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Einmal und für immer

1. KAPITEL

Xandra Bennett.

Er könnte wetten, dass sie ihren Namen geändert hatte, weil das mehr nach erfolgreicher Marketingfrau klang als einfach nur „Sandra“. Hoffentlich steckte hinter dem hochtrabenden Namen auch echtes Können. Vielleicht. Jedenfalls schien die Personalvermittlungsagentur viel von ihr zu halten, da man ihr in allerletzter Minute einen Vorstellungstermin bei Field’s verschafft hatte. Dennoch war Jordan nicht in Stimmung für eine Glamourfrau, nachdem er sich schon den ganzen Tag die mehr oder weniger brillanten Ideen von Bewerbern hatte anhören müssen, die erpicht auf den Posten des Marketingleiters beim angesehenen Kaufhaus Field’s waren.

Nur noch ein Vorstellungsgespräch, tröstete er sich. Das Letzte. Danach kann ich weiterarbeiten.

Seine persönliche Assistentin öffnete die Tür. „Ms Bennett.“

Dann betrat Xandra Bennett sein Büro, und ihm stockte der Atem.

Es war sie.

Von allen Kaufhäusern der Welt kam sie ausgerechnet in seins.

Neuer Name, andere Frisur, Kontaktlinsen statt Brille … doch sie war es. Alexandra Porter. Jordan war wie elektrisiert. Das letzte Mal hatte er sie gesehen, als sie achtzehn und unerhört schüchtern war. Das mausbraune Haar reichte ihr fast bis zur Taille, wenn sie es offen getragen statt streng zu einem Zopf geflochten hatte. Und wie eine typische Achtzehnjährige hatte sie auch ausgesehen … Schlabberlook, verwaschene Jeans und Schlabberhemden, die ihre Rundungen verbargen.

Jetzt war sie von oben bis unten perfekt gestylt. Das betont schlichte Kostüm umspielte dezent ihre Kurven, die kupfer- und goldfarbenen Strähnchen des kinnlangen Pagenschnitts sahen so natürlich aus, als hätte die Sonne sie dorthin gezaubert. High Heels verliehen ihr endlos lange Beine … und dieser Mund! Selbst jetzt jagte er Jordan Schauer über die Haut.

Schnell verdrängte er die unwillkommenen Gedanken. Er wollte nicht an Alexandra Porter und ihren vollen, sinnlichen Mund denken – und wie er ihr einst das Küssen beigebracht hatte.

Nur ein kurzer Augenblick und sie hatte sich wieder gefangen, doch Jordan ahnte, wie schockiert sie war. Auch sie hatte ihn erkannt, schien ebenfalls nicht darauf vorbereitet zu sein, ihn hier anzutreffen. Oder doch? Ihr traute er alles zu. Er hatte entdecken müssen, dass sie ihn belogen und hintergangen hatte, und Charakterzüge änderten sich nicht. Hatte sie ihn wegen Bennett verlassen? Oder den auch, sobald sie einen Mann gefunden hatte, der ihr mehr bieten konnte?

Sollte er ihr einfach erklären, die Stelle sei bereits vergeben, die Bewerberauslese sei abgeschlossen? Aber das müsste er seinen Partnern gegenüber begründen, und das wollte er nicht.

Jordan Smith.

Alexandra fühlte sich elend. Er war der Letzte, den sie hier erwartet hatte. Vor zehn Jahren hatte sie sich geschworen, nie mehr etwas mit ihm zu tun zu haben. Niemals würde sie ihm verzeihen, dass er nicht da gewesen war, als sie ihn am meisten gebraucht hatte. Er hatte sie belogen. Im Stich gelassen. Jahre hatte sie gebraucht, um sich ein neues Leben aufzubauen. Und nachdem sie nun kurz vor der Erfüllung all ihrer Träume stand, stellte er sich ihr erneut in den Weg.

Der groß gewachsene, schlaksige Student von damals war muskulöser geworden, doch keineswegs dick – seine Schultern waren breiter, die ganze Gestalt eindrucksvoller. Und sein Mund war immer noch so sinnlich und versprach höchste Wonnen – an die sie lieber nicht denken wollte.

Statt abgewetzter Jeans und T-Shirts, in denen er damals herumgelaufen war, trug er jetzt einen Designeranzug mit handgearbeitetem Hemd und Seidenkrawatte. Die dunklen Schläfen waren leicht angegraut. Und er strahlte Erfolg und Macht aus … ein rundherum umwerfender Mann, dem die Frauen reihenweise zu Füßen sinken mussten.

Und – als Chef des Kaufhauses Field’s würde Jordan Smith entscheiden, ob sie den Posten bekam.

Was nun? Würde er sie abblitzen lassen, weil sie ihn ständig an seine Schuld erinnerte …? Oder würde er ihr den Posten geben – auch wenn sie nicht die Topwahl war –, weil er glaubte, ihr das schuldig zu sein, nachdem er vor Jahren ihr Leben zerstört hatte? Und falls er ihr den Posten anbot … würde sie ihn annehmen? Immerhin wusste sie, dass sie dann ständig mit ihm zusammenarbeiten musste.

Neue Fragen stürmten auf Alexandra ein. Ihr wurde bewusst, dass jemand etwas gefragt hatte und auf ihre Antwort wartete. Na toll! Jetzt würden sie denken, sie könnte sich nicht konzentrieren! Im Geist sah sie ihre Felle bereits davonschwimmen. Na gut. Jetzt hatte sie kaum noch etwas zu verlieren. Am besten, sie betrachtete die Bewerbung als nützliche Erfahrung für künftige Vorstellungsgespräche. Statt ihre Wunden zu lecken, war es ratsam, ihren Auftritt kritisch unter die Lupe zu nehmen, um in Zukunft besser gerüstet zu sein.

„Tut mir leid, aber würden Sie das bitte wiederholen?“ Alexandra lächelte dem älteren Beisitzer entschuldigend zu.

Er erwiderte das Lächeln. „Ich bin Harry Blake, der Personalchef. Und neben mir sitzt Gina Davidson, unsere stellvertretende Geschäftsführerin.“ Er schwieg kurz, sodass Alexandra ihnen zur Begrüßung die Hand schütteln konnte. „Und das ist Jordan Smith, der Geschäftsführer.“

Jordan war erst zweiunddreißig, etwa zwanzig Jahre jünger als seine Kollegen. Wie hatte er es geschafft, in dieser traditionsverhafteten Firma eine Blitzkarriere hinzulegen?

Dumme Frage. Natürlich hätte er sich überall nach oben katapultiert. Er war schon immer brillant gewesen, deshalb hatte sie ihn als junges Mädchen so unwiderstehlich gefunden. Und natürlich auch, weil er fantastisch aussah. Er war ein Kenner der europäischen Kulturgeschichte, besonders der alten Griechen und Römer, und beherrschte nicht nur drei Fremdsprachen, sondern auch Shakespeares Gesamtwerk … als sie noch davon geträumt hatte, Vorlesungen über die Rolle des Theaters in der Renaissance zu halten. Ihre Träume waren geplatzt, und auch …

Alexandra verdrängte die Erinnerungen und riss sich zusammen.

Was blieb ihr anderes übrig, als Jordan höflich zu begrüßen? Sie zwang sich, seinen Händedruck möglichst kurz und geschäftsmäßig zu erwidern und das Prickeln zu ignorieren, das sie bei der Berührung überlief. Doch dann beging sie den Fehler, ihm in die Augen zu sehen.

Mitternachtsblau. Sein Blick ging ihr durch und durch. Es waren seine Augen gewesen, die sie gleich bei der ersten Begegnung in ihren Bann gezogen hatten. Siebzehn war sie damals gewesen … und noch nie geküsst worden. Bis zu dem Abend, als Jordan einfach zu ihr, dem ungelenken, schüchternen Mädchen mit dem mausbraunen Haar und der Brille herübergekommen war, um sie anzusprechen. Dann hatte er mit ihr getanzt. Sie geküsst.

Alexandra atmete tief ein und blickte zur Seite. Das war Vergangenheit. Aus und vorbei.

Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, fiel Jordan auf. Schuldgefühle? Egal. Den Job bekam Alexandra nicht. Mit ihr wollte er nichts mehr zu tun haben, nicht einmal beruflich. Er würde das Bewerbungsgespräch schnell hinter sich bringen und sie dann endgültig aus seinem Leben verbannen.

Als Personalchef war es Harrys Aufgabe, das Gespräch zu führen. Also lehnte Jordan sich zurück und hörte zu, während Alexandra die gleichen Fragen gestellt wurden wie den anderen Kandidaten. Mehr oder weniger antwortete sie wie erwartet, also überflog er nochmals ihren Lebenslauf. Dabei fiel ihm etwas auf. Ihr Universitätsabschluss war drei Jahre nach dem Zeitpunkt datiert, an dem sie die Prüfung hatte ablegen wollen. Wieso? Sie war eine Topstudentin gewesen, die Letzte, von der er erwartet hätte, dass sie die Examen nicht bestand.

Hatte Alexandra mitten im Examen Schuldgefühle bekommen und war deshalb durchgefallen? Aber warum hatte sie die Prüfung erst drei Jahre später wiederholt? Außerdem hatte sie auch keinen Abschluss in Englisch, wie er erwartet hätte. Universitätsdozentin hatte sie werden wollen … Wieso war sie in die Wirtschaft gegangen, statt auf einen Lehrstuhl an der Universität hinzuarbeiten?

Jordan rief sich zur Ordnung. Das ging ihn nichts an. Er wollte es gar nicht wissen.

Wirklich nicht.

„Noch Fragen?“, wandte Harry sich an seine Kollegen.

Gina lächelte. „Bis jetzt nicht.“

Das war Jordans Stichwort. Jetzt konnte er den anderen zeigen, dass Xandra Bennett für den Posten nicht geeignet war. „Wir haben alle Bewerber gebeten, eine zukunftsorientierte Marketingpräsentation für Field’s zu erarbeiten“, ergriff er das Wort.

„Moment mal“, gab Harry zu bedenken. „Die Agentur hat Ms Bennett erst in letzter Minute auf die Kandidatenliste gesetzt. Da wäre es unfair zu erwarten, dass sie unvorbereitet eine Präsentation aus dem Ärmel schüttelt.“

„Natürlich keine volle Präsentation“, pflichtete Jordan ihm bei. „Aber von leitenden Angestellten erwarte ich, dass sie ein Marketing-Konzept notfalls auch aus dem Stegreif entwickeln können. Ms Bennett, wo sehen Sie Möglichkeiten und Chancen, Field’s voranzubringen?“

Im ersten Moment wirkte sie überrascht. Sie wusste, dass er sie herausforderte – ihr eine Falle stellte.

Dann warf sie den Kopf zurück und strahlte ihn an. So reagierte ein Profi, wenn er in die Enge getrieben wurde. „Natürlich, Mr Smith. In einer realen Marktsituation müsste ich mir als Erstes die Etathöhe und die Streupläne vornehmen.“

Sie war die Erste an diesem Tag, die den Etat und die Medieneinsätze ins Spiel brachte. Die anderen Kandidaten hatten beides stillschweigend vorausgesetzt. Einige hatten diese Aufwendungen sogar viel zu hoch angesetzt und Fernsehspots zur Hauptsendezeit einsetzen wollen, was völlig unrealistisch gewesen wäre.

„Zweitens müsste ich wissen, was Sie unter Marketingchancen verstehen. Möchten Sie eine neue Käuferschicht gewinnen, ohne die alte zu verlieren? Oder wollen Sie Ihren Stammkunden ein breiteres Sortiment schmackhaft machen, sodass sie in Zukunft alles bei Field’s kaufen, statt sich bei bestimmten Produkten oder Dienstleistungen anderswo einzudecken?“

Auf einmal saßen Harry und Gina seltsam aufrecht da und spitzten die Ohren. Diese Kandidatin hatte den Finger genau auf die Schwachstellen gelegt.

„Lassen sie mich als Erstes Ihre Zielgruppe bestimmen. Wer sind Ihre möglichen Kunden? Was wollen sie? Und was hat Field’s ihnen bisher nicht geboten? Dann müsste ich mit Ihrem Personal sprechen. Haben Sie ein Bonussystem für Verbesserungsvorschläge?“

„Es gab eins“, bemerkte Gina.

„Dann würde ich es schleunigst wieder einführen“, schlug Alexandra vor. „Ihre Angestellten sind in jeder Hinsicht vertraut mit Ihren Produkten und deren Käufern. Sie wissen, was gekauft wird und was die Leute wollen, kennen saisonale Trends und Schwankungen. Ihre Leute können am besten vorschlagen, was Field’s voranbringt. Und ich würde sagen, es ist Aufgabe des Marketingleiters, diese Vorschläge zu prüfen, sie durchzurechnen und zu ermitteln, welche am gewinnträchtigsten sein könnten.“

„Kaufen Sie bei uns, Ms P… „ schnell verbesserte Jordan sich, „Bennett?“

„Nein.“

Das überraschte ihn. Er war sicher gewesen, sie würde vorgeben, Stammkundin zu sein. Liebkind wollte sie sich also nicht machen. „Und warum nicht?“

„Weil Ihr Bekleidungsangebot nicht meiner Altersgruppe entspricht und die Drogerieketten eine besser auf mich zugeschnittene Palette an Parfüms und Make-up bieten. Und weil hochpreisiges Kristall, Bestecke und Porzellan mich nicht interessieren“, klärte Alexandra ihn auf.

Donnerwetter! Als erste Kandidatin kritisierte sie die Marketingstrategie des Kaufhauses. Auch Harry und Gina wirkten beeindruckt. „Sie finden Field’s also zu konservativ?“, konnte er sich nicht verkneifen nachzuhaken.

„Field’s blickt auf eine über hundertjährige Traditionsgeschichte zurück“, gab Alexandra zu bedenken. „Und hier dürfte seine Stärke liegen. Eine Firma, die sich so lange behauptet hat, beweist den Kunden, dass Verlass auf sie ist. Doch diese Tradition ist auch Ihr Schwachpunkt, weil jüngere Leute Field’s altmodisch finden. Sie interessiert das Kaufhaus nicht. Dort kaufen ihre Eltern. Oder die Großeltern. Dieses Erscheinungsbild gilt es zu ändern.“

„Und wie würden Sie die Firma für die junge Käuferschicht attraktiv machen?“ Teufel noch mal, das interessierte ihn auch. Diese Kritik war das Beste, was er den ganzen Tag über gehört hatte. Sie war wirklich konstruktiv, und Alexandra hatte sie sogar überzeugend begründet. Hatte er solche Überlegungen nicht eigentlich auch schon angestellt?

„Nehmen Sie mich als potenzielle Kundin: Wenn Sie mich zum Beispiel mit einem Sortiment meines Lieblingsdesigners und einer brandheißen neuen Make-up-Marke locken, würde ich überlegen, ob ich mit meiner Einstellung zu Field’s nicht vielleicht doch falsch liege, und wäre versucht, mich im Geschäft mal näher umzusehen. Wenn Sie haben, was mir gefällt, wenn der Preis stimmt und Ihre Angebotsbreite mich von meinem Stammgeschäft weglockt, haben Sie eine neue Kundin.“

Dagegen konnte er nichts einwenden.

„Dann würde ich mir auch Ihre Webseite im Internet ansehen, die dynamisch und auf Ihre Kundenstruktur in den sozialen Netzwerken ausgerichtet sein sollte. Sind Sie zum Beispiel bei Facebook aktiv? Oder in Chatrooms?“

„Noch nicht“, sagte Gina. „Wie sollte das aussehen?“

Nun lief Alexandra förmlich zu Höchstform auf. „Streuen Sie Eigenwerbung in Foren. Natürlich nicht laufend, nur ab und zu. Dazu könnte man sachkundige Käufer einladen, die Tipps weitergeben. Jedenfalls brauchen Sie für diese junge Kundschaft unbedingt eine neue Social-Media-Strategie. Sehen Sie nur, wie die Jungen die neuen Kommunikationsformen nutzen und wie diese sich für Field’s einsetzen ließen.“ In knapper Folge nannte Alexandra praktische Beispiele.

Wieder blickte Jordan auf ihren Lebenslauf. Zuletzt hatte sie im Marketing gearbeitet, also wusste sie genau, wovon sie sprach. Er nahm sich vor, auf ihrer Website nachzusehen, was sie dort gemacht hatte.

„Danke, Ms Bennett. Ich habe keine weiteren Fragen“, erklärte er.

„Haben Sie Fragen an uns?“, warf Harry ein.

„Im Moment nicht.“ Alexandra lächelte höflich, keineswegs triumphierend, fiel Jordan auf. Sie setzte also durchaus nicht voraus, in die nächste Bewerbungsrunde vorgerückt zu sein.

„Dann danken wir Ihnen, Ms Bennett“, sagte Gina. „Würden Sie bitte einige Minuten draußen warten?“

Jordan konnte nicht anders, gebannt verfolgte er, wie Alexandra zur Tür ging. Vor zehn Jahren war sie süß und schüchtern gewesen, eine Schönheit im Verborgenen. Jetzt war sie selbstbewusst und weltgewandt, und jeder Vollblutmann würde sich anstrengen, um sie auf sich aufmerksam zu machen. Es ärgerte Jordan, dass sie selbst jetzt noch diese Wirkung auf ihn hatte. Nur gut, dass er sie nie wiedersehen würde.

„Sie ist mit Abstand die Beste“, entschied Harry, nachdem Alexandra die Tür hinter sich geschlossen hatte.

„Finde ich auch“, schloss Gina sich seinem Urteil an. „Sie kennt sich besser in der Branche aus als die meisten anderen. Außerdem hat sie fabelhafte Ideen.“

Damit blieb Jordan nicht viel Spielraum. Hätte er Alexandra nicht von früher gekannt, wäre er Ginas Meinung gewesen. Doch er hatte sie gekannt. Und da lag das Problem. Aber vielleicht konnte er es umschiffen. „Leider muss ich euch gestehen, dass bei mir ein Interessenkonflikt vorliegt, von dem ich nichts geahnt habe.“

Gina runzelte die Stirn. „Inwiefern?“

„Ich kannte Ms Bennett. Während der Schulzeit.“ Er räusperte sich. „Damals trug sie noch einen anderen Namen.“

Befremdet zog Harry die Brauen hoch. „Wieso hat keiner von euch beiden das erwähnt?“

Den Vorwurf habe ich verdient, musste Jordan sich eingestehen. Mit keinem Wort hatten sie auch nur angedeutet, dass sie sich kannten. Und wie Alexandra offenbar auch, wollte er sich dazu lieber nicht äußern. Er seufzte. „In einem Bewerbungsgespräch ist nun mal kein Raum für ein Wiedersehen.“ Vor allem nicht für ein so Unwillkommenes. Er hatte es weit gebracht und nicht die Absicht, sich mit der Vergangenheit herumzuschlagen.

„In ihrem Lebenslauf stand nichts davon, dass sie mit dir in die Schule ging“, bemerkte Harry.

„Sie ging nicht in meine Schule. Ich habe sie auf der Party eines Freundes kennengelernt. Eigentlich war ich damals schon auf der Uni.“

Harry zuckte die Schultern. „So gut hast du sie also gar nicht gekannt.“

Gut genug, um sie zu schwängern, dachte Jordan. Als seine Mutter sich geweigert hatte, dem Mädchen eine enorme Abfindung zu zahlen, hatte Alexandra das Baby kaltblütig abtreiben lassen, ohne mit ihm darüber zu sprechen. Sie hatte ihm nicht einmal gesagt, dass sie schwanger war, und das würde er ihr nie verzeihen.

Danach war sie spurlos verschwunden. Wochenlang hatte er vergeblich versucht, sie ausfindig zu machen. Und als es ihm endlich gelang, sie aufzuspüren, hatte er entsetzt festgestellt, dass sie verheiratet war – mit einem anderen! Da hatte er einsehen müssen, wie wenig er ihr letztlich bedeutete. Wie sollte er sich sonst erklären, dass sie so kurz nach der Abtreibung einen anderen geheiratet hatte?

Aber das würde er Harry und Gina natürlich nicht verraten. Darüber hatte er nie gesprochen. Mit keinem. Er hatte seinen Zorn, seine schmerzlichen Empfindungen verdrängt, und dabei würde es bleiben.

„Eine wie sie brauchen wir“, erklärte Gina. „Sie erfasst eine Situation auf Anhieb, nimmt kein Blatt vor den Mund und denkt realistisch. Außerdem hatte sie als Einzige den Etat im Auge.“

Alles das konnte Jordan nicht bestreiten. Aber würde er damit fertig werden, Alexandra ständig um sich zu haben?

Harry schien sein Zögern zu spüren. „Gab es da irgendeinen Zwischenfall oder so etwas?“

Oder so etwas. Alexandra war die Erste, in die er sich verliebt hatte. Sie hatte ihn verzaubert. Er war ein Dummkopf und so verrückt nach ihr gewesen, dass er sie sogar heiraten wollte.

Es wäre nicht gut gegangen. Na ja … dann hatte er ein Mädchen aus seinen Kreisen geheiratet, mit dem er seit Jahren befreundet gewesen war. Auch diese Verbindung war zerbrochen. Seitdem hielt er mehr von kurzen, heißen Beziehungen, die besser endeten, ehe der Reiz verpuffte.

„Jordan?“

Er brummelte etwas Belangloses, um sich nicht näher äußern zu müssen.

„Was immer da gewesen sein mag, ich möchte nicht neugierig erscheinen. Ihr wart beide noch sehr jung“, gab Gina zu bedenken. „Inzwischen seid ihr erwachsen geworden. Die Menschen ändern sich.“

Das bezweifelte Jordan. Alexandra war unerhört ehrgeizig gewesen, und er glaubte nicht, dass sie sich geändert hatte. Der Charakter eines Menschen wandelte sich nicht.

„Gehen wir die Kandidaten nochmals durch und überlegen, wen wir in die zweite Runde einladen sollten“, schlug er vor, um das Thema zu wechseln.

Sie einigten sich auf drei Bewerber, die sie bereits vorher in die engere Wahl genommen hatten. Warum er Alexandra nicht wollte, hätte Jordan den anderen nicht erklären können, ohne zu viel von der Vergangenheit preiszugeben.

Als sie gerade fertig waren, klopfte Jordans persönliche Assistentin an die Tür. „Entschuldigen Sie die Störung, Mr Blake, aber es gibt etwas sehr Dringendes“, informierte sie Harry.

„Geh nur“, drängte Jordan ihn. „Du auch, Gina. Ich weiß ja, dass ihr bis zum Hals in Arbeit steckt. Ich gebe den Bewerbern Bescheid.“

„Bist du dir da sicher?“, fragte Harry.

„Völlig.“ Auf diese Weise konnte er Alexandra allein sprechen – und vielleicht herausfinden, was sie vorhatte.

Sobald seine Kollegen gegangen waren, bat Jordan die ausgeschiedenen Bewerber der Reihe nach herein, legte ihnen bedauernd dar, warum sie für den Posten nicht infrage kamen, und nahm sich die drei Kandidaten für die Endrunde vor.

Und schließlich war es Zeit, mit Alexandra zu reden.

Alle Bewerber waren nacheinander ins Personalbüro gebeten worden. Die meisten waren enttäuscht herausgekommen. Drei mit hoffnungsvoller Miene. Als letzte Kandidatin kam Alexandra an die Reihe.

Erst hatte sie erwogen, einfach zu verschwinden, um Jordans Gesichtsausdruck nicht sehen zu müssen, wenn er ihr auseinandersetzte, warum man sie ablehnte. Doch das wäre feige gewesen, und ein Feigling war sie nicht. Außerdem konnte die Begründung nützlich für ihr nächstes Bewerbungsgespräch sein. Dennoch war sie nervös, als sie das Büro erneut betrat.

„Ms …“ Jordan machte eine kurze Pause und musterte sie von Kopf bis Fuß, „Bennett.“

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er allein war. Meine Güte, das fehlte gerade noch! Nun brauchte er seinen Triumph nicht mehr zu überspielen, wenn er ihr mitteilte, dass sie aus dem Rennen war.

Angriff ist die beste Verteidigung! Stolz warf Alexandra den Kopf zurück. „Du hättest mir auch über die Agentur mitteilen lassen können, dass ich den Job nicht bekomme“, ging sie kühn zum einstigen Du über.

„Also … du hast es in die nächste Runde geschafft.“ Jordan reichte ihr einen Umschlag. „Darin sind die Vorgaben für eine Marketingsituation, die wir morgen mit dir durchspielen möchten.“

Das kam so unerwartet, dass Alexandra sprachlos war. Er gab ihr also noch eine Chance …

Am liebsten hätte sie sich bedankt und wäre geflüchtet, doch er sprach bereits weiter. „Ich war nicht darauf gefasst, dich hier wiederzusehen.“

„Und ich hatte keine Ahnung, dass du hier arbeitest.“ Schon gar nicht, dass er der Oberboss war.

Jordan lächelte kühl. „Ach komm. Du wusstest genau, aus welcher Familie ich stamme.“

Nur kurz zögerte sie. „Nein. Ich wusste lediglich, dass sie etwas Besseres darstellt.“ Und in einer anderen Liga spielte als ihre Familie. Das Erdgeschoss ihres Hauses war gerade so groß wie der Salon der Smiths.

Offenbar glaubte Jordan ihr nicht. „Lass mich dein Gedächtnis auffrischen, Alexandra. Mein Urgroßvater hat das Kaufhaus gegründet“, stellte er klar. „Mein Großvater hat es übernommen. Und danach mein Vater.“

Ein Familienunternehmen. „Und jetzt bist du als Chef nachgerückt. Trotzdem verstehe ich etwas nicht. Wenn es ein Familienunternehmen ist … wieso heißt du dann nicht Field?“

Er zuckte die Schultern. „Das ist mein Mittelname. Mein Vater hat sich geweigert, seinen Nachnamen zu ändern, als er meine Mutter heiratete.“

Aha. Also gehörte das Kaufhaus der Familie seiner Mutter. Was für ein Erbe und was für eine Verantwortung! Nun verstand Alexandra endlich, weshalb Vanessa Smith damals so misstrauisch gewesen war, als sie um Hilfe gebeten hatte. Dennoch: Die Dinge, die Vanessa Smith ihr unterstellt hatte, waren so beleidigend und unwahr, dass es Alexandra noch heute wütend machte.

Jordan sah sie fest an. „Apropos Namen … wie ich sehe, hast du deinen geändert.“

Wollte er herausfinden, ob sie immer noch verheiratet war? Laut Arbeitsrecht durfte er sie danach gar nicht fragen. Nur die Arbeitsleistung zählte, der Personenstand war Privatsache. Andererseits konnte es nicht schaden, wenn Jordan dachte, sie wäre immer noch verheiratet – falls er glaubte, sie erwartete mehr von ihm. „Das ist der Familienname meines Mannes.“ Den sie nach der Scheidung beibehalten hatte.

„Du hast auch den Vornamen geändert. Ich kannte dich als Alex.“

Die gehörte zu ihrem anderen Leben. Naiv, wie sie war, hatte sie mit achtzehn geglaubt, den Mann ihres Lebens gefunden zu haben. Doch dann hatte sie den Märchenprinzen geküsst, und er hatte sich in einen Frosch verwandelt. Betont gleichmütig zuckte sie die Schultern. „Xandra ist einfach eine Kurzform von Alexandra.“

„Und klingt nach Karrierefrau.“

Genau das hatte ihr Studienberater auch gemeint, als sie mit den Abendkursen begonnen hatte. Mach cool auf Powerfrau, rede und kleide dich wie eine … und du bekommst den Job. Daran hatte sie sich bis ins Kleinste gehalten. „Ist das ein Problem?“

„Nein.“ Er schwieg einen Moment. „Ich habe Harry und Gina gesagt, dass ich dich früher kannte.“

Kannte. Oh Ja. Und wie.

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