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Einmal New York und (nicht wieder) zurück

Vorwort

Was soll ich in New York?

Aller Anfang ist schwer

Abenteuer US-Führerschein

Die Kirchengemeinde

Der Kindergarten

Als Pfarrer in New York

Alltagsgeschichten einer Pfarrfrau in New York

Was das Leben in den USA schön macht

Was uns in den USA nicht gefällt

Bye bye New York – hello Florida

Eine New Yorker Weihnachtspredigt

Anhang

Unseren Kindern

Jens, Lena, Hannah, Paul

In Memoriam

Unserer Schwiegertochter

Fabienne

(die New York so liebte)

Vorwort

Am Anfang war ein Satz. Einer jener Sätze, die man gedankenlos so dahinsagt: „Es wäre doch interessant, eine Zeitlang in New York zu wohnen!“ Gesprochen hatte ihn meine Frau. Das war im Januar 2003. Wir saßen auf dem JFK-Flughafen in New York und warteten auf den Weiterflug nach Kansas City. Unsere Tochter war dort einige Monate bei einer Familie zu Gast. Wir wollten sie abholen und gemeinsam nach Deutschland zurückfliegen.

In den drei Tagen Zwischenstopp war es uns trotz eisiger Temperaturen gelungen, ein kleines Besichtigungsprogramm im Big Apple abzuspulen: Empire State Building, Circle Line, Central Park. Das reichte, um meiner besseren Hälfte diesen Satz zu entlocken. Meine Antwort auf den saloppen Satz war frei von irgendwelchen Hintergedanken: „Ja, so für ein Jahr mal hier zu leben wäre vielleicht was.“

Zehn Monate später wohnten wir tatsächlich in New York! Dass sich der nicht wirklich ernst gemeinte Wunsch vom Januar noch im Dezember des gleichen Jahres erfüllen würde, hätten wir niemals zu träumen gewagt. Das Abenteuer New York nahm so rasant seinen Lauf, dass wir uns nicht dagegen wehren konnten. Als Pastor der deutschen St.-Pauls-Kirche in Manhattan wurde ich von der dortigen Gemeinde für zunächst sechs Jahre berufen. Es sollte zu einer Reise ohne Rückkehr werden.

Dieses Büchlein will den Leser auf unser US-Abenteuer mitnehmen. Dass der völlig überstürzte und teils chaotische Umzug in den Big Apple nur mit einer ordentlichen Prise Galgenhumor zu schaffen war, schlägt sich in manchen karikierenden Schilderungen über unser Auswandern, Einleben und Gewöhnen an den „American Way of Life“ nieder.

Einige Schilderungen sind ernsterer Natur. Denn mit deutschen Augen betrachtet mutet manches in den USA zunächst fremd, wenn nicht sogar absurd an. Anderes wiederum ist faszinierend und bewundernswert. Beides soll in den folgenden Schilderungen seinen entsprechenden Raum finden.

Weil das Ganze letztendlich „im Auftrag des Herrn“ geschah, wird das Buch auch von diesem Aspekt berichten. In den viel weniger festgefahrenen Strukturen des „Land of the Free“ (Land der Freien) hat das Gottvertrauen mehr Raum zur Entfaltung. Und auch dies ist nicht frei von Humor.

Schmunzeln Sie also über alles Heitere und Lustige. Staunen Sie aber auch darüber, was passieren kann, wenn man in „God’s own Country“ (Gottes eigenes Land) zieht.

Daytona Beach, 8. Januar 2015

Was soll ich in New York?

(Wilfried Wassermann)

„Da bewirbst du dich hin!“ Ziemlich hastig war meine liebe Frau in mein Arbeitszimmer gestürmt. Mit dem für sie typischen freudig-erwartungsvollen Blick in den blauen Augen hielt sie mir eine aufgeschlagene Zeitschrift unter die Nase. Ich musste meinen Kopf ein wenig zurücknehmen, um die Buchstaben überhaupt entziffern zu können. Auf die Schnelle konnte ich nur etwas von einer deutschen Gemeinde in New York entziffern, die einen Pfarrer sucht. „Was soll ich in New York?“, erwiderte ich nur kurz, während ich meinen angefangenen Satz am Computer zu Ende schrieb.

Aber ich ahnte schon, was kommen würde: „Vor zwei Monaten haben wir beide doch auf dem JFK festgestellt, dass es interessant wäre, eine Zeitlang in New York zu wohnen!“ „Ja, ja, aber das haben wir doch nur so gesagt und nicht wirklich ernst gemeint“, erwiderte ich, immer noch auf meine Tastatur hämmernd. „Das wäre doch DIE Gelegenheit!“ Ihre Worte untermauerte sie mit einem Augenspiel, dessen Bedeutung ich nur zu gut kenne. Ich tat deshalb, was ich in solchen Situationen gerne tue: das Thema auf später verschieben. Damit verbunden war meine Hoffnung, dass sie es vielleicht vergessen würde.

Natürlich vergaß sie es nicht, so etwas vergisst sie nie. Und wenn ich ehrlich bin, konnte auch ich es nicht vergessen. Zum einen, weil es nach zwölf Jahren Dienst auf der damaligen Pfarrstelle langsam Zeit für einen Wechsel war. Und zum anderen hatte ich mich schon auf etliche freie Pfarrstellen im In- und Ausland beworben, doch aus diesen Bewerbungen war nichts geworden. Sollte nun ausgerechnet New York unser Weg sein?

Wozu ich am wenigsten Lust hatte, war, noch einmal auf das Außenamt der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) in Hannover zu pilgern. Die Besetzung der Auslandsstellen ging aber nun mal über diese kirchliche „Behörde“. Drei Mal war ich dort schon mit Bewerbungen auf Stellen im Nahen Osten gescheitert. Dabei hatten Vorgesetzte, Kollegen und Familie jedes Mal gemeint, ich sei prädestiniert dafür. Schließlich war ich im Nahen Osten aufgewachsen und sprach fließend Arabisch.

Mit keinem guten Gefühl im Bauch und mehr, um meiner Angetrauten nachzugeben, reichte ich schließlich am allerletzten Tag der Bewerbungsfrist meine Unterlagen ein. Still hegte ich die Hoffnung, dass es nicht klappen würde. Dafür würde die „Behörde“ schon sorgen. Anders kannte ich es ja nicht.

Überlegen Sie es sich gut, ob Sie dahin wollen

Aber es kam, wie zu befürchten war: Wir wurden zu einem Gespräch in die „Behörde“ nach Hannover eingeladen. Zu meinem Verdruss hatten wir es von über vierzig Bewerbern in die Runde der letzten zehn geschafft. Hoffnung keimte aber auf, als der gar nicht so behördliche Referent sagte: „Überlegen Sie es sich gut, ob Sie dahin wollen.“ Wenn der nur gewusst hätte, was ich mir überlegte! „Wir wissen nicht, ob St. Pauls noch mal Gemeinde wird“, erklärte er dann weiter. Ein großer Streit hatte zur Spaltung und zum Austritt vieler Mitglieder geführt. Der frühere Stelleninhaber hatte kurz vor Weihnachten seinen Dienst plötzlich quittiert. Ein Interimspastor aus Deutschland war in die Bresche gesprungen und versah bis zur Wiederbesetzung notdürftig den Dienst.

Aber wer A sagt, muss bekanntlich auch B sagen. Schon allein wegen meiner lieben Frau Gemahlin. Aber kaum war B gesagt, folgte unmittelbar C: Wir gehörten zu den letzten vier Bewerbern! Ich kam mir langsam vor wie in einer TV-Sendung: Ich bin ein Pfarrer – holt mich hier raus! Aber dazu musste ich erst eine weitere Aufgabe im Bewerbungsdschungel lösen: eine Audio-Kassettenaufnahme von einer meiner Predigten an die Gemeinde in New York schicken. Drei Kandidaten würden dann nacheinander in die Gemeinde eingeladen werden, um sich jeweils im Gottesdienst vorzustellen.

Zum ersten Mal kam bei mir nun so etwas wie Wettkampfstimmung auf. Wie kann ich mich in New York gut verkaufen? Was kann ich in der Situation des Streits und der Spaltung in der Gemeinde Gutes sagen? Ich entschied mich für eine Predigt über 1. Korinther 12,12–21 mit klassischen drei Teilen: a. Wir sind viele – das ist unser Reichtum. b. Wir sind verschieden – das schmerzt uns. c. Wir sind der Leib Christi – das ist unsere Hoffnung.

Und schwupp waren wir bei D – eine Runde weiter. Wir wurden nach New York eingeladen. Darüber war ich natürlich nicht unglücklich. So ein kostenloses Wochenende in New York ist nicht schlecht – egal wie es ausgeht. Heimlich machte ich mir aber schon Gedanken, wie man eine ganze Gemeinde anspricht. Denn in New York wurde der Pfarrer nicht – wie in Deutschland üblich – vom Kirchengemeinderat, sondern von der ganzen Gemeinde gewählt. Das war eine weitere Herausforderung, die mich anspornte.

Als Erster der Bewerber/innen flog ich zusammen mit meiner reisefreudigen Frau, die allerdings ihr Ticket selber bezahlen musste, Anfang September 2003 nach New York. Wir wussten nicht, ob es gut oder schlecht für einen Erfolg war, als Erste anzutreten. Wir wussten ja noch nicht einmal, ob wir einen Erfolg wollten. Die große Lust oder gar Aufregung, die viele packt, wenn sie nach New York kommen, war bei mir immer noch nicht aufgekommen.

Dafür bei unseren vier Kindern. Uns war wichtig, dass sie diesen großen Schritt unterstützten. Sie waren bis dahin die Einzigen, die über unsere Pläne Bescheid wussten. Bei ihnen kam sofort die typische New-York-Begeisterung auf. Was uns ein bisschen Mut machte. Unser Jüngster war sogar direkt betroffen: Er ging noch in die 11. Klasse und würde mit umziehen.

Ich fürchte, die nehmen uns

Eine positive Überraschung war die Gastfamilie in New York, bei der wir für die Dauer des Besuchs untergebracht waren. Sie stammten auch aus dem „Ländle“ und waren schon seit über 40 Jahren in New York. Der Ehemann hatte die klassische Karriere eines Einwanderers hinter sich: Auf dem Hintergrund seiner soliden deutschen Ausbildung als Feinmechaniker hatte er begonnen, Filmkameras zu reparieren. In der Filmstadt New York wurde daraus schnell ein florierender Film- und Videokameraverleih.

Sofort fühlten wir uns zu Hause. Die große und unbekannte Stadt New York hatte nun ein Gesicht bekommen. Und es war ein angenehmes, wohlvertrautes schwäbisches Gesicht. Ein Stück Heimat in der Fremde. Im Rückblick haben wir festgestellt, dass diese Begegnung ein Schlüsselerlebnis für unsere spätere Zusage auf die Stelle war.

Die schwäbische Zuverlässigkeit unserer Gastfamilie stand nämlich in großem Kontrast zum weiteren Geschehen: Am Samstagnachmittag war ein Treffen mit den 14 gewählten Kirchenräten der Gemeinde geplant. Außer unserem Gastgeber tauchten aber nur zwei von ihnen auf. Das war ein kleiner Schock. Da fliegt man extra aus Deutschland ein – und keinen der Verantwortlichen interessiert es? Unserem Gastgeber war es sichtlich peinlich, er entschuldigte sich mehrmals dafür. Wir versuchten, das Beste daraus zu machen, und hielten ein bisschen „Small Talk“ zu fünft. Was sollten wir auch anderes tun? „Keep smiling!“ (Einfach nur lächeln), das sollte sich im Laufe der Zeit als Allzweckwaffe in so mancher fragwürdigen oder schwierigen Situation entpuppen.

Der Vorstellungsgottesdienst mit der mir fremden gesungenen Liturgie verlief recht ordentlich. Nach dem Gottesdienst war Kaffeerunde, bei der wir uns als Ehepaar persönlich vorstellten. Fragen der Gemeindeglieder wurden beantwortet. Insgesamt fühlten wir uns recht wohl dabei. Vielleicht auch deshalb, weil es uns damals letztendlich egal war, wie das Ganze ausging. Später haben uns Gemeindeglieder mitgeteilt, dass wir locker und unverkrampft aufgetreten wären. Das hätte ihnen gefallen. So ist es wohl, wenn man eine Sache nicht mit aller Gewalt haben will. Gewinnen durch Loslassen.

Sonntagabends ging es dann zurück nach Deutschland. Ein Ehepaar, das in der Nähe zu JFK wohnte, nahm uns im Auto mit zum Flughafen. Beim Abschied sagte die Ehefrau in einem schönen badischen Akzent: „Herr Pastor, das wird für Sie schwierisch hier, sehr schwierisch.“ Wir wussten nicht, ob sie das als Ermutigung oder als Abschreckung meinte. Es stand auf jeden Fall gegen den allgemeinen Eindruck, den wir mitnahmen. Denn beim Warten auf unseren Abflug sagte ich schon fast prophetisch: „Sweetie, ich fürchte, die nehmen uns!“ Seit nämlich eine Kassiererin beim Bezahlen in New York meine Frau „Sweetie“ (Süße) genannt hatte, war das ihr neuer Kosename.

Das wusste ich schon

Zu Hause angekommen, blieb uns nichts anderes übrig als zu warten, und zwar drei Wochen lang. Am vierten Sonntag im September fand die Wahl des neuen Pastors bzw. der neuen Pastor in bei der Gemeindeversammlung in New York statt. Der ganze Sonntag verging mit Spannung, wir hörten nichts. War das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Die Erlösung kam erst am Montag, als um acht Uhr früh das Telefon klingelte. Der Referent in Hannover informierte mich darüber, dass wir von der Gemeinde gleich im ersten Wahlgang mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit gewählt worden waren. Während des Gesprächs konnte ich lediglich mit erhobenem Daumen das Ergebnis signalisieren. Ein breites Lächeln ging über die Gesichter der Anwesenden. Jetzt war es tatsächlich passiert! Wir gehen nach New York! Oh nein! Doch! Jetzt erst recht!

Wir bekamen eine Frist von 48 Stunden, in der wir die endgültige Zusage noch einmal überdenken konnten. Aber jetzt war uns klar, dass wir durch diese „schwierische“ Tür gehen würden. Wir konnten ja nicht guten Gewissens Gott laufend um Rat und Hilfe bitten und dann dankend ablehnen, wenn er so klar antwortete. Für uns war es eine eindeutige Berufung und ein nicht gerade kleiner Glaubensschritt. Es erforderte meinen ganzen Mut und noch mehr Gottvertrauen, zu akzeptieren: „New York it is“ (Ab nach New York)!

Keine Chance hatten wir allerdings gegen die Geschwindigkeit unserer vernetzten Welt. Noch am Abend informierte ich per E-Mail die Verantwortlichen in der damaligen Gemeinde in Deutschland. Ich wollte vermeiden, dass sie es vorher von anderen erfuhren. Man weiß ja heutzutage nie. Zwei Gemeindeglieder antworteten auf die Nachricht lapidar mit: „Das wusste ich schon!“ Sie hatten Verwandte in New York, die noch am Sonntagabend den Wahlausgang nach Deutschland gemeldet hatten. Die Welt ist doch ein Dorf!

Wann wollen Sie das Visum?

Nun begann eine Zeit, die uns teilweise an den Rand unserer irdischen Kräfte brachte. Ein Riesenkatalog mit Aufgaben, Fragen, Besorgungen, Abmeldungen, Umzügen und Entsorgungen galt es abzuarbeiten. Ein Sechspersonenhaushalt musste aufgelöst, eine Tochter in eine anzumietende Wohnung umgezogen werden und Tausende weiterer kleiner oder großer Entscheidungen getroffen werden. Von der Wahl bis zur Ausreise standen uns ungefähr zwei Monate zur Verfügung.

Als allerallererster Schritt galt es aber, das Visum für die Einreise in die USA zu beantragen. Vorher sollten wir bitte nichts unternehmen, hatte uns die „Behörde“ gewarnt. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war die Vergabe von Visa sehr langwierig geworden. Also beantragten wir online erst einmal einen Termin auf dem Konsulat in Frankfurt. Der Frühestmögliche war jedoch der 17. Oktober. Das bedeutete: zwei Wochen verlorene Zeit.

Nach diesen zwei verlorenen Wochen fuhren wir schlussendlich Richtung Frankfurt. Unterwegs rechneten wir aus, ob eine Ausreise vor Weihnachten überhaupt noch zustande kommen würde. Die „Behörde“ hatte diesen Termin vorgegeben, weil der Interimspastor noch vor den Feiertagen nach Deutschland zurückkehrte. Was aber, wenn wir das Visum erst in zwei oder gar drei Wochen bekommen würden? Dann hätten wir schon Anfang November. Wie sollten wir in dieser Zeit einen Umzug meistern?

In Frankfurt erklommen wir die „Festung“ des US-Konsulats. Die ganze Straße war mit Stacheldraht abgesperrt. 9/11 war noch ganz frisch. Vor dem Wärterhäuschen stand eine lange Schlange. Hinter Panzerglas wurde unser Termin kritisch überprüft. Erst dann wurde uns Einlass gewährt. Drinnen dann die Sicherheitskontrolle wie auf einem Flughafen: Metalldetektor, Durchleuchtung und Abtasten. Das alles sollte schon bald lästige Routine werden!

In einer großen Halle saßen wir mit 50 weiteren Personen und warteten voller Nervosität. Nach ungefähr zwei Stunden waren wir dran. Eine Dame, ebenfalls hinter Panzerglas, begrüßte uns freundlich. Sie sprach sogar Deutsch! Das hat uns positiv überrascht, sind doch Amerikaner nicht gerade bekannt dafür, fremde Sprachen zu beherrschen. Sie ging unsere persönlichen Unterlagen und die der Kirche durch und nickte dabei laufend. Das machte uns Mut. Es schien ja alles in Ordnung, oder? Dann kam die Frage, auf die ich gewartet habe: „Was machten Sie im Libanon?“ Ich erklärte, dass meine Eltern in den 1950er-Jahren als Missionare dorthin gezogen waren. Wieder ein freundliches Nicken, bin ich doch nicht auf der Terrorliste?

Nach einer halben Stunde ungefähr fragte sie dann: „Wann wollen Sie das Visum?“ Überrascht von der Frage wussten wir zunächst nicht, wie antworten. Dann stammelte ich unsicher: „Ja, wenn möglich, heute noch?“ „Heute Mittag ist leider geschlossen“, antwortete sie. Na klar, was denn sonst? Innerlich ging wieder der Rechner an: noch mehr Zeit verloren! Eine weitere Reise nach Frankfurt. Und zu Hause wartete ein unübersehbarer Berg an Aufgaben. Aber: „Keep smiling!“

„Ich kann aber Folgendes machen“, sagte die nette Frau hinter dem Panzerglas weiter: „Ich hinterlege die Reisepässe mit den eingetragenen Visa im Wärterhäuschen, wo Sie sie heute Nachmittag abholen können!“ Das war die Rettung! Die USA hatten Verständnis für uns! Wir verbrachten den Mittag in Frankfurt mit Sightseeing. Kurz vor 16 Uhr, der Schließzeit des Wärterhäuschens, gingen wir wieder in Richtung Konsulatsfestung. Kein Mensch war zu sehen und alles war verbarrikadiert! Hatten wir uns vertan? Wir wollten uns schon abwenden, als die Panzertür vom Hauptgebäude plötzlich aufging und jemand rief: „Wollen Sie Ihre Reispässe abholen?“ Wir bestätigten und durften freudig die Dokumente in Empfang nehmen. Juhu! Jetzt hatten wir immerhin noch sechs volle Wochen bis zur Ausreise.

Wer macht denn Druck hier?

Doch halt. Wir hatten die Rechnung ohne die „Behörde“ gemacht. Denn diese lud nun zu einer ganzen Woche Ausreisevorbereitungskurs nach Berlin ein. Angesichts des Zeitplans überlegten wir ernsthaft, die Teilnahme abzusagen, wollten aber nicht von Vornherein als Verweigerer abgestempelt werden. Denn das war ohnehin das Image der New Yorker Gemeinde, das uns die „Behörde“ laufend vor Augen hielt. „Die halten sich an keine Abmachung, haben immer Sonderwünsche und denken, sie seien etwas Besonderes.“ Also schluckten wir die bittere Pille und fuhren nach Berlin, mit der stillen Hoffnung, etwas früher wieder abreisen zu können. Denn jeder Tag zählte.

In Berlin versammelten sich ausreisende Pfarrer nach Bangkok, Brasilien, Namibia und unsereiner. Die einen berichteten von ihrem sechswöchigen Sprachkurs in England, den die EKD ihnen bezahlt hatte, die anderen von Erkundungsreisen zu ihrer neuen Stelle. Wie bitte? Wir konnten lediglich berichten, dass New York noch keine Unterkunft für uns hat, weil es bis zu diesem Zeitpunkt weder ein Pfarrhaus noch eine Mietwohnung gab. Daraufhin nannten uns die anderen Ausreisenden liebevoll ironisch „die Obdachlosen“.

Als Vorbereitung für die Ausreise hatte die „Behörde“ Musizieren, Meditieren, Informieren und Austauschen auf dem Programm. Nach dem zweiten Tag hatten wir nur noch wenig Lust dazu, weil wir in Gedanken laufend beim Riesenberg Aufgaben zu Hause waren. Also baten wir um frühzeitige Abreise. Wir hatten ja immerhin guten Willen gezeigt und waren gekommen. Aber unser Anliegen löste eine riesengroße allgemeine Verunsicherung der ganzen „Behörde“ aus. Und plötzlich standen wir den gleichen vorwurfsvollen Blicken gegenüber, die wir schon bei der Beschreibung der Gemeinde von New York erlebt hatten. Höhepunkt dieses Gesprächs war der Kommentar eines „Behörden“-Leiters: „Wer macht denn Druck hier?“ Ja, wer wohl? Aber wir verstanden: Jetzt waren wir New Yorker! Und um die New Yorker zu schützen, blieben wir den Rest der Woche und haben weiter musiziert, meditiert, uns informiert und ausgetauscht.

Chef! Kommen Sie mal!

Der nächste von Tausend zu erledigenden Schritten war, ein internationales Umzugsunternehmen zu finden. Über Gemeindeglieder in den USA bekamen wir Tipps dazu. Von drei Firmen, die Angebote abgaben, nahmen wir die einzige, die uns zusicherte, den Container noch vor Weihnachten nach New York zu transportieren. Und so rückten am 24. November fünf Männer an, um alle unsere Habseligkeiten zu verpacken.

Was folgte, war eine Woche mit einem Geräusch, auf das ich ab dem zweiten Tag allergisch reagierte: RRRRRRRiiiiiiiiiiiiittttttttttttssssssscccchh-Klack. Das Abrollen der Klebestreifen und anschließende Abschneiden höre ich heute noch. Alle paar Minuten hieß es auch: „Chef! Kommen Sie mal!“ Dann musste neu entschieden werden, was mitgeht, was da bleibt oder vielleicht doch entsorgt wird. Man muss erst umziehen, um zu erkennen, wie viel Überflüssiges man besitzt.

Nach einer halben Ewigkeit war schließlich alles verpackt. Längst hatten wir die Übersicht verloren, ob alles dabei war, was mit sollte. Es war letztendlich auch egal. Hauptsache, das ewige RRRRRRRiiiiiiiiiiiiittttttttttttssssssscccchh-Klack hatte endlich ein Ende. Am 28. November wurde der 40-Fuß-Container dann verladen. Ich hätte nie gedacht, dass alles rein passt. Sage und schreibe 239 Riesenpakete waren es geworden. Und es blieb sogar noch Platz für die Hollywoodschaukel.

Völlig erledigt und gleichzeitig erleichtert, schrieb ich in einem Rundbrief an die Verwandten und

Freunde:

Was es heißt, aus dem Eigenen herausgerissen zu werden, erleben wir zurzeit auf ganz neue Weise: Wir sitzen seit Freitag, 28. November ohne Möbel, Betten, Geschirr und Besteck in unserem Pfarrhaus. Eine Woche lang war ein Packtrupp in unserem Haus, der alles, was mit umgezogen werden musste, zweifach oder sogar dreifach verpackt hat, damit es den rauen Transport in die USA überstehen würde. Es waren vielleicht die anstrengendsten Tage unseres Lebens, denn wir mussten Tausende Entscheidungen treffen, ...

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