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Einmal Liebe und zurück?

PROLOG

Zehn Jahre zuvor, Campus der Hillbrook Universität,

Upstate New York …

„Sie hatte S…ex mit Carter.“

Marnie Price stolperte über das Wort. Sie redete generell nicht gern über das Thema. Ironischerweise war es ausgerechnet Ginas Einfluss während des letzten Jahres zu verdanken, dass sie das Wort überhaupt in den Mund nehmen konnte.

Sie wusste nicht zu sagen, wer den schlimmeren Fehltritt begangen hatte: Gina, die angeblich ihre Freundin war, oder ihr Bruder Carter, der sich von Gina hatte verführen lassen, obwohl er mit einer anderen Frau verlobt war. Auf jeden Fall schmerzte der Betrug der beiden tief, und sie begriff es einfach nicht.

Großer Gott, wenn sie auch nur ansatzweise darüber nachdachte … Alles, woran sie glaubte, alles, was sie zu wissen meinte, zerbrach um sie herum.

Reese strich ihr übers Haar und murmelte tröstende Worte. Eigentlich war Reese ihre Vermieterin und Mitbewohnerin, aber sie war auch die große Schwester, die Marnie nie gehabt hatte. „Bestimmt haben wir da etwas falsch verstanden“, sagte sie jetzt.

Reeses Bereitschaft, Marnie in ihrem Haus wohnen zu lassen, damit Marnies Familie beruhigt war, dass ihre behütete Tochter in der bösen großen Welt einen sicheren Hafen hatte, war überhaupt der einzige Grund, weshalb Marnie sich an der Hillbrook hatte einschreiben dürfen. Und auch wenn Marnie Reese dafür ewig dankbar sein würde … ihr Versuch, Gina zu verteidigen, trieb das Messer nur noch tiefer.

„Daran war nichts misszuverstehen. Wie konnte Gina das nur tun? Sie hat meinen Bruder verführt. Ist denn kein Mann tabu für sie?“

„Carter ist erwachsen und somit für seine Taten selbst verantwortlich.“

Marnie wollte einfach nicht glauben, dass es Carters Schuld sein sollte. Sie waren mit denselben Werten groß geworden, mit denselben Vorstellungen von richtig und falsch. Sex gehörte in die Ehe. Man bewahrte sich auf für den Partner, mit dem man den Rest seines Lebens teilte. Doch Carter hatte diesen fundamentalen Grundsatz missachtet, genau wie er seine Braut missachtet hatte. Und das machte ihn zu einem Heuchler der schlimmsten Sorte.

Ihr Herz zog sich zusammen, als sie an ihre beste Freundin, Carters Verlobte, dachte, die schon seit einem Jahr die perfekte Hochzeit plante. Missy würde am Boden zerstört sein.

Ginas unverhohlene Sexualität hatte Marnie immer als unangenehm empfunden. Für Gina war Sex eine Art Freizeitsport, die Männer waren jederzeit austauschbar. Es lag definitiv etwas Anziehendes an ihrer Art, das Leben mit offenen Armen zu umfangen, nur hatte es nicht ausgereicht, um Marnies Moralvorstellungen ins Wanken zu bringen. Aber Gina hatte ja auch nie versucht, sie zu verführen.

Das Mädchen war ein Vamp und stolz darauf. Anders gesagt, dachte Marnie jetzt, sie war ein Flittchen.

„Nein. Carter ist ein anständiger Mann.“ Dessen war Marnie sich absolut sicher. Vielleicht war er ein bisschen überbesorgt, vor allem seit ihr Vater vor fünf Jahren gestorben war. Aber er besaß all die Charaktereigenschaften, die einen guten, anständigen Mann ausmachten. Inzwischen begann er sogar zu respektieren, dass Marnie kein Kind mehr war.

„Carter wurde Ehrgefühl und Integrität beigebracht. Er ist ein Gentleman. Sicher ist das Fleisch manchmal schwach, aber er …“ Sie suchte verzweifelt nach den richtigen Worten, um sein Verhalten zu erklären, fand aber keine. Trotzdem wusste sie, dass es eine Erklärung geben musste. „Carter würde so etwas niemals tun, außer wenn Gina …“

Reese schüttelte den Kopf. „Du kannst Gina nicht die alleinige Schuld zuschieben, Marnie. Dafür braucht man immer zwei.“

Marnie schüttelte Reeses Arme ab und stand auf. „Du verteidigst sie auch noch und ergreifst Partei für sie?“

„Ich ergreife für niemanden Partei, Marnie. Aber Gina ist deine Freundin, und …“

„Tolle Freundin“, fauchte sie. „Eine Freundin hätte die Finger von meinem Bruder gelassen. Eine Freundin würde keine Menschen verletzen, die mir etwas bedeuten, nur um ihre Launen zu befriedigen.“

„Ich glaube wirklich nicht, dass Gina dich damit verletzen wollte.“

„Warum hat sie es mir dann überhaupt erzählt? Warum hat sie es getan? Ich brauche keine Schlampe zur Freundin, die mit Männern ins Bett hüpft, die sie kaum kennt.“

Ein Hauch Rot zog auf Reeses Wangen, unwillkürlich glitten ihre Finger zu dem rechteckigen Metallanhänger, den sie an einer Kette unter ihrer Bluse trug. Sie räusperte sich. „Marnie, erinnerst du dich noch an unser Gespräch? Als wir darüber gesprochen haben, dass du manchmal ziemlich rechthaberisch sein kannst?“

„Tut mir leid, Reese, aber es gibt nun mal Dinge, die sind eindeutig falsch. Carter hat auch einen Fehler begangen, aber Gina … sie hat erneut bewiesen, dass sie nicht viel besser ist als eine gewöhnliche Hure!“ Das letzte Wort schrie sie laut, wohl wissend, dass es den Weg durch Reeses wunderschönes Haus bis nach oben zu Ginas Zimmer finden würde. „Und es beweist, dass sie an niemanden außer an sich selbst denkt.“

„Marnie …“, versuchte Reese es noch einmal, doch die Freundin war viel zu aufgewühlt.

Schritte waren zu hören, Marnie wirbelte herum und sah Cassie ins Zimmer zurückkommen.

„Gina meint, wir sollten morgen darüber reden“, sagte Cassie so nüchtern und ahnungslos wie immer. Meistens fand Marnie den chronischen Mangel der Australierin an Verständnis für zwischenmenschliche Beziehung charmant, aber heute fehlte ihr dafür die Geduld.

„Es gibt nichts mehr zu bereden, Cass.“

„Ich verstehe nicht …“

„Dann werde ich es dir erklären: Ich rede nie wieder mit Gina Carrington.“

„Warum nicht?“

„Weil Gina ein egoistisches Biest ist. Es kümmert sie nicht, wen sie verletzt. Sie hat bestimmt keine einzige Sekunde an die arme Missy gedacht und daran, was sie ihr antut.“

Cassie nickte. „Das ist unwahrscheinlich, da Gina Missy nicht kennt.“

Großer Gott! „Sie wusste aber, dass Carter verlobt ist.“

„Und was ist mit Carter? Ich verstehe nicht, warum du Gina für seine Entscheidung verantwortlich machst. Er hat beschlossen, untreu zu sein, somit ist die Frau letztendlich irrelevant.“

Am liebsten hätte sich Marnie die Haare gerauft. „Ich fasse es nicht. Jetzt bist du auch noch auf ihrer Seite. Was seid ihr doch alle für lausige Freundinnen!“

„Marnie, wir wollen sehr gute Freundinnen sein“, setzte Reese vorsichtig an. „Euch beiden, dir und Gina …“

„Was schwierig ist, wenn du so überreagierst“, fügte Cassie hinzu.

Reese legte Cassie die Hand auf die Schulter. „Lass mich das lieber machen, Cass.“

Das war der letzte Tropfen. „Es gibt nichts zu ‚machen‘. Missy ist meine beste Freundin. Wir kennen uns, seit wir Kinder waren. Sie ist praktisch eine Schwester. Sie hat meine Loyalität und Unterstützung verdient, denn das ist es, was Freunde füreinander tun. Echte Freundinnen verführen weder deinen Bruder noch verteidigen sie die, die es getan haben. Wenn ihr das nicht versteht, weiß ich wirklich nicht, ob ich euch noch als Freundinnen haben will.“

Bei den letzten Worten brach ihre Stimme, und Marnie rannte aus dem Zimmer, bevor sie sich in Tränen auflöste.

So sollte es nicht sein. Marnie lag im Bett und starrte an die Decke. Ihre Augen brannten. Es ist alles meine Schuld.

Jeder in Savannah hatte sie gewarnt. Vielleicht hatten sie ja recht gehabt. Vielleicht hätte sie wirklich an die Simmons State gehen und bei Kappa eintreten sollen, so wie alle Frauen aus ihrer Familie. Eigentlich war sie aus reiner Höflichkeit an der Hillbrook gelandet. Der Werber, der zu ihrer Schule gekommen war, war hartnäckig gewesen. Sie hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht, bis das Schreiben kam, dass sie angenommen worden war und zudem ein Stipendium bekommen hatte. Es hatte ihrem Ego geschmeichelt. Dieses College wollte sie wirklich.

Carter war dagegen gewesen, ihrer Mutter hatte es das Herz gebrochen, und ihr Freund hatte keinen Hehl aus seinem Entsetzen gemacht. Herzukommen war der erste Akt von Rebellion in ihrem Leben gewesen.

Wie gut sich das angefühlt hatte. Auch wenn es sie halb zu Tode ängstigte.

Doch Reese, Gina und Cassie hatten ihr zur Seite gestanden und sie in eine neue Welt eingeführt, eine Welt jenseits der Grenzen ihres streng kontrollierten Zirkels in Savannah. Sie hatten sie ermutigt, aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen und neue Erfahrungen zu machen.

Die wunderschöne dunkelhaarige Gina, die mit ihrem britischen Akzent von London und Oxford erzählte und vor nichts Angst und immer eine passende Entgegnung parat hatte. Cassie, das Superhirn, die der Welt fast genauso naiv gegenüberstand wie sich selbst, sich aber auf Logik und Wissenschaft statt auf Höflichkeit und Südstaatentradition berief. Und Reese, die sie alle in ihrem Haus zusammengebracht hatte, weil sie eine so schräge Gruppe für wesentlich interessanter hielt als alles, was sie in ihrem Park-Avenue-Leben erfahren hatte.

Es hatte ja auch bestens funktioniert. Zu Hause hatte Marnie immer mit ihren Noten prahlen können. Sie war stolz auf ihre Leistungen, und sie war stolz darauf, ihren Horizont erweitert zu haben. Obwohl … vielleicht war er ein wenig zu weit geworden.

Das war alles so kompliziert. Das Leben war viel einfacher zu verstehen gewesen, bevor sie hergekommen war. Sicher, die anderen hatten über ihre Naivität gelacht, doch jetzt wünschte sie sich diese Unschuld wieder zurück.

Ja, es ist wirklich alles meine Schuld.

Wäre sie nicht hergekommen, hätte sie Gina und die anderen nie getroffen. Carter wäre nicht zu Besuch gekommen und hätte sich nicht in Ginas Netz verstrickt. Dass Missy jetzt leiden musste, hatte nur sie zu verantworten.

Was für eine Freundin bin ich nur.

Der Riss war nicht mehr zu flicken. Aber es musste einen Weg geben, um es bei Missy wiedergutzumachen.

Was Carter anbelangte … Über ihn würde sie vorerst nicht nachdenken. Er war immer ihr Vorbild gewesen, das leuchtende Beispiel, wie ein Mann sein sollte. Dieses Bild in Scherben zu sehen, schmerzte mehr als erwartet.

Er war ein Heuchler und hatte alle Werte in den Schmutz gezogen, mit denen sie aufgewachsen waren.

Im Zimmer nebenan konnte sie Gina rumoren hören, dann die Stimmen von Reese und Cassie, die das Haus für die Nacht verschlossen und ins Bett gingen.

Noch lange lag Marnie wach und versuchte Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Nur einer davon stach klar und deutlich hervor.

Hier habe ich nichts mehr verloren.

Ich muss nach Hause.

1. KAPITEL

Marnie atmete tief durch und wägte ihre Möglichkeiten ab. Sie durfte jetzt nicht unüberlegt handeln. Nach einem Moment des Nachdenkens tat sie das, was jede vernünftige, erwachsene Frau getan hätte.

Sie zog die Weinflasche aus dem Eiskübel und füllte ihr Glas nach.

Wenn man bedachte, wie viel Wein sie heute Abend schon getrunken hatte, war es frustrierend, wie nüchtern sie noch immer war. Dabei war es ein fröhlicher Anlass – Cassies Hochzeit. Und die Brücken zwischen ihr und den anderen, die sie so lange eingerissen geglaubt hatte, wurden langsam wieder aufgebaut. Sie sollte also glücklich sein. Und das war sie auch. Doch, wirklich.

Andererseits war sie es auch nicht. Der Tag hatte damit begonnen, dass sie ihren Schreibtisch hatte räumen müssen. Später war herausgekommen, dass ihre Freundinnen sie jahrelang angelogen hatten und die Jahre der Entfremdung allein ihre Schuld waren. Auf der Hochzeit schließlich hatte sie erfahren müssen, dass ihr Bruder wieder mit Gina schlief. Als ob es nicht schon reichen würde, dass sie ihren Job verloren hatte.

Daher der Wein. Von dem sicher noch viel mehr nötig sein würde.

Ihre Mutter musste sich im Grab umdrehen. Ladies betranken sich nicht, und schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Aber schließlich waren sie in New York und nicht in Savannah. Außerdem hatte Marnie es schon vor Jahren aufgegeben, eine Lady sein zu wollen.

Alte Gewohnheiten ließen sich allerdings nur schwer ablegen. Doch ihr Südstaaten-Schuldgefühl ließ sich sicher mit einem weiteren Glas Wein betäuben.

Auf dem großen Tisch im angesagten Tribeca Terrace standen die Überbleibsel der kleinen Hochzeitsfeier für Cassie und Tuck. Das Brautpaar war vor einiger Zeit auf die Tanzfläche gegangen, und auch ohne Cassies überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten war klar, dass es sich bald zurückziehen würde, um die Hochzeitsnacht zu genießen. Carter und Gina und Mason und Reese drehten sich ebenfalls auf dem kleinen Parkett, und auch bei ihnen war davon auszugehen, dass sie sich bald verabschieden würden, um die eigene Nacht zu zelebrieren.

Marnie seufzte in ihr Weinglas. Keiner der Freundinnen war das Glück in den Schoß gefallen, aber genau das machte ihre Liebesgeschichten ja so schön. Leidenschaft. Leidenschaft mochte aufreibend und stressig sein, aber der Beweis, dass es die Sache wert war, tanzte genau vor ihren Augen. So etwas wünschte sie sich auch für sich. Wäre sie auf der Suche nach einem ruhigen, vorhersehbaren und ereignislosen Leben, hätte sie in Savannah bleiben müssen.

Dank der „Pärchenbildung“ blieb sie jetzt notgedrungen allein mit Dylan Brookes am Tisch zurück. Dass die Gruppe aus drei Duos und zwei Solisten bestanden hatte, war nicht aufgefallen, solange die Paare sich nicht zusammengetan hatten. Das fünfte Rad am Wagen zu sein, erhielt hier eine ganz neue Dimension.

Dylan war Tucks Trauzeuge, trotzdem war es merkwürdig, dass er hier war. Denn Tuck und Dylan waren zwar beste Freunde, aber Tuck war auch Reeses Cousin. Der Cassie an dem Tag kennengelernt hatte, an dem Dylan und Reese hätten heiraten sollen. Doch Reese hatte sich statt für Dylan für ihren Exmann Mason entschieden. Was für ein Desaster. Die beiden schienen gut damit umgehen zu können, jeder andere hier – einschließlich sie selbst – fand die Situation mehr als seltsam.

Die Exverlobte den Typen anhimmeln zu sehen, für den sie ihn hatte sitzen lassen, musste komisch sein. Sollte Dylan ein Problem damit haben, merkte man ihm auf jeden Fall nichts an. Im Moment beschäftigte er sich damit, eine SMS in sein Smartphone zu tippen. Entweder war er ein fantastischer Schauspieler, oder es kümmerte ihn tatsächlich nicht. Marnie wusste nicht, ob sie ihn beneiden oder Mitleid mit ihm haben sollte.

Sie war froh, dass die Musik spielte, zwar nicht zu laut, aber laut genug, um das Fehlen von Konversation am Tisch diskret zu überbrücken. Sie hatte keine Lust auf Small Talk, dazu ging ihr zu viel im Kopf herum. Das musste sie erst einmal sortieren.

Niemand wollte Cassies Feier verderben, deshalb waren alle Informationen bezüglich ihrer Entlassung nur geflüstert oder hastig im Waschraum weitergegeben worden. Das Resultat war ein emotionaler Overload – und massive Kopfschmerzen, die sich anmeldeten. Noch dieses Glas, dann konnte sie sich verabschieden, ohne dass es Neugier erregen würde. Zu Hause stand noch eine Flasche Wein im Kühlschrank. Sie schien Marnie die beste Art, um diesen schrecklichen Tag zu beenden. Morgen konnte sie immer noch versuchen, sich mit allem auseinanderzusetzen.

„Ich glaube, man erwartet von mir, dass ich Sie zum Tanzen auffordere.“

Die Bemerkung überrumpelte sie, da Dylan den ganzen Abend kaum mit ihr gesprochen, sondern sich mit Tuck und – seltsamerweise – Carter unterhalten hatte. „Entschuldigung?“

Dylan nickte in Richtung Tanzfläche, wo Reese über Masons Schulter hinweg Zeichen gab, die wohl als „Ihr beide … tanzen …“ zu verstehen waren.

Einen Tanz aus Mitleid brauchte sie nun wirklich nicht. „Nein, danke.“

„Ich habe Ihnen zu danken.“

Irritiert über die Erleichterung in seiner Stimme sah sie, wie Dylan die Schultern in Reeses Richtung zuckte. Daraufhin presste seine Exverlobte missbilligend die Lippen zusammen, löste sich aus Masons Armen und kam zum Tisch.

„Du solltest tanzen, Marnie.“

„Warum?“

Reese überlegte einen Moment. „Weil es ein schlechtes Omen für das Brautpaar ist, wenn die Gäste auf der Hochzeit nicht tanzen.“

Reese müsste es wirklich besser wissen. Marnie war oft genug Gast auf Hochzeiten gewesen. Es gab keinen einzigen Aberglauben, den sie nicht kannte. „Das hast du gerade erfunden.“

Ich glaube auf jeden Fall, dass es Unglück bringt.“

„Nun, und ich glaube, dass Dylan nicht tanzen will. Und es bringt Unglück, wenn man mit einem unwilligen Partner tanzt.“

Marnie sah, dass Reese ernsthaft überlegte, ob dieser Aberglaube wirklich existierte. Dann schüttelte ihre Freundin den Kopf und sah zu Dylan. „Aber er wird tanzen wollen, wenn du ja sagst. Das hier ist eine Feier, und ihr zwei sitzt nur da und wartet, dass es endlich vorbei ist. Ich halte das für ein wenig unhöflich, meinst du nicht auch?“

Natürlich wusste Reese genau, welche Knöpfe sie drücken musste. Unhöflich war das Letzte, was Marnie sein wollte. Im Süden bekam man die Höflichkeit praktisch mit der Muttermilch eingeflößt. Einen solchen Vorwurf konnte sie nicht auf sich sitzen lassen. Außerdem wusste Marnie, dass es so gut wie unmöglich war, Reese von einem einmal gefassten Vorhaben abzubringen. Reese war die Friedensstifterin, die Mittlerin, die perfekte Gastgeberin, die erst zufrieden war, wenn sich jeder amüsierte. Damit war sie eindeutig auf der falschen Seite der Mason-Dixie-Linie geboren worden – als Südstaatenmatriarchin würde sie, der Yankee, sich großartig machen. Demnach blieben Marnie zwei Möglichkeiten: Sie konnte würdevoll nachgeben oder sich zu Tode nerven lassen.

„Na schön.“ Mit einem Blick auf Dylan, der genauso gut Verärgerung wie auch Langeweile hätte ausdrücken können, stand Marnie auf und ließ sich von ihm zur Tanzfläche führen.

Auf dem Weg dorthin fing sie ein oder zwei neidvolle Blicke von anderen Frauen auf, und den Grund dafür konnte sie durchaus verstehen. Dylan Brookes war weltgewandt, erfolgreich und attraktiv. Als bekannt geworden war, dass er wieder solo war, hatte wahrscheinlich jede ledige Frau im Land aufgejubelt.

Jeder Zoll an Dylan strahlte die Aura des typischen Park-Avenue-Aristokraten aus – eigentlich ein geradezu lächerlicher Kontrast zu seinem besten Freund Tuck, dem erdigen Sonnyboy. Dylan wirkte, als gehöre er ausschließlich auf elegante Veranstaltungen, und zwar im Smoking. Selbst heute Abend, das Haar nicht mehr ganz ordentlich frisiert, mit offenem Hemdskragen und aufgekrempelten Ärmeln, fiel einem nur eine Beschreibung für seine Erscheinung ein: lässige Eleganz.

Dylan Brookes, der reiche, respektierte Anwalt und Philanthrop mit den besten Beziehungen, war genau die Art Mann, mit der Miss Marnie Price aus Savannah, die einzige Tochter von Marschall und Alma Price – Gott hab sie beide selig –, nur hätte tanzen sollen. Und er war die Art Mann, die sie seit über fünf Jahren sorgfältig mied.

Zwar kannte sie Dylan nicht gut, aber seinen Typ kannte sie genau. Sie war mit solchen Männern aufgewachsen. Aus guter Familie, mit allen Privilegien ausgestattet, die Geld kaufen konnte, darauf trainiert, in Daddys Fußstapfen zu treten und die Welt zu regieren. Blutleer, langweilig und arrogant, alles eingepackt in einen Tausend-Dollar-Anzug.

Nun, einen Tanz würde sie wohl durchhalten.

Obwohl das hier noch schlimmer war als der Abschlussball der Highschool. Fast ein halber Meter Abstand trennte sie, während sie sich langsam zur Musik drehten, den Blick auf einen leeren Punkt in der Ferne gerichtet.

Marnie musste sich auf die Lippen beißen, um das Kichern zurückzuhalten, als ein Bild von damals vor ihr auferstand. Peter Stevenson, Sohn des Bürgermeisters von Savannah und der Glückspilz, der den Segen der Price-Familie erhalten hatte, Marnie zu eskortieren. Den steifen Handschlag inklusive Verbeugung beim Nachhausebringen hatte Marnie als Beweis angesehen, dass Peter sie respektierte.

Noch heute hörte sie Ginas lautes Lachen, als sie die Geschichte erzählt hatte, und den beißenden Kommentar: „Gott, ist das krank!“ Wie dankbar sie Gina gewesen war, dass sie ihr damals mit achtzehn die Augen geöffnet hatte.

„Was ist so amüsant?“

Dylans Frage riss sie zurück in die Gegenwart. Ihr Tanzlehrer wäre entsetzt, wüsste er, dass sie ihren Tanzpartner völlig ignoriert hatte. Hektisch suchte sie nach einer passenden Erwiderung, und das Offensichtliche schien im Moment das Sicherste.

„Ich musste gerade daran denken, was für ein ungewöhnliches Paar Cassie und Tuck doch sind. Aber sie sind so glücklich.“

Dylan nickte. „Ihr Ladies habt wirklich gute Arbeit mit der Feier geleistet. Ich weiß, wie sehr die beiden das zu schätzen wissen.“

Dankbar fing sie den Konversationsrettungsring auf. „Bei Tuck kann ich mir das vorstellen, Cassie dagegen wäre es wohl egal. Aber wenn Tuck sich freut, dann freut sie sich auch. Und wir hätten niemals zugelassen, dass die beiden heiraten, ohne das zu feiern. Das wäre einfach nicht richtig. Es ist eine Sache, keinen Wert auf eine riesige Hochzeit in Weiß zu legen, aber einfach nur zum Standesamt und gleich darauf nach Hause … das ist unmöglich.“

Wieder nickte Dylan. Damit war das Thema wohl ausgeschlachtet.

Wie lange dauert dieser Song denn noch? „Scheint, als würde ich seit Juni nur noch auf Hochzeiten sein“, sagte sie schließlich.

„Ja, das Gefühl kenne ich. Langsam bin ich es auch leid.“

Oh, Mist, das hätte ich besser nicht sagen sollen. „Entschuldigung. Vermutlich ist das ein wunder Punkt.“

Er zuckte leicht mit den Schultern. „Nicht wirklich.“

Ihre Neugier besiegte die Höflichkeit. „Macht es Ihnen nichts aus?“

„Was?“

„Reese mit einem anderen zu sehen.“ Sie warf einen Blick zu dem eng umschlungen tanzenden Paar. Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass Reese bei Dylan niemals öffentlich Zuneigungsbeweise gezeigt hatte. Oder umgekehrt. Die beiden waren ein imposantes Paar gewesen, aber niemand wäre wohl aufgrund ihres Benehmens auf die Idee gekommen, sie ein Liebespaar zu nennen.

„Ich halte generell nichts davon, Zeuge von den Zärtlichkeiten anderer zu werden, aber ansonsten … nein.“

Vermutlich erklärte das auch, warum man damals bei den beiden nie irgendwelche Zärtlichkeiten gesehen hatte.

„Sie verhalten sich auf jeden Fall sehr anständig“, befand Marnie.

„Gibt es denn eine andere Option?“

Marnie versuchte sich Dylan vorzustellen, wie er vor Eifersucht tobte oder deprimiert in einer Ecke saß. Beides funktionierte nicht.

„Reese und ich sind Freunde, und ich wünsche ihr das Beste. Darum hoffe ich ehrlich, dass sie den gleichen Fehler kein zweites Mal begeht.“

„Sie glauben, Reese und Mason machen einen Fehler?“

„Um ihretwillen hoffe ich, dass es nicht so ist. Aber die Chancen stehen nicht besonders gut.“

Natürlich verteidigte Marnie ihre Freundin sofort. „Ich würde sogar behaupten, dass die Chancen sehr gut stehen, nach allem, was die beiden durchgemacht haben. Sie lieben sich und …“

Darauf schnaubte Dylan tatsächlich.

„Was? Stimmt das etwa nicht?“

„Doch, und Liebe ist der schlechteste Grund für eine Heirat.“

Das brachte sie völlig aus dem Konzept. „Welche anderen Gründe gibt es denn sonst?“

„Sie sind eine Romantikerin.“ So, wie er das sagte, klang es nach einem charakterlichen Makel.

Aber er lag falsch – oder zumindest nicht ganz richtig. Marnie machte sich nichts vor, was die Realitäten von Beziehungen anging, aber Liebe glattweg zu streichen? „Warum? Weil ich Liebe für einen guten Grund halte?“

„Liebe ist ein flüchtiges Gefühl. Für eine erfolgreiche Partnerschaft braucht man ein solides Fundament.“

Igitt. Sie kannte genügend Variationen des Themas. Man hatte ihr schließlich eingebläut, dass die Ehe für einen starken Familienzusammenhalt unerlässlich war. Wobei es die Rolle der Frau war, ihrem Mann bedingungslos zur Seite zu stehen. Aber zumindest schuldete man der Liebe noch das Lippenbekenntnis. „Und Sie glauben also, dass Reese und Mason keine gute Ehe führen werden, weil sie sich lieben?“

„Würden Sie jemanden heiraten, nur weil er gut im Bett ist?“

Die unverblümt offene Frage brachte sie ins Stolpern.

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