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Eingesperrt mit der Versuchung

1. KAPITEL

„Danielle Hammond? Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen.“

Dani schrak hoch und riss die Augen auf. Gerade noch hatte sie in dem Straßencafé vor sich hin geträumt, als der große dunkle Schatten eines Mannes auf sie fiel.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Die leise tiefe Stimme hatte einen britischen Akzent. Dani brauchte ein paar Sekunden, bis sie begriff, dass der Mann, an den sie gerade gedacht hatte, nun plötzlich vor ihr stand. Vor wenigen Minuten hatte sie gesehen, wie er ihren kleinen Laden auf der anderen Straßenseite betreten hatte. Irgendwoher kannte sie ihn. Auf alle Fälle hatte sie ihn schon einmal gesehen, wenn auch vielleicht nur auf einem Foto. Ja, natürlich, es war Quinn Everard – ausgerechnet!

Lässig warf er eine Visitenkarte auf den Tisch, zog einen Stuhl heran und setzte sich.

Dani schob sich die Sonnenbrille tiefer auf die Nase und nahm die Karte in die Hand. „Quinn Everard. Edelsteinhändler.“ Sie hatte sich nicht getäuscht. Zwar waren sie sich nie persönlich begegnet, aber sein Foto tauchte häufig in den einschlägigen Fachzeitschriften auf.

Während der berühmte australische Edelsteinexperte sich einen Kaffee bestellte, überlegte Dani fieberhaft, was er wohl von ihr wollte. Immerhin hatte er sie und ihre Arbeit vor Kurzem in einem ätzenden Artikel sehr negativ beurteilt.

„Haben Sie irgendetwas gesehen, was Ihnen gefällt?“, fragte sie kühl und trank einen Schluck von ihrem Milchshake.

Er musterte sie mit seinen großen dunkelbraunen Augen und zog dabei fragend die dichten Brauen hoch.

„In meinem Laden“, fügte sie hinzu und schlüpfte unter dem Tisch aus ihren Schuhen. Ihr war plötzlich heiß geworden.

„Ich habe Sie gesucht. Ihr Mitarbeiter hat mir verraten, wo Sie sind.“ „Aber Sie haben sich auch die Auslage im Schaufenster angesehen.“

Er antwortete nicht gleich, sondern stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch auf und betrachtete sein Gegenüber leicht unwillig. Wahrscheinlich war er von ihr und ihrer Arbeit gelangweilt. Tapfer erwiderte Dani seinen Blick. Wie er da vor ihrem Schaufenster gestanden hatte, groß und aufrecht in seinem eleganten Anzug, wie er dann mit geschmeidigen Schritten den Laden betreten hatte … Sie hatte den Blick einfach nicht von ihm lösen können. Er bewegte sich wie ein Kämpfer, der er möglicherweise auch war, wenn auch nicht auf dem üblichen Schlachtfeld. Allerdings sah es so aus, als wäre ihm schon einmal das Nasenbein gebrochen worden, und über seinem rechten Mundwinkel war eine dünne weiße Narbe sichtbar.

Jetzt lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „In letzter Zeit ist mir Ihr Name häufiger zu Ohren gekommen.“

Das hatte sie wahrscheinlich dem verstorbenen Howard Blackstone zu verdanken, der sie und ihre Arbeit immer unterstützt hatte. „Wahrscheinlich auf der Vernissage von Blackstone Diamonds.“ Das Unternehmen förderte und verarbeitete Edelsteine nicht nur, sondern hatte auch einen Vertriebszweig, der sich um das Marketing und den Verkauf kümmerte. Dani lächelte süffisant. „Ach so, Pardon, das hatte ich ganz vergessen. Sie waren zur Eröffnung ja nicht eingeladen.“

Quinn Everard hob amüsiert die Mundwinkel, sodass sogar ein kleines Grübchen sichtbar wurde. „Ich habe nie behauptet, dass Sie kein Talent haben, Ms. Hammond. Im Gegenteil. Und deshalb bin ich hier. Wie ich schon sagte, ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.“

Heiß durchfuhr Dani ein Gefühl des Triumphs. Aber sie ließ es sich nicht anmerken. Dieser Mann hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er von ihren Arbeiten nicht viel hielt. Und nun saß er ihr gegenüber und wollte ihr ein Angebot machen? Interessant.

Dani konnte sich so einiges vorstellen, was er ihr anbieten konnte, aber das hatte mehr mit seinem männlichen Sexappeal zu tun. Denn er war ihr schon aufgefallen, bevor sie wusste, wer er war.

Hoffentlich konnte er ihr nicht ansehen, was in ihr vorging. „Sie wollen mir einen Vorschlag machen? Für einen Aprilscherz ist es wohl etwas zu früh, finden Sie nicht?“

Er ging darauf nicht ein. „Ich möchte, dass Sie die Fassung und Kette für einen sehr großen und teuren Diamanten entwerfen und das Schmuckstück selbst anfertigen.“

Soso. Dani konnte ein selbstzufriedenes Grinsen nicht unterdrücken. Der große Quinn Everard wollte, dass sie, Danielle Hammond, ein Diamantcollier nach eigenen Entwürfen herstellte? Sehr schön. Allerdings gab es ein kleines Problem. Sie waren sich total unsympathisch. Also konnte ihr ein solcher Auftrag nur Ärger bringen.

Sie sah ihm direkt in die Augen. „Nein.“

„Was soll das heißen?“

„Diamanten sind nicht mein Ding, wie Sie selbst wissen.“ Nie würde sie vergessen, wie er sie und ihre Arbeit vor vier Jahren bei einem Designerwettbewerb abgekanzelt hatte: Ein Schmuckdesigner sollte bei dem bleiben, was er kann und beherrscht. Ms. Hammond mag sich bemühen, mit Diamanten zu arbeiten, aber das ist wohl eine Nummer zu groß für sie. Sie scheint wenig Verständnis für das Besondere dieser Steine zu haben.

Und das war nicht die einzige Herabsetzung, mit der Quinn Everard sie öffentlich gedemütigt hatte. Dani vermutete, dass sein Zorn auf Howard Blackstone etwas damit zu tun hatte. „Sie erinnern sich doch sicher?“, fragte sie und lächelte süffisant.

Kühl sah er sie an. „Ich kann Ihnen ein sehr großzügiges Honorar anbieten.“

Hm, das hörte sich interessant an. „Wie großzügig?“ Ein bisschen extra Bargeld konnte sie gut gebrauchen. Dann könnte sie endlich den Rest des Darlehens zurückzahlen, das der verstorbene Howard Blackstone ihr seinerzeit gegeben hatte. Vielleicht blieb auch noch etwas für neue Ausstellungskästen übrig.

Langsam zog Quinn einen goldenen Füllfederhalter aus der Brusttasche, schrieb etwas auf die Rückseite der Visitenkarte und schob sie ihr hin.

Dani stockte der Atem. „Was? So viel wollen Sie mir für ein einziges Schmuckstück zahlen?“, brachte sie schließlich mit Mühe heraus.

Er nickte.

Die Summe war gigantisch hoch. Mit dem Geld konnte sie sich ein neues modernes Ladenlokal mit angeschlossener Werkstatt leisten. „Das ist viel mehr, als man normalerweise für eine solche Arbeit bezahlt, das ist Ihnen doch klar, oder?“

„Ja oder nein?“

Sie schüttelte den Kopf. Hier konnte es sich nur um einen üblen Scherz handeln. „Nein.“

Verärgert beugte Quinn sich vor und starrte Dani an. „Ich warne Sie. In letzter Zeit sind Sie und Ihre Familie mit guten Nachrichten nicht gerade verwöhnt worden. Ich spreche von Howards mysteriösem Tod vor drei Monaten, von seiner Begleiterin auf dem Flug gar nicht zu reden. Das alles hat in der Öffentlichkeit viel Staub aufgewirbelt.“

Wem sagte er das! Niemand hatte den Flug überlebt, als das Flugzeug, das Howard Blackstone gechartert hatte, an einem Januartag ins Meer stürzte. Als sich herausstellte, dass Marise Hammond mit an Bord gewesen war, war das für die Medien ein gefundenes Fressen gewesen. Denn Marise war mit Howards Erzfeind Matt Hammond verheiratet, dem Chef vom House of Hammond, dem Konkurrenzunternehmen in Neuseeland. Matt war außerdem Danis Cousin, allerdings war sie ihm nie persönlich begegnet. Immerhin waren sich die Hammonds und die Blackstones schon seit dreißig Jahren spinnefeind. Und Danielle Hammond war im Haus von Howard Blackstone aufgewachsen.

Howards Testament war ein erneuter Schock für die Familien gewesen. Denn Marise Hammond war eine der Haupterben. Und nicht nur das. Für ihren Sohn Blake hatte Howard einen Trust Fund eingesetzt, was natürlich die Gerüchteküche ordentlich angeheizt hatte. Hatten Howard Blackstone und Marise Hammond ein Verhältnis gehabt? Wer war der Vater von Blake? Vielleicht nicht Matt Hammond, sondern Howard Blackstone? Alle Feindseligkeiten der letzten drei Jahrzehnte waren wieder hochgekocht und wurden in der Presse breitgetreten.

Dani tat unbefangen. „So?“

„Und auch Ric und Kimberley tun mir leid“, fuhr er fort. „Bei all dem Medienrummel können sie ihre Hochzeit kaum genossen haben.“

Das war noch untertrieben. Dani war mit ihrer Mutter, Cousine Kimberley und Cousin Ryan in dem Herrenhaus von Howard Blackstone aufgewachsen. Kim hatte kürzlich noch einmal ihren Exmann Ric Perrini geheiratet, und die Hochzeitsfeier auf der großen Jacht im Hafen von Sydney war von Journalisten gestürmt worden.

Wie genau wusste Quinn Everard darüber Bescheid?

„Ich bin Ryan offiziell noch nicht begegnet“, meinte Quinn jetzt, „aber ich kenne Jessica ein wenig. Sie wird sicher eine strahlende Braut abgeben, glauben Sie nicht?“

Dani wollte ihm schon zustimmen, als ihr einfiel, dass die bevorstehende Hochzeit zwischen Ryan und Jessica noch als Familiengeheimnis gehandelt wurde. „Keine Ahnung, wovon Sie sprechen“, erwiderte sie abweisend.

Ryan war sehr scheu, was die Öffentlichkeit betraf. Deshalb hatte er Dani gebeten, die Trauung im Norden Australiens, in Port Douglas, ausrichten zu lassen. Dort, fernab von Sydney, würden die Einwohner die Familie nicht kennen. In gut drei Wochen sollte die Hochzeit sein, und Dani hatte schon das Nötigste vorbereitet.

„Tatsächlich nicht?“ Quinn Everard ließ nicht locker. „Auch hier oben gibt es sehr gute Hotels und luxuriöse Resorts. Wie zum Beispiel am Strand von Oak Hill.“

Dani wurde das Herz schwer. Wie hatte er das herausfinden können? Es war alles schon abgesprochen, und jeder, der mit der Hochzeit zu tun hatte, war zu absolutem Stillschweigen verpflichtet worden. „Ihre Informationen sind längst überholt“, log sie. „In Port Douglas wird die Hochzeit nicht stattfinden. Diese Info haben wir absichtlich lanciert, um die Leute auf die falsche Fährte zu bringen.“

„Sind Sie sicher? Meine Quelle meint, dass am zwanzigsten April im Van Berhopt Resort ein besonderes Ereignis stattfindet. Auf der Webseite macht das Hotel einen fantastischen Eindruck, genau das Richtige für eine intime Familienfeier. Und Sie wollen doch sicher nicht, dass das Gleiche passiert wie bei Rics Hochzeit.“

Wütend presste sie die Lippen aufeinander. „Woher zum Teufel wissen Sie das nun wieder?“

Lächelnd hob er die Augenbrauen. „In der Welt der Diamanten spricht sich alles schnell herum.“

Sie stand mit dem Rücken zur Wand. „Das ist Erpressung!“

Er musterte sie kalt. „Das gehört zum Geschäft, Ms. Hammond. Sind Sie so erfolgreich, dass Sie ein Honorar dieser Größenordnung ablehnen können?“

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber ich lasse mich nicht von Ihnen erpressen.“ Sie schob ihr Glas von sich und griff nach ihrer Handtasche. „Die Blackstones und ich sind an den Medienrummel gewöhnt.“ Howards Frauenverschleiß und seine manchmal undurchsichtige Art, Geschäfte zu machen, hatten immer schon das Interesse der Klatschblätter geweckt.

Quinn strich sich nachdenklich über das Kinn. „Die arme Jessica und der arme Ryan. So wird der schönste Tag ihres Lebens ruiniert werden. Und wie denkt der Rest der Familie darüber, besonders Ihre Mutter Sonya? Ist es auch ihr gleichgültig, dass alles wieder von der Presse hervorgekramt wird? Dass alte Gerüchte wiederbelebt und alte Wunden wieder aufgerissen werden?“

„Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiel!“, fuhr Dani ihn an. Das Schlimmste war, dass ihre Mutter durch die Fehde zwischen den Blackstones und den Hammonds seit dreißig Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem leiblichen Bruder hatte. Sie hatte sehr gehofft, dass nach Howard Blackstones Tod eine Versöhnung zwischen den Familien zustande kommen könnte.

„Ich habe durchaus Verständnis für Ihre Situation“, sagte er, und das klang sogar ehrlich. „Denn ich scheue die Öffentlichkeit auch.“

Dani senkte den Kopf. Sie saß in der Falle. Denn sie hatte einfach nicht das Recht, ihre Familie weiteren Diffamierungen und einem öffentlichen Skandal auszusetzen.

„Sie könnten sich viel unwillkommene Aufmerksamkeit durch die Medien ersparen. Ryan und Jessica könnten ihre Traumhochzeit haben, so wie sie es sich wünschen. Und außerdem könnten Sie, Danielle, eine Menge Geld verdienen.“

Verärgert blickte sie ihn an. Nur ihre Familie nannte sie Danielle. Hier oben in Port Douglas war sie unter dem Namen Dani Hammond bekannt. Kaum einer wusste, dass sie mit einer der reichsten Familien Australiens verwandt war.

Quinn machte eine ungeduldige Handbewegung. „Was ist nun? Ja oder nein?“

Würde sie es ertragen, aus ihrer so angenehmen Anonymität herausgerissen zu werden und wieder all dem Klatsch ausgesetzt zu sein, unter dem sie viele Jahre ihres Lebens gelitten hatte? Und schlimmer noch, konnte sie verantworten, dass aus Ryans und Jessicas Hochzeit ein Desaster wurde? „Okay, bringen Sie mir Ihren verdammten Diamanten in die Werkstatt.“ Sie klemmte sich die Tasche unter den Arm, stand auf und starrte wütend auf Quinn herunter.

Quinn Everard neigte leicht den Kopf zur Seite und erwiderte ihren Blick. Dann erhob auch er sich. „Mein Auto steht da drüben. Kommen Sie doch kurz mit.“

Was? Mit ihm fahren? Sie war alarmiert, allerdings weniger, weil sie glaubte, dass er irgendetwas Gefährliches mit ihr vorhatte. Ein Mann mit seinem Ruf würde so etwas nie tun. Nein, sie war höchst beunruhigt, weil sie selbst so stark auf ihn reagierte. Aber wie konnte sie jemandem etwas abschlagen, der ihr ein Superangebot gemacht hatte?

Da sie zögerte, fügte Quinn ungeduldig hinzu: „Ich trage diesen Diamanten schließlich nicht in meiner Hosentasche mit mir herum. Es ist nicht weit. Ich habe ein Haus in Four Mile Beach gemietet.“

Four Mile war ein Vorort von Port Douglas, wo auch Dani ihr Apartment hatte. „Ich kann nicht, ich habe zu tun.“

„Ich weiß. Zeit ist Geld. Deshalb wollen wir uns auch nicht lange aufhalten.“

Misstrauisch sah sie ihn an. „Wo denn in Four Mile?“

Er ging nicht darauf ein. „Nun kommen Sie schon.“ Er wies auf den Fußgängerüberweg.

„Sie mögen ja berühmt sein, aber mir sind Sie fremd.“ Danis Stimme klang gepresst. „Ich komme nicht mit, wenn Sie mir nicht sagen, wohin. Ich will meinem Mitarbeiter Bescheid sagen.“

„Beach Road Nummer 2.“ Quinn blieb neben einem schwarzen BMW stehen. „Ich warte hier.“

Wütend über diesen Befehlston, steckte sie den Kopf durch die Ladentür und gab Steve die Adresse. Dann setzte sie sich in den Wagen. Auf der kurzen Fahrt sprachen sie wenig. Als sie vor der Nummer 2 hielten, riss sie die Augen auf. Auf dem Weg zur Arbeit kam sie jeden Tag an diesem Haus vorbei.

Es lag direkt an den Dünen, umgeben von einer hohen Mauer. Dani hatte schon immer wissen wollen, wie es wohl von innen aussah.

Sie folgte Quinn durch das Eingangstor und betrat hinter ihm die großzügigen Wohn- und Essräume, die über mehrere Ebenen verteilt waren. Das Haus war im australischasiatischen Stil eingerichtet, sehr geschickt möbliert, wie sie fand, in Rattan, Teak und Leder. Es war sogar noch luxuriöser, als sie es sich vorgestellt hatte.

„Wollen wir?“

Quinn war am Fuß der Treppe stehen geblieben. Sekundenlang zögerte Dani. Immer noch war sie von tiefem Misstrauen gegen diesen Mann erfüllt, weil alles, was er sich vorgenommen hatte, ihm zuzufallen schien. Er sah gut aus und lebte offenbar ein sehr luxuriöses Leben. Immer wieder musste sie sich sagen, dass er dennoch zu solch unfeinen Mitteln wie Erpressung greifen musste, um sein Ziel zu erreichen.

Er ging die Treppe hinauf und öffnete dann die erste Tür. Helles Licht drang aus dem Raum. Es war der Traum einer Goldschmiedewerkstatt. In einer Ecke, ideal beleuchtet, stand eine Staffelei. Eine Seite des Raums war mit einer langen Werkbank ausgestattet. Zwei hohe Hocker standen davor, an der Wand hingen alle Werkzeuge, die man sich für die Schmuckbearbeitung nur vorstellen konnte, von Pinzetten in allen Größen über Messgeräte bis zu Lupen in unterschiedlichen Stärken. Es war alles vorhanden, was sie auch in ihrer Werkstatt hatte, dabei aber technisch auf dem neuesten Stand und von hoher Qualität. Die Einrichtung musste ein Vermögen gekostet haben.

Allmählich dämmerte ihr, dass dies offenbar ihr Arbeitsplatz sein sollte, dass er erwartete, dass sie den Schmuck hier entwarf und anfertigte. Staunend sah sie sich um. Ein Laptop stand auf dem Schreibtisch, zweifellos ausgestattet mit den neuesten Zeichenprogrammen, und die Beleuchtung ließ keine Wünsche offen. Das alles hatte er sicher nur für diesen einen Zweck angeschafft, dachte sie, immer noch ganz überwältigt.

Langsam strich sie mit der flachen Hand über die Werkbank. „Waren Sie so sicher, dass ich Ja sagen würde?“

„Ihre Motivation habe ich in der Vergangenheit manchmal infrage gestellt, nie aber Ihre Intelligenz, Ms. Hammond.“

Sie blickte zu ihm hinüber. Er stand da, an den Türrahmen gelehnt, und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. „Aber warum das alles? Ich habe doch eine voll eingerichtete Werkstatt.“

„Weil der Diamant dieses Haus nicht verlassen wird.“

„Wie stellen Sie sich das vor? Dass ich hin und wieder komme, wenn ich gerade Zeit habe, und an dem Projekt arbeite?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das dauert Monate.“

Ohne zu antworten, drehte Quinn sich um und bedeutete Dani, ihm zu folgen. Zögernd ging sie hinter ihm her und blieb bald wieder stehen. Er stieß schon die nächste Tür auf. Dani trat ein.

Lange weiße Vorhänge wehten sanft in der leichten Brise, die durch die geöffneten Fenster strich. Das Meer und das Rauschen der Bäume waren zu hören. Ein großes Bett mit einer seidenen Überdecke in sanften Farben stand an der einen Wand. Die Nachttischlampen hatten die gleiche dunkelviolette Farbe wie die Kissen, die sich auf der Erkerbank stapelten. Was für ein traumhaftes Schlafzimmer, dachte Dani, während sie sich langsam um die eigene Achse drehte. Ohne dass es ihr bewusst war, lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Doch als sie Quinn ansah, der immer noch an der Tür stand, erstarb ihr Lächeln.

Was hatte er vor? Erwartete er, dass sie hier wohnte, allein mit ihm? „Nein“, stieß sie leise hervor, obgleich er ihr noch gar keine Frage gestellt hatte.

Er stieß sich leicht von dem Rahmen ab, blieb aber in der Tür stehen. „Das sind meine Bedingungen. Sie wohnen und arbeiten hier, bis die Aufgabe erfüllt ist.“

Nachdenklich runzelte sie die Stirn und schüttelte langsam den Kopf.

„Die Bedingungen sind nicht verhandelbar.“ Das hörte sich beinahe gelangweilt an.

„Nein, ich bleibe nicht hier, nicht allein mit Ihnen.“

Er lachte kurz und trocken auf. „Seien Sie nicht albern, Ms. Hammond. Was, meinen Sie denn, kann Ihnen hier passieren?“

Sie wusste, er legte es darauf an, sie einzuschüchtern und als kleines dummes Mädchen hinzustellen. Leider gelang ihm das nur zu gut. „Aber … aber aus welchen Gründen … soll … muss ich denn …“

„Das sind reine Sicherheitsvorkehrungen und Überlegungen der Zweckmäßigkeit. Dies ist ein sehr wertvoller Diamant, und ich bin ein sehr beschäftigter Mann. Ich kann es mir nicht leisten, mich länger als nötig in diesem verlassenen Kaff aufzuhalten.“

Wieder schüttelte Dani den Kopf. „Kommt nicht infrage. Bringen Sie den Diamanten in meine Werkstatt. Ich werde daran arbeiten, sooft ich kann.“

„Das wird wohl nichts werden“, erwiderte er leise, drehte sich um und ging.

Minutenlang blieb Dani wie erstarrt in der Mitte des Raums stehen. Sie hatte den Eindruck, dass er ihr Nein einfach nicht akzeptierte. Am liebsten wäre sie hinter ihm hergestürzt, hätte ihn angeschrien und mit den Fäusten gegen seine breite Brust getrommelt. Doch bei dieser Vorstellung überfiel sie wieder diese verräterische Hitze, die sie immer in seiner Gegenwart verspürte.

Sie benahm sich wirklich lächerlich. Ein Mann wie Quinn Everard, der international als Edelsteinexperte geschätzt und bewundert wurde, dachte doch nicht daran, sie zu entführen. Sie lief hinter ihm her. „Mr. Everard, wenn Sie sich Sorgen machen, der Diamant könnte gestohlen werden, dann kann ich Sie beruhigen. In dieser Gegend ist schon seit Jahren kein Diebstahl mehr vorgekommen.“

„Ich fürchte, Sie haben mich immer noch nicht verstanden, Ms. Hammond.“ Er drehte sich so abrupt um, dass sie fast mit ihm zusammengestoßen wäre. „Es handelt sich hier um einen sehr besonderen Diamanten.“

„In der Werkstatt kann ihm nichts passieren. Außerdem habe ich eine Versicherung gegen Diebstahl.“

Er sah sie so durchdringend an, dass sie automatisch zwei Schritte rückwärts ging. „Haben Sie schon einmal etwas von dem Distinction Diamanten gehört, Danielle?“

„Dem Dist…“ Es verschlug ihr die Sprache, und ihr Herz klopfte wie verrückt. Der Distinction Diamant hatte fast vierzig Karat und war der berühmteste gelbe Diamant, der je in der Kimberley Mine in Südafrika gefunden worden war. Allerdings galt er seit vielen Jahren als verschollen. „Sie haben den Distinction Diamanten? Hier?“

Quinn sah sie an. Ein gefährliches Glitzern lag in seinen Augen. „Nein, Ms. Hammond, nicht den Distinction Diamanten.“ Er drehte sich um, ging ein Stück den Flur hinunter und blieb vor der nächsten Tür stehen. „Aber seinen großen Bruder.“

2. KAPITEL

Quinn drehte sich um und ging in sein Schlafzimmer. Er musste lächeln, als er Danis leise Schritte hinter sich hörte. Er klappte ein Bild von der Wand ab, hinter dem der Safe verborgen war, und tippte ein paar Zahlen ein. Das ganze Haus war einbruchssicher, der Safe hatte dazu noch einen Bewegungsmelder. Er legte den allergrößten Wert auf Sicherheit, was in seinem Gewerbe auch absolut nötig war.

Er warf einen Blick zurück. Dani stand an der Tür und beobachtete ihn. Durch ihre großen hellbraunen Augen abgelenkt, tippte er eine falsche Zahl ein. „Piiiep!“ Er fluchte leise vor sich hin und wiederholte die Zahlenreihe. Er hatte Dani da, wo er sie haben wollte. Sie hatte auf den Köder angebissen. Nur das zählte.

Vorsichtig nahm er einen schweren Metallkasten aus dem Safe, öffnete ihn mit einem Schlüssel und hob eine kleinere Lederbox heraus. Er klappte den Deckel auf, und auf einer mit Samt überzogenen Platte lag der Diamant. Quinn trug den Kasten zum Schreibtisch und schaltete die Lampe ein. Dann erst winkte er Dani, näher zu kommen.

Mit angehaltenem Atem kam sie auf ihn zu, und als sie in den Lichtkreis der Lampe trat, musste Quinn wieder daran denken, wie wenig ihr Gesicht von der wirklichen Danielle Hammond verriet. Denn mit ihren sanften braunen Augen, der kleinen gerade Nase und den vollen rosigen Lippen wirkte sie sehr feminin, unschuldig und beinahe unsicher.

Im Gegensatz dazu war ihr Outfit mutig, unkonventionell und verriet ein starkes Selbstbewusstsein. Sie trug leuchtende Farben in ungewöhnlichen Zusammenstellungen, und ihre kräftigen roten Locken konnte auch der Seidenschal nicht bändigen, den sie sich um den Kopf geschlungen hatte. Quinn kannte viele schöne Frauen, aber keine hatte eine derart lebendige Ausstrahlung.

Jetzt richtete sie den Blick auf den Diamanten, und ihre Augen leuchteten auf. Als sie Quinn kurz von der Seite her ansah, stand sogar etwas wie Dankbarkeit darin, Dankbarkeit dafür, dass er ihr die Gelegenheit gab, eine Kostbarkeit wie diese hier mit eigenen Augen zu sehen.

Nun gut, freu dich daran, dachte er grimmig. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er Danielle Hammond nie für diese Aufgabe ausgewählt, auch wenn sie als Frau noch so aufregend war.

Zögernd streckte sie die Hand aus. „Darf ich?“

Plötzlich musste er daran denken, wie dieser Diamant wohl in ihrer Hand oder auf ihrem Dekolleté aussehen würde, umrahmt von den roten Locken … Andererseits sträubte sich alles in ihm bei der Vorstellung, sie könnte den Stein berühren. Aber er hatte seine Anweisungen. Unwillig nickte er.

Vorsichtig strich sie mit dem Mittelfinger über die glatte Oberfläche des Steins. Dabei hielt sie den Blick gesenkt, sodass ihre dichten dunklen Wimpern Schatten auf die rosigen Wangen warfen.

„Wie ist es, Ms. Hammond, sind Sie bereit, mein Angebot anzunehmen?“, fragte Quinn vorsichtig, als wollte er diesen andächtigen Moment nicht zerstören. Er konnte ihre Gefühle gut verstehen, denn auch ihm war es so ergangen, als er den Diamanten sechs Jahre zuvor zum ersten Mal gesehen hatte.

„Habe ich denn eine Wahl?“, erwiderte sie leise.

Nein.

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