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UTB 4567

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PsychoMed compact – Band 9

Die Reihe wurde begründet von Prof. Dr. Hans Peter Rosemeier (†) und Prof. Dr. Nicole von Steinbüchel; sie wird herausgegeben von Prof. Dr. Elmar Brähler und Prof. Dr. Nicole von Steinbüchel.

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Inhalt

Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches

Vorwort

1      Alter und Altern

1.1   Definition von Alter und Altern

1.2   Zusammenfassung

1.3   Fragen zum Kapitel

2      Theorien des Alterns

2.1   Altern aus Sicht der Biologie

2.2   Altern aus Sicht der Psychologie: ein lebenslanger Entwicklungsprozess

2.3   Zusammenfassung

2.4   Fragen zum Kapitel

3      Methoden der Altersforschung

3.1   Untersuchungsdesigns

3.2   Methoden der Datengewinnung auf der Verhaltensebene

3.3   Methoden der Hirnforschung

3.4   Zusammenfassung

3.5   Fragen zum Kapitel

4      Physisches Altern

4.1   Sensorische Funktionen

4.2   Motorische Funktionen

4.3   Herz-Kreislauf-Funktionen

4.4   Zusammenfassung

4.5   Fragen zum Kapitel

5      Altern des Gehirns und Neuroplastizität

5.1   Einführung in den Aufbau des Gehirns

5.2   Veränderungen des Gehirns über die Lebensspanne

5.3   Strukturelle und physiologische Veränderungen des Gehirns

5.4   Alterungsprozesse führen zu Veränderungen in der Funktionsweise des Gehirns

5.5   Die Plastizität des Gehirns ermöglicht Kompensation

5.6   Zusammenfassung

5.7   Fragen zum Kapitel

6      Psychologisches Altern: Kognition

6.1   Das Zwei-Komponenten-Modell der Intelligenz

6.2   Einflussfaktoren auf kognitive Leistungen

6.3   Alterseffekte auf kognitive Funktionen

6.4   Zusammenfassung

6.5   Fragen zum Kapitel

7      Psychologisches Altern: Persönlichkeit, Emotion und Motivation

7.1   Persönlichkeit

7.2   Emotion und Motivation

7.3   Zusammenfassung

7.4   Fragen zum Kapitel

8      Pathologisches Altern

8.1   Körperliche Erkrankungen im Alter

8.2   Psychische Erkrankungen im Alter

8.3   Zusammenfassung

8.4   Fragen zum Kapitel

9      Interventionen für erfolgreiches Altern

9.1   Gesundheitsverhalten – das Präventionspotential des Lebensstils

9.2   Körperliche Aktivität zur Förderung der Kognition

9.3   Ausgewogene Ernährung als Maßnahme zur Förderung der Kognition

9.4   Kognitives Training zur Förderung der Kognition

9.5   Zusammenfassung

9.6   Fragen zum Kapitel

10    Das alternde Individuum im Kontext

10.1 Alter(n) und Arbeit

10.2 Alter(n) und Gesellschaft

10.3 Zusammenfassung

10.4 Fragen zum Kapitel

Anhang

Glossar

Linksammlung

Literatur

Sachregister

Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches

Zur schnelleren Orientierung werden in den Randspalten Piktogramme benutzt, die folgende Bedeutung haben:

    images Merksatz
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Literaturempfehlung

images Begriffserklärung, Definition
    images Beispiel
images Forschungen, Studien
images Fragen zur Wiederholung am Ende des Kapitels

Vorwort

Was ist Alter und Altern? Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gewinnt diese Frage zunehmend an Bedeutung, für die alternden Menschen selbst, aber auch für Familienangehörige, pflegende und betreuende Personen und für alle anderen, die beruflich und privat mit älteren Menschen, mit Alter und mit Altern zu tun haben. Während manche eher die Entwicklung hin zu einer alternden Gesellschaft mit immer mehr dementen und pflegebzw. betreuungsbedürftigen Menschen betonen, zeichnen andere ein eher positives Bild des bis ins hohe Alter gesunden, aktiven und auch sozial engagierten älteren Menschen. Welches Bild vom Alter und vom Altern ist realistischer? Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. Wie wir heute wissen, ist Altern ein hochgradig individueller Prozess mit Gewinnen und Verlusten auf biologischer und psychologischer Ebene, der zudem von genetischen Faktoren genauso beeinflusst wird, wie vom eigenen Verhalten und dem gesellschaftlichen Umfeld. Das bedeutet aber auch, dass sich das eigene Altern sowohl positiv als auch negativ beeinflussen lässt.

Mit diesem Lehrbuch wollen wir deshalb einen verständlichen Überblick über die aktuellen Erkenntnisse zu den biologischen und psychologischen Grundlagen und Mechanismen des Alterns geben und auf dieser Basis Ansatzpunkte für ein erfolgreiches und gesundes Altern im Sinne der Lebensspannenpsychologie aufzeigen. Das Buch integriert zu diesem Zweck Theorien, aktuelle empirische Befunde und Anwendungsbeispiele aus verschiedenen Disziplinen der modernen Altersforschung (z. B. Biologie, Neuro- und Bewegungswissenschaften, Psychologie). Wir beschränken uns dabei nicht auf das geistige Altern, sondern verstehen Alterns- und Entwicklungsprozesse als die Interaktion von Körper und Geist. Aus diesem Grund räumen wir den körperlichen Alternsprozessen und ihrer Bedeutung für das erfolgreiche Altern in diesem Buch ausreichend Platz ein. Auch die Rolle des sozialen Kontexts (Arbeit, Familie, Gesellschaft) für die Altersentwicklung wird thematisiert. Schließlich werden gesundes und erfolgreiches Altern von pathologischen Alternsprozessen und im Alter häufig auftretenden Krankheiten abgegrenzt.

Wir möchten mit diesem Buch eine Lücke schließen, die uns während unserer langjährigen lehrenden, wissenschaftlichen und beratenden Tätigkeit bewusst wurde. Das Buch ist an einen breiten Leserkreis von Studierenden, Dozenten und Praktikern in den Fächern Psychologie, Neurowissenschaften, Gerontologie, Bewegungs- und Sportwissenschaft, Medizin oder auch Physiotherapie und Pflegewissenschaften gerichtet. Leser ohne Grundlagenkenntnisse in Biologie und Psychologie werden ebenso angesprochen wie Studierende im Aufbaustudium oder Dozentinnen und Dozenten, die sich einen Überblick über das Forschungsgebiet verschaffen wollen. Das Buch ist somit sowohl für die universitäre Lehre in Bachelor- und Masterprogrammen als auch für die praxisnahe Ausbildung geeignet.

Wie auch immer Sie dieses Buch nutzen – ob als studentische Pflichtlektüre, zur beruflichen Weiterbildung oder als interessierter und mit Sicherheit irgendwann einmal mit dem Altern konfrontierter Laie – wir hoffen, Ihnen damit die unterschiedlichen Perspektiven auf das Alter(n) näherbringen zu können.

Zu guter Letzt geht unser Dank an den Ernst Reinhardt Verlag, insbesondere an Frau Ulrike Landersdorfer, und an die vielen Helferinnen und Helfer, die mit der Korrektur und Zuarbeit zur Entstehung dieses Buches beigetragen haben.

März 2016
Ben Godde, Claudia Voelcker-Rehage, Bettina Olk

1 Alter und Altern

Alter(n) ist mit einer Reihe körperlicher und kognitiver Funktionseinbußen sowie mit Veränderungen der Persönlichkeit und der sozialen Beziehungen verbunden. Altern birgt aber nicht nur Defizite und damit auftretende Probleme, es ist auch durch Kompetenzen, Potenziale und Chancen gekennzeichnet. Dementsprechend wird seit den 1970er-Jahren das Stereotyp eines durch Defizite und Verluste geprägten Alter(n)s von der Entwicklungsforschung und der Gerontologie als zu einseitig und unvollständig zurückgewiesen und durch ein differenzierteres Altersbild ersetzt, das auch die Facette des „produktiven“ und „erfolgreichen“ Alter(n)s umfasst. Neben den unbestrittenen Krisen und Verlusten werden in dieser Sicht auf das Alter(n) auch die Chancen und Optionen eines erfolgreichen Alterns betont. Natürlich verschiebt sich die Balance zwischen Zugewinn und Abbau, besonders im hohen Alter (ab ca. 80 Jahren), zugunsten des Letzteren. Aber dennoch kann eine gesunde ältere Person nach dem Renteneintritt noch einige gesunde Lebensjahrzehnte erwarten, verbunden mit einer Reihe körperlicher und kognitiver Herausforderungen, aber auch vielen neuen Erfahrungen.

1.1 Definition von Alter und Altern

Altern als unidirektionaler Prozess

Die traditionelle, bis in die 1960er Jahre dominierende biologische Perspektive auf das Altern beschreibt dieses als eine Phase zunehmender Seneszenz und stellt es der Reifung in der frühen Entwicklungsphase und einer Phase relativer Stabilität im frühen und mittleren Erwachsenenalter gegenüber. Demzufolge wäre das Altern ein unidirektionaler Prozess, der durch einen Verlust an biologischen und psychologischen Funktionen gekennzeichnet ist.

Altern als lebenslanger Prozess

Diesem Ansatz wurde in der Mitte des letzten Jahrhunderts die von K. Warner Schaie, Paul B. Baltes, James E. Birren, John R. Nesselroad und anderen begründete Lebensspannenperspektive gegenübergestellt. Damit veränderte sich die Entwicklungsforschung insbesondere in der Psychologie. Die bis dahin vorherrschende biologisch- und psychologisch-reduktionistische und an Altersgruppen ausgerichtete Sichtweise wurde abgelöst. Im Mittelpunkt steht die Erforschung der Entwicklung über die Lebensspanne und der Interaktion von biologischen und kulturellen Faktoren mit individuellem Verhalten (Lerner & Overton, 2010). Dieser Ansatz beruht auf der Beobachtung, dass Entwicklungsprozesse über die Reifung hinaus das ganze Leben lang bis zum Tod andauern können. Demzufolge ist Altern ein lebenslanger Entwicklungsprozess, der durch Veränderungen gekennzeichnet ist, die mehr oder weniger zwangsläufig mit zunehmendem Alter auftreten. Diese Veränderungen sind in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich stark ausgeprägt und geschehen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Altern beginnt also nicht etwa erst in der Lebensmitte oder gar am Ende des Lebens und Entwicklung ist nicht auf den Anfang des Lebens beschränkt (Baltes, 1990). Obwohl innerhalb einer Spezies alle Individuen ähnliche und vorhersagbare Entwicklungsschritte durchlaufen, führt die Tatsache, dass mit zunehmendem Alter die Umwelt einen immer größer werdenden Einfluss auf Entwicklungs- und Alterungsprozesse bekommt, zu einer hohen Individualität dieser Entwicklungs- und Alternsprozesse.

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Nach Johnson und deHaan (2011) ist genetisch und evolutionär bedingt ein Teil der Entwicklungsprozesse für alle gleich. Ein anderer, sehr vom sozialen Umfeld abhängiger Teil ist für Personen in diesem Umfeld sehr ähnlich. Ein dritter Teil schließlich hängt vom individuellen Umfeld und dessen Einflüssen ab. Alle drei Teile bestimmen unsere Individualität.

Dabei ist das soziale Umfeld zum Beispiel der Ort, in dem man lebt, die Schule, die Einkommensstruktur. Das individuelle Umfeld betrifft Personen im selben sozialen Umfeld unterschiedlich: die eigene Familienstruktur, der Freundeskreis, das eigene Einkommen.

Plastizität von Altern und Entwicklung

Nach Hertzog et al. (2008) wird der individuelle Altersverlauf durch die biologisch-physiologischen, psychologischen und kulturellen Ressourcen bestimmt, die uns zur Verfügung stehen. Auch der eigene Lebensstil, das Ernährungsverhalten und die berufliche Tätigkeit beeinflussen das Altern. Das Altern ist also plastisch, d. h. sein Verlauf und damit der Zeitpunkt, zu dem Funktionseinbußen im Alltag wirksam werden, kann positiv und negativ beeinflusst werden (Abbildung 1.1).

Die Begriffe Alter und Altern sind dabei zu unterscheiden. Altern beschreibt die zeitgebundenen Veränderungsprozesse eines Menschen, die sich aus der Wechselwirkung von biologischen Prozessen, Umwelteinflüssen und individuellen Entscheidungen ergeben. Das Alter hingegen bezeichnet einen Zustand zu einem gegebenen Zeitpunkt und ist folglich als Ergebnis des Alterns oder der Entwicklung zu verstehen. Die Vielgestaltigkeit der Einflüsse, aus denen sich das Altern speist, führt über den Lebensverlauf zu wachsenden Unterschieden zwischen den Menschen und reduziert damit den Informationswert des kalendarischen Alters (Kapitel 2).

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Abb. 1.1: Plastizität von Entwicklungsverläufen und ihre Beeinflussbarkeit durch interne und externe Ressourcen (nach Hertzog et al., 2008). Gezeigt sind vier Beispiele (A – D) für mögliche hypothetische Entwicklungsverläufe.

Normative und nicht-normative Einflüsse

In der Lebensspannenpsychologie spricht man von normativen und nicht-normativen Determinanten von Entwicklungs- und Altersverläufen. Normative altersbedingte Einflüsse sind Faktoren, die alle Individuen eines bestimmten Alters in ähnlicher Weise betreffen (z. B. biologische Reifung, Hörverlust im Alter, Verlangsamung der Informationsverarbeitung im Gehirn). Normative historisch-bedingte Einflüsse sind Faktoren, die mit bestimmten historischen Ereignissen oder Perioden verknüpft sind bzw. in historischen Perioden auftreten (z. B. durch Kriege). Nicht-normative oder idiosynkratische Faktoren sind individuelle Lebensereignisse (z. B. Unfälle, Heirat, Beruf).

Intrinsische und extrinsische Faktoren

In der biologischen Altersforschung wird eher von intrinsischen und extrinsischen Faktoren gesprochen, die das Altern beeinflussen. Unter intrinsischen Faktoren verstehen wir unveränderliche mit einer Person verknüpfte Faktoren, wie z. B. genetisch festgelegte Eigenschaften und Prozesse. Extrinsische Faktoren werden noch einmal unterteilt in Lebensstile oder Verhaltensweisen (z. B. Ernährung, körperliche Aktivität, Stress) und Umweltfaktoren (z. B. Umweltgifte, Temperatur, Traumata).

Primäres und sekundäres Altern

In diesem Zusammenhang spricht man auch von primärem und sekundärem (biologischem) Altern. Das primäre Altern wird als ein Prozess betrachtet, der überwiegend genetisch gesteuert wird. Er ist von intrinsischen Faktoren abhängig und trotz guter Gesundheit und der Abwesenheit von Krankheiten üblicherweise mit dem Älterwerden eng verknüpft. Sekundäres Altern demgegenüber wird durch die externen Faktoren bestimmt. Demzufolge treten primäre Alterseffekte eher zwangsläufig mit dem Älterwerden auf, während sekundäre Alterseffekte häufig durch entsprechende Maßnahmen und Verhaltensweisen vermieden oder zumindest verringert werden können.

Nature-Nuture-Debatte

Der wechselseitige Einfluss von internen und externen Faktoren auf das Altern und die Entwicklung kommt auch in der sogenannten „Nature-Nuture“-Debatte zum Ausdruck. Hierbei geht es darum, wie hoch im Verhältnis zu Umwelteinflüssen der Einfluss der genetischen Information auf die Entwicklung ist. Besonders heftig diskutiert wird diese Frage seit Jahrzehnten in Bezug auf die Intelligenz. Mal sehen sich die Befürworter einer starken Rolle der Genetik bestätigt, z. B. durch Zwillingsstudien, mal schlägt das Pendel eher zur Seite der Verfechter starker Umwelteinflüsse aus. Was wir jedoch mit Sicherheit heute wissen ist, dass beide Faktoren die Entwicklung, auch beispielsweise der Intelligenz, maßgeblich beeinflussen.

Mehrdimensionalität

Das Alter und Altern sind nicht einsondern mehrdimensional. So lässt sich beispielsweise das kalendarische (oder chronologische) Alter vom biologischen, psychologischen, sozialen und subjektiven Alter unterscheiden. Während das biologische (oder auch funktionale) Alter(n) vor allem die biologischen und physiologischen Funktionen und Prozesse im Körper betrifft, umfasst das psychologische Altern Facetten wie etwa die Entwicklung und Alterung des Geistes, der Persönlichkeit oder auch der sozialen Bezogenheit (Kessler et al., 2010). Das soziale Alter hingegen bezeichnet die Zugehörigkeit zu einer Alterskategorie und drückt die damit einhergehende Übernahme oder den Verlust von altersgebundenen Rollen und Positionen aus (Settersten & Mayer, 1997).

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Im Arbeitskontext wird die Kategorie „alt“ anders als im Alltag vergeben. Man würde im Alltag niemals eine 50-jährige Person als alt bezeichnen. Im Arbeitskontext passiert dies jedoch schon ab einem Alter von 45 Jahren (Kessler et al., 2010).

Das subjektive Alter schließlich beschreibt, ob ich mich selbst jünger oder älter fühle, als es meinem tatsächlichen kalendarischen, biologischen, psychologischen oder sozialen Alter entspricht, und wird häufig im Vergleich zu Personen gleichen kalendarischen Alters bestimmt.

Der subjektiven Wahrnehmung des Alters, die weder mit dem kalendarischen noch dem biologischen, psychologischen oder sozialen Alter übereinstimmen muss, kommt in Bezug auf die Lebenszufriedenheit, die eigene Produktivität und sogar auf die Lebenserwartung eine große Bedeutung zu (Staudinger, 1996; 2008). Wir schätzen jedoch nicht nur unser eigenes Alter, sondern auch das anderer Personen ein und haben Vorstellungen darüber, was das Altern mit uns selbst macht, und durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Altern mit anderen im Allgemeinen macht.

Mehrdirektionalität

Lange Zeit wurde Altern als ein eher eindimensionales Phänomen des biologischen Abbaus betrachtet. Die unterschiedlichen Alternsdimensionen weisen aber durchaus unterschiedliche Verläufe auf. So zeigen viele biologische Funktionen absteigende Verläufe, wohingegen zum Beispiel manche Persönlichkeitsmerkmale, soziale Kompetenz oder auch Erfahrung positive Verläufe oder Stabilität aufweisen. Anstatt früherer, eher defizitorientierter Sichtweisen, dominieren deshalb heute differenziertere Annahmen zur Multidimensionalität und Multidirektionalität der menschlichen Entwicklung. Diese betonen, dass die menschliche Entwicklung zu jedem Alter durch Gewinne und Verluste gekennzeichnet ist. Nach Baltes (1987) verändert sich allerdings mit zunehmendem Alter das Verhältnis zwischen beiden zu Ungunsten der Gewinne.

Die Multidirektionalität und -dimensionalität des Alterns kann am Beispiel der Kognition verdeutlicht werden. Wie in Kapitel 6 dargestellt ist, lassen sich für verschiedene Dimensionen der Kognition unterschiedliche Entwicklungsverläufe beschreiben, die entweder durch einen Abbau im Alter (z. B. Verarbeitungsgeschwindigkeit, Arbeitsgedächtnis) oder durch Stabilität und Zuwachs (z. B. sprachliche Fertigkeiten, Wissen) gekennzeichnet sein können.

Variabilität

Altern und Entwicklung weisen aber nicht nur ein hohes Maß an Multidimensionalität und Multidirektionalität auf, sondern auch eine große Variabilität. Diese kennzeichnet das Ausmaß, in dem die Leistung oder andere Merkmale eines Einzelnen oder einer Gruppe stabil sind. Die Differenzierung unterschiedlicher Lebensverläufe und die damit im Zusammenhang stehende Verschiedenheit von Fähigkeiten bei älteren Menschen sind in unserer alternden Gesellschaft von hoher Bedeutung. Diese Variabilität im Alter und die damit im Zusammenhang stehenden positiven oder negativen Veränderungen in den individuellen Fähigkeiten bergen auch individuelle Entwicklungspotenziale. Variabilität liegt aber nicht nur zwischen verschiedenen Personen vor (interindividuelle Variabilität), sondern auch zwischen und innerhalb von einzelnen Funktionsbereichen einer Person (intraindividuelle Variabilität).

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Interindividuelle Variabilität (Diversität) spiegelt Unterschiede zwischen Personen wider. Intraindividuelle Variabilität bezeichnet Unterschiede innerhalb einer Person in unterschiedlichen Dimensionen oder Facetten (Dispersion) oder innerhalb einer Dimension zu verschiedenen Zeitpunkten (Inkonsistenz) (Bunce et al., 2004).

Auch Entwicklungsverläufe zeigen eine hohe interindividuelle Variabilität. So bleibt die kognitive Leistungsfähigkeit bei manchen Menschen bis ins hohe Alter stabil oder nimmt sogar noch zu, während sie bei anderen nach einem Höhepunkt im jungen Erwachsenenalter stetig abnimmt. Abbildung 1.2 zeigt beispielhaft, anhand der Daten der Seattle Longitudinal Study zum kognitiven Altern (Schaie, 2005), dass auch im hohen Alter von über 80 Jahren die Hälfte der Teilnehmer und Teilnehmerinnen noch Stabilität oder sogar Zugewinne in der Leistungsfähigkeit aufweisen.

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Abb. 1.2: Anteil von untersuchten Personen, die entweder Stabilität, Abbau oder Zuwachs in kognitiver Leistung über einen Zeitraum von sieben Jahren zeigten (nach Schaie, 2005).

Die Betrachtung der intraindividuellen Variabilität gewinnt vor allem in der neurokognitiven Altersforschung zunehmend an Bedeutung, da die kognitive Leistung älterer Erwachsener häufig eine höhere Inkonsistenz aufweist als die jüngerer Personen und dies mit kognitiven Leistungseinbußen einher geht (MacDonald et al., 2003).

1.2 Zusammenfassung

Entwicklung und Altern sind lebenslange Prozesse, wobei Altern selbst als Entwicklungsprozess angesehen wird. Das Alter besteht neben dem kalendarischen oder chronologischen Alter aus vielen weiteren Facetten, wie dem biologischen Alter, dem psychologischen Alter, dem sozialen Alter oder dem subjektiven Alter, die innerhalb eines Individuums sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Der Alternsprozess wird durch die Wechselwirkung von internen Faktoren (z. B. Genetik, Biologie), Verhaltensweisen und Lebensstilen (z. B. Ernährung, Aktivität, Beruf) und externen Faktoren (soziales Umfeld, sozioökonomischer Status) bestimmt. Dieser Prozess ist multidimensional, multidirektional, variabel und plastisch, d. h. beeinflussbar.

1.3 Fragen zum Kapitel

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1. Wie wird Alter und Altern aus der traditionellen biologischen Perspektive verstanden?

2. Wie wird Alter und Altern aus der Perspektive der Lebensspannenpsychologie verstanden?

3. Welche Faktoren beeinflussen den individuellen Altersverlauf?

4. Was unterscheidet „Alter“ von „Altern“?

5. Was ist primäres und sekundäres Altern?

6. Worum geht es bei der „Nature-Nurture-Debatte?

7. Was versteht man unter der Multidimensionalität des Alters?

8. Was versteht man unter der Multidirektionalität des Alters?

9. Welche Arten der Variabilität von Altersverläufen gibt es?

2 Theorien des Alterns

Im folgenden Kapitel wird Altern aus Sicht der Biologie und der Psychologie dargestellt. Auf soziale und soziologische Theorien des Alterns sei hingewiesen (Bengtson, 2008). Diese werden aber aufgrund des biologisch-psychologisch orientierten Ansatzes dieses Buches nicht besprochen.

Im Sinne der Biogerontologie wird der Alternsprozess als die Summe an Veränderungen definiert, die zu einem Funktionsverlust von Zellen, Geweben und Organen und in letzter Konsequenz zum Tod führen (Hayflick, 2007). Biologisches Altern wird somit als ein Abbauprozess Altern als Abbauprozess verstanden, der mit dem Abschluss der ontogenetischen Entwicklung (oder Maturation) beginnt und zwangsläufig und irreversibel ist.

Altern als Entwicklungsprozess

Psychologische Theorien beschäftigen sich dagegen vor allem mit Veränderungen von Kompetenzen im physischen, psychischen und sozialen Bereich über die gesamte Lebensspanne. Dabei wird auch das Altern als Entwicklungsprozess aufgefasst, der je nach Betrachtungsebene multidirektional und multidimensional verläuft und durch positive und negative Veränderungen (Plastizität) gekennzeichnet ist (Kapitel 1).

Diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen schließen sich keineswegs gegenseitig aus, sondern beschreiben jeweils unterschiedliche Schwerpunkte in der Betrachtung des Entwicklungs- bzw. Alternsprozesses.

2.1 Altern aus Sicht der Biologie

Wann beginnt das biologische Altern?

Maturation, Reproduktion und Altern

Im Rahmen biologischer Alternstheorien werden hauptsächlich drei Lebensphasen unterschieden: Während der Kindheits- und Jugendentwicklung (Ontogenie) werden Veränderungen im Sinne von Wachstums- und Reifungsprozessen (Maturation) interpretiert, die der Ausbildung und Perfektionierung von körperlichen Funktionen dienen. In dieser Phase werden Veränderungen also positiv gedeutet. Daran schließt sich eine Phase der Stabilität und Reproduktion an, die als adulte Form bezeichnet wird und im Vergleich zu den anderen beiden Phasen nur wenige Jahre andauert.

Bereits im Alter von 25 – 30 Jahren folgt die sogenannte Postentwicklungsphase (Postontogenie). In dieser Phase, so die Annahme, sind (biologische) Wachstums- und Entwicklungsprozesse abgeschlossen und das biologische Altern beginnt. Altern wird damit eindeutig von Entwicklung und Lernen abgegrenzt, wie es im Rahmen von psychologischen Alterstheorien (Kapitel 6: Psychologisches Altern) diskutiert wird.

In Ansätzen wird versucht, biologische und psychologische Alter(n)stheorien zu integrieren und auch mit sozialen bzw. soziologischen Theorien in Beziehung zu setzen. Somit wird auch das biologische Altern zunehmend als Entwicklungsprozess mit Verlusten, Stabilität und Gewinnen in verschiedenen Funktionsbereichen aufgefasst (Kapitel 5). Der Einfachheit halber und zum besseren Verständnis orientieren wir uns in diesem Kapitel jedoch am traditionellen Begriff des biologischen Alter(n)s.

Seneszenz

Altersveränderungen auf Ebene der Zelle, Gewebe oder Organe sind in der Regel schädlich für den Organismus und können mit späteren Funktionseinbußen verbunden sein, ohne allerdings notwendigerweise zu Krankheiten führen zu müssen. Mehren sich diese physiologischen Abbauprozesse und sind primäre und sekundäre Altersveränderungen (Kapitel 1) mit ausgeprägten Funktionseinbußen verbunden oder führen zu Krankheiten, spricht man auch von einem Status der Seneszenz. Dieser wird in der Regel im höheren Alter erreicht.

Menschen werden immer älter

Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich an (Abb. 2.1). Durch bessere medizinische Versorgung und verbesserte Lebensumstände lässt sich nach Fries (2005) die Morbidität aber länger hinauszögern als die Mortalität. Die Phase der Seneszenz wird also kürzer („Compression of morbidity“).

Inter- und intraindividuelle Variabilität

Abbildung 2.2 fasst exemplarisch Altersveränderungen in verschiedenen Organen und Körperfunktionen zusammen. Dabei sollte (wie bereits in Kapitel 1 angesprochen) berücksichtigt werden, dass die dargestellten Veränderungen Mittelwerte beschreiben und die individuellen Veränderungen deutlich nach oben oder unten von diesen Mittelwerten abweichen können (interindividuelle Variabilität). Auch laufen einzelne biologische Alterungsprozesse nicht alle zur gleichen Zeit und auch nicht gleich intensiv ab (intraindividuelle Variabilität).

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Abb. 2.1: Verbleibende Lebenserwartung von Neugeborenen und 70-Jährigen in Deutschland 1881 – 2010 (Statistisches Bundesamt, o. J.). Die Zunahme der Lebenserwartung von Neugeborenen bis in die 1960er Jahre beruht vor allem auf einer Abnahme der Säuglingssterblichkeit. Seitdem nimmt die verbleibende Lebenserwartung von Neugeborenen (durchgezogene Linie) wie auch von Menschen jenseits der 70 (gepunktete Linie) stetig zu.

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Abb. 2.2: Die Leistungsfähigkeit der Organe des menschlichen Körpers eines 75-Jährigen im Vergleich zu einem 30-Jährigen (in Prozent) (nach Hahn, 1998).

Biologische Alternstheorien

Biologische Alter(n)stheorien versuchen entweder das „Warum“ (ultimate Theorien) des Alterns zu erklären oder das „Wie“ (proximate Theorien; Abbildung 2.3). Diesen zwei Perspektiven können wiederum zahlreiche Einzeltheorien zugeordnet werden (Ho et al., 2008). Mittlerweile wird allerdings davon ausgegangen, dass es nicht die eine biologische Alter(n)stheorie gibt, mit der alle Alter(n)sphänomene erklärt werden können und die eine befriedigende Antwort auf die Frage liefert, was darüber entscheidet, wie alt wir werden und wie alt wir werden könn(t)en. Die Theorien des Alterns bilden vielmehr ein Mosaik. Altern ist dabei eher das Resultat der Interaktion verschiedener Charakteristika und Prozesse als das eines einzelnen Prozesses (siehe auch „Nature-Nuture“-Debatte, Kapitel 1).

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Biologische Alternstheorien bilden ein Mosaik an Erklärungsansätzen für das wie und warum des Alterns.

Warum altern wir?

Ultimate Theorien verstehen Altern aus Sicht der Evolutionstheorie als Ergebnis eines deterministischen Programms und fragen nach dem „Warum“. Gründe für ein solches evolutionär entstandenes genetisches Alterungsprogramm sind in Fortpflanzungs- und Rekombinationsstrategien und in Strategien zur Begrenzung der Population zu sehen. Mit der Fortpflanzung auftretende Rekombinationen des Erbguts erlauben eine selektive Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen. Um eine Überpopulation zu vermeiden, sind dabei schnellere Zyklen des Generationswechsels mit kürzeren Lebensspannen, also früherer Alterung korreliert (Ho et al., 2008). Die Mehrzahl der Theorien dieser Perspektive befasst sich mit der Wirkung von Genen auf das biologische Altern im Sinne eines programmierten Zelltods oder von Genen, deren Produkte das Altern beschleunigen oder hinauszögern. Sie werden deshalb auch als Theorien des programmierten Alterns bezeichnet.

Wie altern wir?

Proximate Theorien fragen nach dem „Wie“ und sehen das Altern in der Regel als Folge stochastischer Abbau- und Schädigungsprozesse über die Zeit. In diesem Sinne ist Altern und schließlich Tod eine Folge abnehmender Reparaturkapazität für akkumulierende Fehler und Schäden auf zellulärer Ebene. Sie werden deshalb auch unter den Schadens- oder Schädigungstheorien zusammengefasst. Es besteht dabei keine einheitliche Systematik. Die proximaten Theorien beleuchten Altern auf unterschiedlichen Ebenen, wobei molekulare Theorien überwiegen. Auch sind die gleichen Theorien z. T. mit unterschiedlichen Namen belegt. Derzeit existieren etwa 300 Alternstheorien (Beyer, 1997), die jeweils unterschiedliche Phänomene des Alternsprozesses auf unterschiedlichen Ebenen von der Einzelzelle bis zu Funktionssystemen aufgreifen oder beschreiben.