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Einführung in die Politolinguistik: Gegenstände und Methoden

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vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich

Thomas Niehr

Einführung in die
Politolinguistik

Gegenstände und Methoden

Vandenhoeck & Ruprecht

Prof. Dr. Thomas Niehr lehrt Germanistische Sprachwissenschaft an der RWTH Aachen.

Mit 22 Abbildungen und 6 Tabellen

 

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Umschlagabbildung: Plenarsaal des Deutschen Bundestages © picture alliance / Daniel Kalker

© 2014, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.

www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: Ruhrstadt Medien AG, Castrop-Rauxel
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Ulm

UTB-Band-Nr. 4173

ISBN: 978-3-8252-4173-5

Inhalt

Vorwort

1. Einleitung

2. Sprache (in) der Politik – Politische Sprache – Politolinguistik

2.1 Sprache und Politik

2.2 Funktion(en) politischer Sprache

2.3 Der Gegenstandsbereich der Politolinguistik

2.4 Die Geschichte der Politolinguistik

2.4.1 Frühe Studien zur Sprache der NS-Zeit

2.4.2 Die Sprache der NS-Zeit in neueren politolinguistischen Studien

2.4.3 Frühe Studien zur Sprache in der DDR und der BRD

2.4.4 Semantische Kämpfe

2.4.5 Neuere Entwicklungen: Multimodale Analysen und (Online-)Diskurse

Weiterführende Literatur

3. Methoden und Analyseobjekte der Politolinguistik

3.1 Die Analyse der Wortebene

3.1.1 Politischer Wortschatz

3.1.2 Denotation – Konnotation – Deontik

3.1.3 Schlagwörter – Fahnenwörter – Stigmawörter

3.1.4 Frames

3.1.5 Strategien im politischen Sprachgebrauch

3.1.6 Begriffe besetzen

Weiterführende Literatur

3.2 Die Analyse der Textebene

3.2.1 Textsorten-Klassifikation

3.2.2 Textsorten als „Stolpersteine“

3.2.3 Ausgewählte Textsorten: Parteiprogramme, Parlamentsdebatten

3.2.4 Intertextualität

Weiterführende Literatur

3.3 Die Analyse der Diskursebene

3.3.1 Linguistische Diskursanalyse

3.3.2 Kritische Diskursanalyse vs. Linguistische Diskursanalyse

3.3.3 Die Analyse der diskursrelevanten Lexik

3.3.4 Die Analyse der diskursrelevanten Metaphorik

3.3.5 Die Analyse der diskursrelevanten Argumentation

Weiterführende Literatur

4. Aufgaben

4.1 Aufgaben zu Kapitel 2

4.2 Aufgaben zu Kapitel 3.1

4.3 Aufgaben zu Kapitel 3.2

4.4 Aufgaben zu Kapitel 3.3

5. Lösungshinweise

5.1 Lösungshinweise zu 4.1

5.2 Lösungshinweise zu 4.2

5.3 Lösungshinweise zu 4.3

5.4 Lösungshinweise zu 4.4

Literatur

Sachregister

Vorwort

Mit der hier vorgelegten Einführung in die Politolinguistik soll der Versuch unternommen werden, Lehrenden wie Studierenden ein Arbeitsbuch an die Hand zu geben, das das linguistische Teilgebiet Politolinguistik erschließen helfen soll. Dabei ist ein Blick auf die Geschichte dieses Teilgebiets ebenso unerlässlich wie eine Auseinandersetzung mit seinen Methoden. Allerdings versteht sich dieses Buch nicht als umfassende Darstellung eines Forschungsgebiets der germanistischen Linguistik. Es soll lediglich dabei behilflich sein, Wege aufzeigen, um sich die Methoden der aktuellen Politolinguistik zu erschließen. Dabei wurde Wert darauf gelegt, die vorgestellten und diskutierten Methoden immer wieder anhand von Beispielen zu illustrieren. Nur so scheint es möglich, Studierenden Hinweise für eigene Analysen zu geben.

Dafür, dass diese Einführung zustande gekommen ist, habe ich vielfältigen Dank abzustatten. Zunächst den Studierenden der RWTH Aachen, die sich in Seminaren und Vorlesungen auf Politolinguistik eingelassen haben und auch immer wieder bereit waren, Teile des vorliegenden Textes auf ihre Verständlichkeit zu prüfen und zu diskutieren. Weiterhin danke ich meinen KollegInnen, die das Manuskript oder Teile davon kritisch gelesen haben. Namentlich erwähnen möchte ich Jörg Kilian, Georg Stötzel und Alexander Ziem, die das Manuskript in unterschiedlichen Bearbeitungsstadien akribisch gelesen und kritisch kommentiert haben. Wenn aus dem Manuskript eine verständliche Einführung geworden ist, dann hat ihre Mithilfe wesentlich dazu beigetragen. Dies gilt ebenfalls für die anregenden Fragen, die der Reihenherausgeber Peter Schlobinski gestellt hat. Dank gebührt ebenfalls Carolin Kruff für das Korrekturlesen des Manuskripts und die Erstellung des Registers.

Nicht zuletzt gilt mein Dank dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, der die Zusammenarbeit beim Erstellen der Druckvorlage sehr angenehm gestaltet hat.

Aachen, im Frühjahr 2014

1. Einleitung

Politiker gelten als Meister ihres Fachs. Wir trauen ihnen jederzeit zu, dass sie uns mit ihren Sprachkünsten manipulieren und im wahrsten Sinne des Wortes hinters Licht führen. Wie wichtig die Sprache – oder genauer gesagt: der Sprachgebrauch – in der Politik ist, das können wir fast täglich den Medien entnehmen. Da streiten Politiker darüber, ob die Auseinandersetzung, die in Afghanistan stattfindet, tatsächlich mit dem Ausdruck Krieg korrekt bezeichnet wird. Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg prägte in diesem Zusammenhang schließlich die Formel von den kriegsähnlichen Zuständen. Der unbedarfte Fernsehzuschauer konnte stattdessen zu dem Ergebnis kommen, dass das, was er da an Bildern zu sehen bekam, zweifelsohne Krieg war. Er konnte sich fragen, was denn den Ausdruck kriegsähnliche Zustände vom Ausdruck Krieg unterscheide, wo denn die Grenze zwischen beiden verlaufe. Weiter konnte er sich fragen, warum der Vorgänger zu Guttenbergs, Verteidigungsminister Franz Josef Jung, sich beharrlich weigerte, diesen Krieg als Krieg zu bezeichnen, und stattdessen auf dem Ausdruck Kampfeinsatz bestand. Diese Beispiele machen deutlich, dass Politiker selbst ihren sprachlichen Äußerungen ein großes Gewicht beimessen. Wenn sie das nicht oder nur in unzureichender Weise tun, dann hat dies mitunter Folgen: Man denke beispielsweise an den Vergleich zwischen George W. Bush und Adolf Hitler, den die damalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin zog und der sie letztlich ihr Amt kostete.1 Dass auch die Rezipienten von Politik, die Wähler, das sprachliche Handeln von Politikern kritisch betrachten, zeigt sich, wenn etwa beklagt wird, dass die Debattenkultur im Bundestag nachgelassen habe und nicht mehr so sei wie noch zu Zeiten von Herbert Wehner und Franz Josef Strauß.

Dass also ein enger Zusammenhang zwischen Sprache und Politik besteht, scheint offensichtlich zu sein. Diesen Zusammenhang will die vorliegende Einführung aus linguistischem Blickwinkel näher beleuchten. Dabei ist zunächst zu klären, was unter „politischer Sprache“ verstanden werden soll. Wollen wir darunter ausschließlich das Sprachhandeln von Politikern verstehen? Wie wären dann die zahlreichen Medientexte (z. B. Zeitungskommentare, Blogs, Talkshows) einzuschätzen, in denen politische Fragen behandelt werden? Und wie verhielte es sich mit den Äußerungen eines Thilo Sarrazin, die bei ihrer Veröffentlichung für ein großes Medienecho und danach für den Rücktritt Sarrazins von seinem Amt als Bundesbank-Vorstand sorgten?2 Sollen derartige mündliche und schriftliche Texte von vornherein ausgeschlossen sein?

Schließlich stellt sich die Frage, welche linguistischen Herangehensweisen es gibt, um politische Sprache zu analysieren: Was sind also die Objekte der Sprachein-der-Politik-Forschung bzw. der Politolinguistik? Einer intuitiven Herangehensweise entspräche die Betrachtung bestimmter, besonders auffälliger Wörter. Doch es gibt zweifelsohne Texte im politischen Raum, an deren Wortwahl kaum etwas auffällt, und die dennoch einer großen Zahl von Rezipienten kritikwürdig oder auch lobenswert erscheinen. Dies gilt beispielsweise für die viel gerühmte Rede Richard von Weizsäckers vom 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Befreiung Deutschlands3 oder für die Rede Willy Brandts, die er am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, vor dem Schöneberger Rathaus gehalten hat4. Neben die Analyse von einzelnen Wörtern muss der linguistische Blick also auch ganzen Texten und ihren Eigenheiten gelten. Darüber hinaus ist die Linguistik in den letzten Jahrzehnten immer mehr dazu übergegangen, auch die Textgrenzen zu überschreiten und ganze Diskurse, verstanden als Ansammlung einer Vielzahl von Texten zum gleichen Thema, zu analysieren. Auch diese Betrachtungsweise hat sich die Politolinguistik zunutze gemacht.

Außerdem können die LeserInnen dieses Buches – mit gutem Recht – erwarten, auch etwas über die Geschichte der Politolinguistik, einer noch jungen „Bindestrich-Linguistik“, zu erfahren. Sie hat antike Vorfahren, handwerklich ausgereift ist sie – wenn überhaupt – allerdings erst in den letzten Jahrzehnten.

Damit sind die Grenzen dieser Einführung abgesteckt. Sie kann vieles nur skizzieren, und einiges wird zweifelsohne zu kurz kommen. Dennoch ist das Ziel, den LeserInnen einen ersten Überblick über ein gesellschaftlich relevantes und spannendes Teilgebiet der Linguistik zu geben.

______________

1 Zur langen Geschichte der Nazivergleiche siehe Eitz/Stötzel (2007: 489 ff.).

2 Vgl. dazu Niehr (2011a).

3 Von Weizsäcker (1985).

4 Die Rede ist abgedruckt bei Brodersen (2002: 191–195).

2. Sprache (in) der Politik – Politische Sprache – Politolinguistik

2.1 Sprache und Politik

Politik und Sprache sind eng miteinander verknüpft. Dass dies so ist, wird bereits offensichtlich, wenn man sich typische Tätigkeiten von Politikern anschaut: In der Öffentlichkeit – und das heißt für uns: in den Massenmedien – treten sie z. B. als Parlaments- oder Festredner, Verhandlungspartner oder Wahlkämpfer und Talkshowgäste auf. Wir wissen zudem, dass sie darüber hinaus in nicht-öffentlichen Gremien wie Fraktionssitzungen oder innerparteilichen Zirkeln tagen, um dort mit Fraktions- und Parteikollegen die „große“ politische Ausrichtung oder aber ihre Haltung in einer ganz speziellen Frage abzustimmen. Alle diese Tätigkeiten sind sprachliche Tätigkeiten und können als sprachliches Handeln klassifiziert werden. Betrachtet man Politik als „auf die Durchsetzung bestimmter Ziele bes. im staatlichen Bereich u. auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens gerichtetes Handeln von Regierungen, Parlamenten, Parteien, Organisationen o.Ä.“ (Duden 2011: 1353), dann zeigt sich ebenfalls die besondere Bedeutung der Sprache: Die Durchsetzung bestimmter Ziele wie auch die Gestaltung des öffentlichen Lebens setzen – insbesondere in demokratisch verfassten Gesellschaften – manchmal langwierige und komplizierte, stets jedoch diskursive und mithin sprachliche Abstimmungsprozesse voraus. Man kann deshalb mit Girnth (2002: 1) festhalten, dass „Sprache […] nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit [ist]“. Dies bedeutet keineswegs, dass man Sprache und Politik gleichsetzen könnte, es bedeutet aber, dass Politik ohne Sprache nicht denkbar ist: „Kommunikation und Information sind also die Grundkategorien der westlichen Demokratie-Auffassung. Sie ermöglichen jene diskursive Meinungsbildung, auf der demokratische Entscheidungs- und Handlungsvollzüge aufruhen.“ (Jäger 1996: 67) Zur politischen Kommunikation gehört neben der sprachlichen Komponente beispielsweise auch der Einsatz bestimmter politischer Symbole – man denke in diesem Zusammenhang etwa an einen Staatsakt, bei dem eine Hymne gespielt wird, Flaggen in den Nationalfarben zu sehen sind und möglicherweise Orden verliehen und getragen werden (vgl. Girnth 2002: 3).

Ohne näher darauf einzugehen, wie das Verhältnis von Sprache und Politik gewichtet ist, sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass sich die hier vorliegende Einführung in die Politolinguistik als linguistische Einführung versteht, die sich in erster Linie mit Sprache, ihrem Gebrauch und ihren Funktionen (und weniger mit Politik) beschäftigen wird. Sie setzt ein „weites“ Verständnis von Linguistik voraus und macht auch Phänomene wie den Sprachgebrauch in den Massenmedien und den Social Media oder die Struktur von Argumentationen zum Thema, sofern sie für die Analyse politischer Kommunikation von Relevanz sind.

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Abb. 1: Staatsakt (picture-alliance/dp/DB Pingel)

2.2 Funktion(en) politischer Sprache

Sprache dient den politisch handelnden und argumentierenden Personen dazu, „im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaften zu erzeugen“1. Wenn man politische Sprache in diesem Sinne auffasst, dann wird ihre Verwandtschaft zur Werbesprache deutlich (vgl. Dieckmann 1975: 27). Von besonderer Wichtigkeit ist dabei, dass man sich von der Vorstellung verabschiedet, Sprache diene in erster Linie der Informationsübermittlung.

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Abb. 2: Das Organon-Modell von Karl Bühler (1934/1965: 28)

Bereits an dem bekannten Modell sprachlicher Funktionen von Karl Bühler lassen sich verschiedene Grundfunktionen von Sprache ablesen, und für politische Sprache ist die Appellfunktion von besonderer Bedeutung. (Davon unberührt bleibt, dass in politischen Argumentationen immer wieder behauptet wird, die Darstellungsfunktion sei alleiniger oder wichtigster Zweck der Sprache.) Betrachtet man etwa den politischen Sprachgebrauch in Wahlkämpfen, so sieht man recht deutlich, dass die politisch Handelnden sich häufig einer wertenden Sprache bedienen, um den eigenen Standpunkt zu legitimieren, den des Gegners zu delegitimieren oder mindestens abzuwerten:

Politischem Handeln und Sprechen liegen vielfältige Interessen zugrunde, die ihrerseits die Handlungs- und Sprechhandlungsintentionen determinieren. In demokratisch-pluralistischen Systemen ist politische Kommunikation vom Widerstreit der Interessen, Meinungen und Weltanschauungen geprägt, der sich bis in die – großenteils selber konfliktäre – Lexik und deren ideologisch gegensätzliche Verwendung hinein auswirkt. Insofern ist politisches Sprechen notwendigerweise parteilich und bedient sich ideologisch wertender Sprachformen. (Burkhardt 2003a: 120)

Zwar wird diese Funktion politischer Sprache teilweise als „manipulativ“ abgewertet, nichtsdestotrotz kann man kaum umhin, gerade in der Beeinflussung der Rezipienten eine zentrale Funktion von politischer Sprache, von Sprache überhaupt zu sehen. Zumindest ist es wenig realistisch, in der Darstellungs- bzw. Informationsfunktion die Hauptfunktion von Sprache zu sehen. Dieckmann (1975: 26) weist zu Recht darauf hin, „daß dem Menschen, der sich rein auf diese Funktion beschränken wollte, außerhalb wissenschaftlicher Publikationen nicht viel zu reden übrig bliebe“. Für die politische Sprache gilt zudem, dass sie nicht in erster Linie der Wahrheitsfindung verpflichtet ist:

Es geht darum, über die Wünschbarkeit und Verwirklichbarkeit von Vorschlägen und Plänen zu befinden und zu ihrer Durchsetzung Unterstützung zu suchen. Die Sorge, daß Emotionen den Sachverhalt verunklären und das Ergebnis nicht Überzeugung, sondern Verführung sei, ist berechtigt, muß sich aber genauso auf die intellektuellen Mittel beziehen. Auch die Information und die deutende Verarbeitung ist parteiisch. (Dieckmann 1975: 99)

Zu Recht merkt allerdings Kilian (1997: 4 ff.) an, dass es eine unzulässige Verkürzung wäre, politische Sprache bzw. Politik überhaupt auf den Kampf um Machterhalt, auf Manipulation und Propaganda zu reduzieren, mithin der politischen Sprache die Funktion der Darstellung gänzlich abzusprechen. Hilfreich ist hier eine differenzierte Betrachtung des Politik-Begriffs, die zwischen politischem System (polity), politischen Prozessen (politics) und verschiedenen Politikfeldern (policies) unterscheidet (vgl. ebd. sowie Klein 1998a: 194 ff.). Insbesondere für die politischen Prozesse (politics), in denen es um die Durchsetzung von Interessen geht, ist strategischer Sprachgebrauch von zentraler Bedeutung. Dies gilt allerdings weniger für die politische Sprache, die mit dem politischen System (polity) in Verbindung steht. Man denke hier etwa an Texte wie Geschäftsordnungen, Verfassungstexte oder auch den institutionsinternen Fachwortschatz. Auch für die verschiedenen Politikfelder (policies) gilt – wie Kilian (1997: 6) in Anlehnung an Bühler treffend formuliert –, dass politische Sprache „nicht nur eine Ausdrucks- und Appellfunktion, sondern auch eine Darstellungsfunktion [hat].“

In diesem Zusammenhang muss außerdem an die realitätskonstituierende Funktion von Sprache erinnert werden: Einen direkten Zugang zur Realität haben wir nicht, sondern nur vermittels unserer Sprache. Mit den Ausdrücken unserer Sprache bezeichnen wir die Dinge in der Welt. Man darf sich dieses Verhältnis von Dingen in der Welt und Ausdrücken allerdings nicht als eine eindeutige Zuordnung von Dingen und Ausdrücken vorstellen. Vielmehr haben wir – insbesondere bei politischen Sachverhalten – meist Bezeichnungsalternativen zur Verfügung. Sie unterscheiden sich oft durch die ihnen inhärente Wertungskomponente. So mag der eine die Bezeichnung Steueranpassung angemessen finden, während ein anderer Steuererhöhung für die einzig zutreffende Variante hält. Und was der eine für Krieg hält, ist für den anderen eine friedenserhaltende Maßnahme: „Meist machen erst die Nachbar- und Gegenbegriffe die ideologische Sehweise offenbar.“ (Dieckmann 1975: 31)

Eine Entscheidung über die Angemessenheit oder Nicht-Angemessenheit von (ideologisch geprägten) Ausdrücken lässt sich zwar argumentativ begründen, letztlich ist sie aber ein Reflex auf die jeweilige (ideologische) Sicht der Sprecher. Der „Streit um Worte“ – so der berühmte Titel eines Aufsatzes von Lübbe – ist mithin keinesfalls überflüssig, sondern notwendiger Bestandteil einer diskursiven Meinungsbildung und eines kommunikativen Konsenses über die Ausgestaltung unserer politischen Umwelt.

2.3 Der Gegenstandsbereich der Politolinguistik

Bei der Politolinguistik handelt es sich um ein Teilgebiet der Linguistik, um eine sogenannte Bindestrich-Linguistik, deren Gegenstandsbereich einer Abgrenzung bedarf. Intuitiv würde man möglicherweise dazu neigen, als Sprache der Politik das Sprechen (und Schreiben) von Politikern zu betrachten. Dies scheint jedoch bei genauerem Hinsehen wenig plausibel, weil man damit von vornherein weite Teile des öffentlichen Sprachgebrauchs, die man mit guten Gründen als politisch bezeichnen kann, aus dem Untersuchungsbereich ausklammern würde.

Bedenkt man, woher wir unser Wissen über politische Vorgänge haben und wie wir zu unseren politischen Einstellungen kommen, dann wird man dabei die Rolle der Massenmedien nicht vernachlässigen dürfen. Deren Aufgabe besteht ja keineswegs nur darin, ihre Rezipienten zu informieren. Vielmehr gehört auch die Meinungsbildung unbestreitbar zu den Aufgaben der Medien. Massenmedien, die sich als frei und unabhängig verstehen, legen allerdings großen Wert auf die Trennung von Information und Meinungsbildung. Diese Trennung zeigt sich deutlich in den verwendeten Textsorten: Während es die Aufgabe von Nachrichtentexten ist, zu informieren, dienen Kommentare der Meinungsbildung. Inwieweit diese Textsorten immer mehr vermischt werden (und damit auch die Trennung von Information und Meinungsbildung verwischt wird), soll hier nicht weiter diskutiert werden (vgl. Burger 2005: 48 ff., 224 ff.).

Eine Meinungsbildung wird zumindest mittelbar schon allein dadurch in Gang gesetzt, dass die Medien den Menschen weniger vermitteln, was sie denken sollen, dafür umso mehr, worüber sie nachzudenken haben (vgl. Schulz 2011: 221). Dieser Effekt wird in der Kommunikationswissenschaft als Agenda-Setting bezeichnet. Mit diesem Terminus wird der inzwischen zur Alltagsweisheit gewordenen Bemerkung Luhmanns (1995/2009: 9) Rechnung getragen, dass wir das, was wir über unsere Gesellschaft und über die Welt, in der wir leben, wissen, aus den Medien erfahren. Die Medien ihrerseits bestimmen durch die Auswahl der Themen, die sie veröffentlichen, was unsere Aufmerksamkeitsschwelle überschreitet und welche politische Priorität diesen Themen zugeschrieben wird.2 So geht die Kommunikationswissenschaft davon aus, dass allein die Präsenz eines Politikers im Fernsehen ihm Vorteile bei Wahlen verschaffen kann:

Diese Form des Primings gilt auch für politische Urteile und für Urteile über Personen. Je auffälliger daher ein Kandidat im Fernsehen sichtbar ist, desto größer die Chance, dass er in der Vorstellung der Wähler präsent ist und als relevante Alternative für die Wahlentscheidung in Betracht gezogen wird. (Schulz 2011: 257)

Diese kurzen Bemerkungen reichen schon aus, um zu sehen, dass die Politolinguistik sich keinesfalls auf die Sprache der Politiker beschränken kann. Weiterhin ist es von entscheidender Bedeutung, wie man den Ausdruck politisch definieren möchte. Damit hängt letztlich auch zusammen, ob man von Sprache in der Politik oder von Sprache der Politik sprechen möchte (vgl. Dieckmann 2005: 12 f.). Es gibt zahlreiche Definitionen von Politik, die jeweils andere Aspekte betonen. Eine „schlanke“ Definition von Politik bzw. politisch würde beinhalten, dass unter politischem Handeln das Handeln von Individuen oder Gruppen zu verstehen ist, das staatlich oder auf den Staat bezogen ist (vgl. ebd.). Eine solche Definition, die den folgenden Ausführungen zugrunde liegt, schließt beispielsweise das sprachliche Handeln unterschiedlicher Interessenverbände (Lobbyverbände, Kirchen, Gewerkschaften etc.) und Einzelpersonen ein, solange es auf den Staat bezogen ist.3 Insofern können eben auch wir alle jederzeit politisch handeln,

z. B. bei der Abgabe von Wahlzetteln, der Teilnahme an politischen Diskussionen und Demonstrationen oder beim Extremfall der aktiven Durchführung von Revolutionen. Dabei wird natürlich auch und gerade sprachlich gehandelt; nicht zuletzt gilt dies übrigens für Zwischenrufe aus der Zuhörerschaft, etwa bei Podiumsdiskussionen und Talkshows, oder für Sprechchöre bei Kundgebungen […]. (Burkhardt 2003: 118)

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Abb. 3: Gegenstandsbereiche der Politolinguistik (Burkhardt 1996: 81)

Eng verbunden mit diesen Überlegungen ist die Frage, ob man vor diesem Hintergrund besser von Sprache in der Politik, von Sprache der Politik oder lediglich von Sprache und Politik4 sprechen sollte. In dieser Einführung wird der Terminus politische Sprache bevorzugt. Er soll verstanden werden als Sprachgebrauch in der Politik und bezieht das Sprechen über Politik (z. B. an bei privaten oder öffentlichen Diskussionen), die politische Mediensprache (z. B. in Talkshows oder Zeitungskommentaren) und die Politiksprache mit ein. Unter Letztere lassen sich die Sprache der Politiker (z. B. im Parlament) und die Sprache in der Politik (z. B. innerhalb einer Partei oder Fraktion) subsumieren (vgl. Burkhardt 1996: 79 ff.).

Die linguistische Erforschung der politischen Sprache soll im Folgenden mit einem Vorschlag Burkhardts (1996: 82) als Politolinguistik bezeichnet werden:

Für die bisher namenlose Disziplin der Sprachwissenschaft, die sich mit der Untersuchung der politischen Sprache im allgemeinen und deren oben genannten Teilbereichen im besonderen beschäftigt, möchte ich die Bezeichnung Politolinguistik vorschlagen.

Die Politolinguistik beschäftigt sich mit politischer Sprache, nicht nur mit dem Sprachgebrauch von Politikern.

2.4 Die Geschichte der Politolinguistik

Bei einer extensiven Auslegung des Terminus politische Sprache könnte man zu der Auffassung gelangen, dass es sich bei der Politolinguistik um eine altehrwürdige Disziplin handelt, die ihren Ausgang von der antiken Rhetorik genommen hat. Die Rhetorik ist – um eine berühmte Definition Quintilians zu bemühen – die ars benedicendi, also die Kunst, gut zu sprechen (vgl. Ottmers 1996: 5). Bemühungen um diese Kunst sind schon lange vor Quintilian bekannt – die berühmteste historische Rhetorik-Anleitung dürfte von Aristoteles (384–322 v.Chr.) stammen (Aristoteles 1999). Man darf diese historischen Rhetoriker (zu nennen sind hier zahlreiche weitere Autoren wie z. B. Plato, Cicero, Augustinus) allerdings nicht mit den modernen populären Rhetorik-Ratgebern unterschiedlichster Qualität verwechseln, die uns allerorten angeboten werden. Während derartige Rhetorik-Ratgeber sich meist auf die „angewandte“ Seite der Rhetorik beschränken und dabei in ganz unterschiedlicher Weise Anleihen bei den klassischen Autoren machen, verstand sich die historische Rhetorik nicht nur als praktische Redekunst, sondern auch als Wissenschaft von der guten Rede (vgl. Ottmers 1996: 6 f.). Die Beschränkung auf mündliche Kommunikation dagegen ist seit der Frühen Neuzeit immer mehr geschwunden. Insofern müsste man die Rhetorik zeitgemäß als ars benedicendi et bene scribendi umschreiben (vgl. ebd.) oder ganz allgemein als „Theorie der wirkungsvollen Kommunikation“ (ebd.: 8). Diese Theorie wiederum darf man sich nicht als „reine“ Theorie vorstellen, die losgelöst von jeglichem Erfahrungswissen operiert. Vielmehr ist das Erfahrungswissen integraler Bestandteil der Rhetorik:

Dabei wurde schon in der Antike nicht verkannt, daß jene außerhalb der Theorie liegenden Komponenten durchaus von Bedeutung sind: Zunächst die Naturbegabung des Redners, also die angeborene Veranlagung (natura), aber auch die praktische Erfahrung (usus), die er als Redner sammelt und die ihm hilft, seine Urteilsfähigkeit (iudicium) zu schulen, also zu entscheiden, was für seine Absichten am wirkungsvollsten und welche Redestrategien erfolgversprechend sind. […] Theoretisches Wissen, Anschaulichkeit anhand von Übungsmaterial und praxisnahe Vorbereitung sind die Grundpfeiler des rhetorischen Studiums, das über die Beherrschung der Regeln zum souveränen, freien Umgang mit den zur Verfügung stehenden Mittel[!] erziehen will. (Ottmers 1996: 8)

Versetzt man sich in die Rolle von Politikern, deren Handeln ja zu weiten Teilen sprachliches Handeln ist, dann wird die Bedeutung der Rhetorik unmittelbar deutlich. Dass Politolinguistik und Rhetorik jedoch keineswegs deckungsgleich sind, obwohl sie teilweise das gleiche sprachliche Material zugrunde legen, wird deutlich, wenn man sich die Zielsetzung der Politolinguistik vor Augen führt. Sie lässt sich insofern zur Angewandten Sprachwissenschaft zählen, als sie sich auf konkretes Sprachhandeln (parole) bezieht, das sie unter verschiedenen Gesichtspunkten analysieren möchte. Der wichtigste Unterschied zwischen Rhetorik und Politolinguistik dürfte darin bestehen, dass die Rhetorik sich als präskriptive Wissenschaft versteht, die eine Anleitung zur wirkungsvollen Kommunikation geben will.

Die Politolinguistik dagegen versteht sich als Teil der deskriptiven Linguistik, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sprachliche Phänomene zu beschreiben und zu erklären, ohne sie jedoch einer Wertung zu unterziehen.

Die Vermittlung kommunikativer Techniken zur Erzielung bestimmter Wirkungen und die „Lösung von lebens- und gesellschaftspraktischen Problemen in den Bereichen von Sprache und Kommunikation“5 (Knapp u.a. 2007: XX) gehört aber nicht zum traditionellen Themenspektrum der deskriptiven Linguistik.

Versteht man die Politolinguistik in diesem deskriptiven Sinne, dann ist sie eine relativ neue Disziplin der Linguistik, die sich v.a. in Deutschland seit der Nachkriegszeit entwickelt hat.6 Dass sich insbesondere Linguisten in Deutschland für Fragestellungen der Politolinguistik erwärmen konnten, mag in der Tat daran liegen, dass sowohl die Politiker des „Dritten Reichs“ wie auch die der DDR es verstanden hatten, sich die Sprache für ihre Zwecke nutzbar zu machen (vgl. Klein 1998a: 186 f.).

Hinzu kam dann die Erfahrung der deutschen Teilung. Sprachwissenschaftler und -kritiker in Ost- und Westdeutschland gingen in diesem Zusammenhang der Frage nach, ob die deutsche Sprache durch diese Teilung des Landes ebenfalls gespalten werden würde. Im Laufe der Zeit kamen sie zu unterschiedlichen und auch wechselnden Ergebnissen.7 Insgesamt kann man festhalten, dass diese frühen Studien häufig nicht den Standards genügen, die wir heute an eine politolinguistische Studie anlegen würden.8 Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass solche Standards, verstanden als methodisches Instrumentarium, für diesen Zweig der Linguistik noch nicht entwickelt waren. So muss man festhalten, dass häufig die politischen Einstellungen der Forscher (im Westen z. B. der Antikommunismus) ihre Forschungen beeinflussten. Sie kamen dann beispielsweise zu dem Ergebnis, dass in der DDR eine neue totalitäre Sprachdiktatur, eine Sprache des vierten Reiches (vgl. Klein 1998a: 187) entwickelt würde und die deutsche Sprache somit (wie auch der deutsche Staat) gespalten würde. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts haben dann aber Sprachwissenschaftler wie Peter von Polenz und Walther Dieckmann die methodischen Defizite solcher Arbeiten aufgezeigt. So merkte Dieckmann bereits im Jahre 1967 an, dass einige dieser frühen Studien zum sprachlichen Ost-West-Problem nicht aufgrund empirischer Untersuchungen zu ihren Ergebnissen kamen. Derartige Arbeiten dienten lediglich dazu, sprachliche Illustrationen dessen bereitzustellen, was die Autoren politisch ohnehin schon zu wissen glaubten (vgl. Dieckmann 1967: 138).

2.4.1 Frühe Studien zur Sprache der NS-Zeit

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte die linguistische Beschäftigung mit der Sprache des Nationalsozialismus ein. Man hatte die unheilvollen Wirkungen von Sprache gerade am eigenen Leib erfahren müssen und war deshalb sehr daran interessiert, die Eigenheiten der sogenannten NS-Sprache zu erforschen. Insofern kann man diese Phase der Politolinguistik mit Burkhardt (2003a: 132) als „rückwärtsgewandt“ bezeichnen.

Sie ist insofern prekär, als auch nicht jederzeit außer Zweifel stand, was ihr Untersuchungsobjekt sein sollte. Dies lässt sich an unterschiedlichen Bezeichnungen ablesen. Teilweise begegnet uns die Formel „Sprache des Nationalsozialismus“, teilweise ist von „Sprache im Nationalsozialismus“ bzw. „Faschismus“ die Rede.

Möchte man hier eine plausible Unterscheidung treffen, so könnte man mit von Polenz (1999: 547) den Sprachgebrauch der NSDAP seit 1920 mit dem Etikett „Sprache des Nationalsozialismus“ belegen. Die NSDAP-Sprache mit verschiedenen Traditionen politischer Sprache, die dann von 1933 bis 1945 vorherrschend wurde, ließe sich hingegen mit „Sprache im Nationalsozialismus“ angemessen beschreiben. Dabei muss allerdings auch berücksichtigt werden, dass politischer Sprachgebrauch eben nicht nur die Sprache der Politiker umfasst, sondern auch das Sprachverhalten der Massen, die ja politische Strömungen mittragen:

Selten kommt dagegen in den Blick, daß diese „manipulierten“ Subjekte in großen Teilen der Geschichte ja keineswegs in die Zustimmung, in, wie es dann hieß, die „Gefolgschaft“ gezwungen wurden. Es wird nur allzu leicht vergessen, daß „die Macht“ der Nationalsozialisten ihnen in einem demokratischen Entscheidungsprozeß übertragen wurde. Es wird übersehen, daß mehrheitlich der Nationalsozialismus in Deutschland – und in Österreich – konsensuell war. (Ehlich 1998: 291 f.)

Selbstverständlich gab es während der Naziherrschaft keine wie auch immer geartete öffentliche Sprachanalyse. Eine Sprachkritik wie sie in der Zwischenkriegszeit beispielsweise von Bertolt Brecht oder Karl Kraus geübt wurde, war lebensgefährlich und damit nahezu unmöglich geworden. So erscheint Karl Kraus‘ sprachkritische Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich erst lange nach Ende der Naziherrschaft im Jahre 1952. Kraus (1952: 9) beginnt diese Schrift mit dem Satz „Mir fällt zu Hitler nichts ein“, um dann aber umso detaillierter die Sprache im Nationalsozialismus zu sezieren, etwa indem er das sprachliche Unvermögen von Parolen-Schrei(b)ern ironisierend aufs Korn nimmt:

Hätte ich Mut, würde ich mutmaßen, daß eine Prüfung auf Sprachgefühl und grammatikalisches Wissen der Leute, die durch die Forderungen „Deutschland erwache!“ und „Juda verrecke!“ zu Macht und Vermögen gekommen sind, schon bei der Frage nach eben der Konstruktion jener auf Schwierigkeiten stößt [oder stoßt, wie sie grundsätzlich schreiben]. Sie wissen bestimmt nicht, daß da ein Komma hineingehört, weil die jeweils genannte Nation, die doch angeherrscht werden soll, sonst nicht die zweite, sondern nur die dritte Person vorstellt und die verlangte Tätigkeit: erwachen oder verrecken, nicht die Befehlsform, sondern bloß die Wunschform annimmt, die ja namentlich im Fall Juda nicht angebracht wäre. […] Das Ausrufezeichen sichert noch nicht den Befehl, sondern könnte eine Verstärkung des Wunsches sein. Freilich muß man in dem Zitat, das Deutschland und Juda betrifft, den Fehler übernehmen, der insofern nicht uneben ist, als so brüske Forderung durch Sorgfalt des Ausdrucks abgeschwächt würde. Schließlich standen die Cäsaren immer über der Grammatik, und besser autarkisch nicht deutsch können, als Fremdwörter gebrauchen, von denen man doch nie wissen kann, was sie bedeuten. (Ebd.: 112)

Im Gegensatz zu einer solchen Sprachkritik wurden jedoch puristische Bestrebungen öffentlich propagiert – hier ist etwa an den Allgemeinen Deutschen Sprachverein zu denken, der sich als „SA unserer Muttersprache“ verstand und rassistischen Fremdwortpurismus betrieb. Dies allerdings auch nur so lange, bis ein Vereinsmitglied feststellte, dass das Ehrenmitglied des Vereins, Eduard Engel, ebenfalls ein radikaler Fremdwortpurist, ein „recht rühriger Jude“ sei (vgl. v. Polenz 1999: 280). Dies führte zu einer Vereinskrise, die schließlich – auch weil die Nazis aus naheliegenden Gründen vom Fremdwortpurismus nichts hielten – zum plötzlichen Ende der fremdwortkritischen Bestrebungen dieses Vereins führten, zumindest auf der Ebene des Gesamtvereins. Die einzelnen Zweigvereine spielten weiterhin eine unrühmliche Rolle und führten „Entwelschungs-Kampagnen“ u.Ä. durch (vgl. Niehr 2009, v. Polenz 1999: 283).

Eine Besonderheit der Analyse politischer Sprache während des Zweiten Weltkriegs stellen die Tagebücher des Romanisten Victor Klemperer dar. Er wurde in der Nazizeit mit Berufsverbot belegt und durfte schließlich nicht einmal mehr Bibliotheken nutzen. Er hat den öffentlichen wie privaten Sprachgebrauch seiner Zeit scharf beobachtet und analysiert. Seine Tagebücher sind deshalb eine Ausnahme, weil Klemperer als Philologe weiß, dass Situationen und Handlungszusammenhänge wichtig sind, um eine nachvollziehbare Sprachanalyse zu bewerkstelligen. Seine Sprachbeobachtungen zur Sprache im Nationalsozialismus hat er in seine Tagebücher integriert. Diese überarbeiteten und erweiterten Hinweise wurden 1946 unter dem Titel LTI (Lingua Tertii Imperii) veröffentlicht. Mit einigen wenigen Beispielen kann man die Scharfsinnigkeit der Sprachanalysen Klemperers verdeutlichen:

Ich wünsche nicht und glaube auch nicht, daß das scheußliche Wort [Entnazifizierung, Th.N.] ein dauerndes Leben behält; es wird versinken und nur noch ein geschichtliches Dasein führen, sobald seine Gegenwartspflicht erfüllt ist. Der Zweite Weltkrieg hat uns mehrfach diesen Vorgang gezeigt, wie ein eben noch überlebendiger und scheinbar zu nie mehr ausrottbarer Existenz bestimmter Ausdruck plötzlich verstummt: er ist versunken mit der Lage, die ihn erzeugte, er wird später einmal Zeugnis von ihr ablegen wie eine Versteinerung. So ist es dem Blitzkrieg ergangen und dem ihm zugeordneten Adjektiv schlagartig, so den Vernichtungsschlachten und den dazugehörigen Einkesselungen, so auch dem „wandernden Kessel“ – er bedarf schon heute der Kommentierung, daß es sich um den verzweifelten Rückzugsversuch eingekesselter Divisionen handelte […]. (Klemperer 1946/2007: 7 f.; Kursivierung von mir, Th.N.]

Hier wird deutlich, dass Klemperer Sprachwandelphänomene antizipiert. Er ist sich offensichtlich darüber im Klaren, dass die Verwendung und Nicht-Verwendung sprachlicher Ausdrücke immer auch durch die gesellschaftlichen Umstände mitbestimmt wird. Schließlich weist Klemperer auch schon darauf hin, dass eine isolierte Wortkritik wenig sinnvoll ist, da man „Wortwerte“ und „Worthäufigkeiten“ nur in (Kon-)Texten bestimmen kann. Ebenso lässt sich nur anhand konkreter Texte die spezielle Wirkung von Wörtern, ihre Rolle und Funktion analysieren:

Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang […] Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. […] Die nazistische Sprache weist in vielem auf das Ausland zurück, übernimmt das meiste andere von vorhitlerischen Deutschen. Aber sie ändert Wortwerte und Worthäufigkeiten, macht zum Allgemeingut, was früher einem Einzelnen oder einer winzigen Gruppe gehörte, sie beschlagnahmt für die Partei, was früher Allgemeingut war, und in alledem durchtränkt sie Worte und Wortgruppen und Satzformen mit ihrem Gift, macht sie die Sprache ihrem fürchterlichen System dienstbar, gewinnt sie an der Sprache ihr stärkstes, ihr öffentlichstes und geheimstes Werbemittel. (Ebd.: 26 f.)

Klemperer spricht deutlich an, dass es nicht nur eine kleine Clique von Machthabern ist, die diese Sprache spricht, sondern dass diese spezielle Sprache von einer Gruppen- zur Volkssprache wurde (vgl. Schiewe 1998: 213):

Durch die „Machtübernahme“ der Partei wurde sie 1933 aus einer Gruppen- zu einer Volkssprache, d.h., sie bemächtigte sich aller öffentlichen und privaten Lebensgebiete: der Politik, der Rechtsprechung, der Wirtschaft, der Kunst, der Wissenschaft, der Schule, des Sportes, der Familie, der Kindergärten und der Kinderstuben. (Klemperer 1946/2007: 31)

Dieses Diffundieren der Sprache in alle Lebensbereiche führt laut Klemperer dazu, dass schließlich auch der Sprachgebrauch aller Sprecher und damit auch ihr Denken beeinflusst wird:

Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein. Die Worte fanatisch und Fanatismus sind nicht vom Dritten Reich erfunden, es hat sie nur in ihrem Wert verändert und hat sie an einem Tage häufiger gebraucht als andere Zeiten in Jahren. (Ebd.: 26; Kursivierung von mir, Th.N.]

Klemperer bemerkt, dass sogar die Unterdrückten selbst die offizielle Sprache annehmen und verinnerlichen und auf diese Weise auch dem nationalsozialistischen System Geltung verschaffen. In diesem Zusammenhang erwähnt er beispielsweise die perfide Unterscheidung von Volljuden, Halbjuden, Mischlingen ersten (und anderen) Grades, Judenstämmlingen und Privilegierten (vgl. ebd.: 227). Privilegierte waren Mitglieder jüdischer Arbeitsgruppen in Fabriken, die keinen Judenstern tragen mussten und nicht im Judenhaus wohnen mussten. Und natürlich führten diese Privilegien zu Streitigkeiten und Hass zwischen den nichtprivilegierten Juden und eben den Privilegierten. Dies ist ein besonders plastisches Beispiel dafür, wie die Sprache das Denken beeinflussen kann.

Klemperer – so lässt sich aus heutiger Zeit feststellen – war mit seinen Analysen seiner Zeit und wohl auch den Sprachkritikern der Nachkriegszeit voraus. Dass aber auch seine Beobachtungen Widersprüchliches offenbaren, hat Utz Maas (1984: 208 ff.) in einer wichtigen Untersuchung herausgearbeitet. Denn auch bei Klemperer finden sich Passagen, in denen er die Sprache des Nationalsozialismus als Gift, als Infektion des deutschen Volkskörpers usw. charakterisiert (vgl. ebd.: 215). Damit entsteht ein Topos, gegen den der Sprachwissenschaftler Maas sich mit Vehemenz wendet. Es entsteht so die Vorstellung einer kleinen Clique von perversen Nationalsozialisten, die es schafften, mithilfe der Macht des Wortes die Massen zu verführen und zu indoktrinieren. Dabei wird allerdings ausgeblendet, dass weite Teile der Bevölkerung ja zumindest keinen Widerstand geleistet hatten. Außerdem scheint es wenig plausibel, dass ein ganzes Volk den Propagandatricks einer kleinen Minderheit auf den Leim gegangen war.

Eine andere Sicht der Dinge als Klemperer vertraten Sternberger, Storz und Süskind in ihrem erstmals 1957 zusammenhängend veröffentlichten Wörterbuch des Unmenschen. Auf dieses Buch wird hier relativ ausführlich eingegangen, weil es sich dabei um eine folgenreiche Veröffentlichung der frühen Nachkriegszeit handelt, die auch für die deskriptive Linguistik und die Methoden der Politolinguistik von Bedeutung ist.9

Sternberger, Storz und Süskind wollten mit ihrem Wörterbuch vor allem nachweisen, dass das Vokabular der Nationalsozialisten inhuman sei. Durch seine „Ausmerzung“ versprachen sie sich, auch inhumane Denkweisen und aus ihnen resultierende Taten aus der Welt zu schaffen.

Das „Wörterbuch des Unmenschen“ war in der Zeitschrift „Die Wandlung“ bereits in den Jahren 1945/46 in fortlaufenden Artikeln erschienen und wurde 1957 erstmals in Buchform veröffentlicht. Man kann es als bundesrepublikanisches Pendant zu Klemperers LTI lesen (vgl. Schiewe 1998: 227). Schaut man sich die einzelnen Artikel an – das Buch enthält tatsächlich wie ein Wörterbuch Wortartikel in alphabetischer Reihenfolge –, dann ist man zunächst über die Auswahl erstaunt: Betreuung, durchführen, intellektuell, Kontakte, Gestaltung, Härte, organisieren sind Stichwörter, die in diesem Buch behandelt werden. Heutzutage verbinden wir diese Wörter nicht mit nationalsozialistischer Ideologie: Wir können eine Maßnahme durchführen, Kontakte pflegen, eine Veranstaltung organisieren usw. und finden an diesen Ausdrucksweisen nichts Unmenschliches. Andererseits fällt auf, dass Vokabeln, die wir auch heute noch für ideologisch belastet halten, wie z. B. Arier, Rasse, Blut und Boden, in diesem Wörterbuch nicht als Stichwörter verzeichnet sind.

Sternberger, Storz und Süskind hatten jedenfalls ein sehr ehrenwertes Anliegen, und zwar formulieren sie es in einer „Vorbemerkung“ zu ihrem Wörterbuch so:

So hat der Mensch auch als Unmensch seinen Wortschatz, seine eigentümliche Grammatik und seinen eigentümlichen Satzbau. Wir wollen hier seinem Wortschatz nachspüren und in der Sprache jeweils der Sache auf die Sprünge kommen, die sie bedeutet. […] Dieses Wörterbuch hat eine Aufgabe, die derjenigen der übrigen und gewöhnlichen Wörterbücher genau entgegengesetzt ist: es soll uns diese Sprache fremd machen… (Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 7)

Es geht in diesem Buch also um den Wortschatz, es geht um Wörter. Sternberger, Storz und Süskind haben eine zentrale These, die ihrem Wörterbuch zugrunde liegt. Sie lautet: Wörter sind nicht unschuldig. So schreiben sie etwa über das uns heute unverdächtig klingende Wort Lager:

Das Wort „Lager“, so harmlos es einmal war und wieder werden mag, können wir doch auf Lebenszeit nicht mehr hören, ohne an Auschwitz zu denken. (Ebd.: 11 f.)

Diese These, mit der eigentlich das ganze Buch steht und fällt, ist eine ziemlich weitreichende. Möglicherweise fällt uns, die wir alle nicht persönlich den Nazi-Sprachgebrauch erleben mussten, die Beurteilung einer solchen These nicht besonders schwer. Denken wir tatsächlich an die Vernichtungslager in Auschwitz (und anderswo), wenn wir das Wort Lager hören? Dies können wir wohl – zumindest für die heutige Zeit – ausschließen. Selbst die im Zitat gemachte zeitliche Einschränkung („auf Lebenszeit“) verliert an Gewicht, wenn man bedenkt, dass bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts der Ausdruck Endlösung unbefangen im politischen Kontext der Abstimmung über das Saarstatut als neutrale Vokabel verwendet wurde (vgl. Eitz/Stötzel 2007: 169 ff.).

Ähnliches gilt für Wörter wie Raum, gestalten und durchführen, die in diesem Kontext auch genannt werden (vgl. Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 11). Offensichtlich ist auch, dass Wörter wie Endlösung oder Sonderbehandlung (beides NS-Euphemismen für den Genozid an den europäischen Juden) heute und in Zukunft wieder verwendet werden können, ohne dass Assoziationen an den NSSprachgebrauch aufkommen oder gar ein Proteststurm losbricht. Ein nur flüchtiger Blick in die Presse macht dies deutlich. So berichtet beispielsweise Focus Online am 8. September 2010 über eine „Sonderbehandlung für Paris Hilton“10, während in der Online-Ausgabe der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG am 7. April 2011 ein „Jungenforscher“ gefragt wird: „Brauchen Jungen eine Sonderbehandlung?“11

Es scheint demnach zuzutreffen, „dass viele Wörter, die in der öffentlichen Sprachdiskussion als NS-Wörter fest etabliert waren, inzwischen von großen Teilen der Bevölkerung unbefangen verwendet werden“ (Dieckmann 2012: 156). Die These, dass Wörter nicht unschuldig seien – man kann sie in einem Atemzug mit der manchmal formulierten These nennen, dass Wörter „lügen“ können –, scheint uns heute kaum haltbar. Zumindest in gehörigem zeitlichem Abstand scheint es mehr oder minder unproblematisch, auch „belastete“ Vokabeln in entsprechenden Kontexten ohne politische Assoziationen zu verwenden.

Vor der Kritik an der Vorgehensweise des Wörterbuchs des Unmenschen soll jedoch die Herangehensweise der Autoren etwas ausführlicher dargestellt werden. Sternberger, Storz und Süskind gehen davon aus, dass es verschiedene Kategorien von Wörtern gibt, und zwar (vgl. Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 11 f.):

– von Haus aus harmlos, aber den Unmenschen dienlich: Raum, Lager

– geschichtlich bedeutungsträchtige Wörter, die von der Sprachgemeinschaft verraten wurden: intellektuell, Intellektuelle, Anliegen, Problem

– Neu- und Missbildungen sowie Umdeutungen: Menschenbehandlung, Ausrichtung, charakterlich, Kulturschaffende

– Wörter, die für unmenschlichen Gebrauch prädestiniert scheinen: betreuen.

Exemplarisch für die Vorgehensweise der Autoren können die Bemerkungen zum Wort betreuen stehen:

[…] Dieses „be-“ drückt nicht bloß ein selbstloses Hinzielen auf den Gegenstand aus wie die einfachen Transitiva „lieben“ und „schützen“, sondern eine Unterwerfung des Gegenstands, und darauf kommt es an. Dieses „be-“ gleicht einer Krallenpfote, die das Objekt umgreift und derart erst zu einem eigentlichen und ausschließlichen Objekt macht. Muster und Vorgänger sind: Beherrschen und Betrügen, Beschimpfen und Bespeien, Bestrafen, Benutzen, Beschießen, Bedrücken, auch Belohnen und Beruhigen. In allen diesen Fällen wird das Objekt, eben der Jemand, mindestens zeitweilig des eigenen Willens beraubt oder soll des eigenen Willens beraubt werden oder hatte seine Freiheit schon verloren […] (Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 31 f.)

Es hat nicht lange gedauert, bis sich auch Sprachwissenschaftler zu den Thesen von Sternberger, Storz und Süskind geäußert haben. Diese Kontroverse zwischen Sprachkritikern und Sprachwissenschaftlern ist über viele Jahre geführt worden und hat schließlich sozusagen zum „Abbruch der Beziehungen“ geführt.

Sehen wir zunächst einmal, was aus linguistischer Sicht zum Befund, den wir dem Wörterbuch des Unmenschen entnehmen können, zu sagen ist. (Nur am Rande sei dazu angemerkt, dass mit einer linguistischen Kritik natürlich nicht die zweifellos ehrenwerten Motive der damaligen Sprachkritiker infrage gestellt werden können. Allerdings dürfen auch honorige Motive nicht dazu führen, dass die sachlich-methodischen Gesichtspunkte nicht mehr offen diskutiert werden können.)

Linguisten würden gegenüber dem Wörterbuch des Unmenschen betonen, dass man Wörtern nicht vorwerfen kann, dass sie unmenschlich etc. seien. Zweifelsohne können mit bestimmten Vokabeln unmenschliche Handlungen kaschiert, beschrieben oder auch ausgeführt werden. Aber es sind doch immer die Sprecher, die sich dieser Wörter bedienen, um zu verurteilen, zu morden oder auch zu beschützen und zu retten. So kennen wir alle das Phänomen, dass Wörter sozusagen durch unmenschlichen Gebrauch kontaminiert, belastet sind – etwa im Deutschen das Wort Führer oder auch Konzentrationslager. Diese Ausdrücke verbinden wir mit dem nationalsozialistischen Regime und seiner Politik, eben weil sie von dem entsprechenden Personenkreis immer wieder verwendet wurden. Deshalb werden sensible Sprecher auch heute noch sehr vorsichtig mit der Verwendung solcher Wörter sein, und es ist auch kein Zufall, dass niemand auf die Idee gekommen ist, beispielsweise Asylbewerberheime als Konzentrationslager zu bezeichnen – außer in polemischer Absicht. Trotzdem wird man festhalten müssen, dass man den Vokabeln als solchen keine Attribute wie unmenschlich oder lügnerisch bescheinigen kann – diese Eigenschaften kommen allenfalls den jeweiligen Sprechern zu, wenn sie solche Ausdrücke zur Verschleierung ihrer Machenschaften verwenden.

Eine andere Kritik hat bereits in den 60er Jahren der Germanist Herbert Kolb unter dem Titel „Der inhumane Akkusativ“ vorgebracht. Auch diese Kritik ist in den neueren Auflagen des Wörterbuchs des Unmenschen abgedruckt. Sie soll hier wiederholt werden, weil sie auf eine Gefahr aufmerksam macht, der Linguisten auch heute noch ausgesetzt sind, der Gefahr nämlich, anhand von Beispielen gleich eine linguistische Theorie zu entwerfen. Häufig stellt sich jedoch schnell heraus, dass es genauso viele Gegenbeispiele gibt, die die schöne eigene Theorie widerlegen.

Die Theorie aus dem Wörterbuch sagte ja nichts weniger aus, als dass die sogenannten be-Verben, die ein Objekt im Akkusativ fordern, eben dieses Objekt in ein Unfreiheits-Verhältnis setzen. Die Beispiele machten dies ja auch mehr oder minder (bei belohnen und beruhigen) plausibel.

Kolb schreibt zu dieser These:

Ein Vorzug der be-Verben liegt darin, daß sie die Nennung der (akkusativierten) Person verlangen, die der präpositional damit verknüpften (,instrumentalisierten‘) Sache aber freistellen. Man kann sagen: er beliefert die Kundschaft – und muß nicht sagen: er beliefert die Kundschaft mit Ware; man kann sich begnügen mit der Angabe: er beschenkte seine Kinder – und braucht nicht hinzuzufügen: …mit Spielzeug. […] Möchte man also das sachliche Objekt nicht benennen oder hält man seine Nennung für überflüssig, so ist man geradezu auf das be-Verb angewiesen. Und diese Fälle sind beim Sprechen, in der gesellschaftlichen Konversation, im diskreten Mitteilen gewiß zahlreich, daß ich ausdrücken möchte, daß ich liefere und wem ich liefere, aber nicht, was ich liefere; daß ich schenke und wem ich schenke, nicht aber, was ich schenke. (Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 236 f.)

Kolb (ebd.: 245) gelangt zu dem Schluss, dass der Akkusativ weder inhuman noch human sei, sondern lediglich eine ...

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