater waren. Vielleicht hängt sie immer noch in dem Schuppen oben bei ihrem Sommerwohnplatz.

Nils Mattis kann auf dem Bild nicht älter als elf oder zwölf Jahre alt sein, aber er sieht älter aus. Er ist relativ klein und kräftig gebaut. Breite Schultern.

Wir stehen ein Stück voneinander entfernt. Nils Mattis starrt auf den Boden, weigert sich, den Fotografen anzuschauen. Die Strickmütze ist tief über seine Ohren gezogen. Hinter uns ist ein Teil von Großvaters Räucherkate zu sehen, außerdem ein Stapel Rentierfelle auf einem kaputten Schlitten, eine zusammengefaltete Persenning und ein schlafender Hund. Ich glaube, er hieß Zeppo.

Wir sind auf dem Weg ins Fjell.

Nachdem Papa auf seine gewohnt umständliche Art das Bild aufgenommen hatte, pfiff Nils Mattis nach dem Hund, setzte seinen Rucksack auf und ging vor mir den Pfad auf die Moorfläche hinauf.

Ich bin mir fast sicher, dass dies das einzige Foto ist, das ich jemals von Nils Mattis gesehen habe. Es wurde vor mehr als zwanzig Jahren aufgenommen.

Ich hatte damals die Papiere, die meine Mutter hinterlassen hatte, und den Inhalt ihres Schreibtisches in ein paar Pappkartons verstaut, die ich bei IKEA gekauft hatte. Wahrscheinlich steckte das Foto in einem von ihnen.

Als ich das Telefongespräch mit Großmutter beendet hatte, ging ich auf den Dachboden hinauf, um es herauszusuchen.

Oben war es staubig und kalt, und das Licht ging alle fünf Minuten wieder aus. Dennoch nahm ich mir die Zeit, ausführlich in den Papieren zu blättern.

Ich hatte mir bisher noch nie Gedanken darüber gemacht, aber meine Mutter hatte nichts aufbewahrt, was an die Welt erinnerte, aus der sie gekommen war. Keine einzige Zeile. Keine offiziellen Papiere, nichts Privates. Keine Zeugnisse oder Klassenfotos. Keine Briefe von Großmutter oder jemand anderem.

In Sundbyberg, wo wir aufgewachsen sind, hing im Wohnzimmer ein Konfirmationsfoto an der Wand. Nach der Beerdigung hatte ich meinen Vater danach gefragt, aber er konnte sich nicht erinnern, wo es geblieben war. Er meinte, dass Mama es irgendwann abgehängt hätte.

Es sah fast so aus, als hätte ihr Leben erst angefangen, nachdem sie nach Schweden gezogen war und ihr Lehramtsstudium begonnen hatte. Warum hatte sie die Spuren ihrer ersten dreiundzwanzig Jahre so gründlich beseitigt?

Ich nahm das Foto von Nils Mattis und mir mit nach unten in die Wohnung.

Wie alt war ich in jenem Sommer gewesen? Vierzehn? Ich versuchte zurückzurechnen, kam aber nicht darauf, um welches Jahr es sich handelte. Ich hatte keine Erinnerungen an ihn, außer dass er schüchtern und irgendwie eckig war, unberechenbar. Wie würde er heute aussehen?

Großmutter hatte aufgeregt geklungen, als sie am Telefon über ihn geredet hatte. Sie sprach in knappen Sätzen, suchte nach Worten in der ungewohnten Sprache, hatte aber trotzdem einen flehenden Tonfall, den ich nicht von ihr kannte. Vielleicht lag es auch daran, dass sie so selten telefonierte? Oder sie dachte einfach nur daran, wie teuer Auslandsgespräche waren.

Ich wärmte mir die Hände an der Teetasse, betrachtete das Foto und begann allmählich zu bereuen, dass ich versprochen hatte zu kommen. Ich spürte, dass ich die Situation nicht unter Kontrolle hatte, und ich hatte keine Ahnung, was sie eigentlich von mir erwarteten.

Aber Großmutters zerbrechliche Stimme am Telefon hatte mich zu der Antwort bewegt, ohne dass ich groß darüber nachgedacht hatte, worauf ich mich dabei einließ.

»Ja, natürlich kann ich kommen. Das geht schon. Ich kann ein paar Tage freinehmen.«

»Es ist dringend«, sagte sie. »Wir müssen die Sache sofort klären, damit es nicht so endet wie letztes Mal.«

Ich versprach ihr, mich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen. Was letztes Mal passiert war, davon hatte ich keine Ahnung. Ich würde es wohl erfahren, wenn ich erst einmal dort war.

Am nächsten Tag regnete es, ein schwerer und trostloser Februarregen. Ein kalter Wind voll Ruß und Rauch wirbelte den Müll auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Flemingsberg auf, wo die Möwen gerade einen überfüllten Abfallkorb plünderten. Der Schnellzug nach Süden fegte mit einem eiskalten Luftzug vorbei, während ich zur Rolltreppe eilte.

»Anna, Anna!«

Kerstin holte mich auf der Rolltreppe ein. Sie arbeitete als Sekretärin beim Amtsgericht und hatte mir bei der Einarbeitung geholfen, als ich vor einem knappen Jahr dort meinen Dienst als beigeordnete Staatsanwältin angetreten hatte. Ich zog das Foto von mir und Nils Mattis aus meiner Aktentasche und gab es ihr.

»Vielleicht kann einer der Büroassistenten eine bessere Kopie davon anfertigen?«

Kerstin betrachtete das Foto, während wir über die Fußgängerbrücke der glitzernden Fassade des Amtsgerichts Södertörn entgegeneilten.

Die Luft im Gerichtsgebäude war trocken und roch so stark nach Reinigungsmittel, dass meine Nase anfing zu laufen. Noch während Richter Aronsson sich langsam und bedächtig durch die Urteilsverkündung buchstabierte, kam Kerstin mit der Vergrößerung des Fotos sowie der Ticketbestellung zurück, um die ich sie gebeten hatte.

»Arlanda-Luleå, 21:15. Okay?«, hatte sie auf den Umschlag geschrieben.

Ich öffnete ihn und betrachtete das Foto. Die Farben waren besser, aber ich konnte mir immer noch kein Bild von Nils Mattis machen. Nicht nur sein Blick war ausweichend. Seine ganze Körperhaltung nahm Distanz zu mir und zu meinem Vater ein, der das Bild aufgenommen hatte. Er sah aus, als hätten wir ihn gezwungen, dort zu stehen. Als hätten wir ihm die Zeit für etwas viel Wichtigeres gestohlen.

»Fährst du?«, flüsterte Kerstin und setzte sich neben mir auf die Anklägerbank.

Sie schaute auf das Foto. Deutete auf mich und meinen Anorak.

»Wie jung du aussiehst. Wie alt warst du da?«

»Dreizehn, vielleicht vierzehn.«

Richter Aronsson legte in seiner langatmigen Darstellung eine Kunstpause ein und sah missbilligend auf uns herab. Ich versuchte ihn mit einem schiefen Lächeln milde zu stimmen, aber er bewegte keine Miene, sondern räusperte sich nur ein paar Mal, bevor er seinen umständlichen Vortrag wieder aufnahm.

Die Verhandlung würde mit einem Freispruch enden, das wusste ich schon. Oberstaatsanwalt Börjesson hatte mir auch erklärt, dass es die Mühe kaum wert sein werde, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Die Polizeiermittlungen, auf die sich meine Anklage stützte, waren viel zu schlampig durchgeführt worden. Vor dem Oberlandesgericht hätte die Anklage die Lebensdauer eines Pfefferkuchenhauses auf der Weihnachtsfeier eines Kindergartens gehabt.

Es war ein einfacher Betrugsfall. Der Angeklagte hatte Anteile an einer kommunalen Industrieimmobilie verkauft, die in einen luxuriösen Wohnkomplex verwandelt werden sollte. Es war ein wüstes Gezerre, bei dem sich kommunale Amtsträger und Finanzhaie ein verfallenes Fabrikgebäude unter den Nagel reißen wollten. Die Schuldfrage war sonnenklar. Der Angeklagte war schuldig. Darüber gab es eigentlich keinen Zweifel. Aber die Polizei hatte versäumt, Beweise zu sichern, und Zeugenaussagen ignoriert.

Endlich kam Aronsson zu dem Punkt, an dem er den Freispruch verkündete. Ich steckte das Foto in meine Aktentasche und sammelte meine Unterlagen ein.

Auf dem Weg nach draußen blieb der Angeklagte an meinem Tisch stehen.

»Na, Mädel, was soll das Ganze hier? Du machst dich doch nur lächerlich und verschwendest unsere Steuergelder. Merkst du das eigentlich nicht?«

Sein Fünftausend-Kronen-die-Stunde-Anwalt zog seinen Hugo-Boss-Anzug zurecht und schüttelte mir mit einem ironischen Lächeln die Hand, bevor die beiden Halsabschneider lachend hinaus in den grauen Regen und in die Freiheit gingen.

»Wie lange bleibst du weg?«

Kerstin hatte an der Tür zum Flur auf mich gewartet.

»Ich weiß nicht, aber ich habe noch zehn Urlaubstage, die ich nehmen kann.«

»Das war ein Verwandter, auf dem Foto, oder?«

»Ja, ein Cousin. Nils Mattis … da oben haben alle Doppelnamen. Ich kenne ihn nicht, habe ihn seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Meine Großmutter hat angerufen und gefragt, ob ich zu ihnen raufkommen könnte.«

Wir gingen in Kerstins Büro und sie rief am Bildschirm meinen Dienstplan auf.

»Was sagtest du, wie lange würdest du wegbleiben?«

»Eine Woche, vielleicht zehn Tage. Am Mittwoch war, glaube ich, ein Meeting?«

»Ich kümmere mich darum. Dann ist da noch die Verhandlung am Freitagmorgen.«

»Versuch sie zu verschieben.«

»Da oben ist es jetzt ziemlich kalt, was? Und dunkel … um diese Jahreszeit sind die Tage doch bestimmt sehr kurz?«

Sie schaute durch die hohen Fenster nach draußen, als wollte sie sich vergewissern, dass es unten bei den Bahngleisen, auf denen gerade die S-Bahn aus Södertälje vorbeifuhr, immer noch hell war. Es hatte aufgehört zu regnen, aber die bleigrauen Wolken hingen schwer über den Bäumen auf dem Hochschulcampus jenseits der tiefergelegten Bahntrasse.

»So schlimm wird es schon nicht sein.«

»Du hast früher mal dort gearbeitet, oder?«

»Ja, ich habe mein Referendariat und die ersten Berufsjahre am Amtsgericht in Gällivare absolviert.«

»Hast du den Wetterbericht gesehen?«

Ich schüttelte den Kopf, und sie zog die graue Strickjacke fester um sich, um zu signalisieren, wie fern ihr dieses Land erschien, wie kalt, dunkel und abgelegen es wirkte, wenn man es aus der Stockholmer Perspektive betrachtete.

»Wann warst du das letzte Mal dort?«

»Das ist bestimmt zehn Jahre her.«

»Ich habe beim Wetterdienst nachgesehen. Am Vormittag waren es minus 32 Grad. Sei vorsichtig, ja?«

*

Es ging alles so schnell. So erstaunlich schnell.

Nur ein kurzes Aufleuchten. Ein Flackern, ein sekundenkurzer Reflex vor der Dunkelheit und dem weißen Schnee. Ich hatte es kaum wahrgenommen. Ein dunkler Schatten vor der weißen Schneewand.

Der Kotflügel traf das Rentier mit ungeheurer Kraft, der graue Körper wurde auf die Motorhaube geworfen und schlug gegen die Windschutzscheibe. Hufe und Vorderbeine trafen das Autodach, bevor das Tier zurückrollte und langsam nach vorne hinunterglitt.

Als ich den Wagen endlich zum Stehen gebracht hatte, war das Tier verschwunden. Nur ein Blutfleck auf der Windschutzscheibe und ein Büschel strohiger grauer Haare unter dem Scheibenwischer. Auf der Motorhaube waren ein paar Beulen und Kratzer zu erkennen, aber das Rentier war nirgendwo zu sehen.

Ich schaltete den Motor aus. In der Stille hörte ich die Glassplitter des zerbrochenen Scheinwerfers auf die eisige Straße rieseln.

Ich blieb noch ein paar Sekunden sitzen und schaute in die Dunkelheit hinaus. Der Lichtkegel des intakten Scheinwerfers bohrte sich in die Dunkelheit vor mir. Schneekristalle zitterten in dem gelben Licht. Die Moorlandschaft sah unendlich aus. Die struppigen Konturen der Kiefern fraßen sich in den Himmel. Das Nordlicht schlug einen gewaltigen, grünen Bogen über die verlassene Landschaft.

Meine Hände zitterten unkontrolliert, als ich sie vom Lenkrad nahm.

Die Kälte trieb mir die Tränen in die Augen, meine Nase und mein Mund vereisten, als ich aus dem beheizten Auto stieg.

Das Rentier, ein Vorjahreskalb mit dünnem, unregelmäßigem Geweih, lag eingeklemmt unter dem rechten Vorderrad. Die Hinterbeine waren gebrochen, aber es lebte. Es warf den Kopf hin und her, und die Augen flackerten voller Todesangst im Scheinwerferlicht. Es hatte eine Schnittwunde in der Flanke, aber es war kein Blut zu sehen. Vielleicht war es zu kalt?

Auf dem Flughafen Kallax waren es minus 31 Grad gewesen, hier waren es mindestens 35, und es war halb zwei in der Nacht. Zwanzig, vielleicht dreißig Kilometer bis Korpilombolo. Siebzig Kilometer bis Pajala.

Es konnte Stunden dauern, bis ein anderes Auto auf diesem Weg zu dieser Nachtzeit vorbeikam.

Meine Schuhe waren viel zu dünn. Die Kälte kroch von der Straße in meine zitternden Beine und weiter in den Körper hinauf. Betäubte die Nerven, ließ die Gelenke erstarren. Machte jede Bewegung plump und ungeschickt.

Ich ging zurück in den Wagen und setzte mir die Wollmütze auf. Öffnete die widerspenstige Kofferraumklappe, das Messer lag im Seitenfach des Rucksacks.

Die Kälte war scharf und rau, meine Hände klebten am Traggestell des Rucksacks und am Griff der Kofferraumklappe fest. Es war ein gewöhnliches, altes Moramesser, das ich von meiner Mutter geerbt hatte. Eine Scheide aus Presspappe und ein abgewetzter, roter Holzschaft. Die Klinge war ein bisschen rostig, und ich prüfte die Schneide vorsichtig mit dem Daumen. Mein Daumen war kalt und gefühllos, aber das Messer schien scharf zu sein. Scharf genug.

Das Rentier zuckte zusammen, als es mich im Scheinwerferlicht erblickte. Warf den Kopf hin und her und schlug mit dem Vorderbein gegen das Auto.

Ich lief um den Wagen herum und vermied es, dem Rentier in die Augen zu schauen. Ging in die Hocke und versuchte ihm über den Kopf zu streichen, um es zu beruhigen.

»Miesse, miesse, siivos miesse.«

Ich wusste nicht, was die Worte bedeuteten. Wahrscheinlich hatte ich sie irgendwann von meiner Mutter oder meiner Großmutter gehört, und sie waren in meinem Unterbewusstsein hängen geblieben.

Das Rentier bäumte sich auf, und ich versuchte, mit dem linken Arm um seinen Hals zu greifen. Der Kopf zuckte zurück, das Geweih ritzte meine Wange, und ich sah die Angst in den schwarzen Augen unter den langen Wimpern.

Ich versuchte den Kopf festzuklemmen, aber ich war zu weit entfernt, wagte nicht, so dicht heranzukriechen, dass ich einen ordentlichen Griff um den Hals bekam.

Wieder versuchte das Rentier sich loszukämpfen, schnaubte zitternd vor Angst, der Dampf seines keuchenden Atems verwandelte sich in schwebende Schneekristalle, die im Scheinwerferlicht glitzerten.

Ich selbst hatte es noch nie getan. Aber ich hatte unzählige Male zugesehen, wie mein Großvater und mein Onkel es getan hatten.

»Miesse, miesse.«

Ich ging auf die Knie und klemmte den Kopf des Tiers unter meinen Arm. Tastete mit den Fingern der anderen Hand den Schädel ab. Spürte die kleine Vertiefung hinter der harten Hornplatte, suchte nach den ersten Rückenwirbeln. Versuchte den richtigen Punkt zu finden.

Das dampfende, warme Tier unter mir spannte alle Muskeln an, um loszukommen. Der magere Körper krümmte sich wie in einem Krampf. Die gebrochenen Hinterbeine wollten nicht gehorchen. Die Vorderbeine schlugen gegen meinen Arm.

Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nahm.

Plötzlich war alles wie selbstverständlich. Ich verstärkte den Griff um den Nacken des Kalbs, beugte das linke Bein und warf mein ganzes Körpergewicht auf das verschreckte Tier.

Das Blut aus der Schramme auf meiner Wange tropfte auf meine Hände, als ich den Kopf des Rentiers auf die eisige Straße drückte. Ich setzte das Messer mit der linken Hand am Nacken an und schlug es mit der rechten zwischen die Wirbel. Ich musste mehrere Male zuschlagen, bis die Klinge durch das Rückgrat drang. Drehte es um, bis ich spürte, wie sich die Klinge zwischen Wirbel und Knorpel bewegte.

Das Tier zuckte, spannte sich und brach zusammen. Die Nackenmuskeln gaben nach, der Kopf fiel schwer gegen mein Bein.

Ich blieb über dem leblosen Körper sitzen, bis die Todeszuckungen aufhörten. Atmete schwer, mein Mund schmeckte nach Blut.

Mit steifem Körper und vor Kälte brennenden Händen erhob ich mich und setzte mich zurück in den Wagen. Grub mein Mobiltelefon aus der Tasche.

Ich schaltete die Leselampe ein und betrachtete mein gerötetes Gesicht im beschlagenen Rückspiegel, während ich die 112 wählte.

Das Blut in meinem Gesicht stammte von einer Wunde dicht unter dem Auge.

Die Notrufzentrale leitete mich an die Polizei in Luleå weiter. Das war mehr als hundertfünfzig Kilometer entfernt, aber es war die nächste Wache, die nachts bemannt war.

»Hier ist die beigeordnete Staatsanwältin Anna Magnusson vom Amtsgericht Södertörn. Ich möchte melden, dass ich auf der Straße nach Pajala ein Rentier überfahren habe. Zwanzig, vielleicht dreißig Kilometer südlich von Korpilombolo.«

»Ist es tot?«

»Ich habe ihm den Gnadenstoß versetzt.«

»Ist Ihr Wagen beschädigt?«

Er fragte nicht, ob ich selbst mich verletzt hatte. Er dachte nur an das Auto. Ich öffnete die Tür und spuckte Blut auf die Straße.

»Nicht so schlimm.«

»Sind Sie auf dem Weg nach Pajala?«

»Ich werde weiter auf die finnische Seite fahren. Morgen muss ich in Kautokeino sein.«

»Können Sie die Ohren abschneiden?«

»Um diese Zeit ist doch niemand auf der Wache in Pajala?«

»Schneiden Sie einfach die Ohren ab und stecken Sie sie in eine Tüte, und dann hängen Sie sie an den Türgriff der OK-Tankstelle, wenn Sie durch Pajala kommen.«

Er würde sich um die Details kümmern. Ich wischte mir mit einem Feuchttuch, das ich im Handschuhfach gefunden hatte, das Gesicht und suchte eine Weile nach dem Messer, bis ich mich erinnerte, dass ich es auf der Motorhaube abgelegt hatte.

Der Körper des Rentiers dampfte in der Kälte. Ich trat in einen braunen Haufen, den das Tier ausgespien hatte, und wischte mir die Schuhe an dem harschen Schnee am Straßenrand ab.

Als ich die Ohren abschnitt, rutschte ich mit dem Messer ab und schnitt mir leicht in die Hand.

Ich schaute auf die Wunde. Es blutete nicht. Die Kälte spannte die Haut. Nur eine weiße Kerbe in der Daumenbeuge.

Ich wickelte meinen Schal um die Wunde und versuchte, das Auto zurückzusetzen. Der Körper des Rentiers klemmte fest. Ich musste wieder aus dem Auto, mich auf die geriffelte Fahrspur legen und die gebrochenen Hinterbeine befreien, die zwischen der Feder und dem Stoßdämpfer eingeklemmt waren.

Als ich das Tier an den Straßenrand geschleppt hatte und wieder zum Wagen zurückkehren wollte, verließen mich plötzlich die Kräfte. Ich ging neben der Fahrertür auf die Knie und übergab mich.

Ich schaffte es kaum in den Wagen zurück.

Fast zehn Minuten saß ich da, den Kopf auf dem Lenkrad, bevor ich losfahren konnte. Die Ohren vergaß ich am Straßenrand.

Was mich so erschreckt hatte, als ich in dem ausgekühlten Auto saß, war die Empfindung, die das Töten in mir ausgelöst hatte. Wie ich aus einem seltsamen Instinkt gehandelt hatte, der irgendwo in meinem Körper geschlummert hatte. Wie Bewegung, Instinkt und Adrenalin jenseits meiner Kontrolle zusammengewirkt hatten. Nie zuvor hatte ich etwas Vergleichbares erlebt.

Am meisten erschreckte und erschütterte mich allerdings, dass es ein alles andere als unangenehmes Erlebnis war. Im Gegenteil. Ich hatte die Klinge mit einem Gefühl der Zufriedenheit umgedreht. Hatte das Brechen der Knorpel und Wirbel als eine Bestätigung dafür empfunden, dass ich richtig handelte. Dass ich den richtigen Punkt im Rückgrat des Tieres gefunden hatte.

Als ich die Ermittlungsakten zum zweiten Mal durchgelesen hatte, war es schon fast acht Uhr abends.

Nur eine einzige Zeugenaussage war aufgenommen worden. Sie schien eher zufällig in den Akten gelandet zu sein. Der Zeuge war am selben Abend wegen Körperverletzung angezeigt worden, nachdem er bei einer Wirtshausprügelei einen jungen Mann niedergeschlagen hatte. Als er hinsichtlich der Körperverletzung vernommen worden war, hatte er im Vorübergehen erwähnt, dass er Nils Mattis früher am Abend gesehen habe.

Ich stand vom Schreibtisch auf und schaute eine Weile über den menschenleeren Marktplatz. In einigen Fenstern der Gemeindeverwaltung brannte noch Licht, die kaputte Neonröhre über dem Geldautomaten flackerte. Vor dem geschlossenen Postamt stand ein verschneites Auto. Unten auf dem Fluss flimmerte ein Scooterscheinwerfer wie ein unglücklicher Stern. Verschwand in rasender Fahrt unter der Brücke und hinterließ eine funkelnde Schneewolke in der schaukelnden, gelben Straßenbeleuchtung.

Die Laterne vor dem Leichenhaus der Kirche leuchtete. Jemand wartete auf seine Zeit, auf die Schmelze des Frostbodens und geeignetes Wetter für das Begräbnis.

»Sie sind fertig?«

Der Polizeiassistent war jung und trug eine Art Kombination aus Uniform und ziviler Kleidung. Wollhosen und Uniformjacke, Fleecepullover und robuste Stiefel.

Er schüttelte den Schnee von der Mütze und stellte ein wenig schüchtern einen Pizzakarton auf den Schreibtisch, als wüsste er nicht genau, ob sich so etwas gehörte.

»Sie haben vielleicht Hunger. Wir können teilen. Ich mache sie vorher noch warm … in der Mikrowelle. Sie ist unterwegs kalt geworden.«

Er verschwand in einem der hinteren Räume der ansonsten verlassenen Polizeiwache.

Am Vormittag war ich in Kautokeino angekommen. Bis Kolari, auf der finnischen Seite des Muonioälven, war es klar und kalt gewesen. Aber ein paar Dutzend Kilometer weiter flussaufwärts wurde es plötzlich wärmer, und der Schneesturm kam wie eine weiße Wand auf mich zu. Die Straße bekam Spurrillen und war nur schwer befahrbar. Mit meinem einen Scheinwerfer war ich die ganze Zeit unsicher, ob es nicht noch mehr Rentiere auf der Straße gab. Auf hundert Kilometern sah ich kein einziges Auto, sondern nur hin und wieder die Außenbeleuchtung einiger abgelegener Häuser tiefer im Wald.

In der Nähe von Muonio kam mir ein Holztransporter in einer Wolke aus Schnee entgegen, und ich wäre fast in den Graben gefahren. Ich hielt an einer ehemaligen Tankstelle und versuchte bei laufendem Motor und voll aufgedrehter Heizung ein paar Stunden zu schlafen.

Als ich aufwachte, war ich nassgeschwitzt, und die Scheiben waren von innen beschlagen. Draußen war es immer noch dunkel, aber auf der Straße kamen mittlerweile mehr Autos vorbei, während ich versuchte, den festgefrorenen Schnee von den Scheiben zu kratzen.

Auf der norwegischen Seite der Grenze war der Schnee noch nicht geräumt worden, und ich musste bei der Zollstation in Kivilompolo zwei Stunden warten, bis der norwegische Schneepflug mit funkensprühender Schürfleiste angefahren kam. Der Fahrer übersprang den Morgenkaffee, wendete direkt an der Grenzstation und fuhr ohne Pause nach Kautokeino zurück.

Es wäre am sichersten, wenn ich direkt hinter ihm herführe, dann würde ich nicht irgendwo auf der verlassenen Landstraße liegen bleiben, sagte er. Er glaube nicht, dass um diese Zeit so viele Autos unterwegs seien. Nicht bei diesem Wetter.

Der Schnee stob in weißen Streifen vor meiner Windschutzscheibe, und ich versuchte einen Abstand zum Schneepflug zu finden, der mir die bestmögliche Sicht gewährte. Aber das Einzige, was ich sah, waren wirbelnde Schneewolken. Nur das gelbe Blinklicht auf dem Schneepflug gab mir eine vage Vorstellung, in welche Richtung ich fahren musste.

Gegen neun Uhr morgens waren wir in Kautokeino. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, einen meiner Verwandten zu kontaktieren, sondern war direkt zum Turisthotell gefahren, hatte mir ein Zimmer genommen, war in das schmale Bett gekrochen und sofort eingeschlafen.

Als ich aufwachte, war es drei Uhr nachmittags. Das dünne blaue Licht, das ich bei meiner Ankunft erahnen konnte, war verschwunden. Das Schneeunwetter hatte nachgelassen, aber der Wind war geblieben. Als ich in dem feuchtkalten, leeren Speisesaal des Hotels saß und über die schaukelnden Reihen der gelben Straßenlaternen schaute, beschloss ich, noch eine Weile zu warten, bevor ich Großmutter anrief. Das hatte noch bis morgen Zeit.

Ich hatte zwar gesagt, dass ich versuchen würde, an diesem Tag zu kommen, aber niemand würde sich wundern, wenn es einen Tag länger dauerte. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass ich noch ein wenig Zeit brauchte, um mich an diese Umgebung zu gewöhnen, ohne dabei irgendwelche Rücksichten auf soziale Verpflichtungen nehmen zu müssen.

Nach der dritten Tasse dünnem Kaffee mit Milch fuhr ich mit dem Wagen zur Polizeiwache hinunter.

Auf der Treppe wäre ich fast von der Zivilangestellten über den Haufen gerannt worden, die schnell noch die Totoscheine abgeben musste. Ich sollte drinnen warten, sie wäre gleich wieder zurück.

Der Genossenschaftsladen hieß mittlerweile Coop-Prix und hatte automatische Schiebetüren aus Glas bekommen. Das Klappschild mit den Sonderangeboten des Tages war dem Wind zum Opfer gefallen und schepperte gegen die Hausecke.

Nach wenigen Minuten kam die Zivilangestellte zurück. Der Polizeichef sei auf Dienstreise. Doch, Evald Eliassen sei immer noch Polizeichef hier im Ort.

»Den wird man so schnell nicht los.«

Sie lachte vorsichtig und beobachtete mich dabei aufmerksam, um zu sehen, wie ich auf ihre scherzhafte Bemerkung reagierte.

Im Augenblick sei Eliassen jedenfalls auf einer Konferenz zur Polizeiorganisation in der Finnmark, aber am Freitag wäre er wieder zurück. Stattdessen könnte ich mit einem Polizisten sprechen, der besser zu mir passen würde, Polizeiassistent Kristiansen.

»Er ist draußen in der Garage.«

In der Wache brannte in allen Räumen Licht, aber ich sah keinen einzigen Menschen. Im Eckbüro, das dem Polizeichef gehören musste, weil es das geräumigste war und dort eine große Karte über den gesamten Polizeibezirk hing, stand ein knisternder Funkempfänger. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Polizisten hier arbeiteten. Aber es musste, flächenmäßig, einer der größten Polizeibezirke der Welt sein. Eine endlose Berg- und Tundralandschaft, und mittendrin ein kleiner Zentralort mit 3000 Einwohnern. Auf Eliassens Schreibtisch lagen ein paar Aktenordner und eine Schachtel Schrotmunition. Auf der Fensterbank ließ eine sterbende Grünpflanze unbestimmter Art die Blätter hängen.

Ich ging weiter den Flur hinunter.

»Hallo!«

Niemand antwortete, außer dem knisternden Funkempfänger auf dem Schreibtisch des Polizeichefs. An einer Feuertür endete der Flur. Dahinter musste die Garage sein.

Es war ein Schlachtfeld. Ein blonder junger Mann in einem Norwegerpullover und ein älterer Same, der seinen Overall über den Gürtel hinuntergeklappt hatte, arbeiteten zusammen. Auf dem Scooterschlitten lag ein frisch gehäuteter, ausgenommener Rentierkörper.

Als ich hereinkam, warf der ältere Mann gerade die Schulterkeulen in eine große Plastikwanne.

Die lilablauen, frisch abgezogenen Häute von zwei Tieren hatten sie auf die Motorhaube des Streifenwagens geworfen. Der Same wischte sein großes Messer am Overallbein ab und warf den ausgenommenen Körper auf den Schlitten, bevor er sich an den jüngeren Mann wandte.

»Der Kopf? Müssen wir uns noch um den Kopf kümmern?«

»Vergiss es. Die Schäden sind erfasst.«

»Sind Sie Kristiansen?«

Er war schon auf dem Weg zu der Tür, durch die ich hereingekommen war. Die Ärmel waren bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, er hatte sich mit den blutigen Händen die Nase abgewischt, und sein Pullover war voller Flecken aus geronnenem Blut.

Ich konnte meine Blicke nicht von dem Mann im Overall wenden. Mit zwei schnellen Schnitten hatte er die Sehnen an den Beinen durchschnitten und die Glieder mit einem kurzen Knacken voneinander getrennt.

Polizeiassistent Kristiansen war jünger, als ich erwartet hatte. Bestimmt nicht älter als fünfundzwanzig.

Blaue Augen und ein treuherziger Blick. Bestimmt hatte seine Mama den Norwegerpullover gestrickt, den er so besudelt hatte.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«

Ich erklärte ihm, dass ich einen Angeklagten vor Gericht verteidigen würde und dass ich deshalb die Ermittlungsakten der Polizei einsehen müsse. Ob es möglich sei, die Akten hier zu lesen, dann müsste ich nicht bis nach Alta fahren?

Auf dem Scooterschlitten zerschnitt der ältere Mann das Rentier in kleine Stücke. Stieß das scharfe Messer zwischen die Rippen.

»Galgá go guoikit vai suovastit?« Soll es getrocknet oder geräuchert werden?

Der Mann mit dem Messer schaute mich verwundert an. Er hatte nicht erwartet, dass ich Samisch sprach. Er konnte ja nicht wissen, dass ich mit diesem bescheidenen Satz meinen samischen Wortschatz im Großen und Ganzen ausgeschöpft hatte.

»Na, goakadit gal. Muhto galgá vuos sáltat.« Doch, es soll getrocknet werden, aber vorher wird es in Salz gelegt.

»Passen Sie auf mit dem Salz, es wird nicht gut, wenn es zu lange darin liegt.«

»Ija badjel dušše.« Nur über Nacht.

Kristiansen stieß die Metalltür auf und ging mit mir in den Flur. Ich wartete vor der Toilette, während er sich das Blut abwusch, und nachdem er eine Weile in Eliassens Aktenschrank gewühlt hatte, zog er schließlich die Ermittlungsakten heraus, die ich mir anschauen wollte.

»Wollen Sie hier sitzen?«

Er deutete vage auf den Stuhl des Polizeichefs.

Ich setzte mich in das durchgesessene, knirschende Büromöbel und schaltete die Schreibtischlampe an.

Er blieb noch eine Weile stehen und schaute zu, wie ich die dünne Mappe durchblätterte, aber bald verschwand er wieder in der Garage. Der Funkempfänger ließ hin und wieder ein Knistern hören. Die Zivilangestellte vom Empfang war nach Hause gegangen. Ich war ganz allein in der Wache.

Es ging um meinen Cousin. Nils Mattis, Niilas Mahte. Den Sohn von Sara Marit, der jüngeren Schwester meiner Mutter. Ich hatte ihn seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Wenn ich als Teenager bei meinen Großeltern zu Besuch war, hatten wir uns ein paar Mal getroffen, meistens in den Sommerferien, wenn sie auf der Sommerweide unten an der Küste waren.

Er war scheu gewesen, ein bisschen schüchtern, irgendwie unbeholfen – und fast fünf Jahre jünger als ich.

Ich erinnerte mich daran, dass er meinen Blicken ausgewichen war. An seinen lahmen Händedruck. Dass er mir aus dem Weg gegangen war, immer für sich selbst sein wollte.

Aber ich kann mich auch an einen Besuch bei Großmutter während der Skiferien erinnern. An seine selbstbewusste Gelassenheit, als der Scooter während eines Februarausflugs draußen im Fjell stehen geblieben war.

Nur widerwillig hatte er mich auf dem Schlitten mitgenommen. Auf dem Heimweg blieb Großvaters alter Scooter einfach stehen. In der zunehmenden Dunkelheit nahm Nils Mattis den Vergaser auseinander, blies das Mundstück sauber und erweckte den Motor wieder zum Leben. Keine einzige unsichere Bewegung. Kein überflüssiger Handgriff.

Vielleicht war er schon älter gewesen als auf dem Bild, das ich an der Pinnwand meiner Mutter gefunden hatte? Zwölf, dreizehn, höchstens.

Möglicherweise war meine Erinnerung an ihn geprägt von der ersten Begegnung mit dem unbeholfenen Jungen auf dem Sommerwohnplatz, der die fremde Cousine aus Stockholm unsicher über das Mückenfeuer hinweg angelächelt hatte?

Wir waren mit dem Auto über Kilpisjärvi bis hinunter nach Skibotn gefahren, hatten uns die Küstenstraße entlanggeschlängelt und waren das letzte Stück mit dem Traktor gefahren worden. Regenschauer kamen über den Fjord herangefegt und wir hatten in der Zeltkote, dem Lavvu, gesessen und zugehört, wie der Regen und der Wind gegen das Lavvutuch schlugen. Der Rauch von dem feuchten Brennholz wurde vom Wind in das Rauchloch zurückgedrückt und wirbelte in der Kote herum.

Damals hatte Mama noch gelebt, aber es war unmissverständlich, dass in dieser Kote Großmutter das Sagen hatte. Sie kümmerte sich um die Zubereitung des Essens und die Inneneinrichtung. Sie herrschte über die Rentierfelle und die Schlafsäcke, das Feuerholz und die Birkenzweige. Bestimmte über die Kinder und die Kindeskinder. Wachte über das Portemonnaie und den Kaffeebeutel. Sorgte dafür, dass man im Lavvu auf dem richtigen Platz saß. Dass die Zweige im Eingang richtig ausgelegt waren.

Nur die Weinbrandflasche, die Papa mitgebracht hatte, konnte Großvater in den geräumigen Falten seines Kolts verstecken. Dreisterniger Grönstedts. Er trank ihn wie Medizin in kleinen Schlucken aus der Verschlusskappe.

Es gab zwei kleine Baracken und einen Vorratsschuppen, in denen man ebenfalls schlafen konnte, aber Großmutter wohnte in der Kote. Ich sah sie niemals schlafen.

Zu jeder beliebigen Tageszeit saß sie in ihrer Ecke, hatte immer etwas zu tun. Flickte Kleidung, bereitete das Essen vor, schwang das Sennagras, mit dem die Stiefel gefüttert wurden, flocht Seile oder nähte.

Sie hatte schwarzes Haar und helle Augen. Sie waren graublau, was ungewöhnlich war. Meine Mutter und ich hatten braune Augen. Großmutters Blicke waren wie Stahl. Durchdrangen jeden, den sie anschaute.

Großvater war eher der defensive Typ, der anderen Platz machte, insbesondere Großmutter. Er zwinkerte uns Kindern verschwörerisch zu. In den feinen Falten rund um seine Augen blitzte der Humor.

Nils Mattis war ohne seine Eltern zum Sommerwohnplatz gekommen. Er war der einzige Sohn von Sara Marit, die innerhalb der Rentierwirtschaft geheiratet hatte.

Onkel Einar stammte zwar aus einer Familie, die nicht so viele Tiere besaß wie unsere, aber es waren Leute, die sich auf das Geschäft verstanden. Sie hielten die Tiere in der Familie. Nils Mattis sollte den Betrieb weiterführen. Er durfte als Knecht arbeiten, bis es an der Zeit war, die volle Verantwortung für die Familienherde zu übernehmen.

Ich schloss die Archivmappe und versuchte mir ein Bild von dem Nils Mattis zu machen, an den ich mich erinnerte. Doch immer wieder drängten sich Szenen aus diesem ersten Sommer in den Vordergrund.

Wir waren zusammen in die Moore oben auf dem Fjell geschickt worden, um nachzusehen, ob die Multebeeren reif waren. Ob es langsam Zeit wurde, mit dem Pflücken zu beginnen. Jeder hatte einen Rucksack mit einem Imbiss dabei, und wir waren bestimmt zehn Kilometer gegangen, ohne dass er ein Wort gesagt hatte.

Obwohl er der Jüngere war, gab er den Weg vor. Als wir vom Sommerwohnplatz aufgebrochen waren, hatte es genieselt, aber als wir höher auf das Fjell kamen, klarte das Wetter auf und die Sonne durchbrach die tief hängenden Wolken. Es dampfte aus den Moorgewässern und dem feuchten Weidengestrüpp. Vor uns zogen Wolkenschatten über die Berge, und der leichte Nebel bewegte sich wie durchsichtige, weiße Schleier über den Bächen und Gräben. Ein ängstlicher Goldregenpfeifer verfolgte jeden unserer Schritte mit einem lauten Schrei. Über uns kreiste eine Falkenraubmöwe, bereit zum Angriff, falls wir ihrem Gelege zu nahe kamen.

An einem relativ breiten Bach machten wir Rast und kochten Kaffee.

Er machte Feuer, während ich mir Stiefel und Socken auszog, in das eiskalte Wasser stieg und stehen blieb, bis ich fast kein Gefühl mehr in den Beinen hatte.

Ich suchte in den Ermittlungsakten nach seinen Personendaten, um zu sehen, wann er geboren war.

Ein einfaches Passfoto war mit einer Büroklammer an dem Formular befestigt. Ich betrachtete das Bild, aber ich erkannte ihn nicht wieder. Geburtsjahr 1979.

Er war also knapp zehn, als wir uns das erste Mal begegneten.

Ich hatte in dem eiskalten Wasser gestanden und mir das Gesicht gewaschen, während er sich um das Feuer kümmerte. Als ich an Land watete, kam er zum Ufer und füllte die Kaffeekanne.

»Willst du nicht auch reinkommen?«

Er schaute mich fragend an, als hätte ich mit jemandem gesprochen, der direkt hinter ihm stand.

»Es ist nicht kalt.«

Er bückte sich nur und ließ die verrußte Aluminiumkanne voll Wasser laufen. Betrachtete mich skeptisch, ohne mir in die Augen zu schauen, dann schüttelte er den Kopf.

Schweigend tranken wir unseren Kaffee und aßen. Als wir den Weg in die Berge fortsetzten, durfte ich vorangehen. Ein Stück weiter oben scheuchten wir eine Brut Schneehühner auf. Das Huhn flatterte mit hängenden Flügeln vor unseren Füßen her. Nils Mattis ging zurück und suchte im Gestrüpp. Er zeigte mir die Küken, die unter den niedrigen Zwergbirken durcheinanderrannten.

»Sie versucht uns von den Jungen wegzulocken.«

Es waren die ersten Worte, die er an mich richtete, und für einen kurzen Moment leuchteten seine Augen auf, als er im Gestrüpp zu suchen begann. Er fing eines der Küken ein und hielt es mir entgegen. Nur der kleine, braun gefleckte Kopf schaute zwischen seinen rußgeschwärzten Fingern heraus.

»Vorsichtig, du kannst ihm wehtun.«

Er verstand nicht, was ich meinte, sondern streckte mir nur das Küken in seiner harten Faust entgegen.

»Okta unna rievssas.« Ein Schneehuhnküken.

Ich verstand den samischen Begriff nicht. Er wiederholte ihn, wurde eifrig, lachte mich aus, als ich es auf Samisch zu sagen versuchte. Hielt mir das Küken vor das Gesicht. Viel zu nahe. Versuchte mich damit zu erschrecken. Verspottete mich, weil ich es nicht wagte, das zerbrechliche Vogeljunge zu berühren.

»Nimm es.«

Ich weigerte mich, drehte mich weg, damit es ein Ende hatte. Als ich wieder zu ihm schaute, lächelte er mich höhnisch an. Das Gesicht des erwachsenen Mannes schaute aus dem mageren Kind heraus. Er warf das Vogeljunge ins Gestrüpp und stupste es mit dem Stiefel an. Die Küken irrten ziellos umher, während das Huhn ein paar Meter weiter herumflatterte.

Ich rannte weg, fürchtete, dass er den Küken wehtun könnte, nur um mir zu imponieren. Dass er sie töten könnte, nur um mir zu zeigen, wie zerbrechlich das Leben hier oben auf dem Fjell war. Dass er die Vogeljungen zertrampeln könnte, nur um zu demonstrieren, dass wir verwöhnten Stadtkinder hier draußen nichts zu suchen hätten. Dass wir lieber bleiben sollten, wo wir waren.

Die Multebeeren waren noch nicht reif. Aber am Nordhang hatten die Beeren und die Blüten im morgendlichen Schatten schon Frost abbekommen, obwohl es erst Anfang August war. Wir pflückten ein paar Liter in ein paar kleinen Mooren weiter unten.

An diesem Tag sagte er nichts mehr. Ich kann mich nicht erinnern, ob wir in jenem Sommer überhaupt noch einmal miteinander geredet haben.

Jetzt war ich hier, um ihn in einem Strafverfahren zu verteidigen. Niilas Mahte.

Vergewaltigung. Unter Androhung bewaffneter Gewalt. »Mit dem Messer gefuchtelt«, hatte Großmutter am Telefon gesagt.

»Das ist nicht das erste Mal, früher ist schon einmal so was passiert«, hatte sie gesagt.

Aber nun war es zum ersten Mal so weit gegangen, dass es für eine Anklage und einen Prozess gereicht hatte. Die Frau, die ihn angezeigt hatte, stammte von der Küste, hatte aber schon eine Weile hier im Ort gelebt.

»Eine rivgu. Sie haben bestimmt getrunken«, glaubte sie.

Der Polizeiassistent kehrte mit dem Pizzakarton und zwei Flaschen Mineralwasser zurück. Er hatte Jacke und Pullover ausgezogen und trug ein Poloshirt mit dem Emblem einer amerikanischen Baseballmannschaft.

In den Schreibtischschubladen des Polizeichefs schien er sich zu Hause zu fühlen, denn er zog eine heraus und entnahm ihr einen Stapel Servietten. Ich durfte sein Schlachtmesser ausleihen und teilte die Pizza in handliche Stücke.

»Haben Sie etwas gefunden?«

Mit einem Nicken deutete er auf die Mappe mit den Ermittlungsakten, die ich auf dem Schreibtisch abgelegt hatte.

»Fünf Rechtschreibfehler und ein paar Fälle von fehlerhaftem Satzbau.«

Das fand er überhaupt nicht lustig. Eigentlich weiß ich ja, dass man mit Polizisten über so etwas keine Späße machen kann. Wenn man darüber hinaus eine Schwedin in Norwegen ist, sollte man die Klappe nicht allzu weit aufreißen. Also teilten wir die Pizza mit dem zähen Käse zwischen uns auf und kauten auf den fetten Wurstscheiben herum, ohne dass uns noch irgendetwas zu sagen einfiel.

»Kennen Sie den Fall?«, fragte ich auf gut Glück, um das peinliche Schweigen zu beenden.

Er nickte mit vollem Mund. Er hatte die Ermittlungen geführt.

»Ihnen ist schon klar, dass Sie hier in Norwegen nicht als Verteidiger in einem Strafprozess arbeiten können?«

»Das ist richtig, aber ich kann ihm als juristische Beraterin beistehen.«

»Sie haben Jura studiert?«

Ich spulte die ganze Geschichte über meine Herkunft und meine Ausbildung herunter, während Kristiansen die Reste der erkaltenden Pizza verschlang. Erklärte, dass die Familie hier oben mich hergebeten hatte, um bei der Verteidigung zu helfen, und dass sich meine Samischkenntnisse auf einige wenige Flüche, ein paar alltägliche Phrasen und die Uhrzeiten beschränkten.

Er konnte auch nicht viel mehr. Er hatte im vergangenen Jahr seine Polizeiausbildung beendet und sich in diese Gegend beworben, weil er sich fürs Jagen und Angeln interessierte. Außerdem hatte ihn die Aussicht gelockt, von Oktober bis Mai Schnee zur Verfügung zu haben. Er war Langläufer und hatte bei den norwegischen Meisterschaften den neunten Platz belegt. Soweit ich wusste, war das ziemlich gut.

Ohne erst um Erlaubnis zu bitten, machte ich mir Kopien von den fehlerbehafteten Ermittlungsakten. Kristiansen war hinausgegangen, um die Plastikwannen mit den geschlachteten Rentieren in den Wagen zu laden, also konnte ich ohnehin niemanden fragen.

Als ich wieder in die Garage kam, war der ältere Mann mit dem Scooteroverall verschwunden, aber die Rentierhäute hingen noch da. Ich durfte im Streifenwagen mit zum Hotel fahren. Zuerst machten wir noch einen Abstecher zu einem Haus in der Wohnsiedlung unten am Fluss. Ich wartete im Wagen, während Kristiansen die Wannen mit den zerlegten Rentieren ablieferte. Nach wie vor wehte ein kräftiger Wind, und in einer Schneewehe lag ein schwarzer Hund. Zuerst dachte ich, er wäre tot, aber als Kristiansen aus dem Haus kam, stand er auf, schüttelte den Schnee ab und ließ ein symbolisches Bellen hören, bevor er sich wieder im Schnee zusammenrollte.

»Der Polizeichef meinte, dass es nicht zu einer Anklage kommen sollte. Aber es ist ja auch früher schon das eine oder andere vorgefallen – ich weiß auch nicht.«

Er hielt vor der Hoteltreppe. Bislang hatte er kein Wort über das Verfahren gegen Nils Mattis verloren, und ich hatte nicht danach gefragt. Jetzt wusste er nicht so recht, wo er mich hatte, und wollte gerne herausfinden, auf welcher Seite ich stand.

»Als diejenige, die sich um die Verteidigung kümmert, halten Sie die Anklage bestimmt auch für unnötig, oder?«

»Nein, ganz und gar nicht. Ich finde es gut, dass die Vorwürfe vor Gericht überprüft werden. Wenn die Anklage lediglich fallen gelassen wird, gibt es nur jede Menge Gerede.«

»Ja, das war auch meine Überlegung. Aber ich weiß nicht. Diejenigen, die die Gesetze verfassen, haben keine Ahnung, wie die Wirklichkeit hier oben aussieht.«

»Waren Sie sich darin einig, dass Anklage erhoben werden sollte?«

»Wir haben lange darüber diskutiert. Eliassen hat natürlich mehr Erfahrung und weiß, wie die Dinge laufen. Schließlich habe ich den Staatsanwalt in Alta angerufen, und er meinte, wir sollten mit den Ermittlungen fortfahren.«

»Ich habe die Adresse der Frau nicht gefunden, die Anzeige erstattet hat.«

»Sie ist weggezogen, glaube ich. Nach Karasjok. Ich werde mal nachsehen, ob ich ihre Adresse finde.«

Der Wind hatte auf Nordwest gedreht und der Schnee rasselte über den Parkplatz vor dem Hotel, als ich aus dem Streifenwagen stieg. Kristiansen hob die Hand zu einer Art Gruß, dann fuhr er los.

Ich blieb noch eine Weile vor dem Eingang stehen, schaute auf den Fluss und die gelben Straßenlaternen hinunter, die sich hinter der Kirche zur Schlachterei und den neu gebauten Häusern an der Straße nach Ávži hinaufschlängelten. Diese Häuser hatte es noch nicht gegeben, als ich das letzte Mal hier war. Das musste vor sieben oder acht Jahren gewesen sein.

Als ich auf die Schneewehe hinter dem Parkplatz kletterte, sah ich den Streifenwagen die Straße hinunterrollen, bis er auf den Parkplatz des Boddu abbog, dem Pub unten am Fluss. Vielleicht war Kristiansen von der geteilten Pizza nicht satt geworden.

Heute Nacht würde noch mehr Schnee fallen. Das kündigte der Wind bereits an. Ein Geruch, oder vielleicht auch nur eine weiche Feuchtigkeit, wenn er auf das Gesicht traf. Die Temperatur würde steigen, die Schneeflocken größer werden, und man musste besonders vorsichtig sein. Der Wetterumschwung würde die Rentierherden nervös machen, sie konnten über das gesamte Weidegebiet verstreut werden, während sich die Raubtiere ungesehen durch den hohen Schnee bewegten.

Aber das war natürlich alles nur Einbildung. Vielleicht erinnerte ich mich an eine der vielen Geschichten meiner Mutter.

Wenn wir als Kinder damals in Sundbyberg die Decke über den Küchentisch legten und uns darunter dicht aneinanderdrängten, um dem Heulen des Sturms und Mamas seltsamen Geschichten über die Natur und den Wind, die Tiere und die Menschen zu lauschen. Geschichten, die irgendwie nie ein richtiges Ende hatten. Keine Pointe, keine Auflösung.

Aber sie waren furchterregend und geheimnisvoll, auf eine seltsame Weise verstanden wir, dass sie mit unseren kurzen Urlaubsaufenthalten bei Großmutter und Großvater zusammenhingen. Dass man am Wind erspüren konnte, ob Schnee in der Luft lag, war bestimmt etwas, das meine Mutter uns erzählt hatte.

Ich stand immer noch da und schaute auf den Ort hinunter, obwohl meine Füße langsam kalt wurden.

Der Streifenwagen bog vom Pub wieder auf die Straße ab, fuhr weiter hinunter am Freilichtmuseum vorbei, über die Brücke zur Kirche und Hættas Laden, aus dem ein Rema 1000 geworden war, die Filiale eines Lebensmitteldiscounters.

Als ich von der hohen Schneekante hinunterkletterte, trat ich in die Scooterspur und meine Schuhe füllten sich mit Schnee. Ich beeilte mich, ins Hotel zu kommen, bevor mir die Füße erfroren. Der Portier lieh mir den Schlüssel zur Sauna aus, und ich genoss die Hitze ausgiebig, bevor ich Tante Sara Marit anrief.

Nachdem sie sich lang und breit darüber entrüstet hatte, dass ich heute Nacht im Hotel wohnen würde, erklärte sie, dass Nils Mattis sich oben im Fjell bei der Rentierherde befand, aber morgen Nachmittag nach Hause kommen würde. Wir verabredeten, dass ich sie am darauffolgenden Vormittag besuchen würde.

Zurück in meinem Zimmer holte ich meine Aufzeichnungen und die Kopie der Ermittlungsakten heraus und versuchte ein System zu finden, nach dem ich die Arbeit angehen und die einzelnen Aufgaben sinnvoll sortieren konnte.

Welche Angaben musste ich überprüfen? Wie viel Arbeit sollte ich überhaupt investieren, um die Familienehre zu retten? Was hatte ich überhaupt mit der Geschichte zu tun? Welche Rolle spielte ich dabei?

Sie hatten mich natürlich nur angerufen, weil ich die Einzige in der Familie war, die eine juristische Ausbildung genossen hatte. Das war selbstverständlich billiger, als sich einen Anwalt zu nehmen, der pro Stunde bezahlt werden musste.

Von mir wurde also erwartet, dass ich meinen gesamten Resturlaub opferte, um nutzlos in einem eher unappetitlichen Strafprozess herumzustochern, in dem das Gericht ohnehin ein Routineurteil fällen und sich einen feuchten Dreck darum scheren würde, was ein schwedischer Rechtsbeistand dazu meinte. Bei einem Prozess würde Nils Mattis einen Pflichtverteidiger zugeteilt bekommen, der sich für meine guten Ratschläge kaum interessieren würde. Meine Beteiligung würde eher einen gegenteiligen Effekt hervorrufen. Dass ich mich in das Verfahren einmischte, würde vielleicht sogar eher gegen ihn sprechen.

Ich nahm meine Unterlagen und ging zur Hotelbar. Sie war geschlossen. Aber ich könne ins Aja hinuntergehen, sagte die Kellnerin im Speisesaal. Das war der Pub im Untergeschoss.

»Sagen Sie einfach an der Rezeption Bescheid, dann schließen sie Ihnen die Küchentreppe auf, damit Sie nicht draußen durch die Kälte müssen.«

An einem Tisch des Restaurants saßen zwei Samen in Festtagskleidung und tranken Cognac mit einem kurz geschorenen Japaner, der einen tadellosen Anzug mitsamt Weste trug. Bei den Samen handelte es sich vermutlich um Lokalpolitiker oder Abgeordnete des Samenparlaments.

Vielleicht diskutierten sie den Preis für die nächste Jahreslieferung von Rentierhornpulver?

Ich konnte nicht hören, worüber sie sprachen. Sie hatten die Köpfe dicht zusammengesteckt, und der Japaner schien das Wort zu führen. Es war niemand an der Rezeption, also läutete ich die Glocke.

Ein paar Minuten später kam der Nachtportier aus der Küche, er hatte Mayonnaise im Schnurrbart und eine Tasse Kaffee in der Hand. Verwundert schaute er mich an, als wäre ich der allererste Gast, den er an der Rezeption zu sehen bekam.

»Die Tür aufschließen?«

Erst als ich auf die Tür hinter ihm zeigte, schien er zu verstehen, was ich meinte.

»Ach so, die.«

Doch, er würde die Tür zur Kellertreppe für mich aufschließen. Mit einer Miene, als würde er mir einen Blick auf die samischen Goldreserven gewähren, öffnete er die abgewetzte Furniertür und deutete mit einem Nicken eine schmale Treppe hinunter.

»Klopfen Sie einfach, wenn Sie zurückkommen.«

Ich ging die Treppe hinunter und hörte, wie er hinter mir abschloss. Unten roch es nach gebratenem Fisch und feuchtem Tabak. Eine matte 25-Watt-Birne in einer rissigen Glaskugellampe verbreitete ein gespenstisches Licht. Die mit Plastik verkleidete Geländerstange klebte an meinen Händen. Vorsichtig tastete ich mich an die Tür heran, die in den Pub führte.

Aja. Ich hatte das Lokal noch nie besucht, sondern nur davon gehört. Aja war das samische Wort für Quelle. Hier hatten bestimmt schon viele ihren Durst gestillt.

Es befanden sich knapp zehn Personen in dem Lokal. Die meisten saßen an einem Tisch hinten in der Ecke. Ich kaufte mir einen »halben Liter«, der aus 0,4 Liter Bier bestand, und setzte mich auf eine der Bänke, die an den Längsseiten des schmalen Lokals befestigt waren.

Hier hatte es also angefangen. Laut den Ermittlungsakten hatten sich Nils Mattis und die Klägerin hier getroffen. Hatten zusammen ein paar Bier getrunken. In der Diskothek getanzt. Dann waren sie nach draußen gegangen, um etwas aus dem Auto eines Bekannten zu holen.

Ein Zeuge hatte gesehen, wie sie draußen auf dem Hinterhof an einem Container gestanden hatten. Der Zeuge hatte sich im Lokal befunden und aus dem Fenster geschaut. Er hatte beobachtet, wie die Frau, die Nils Mattis später wegen Vergewaltigung angezeigt hatte, ihm geholfen hatte, hinten in ein weißes Auto zu steigen. Einen Volvo Amazon.

Eliassen hatte nachgehakt.

War er sicher, dass es sich um den Angeklagten und Karen Margrethe gehandelt hatte?

Er hatte Nils Mattis wiedererkannt, aber nicht das Mädchen. Sie hatte blondes Haar und einen kurzen Rock. Ihm war aufgefallen, dass sie nur leicht bekleidet war.

Während des Polizeiverhörs hatte Nils Mattis geleugnet, der Frau an dem besagten Abend überhaupt begegnet zu sein. Der Zeuge vom Fenster war wenig später in eine Schlägerei verwickelt gewesen und hatte dabei einen jungen Mann aus Masi mit einer Bierflasche verletzt. Man konnte davon ausgehen, dass der Zeuge betrunken war und demzufolge nicht besonders verlässlich.

Er war sowohl wegen Nils Mattis als auch wegen der Körperverletzung vernommen worden. Ja, im Grunde genommen war es gar keine richtige Vernehmung gewesen, sondern eher ein Gespräch, das er mit dem Polizeichef geführt hatte, nachdem man die Ermittlungen hinsichtlich der Schlägerei eingestellt hatte. Das Opfer wollte keine Anzeige erstatten. Aber die Zeugenaussage war in Kristiansens Ermittlungsakten zu der Vergewaltigung erhalten geblieben.

Die beiden Samen und der Japaner kamen die Treppe von der Rezeption herunter und nahmen am Nebentisch Platz. Der Japaner lächelte mir und meinen Papieren zu, die ich vor mir auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

Der Samenpolitiker mit dem meisten Bling am Gürtel bestellte Bier am Tresen.

Die Silberknöpfe am Gürtel waren rund, also war er unverheiratet. Sie saßen dicht beieinander und waren fein ziseliert. Also kam er aus einer reichen Familie. Wenn ich die Bänder und die geheimen Zeichen in seinem Kolt hätte lesen können, hätte ich sogar gewusst, zu welcher Familie er gehörte, auf welcher Seite des Flusses er wohnte, und ich hätte sogar einigermaßen einschätzen können, wie viele Rentiere seine Familie besaß.

»Business?«, fragte mich der Japaner mit einem schiefen Lächeln.

»Law. Public prosecutor.«

Ein aufblitzendes Interesse in den schwarzen Augen meines Gegenübers.

»Crime or business?«

»What’s the difference? You tell me?«

Er lächelte erneut. Der Mann mit dem Gürtel kam mit den Biergläsern zurück, und sie nahmen ihre Potenzpulverdiskussion wieder auf, während ich zum Fenster hinüberging und hinausschaute.

Der Container war verschwunden. Das Einzige, was ich sehen konnte, waren ein paar Mülltonnen, ein Auto, dem die vordere Stoßstange fehlte, und ein roter Schneescooter, der auf einer Holzkiste aufgebockt war. Große, schwere Flocken wirbelten in Zeitlupe vor dem verstaubten Fenster vorbei.

Ich holte noch ein Bier, blätterte in meinen Papieren. Jede Menge Routinearbeit.

Die Zeugenaussagen kontrollieren. Mit Nils Mattis reden. Versuchen, mit der Frau zu sprechen, die Anzeige erstattet hatte. Ein Treffen mit dem Staatsanwalt in Alta arrangieren. Die Ermittlungen noch einmal mit Kristiansen durchgehen, sobald ich mich richtig in den Fall eingearbeitet hatte.

Zwei, drei Tage Arbeit. Mit ein bisschen Glück konnte ich am Samstagabend wieder in Stockholm sein und an der Feier einer alten Studienfreundin teilnehmen.

Das bedeutete dennoch, dass ich fast eine ganze Urlaubswoche für die Familie opfern würde. Vielleicht musste ich zum Prozess ein weiteres Mal anreisen? Wenn man sich auf keinen Vergleich einigen und die Klägerin dazu bewegen konnte, die Anzeige fallen zu lassen?

Im Augenblick war es das Wichtigste, der Familie zu zeigen, dass ich mich für sie einsetzte. Obwohl – einen einfältigen Cousin vor einer falschen Vergewaltigungsklage zu retten, wurde bestimmt nicht mit großen Buchstaben in die Familienchronik geschrieben. Der beleidigte, anklagende Ton meiner Tante, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich heute im Hotel übernachten würde, ließ mir keine Ruhe. Dass ich es vorzog, in einem teuren und unpersönlichen Hotelzimmer zu wohnen, statt in den Schoß der Familie zurückzukehren, wenn ich schon einmal hier war. Mir war klar, dass ich in ihren Augen damit sowohl meiner Aufgabe als auch meiner Familie untreu geworden war.

Ich klopfte minutenlang an die Tür, aber der Nachtportier reagierte nicht. Also musste ich die Treppe wieder hinunter und den Umweg über den Ausgang auf der Rückseite des Hotelgebäudes nehmen.

Der Schnee fiel dicht, es roch frisch, beinahe frühlingshaft, als ich den Anstieg zum Eingang des Hotels hinaufging. Die Tür war ebenfalls abgeschlossen. Aber es gab eine Klingel.

Nach fünf Minuten ließ sich der Nachtportier blicken und öffnete. Er schaute mich an, als hätte er mich nie zuvor gesehen, und händigte mir nur widerwillig den Zimmerschlüssel aus. Ich kaufte eine Cola, und während er umständlich in einer Glasschale nach Wechselgeld suchte, kam der Japaner herauf und klopfte an die Tür zur Küchentreppe. Ich öffnete mit dem Schlüssel, der im Schloss steckte.

Der Portier musterte den Japaner misstrauisch und überließ auch ihm nur widerstrebend den Zimmerschlüssel, bevor er zu der Schale mit den Fünfzigörestücken zurückkehrte.

Der Japaner holte eine Plastikflasche Flugzeugwhisky aus seinem Zimmer und wir saßen noch eine Weile in dem dunklen, ausgekühlten Speisesaal. Wir tranken ein Glas zusammen und schauten aus dem Fenster, hinunter zum Fluss, wo Schneescooter mit flackernden Lichtern vom Pub aufbrachen und im Schneefall verschwanden.

Er handelte gar nicht mit Rentierhornpulver, sondern gehörte einem Komitee an, das ein Festival indigener Völker in Japan vorbereitete. Als er zurückfragte, erzählte ich, dass ich die Verteidigung in einem Strafprozess vorbereitete. Eine Routinesache.

Er sei beeindruckt von den Kautokeinotrachten, sagte er. Die leuchtenden Farben, die Bänder und der Zierrat.

Zu meinem eigenen Erstaunen hörte ich mich selbst versuchen, ihm die farbenfrohen Trachten zu erklären, irgendetwas mit der Natur, die den größten Teil des Jahres so gut wie farblos sei. Schlimmstenfalls waren Juli und August die einzigen schneefreien Monate. Man müsse sich Samen in Festkleidung einmal in einer winterlichen Umgebung ansehen, um die Farbenpracht zu verstehen. Am besten im Frühjahr. Um Ostern herum, wenn man Familienfeiern abhielt, Hochzeiten oder Konfirmationen.

Ich wusste nicht, ob ich selbst an diese Erklärung glaubte, aber es waren ganz allgemeine Überlegungen, wie man sie eben anstellt, wenn man mit einem fremden Japaner in einem dunklen Restaurant sitzt und lauwarmen Schnaps aus zerkratzten Duralex-Gläsern trinkt.

Ob ich selbst Samin sei?

»Nein, gar nicht. Aber man könnte vielleicht sagen, dass meine Mutter eine war.«

»Betreibt Ihre Familie Rentierwirtschaft?«

»Meine Großmutter und meine Tante. Mein Onkel und mein Cousin erledigen die Arbeit oben auf dem Fjell.«

»Besitzt Ihre Mutter noch eine Tracht?«

Ich erklärte ihm, dass meine Mutter gestorben sei, aber dass irgendwo zu Hause in Sundbyberg noch ihr alter Kolt in einem Kleiderschrank hängen müsse. Sie hatte ihn bei einigen Gelegenheiten getragen, als wir noch Kinder waren.

Wir hatten uns ihretwegen ein bisschen geschämt. Hatten ihr verboten, den Kolt bei den Schulabschlussfeiern zu tragen. In der Umgebung, in der wir aufgewachsen waren, wäre er einfach zu auffällig gewesen. Eine Eigenheimsiedlung in Sundbyberg hatte eben nicht denselben Bedarf an leuchtenden Farben, Bändern, Schmuck und Seidenschals. Man brauchte nicht zu zeigen, wer man war, oder durch seine Kleidung zu verkünden, wie reich man war. In Sundbyberg gab es andere Methoden, um seine gesellschaftliche Stellung zu demonstrieren.

Das versuchte ich dem Japaner zu erklären, aber er verstand nicht, worauf ich hinauswollte, und fragte mich nur, ob ich die Tracht meiner Mutter irgendwann einmal anprobiert hätte.

»Nein, daran habe ich noch nie gedacht. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum.«

»Sie müssen es tun«, sagte er. »Versprechen Sie es mir.«

Ich war zu müde, um zu verstehen, was er mir damit sagen wollte. Wir verabredeten, am nächsten Tag gemeinsam zu frühstücken.

Ja, eigentlich schon heute, denn es war schon beinahe drei, als wir einander gute Nacht wünschten. Der Nachtportier sah aus wie ein angeschossener Uhu, als der Japaner ihn aus dem Schlaf riss und den Weckdienst bestellen wollte.

In meinem Zimmer war es warm wie in einer Sauna. Ich drehte alle Heizkörper herunter und öffnete das schmale Lüftungsfenster. Sammelte den Schnee auf dem Fensterblech zu einem kleinen Ball zusammen und biss hinein. Der Nordwestwind war stabil, der Schnee roch frisch und säuerlich. Der Schneeball knirschte zwischen meinen Fingern.

*

Sie spürte den kalten Windzug am Rücken, als sie die Tür der Waschmaschine zuschlug.

Jemand war durch die Haustür hereingekommen. Aber sie hatte nichts gehört. Weder die Tür, noch Schritte im Stockwerk über ihr. Mit dem Waschmittelpaket in der Hand ging sie zur Treppe und rief zum Flur hinauf.

»Hallo, ist dort jemand? Hallo? Bist du das?«

Niemand antwortete. Sie ging zurück und startete die Waschmaschine. Nahm die Fjellkleidung von der Leine, die im Keller zum Trocknen aufgehängt war. Zog die dicken, wollenen Innenschuhe aus den Stiefeln.

Es roch muffig aus dem Abfluss, und sie spritzte den Betonboden mit dem Plastikschlauch ab, beobachtete ein paar Minuten, wie das Wasser langsam und gurgelnd im Bodenablauf verschwand.

Sie legte die getrocknete Kleidung zusammen und lauschte nach oben.

Keine Schritte, nichts rührte sich. Aber sie hatte den Luftzug gespürt und wusste, dass er dort oben war.

Sie hätte die Tür zur Waschküche abschließen, durch das Kellerfenster nach draußen klettern und versuchen können, zum Haus ihrer Schwester hinüberzulaufen. Aber der Schnee auf der Rückseite des Hauses lag meterhoch. Es war so gut wie unmöglich, sich durch den losen Schnee bis zur Straße hinaufzuarbeiten. Das Fenster saß bestimmt vollkommen unbeweglich in seinem Rahmen, und er hätte es sofort gehört, wenn sie versucht hätte, den Schlüssel in der Waschküchentür umzudrehen.

Sie legte die letzten Kleidungsstücke in den Korb, öffnete den Werkzeugkasten, der unter der Werkbank stand, und holte den Hammer heraus, den sie aber gleich wieder zurücklegte, als sie die Spaltaxt entdeckte, die hinter den Skiern in der Ecke stand. Vorsichtig stellte sie die Skier zur Seite und nahm sie in die Hand. Der Axtkopf war ramponiert und der Stiel ausgetrocknet, aber die Schneide war frisch geschliffen. Sie wog die Axt in der Hand, lauschte zur Wohnung hinauf, während sie ihre Entscheidung traf.

Mit der Axt in der Hand ging sie die Treppe zum Flur hinauf. Die Haustür war geschlossen. Keine Spuren von Schnee auf dem Fußboden.

Vielleicht war auch alles Einbildung gewesen. Vielleicht hatte die Fantasie ihr einen Streich gespielt. Der Windzug konnte von einer Lüftungsklappe oder einem undichten Fenster an der Kellertreppe herrühren.

Sie ging in die Küche. Blieb an der Arbeitsplatte stehen und lauschte. Schaute sich in dem vertrauten Raum um. Die Plastikstühle, die Kaffeebecher in der Spüle, der tropfende Wasserhahn, der Herd, mit einem braunen Ring um die Kochplatte von dem übergekochten Kaffee, der Milchkarton, den sie vergessen hatte, in den Kühlschrank zurückzustellen. Der Kaffeebeutel, das getrocknete Blumenbukett, von dem fast schwarze Blätter auf eine Ecke des Küchentischs gefallen waren.

Sie hatte mehrere Blätter vom Tisch entfernt, als sie vor einer guten Stunde Essen gekocht hatte. Hatte sich nach dem obersten Regalbrett gestreckt, um das scharfe Messer herunterzuholen, das sie dort oben aufbewahrte, damit die Kinder ihrer Schwester nicht drankamen. Als sie nach dem Messer griff, war sie gegen das Bukett gestoßen, und die trockenen Rosenblätter waren auf den Tisch gefallen.

Nachdem sie das Messer wieder zurückgelegt hatte, hatte sie die Blätter eingesammelt und zwischen den Fingerspitzen zerrieben. Hatte den schwachen Rosenduft eingesogen und die Blätter in die Teedose auf dem Kräuterregal gelegt.

Jetzt lag eine Reihe neuer Rosenblätter auf dem Tisch. Das Messer auf dem Regal war verschwunden.

Im ersten Augenblick war sie ärgerlich auf sich selbst, weil sie versucht hatte sich einzureden, dass alles nur Einbildung gewesen war. Dass er nicht hier war. Sie hatte es doch gespürt. Es war nicht nur der Luftzug von der Haustür, ihr ganzer Körper hatte auf seine Anwesenheit reagiert. Sämtliche Sinne hatten ihr signalisiert, dass er es war, der das Haus betreten hatte.

Sie sammelte die Blütenblätter in der offenen Hand ein und legte sie gedankenverloren zu den anderen in die Teedose. Es waren Blumen aus einer anderen Zeit. Getrocknet und haltbar gemacht, aber im Grunde tot. Nur ein zarter Geruch war von der Frische der lebendigen, roten Farbe übrig geblieben. Sie legte die Axt auf den Küchentisch und ging ins Wohnzimmer.

Er saß im Sessel und wartete auf sie. Sein Gesicht war geschwollen und die Augen rot unterlaufen.

»Ich war unten im Keller«, sagte sie und vermied es, ihn anzuschauen. »Habe mich um die Wäsche gekümmert.«

Er antwortete nicht, saß nur ganz still in dem blauen, noppigen Sessel. Atmete in kurzen, keuchenden Stößen, als hätte die Luft zu wenig Sauerstoff, als bräuchte er jeden Atemzug, um nicht zu ersticken. Seine Halsmuskeln bewegten sich, als müsste er schlucken, und seine Beine zitterten. Die Füße unter dem Couchtisch zappelten unkontrolliert.

»Ich war unten im Keller«, versuchte sie es erneut. »Ich war nur unten im …«

Er stand auf und versuchte ihr ins Gesicht zu schlagen. Aber er stolperte über den niedrigen Couchtisch und verfehlte sein Ziel. Rückwärts ging sie zur Küchentür zurück. Er erhob sich auf die Knie und sah sie an.

»Komm her!«

Sie blieb mit dem Rücken am Türrahmen stehen. Er stand auf, schob den Sessel zu ihr hinüber.

»Setz dich. Du musst müde sein.«

Er sprach leise, fast flüsternd. Bewegte die Lippen, als hätte er einen trockenen Mund oder wäre einfach nur das Sprechen nicht gewohnt. Als wäre er sich der Worte nicht sicher.

Sie bewegte sich nicht, und er schubste ihr den Sessel auffordernd entgegen.

»Ich kann nicht mehr«, sagte sie und nestelte an dem Reißverschluss ihrer Fleecejacke.

»Setz dich! Setz dich hin, verdammt noch mal!«

Er versuchte den Sessel noch weiter vorzuschieben, aber sie ging von der Tür zum Fenster hinüber. Sah durch die dunkle Spiegelung des Raumes, in dem sie standen, nach draußen.

Das Messer lag auf dem Couchtisch.

Sie konnte sehen, wie der Messingring an dem dunklen Holzschaft glänzte. Ein Lichtreflex in dem dunklen Spiegelbild.

Vielleicht konnte sie es nehmen und versuchen, hinaus in den Flur zu kommen. Wenn die Haustür nicht abgeschlossen war, konnte sie es bis auf die Straße schaffen, bevor er sie einholte. Gleichzeitig wusste sie, dass der Versuch vergeblich wäre.

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