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Einfach Schicksal

Über die Autorinnen

Cat Patrick hat bereits verschiedene Romane veröffenlticht. Im Boje-Programm ist ihr Titel Die fünf Leben der Daisy West erschienen.

Suzanne Young arbeitet als Lehrerin. Auch sie hat schon mehrere Jugendbücher veröffentlicht.

BASTEI ENTERTAINMENT

Zur Erinnerung an unsere Großmütter

Josephine, Lora und Mary,

die uns geliebt haben

– egal welchen Weg wir einschlugen

No trees in sight, just concrete

Still I see

Two roads twist and turn in front of me

No signs, but screams

Which way’s reality?

So you choose; yeah, you choose

Maybe you lose

The sidewalk paved in hitches

Broken hearts not fixed by stitches

But morning’s coming soon

No right in sight, just questions

And you find

There is no map to Mecca

It’s just life

No right answer; perfect marks

It’s no big deal; it’s just your heart

Falling stars and lightning sparks

This will only sting a bit

We are all just

Magnets for fate

Stumbling, skipping, running at our pace

Making choices, losing voices

Making wishes for forgiveness

But morning’s coming soon.

And no matter where you sit, how fast you sip

The coffee tastes the same on magnet lips

Magnets for Fate

Electric Freakshow

1

Genau sechzehn Minuten vor Ende der Mathestunde klopft es leise an die Tür und alle blicken auf. Durch das Fenster zum Gang sehe ich die Schulsekretärin mit dem krausen Haar. Sie steht dort so unbeholfen, als hätte sie vor sich selbst Angst.

Neugierig verfolgen wir, wie Mr Pip zur Tür schlurft. Beim Gehen wischt er sich über die ständig schweißnasse Stirn. Er öffnet die Tür nur ein kleines Stück und wahrscheinlich würde sich niemand wundern, wenn er die Frau nach einem Passwort fragen würde. Stattdessen flüstert sie ihm etwas zu und reicht ihm einen kleinen rosafarbenen Zettel. Ich kenne diese Dinger: Es ist eine Unterrichtsbefreiung.

Einer von uns darf früher gehen.

»Caroline Cabot bitte im Sekretariat melden«, verkündet Mr Pip daraufhin mit nasaler Stimme. Als ich meinen Namen höre, lasse ich augenblicklich die Haarsträhne los, die ich um meinen Finger gewickelt habe, und blicke fragend über den Gang hinweg zu Simone.

»Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt, Linus?«, raunt sie zwinkernd. Ihre Worte wecken den Typen eine Reihe weiter vorne auf. Mit ihren dunklen Augen sieht Simone aus wie eine halbasiatische Marilyn Monroe und ihre Lippen erinnern an Angelina Jolie – die Jungs stehen auf sie.

»Sei du lieber mal ganz still«, kontere ich und greife nach meinem Rucksack, der im Korb unter meinem Sitz steckt. »Du bist doch diejenige hier, die im Büro des Direktors schon ihren eigenen Stuhl hat.« Simone ist schon alleine in diesem Schuljahr drei Mal verwarnt worden, ich hingegen bin – zumindest was den Direktor betrifft – ein unbeschriebenes Blatt.

Auf dem Weg nach draußen drehe ich mich noch einmal kurz zu Simone um und halte mein Handy hoch. Mit ihrer Mimik bestätigt sie mir, dass wir uns später simsen – dumme Frage. Dann verlasse ich den Raum.

Kurz überlege ich, ob ich einen Umweg durch den Naturwissenschafts-Trakt machen soll, um einen Blick auf Joel zu erhaschen, aber brav, wie ich bin, begebe ich mich direkt zum Direktor. Unterwegs male ich mir aus, dass Joel und Lauren Schluss machen – sie könnte doch etwas mit einem gleichaltrigen Typen aus dem College anfangen – und er sich Hals über Kopf in mich verliebt. Beim Betreten des Direktionsbüros muss ich über mich selbst lachen.

Sobald ich allerdings Direktor Jones’ Gesichtsausdruck sehe, weiß ich sofort, dass etwas passiert ist.

»Caroline«, beginnt er und seine tiefe, sonore Stimme steht in einem seltsamen Gegensatz zu seinem mitfühlenden Blick. »Deine Mutter hat angerufen.« Er deutet auf einen Stuhl am Fenster. »Setz dich.«

Mir dreht sich der Magen um. Wenn dieser Mann, der normalerweise richtig einschüchternd auf seine Schüler wirkt, plötzlich so freundlich ist, hat das nichts Gutes zu bedeuten. Langsam sinke ich auf den Stuhl und werde noch nervöser, als er mir direkt in die Augen schaut.

»Deine Großmutter ist im Krankenhaus«, sagt er. »Sie hatte einen Schlaganfall und deine Mutter …«

Den Rest höre ich nicht mehr. Ich beuge mich vor und vergrabe den Kopf zwischen den Knien wie bei einem Flugzeugabsturz. Meine Kehle schnürt sich zu und ich stoße einen Laut aus, der sich irgendwo zwischen Winseln und Stöhnen bewegt. Am Morgen habe ich noch mit meiner Gran am Frühstückstisch gesessen und die Augen verdreht, als sie mich ermahnt hat, die Müslischüssel in die Spüle zu stellen. Warum habe ich nur die Augen verdreht?

»Wie geht es ihr?«, frage ich und Tränen schießen mir schneller in die Augen, als ich sie wegblinzeln kann.

»Genaueres weiß ich nicht. Aber deine Mutter sagte, dein Bruder würde dich hier abholen und dann …«

»So lange kann ich nicht warten.« Ich stehe auf und werfe mir den Rucksack über die Schulter. »In welchem Krankenhaus ist sie?« Angst breitet sich in mir aus, mein Herz rast und ich spüre ein Kribbeln unter der Haut. Der Direktor beginnt ausweichend, doch so viel Zeit habe ich nicht. Ich muss zu ihr. »Ist sie im St. Mark’s?«, hake ich ungeduldig nach.

Er nickt und ich stürme aus dem Büro. Auch als die Sekretärin mir noch etwas nachruft, bleibe ich nicht stehen. Panik droht mich zu übermannen, handlungsfähig bin ich nur noch, weil ich ein Ziel habe. Während ich durch die leeren Gänge eile, ziehe ich mein Telefon hervor und schreibe meinem Bruder eine Nachricht.

FAHRE SELBST. SEHEN UNS DORT.

•••

Das Krankenhaus ist ein gigantisches Labyrinth, doch als ich mich gerade frage, wie ich meine Gran hier jemals finden soll, erscheint aus dem Nichts plötzlich Natalie.

»Wo ist Teddy?«, fragt sie und hält mich am Arm fest, als wäre ich ein Dieb. Meine Schwester trägt Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover und diese Brille mit dem dicken, dunklen Rahmen. Wie immer sieht sie eher wie vierzig aus und nicht wie knapp zwanzig.

»Ich bin selbst gefahren.«

»Du solltest doch auf ihn warten«, keift sie.

»Habe ich aber nicht getan«, fauche ich zurück. Wie gerne würde ich den aggressiven Ton auf die momentane Anspannung schieben, aber leider ist das der ganz normale Umgangston in unserer schwesterlichen Beziehung. Teddy ist immer der ältere Bruder gewesen, der mich in Filme ab sechzehn geschmuggelt hat, bevor ich alt genug dafür war; Natalie dagegen war jedes Mal diejenige, die mich verpetzt hat. Mit anderen Worten: Sie ist einfach nur nervig.

»Wo müssen wir hin?«, frage ich und sehe mich um.

»Gran ist im dritten Stock«, antwortet Natalie durch ihre dauerhaft spitzen Lippen. »Komm schon.«

Schweigend fahren wir im Aufzug hinauf. Als sich die Türen öffnen, geht meine Schwester zielstrebig einen langen Flur entlang und biegt dann um die Ecke in den nächsten Gang. Mit jedem Zimmer, an dem wir vorbeikommen, zieht sich mein Magen fester zusammen. Wenn die Türen offenstehen, versuche ich nicht zu den Leuten in den Zimmern zu schauen und mich nicht zu fragen, wie viele von ihnen wohl sterben werden.

Ich versuche mich nicht zu fragen, ob Großmutter wohl sterben wird.

Sie war noch geschwächt von der Chemotherapie, die sie vor einigen Monaten abgeschlossen hat. Aber sie war auf dem Weg der Besserung. Die Ärzte haben uns versichert, dass es bergauf ginge.

Warme Tränen laufen mir über die Wangen und ich fühle mich plötzlich wieder wie damals mit zwölf Jahren, als ich mit einem Koffer bei meiner Oma vor der Tür stand, um bei ihr einzuziehen. Die Trennung meiner Eltern wurde mit jedem Tag unerträglicher und ich wollte nicht ständig als Ausrede für ihre Auseinandersetzungen herhalten. Deshalb habe ich mich ausgeklinkt. Als sie einwilligte, war ich dankbar und erleichtert. Sie ist immer mein Fels in der Brandung gewesen; ich kann sie jetzt nicht verlieren.

»Hier«, sagt Natalie und deutet auf eine Tür, die einen Spaltbreit geöffnet ist. Ich nicke und atme tief die antiseptische Klinikluft ein, bevor ich ihr folge. Unwillkürlich ringe ich nach Atem. Meine Gran im Krankenhausbett liegen zu sehen ist wie ein Schlag in die Magengrube.

»Hi«, grüße ich und bemühe mich verzweifelt um eine feste Stimme, während ich mit den Tränen kämpfe. Doch als meine Großmutter ihren dünnen, von Venen durchzogenen Arm hebt und winkt, ist es um mich geschehen. Ich stürze an ihr Bett und weine hemmungslos, ohne mich darum zu scheren, wie es aussieht.

»Hör auf, Caroline«, sagt sie und streckt den Arm, in dem keine Infusion steckt, nach meiner Hand aus. Dieselbe Hand, die jetzt meine fest umschlossen hält, hat mir immer Frühstück gemacht, doch sie fühlt sich fremd an. Kalt. Zerbrechlich. Und was noch schlimmer ist: Meine Gran spricht komisch, sie lallt irgendwie. Sie klingt, als wäre sie betrunken. »Alles wird gut«, behauptet sie, aber das »gut« klingt wie »glut«.

»Ja«, antworte ich und weiß, dass ich sofort wieder zu flennen anfange, wenn ich weiterrede.

Als meine Mutter mit meiner kleinen Schwester Judith hereinkommt, halte ich noch immer Grans Hand.

»Was ist mit Teddy?«, will meine Mom sofort wissen, als sie mich sieht. Wie immer ist das Seelenheil meines Bruders offensichtlich ihre einzige Sorge. Lustigerweise kratzt das Teddy selbst herzlich wenig – er ist der Entspannteste von uns allen.

»Sie hat nicht auf ihn gewartet«, teilt Natalie meiner Mutter mit dieser leise zischenden Stimme mit, auf die sie zurückgreift, wenn sie nur so tun will, als wäre sie diskret.

»Na ja, immerhin bist du jetzt hier«, seufzt meine Mom.

»Coco!«, ruft Judith, löst sich von meiner Mutter und läuft zu mir. Sie klammert sich an mein Bein und ich drücke sie an mich so gut es geht, ohne meine Großmutter loszulassen. Dann streiche ich ihr über das weiche blonde Haar und lächele. »Hi, Juju, wie geht es dir?«

»Mom hat mir Saft gegebt«, antwortet sie stolz. Sie ist zweieinhalb und als sie mich anstrahlt, sieht sie aus wie ein kleiner pausbäckiger Troll, bevor sie sich unserer Großmutter zuwendet. »Dir haben wir auch Saft mitgebringt, Gran!«

Judith hüpft zu der riesigen Tasche meiner Mutter und zieht eine Saftpackung heraus, mit der sie zum Bett zurückkehrt und sie Gran in den Schoß wirft. Diese lächelt sie an. »Wie lieb von dir«, sagt sie. »Danke, Judith.«

Julif.

Ich bemerke, dass eine ihrer Gesichtshälften tiefer hängt als die andere, und muss den Blick abwenden. Glücklicherweise betritt in dem Moment eine Schwester den Raum, um die Vitalfunktionen zu überprüfen.

»Gehen wir einen Moment raus«, fordert meine Mutter uns auf und sieht mich mit einem Blick an, der mich zwingt mitzukommen, ob ich will oder nicht. »Wir holen uns eine Kleinigkeit zu essen und sind dann gleich wieder da, Mom.«

»Ist gut«, antwortet meine Großmutter und lässt meine Hand los. Es ist ein Gefühl, als hätte ich mitten in einem Blizzard die Jacke ausgezogen. Instinktiv strecke ich den Arm wieder nach ihr aus, aber die Schwester hat sich mit ihrem Wagen voller Instrumente bereits zwischen uns geschoben. »Bis dann.«

Bischglann.

Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter und folge meiner Mutter, Judith und Natalie aus dem Zimmer. Auf dem Gang sehen wir Teddy aus dem Fahrstuhl kommen. Als er zu uns stößt, ist er der Einzige, der mir keine Vorwürfe macht, weil ich selbst gefahren bin. Stattdessen stößt er mich leicht mit dem Ellbogen an und flüstert: »Alles wird gut, Coco.«

Sofort muss ich wieder heulen.

Sobald Judith abgelenkt ist, weil sie von Fliese zu Fliese den Gang entlanghüpft, verkündet meine Mutter mit abgeklärter Stimme: »Ich wollte es nicht vor ihr sagen, aber sie haben einen Scan gemacht.« Natalies Augen werden so groß wie Untertassen und Teddy verschränkt die Arme vor der Brust, während er aufmerksam zuhört. Ich fühle mich ganz benommen.

Meine Mom seufzt schwer. »Der Krebs hat gestreut, in den Bauch und in die Lungen. Und ins Gehirn.«

»Oh Gott.« Mehr bringe ich nicht heraus. Natalie legt sofort den Arm um unsere Mutter. Ich blicke zu Teddy, der langsam den Kopf schüttelt.

»Sie ist geschwächt von dem Schlaganfall und der Krebs ist überall«, fährt meine Mutter fort und befreit sich von Natalies Arm. »Der Onkologe sagt, er sei schon zu weit fortgeschritten – sie können nicht mehr tun, als ihre Schmerzen zu lindern.« Mom holt tief Luft und sieht mir in die Augen. »Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr.«

Ich möchte wissen, wie viel Zeit genau sie noch hat. Ich möchte wissen, warum die Chemo erst angeschlagen hat, dann aber doch nicht. Ich möchte eine Million Dinge wissen, doch ich bin wie gelähmt – das betrifft sogar meine Stimmbänder. Nur meine Gedanken schrillen mir laut durch den Kopf: Ich verliere meine engste Vertraute. Meine beste Freundin.

»Coco?«, spricht mich Teddy an, als hätte er mich zuvor etwas gefragt, worauf ich nicht reagiert habe. Seine Stimme holt mich von ganz weit her. »Alles in Ordnung?«

»Ich weiß nicht«, antworte ich. Meine Ohren dröhnen.

»Möchtest du dich vielleicht setzen?«, erkundigt er sich und deutet auf die Stühle an der Wand.

Natalie schnaubt und wischt sich unter ihren Brillengläsern die Tränen ab. »Es geht immer nur um dich, merkst du das eigentlich?«, murmelt sie.

Der Zorn in der Stimme meiner Schwester legt bei mir einen Schalter um. Ich habe es so satt, ständig von ihr gemaßregelt zu werden, als würde ich der Familie dauernd nur Probleme bereiten. Seit der Scheidung gibt sie mir dieses Gefühl. Ruckartig drehe ich mich zu ihr um, zum Gegenschlag bereit.

Doch bevor es dazu kommt, schreitet Teddy ein. »Bitte«, ermahnt er uns beide. »Mir fehlt im Moment die Kraft, um eure Streitereien zu schlichten.« An seinen hängenden Schultern merke ich, dass sogar mein sonst stets entspannter älterer Bruder kurz davor ist, die Fassung zu verlieren. Schweigend warten wir, bis die Schwester das Zimmer verlassen hat, bevor wir uns wieder darauf zubewegen. Vor der Tür bleibt meine Mutter stehen und sieht uns einen nach dem anderen an.

»Kein Wort von dem, was ich euch gerade erzählt habe«, flüstert sie, nimmt Judiths Hand und betritt das Zimmer.

2

»Komm, lass uns heute Abend ausgehen«, sagt Simone zu Beginn der Mathestunde. Drei Tage ist es her, seit meine Großmutter vom Krankenhaus ins Hospiz verlegt wurde – drei qualvolle Tage, in denen ich zur Schule gehen musste, obwohl ich das Gefühl hatte, dass ich bei meiner Gran sein sollte.

»Du weißt, dass das nicht geht«, antworte ich und meine es ernst.

»Du warst jetzt jeden Abend bei ihr«, erinnert sie mich. »Du mutierst langsam zur muffigen Einsiedlerin.«

»Muffig? Duschen tue ich noch.«

»Klar.« Sie lächelt, doch als ich es nicht erwidere, seufzt sie. »Linus, ich bin mir sicher, dass es deiner Gran bald wieder besser geht.«

Ich sehe sie eindringlich an. »In einem Hospiz geht es einem nicht wieder besser«, erwidere ich bestimmt. »Sie geben ihr Medikamente, damit sie keine Schmerzen mehr hat, aber sterben wird sie trotzdem.« Zu viele Medikamente, denke ich. So viele, dass sie die Hälfte der Zeit komplett weggetreten ist.

»Es tut mir leid«, versucht es Simone versöhnlicher und beugt sich zu mir herüber, weil Mr Pip offenbar im Begriff ist, mit dem Unterricht zu beginnen. »Ich will wirklich nicht unsensibel sein. Ich weiß bloß nicht, was ich noch sagen soll. In meiner näheren Umgebung ist noch nie jemand krank gewesen. Du liebst deine Gran – mein Gott, ich liebe sie auch. Aber ich habe den Eindruck, dass du langsam verschwindest, Caroline. Du schläfst bei deiner Mutter in diesem komischen alten Pinguin-Kinderzimmer …«

»Nicht freiwillig«, unterbreche ich sie. »Meine Mutter lässt mich nicht in meinem richtigen Zuhause, bei meiner Gran, übernachten.«

»Ich weiß«, sagt Simone nickend. »Und das ist scheiße. Im Moment ist dein ganzes Leben scheiße. Das ist mir doch bewusst. Gerade deshalb glaube ich, dass es gut wäre, wenn du das alles mal einen Abend lang hinter dir lassen könntest. Wir unternehmen was Tolles. Anscheinend gibt’s eine kleine Party bei …«

»Nein«, entgegne ich schnell, wenn auch ohne Überzeugung. Mr Pip wirft uns einen mahnenden Blick zu und wir müssen unsere Diskussion beenden.

Ich schaue auf das leere Blatt vor mir und habe das Gefühl, mein schlechtes Gewissen würde mich erdrücken, als hätte ich Blei in den Adern. Wenn ich ehrlich bin, würde ich alles dafür geben, auf eine Party zu gehen, egal bei wem. Ich würde alles dafür geben, um alldem zu entkommen. Ich sehne mich nach einer Pause von meinem Leben. Meiner Trauer. Meiner Familie.

Meiner Gran.

Denn darauf zu warten, dass jemand stirbt, kann man letzten Endes damit vergleichen, sich für einen bevorstehenden Tornado zu wappnen. Du stellst dein Leben auf »Pause« und rüstest dich – aber du weißt nicht, wann es so weit sein wird und wie schlimm es sein wird. Du kannst alle erdenklichen Vorkehrungen treffen, aber voraussehen, wie es wirklich sein wird, kann niemand.

•••

Als ich nach der Schule ins Hospiz komme, schläft meine Großmutter. Ihr Gesicht wirkt schlaff, die Brust hebt und senkt sich nur langsam. Natalie sitzt an ihrem Bett und blickt besorgt auf. Ihre Haare hat sie zu einem unordentlichen Knoten zusammengesteckt.

»Wo ist Teddy?«, frage ich.

»Er holt sich etwas zu essen. Den ganzen Tag hier zu sein ist anstrengend.« Ich höre einen vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme, als wäre es meine freie Entscheidung, zur Schule zu gehen, als würde ich nicht auch lieber bei meiner Großmutter bleiben und das Universum anflehen, sie mir zu lassen. Ich ziehe einen Stuhl auf der anderen Seite des Betts heran und versuche die Anwesenheit meiner Schwester auszublenden. Doch es funktioniert nicht.

»Heute Morgen waren ihre Vitalfunktionen sehr schwach«, murmelt Natalie. »Daraufhin haben sie ihre Medikamente angepasst.«

»Ihre Vitalfunktionen waren vor zwei Tagen auch schlecht und sind dann wieder besser geworden.«

»Jetzt geht es ihr aber noch schlechter«, entgegnet Natalie. »Sie ist den ganzen Tag nicht wach gewesen und niemand weiß, wann es so weit sein wird. Mom ist fast zusammengebrochen und ich musste Albert anrufen, damit er ein wenig mit ihr an die frische Luft geht. Sie wird dich brauchen, wenn das alles vorbei ist, also zieh nicht wieder deine übliche Show ab.«

Ich schnaube. »Show? Das ist fünf Jahre her. Und es war mein gutes Recht, bei Gran einzuziehen.« Ich beuge mich über das Bett zu meiner Schwester hinüber. »Und ich bin immer noch froh, dass ich gegangen bin. Ich habe es keine Sekunde bereut.« Ich lehne mich zurück und bin wütend, dass Natalie es immer wieder schafft, mich dazu zu bringen, so zickig zu werden.

»Und, wohin haust du dieses Mal ab?«, fragt sie verbittert. »Es ist niemand mehr da, der die Scherben für dich aufsammeln könnte.«

Ich blicke zur Seite auf meine Großmutter. Im Schlaf – oder durch die Sedierung – wirkt ihr Gesichtsausdruck friedlich. »Sie ist nicht tot«, flüstere ich. »Also hör auf damit.« Ich nehme Grans Hand und stelle erschrocken fest, wie kalt sie ist. »Ich höre mir das nicht länger an«, sage ich dann. Beim Aufstehen schabt der Stuhl laut über den Boden. »Teddy soll mich anrufen, wenn er wieder da ist.«

Während ich mich in Richtung Tür bewege, spüre ich den Blick meiner Schwester im Rücken. »Genau, Caroline!«, ruft sie mir mit Nachdruck hinterher. »Hau nur ab. Kümmer dich nur um dich selbst. Du bist schlimmer als die Kleine, du solltest es echt besser wissen.«

»Krepier doch«, zische ich, auch wenn ich es im nächsten Moment bereits bereue. Ich drehe mich zu meiner Schwester um, die mich überrascht und verletzt zugleich ansieht, doch für eine Entschuldigung ist es zu spät. Ich kann nur noch den Blick senken.

»Gran, ich hab dich lieb«, sage ich an meine Großmutter gewandt und hoffe, dass sie mich hören kann. Genau in dem Moment, als ich auf den Gang trete, verschwindet die Sonne hinter einer Wolke und es wird ziemlich finster. Obwohl ich weiß, dass es Zufall ist, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Das Klingeln meines Handys erschreckt mich zu Tode. Ich blicke aufs Display und hole tief Luft.

»Hallo«, sage ich ins Telefon.

»Und?«, fragt Simone. »Kommst du mit, oder muss ich dich entführen? Bitte sag, dass du freiwillig mitkommst, meine Chloroformvorräte sind nämlich gerade ein bisschen knapp.« Sie beginnt von der Party zu erzählen, wer da sein wird und was sie anzuziehen gedenkt.

»Das ist gerade nicht der richtige Moment, Mony«, unterbreche ich sie. »Meine Schwester ist total übel drauf, und meine Mutter hatte einen Zusammenbruch. Wenn Teddy jetzt auch noch schlappmacht, flippe ich endgültig aus.«

»Vielleicht tut dir ein wenig Abstand von deiner Familie ganz gut«, sagt sie, als wäre sie davon wirklich überzeugt und wollte mich nicht einfach nur überreden, mit ihr auszugehen. »Mach mal einen einzigen Abend lang was anderes. Komm schon, Linus. Ich will nicht alle Highschool-Höhepunkte alleine erleben!«

Ich muss lächeln, während ich über ihre Worte nachdenke. Eine Party – eine Collegeparty –, das klingt tatsächlich nach etwas, wovon wir noch den Rest des Jahres sprechen werden. Gleichzeitig könnten diese Stunden mit meiner Großmutter die letzten sein, die mir bleiben.

»Und?«, hakt Simone nach. »Willst du den Abend lieber mit mir und ein paar attraktiven Studenten verbringen oder weiter mit deiner Schwester streiten?«

Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber der Gang kommt mir plötzlich noch dunkler vor. Niemand ist zu sehen und es ist vollkommen still. Ich seufze.

»Simone«, beginne ich, nachdem ich meine Entscheidung getroffen habe. »Ich werde …«

3

bleiben

»… bleiben.«

Simone reagiert nicht. Ich weiß, dass sie mich nicht versteht. Sie war noch nie in so einer Situation und kann nicht nachvollziehen, was ich gerade durchmache. Kurz überlege ich, mich doch noch einmal umzuentscheiden – es geht ja nur um einen Abend –, doch sobald mein Entschluss getroffen ist, entspanne ich mich unwillkürlich. Auch wenn Grans Zustand unverändert zu sein scheint und ich absolut keine Lust auf meine Schwester habe, bringen mich heute Abend keine zehn Pferde von hier fort.

»Gut«, sagt Simone schließlich. »Aber ›don’t cry for me, Argentina‹, wenn du morgen die Einzige bist, die keinen superheißen Collegestudenten als Freund abbekommen hat.«

»Versprochen«, antworte ich und lache gezwungen. Der Typ, hinter dem ich her bin, geht sowieso noch nicht aufs College. »Ich ruf dich später an.«

»Das will ich doch hoffen«, antwortet Simone. »Was meinst du, was ich dir dann alles zu berichten habe. Du weißt ja, wie sich Gwen und Felicity aufführen, wenn sie auf ältere Jungs losgelassen werden.«

»Lolitas, wie sie im Buche stehen«, bestätige ich und dieses Mal ist mein Lachen echt. »Kannst du dich noch an die Sache mit diesem Wasserpolster-BH erinnern?« Simone schnaubt einmal laut auf, was mich nur noch mehr zum Lachen bringt. Als wir uns wieder eingekriegt haben, ist sie plötzlich überraschend ernst.

»Pass auf dich auf, Linus«, sagt sie leise. »Wir alle wissen, wie sehr du deine Gran liebst – aber vergiss darüber dich selbst nicht.«

»Das werde ich nicht«, bringe ich mühsam an dem Kloß in meinem Hals vorbei heraus. »Ich versuche es zumindest.«

Als das Gespräch beendet ist, wird es in dem Gang plötzlich wieder hell. Die Neonröhren und die weißen Wände haben ihre normalen, langweiligen Farben wiedererlangt.

Ich kehre in Grans Zimmer zurück. Während wieder mal eine Krankenschwester die Vitalfunktionen meiner Großmutter überprüft, hockt Natalie unbeholfen auf der Kante des Liegesessels am Fenster, als wolle sie unbedingt vermeiden, es sich allzu bequem zu machen. In dem Moment wird mir bewusst, dass dies eine Metapher für ihr ganzes Leben ist.

»Kommt Ihre Mutter bald zurück?«, fragt die Schwester in einem scharfen Ton, der mich nervös macht.

»Ja«, antwortet Natalie. »Mom wollte nur ein wenig frische Luft schnappen. Ich kann sie anrufen.« Sie schaut zu mir und ich sehe die Angst in ihren Augen.

»Ich glaube, das wäre gut«, erwidert die Schwester. »Falls Ihre Großmutter aufwacht.«

Falls sie aufwacht?

Bevor ich nach der Alternative fragen kann – dass Gran nicht aufwacht –, verlässt die Schwester eilig das Zimmer.

Panisch blicke ich Natalie an. Ich weiß nicht wie oder warum, doch plötzlich sehe ich meine Schwester – ich sehe sie so, wie sie wirklich ist. Sie hat eine harte Schale, aber sie ist loyal denen gegenüber, die die liebt. Und eine der Personen, die sie am meisten liebt, stirbt gerade. Sie und ich, wir sind gleich. Zum ersten Mal seit Langem setze ich mich bewusst neben sie.

»Ich will mich nicht mit dir streiten«, sage ich leise. Mein Mund ist trocken und mir ist unbehaglich zumute. Es kommt mir komisch vor, diese Worte zu ihr zu sagen, sie ist immerhin meine Schwester. »Ich glaube, ich kann einfach nicht mehr streiten.«

Natalie sieht mich überrascht an, bleibt aber stumm. Deshalb fahre ich fort: »Gran war immer für mich da, aber langsam wird mir bewusst, dass es nicht immer so sein wird. Ich habe Angst.« Tränen brennen in meinen Augen und ich sehe, dass Natalies Gesichtsausdruck sanfter wird.

»Ich will mich auch nicht streiten«, antwortet sie. »Es tut mir leid, Caroline. Wirklich.« So etwas hat sie noch nie zu mir gesagt. Nicht ein einziges Mal. Ich lasse die Worte auf mich wirken, um den Schmerz aufzuweichen, den so viele andere Worte über die Jahre verursacht haben. Mir war nicht bewusst, wie sehr ich darauf gewartet habe.

»Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, dass wir …«, beginne ich und suche nach dem passenden Wort.

»Es war mein Fehler«, erwidert sie.

»Aber ich habe es verschlimmert«, entgegne ich kopfschüttelnd. »Es tut mir leid.«

Natalie rückt unruhig auf ihrem Stuhl herum. Es war noch nie ihr Ding, Gefühle zu zeigen. Eine Weile habe ich wirklich geglaubt, dass ich nach der Scheidung womöglich zu Hause geblieben wäre, wenn ich ein wenig mehr Unterstützung von ihr bekommen hätte. Aber so etwas ist ihr fremd … sie war schon so, als wir noch klein waren.

Unter normalen Umständen – das heißt, wenn sie Teddy, Simone oder sogar Mom gewesen wäre – hätte ich sie jetzt in den Arm genommen. Doch ich lasse die Hände gefaltet in meinem Schoß liegen.

Meine Großmutter stirbt. Einen Moment lang schließe ich die Augen und wünsche mir, es wäre nicht wahr, doch als ich sie wieder öffne, liegt sie immer noch reglos vor mir im Bett.

Sie entgleitet uns.

3

gehen

»Simone«, beginne ich, als ich eine Entscheidung getroffen habe. »Ich werde … mitkommen. Ich gehe mit dir auf diese Party, aber nur, weil ich es keinen Moment länger mit meiner Schwester aushalte. Ich schwöre dir, sie wartet nur darauf, dass ich etwas falsch mache, damit sie es mir unter die Nase reiben kann.«

»Wenn Natalie sich so beschissen verhält, solltest du dich dem gar nicht erst aussetzen«, bestärkt mich Simone.

Ich nicke und denke daran, wie oft mich meine Schwester schlechtgemacht und mir das Gefühl gegeben hat, nicht Teil meiner eigenen Familie zu sein.

»Jetzt mal im Ernst«, spricht Simone weiter. »Wenn sie sowieso immer an dir herumnörgelt, kannst du ihr auch gleich einen richtigen Grund geben.« Ich höre das Lächeln in ihrer Stimme, herausfordernd und beschützend zugleich, wie eine beste Freundin sein sollte. Wie eine Schwester sein sollte.

»Stimmt.« Ich blicke auf die Zimmertür zurück. »Warum nicht.« Ich lehne mich an die Wand und atme tief durch. »Du, würde es dir was ausmachen, mich abzuholen?«, frage ich. »Wenn du mich dann später wieder hier absetzt, kann ich noch kurz bei meiner Gran reinschauen, um mich zu verabschieden – ihr ›Gute Nacht‹ zu sagen.« Ich halte inne und denke darüber nach, wie anders das Wort »verabschieden« auf einmal klingt. Wie viel schwerer es mir im Mund liegt. »Simone? Mit meiner Gran wird doch nichts passieren, wenn ich gehe, oder?«, frage ich zögernd.

»Natürlich nicht. Es sind doch nur ein paar Stunden.«

Mir ist unwohl zumute, doch plötzlich wird es in dem Gang wieder hell – die Neonröhren und die weißen Wände haben ihre normalen, langweiligen Farben wiedererlangt.

Nicht zuletzt deshalb gelingt es mir, meine Bedenken beiseitezuschieben und mich davon zu überzeugen, dass Simone recht hat – es ist nur ein einziger Abend neben den vielen, die ich an der Seite meiner Großmutter verbracht habe. Wenn sie wach wäre, hätte sie mich wahrscheinlich selbst darin bestärkt, zu der Party zu gehen. Sie hätte mich noch daran erinnert, Lippenstift aufzulegen. Ein Abend ohne Natalie kann außerdem nie falsch sein.

»Bin schon auf dem Weg«, sagt Simone. »Vorher holen wir uns noch einen Burger oder sowas.«

Ich stimme zu, doch als das Gespräch beendet ist, spüre ich ein nervöses Kribbeln in den Armen. Ich bin nicht unbedingt ein Fan der direkten Konfrontation und wenn ich jetzt meiner Schwester gegenübertrete, werde ich mich warm anziehen müssen.

Die Krankenschwester verlässt gerade das Zimmer meiner Großmutter, als ich zurückkehre. Mit durchgedrücktem Rücken und hängenden Mundwinkeln sitzt Natalie am Fenster. Ich verschränke die Arme vor der Brust und spüre die Kluft zwischen uns beiden größer werden. Ich frage mich, ob sie irgendwann so groß sein wird, dass wir den Kontakt ganz abbrechen werden.

»Wo bist du gewesen?«, will sie wissen und sieht mich mit bohrendem Blick an. »Ich habe gerade mit Mom telefoniert.«

»Ich hatte was zu erledigen«, antworte ich und umfasse Grans Hand. Die Haut ist blass und dünn, ihre Lippen sind in der Bewusstlosigkeit leicht geöffnet. Während ich ihre Hand halte, kommt mir kurz der Gedanke, dass es das gewesen ist. Ich möchte meiner Großmutter all das sagen, was mir durch den Kopf geht, was ich fühle. Ich möchte ihr sagen, wie sehr ich sie liebe. Geistesabwesend führe ich ihre Handfläche an meine Wange und stelle mir vor, sie wäre wach und würde ebenfalls sagen, dass sie mich liebt. Als mir Tränen in die Augen steigen, schniefe ich kurz und lege Grans Hand wieder ab. Es sind nur ein paar Stunden, sage ich mir. Und vielleicht ist Natalie dann fort und ich kann mit Gran allein sein – nur wir zwei, so wie es sein sollte.

»Ich gehe noch aus«, sage ich zu meiner Schwester, ohne sie anzusehen. »Sag Mom, dass ich nach elf zu Hause bin.«

»Was? Du kannst doch nicht einfach …« Natalie springt auf. »Wie egoistisch bist du eigentlich, Caroline?«, ruft sie. »Glaubst du, dass du tun und lassen kannst, was du willst? Du hast auch Verpflichtungen gegenüber deiner Familie. Du …«

»Ach, hör doch auf!«, keife ich zurück und meine Stimme schallt durch den kargen Raum. »Du bist nicht meine Mutter – und schon gar nicht Gran. Wenn du ein eigenes Leben hättest, würdest du vielleicht …«

»Untersteh dich!«, unterbricht sie mich barsch. »Ich bin diejenige, die diese Familie zusammenhält. Ich bin diejenige, die dafür sorgt, dass Mom jeden Tag eine warme Mahlzeit bekommt, auch wenn sie die ganze Zeit weinen muss.« Meine Schwester hält sich eine Hand vor den Mund, als fürchte sie, ein Gefühl preiszugeben, das nicht zu ihrem Zickenimage passt. Schließlich schüttelt sie den Kopf. »Ach, weißt du was, hau doch ab, du Feigling.«

Ich bin so wütend und verletzt, dass ich zittere und nicht in der Lage bin, etwas zu erwidern. Deshalb greife ich nur nach meinem Rucksack und renne hinaus. Auf dem Gang fällt mir auf, dass ich Gran nun gar nicht gesagt habe, wie sehr ich sie liebe. Nicht einmal mehr ihre Wange habe ich geküsst, um ihr eine Gute Nacht zu wünschen. Aber ich kann meiner Schwester jetzt nicht unter die Augen treten, deshalb schwöre ich mir, tatsächlich später noch einmal bei meiner Gran vorbeizuschauen, um es nachzuholen.

4

bleiben

Noch immer sitze ich neben meiner Schwester. Nach den Entschuldigungen füllt verlegenes Schweigen den Raum und wir starren beide auf den stumm geschalteten Fernseher. Als meine Mutter mit meinem Stiefvater Albert zurückkehrt, sieht sie aus wie zerrissenes Papier, das jemand eilig wieder zusammengeheftet hat. Ihr Gesicht glänzt rötlich, woran man erkennt, dass sie geweint hat. Ihre Frisur ist seltsam aufgebauscht, als hätte sie Haarspray ausgekämmt. Im nächsten Moment betritt Teddy, als wäre es so geplant, mit zwei fettigen Tüten von Burger Barn das Zimmer.

Wir stürzen uns auf ihn wie ein Rudel wilder Hunde und als sich Natalie gerade den größten Bissen des Jahrhunderts in den Mund schiebt, schwebt meine Tante Claudia ganz in Schwarz gekleidet herein. Dazu trägt sie allerdings einen pinkfarbenen Seidenschal und ihre Armbänder und Ketten klirren und klappern bei der kleinsten Bewegung.

Meine Mutter verkrampft auf der Stelle. Claudia ist ihre ältere Schwester. Sie ist eine partner- und kinderlose Karrierefrau, deren Leben nach dem Terminkalender der Firma getaktet ist. Wenn sie mich ansieht, verzieht sie jedes Mal das Gesicht, als würde ich all die falschen Lebensentscheidungen meiner Mutter verkörpern.

Natalie hingegen vergöttert sie.

»Hi, Claudia!«, begrüßt meine Schwester sie mit vollem Mund.

»Hallo, mein Schatz«, grüßt Claudia zurück und nimmt Natalie kurz in den Arm, wobei sie darauf bedacht ist, weder von der Sauce noch von den Kalorien etwas abzubekommen. Dann wendet sie sich meiner Mutter zu. »Diane«, säuselt sie, »du siehst …« Sie spricht den Satz nicht zu Ende; sie versucht nicht einmal zu lügen.

»Schön, dass du dir auch die Mühe gemacht hast herzukommen«, sagt meine Mutter und der anklagende Unterton ist nicht zu überhören. Wie zuvor Natalie sehe ich nun auch meine Mutter und meine Tante plötzlich mit anderen Augen – ich sehe, wie sie wirklich sind. Wie herablassend Claudia mit meiner Mutter redet. Wie meine Mutter es zulässt.

Als meine Tante plötzlich vor mir steht, reißt sie mich aus den Gedanken. »Willst du mir gar nicht Hallo sagen?«, fragt sie mit einem kühlen Lächeln. Teddy spricht für uns beide, als er sich erkundigt, wie es ihr geht.

Meine Tante antwortet nicht. Stattdessen dreht sie sich um, als hätte sie die ganze Zeit nichts anderes im Sinn gehabt, und schaut auf meine im Bett liegende Großmutter. Einen Moment lang scheint es so, als würde sie in sich zusammenfallen, als würde ihr Körper beim Anblick ihrer sterbenden Mutter dahinwelken. Doch dann drückt sie die Schultern durch und schwebt durch den Raum an ihre Seite.

»Hi, Ma«, säuselt sie sanft und berührt den Arm ihrer Mutter. Wir sind mucksmäuschenstill, bis ich meine Mom schniefen höre. Gleichmütig wie immer blickt meine Tante auf.

»Wie lange hat sie noch?«, erkundigt sie sich. »Ich muss wissen, ob ich meinen Flug nach Cleveland umbuchen muss.«

Meine Mutter, für die im Leben immer nur die Familie gezählt hat – und das vielleicht ein bisschen zu sehr –, starrt ihre Schwester mit offenem Mund an. Dann schüttelt sie langsam den Kopf, als sei sie kurz davor zu platzen. Reglos beobachte ich das Geschehen, den Mund voller Pommes, und warte gebannt, was als Nächstes passieren wird.

»Du herzlose …«, beginnt meine Mutter.

In dem Moment meldet sich meine Großmutter zu Wort. »Nicht streiten«, sagt sie und öffnet blinzelnd die Augen. »Ich möchte nicht, dass es das Letzte ist, was ich höre.« Ihre Stimme klingt ein bisschen wie Judiths – wie die eines Kleinkinds.

Dennoch greife ich erleichtert nach dem Arm meines Bruders. Sie ist aufgewacht. Mir kommen fast die Tränen. Alle springen auf und Mom und meine Tante rücken ganz nah an sie heran. Gran beginnt rasselnd zu husten und meine Mutter versucht sie aufzusetzen, doch meine Großmutter winkt ab. Nur mit Mühe kann sie die Augenlider offen halten.

»Meine Zeit ist gekommen, Diane. Es ist so weit«, sagt sie.

Teddy ist aschfahl, als er meine Hand berührt, mit der ich seinen Arm umklammere. »Das sind die Medikamente«, versucht er mich zu beruhigen. »Sie ist ein bisschen benebelt.«

»Bin ich nicht, Theodore«, widerspricht meine Großmutter entschlossen. Natalie macht einen Schritt zurück und sieht aus, als würde sie gleich auf den weißgefliesten Boden kotzen. »Aber ich werde mir nicht die Mühe machen, mich aufzusetzen, wenn ihr euch sogar noch an meinem Sterbebett streitet.«

»Ma«, beginnt meine Tante, als sich meine Großmutter ihr zuwendet und die beiden einen Mutter-Tochter-Blick tauschen, der keiner Worte bedarf. Dann füllen sich die Augen meiner Tante mit Tränen und meine Großmutter streckt einen Arm aus, um ihr die Haare zurückzustreichen, wie sie es unzählige Male in ihrem Leben getan hat.

»Lass mich mit den Kindern allein reden«, sagt Gran so leise und ruhig, dass meine Tante den Blick senkt. Kurze Zeit später beugt sie sich vor, um ihre Mutter auf die Wange zu küssen, bevor sie den Raum verlässt. Meine Mom ist so überrascht und schockiert von der Aufforderung zu gehen, dass sie wie versteinert dasteht, bis Albert zu ihr geht und sie sanft am Ellbogen aus dem Zimmer führt. Als sie noch einmal zurückschaut, zwinkert meine Gran.

Ich kann nicht anders und beginne zu schluchzen.

»Bring sie raus, Teddy«, sagt Gran. »Ich möchte zuerst mit Natalie sprechen.«

Mein Bruder legt einen Arm um mich und schleift mich in Richtung Tür. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie Natalie den Kopf an Grans Schulter legt.

»Jetzt aber husch«, mahnt Gran und streicht ihr übers Haar.

Es ist ein intimer, sehr privater Moment zwischen ihnen. Ich habe das Gefühl, eine Beziehung auszuspionieren, von deren Existenz ich bisher gar nichts gewusst habe, und bin eifersüchtig. Ich bin eifersüchtig, dass Gran nicht zuerst mit mir reden wollte.

»Komm schon, Coco«, fordert mich Teddy auf und zieht mich hinaus. Als sich die Tür hinter uns schließt, fühle ich mich unendlich einsam und verlassen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass meine Großmutter ihre letzten Worte an mich richtet, und ich kann nur hoffen, dass sie dazu überhaupt noch in der Lage sein wird.

4

gehen

Geistesabwesend starre ich aus dem Beifahrerfenster, als Simone in die Dover Street einbiegt. Aus dem Radio plärrt Electric Freakshow; Felicity und Gwen singen auf dem Rücksitz absichtlich falsch mit. Ich checke mein Handy, ob mir jemand aus dem Hospiz geschrieben hat, aber ich habe keine neuen Nachrichten. Plötzlich fühle ich mich unendlich allein, obwohl ich in einem Auto voller Freunde sitze.

»Guck mal, Linus.« Simone muss schreien, um die Musik zu übertönen. Ich schaue nach vorn und mir entweicht ein Stöhnen, als ich durch die Windschutzscheibe auf beiden Seiten der Straße Autos stehen sehe. Schließlich gelangen wir zu einem Haus, an das man gleich ein Schild hätte hängen können: BITTE RUFEN SIE DIE POLIZEI. Während wir auf der Suche nach einem Parkplatz daran vorbeirollen, fangen ein paar Typen an zu pfeifen, die im Vorgarten abhängen. Ein Stück weiter wenden wir und versuchen erneut eine Lücke zu finden.

»Ich kann mich ziemlich gut daran erinnern, dass du von einer kleinen Party gesprochen hast«, sage ich und sehe Simone herausfordernd an.

»Habe ich das?«, fragt sie unschuldig und weicht meinem Blick aus. Draußen ist es dunkel geworden und nur wenige Sterne sind zu sehen – ein eigenartiger Himmel, genauso eigenartig, wie ich mich fühle.

Ich werde plötzlich nervös, obwohl die Party keineswegs wild zu sein scheint. In der Einfahrt spielt ein Typ in einem karierten Pullunder mit einem Hacky-Sack. Dennoch sträuben sich mir die Nackenhaare. Abermals blicke ich auf mein Telefon. Nichts.

Schließlich parken wir drei Straßenecken weiter, worüber sich Felicity auf dem ganzen Weg durch die frische Oktoberluft beschwert. Auch Gwen quält sich sichtlich auf ihren spitzen Stiefelabsätzen. Felicity findet jedoch trotz des Gejammers über die »Wanderung« auch noch Zeit, uns darüber aufzuklären, dass sie auf einen »Typen mit Stil« aus ist, und reserviert sich vorsichtshalber schon einmal den Pullunder.

Auch wenn Simone und ich seit einem Jahr regelmäßig mit den beiden abhängen, ist ziemlich klar, dass es eher eine Zweckgemeinschaft ist. Mittagessen und Partys, viel mehr haben wir nicht miteinander zu tun. Ich fühle mich ihnen bei Weitem nicht so verbunden wie Simone. Sie und ich, das ist für die Ewigkeit.

Simone hakt sich bei mir unter. »Rate mal, wer sich für heute Abend angekündigt hat?« Sie wartet meine Antwort nicht ab. »Joel.«

Ich spüre ein leichtes Flattern in der Magengegend. »Nett«, sage ich und versuche gleichgültig zu klingen. Doch sie lacht so laut, dass es durch die ganze Straße schallt.

»Oh ja, sehr nett ist das. Und Lauren ist anscheinend übers Wochenende unterwegs auf Familienbesuch.« Abrupt bleibe ich stehen und reiße Simone fast den Arm aus. Felicity und Gwen gehen weiter und rufen über die Schulter zurück, dass wir uns drinnen treffen. Als sich Simone zu mir umdreht, sehe ich sie so eindringlich an, dass sie den Blick abwendet.

»Du hast es die ganze Zeit gewusst, stimmt’s?« Ich verenge die Augen zu Schlitzen. »Ist das der wahre Grund, warum wir hier sind?«

Simones rot gemalte Lippen ziehen sich zu einem breiten Lächeln auseinander. »Es ist ja nicht so, dass deine sehnsüchtigen Blicke in Richtung Joel Ryder unbemerkt bleiben würden. Ich lass mir nicht nachsagen, dass ich nichts für dich tun würde, Linus.« Sie drückt mir einen Kuss auf die Wange und geht durch den Vorgarten auf das Haus zu. Als sie an dem Pullunder vorbeikommt, pfeift sie. Er grüßt im Gegenzug.

Während ich ihr nachsehe und der Musik lausche, die gedämpft durch die Eingangstür dringt, kehren meine Gedanken zu meiner Großmutter zurück.

Für sie würde ich alles tun. Alles, was man sich vorstellen kann. Doch anstatt jetzt an ihrem Bett zu sitzen, bin ich auf dieser Party. Unwillkürlich überlege ich, ob meine Schwester womöglich recht hat. Seufzend stelle ich fest, wie egoistisch ich bin.

Jetzt bist du hier, mach das Beste draus, denke ich und beruhige mich damit, dass ich in ein paar Stunden wieder bei meiner Großmutter sein werde. Mit erhobenem Kinn betrete ich das Haus.

Direkt hinter der Tür blockiert ein Paar den Weg. Die beiden streiten sich darüber, ob er ein Auge auf seine Ex geworfen hat oder nicht. Ich räuspere mich und sage leise »Entschuldigung«, doch keiner von ihnen rührt sich. Simone ist schon weiter vorn, während ich abermals versuche, an den beiden vorbeizukommen.

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