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Umarmungen

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

„Mum …”

Abbie Collins blickte stirnrunzelnd von ihren Unterlagen auf, als die Stimme ihrer zweiundzwanzigjährigen Tochter sie aus ihren Gedanken riß. Sie hatte ihrem Buchhalter versprochen, ihm die Geschäftsbücher bis zum Ende der Woche zuzuschicken. Doch seit ihre Tochter und deren Freund am vorigen Wochenende ihre Verlobung bekanntgegeben hatten, war so viel passiert, daß sie nun mit ihrer Arbeit im Rückstand war. Natürlich machte es Abbie nichts aus, von Cathy gestört zu werden, denn sie hatte schon immer eine sehr enge Beziehung zu ihr gehabt – zu eng, wie manche Leute gelegentlich behaupteten.

„Du wirst es nicht glauben.” Cathy setzte sich auf die Schreibtischecke und ließ die langen Beine baumeln, die vom Sommerurlaub noch immer gebräunt waren.

Die Leute bemerkten oft, wie wenig Cathy und sie einander ähnelten. Sie, Abbie, war knapp einen Meter sechzig groß, grazil und strahlte eine Verletzlichkeit aus, die auf Männer besonders anziehend wirkte. Um so beleidigter reagierten die Männer dann, wenn sie ihnen klarmachte, daß es ihr fernlag, das hilflose Weibchen zu spielen. Sie hatte langes, glattes blondes Haar, blaugrüne Augen und wirkte mit ihren dreiundvierzig Jahren zehn Jahre jünger. Allerdings machte sie genausowenig einen Hehl aus ihrem Alter wie aus der Tatsache, daß sie eine erwachsene Tochter hatte.

Cathy hatte zwar ihre blaugrünen Augen geerbt, war jedoch groß und kräftig und hatte eine braune Lockenmähne. Als Kind war sie ein wenig tolpatschig gewesen und hatte sich eine Zeitlang gewünscht, wie ihre Mutter zu sein. Doch sobald sie, Abbie, es gemerkt hatte, hatte sie alles darangesetzt, daß Cathy sich so akzeptierte, wie sie war.

„Ich sehe aus wie Dad”, hatte Cathy protestiert. „Das hast du selbst gesagt.” Sie, Abbie, erinnerte sich daran, daß es tatsächlich der Fall gewesen war und wie fassungslos sie gewesen war, als Cathy erklärt hatte, für sie sei es, als habe sie nie einen Vater gehabt, weil sie noch nie ein Foto von ihm gesehen habe. Daraufhin hatte sie ihr die wenigen Fotos gezeigt, die sie nicht zerrissen hatte, und es war ihr schwergefallen, sie zu betrachten, weil sie sofort wieder quälende Erinnerungen weckten.

„Außerdem hast du gesagt, daß er gemein war und du ihn gehaßt hast …” fügte Cathy hinzu.

„Aber du bist nicht gemein, und ich hasse dich nicht”, tröstete Abbie sie und nahm sie in den Arm. „Ich liebe dich. Du ähnelst zwar deinem Vater, bist jedoch ein anderer Mensch, und wenn du erwachsen bist, wirst du froh darüber sein, daß du so groß bist.”

„Aber in der Schule nennen sie mich Bohnenstange”, sagte Cathy unter Tränen.

„Mich haben sie in der Schule Zwerg genannt”, hatte Abbie erklärt. „Aber es spielt keine Rolle, was die anderen sagen oder denken, mein Schatz. Entscheidend ist, was du denkst, und später einmal wirst du froh darüber sein, daß du so bist, wie du bist …”

Und ihre Mutter hatte recht gehabt, das war Cathy mittlerweile klar. Ihre Mutter hatte eigentlich immer recht … fast immer. Es gab Dinge …

Schnell verdrängte Cathy diesen Gedanken und fragte sich, wie ihre Mutter wohl auf das, was sie ihr sagen wollte, reagieren würde. Als Stuart und sie ihr erzählt hatten, sie hätten sich verlobt, hatte ihre Mutter phantastisch reagiert und lediglich darauf bestanden, ihre Aufgaben als Mutter der zukünftigen Braut wahrnehmen zu dürfen.

Stuart war damit mehr als einverstanden gewesen, denn er kam aus einer großen Familie und wollte die Hochzeit im großen Stil feiern.

Und trotz ihrer unglücklichen Ehe hatte ihre Mutter ihr nie nahegelegt, nicht zu heiraten. Allerdings hätte es auch nichts genützt, denn bei Stuart und ihr, Cathy, war es Liebe auf den ersten Blick gewesen.

„Was ist los?” Abbie schob ihre Unterlagen beiseite und wandte sich ihr zu.

„Ich glaube … ich glaube …” Cathy senkte den Blick und begann nervös, mit ihren Schnürsenkeln zu spielen. „Ich glaube, ich …”

„Ja, was glaubst du?”

„Ich glaube, ich habe Daddy heute gesehen …” Schließlich blickte Cathy sie wieder an.

Abbie war, als hätte man ihr einen Schlag versetzt, und es dauerte eine Weile, bis sie sich von dem Schock erholt hatte. „Du hast recht”, erwiderte sie ausdruckslos, „ich glaube dir nicht. Du kannst deinen Vater unmöglich gesehen haben”, fügte sie hinzu, als Cathy sich auf die Lippe biß. „Dein Vater lebt in Australien. Er ist ausgewandert, kurz nachdem … kurz nach deiner Geburt, und es gibt keinen Grund …”

„Wofür gibt es keinen Grund?” erkundigte Cathy sich schroff. „Gibt es keinen Grund für ihn, nach England zurückzukommen und Kontakt mit mir aufzunehmen?”

Die Kehle war Abbie wie zugeschnürt. Sie hatte früh lernen müssen, auf eigenen Füßen zu stehen und allein für sich und ihre Tochter zu sorgen, und bisher hatte sie immer geglaubt, es hätte Cathy weder an Liebe noch an Geborgenheit gemangelt. Das Gefühl, trotzdem in gewisser Weise versagt zu haben, war unerträglich.

Natürlich kannte sie den Grund dafür. Jetzt, da Cathy heiraten wollte, dachte sie natürlich an die Zukunft und daran, selbst irgendwann einmal Kinder zu bekommen. Es weckte in ihr den Wunsch, mehr über ihren Vater zu erfahren, und sicher hoffte sie, daß er genauso an ihr interessiert war.

Als Cathy noch ein Baby gewesen war, hatte sie, Abbie, sich geschworen, ihr niemals die Wahrheit über ihren Vater zu verschweigen, gleichzeitig jedoch alles daranzusetzen, daß sie nicht verletzt wurde, wenn sie die Wahrheit über ihn erfuhr.

Und bisher war sie diesem Vorsatz treu geblieben, obwohl es ihr immer schwerer gefallen war, je älter Cathy geworden war.

Wie sollte man einem Kind beibringen, daß sein Vater es nicht wollte? Sie, Abbie, hatte ihr Bestes getan, um es Cathy nicht spüren zu lassen, und war immer so stolz gewesen, wenn die Leute ihr gesagt hatten, wie glücklich Cathy wirke. Nun fragte sie sich allerdings, ob sie sich zu früh gefreut hatte.

Aus Angst, versagt zu haben, reagierte sie nun weniger verständnisvoll, als sie es unter anderen Umständen getan hätte. „Vergiß deinen Vater, Cathy”, erklärte sie beinah schroff. „Er hat keinen Platz in deinem Leben. Das hatte er nie. Ich verstehe, wie dir zumute ist, aber …”

„Nein, das tust du nicht!” unterbrach Cathy sie hitzig. „Wie solltest du auch?” In ihren Augen schimmerten Tränen. Grandma und Grandpa lieben dich. Du mußtest in der Schule nicht mit anhören, wie die anderen über ihre Väter geredet und zu dir gesagt haben …” Sie verstummte und fügte leise hinzu: „Tut mir leid, Mum … Ich wollte nicht … Ich weiß, es ist nicht deine Schuld. Es ist nur …”

Abbie stand auf, ging zu ihr, nahm sie in die Arme und tröstete sie, so wie sie es getan hatte, als Cathy noch ein kleines Mädchen gewesen war. Nicht zum erstenmal verfluchte sie dabei den Mann, der ihnen soviel Leid zugefügt hatte.

Steve war nach England zurückgekehrt? Nein, das würde er nicht wagen … Nicht nach dem, was er getan hatte … Als sie ihm das letztemal begegnet war, hatte sie ihm unmißverständlich klargemacht, daß sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte und er seinen Namen, sein Geld, sein Haus und alles andere, was er ihr gegeben hatte, behalten sollte … außer seinem Kind. Er hatte die Vaterschaft geleugnet, und sie würde Cathy niemals erlauben, ihn wiederzusehen.

Er hatte ihr unterstellt, sie hätte mit einem anderen geschlafen und wäre von diesem Mann schwanger geworden. Er hatte sogar die Frechheit besessen, Lloyd zu beschuldigen. Ausgerechnet Lloyd …

Sie hatte ihn jedoch nicht aussprechen lassen, sondern sich an ihm vorbeigedrängt, bereit, das Haus zu verlassen, das sie nur für kurze Zeit mit ihm geteilt hatte.

Abbie lächelte zufrieden, als sie kurz darauf das Geschäftsbuch zuklappte und es auf den Stapel Unterlagen legte.

Sie wußte, wie skeptisch einige ihrer Freunde vor zehn Jahren gewesen waren, als sie verkündet hatte, eine eigene Zeitarbeitsfirma zu gründen. Doch nach fünfzehnjähriger Berufserfahrung im Hotel- und Gaststättengewerbe, in der sie vom Kellnern bis zum Organisieren von Konferenzen praktisch alles gemacht hatte, hatte sie über genügend Know-how und Kontakte verfügt, um den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen.

Und sie hatte sich nicht geirrt. Einige der Mitarbeiter, die sie damals unter Vertrag genommen hatte, waren immer noch dabei, und sie hatte sich einen ausgezeichneten Ruf erworben. Sie war ihren Mitarbeitern gegenüber nicht nur offen und loyal, sondern achtete streng darauf, daß diese von ihren Arbeitgebern auch fair behandelt wurden.

Außerdem zahlte sie gut, und sie erklärte jedem Arbeitgeber, der mit ihr feilschen wollte, daß sie nur hochqualifizierte Leute beschäftigte und diese entsprechend entlohnte. Sie konnte allen Anfragen gerecht werden, ob nun jemand einen Butler wünschte, um einer offiziellen Privatfeier den richtigen Rahmen zu verleihen, oder einen Chefkoch, der in letzter Minute einspringen und ein Büfett für fünfhundert Tagungsgäste ausrichten sollte.

Sobald Cathy alt genug gewesen war, hatte sie, Abbie, sie ermutigt, ihr Taschengeld mit Aushilfstätigkeiten als Kellnerin oder am Tresen aufzubessern, genau wie sie es früher getan hatte. Sie hätte es sich auch leisten können, Cathy während des Studiums großzügig zu unterstützen, doch Cathy hatte auf eigenen Beinen stehen sollen.

Nachdem ihre Ehe gescheitert war, hatten ihre Eltern ihr, Abbie, geholfen und sie sogar gebeten, wieder zu ihnen zu ziehen. Sie hatte jedoch darauf bestanden, für sich allein zu sorgen. Nun war sie froh darüber, sich in dieser Kleinstadt im Herzen von England, in die Steve sie damals gebracht hatte, eine eigene Existenz aufgebaut zu haben. Sie hatten damals Zukunftspläne gemacht und beide an der Universität arbeiten wollen – sie im Archiv und er als Dozent. Sein Traum war es gewesen, später einmal Schriftsteller zu werden.

Abbie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie hatte einer Freundin, die regelmäßig auf dem Flohmarkt verkaufte, versprochen, ihren Dachboden nach Sachen abzusuchen, die sie loswerden wollte. Wenn sie sich beeilte, würde sie es noch vor ihrem Termin mit dem Manager des neuen luxuriösen Konferenzcenters schaffen, das zu einem Hotel im Ort gehörte und kürzlich eröffnet worden war.

Man war an sie herangetreten und hatte ihr den Posten des Managers angeboten, doch sie hatte das Angebot ausgeschlagen, weil sie lieber ihr eigener Chef war und die Verantwortung für ihr Leben allein trug. Ihr Leben mochte etwas einsamer sein, war aber auch viel sicherer. Und wenn es um ihre persönlichen und beruflichen Beziehungen ging, war Sicherheit ihr sehr wichtig.

Aus Angst, verletzt zu werden, ließ Abbie nicht einmal ihre engsten Freundinnen zu dicht an sich heran, und was Männer betraf …

Es ist nicht so, daß ich die Männer hasse, überlegte sie, während sie die schmale Treppe zum Dachboden hochstieg. Sie wollte nur keinem Mann die Gelegenheit geben, sie so zu verletzen, wie man sie damals verletzt hatte. Schließlich war sie keine Närrin. Das hieß allerdings nicht, daß es Männer gegeben hatte, die sie in Versuchung geführt hatten. Die Erinnerungen an den Schmerz, den Steve ihr zugefügt hatte, hatten sie jedoch immer zurückgehalten. Steve hatte ihr gesagt, daß er sie liebte und sie immer lieben würde, daß er ihr niemals weh tun würde. Sie hatte ihm geglaubt, aber er hatte gelogen. Wie sollte sie also je wieder einem Mann vertrauen? Und nicht nur um ihretwillen, sondern auch um Cathys willen. Cathy brauchte Liebe und Geborgenheit.

Abbie stieß die Tür zum Dachboden auf und krauste die Nase, weil die Luft abgestanden und staubig war. Sie hatte den Dachboden nicht mehr betreten, seit Cathy mit dem Studium begonnen hatte und von zu Hause ausgezogen war.

An der Universität hatte Cathy Stuart kennengelernt, der dort ein Aufbaustudium machte. Zuerst hatte sie, Abbie, befürchtet, es würde Cathy genauso ergehen wie ihr damals.

Fran, eine ihrer ältesten Freundinnen, wies sie jedoch darauf hin, daß sie ihr gutes Verhältnis zu Cathy aufs Spiel setzen würde, wenn sie an dem Glauben festhielt, daß Stuart sich Cathy gegenüber genauso verhalten würde wie Steve ihr gegenüber.

„Stuart ist anders als Steve”, beharrte Fran, als Abbie sich weigerte, mit ihr über das Thema zu sprechen. „Und selbst wenn er es nicht wäre, hat Cathy das Recht, ihre eigenen Fehler zu machen und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Man muß als Mutter loslassen können, so schwer es auch ist”, fügte sie hinzu. „Ich verstehe dich ja, wir alle tun es, aber Cathy ist erwachsen, Abbie, und sie ist verliebt …”

„Sie <ku>glaubt<no>, daß sie verliebt ist”, unterbrach Abbie sie wütend. „Sie kennt ihn erst seit einigen Monaten und redet schon davon, daß sie bei ihm einziehen will und …”

„Gib ihr eine Chance”, riet Fran ohr. „Gib <ku>ihnen<no> eine Chance.”

„Du hast gut reden”, meinte Abbie unwirsch. „Deine Töchter sind noch Teenager …”

Fran verdrehte die Augen. „Und du glaubst, das macht es leichter? Lloyd und Susie reden schon seit einer Woche nicht mehr miteinander. Neulich abend hat Lloyd sie in leidenschaftlicher Umarmung mit einem Jungen vor der Tür überrascht. Natürlich ist er ziemlich wütend geworden und hat den übermäßig besorgten Vater gespielt. Und Susie ist natürlich in dem Alter, wo sie glaubt, ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können. Dann hat sie alles nur noch schlimmer gemacht, indem sie ihm gesagt hat, sie hätte mit dem Knutschen angefangen.”

„Hm …” In diesem Moment hatte Abbie ihre eigenen Probleme vorübergehend vergessen.

Susie, Frans und Lloyds älteste Tochter, war ihr Patenkind und damals vierzehn gewesen.

Genau wie Michelle, ihre jüngere Schwester, hatte sie das auffallend rote Haar ihres Vaters geerbt, und die beiden sahen Cathy nicht im mindesten ähnlich. Wenn Steve also lange genug geblieben wäre, hätte er seine Unterstellung, Lloyd wäre Cathys Vater, zurücknehmen müssen.

Armer Lloyd. Er hatte Fran noch nicht gekannt, als sie, Abbie, und Steve sich getrennt hatten, und sie in den ersten Monaten nach Kräften unterstützt. Er hatte ihr sogar vorgeschlagen zu heiraten, doch sie hatte natürlich abgelehnt. Sie hatte gewußt, daß sie ihn nicht liebte und er sie nicht, obwohl alle sie für ein Paar gehalten hatten, bevor Steve in ihr Leben getreten war.

Abbie kniete sich vorsichtig hin und begann, die Sachen wegzuräumen, um an die Kartons heranzukommen, die sie ihrer Freundin geben wollte.

Dabei stieß sie einen Stapel Kinderbücher um. Als sie sie wieder aufeinanderlegen wollte, sah sie, daß Cathys erste Bücher darunter waren, und Tränen traten ihr in die Augen.

Sie erinnerte sich noch sehr gut daran, wie aufgeregt sie gewesen war, als Cathy das erste Wort und den ersten Satz gelesen hatte. Sie war wahnsinnig stolz gewesen und überzeugt, daß ihre Tochter das klügste und hübscheste Mädchen auf der Welt war.

Ihr Lächeln verschwand, als sie sich daran erinnerte, wie es war, niemanden zu haben, mit dem sie diese besonderen Momente gemeinsam erleben konnte. Damals hatte sie ihre Eltern angerufen, um ihnen von Cathys Leistung zu berichten.

Doch sie wollte nicht in sentimentalen Erinnerungen schwelgen. Schließlich war sie eine vielbeschäftigte Karrierefrau mit einem vollen Terminkalender und sehr wenig Zeit. Ihre Neigung zu Träumereien und Gefühlsduselei hatte sie nach ihren damaligen Erfahrungen unterdrücken müssen. Sie hatte sich verändert. Die Leute respektierten sie und fanden sie manchmal sogar ein wenig furchteinflößend. Sie hatte gelernt, mit Problemen allein fertig zu werden, und würde, wenn es nötig war, wie eine Löwin kämpfen, um ihr Kind zu beschützen. Sie brauchte der Vergangenheit nicht nachzutrauern, und sie brauchte auch keinen Mann, der ihr mißtraute und sie verletzte.

Abbie kroch dorthin, wo sie die Kartons vermutete, und fluchte, als sie dabei Staub aufwirbelte und husten mußte. Sie versuchte, die unheimlichen Geräusche über ihr zu ignorieren. Sicher waren es nur Tauben, die auf den Dachsparren saßen.

Als sie die Kartons erreichte, zog sie den untersten heraus und griff dann nach dem, der dahinter stand. Er ließ sich jedoch nicht bewegen, offenbar hatte er sich verkantet. Sie griff nach hinten und erstarrte, als sie ein Stück Netzstoff zu fassen bekam.

Sie wußte sofort, was es war, und obwohl ihr gesunder Menschenverstand ihr riet, es dort zu lassen, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen. Mit zitternden Fingern zog sie so lange daran, bis das zusammengeknüllte Stoffbündel zum Vorschein kam.

Es war einmal schneeweiß gewesen, und die winzigen Perlen, mit denen es bestickt war, hatten mit den Diamanten in ihrem Verlobungsring um die Wette gefunkelt, als sie sich in dem Anproberaum vor ihrer Mutter herumgedreht hatte.

Sie war eine Märchenbraut gewesen – zumindest hatte es so in der Zeitung gestanden. Tatsächlich hatte sie sich wie eine Prinzessin, nein, wie eine Königin, gefühlt, als ihr Vater sie zum Altar geführt hatte. Und als Steve nach der Trauzeremonie ihren Schleier hochgehoben und sie den Ausdruck in seinen Augen gesehen hatte, hatte sie sich bewundert und geliebt gefühlt … Jedenfalls war ihr nicht in den Sinn gekommen, daß es eines Tages anders sein könnte und Steve sie nicht bewundernd und verlangend zugleich anschauen würde.

Wie naiv ich damals war! dachte Abbie.

Ihre Eltern hatten sie gewarnt und ihr geraten, nichts zu überstürzen, weil Steve und sie sich kaum kannten. Doch sie hatte nicht auf sie gehört, weil sie der Meinung war, die beiden hätten vergessen, wie es war, verliebt zu sein und sich schmerzlich nach einem anderen Menschen zu sehnen.

Steve und sie hatten sich durch einen Zufall kennengelernt, genauer gesagt, durch einen Unfall. Sie war auf dem Weg zu einer Vorlesung und fuhr mit dem Fahrrad über den Campus. Auf diesem Teil des Universitätsgeländes war Studenten der Zutritt verboten.

Als sie mit Steve zusammenstieß, dachte sie zuerst, er wäre ein Kommilitone aus dem Politologiekurs, obwohl er offensichtlich einige Jahre älter war als sie. Sie war errötet und hatte sich lachend bei ihm entschuldigt, aber der Grund für ihre Verlegenheit war nicht der Zusammenstoß mit Steve gewesen, sondern ihre heftige Reaktion auf seine Nähe.

Später hatte sie ihm einmal gestanden, daß sie ihn vermutlich nicht davon abgehalten hätte, wenn er sie an Ort und Stelle, auf dem Rasen, genommen hätte. Obwohl sie damals noch Jungfrau gewesen war und ihre Erfahrungen mit Männern sich auf Lloyds zaghafte Küsse und Zärtlichkeiten beschränkt hatten, hatte Steve eine derart verheerende Wirkung auf sie ausgeübt.

Als sie erfuhr, daß Steve kein Kommilitone war, sondern frischgebackener Dozent, der gerade in Harvard promoviert hatte, war sie schockiert und zutiefst beschämt.

Nachdem er sie getadelt hatte, weil sie auf einem für Studenten verbotenen Teil des Campus geradelt war, schickte er sie weiter, und sie rechnete nicht damit, ihn je wiederzusehen.

Doch nur zwei Tage später tauchte er bei ihr auf, um ihr ein Buch zu bringen, daß bei dem Zusammenstoß aus ihrem Fahrradkorb gefallen war. Wieder schämte sie sich, weil sie gerade einen Zeitungsartikel über hungernde Kinder in der Dritten Welt las, der sie zu Tränen gerührt hatte.

Nachdem er den Grund für ihre Tränen erfahren hatte, erklärte sie ihm, daß sie niemals ein Kind in die Welt setzen könne, wenn so viele Kinder Not leiden würden.

„Sie finden bestimmt, daß ich übertrieben reagiere, nicht?” erkundigte Abbie sich verlegen, sobald sie sich wieder gefangen hatte.

Steve schüttelte den Kopf. „Nein”, erwiderte er ernst. „Ich finde …”

Weiter kam er nicht, weil in diesem Moment eine ihrer Mitbewohnerinnen ins Zimmer kam und sie bat, ihr bei der Suche nach einem Buch zu helfen, das sie verlegt hatte.

Abbie bot ihm eine Tasse Kaffee an, doch er lehnte dankend ab. Zwei Wochen später, zu Beginn der Semesterferien, war er dann unerwartet bei ihren Eltern aufgetaucht, wo sie sich gerade im Garten sonnte, um mit ihr auszugehen.

Später hatte er ihr erklärt, er hätte es vorher nicht getan, weil er Dozent war und sie Studentin und er nicht den Eindruck erwecken wollte, er würde seine Position benutzen, um junge Studentinnen zu verführen. In diesem Moment hatte sie sich noch mehr in ihn verliebt. Er war so aufrichtig gewesen, so anständig … manchmal sogar zu anständig. Einmal hatte er sich geweigert, sie mit zu sich zu nehmen und mit ihr zu schlafen.

„Du willst mich nicht”, warf Abbie ihm unter Tränen vor.

Statt zu antworten, nahm er ihre Hand und führte sie an die entsprechende Stelle, um ihr zu beweisen, wie erregt er war. Es schockierte und erregte sie zugleich, und als er sah, wie sie errötete und seinem Blick auswich, lachte er. Dann seufzte er und ließ ihre Hand wieder los. „Weißt du, es ist noch zu früh, und du bist …”

„Wag es ja nicht, mir zu sagen, ich sei noch zu jung”, unterbrach sie ihn leidenschaftlich. „Ich bin zwanzig … fast …”

„Und ich bin sechsundzwanzig … fast.”

„Das sind nur sechs Jahre Altersunterschied.”

„Du bist noch Jungfrau, und ich habe bereits Erfahrungen gesammelt”, erwiderte er ungerührt.

„Ich kann es doch lernen. Du kannst es mir beibringen. Du …”

Steve schloß die Augen und nahm sie in die Arme.

„Führ mich nicht in Versuchung”, flüsterte er mit bebender Stimme, so daß sie zu zittern begann.

Sie hatte auch gezittert, als er sie zum erstenmal richtig geküßt hatte. Und danach …

Aber es war nicht nur Sex und körperliches Verlangen gewesen …

Abbie schloß die Augen, als die schmerzlichen Erinnerungen auf sie einstürmten.

Steve hatte sie das erstemal bei ihrer zweiten Verabredung geküßt. Sie hatte ihm gegenüber erwähnt, daß sie gern „Ein Sommernachtstraum” sehen wolle, das traditionsgemäß in Stratford on Avon aufgeführt wurde. Allerdings hatte sie keineswegs erwartet, daß er mit ihr dorthin fahren würde. Das Stück hatte nur sehr gute Kritiken bekommen, und sie hatte gehofft, ihre Eltern würden ihr vielleicht einen Theaterbesuch spendieren.

Als Steve sie anrief und sagte, er habe zwei Karten gekauft, war sie so aufgeregt bei der Vorstellung, ihn bald wiederzusehen, daß sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Und als er sie dann im Smoking abholte, wirkte er so elegant und gleichzeitig so sinnlich, daß es ihr die Sprache verschlug.

„Ich dachte, wir könnten anschließend essen gehen”, schlug er vor, gleichzeitig an ihre Eltern gewandt. Ihre Mutter strahlte, und ihr Vater hüstelte und sagte, er würde sich darauf verlassen, daß er seine Tochter nicht zu spät nach Hause bringen würde.

Abbie hatte sich extra für diesen Anlaß ein neues Kleid gekauft, ein fließendes, langes Modell aus grüner Baumwolle, das dieselbe Farbe hatte wie ihre Augen. Es war vorn hochgeschlossen, hatte angeschnittene Ärmel und einen tiefen Rückenausschnitt.

Das weiße Umhangtuch aus Seide, das ihre Mutter ihr noch schnell von oben geholt hatte, hatte dem Kleid eine elegante Note verliehen. Abbie erinnerte sich noch genau daran, wie sie verlegen errötet war, als Steve sie flüchtig gemustert hatte, als hätte er genau gewußt, daß sie keinen BH trug und ihre Knospen sich aufgerichtet hatten …

Die Fahrt nach Stratford hatte eine Stunde gedauert, und während der ersten halben Stunde hatte sie geschwiegen, weil seine Nähe sie so überwältigte.

Als sie etwas entspannter war, bemerkte sie, es sei ein schöner Tag gewesen, was Steve bestätigte. Dann erkundigte er sich beiläufig, ob sie sich gesonnt habe.

„Ja”, erwiderte sie und fügte hinzu, daß sie aufpassen müsse, weil ihre Haut sehr hell und empfindlich sei. Leider würde sie nie eine tiefe Bräune haben wie die meisten anderen jungen Frauen.

Er drehte sich zu ihr um und betrachtete sie ernst. Schließlich verringerte er die Geschwindigkeit und streichelte sanft ihren nackten Arm. Abbie erschauerte schon, bevor er ihre Hand nahm und an die Lippen führte.

„Für mich bist du vollkommen”, sagte er rauh und ließ wieder den Blick zu ihren Brüsten schweifen.

In diesem Moment tauchte vor ihrem geistigen Auge ein schockierend deutliches Bild auf: Er neigte den dunklen Schopf und liebkoste ihre Knospen abwechselnd mit der Zunge.

Schnell wandte sie den Kopf ab, aus Angst, Steve könnte ihre Gedanken lesen.

Noch immer hatte sie sich nicht damit abgefunden, daß sie ihn so heftig begehrte. Lloyd und sie waren übereingekommen, daß sie gute Freunde bleiben wollten. Sie ging immer noch gelegentlich mit ihm aus und war gern mit ihm zusammen. Doch sie war ganz sicher, daß sie sich richtig entschieden hatte. Mit Lloyd hätte sie niemals eine Liebesbeziehung anfangen können. Ihre Gefühle für Steve hatten ihr das ganz deutlich vor Augen geführt. Daß sie körperlich so stark auf einen Mann reagierte und eine zunehmende emotionale Abhängigkeit entwickelte, traf sie völlig unvorbereitet.

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