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Einmal Prinzessin, immer Prinzessin

1. KAPITEL

Es war einmal … eine wunderschöne Exprinzessin namens Lise de Bergeron, die lebte in St. Michele, einem kleinen Land zwischen Frankreich und Vallonien. Die ehemalige Prinzessin wohnte nicht im prächtigen königlichen Palast mit den vielen Türmen, dem großen Ballsaal und einer Schar von Bediensteten, sondern in einem kleinen Cottage auf dem gleichen Grundstück.

Das verschaffte ihr die nötige Unabhängigkeit, und der gegenwärtigen Königin, ihrer Stiefmutter, passte es gut ins Konzept. Königin Celeste war die vierte Frau von König Philippe und mochte weder Lise noch die anderen Kinder ihres kürzlich verstorbenen Mannes.

Lise hatte ihr Krönchen und ihre Legitimität verloren, seit die Ehe ihres Vaters mit ihrer Mutter Johanna für ungültig erklärt worden war. Und deshalb gab es auch keine Diener und Zofen, die sie umsorgten und ihr alles abnahmen. Nur ihre ehemalige Nanny, die Lise und ihre Schwestern aufzog, nachdem ihre Mutter sie im Stich gelassen hatte. Doch die Nanny war inzwischen alt und litt unter Arthritis, sodass Lise eher sie betreute als umgekehrt.

Ihren Status als Prinzessin und die damit verbundenen Annehmlichkeiten verloren zu haben, bekümmerte Lise nicht. Was sie bedrückte, war der schmerzliche Verlust ihres geliebten Vaters und dass sie von ihrem Mann Fernand verlassen worden war. Und dazu war sie auch noch im dritten Monat schwanger.

Das letzte Jahr war für Lise wirklich nicht leicht gewesen, und die Zukunft lag völlig unklar vor ihr. Was würde sie ihr und ihrem Kind bringen?

Lise verdrängte die belastende Frage in den Hinterkopf und versuchte, sich auf das Nächstliegende zu konzentrieren. Und das war an erster Stelle die notwendige Reparatur am Dach des Cottages.

„Nanny, wer hat noch behauptet, der April sei der grausamste Monat im Jahr?“, fragte sie die alte Frau im Schaukelstuhl.

„Einer von diesen Dichtern, die du immer liest, denke ich mal“, antwortete Gertrude und zog die Wolldecke über ihren Knien zurecht. „Vielleicht der gleiche, der auch behauptet: ‚Dauerregen im April bringt Blumensegen im Mai.‘“

„Für mich kann der Mai gar nicht schnell genug kommen.“ Lise seufzte und blickte durch das kleine Sprossenfenster hinaus in den prasselnden Regen.

„Ah, ma pauvre, ist es wirklich das Wetter, das dich so melancholisch macht, oder steckt noch etwas anderes dahinter?“

„Mir geht es gut“, versicherte Lise ihrer Nanny hastig. Sie wollte nicht, dass die alte Frau sich Sorgen um sie machte. „Lass uns einen schönen Tee trinken und etwas essen. Ich bin richtig ausgehungert. Wenn ich die nächsten sechs Monate so weiterfuttere, werde ich irgendwann wie ein Fesselballon aussehen.“

„Unsinn!“, sagte Gertrude. „Du musst schließlich für zwei essen.“

Lise legte eine Hand auf ihren noch immer flachen Bauch. Es erstaunte sie selbst, wie sehr sie sich auf dieses Kind freute. Egal, wie unsicher ihre Zukunft war.

„Als ich heute Morgen drüben im Schloss war, hat die Köchin mir ein paar Schokoladentörtchen zugesteckt. Wir werden heute also ein kleines Festmahl zum Tee haben.“ Lächelnd hielt sie der alten Frau einen Korb entgegen, damit sie das köstliche, glasierte Gebäck begutachten konnte.

Nie das Lächeln vergessen, ermahnte Lise sich. Ihre innere Unruhe und Sorge wollte sie niemandem zeigen. Weder ihrer Nanny noch ihrer Stiefmutter, Königin Celeste, die sofort behaupten würde, sie hätte das alles verdient. Und auch nicht ihren Schwestern, die sich ohnehin schon genug Gedanken um sie machten.

Keiner sollte erfahren, wie demütigend es für sie war, vom eigenen Mann verstoßen zu werden. Oder von ihrer Scham über ihre Illegitimität und den Umstand, dass sie momentan von der Gnade der derzeitigen Palastbewohner abhängig war.

Sie durfte nur an das Heute denken. Nicht an morgen und nicht an die schreckliche Zeit vor sechs Monaten. Immerhin hatte sie ein Dach über dem Kopf, auch wenn es momentan leckte. Der Handwerker, der für die Reparaturen im Palast zuständig war, hatte ihr mitgeteilt, dass er nichts tun könne, solange es regnete. Lise müsse auf besseres Wetter warten und darauf, dass er überhaupt Zeit für sie erübrigen könne.

Immer wieder sagte Lise sich, wie froh sie sein müsse, dass sie so etwas wie einen Job hatte – und natürlich ihre alte Nanny. Es hätte wirklich noch schlimmer kommen können.

Wirklich schlimm war die Zeit ihrer Ehe mit Fernand Rodin gewesen. Zwar hatten sie in Vallonien ein luxuriöses Leben geführt, da er als Mitglied der königlichen Familie über Geld und Macht verfügte, doch Fernand war ein arroganter und berechnender Mann, den Lises Vater, König Philippe, aus politischen Gründen als ihren Bräutigam ausgesucht hatte. Wenn Lise trotz allem für eines dankbar war, dann dafür, dass sie Fernand los war.

Nachdem sie ihrer Nanny ein Tablett mit Tee und Kuchen hingestellt hatte, setzte Lise sich an den Küchentisch aus Pinienholz und genoss den aromatischen Teeduft.

„Irgendwelche Neuigkeiten aus dem Palast?“, wollte Gertrude wissen. „Hast du vielleicht sogar die Königin zu Gesicht bekommen?“

„Nein, soweit ich weiß, hütet sie das Bett und bereitet sich auf die Geburt ihres Sohnes vor.“

„Sohn? Weiß man denn schon, dass es ein Sohn wird?“, fragte die alte Frau und setzte ihre Teetasse mit einem leichten Klirren auf der Untertasse ab.

„Sie behauptet es zumindest, aber einen Beweis dafür gibt es nicht, weil sie sich weigert, ein Testergebnis vorzulegen, das sie angeblich unter Verschluss hat. Vielleicht ist aber auch nur ihr Wunsch der Vater des Gedankens, denn wenn es kein Junge ist, dann verliert Celeste alles – ihre Macht, ihren Status …“ Lise hielt kurz inne. „Das ganze Königreich weiß, wie verzweifelt sie darauf hofft, einen Sohn zu gebären, da nach dem Gesetz nur ein männlicher Nachfahre den Thron besteigen kann.“

Gertrude nickte gedankenvoll. „Ich weiß ja auch, wie sehr alle auf einen Thronerben hoffen. Denn wenn keiner kommt, wird unser schönes St. Michele womöglich doch noch von Vallonien annektiert.“

Lise schauderte unwillkürlich bei diesem Gedanken. Sie und ihr Gatte hatten die wenigen Monate ihrer Ehe in Vallonien verbracht, aber Lise hatte keine angenehmen Erinnerungen an das Nachbarland.

„Nun mach dir mal nicht zu viel Sorgen“, sagte Gertrude, die ihren ehemaligen Schützling aufmerksam beobachtete. „Du weißt doch, dass deine Großmutter Simone den Chef des Geheimdienstes – wie heißt er noch? … ach ja, Luc Dumont – beauftragt hat, nach dem verschollenen Erben zu suchen. Als Mutter des verstorbenen Königs ist ihr sehr daran gelegen. Vielleicht findet er ihn ja schon bald.“

„Ja, mag sein.“

„Komm schon, Kind! Lass den Kopf nicht hängen. Irgendetwas wird geschehen, das uns rettet. So war es bisher doch immer, stimmt’s? In der Zwischenzeit kannst du mir mein Handarbeitszeug geben. Ich möchte den Pullover fürs Baby weiterstricken.“

Lise nahm das Teetablett vom Tischchen und stellte ihrer Nanny stattdessen den gewünschten Strickkorb hin, aus dem ein Knäuel blassgelber Wolle hervorlugte. Dann half sie der alten Frau, noch ein bisschen näher an den mit Ornamenten verzierten Eisenkamin heranzurücken, der eine wohlige Wärme abgab.

Lise zog einen Kittel über Rollkragenpullover und Leggins und ging ins angrenzende Gewächshaus hinüber. Dort reinigte und restaurierte sie die unbezahlbaren Artefakte des Königshauses von St. Michele. Heute wollte sie einen antiken Rahmen streichen, den sie zuvor repariert hatte.

Neben der Ruhe und dem Frieden, die sie in dem alten Gewächshaus fand, schätzte Lise das natürliche Licht, das durch die großen Glasflächen hereinfiel und trotz Dauerregens zum Arbeiten ausreichte. Da nur noch wenige, teils ausgewachsene Pflanzen im Gewächshaus standen, boten die freien Tische und Regale ausreichend Platz für Lises Arbeitsmaterialien. Neben einer Reihe von Gläsern mit Acrylwasserfarben, Pigmentpulvern und einer Sammlung an Glasmosaiksteinen gab es eine Kollektion von Dachshaarpinseln, Bürsten und diverse Restaurationswerkzeuge.

Der Geruch von feuchter Erde, vermischt mit dem der Farben, beruhigte und inspirierte Lise gleichermaßen. Hier konnte sie ihre Sorgen vergessen. Leise summte sie vor sich hin, während sie unterschiedliche Farbpigmente mit Öl vermengte, um die richtige Mischung für die Rahmenfarbe zu erlangen. Antike Rahmen und Gemälde zu restaurieren bedeutete eine Herausforderung, die einigen Kunstsachverstand und handwerkliches Geschick verlangte. Doch darauf war Lise dank ihres Kunststudiums in London und der Erfahrungen, die sie bei einem berühmten Kunsthandwerksmeister sammeln durfte, ausreichend vorbereitet.

Eine Stunde später hörte sie einen Wagen vorfahren. Lise hasste es, unterbrochen zu werden, wenn etwas gerade so gut lief wie heute.

„Nanny wird sich schon darum kümmern“, murmelte sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Hoffentlich war es jemand, der ihre persönlichen Sachen vorbeibrachte, die sie in Vallonien zurückgelassen hatte. Lise war so überstürzt aufgebrochen, dass sie nur mit einem kleinen Koffer nach St. Michele zurückgekehrt war.

Leider schien Gertrude den Besucher nicht allein abfertigen zu können, denn es klopfte an der Gewächshaustür.

„Ja?“, rief Lise, ohne sich umzudrehen, und strich sich eine widerspenstige Strähne hinters Ohr.

„Lise?“ Die tiefe Stimme kam ihr vage bekannt vor. „Hier ist Charles. Charles Rodin.“

„Charles?“ Der Zwillingsbruder von Fernand? Was, um alles in der Welt, hatte er hier verloren? Lise spürte, dass sie zu zittern begann. Alles, was mit ihrem Ehemann und ihrem alten Leben zu tun hatte, versetzte sie immer noch in Aufruhr. Durch nichts und niemanden wollte sie an den größten Fehler ihres Lebens erinnert werden.

„Darf ich hereinkommen?“

Langsam drehte Lise sich um und ging zur Tür. So verärgert sie über Charles’ unangemeldeten Besuch auch war, fiel ihr der Unterschied zwischen den beiden Brüdern dennoch auf. Fernand hätte nie um Einlass gebeten. Er wäre einfach hereingeplatzt.

Lise öffnete die Tür und trat zur Seite. Charles sah seinem Bruder frappierend ähnlich. Allerdings waren seine Gesichtszüge nicht so arrogant, und in seinen dunklen Augen stand nichts von der Eiseskälte, die Fernand zu Eigen war. Gesehen hatte Lise ihren Schwager nur ein einziges Mal, anlässlich ihrer Hochzeit. Er war Fernands Trauzeuge gewesen, und damals hatte er auf sie einen ausgesprochen selbstsicheren, aber keinen überheblichen Eindruck gemacht.

Jetzt stand er mit hochgezogenen Schultern vor ihr. Das regennasse schwarze Haar hing ihm bis tief in die Stirn, die Hände hielt er in den Taschen seines Kaschmirmantels versteckt, um seinen Mund lag ein leichtes Lächeln. Trotzdem war die Ähnlichkeit zu Fernand so frappierend, dass sie unangenehme Erinnerungen in Lise hochkommen ließ. Da tat sie alles Menschenmögliche, um die schrecklichste Zeit ihres Lebens zu vergessen – und nun dies …

„Dar ich eintreten?“, fragte Charles noch einmal.

Was war denn nur mit ihr los? Wo hatte sie nur ihre Manieren gelassen, dass sie den Mann einfach im Regen vor der Tür stehen ließ? Aber er war so groß, so breitschultrig, so … präsent, dass sie irgendwie angenommen hatte, er wäre bereits drinnen.

„Natürlich“, sagte sie knapp.

Charles trat an ihr vorbei in das kleine Gewächshaus mit dem festgestampften Boden aus Gartenerde. Und plötzlich wirkte das luftige Glashaus überfüllt. Lise fühlte sich bedrängt und hatte das Gefühl, ihr fehle die Luft zum Atmen und Denken. Mit einem flauen Gefühl im Magen suchte sie fieberhaft nach einem Thema, mit dem sie ein Gespräch beginnen konnte. Doch ihr Hirn war wie eingefroren. So stand sie einfach nur da und wartete darauf, dass er etwas von sich geben würde.

Doch nichts kam.

Nach einer langen Pause, in der Charles sie für ihren Geschmack viel zu intensiv musterte und sie ihn auch nicht aus den Augen ließ, fand Lise endlich ihre Stimme wieder.

„Warum bist du hier, Charles? Was willst du von mir?“

Ihr brüsker Ton ließ ihn die Stirn runzeln. Was hat er denn erwartet?, fragte sich Lise empört. Dass ich ihn mit offenen Armen empfange, nach dem, was sein Bruder mir angetan hat?

„Ich bin hierhergekommen, nachdem ich von … von der Scheidung erfahren habe. Ich wollte sehen, ob … was ich für dich tun kann.“

„Nichts. Du kannst gar nichts tun!“, sagte sie hart. „Geh zurück nach Vallonien, und richte deinem Bruder aus, dass ich weder von ihm noch von einem Mitglied seiner Familie Hilfe oder Unterstützung brauche.“

Ihr leidenschaftlicher Ausbruch schien Charles regelrecht zu bestürzen. „Ich war seit Monaten nicht in Vallonien, und genauso lange habe ich auch niemanden aus meiner Familie gesehen. Vielleicht ist es dir nicht bewusst, aber mein Bruder und ich standen uns noch nie sehr nahe. Und inzwischen sprechen wir kein Wort mehr miteinander“, sagte er steif. „Wir haben einen sehr unterschiedlichen Lebensstil, sowohl beruflich als auch privat. Ich vertrete Valloniens Interessen, was den Weinanbau und Vertrieb betrifft, und Fernand kümmert sich um die Kapitalanlagen der Familie im Ausland.“

Er machte eine kurze Pause, aber von Lise kam keine Reaktion.

„Die letzten sechs Monate habe ich in den USA verbracht. Als ich Fernand letzte Woche zufällig in Los Angeles traf, hat er mir von der Scheidung erzählt. Ich wollte es zuerst nicht glauben. Eure Ehe war doch nicht länger als …“

„Acht Monate“, ergänzte Lise kühl. „Acht Monate meines Lebens, die ich so schnell wie möglich vergessen möchte. Wenn es dir also nichts ausmacht … ich möchte gern an meine Arbeit zurückkehren“, erklärte sie mit aller königlichen Würde, die ihr zur Verfügung stand.

Dann wandte sie Charles den Rücken zu und griff nach dem Bilderrahmen. Wenn ich jetzt noch ein standesgemäßes Kleid und eine Tiara besäße, würde das meinem Auftritt viel mehr Gewicht verleihen, dachte Lise in einem Anflug von Galgenhumor.

Doch offenbar ließ Charles sich nicht so leicht vertreiben. Anstatt zu gehen, trat er von hinten an Lise heran und schaute ihr über die Schulter. „Was machst du da?“, fragte er mit seiner tiefen Stimme, die der seines Bruders so ähnlich war, dass Lise unwillkürlich schauderte. Doch Charles’ Ton war ein anderer. Wo Fernand Befehle erteilte und forderte, fragte Charles, als sei er wirklich interessiert. Fernand hatte sich nie danach erkundigt, was sie dachte oder tat. Er wollte weder wissen, ob seine Frau ihre Arbeit vermisste, noch wie sie die leeren Stunden füllte, während er unterwegs war.

Lise seufzte. „Ich restauriere einen Bilderrahmen aus dem achtzehnten Jahrhundert, der zu einem Ölgemälde aus dem Palast gehört“, erklärte sie monoton. Eigentlich hätte sie ihm sagen sollen, dass ihn das nichts angehe, aber sein aufrichtiger Ton hatte eine ganz bestimmte Saite in ihrem Inneren berührt. So viele Menschen gab es nämlich nicht, die ihren Enthusiasmus für diese Arbeit teilten.

Wie kam sie überhaupt auf die Idee, dass dies bei Charles der Fall sein könnte? Sicher wollte er nur unverbindlich Konversation machen.

„Ich möchte wetten, dass er einmal ein Porträt umrahmt hat“, meinte Charles nachdenklich und kam Lise noch ein Stück näher. Genau gesagt so nahe, dass er ihre Schulter mit seinem Arm berührte. Eine heiße Welle fuhr durch Lises Körper.

„Ein Porträt“, wiederholte sie spröde. „In der Tat.“ Sie wünschte, Charles würde sich zurückziehen. Sein warmer Atem streifte ihren Nacken, und sie fühlte ihre Knie weich werden. „Das Bildnis eines meiner königlichen Vorfahren, Frederic des Zweiten.“

„Frederic den Furchtlosen nannte man ihn auch, glaube ich, wegen seiner wagemutigen Eroberung der Tiefebenen“, sagte Charles.

Lise nickte langsam. Wider Willen war sie beeindruckt von seinen historischen Kenntnissen. Bisher hatte Lise sich für die Einzige gehalten, die sich in ihrer Ahnentafel auskannte. Woher wusste Charles so etwas?

„Und weil er es gewagt hatte, um die Hand meiner königlichen Urahnin, Prinzessin Gabrielle, anzuhalten.“ Obwohl sie ihn nicht anschaute, wusste Lise, dass Charles lächelte.

„Was zu einem Riesenskandal führte, da sie bereits jemand anderem versprochen war“, führte Lise die Geschichte zu Ende. „Woher weißt du das alles?“, fragte sie neugierig und wandte sich Charles nun doch zu. Er stand so nah, dass ihr unwillkürlich auffiel, wie sehr seine dunklen Augen denen seines Bruders ähnelten. Doch Fernands wirkten so kalt wie Flusskiesel, während Charles’ in einem wärmeren, samtigen Braun leuchteten.

Lise konnte kaum den Blick abwenden. Immer wieder verglich sie die beiden Brüder miteinander, ob sie es wollte oder nicht. Sie sahen sich tatsächlich frappierend ähnlich, benahmen sich aber völlig unterschiedlich.

Oder spielte ihr Charles nur etwas vor? Warum genau er hier war, hatte er ihr jedenfalls noch nicht erklärt.

„Mein Großvater hat mir früher aus der Vergangenheit erzählt“, plauderte Charles unbefangen weiter. „Meine Eltern waren viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, um sich für so etwas Zeit nehmen zu können. Doch mich hat die Geschichte meines Landes von klein auf fasziniert. Und Großvater war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Immer wieder ist er mit mir die Bildergalerie im Palast abgeschritten und hat mir von den einzelnen Personen auf den Porträts erzählt.“

Charles lächelte versonnen und schien angenehmen Erinnerungen nachzuhängen. „Glücklicherweise hat er die Historie von Vallonien noch aufgeschrieben, bevor er starb“, berichtete er weiter. „Einige Passagen handeln auch von St. Michele. Wie du ja weißt, waren beide Königreiche vor langer Zeit eins, und deshalb können wir uns nicht ignorieren – ob es uns gefällt oder nicht …“

Der Blick, den er ihr bei den letzten Worten zuwarf, brachte Lise zum Erröten, und sie beschloss, lieber nicht darüber nachzudenken, was genau er damit gemeint hatte. Warum war er hier? Die Frage stand immer noch unbeantwortet im Raum.

Da Lise schwieg, führte Charles die Unterhaltung weiter. „Geschichte ist dein Spezialgebiet, nicht wahr?“

Wieder überraschte er sie. Fernand hatte diese Passion als nutzloses Hobby abgetan, doch neben ihrer Leidenschaft für Kunst war es das, was Lise am meisten beschäftigte und begeisterte.

„Geschichte und Restaurierung von Kunstgegenständen“, gab sie widerstrebend zu. „Oft genug habe ich wegen meiner Vorliebe für die Vergangenheit herbe Kritik einstecken müssen.“

„Steck deine Nase nicht dauernd in Bücher“, hatte ihre Mutter Lise ständig getadelt.

„Im Museum wirst du nie einen Mann finden“, war es von ihrem Vater gekommen.

„Was machst du nur den ganzen Tag über in der Bibliothek?“, hatte Fernand wissen wollen.

„Das ist doch lächerlich. Wer war es noch, der gesagt hat, dass man die Geschichte nie ausblenden darf, wenn man nicht Gefahr laufen will, alte Fehler zu wiederholen?“

Lise lächelte. „Da ist etwas Wahres dran, aber du bist bestimmt nicht hierhergekommen, um mit mir über Geschichte zu diskutieren.“

Und wenn es doch so war, hätte sie es den ganzen Tag über aushalten können. Doch so gern sie in ihrer Diskussion fortgefahren wäre, konnte Lise nicht leugnen, dass Charles’ Anwesenheit sie mehr irritierte und beunruhigte, als es ihr lieb war. Er war so groß, so attraktiv und wirkte so stark … alles Attribute, die sie anfangs auch bei Fernand angezogen hatten, aber im Gegensatz zu ihm strahlte Charles auch Wärme und Zuverlässigkeit aus. Und er schien echtes Interesse an ihr und ihrem Schicksal zu haben.

Oder bildete sie sich das alles nur ein? Lise wurde sich einfach nicht klar darüber, was sie von ihm halten sollte. Oder ob sie ihn wirklich los sein wollte …

„Nein, ich bin tatsächlich nicht gekommen, um über Geschichte zu sprechen, obwohl dieses Thema mich brennend interessiert und ich seit dem Tod meines Großvaters niemanden habe, mit dem ich …“ Er brach ab und schüttelte unwillig den Kopf, als habe er fast etwas ausgeplaudert, was er lieber für sich behalten würde. „Nein, deshalb bin ich nicht hier.“

Charles lehnte sich gegen den Arbeitstisch und musterte Lise aufmerksam. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Lise einfach nur anzuschauen verwirrte ihn mehr, als er es je erwartet hatte. Und erst recht der Umstand, dass sein Herz plötzlich bis zum Hals schlug. Das letzte Mal, dass er Lise de Bergeron gesehen hatte, war der Tag ihrer Hochzeit mit seinem Bruder gewesen.

In ihrem weißen Satinkleid und der Diamanttiara war sie für ihn das zauberhafteste Geschöpf gewesen, das er je gesehen hatte. Zum ersten Mal beneidete er seinen Bruder. Wie so häufig hatte Fernand ihm mal wieder den Hauptgewinn vor der Nase weggeschnappt, ehe er selbst eine Chance bekommen hatte. Und Charles kam nicht umhin, sich zu fragen, ob Fernand mit diesem Preis genauso sorglos umgehen würde wie mit allen anderen Trophäen …

Den Silberpokal fürs Poloturnier, die Goldmedaille fürs Fechten – alles verlor seinen Wert, sobald er es errungen hatte.

Und um Lise hatte er nicht einmal kämpfen müssen. Sie war seine Braut geworden, da Lises Vater an der Verbindung mit dem Königshaus von Vallonien ebenso sehr lag wie umgekehrt. Und Fernand sicherte der Besitz von Ländereien in Lises Heimatland einen nicht zu unterschätzenden Einfluss im Nachbarstaat St. Michele.

Als Fernand herausfand, dass Lise mit ihrem königlichen Titel auch den Anspruch auf die Ländereien verlor, bemühte er sich sofort um die Scheidung. Charles erfuhr diese Ungeheuerlichkeit von seinem Bruder persönlich und war zunächst sprachlos. Auch wenn Fernand nicht gerade durch seine rücksichtsvolle Art und Menschenfreundlichkeit bekannt war, hätte er ihm ein so brutales, herzloses Vorgehen nicht zugetraut.

Doch Charles war nicht nur entsetzt, sondern er schämte sich für seinen Bruder, der damit auch die Ehre seiner Familie verletzt hatte. Mit dem nächsten Flugzeug hatte Charles die USA verlassen und war mit dem festen Entschluss zu Lise gereist, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.

Und dann sah er Lise zum zweiten Mal in seinem Leben. In ihrem Malerkittel, den sie über ihren warmen Sachen trug, das seidige blonde Haar zu einem improvisierten Knoten aufgesteckt und mit einem Schmutzfleck auf der Wange erschien sie ihm noch viel schöner und begehrenswerter als damals an ihrem Hochzeitstag. Mit derartigen Empfindungen hatte Charles nicht gerechnet. Er hatte gedacht, es sei Mitleid oder Ritterlichkeit, was ihn zu ihr trieb, aber Lise de Bergeron brauchte kein Mitleid. Dafür war sie viel zu souverän und selbstbewusst. Das, was er jetzt empfand, war viel mehr. Aber einen Namen wollte er dem Gefühl lieber nicht geben.

Dass sie zumindest praktische Hilfe und Unterstützung brauchte, ob sie es zugab oder nicht, stand für Charles fest. Allein mit ihrer treuen Nanny in einem alten Cottage zu hausen schickte sich einfach nicht für eine Prinzessin. Zumal Lise auch noch schwanger von seinem verantwortungslosen Bruder war. Dessen unglaubliches Benehmen wieder gutzumachen stand für Charles ganz oben auf seiner Liste.

Am liebsten hätte er Lise ohne Umstände auf seine Arme genommen, sie von hier weggetragen und in ein warmes, luxuriöses Heim verfrachtet, wie sie es verdiente. Doch sie sah nicht so aus, als wenn sie sich eine derartige Behandlung ohne Protest gefallen ließe.

Gut, Lise mochte wirklich nicht ahnen, warum er hier war, dafür wusste es Charles umso besser. Seine Antrittsrede hatte er auf der Fahrt hierher sorgfältig einstudiert. Doch jetzt, da sie ihn aus ihren wunderschönen blauen Augen so forschend und misstrauisch fixierte, war alles wie weggeblasen.

Lise hatte sich verändert. Es war gerade erst acht Monate her, und doch war sie nicht mehr die schüchterne Prinzessin im Märchenkleid, die ihm damals den Kopf verdreht hatte. Aber es lag nicht nur an ihrem Äußeren, sondern auch an ihrer Haltung, ihrem Benehmen.

Charles hatte gedacht, dass sie sein Hilfsangebot dankbar und erleichtert annehmen würde, doch inzwischen war er nicht mehr so sicher. Das angriffslustig vorgeschobene Kinn, der stolze Blick ihrer wunderschönen Augen und der feste Ton in ihrer Stimme ließen ihn zweifeln.

Wenn er vorher schon von ihr verzaubert war, faszinierte ihn die neue Lise aufs Äußerste. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie auf seinen Vorschlag reagieren würde, aber um das herauszufinden, musste er ihn ihr wohl oder übel erst einmal unterbreiten.

Doch ehe Charles den Mund aufmachen konnte, rettete ihn das unerwartete Auftauchen der alten Nanny.

„Lise“, sagte Gertrude von der Tür des Gewächshauses her, „warum bittest du Monsieur Rodin nicht zum Tee herein? Hier draußen werdet ihr euch noch erkälten.“

Obwohl sie von dem Vorschlag ihrer Nanny nicht begeistert war, hatte Lise doch zu gute Manieren, um es zu zeigen. „Natürlich“, erklärte sie gelassen. „Lass uns ins Haus hinübergehen, Charles.“

Er nickte und versuchte, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Nur ungern wäre er gegangen, ohne sein Angebot loszuwerden. Aber es einfach auszusprechen, dazu fühlte er sich auch noch nicht bereit.

In dem kleinen, gemütlichen Wohnzimmer knisterte das Feuer anheimelnd, auf dem Tisch standen schon die silberne Teekanne und das feine Chinaporzellan bereit, und von Gertrude war keine Spur mehr zu sehen. Lise wies auf ein mit Chintz bezogenes Zweiersofa, das ihrem Sessel gegenüberstand, und nachdem Charles Platz genommen hatte, schaute er ...

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