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Einladung in den Palast des Prinzen

1. KAPITEL

„Da sind Sie ja schon. Ich hatte mich auf eine längere Wartezeit eingestellt.“ Melanie Watson versuchte sich ihre Erleichterung über das rasche Eintreffen des Taxifahrers nicht anmerken zu lassen. Sie hatte etwas Geld gespart, um weit weg von ihrer Tante, ihrem Onkel und ihrer Cousine ein neues Leben zu beginnen. Zwar war es nicht so viel, wie sie sich gewünscht hätte, aber heute Abend war ihr endgültig klar geworden, wie unerträglich es sein konnte, mit Menschen unter einem Dach zu leben, die sich selbst für großartig und unfehlbar hielten und andere nur verachteten und ausnutzten.

Es reichte ihr ein für alle Mal, und deshalb hatte Mel sich spontan entschieden, ihre Verwandten ohne Rücksicht auf ihre finanzielle Situation noch am selben Abend zu verlassen. Nachdem ihre Cousine sich in ihre Suite zurückgezogen hatte und ihre Tante und ihr Onkel ins Bett gegangen waren, hatte sie ihre Sachen zusammengepackt und einen Zettel mit einer kurzen Nachricht auf ihr Bett gelegt, sich dann ein Taxi bestellt und war aus dem Haus geschlichen.

Sie betrachtete die Silhouette der Stadt, die im fahlen Licht der Morgendämmerung silbrig schimmerte. Bald würde die Sonne aufgehen und die kühle Luft erwärmen. Und wenn der neue Tag anbrach, sah die Welt bestimmt schon wieder ganz anders aus. Ob sie sich bis dahin wach halten konnte, bezweifelte sie allerdings.

Momentan fühlte sie sich ziemlich elend, und ihr brummte der Kopf so heftig, dass sie befürchtete, ohnmächtig zu werden. Irgendwie kam ihr die Situation beinah unwirklich vor.

„Um diese Zeit ist es angenehm zu fahren, finde ich. Die Straßen sind frei, und alles ist noch so still und friedlich.“ Es war eine unverfängliche Bemerkung, die keine Rückschlüsse darauf zuließ, in welcher miserablen Verfassung sie sich befand. Und da der Taxifahrer letztlich so etwas wie eine neutrale Person war, fügte sie hinzu: „Ich bin ziemlich angeschlagen, weil ich eine allergische Reaktion hatte und ein Medikament einnehmen musste, das viel intensiver wirkt, als ich annahm.“

Sie hatte sich aus dem Medikamentenschrank ihrer Cousine bedient, während Nicolette die letzten prominenten Gäste verabschiedete. Das war vielleicht nicht richtig gewesen, wie Mel sich eingestand, aber in ihrer Verzweiflung hatte sie sich nicht anders zu helfen gewusst.

Sie atmete tief durch und erklärte betont munter: „Jedenfalls bin ich bereit für alles Neue, was mich erwartet.“

Nic lächelte leicht. „Ich bin besser durchgekommen, als ich erwartet hatte, und froh, dass Sie schon bereitstehen.“ Zu seiner Überraschung siezte sie ihn, aber warum sollte er nicht darauf eingehen? Einzelheiten konnte er später noch mit ihr klären, und vielleicht hielt sie die formelle Anrede unter den gegebenen Umständen für besser. „Dass Sie trotz Ihrer Beschwerden so begeistert sind, finde ich erfreulich“, fuhr er fort und zog fragend die Brauen hoch. „Was war denn der Auslöser für die Allergie?“

Der Taxifahrer sah aus, als wüsste er nicht genau, was er von ihr halten sollte, aber im Moment wusste Mel das selbst nicht. Sie hatte ihre Pflicht getan, sie hatte trotz der Schikanen ihrer Verwandten ein wunderbares Essen für die Party zubereitet und später, als alle Gäste gegangen waren, aufgeräumt und sauber gemacht.

Da sie im Begriff war, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und in Sydney ganz neu anzufangen, wünschte sie, sie wäre hellwach. Leider konnte sie kaum noch die Augen offen halten.

„Meine Cousine hatte sich ein neues Parfüm gekauft, das nach Gardenien duftet, und sich damit neben mir eingesprüht. Kurz darauf fingen meine Beschwerden an. Offenbar bin ich dagegen allergisch. Schenken Sie mir also niemals einen Strauß Gardenien“, fügte sie scherzhaft hinzu.

„Ich werde daran denken. Sie haben übrigens recht, es lässt sich wirklich gut fahren um diese Zeit. Und die Silhouette Melbournes wirkt im diffusen Licht der Dämmerung sehr beeindruckend.“ Seine Stimme klang angenehm, und er sah ihr ernst in die Augen.

Interessiert musterte sie ihn. Er war schlank, mindestens einen Meter achtzig groß, womit er sie um ungefähr fünfzehn Zentimeter überragte, und umwerfend attraktiv. Sie blinzelte und versuchte, ihren leicht getrübten Blick zu klären.

Sein Akzent, seine gebräunte Haut und das schwarze Haar verrieten, dass er aus Südeuropa kam. Seine breiten Schultern weckten sicher in jeder Frau den Wunsch, bewundernd mit der Hand darüberzufahren oder sich an ihn zu lehnen, um sich sicher und geborgen zu fühlen.

Außerdem strahlte er Autorität und Würde aus, was genauso wenig zu einem Taxifahrer passte wie sein eleganter Anzug. Am unglaublichsten fand Mel seine Augen. Sie waren nicht braun, wie man hätte erwarten können, sondern tiefblau.

„Ich würde mich am liebsten hinlegen und schlafen“, gestand sie leise und wunderte sich über ihre unpassenden Gedanken. Das Medikament hatte wirklich eine seltsame Wirkung.

„Vielleicht sollten wir doch lieber erst Ihr Gepäck einladen, Nicol…“ Der Rest des Wortes ging unter in dem Piepton der automatischen Entriegelung des Kofferraums, die er betätigte.

Offenbar habe ich meinen vollständigen Namen Nicole Melanie Watson angegeben, als ich das Taxi bestellte, überlegte sie. Seit sie mit acht Jahren in das Haus ihrer Tante und ihres Onkels gekommen war, hatte man sie immer nur Melanie oder Mel genannt. Auf einmal mit ihrem ersten Vornamen angeredet zu werden kam ihr nicht nur etwas ungewohnt, sondern auch irgendwie aufregend vor, denn der Akzent des Mannes und seine tiefe Stimme verliehen dem Namen einen ganz besonderen Klang.

Oh nein, Mel, mahnte sie sich. Nimm dich zusammen. „Ich liebe diese Koffer wegen des extravaganten Blumenmusters“, erklärte sie, als er die Gepäckstücke eins nach dem anderen im Kofferraum verstaute, und zweifelte gleich darauf an ihrem Verstand. Sie hatte das Kofferset von ihrer Cousine Nicolette bekommen, die es aussortiert und sich ein neues gekauft hatte. Das brauchte der Mann natürlich nicht zu wissen, und sie wäre gut beraten, in seiner Nähe einen kühlen Kopf zu bewahren.

„Bei dem auffallenden Muster geht Ihr Gepäck jedenfalls nicht so leicht verloren.“ Er warf ihr einen rätselhaften Blick zu. „Sind Sie wirklich fest entschlossen, die Sache durchzuziehen?“

„Oh ja“, versicherte sie ihm entschieden. Was für eine eigenartige Frage. Was meinte er damit? Fürchtete er, um den Fahrpreis betrogen zu werden? Das würde sie nie tun, denn sie wusste aus eigener Erfahrung, was es bedeutete, mit wenig Geld auskommen zu müssen. Obwohl ihre Tante und ihr Onkel über ein beträchtliches Vermögen verfügten, hatten sie Mel nur mit dem Allernötigsten versorgt und ihr lediglich ein bescheidenes Taschengeld gezahlt. Und seit sie alt genug war, um zu arbeiten, erwarteten sie von ihr, dass sie sich als unentgeltliche Haushaltshilfe betätigte – im Gegenzug dafür, dass sie sie aufgenommen hatten. „Ich ändere meine Meinung ganz bestimmt nicht.“

Erst jetzt fiel ihr auf, dass es sich bei dem Auto nicht um ein Taxi handelte. Zwar hatte man ihr bei ihrem Anruf erklärt, es stünden momentan nicht genug Fahrzeuge zur Verfügung und sie müsse mit einer längeren Wartezeit rechnen, aber sie hatte nicht erwartet, in einem Privatauto abgeholt zu werden. Eigentlich war es unüblich, die Fahrer auch in ihrer Freizeit einzusetzen und mit ihrem eigenen Wagen loszuschicken.

Und wieso konnte sich ein Taxifahrer solch eine Luxuslimousine leisten? Mel runzelte die Stirn.

„Kommen Sie geradewegs von einem formellen Abendessen oder einem ähnlichen Anlass?“, fragte sie, ohne nachzudenken, obwohl er nicht so aussah, als hätte er die halbe Nacht gefeiert. Bei ihm bin ich in Sicherheit, ich habe nichts zu befürchten, schoss es ihr durch den Kopf.

„Die meisten Abendessen, an denen ich teilnehme, sind formell, außer ich verbringe den Abend mit meinen Brüdern.“ Ric musste zugeben, dass er die junge Frau anders in Erinnerung hatte. Ihre Offenheit grenzte schon an Naivität, was vielleicht an der Allergie lag, unter der sie litt, oder an dem Medikament. Dennoch hatte er das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Aber er verdrängte die Gedanken und hielt ihr die Beifahrertür auf. „Sie können während der Fahrt schlafen, wenn Sie möchten. Vielleicht geht es Ihnen dann bei der Ankunft am Flughafen wieder besser.“

„Das bezweifle ich. Ich habe so viel von dem Medikament genommen, dass ich mich wie betäubt fühle und kaum noch klar denken kann.“ Mel konnte das Gähnen nicht mehr unterdrücken.

Anscheinend bin ich an eine moderne Version des Dornröschens geraten, sagte sich Prinz Richard Edouard de Braston leicht belustigt, nachdem die Formalitäten am Flughafen erledigt waren und er Nicolette Watson in sein Privatflugzeug trug und sie vorsichtig auf den bequemen Sitz setzte.

Sie war auf der Fahrt zum Flughafen eingeschlafen und noch nicht wieder wach geworden. Demnach hatte sie wirklich eine hohe Dosis des Medikaments genommen. Aber sie war trotzdem eine schöne junge Frau und hatte sich nur wenig verändert, seit er sie während seines Studiums in Australien kennengelernt hatte. Sie war zwei Jahre jünger als er, und er hatte schon damals bemerkt, dass sie ausgesprochen ehrgeizig war und gesellschaftlich hoch hinauswollte.

Obwohl sie sich seitdem nicht mehr begegnet waren, hatte Nicolette ihm regelmäßig Weihnachtsgrüße geschickt, ihm zum Geburtstag gratuliert und ihn zu allen möglichen gesellschaftlichen Veranstaltungen eingeladen. So wollte sie sich wohl immer wieder in Erinnerung bringen, was er als aufdringlich und unangenehm empfunden hatte. Wie er ihr erklären sollte, warum er nie geantwortet hatte, wusste er noch nicht.

Es war wahrscheinlich das Beste, er würde das Thema gar nicht erst anschneiden, sondern sich auf das, was vor ihnen lag, konzentrieren. Er hatte sich gut überlegt, welche Frau für diese Aufgabe überhaupt infrage kam, und sich dann entschieden, Nicolette zu bitten, ihm zu helfen. Dass er sich jemals in sie verlieben würde, war völlig ausgeschlossen, und weil er ihren Ehrgeiz kannte, war er sich ihrer Zustimmung sicher gewesen.

Er hatte recht gehabt. Sie war von der Möglichkeit, ihre gesellschaftliche Stellung zu verbessern, begeistert gewesen, als er sie angerufen hatte. Da sie weit genug weg wohnte, bestand keine Gefahr, dass sie sich jemals wieder begegneten, nachdem die Sache erledigt war. Er würde sie nach Australien zurückbringen und sie nie wiedersehen.

„Sie hätten mich die junge Dame tragen lassen sollen, Durchlaucht“, sagte einer seiner Leibwächter leicht vorwurfsvoll. „Außerdem war es nicht ungefährlich, dass Sie allein losgefahren sind, um sie abzuholen. Leider haben Sie uns zu wenig Informationen über die Reise gegeben, sodass wir uns nur ungenügend darauf vorbereiten konnte, Ihre Sicherheit zu gewährleisten.“

„Im Moment sind keine weiteren Informationen erforderlich, Fitz.“ Ric sah keine Veranlassung, jetzt schon über seine Pläne zu reden. „Sie wissen doch, wie gern ich selbst am Steuer sitze. Im Übrigen habe ich Ihnen ja erlaubt, dass Sie mir in gebührendem Abstand folgten. Es gab also keinen Grund zur Beunruhigung.“ Er deutete ein Lächeln an. „Und wenn Sie sie getragen hätten, hätten Sie keine Hand frei gehabt, um mir im Notfall zu helfen.“

Der Mann verzog das Gesicht. „Sie haben natürlich recht, Durchlaucht, wie immer.“

„Na ja, immer nicht, aber oft“, entgegnete Ric lächelnd und setzte sich neben Nicolette.

Ist es eigentlich eine gute Idee, dass ich das alles inszeniere, nur um mich von meinem Vater nicht zu etwas zwingen zu lassen, was mir nicht passt? überlegte er. Die letzten zehn Jahre hatte Ric ein freies und ungebundenes Leben genossen, trotz aller harten Arbeit. Da er in der Nachfolge seines Vaters, des Fürsten von Braston, an dritter Stelle stand, hatte er keinen Grund gesehen, sein Singledasein aufzugeben. Außerdem war ihm die Ehe seiner Eltern ein abschreckendes Beispiel.

Ric seufzte unhörbar und betrachtete die schlafende junge Frau neben ihm. Das goldblonde Haar umrahmte ihr Gesicht, das noch Spuren ihrer Allergie aufwies. Dennoch konnte man erkennen, wie fein und ebenmäßig ihre Züge geschnitten waren.

Die langen, dichten dunklen Wimpern berührten ihre Wangen, und er wusste, dass sie große braune Augen hatte. Mit den verführerischen Lippen, der geraden Nase und den leicht geröteten Wangen wirkte sie jünger und schöner als in seiner Erinnerung. Auch das Foto, das sie ihm per Internet geschickt hatte, wurde ihr nicht gerecht.

Plötzlich seufzte sie, und er hätte sie am liebsten sanft geküsst. Was für eine seltsame Regung, schoss es ihm durch den Kopf, denn es handelte sich um eine rein geschäftliche Vereinbarung mit einer Frau, für die er sich niemals ernsthaft interessieren würde. Gefühle hatten mit der ganzen Sache nichts zu tun. Vielleicht ließ sich seine eigenartige Reaktion damit erklären, dass sie momentan sehr verletzlich wirkte. Sobald sie aufwachte, wäre sie wieder die ehrgeizige Salonlöwin, als die er sie kannte und für die er nichts empfand.

Als die Ansage des Piloten ertönte, dass sie in wenigen Minuten starten würden, wurde Nicolette unruhig und schien die Augen öffnen zu wollen.

„Schlaf dich richtig aus, dann bist du bald wieder fit und kannst dich auf unsere Abmachung konzentrieren“, flüsterte er ihr zu.

Sie drehte den Kopf leicht zur Seite und seufzte abermals. Dass sie das Haar jetzt schulterlang trug statt so lang wie auf dem Foto, gefiel ihm gut. Auch ihr modisches Outfit verlieh ihr eine sehr weibliche Note. Allerdings würde sie in dem hübschen Leinenrock und dem Seidentop bei ihrer Ankunft in Braston fürchterlich frieren, da half auch der farblich darauf abgestimmte Cardigan nicht. Doch er hatte vorgesorgt und einen warmen Umhang mitgebracht.

Nachdem er ihren und seinen Sitz in Liegeposition gestellt hatte, versuchte er zu schlafen. Als Nicolette erneut seufzte und sich mit dem Kopf an seine Schulter lehnte, drehte er sich halb zu ihr um, um es ihr bequemer zu machen, und atmete ihr dezentes verführerisches Parfüm ein. Er war zufrieden mit sich, denn dank seiner Initiative würde er sein Land aus der Wirtschaftskrise hinausführen und zugleich seinem Vater beweisen, wie kompetent und weitblickend er war. Ja, er hatte allen Grund, mit sich zufrieden zu sein.

„Glücklicherweise hatten wir einen ruhigen Flug und werden jeden Moment landen, Durchlaucht“, hörte Mel beim Aufwachen jemanden sagen. Die Antwort des Taxifahrers verstand sie nicht, aber sie erkannte seine raue tiefe Stimme, und dann merkte sie auch noch, dass jemand eine Wolldecke über sie gelegt hatte.

Ihr Herz klopfte wie wild, als sie sich hastig aufrichtete und umblickte. Das war kein normales Passagierflugzeug, denn es gab hier keine Sitzreihen. Außerdem kümmerten sich mehrere gut gekleidete Flugbegleiter einzig und allein um den Taxifahrer.

Ihre Allergie hatte sich genauso verflüchtigt wie die Nachwirkungen des Medikaments. Und das bedeutete, dass sie weder träumte noch halluzinierte. Wie sie in diesen Luxusflieger gekommen war, wusste sie nicht, aber sie erinnerte sich undeutlich, dass sie sich an die Schulter des Mannes neben ihr gelehnt hatte.

Es war dunkel, als sie auf der Landebahn aufsetzten. Als der Jet kurz darauf zum Stehen gekommen war und einer der Flugbegleiter die Tür öffnete, damit die Gangway herangerollt werden konnte, spürte Mel die unangenehme Kälte, die von draußen hereindrang.

Auf einmal hatte sie ein ungutes Gefühl. Es ist Sommer in Australien, überlegte sie angespannt. Also müsste die Luft doch eigentlich warm sein, oder? War sie entführt worden? Wenn, würde niemand sie vermissen, denn sie hatte zwar in ihrer Nachricht geschrieben, dass sie nach Sydney fliegen wollte, aber ihre Verwandten würden sie bestimmt nicht suchen, sondern sich nur schrecklich darüber ärgern, eine billige Arbeitskraft verloren zu haben.

Sie atmete tief durch und nahm sich zusammen. Der Taxifahrer hatte sie gefragt, ob sie wirklich fest entschlossen sei, die Sache durchzuziehen. Das hatte so geklungen, als bestünde irgendeine Vereinbarung zwischen ihnen, und wenn das stimmte, war sie keinesfalls das Opfer einer Entführung.

Andererseits hatte sie mit diesem Mann gar nichts abgemacht. Fast ruckartig drehte sie sich zu ihm um und begegnete seinem Blick. Er war nicht nur attraktiv, sondern absolut charismatisch. Und die Flugbegleiter verhielten sich ihm gegenüber so ehrerbietig, als wären sie seine Angestellten.

Plötzlich fiel ihr wieder ein, dass ihn vorhin jemand mit Durchlaucht angeredet hatte. Das passte ganz und gar nicht zu einem Taxifahrer. War das Ganze vielleicht doch nur ein böser Traum?

„Ich hoffe, es geht Ihnen wieder besser, nachdem Sie so tief und fest geschlafen haben“, sagte der Mann so ruhig und mitfühlend, wie es kein Kidnapper der Welt für nötig halten würde.

„Ich bin immer noch etwas erschöpft, aber die Allergie ist verschwunden“, erwiderte Mel und konnte ihre Unsicherheit nicht verbergen. „Wahrscheinlich habe ich sie auskuriert während des Flugs von Melbourne nach …“ Sie verstummte und sah ihn fragend an.

„Braston“, half er ihr weiter.

„Ah ja, nach Braston“, wiederholte sie und hätte am liebsten laut gelacht, so absurd kam ihr das alles vor. Aber es wäre die falsche Reaktion gewesen, deshalb beherrschte sie sich. Von dem kleinen Fürstentum in Europa hatte sie schon gehört, wusste allerdings nicht viel darüber. „Ich hatte eigentlich beabsichtigt, nach Sydney zu fliegen“, wandte sie vorsichtig ein.

„Es hat sich ergeben, dass wir direkt von Melbourne aus fliegen konnten.“ Zu ihrer Überraschung nahm er ihre Hand. „Sie brauchen nicht nervös oder besorgt zu sein. Denken Sie einfach an das, was wir vereinbart haben, und überlassen Sie es mir, mit meinem Vater, dem regierenden Fürsten, zu reden.“

„Oh“, war alles, was sie hervorbrachte. Dann war dieser Mann also ein Prinz und der Sohn eines Fürsten.

„Sie sind anders, als ich Sie in Erinnerung habe“, meinte er nachdenklich.

„Das verstehe ich nicht ganz.“ Mel runzelte die Stirn. „Anders als auf der Fahrt zum Flughafen?“ Sie ärgerte sich, dass ihre Stimme ängstlich und unsicher klang statt energisch und fest, wie sie es sich gewünscht hätte.

„Ich kann Ihre Nervosität gut verstehen und versichere Ihnen, dass ich Ihnen die Sache so leicht wie möglich machen werde. Verlassen Sie sich voll und ganz auf mich, dann ist das alles kein Problem. Es wird genau so klappen, wie wir es abgemacht haben.“

Mel nahm ihren ganzen Mut zusammen und begann: „Also, was diese Abmachung betrifft, die Sie erwähnten. Da muss es sich um …“

„Wenn Sie und Ihre Begleiterin mir bitte folgen möchten, Durchlaucht?“, wurde sie von einem der Flugbegleiter unterbrochen.

Ric erhob sich, half ihr beim Aufstehen und legte ihr einen wunderbar warmen Umhang um die Schultern. Dann führte er sie die Stufen hinunter auf das Rollfeld, wo ihnen ein eisiger Wind entgegenwehte. Mel war heilfroh über das Cape und zog es fest um sich zusammen.

Im Flutlicht, das den Flughafen erhellte, erblickte sie auf einmal eine Ansammlung von Menschen am Rand der Landebahn, die sie zu erwarten schienen.

Plötzlich verspürte sie den heftigen Wunsch, die Flucht zu ergreifen und wieder in den Flieger zu steigen. Das alles war nur passiert, weil das Medikament sie so außer Gefecht gesetzt hatte, dass sie in den falschen Wagen gestiegen war. Nie wieder würde sie etwas einnehmen, das der Arzt ihr nicht verschrieben hatte.

„Bitte, Durchlaucht“, brachte sie hervor, während er sie rasch weiterführte. „Es muss sich wirklich um ein Missverständnis handeln.“

So langsam begriff sie den Zusammenhang. Er hatte nicht sie, sondern Nicolette abholen wollen. Ihre Cousine war schon den ganzen Tag in einer seltsam euphorischen Stimmung gewesen und hatte geheimnisvoll getan. Nachdem sich die letzten Gäste verabschiedet hatten, war Nicolette in ihre Suite geeilt, und es hatte sich angehört, als packte sie die Koffer.

Der vermeintliche Taxifahrer war früher eingetroffen als geplant – was erklärte, warum Nicolette noch nicht fertig gewesen war. Zwar meinte Mel sich zu erinnern, dass er sie mit Nicole angeredet hatte, aber genauso gut konnte es Nicolette gewesen sein. Sie und ihre Cousine sahen einander ähnlich. Ja, so muss es sich abgespielt haben, dachte sie mit wachsendem Entsetzen.

„Sie wollten wahrscheinlich Nicolette …“, versuchte sie es noch einmal.

„Erlauben Sie mir, Sie in Braston willkommen zu heißen, Nicolette“, begann er im selben Moment und stutzte dann. „Wie bitte?“

Jetzt war klar, dass er sie mit Nicolette verwechselt hatte. Offenbar gab es wirklich irgendeine Vereinbarung zwischen ihm und ihrer Cousine. Doch an ihrer Stelle war sie, Mel, jetzt hier in dem fremden Land und musste sehen, wie sie zurechtkam. Hatte er wirklich nicht gemerkt, dass sie nicht Nicolette war? Das konnte nur bedeuten, dass die beiden sich nicht besonders gut kannten.

Andererseits passierte es oft, dass sie und ihre Cousine verwechselt wurden. Nicolette reagierte darauf stets ärgerlich und oft sogar wütend.

„Wir können uns ruhig wieder duzen wie seinerzeit, und wenn wir unter uns sind, nenn mich einfach Ric oder Richard.“ Mel nickte wie betäubt, und er half ihr auf den Rücksitz der bereitstehenden Limousine, ehe er auf der anderen Seite einstieg. Dann setzte sich ein Mann in dunklem Anzug ans Steuer, und Ric unterhielt sich kurz auf Französisch mit ihm.

„Du hast sicher eine endlose Reihe Vornamen und bist vermutlich der Erbe mehrerer Fürstentümer oder dergleichen.“ Sie atmete tief durch. „Im Fernsehen wird ja immer wieder über die europäischen Adelshäuser berichtet, zumindest über die wichtigsten. Ich bin zwar keine Expertin auf diesem Gebiet, aber etwas Ahnung habe ich doch.“

Das klingt, als wäre ich zutiefst beeindruckt und völlig unsicher, wie man sich solchen Leuten gegenüber verhält, überlegte sie und gestand sich ein, dass es stimmte. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, ehe sie sich traute, ihr Anliegen noch einmal mit allem Nachdruck vorzubringen. „Bitte, Ric, ich muss mit dir reden. Es ist wichtig.“

„Wir sind da, Durchlaucht“, verkündete der Chauffeur und bog in die Auffahrt eines eindrucksvollen Gebäudes ein. Er brachte den Wagen zum Stehen, stieg aus und hielt ihnen die Tür auf.

Natürlich steigt Ric als Erster aus, das steht ihm als Prinz wohl zu. Alles war so ungewohnt, dass Mel Angst hatte, jeden Moment hysterisch zu werden.

„Danke, Artor, und auch dafür, dass Sie unserem Gast zuliebe Englisch gesprochen haben“, bedankte Ric sich beim Aussteigen. Dann half er Mel aus dem Wagen und musterte sie aufmerksam. „Dass du nervös bist, ist verständlich. Ich bringe dich sogleich in unsere Suite, dann kannst du dich entspannen und beruhigen.“

„In die Suite?“, wiederholte sie irritiert. „Sehen wir denn sonst niemanden?“ Was für eine dumme Frage! Und was meinte er mit ‚unsere‘ Suite? „Können wir uns dann endlich unterhalten?“

„Ja, das machen wir. Obwohl es eigentlich keine Unklarheiten gibt, werden wir über alles reden, was dich bedrückt“, erwiderte er und wirkte dabei sehr hoheitsvoll und ziemlich einschüchternd.

Mel sank der Mut. Sie war in etwas hineingeraten, das sich wie ein Albtraum anfühlte. Jetzt konnte sie nur noch hoffen, dass sich alles aufklären ließ und sie rasch aus der Sache herauskam.

Ric führte sie die Stufen einer breiten Treppe hinauf zu dem beeindruckenden Eingang des riesigen Fürstenpalastes. Sie sah an dem ehrwürdig wirkenden Gebäude hoch, das teilweise erleuchtet und dessen Größe nicht abzuschätzen war, und merkte plötzlich, wie sehr sie fror. Kein Wunder bei der Kälte, die hier herrscht, dachte sie und versuchte den Schauder zu unterdrücken, der sie überlief. Ric, dem es natürlich nicht entgangen war, legte ihr den Arm um die Taille und dirigierte sie zu der breiten Doppeltür, die sich vor ihnen wie von Geisterhand öffnete.

Sie betraten die riesige Eingangshalle, und ein Heer von Angestellten schwirrte um Ric und sie herum, begrüßte sie freundlich und nahm ihm den Mantel und ihr den Umhang ab.

Immer noch glaubte Mel, seine Berührung zu spüren. Wenn er sie nicht gehalten hätte, wäre sie vermutlich vor lauter Nervosität und Ehrfurcht ohnmächtig geworden.

Zahlreiche Porträts der Fürstenfamilie schmückten die stuckverzierten Wände der über drei Ebenen reichenden Eingangshalle.

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