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Einen Sommer noch

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Zitat
  9. Prolog
  10. 1. Notfallstation
  11. 2. Bettenstation
  12. 3. Interessantes Angebot
  13. 4. Tanzende Wörter
  14. 5. London Calling
  15. 6. Folterkammer
  16. 7. Virtuelle Reisen
  17. 8. Freiheit
  18. 9. Suchen
  19. 10. Bestrahlung
  20. 11. Wechselbad
  21. 12. London Crawling
  22. 13. Zweiter Albtraum
  23. 14. Kleiner Guru
  24. 15. Aufatmen
  25. 16. Japan
  26. 17. Unter die Haut
  27. 18. Teheran
  28. 19. Schreiben und Schneiden
  29. 20. Tempel der Toten
  30. Epilog
  31. Literaturhinweise
  32. Diskografie
  33. Glossar
  34. Danksagung

Über dieses Buch

An seinem 34. Geburtstag erfährt Eric Baumann, dass er einen bösartigen Gehirntumor hat. Seine Überlebenschancen sind gleich null. Dennoch gibt er auch in Momenten tiefster Verzweiflung nicht auf. Denn das Leben ist es wert, dass man um jeden Tag kämpft.  

Über den Autor

Eric Baumann wurde 1970 in Luzern geboren. Er studierte in Bern, Amsterdam und Lissabon. Mit zwölf Jahren gründete er ein Magazin über Popmusik. Seit 2002 arbeitete er als Wirtschaftsjournalist für den Schweizer Tages-Anzeiger. Eric Baumann wohnte in Zürich. Im August 2009 konnte ihm selbst sein unerschütterlicher Optimismus nicht mehr weiterhelfen – nach mehr als vier Jahren erlag er schließlich seiner Krankheit.

Prolog

Der Sommer ist da. Dabei hat der April eben erst begonnen. Fünfundzwanzig Grad. Ich sitze draußen in einem Park. Früher habe ich solche Nachmittage in einem stickigen Redaktionsbüro verbracht, als Journalist hinter einem Artikel brütend. Jetzt bestelle ich im Café eine Apfelschorle. Nehme einen Schluck, rücke den Sonnenschirm zurecht. Ein schönes Leben.

Mir gegenüber sitzt eine Frau. Ein farbiges Tuch ist um ihren Kopf gewickelt. Offenbar sind ihr die Haare ausgefallen. Ich kenne das: Chemotherapie, Bestrahlung. Diagnose Krebs. Darum bin ich hier – und nicht im Büro.

Es traf mich mitten im Leben. An meinem vierunddreißigsten Geburtstag katapultierte mich ein medizinischer Befund aus der Laufbahn, gab mir eine eng begrenzte Überlebensfrist.

Ursprüngliche Prognosen habe ich hinter mir gelassen, die mir gewährte Frist dauert länger. Aber das hat seinen Preis. Ich schlucke eine Menge Medikamente, muss mich damit abfinden, dass mein Leben nie mehr so unbeschwert sein wird, wie es einst war.

Ein schlechtes Leben? Keineswegs. Ich bin glücklich, noch hier zu sein.

Ein normales Leben? Für mich schon, ich habe mich daran gewöhnt.

Manchmal treffe ich Bekannte.

»Geht’s dir gut?«

»Ja, danke. Und dir?«

Ich hätte mehr zu erzählen als zwei, drei Floskeln. Dafür reichen aber ein paar Minuten nicht. Es würde länger dauern als der ganze Nachmittag.

Ich genieße das Wetter. Schaue auf den Park. Ein schönes Leben? Ein schönes Leben. Ich freue mich über die geschenkte Zeit und schreibe Zeile um Zeile eine Geschichte. Es ist meine Geschichte.

1. Notfallstation

Auf dem Röntgenbild sehe ich mein Geburtsdatum: 30-12-1970. Darunter das Datum der Aufnahme: 30-12-2004. Zürcher Universitätsspital, Notstation, kurz nach Mitternacht.

Eine Salzlösung fließt in meine Vene. Noch vor ein paar Minuten war ich überzeugt, es könne sich um nichts Schlimmes handeln. Sah mich schon mit Freunden draußen auf meinen Geburtstag anstoßen. Bei den Tests war alles in Ordnung: Puls, Blutdruck, Reflexe. Nur diese Kopfschmerzen. Und das Zickzackmuster, wo Linien gerade sein sollten.

Dann sah ich die Ärzte auf mich zukommen. Vier Ärzte. Weiße Kittel, düstere Mienen.

»Da ist ein Schatten in Ihrem Kopf«, sagte einer von ihnen und deutete auf die Aufnahme. Ich traute meinen Augen nicht. Das ist mein Kopf? Auf der Folie sah ich einen Schädel, die Augenhöhlen, Gewebe – und mittendrin einen hässlichen Fleck. »Das könnte eine Infektion sein«, sagte der Arzt. »Vielleicht Tuberkulose. Oder aber ein Hirntumor.«

Meine Freundin Alice drückte mir vor Schreck ganz fest die Hand.

Ich will aus diesem Albtraum erwachen. Aber ich bin schon wach.

2. Bettenstation

Vier Tage vor der Operation

Eine Pflegerin macht Licht im Patientenzimmer. Es ist sechs Uhr, draußen ist es noch stockfinster. Ich reibe mir die Augen. Mein Zimmergenosse, ein älterer Herr, sitzt bereits am Tisch und streicht sich reichlich Butter auf ein Brötchen. Mit seinem Geschnarche hat er mir den ohnehin kurzen Schlaf geraubt. Nun posaunt er fröhlich: »Frühstück ist der Höhepunkt des Tages!« Der Mann weiß offenbar, wovon er spricht: »Ich bin nicht zum ersten Mal im Krankenhaus.« Wenn er lacht, vertiefen sich die Falten in seinem Gesicht. Ungefragt erzählt mir der Spitalveteran von seinen Hirnschlägen und mehreren Schädeloperationen in den vergangenen Jahrzehnten. »Machen Sie sich mal keine Sorgen, junger Mann, Sie sind hier in guten Händen.«

Sein Redefluss hält nicht inne. Am liebsten möchte ich mich verkriechen. Ich bin froh, als ich von einem Angestellten abgeholt werde. Gestern war ich noch auf eigene Faust mit Bus und Tram zum Unispital gekommen, hatte mich kerngesund geglaubt. Jetzt werde ich im Rollstuhl durch den Gebäudekomplex gekarrt und muss eine ganze Reihe von Tests über mich ergehen lassen.

Was am Vorabend auf der Notfallstation genau passiert ist, weiß ich nur aus den Erinnerungen anderer Leute. Das mit den vier Ärzten hatte mich so erschreckt, dass mein Gedächtnis die Ereignisse in den hintersten Winkel des Gehirns verbannt hat. Noch immer aber sehe ich vor mir, wie ich im Bett durch ein unterirdisches Tunnelsystem in den Nordturm des Krankenhauses geschoben werde. Mit dem Lift hoch in den Patiententrakt der neurochirurgischen Klinik, Frauenklinikstraße 10, vierzehnter Stock. Im Aufenthaltsraum heulen Alice und ich im Chor.

Ärzte haben mir mehrere Mittel verabreicht. Ich bin beduselt, fühle mich ausgeliefert wie eine Maus, die von einem fetten Kater in die Ecke gedrängt wird. Was kommt auf mich zu? Werde ich das überleben? Bleibt Alice bei mir? Wie geht meine Familie damit um? Wie reagieren meine Freunde? Wer benachrichtigt die Redaktion? Wie lange werde ich im Spital bleiben? Wer kümmert sich um meine Wohnung? Und wird mir der Kopf geöffnet? Gedanken fliegen vorbei. Ich sehe mich mit einem dicken Verband um den Kopf, stelle mir einen Grabstein mit meinem Namen vor. Ich habe Angst.

Die Tests holen mich auf den festen Boden zurück. Ein Spezialist misst die elektrischen Ströme in meinem Gehirn. Das soll zeigen, ob ich epilepsiegefährdet bin. Laut der ersten Resultate scheint das nicht der Fall zu sein. »Sind Sie Linkshänder?«, will der Spezialist wissen.

Ich bin Rechtshänder. Am Vorabend hatte man mich das Gleiche gefragt. Bei Linkshändern liegt das Sprachzentrum normalerweise in der rechten Gehirnhälfte. Bei Rechtshändern ist es umgekehrt. Das bedeutet also, die Geschwulst auf der linken Seite drängt bei mir genau in den Teil des Gehirns, der die verbale Ausdrucksfähigkeit kontrolliert. Die Fachleute sind erstaunt, dass man mir das beim Sprechen noch nicht anmerkt.

Für eine Magnetresonanztomografie werde ich in die enge Röhre einer großen Maschine geschoben: MRI heißt das im Spitaljargon, die Abkürzung von Magnetic Resonance Imaging. Das Gerät schneidet meinen Kopf virtuell in Scheiben und rechnet sie zu Negativaufnahmen um. Eine Kontrastmittelinjektion macht verdächtiges Gewebe sichtbar.

Ein Assistenzarzt zeigt mir die Bilder. Er wirkt desinteressiert, sein Blick ist frustriert und müde. Was ich zu sehen bekomme, schnürt mir die Kehle zu: Der Schatten ist viel deutlicher zu sehen als auf der Computertomografie von gestern Abend. Er dominiert den linken Schläfenlappen des Gehirns. Um ihn herum hat sich eine enorme Schwellung gebildet. Sie will mein Gehirn vor dem Eindringling schützen. Der Platz im Kopf ist aber begrenzt, die Hirnmasse wird zur Seite gedrängt, eingequetscht.

In der Mitte des Gehirns verläuft eine Linie. Normalerweise ist sie gerade, meine aber hat derzeit eine Delle. »Midline-Shift nach rechts«, heißt es im Spitalbericht. »Eindeutig Hirntumor«, meint der Assistenzarzt. Also doch! Bestimmt wussten die Mediziner in der Notfallstation gestern Abend bereits, dass es sich nicht um eine Entzündung handelt. Vermutlich wollten sie mir die Diagnose »bösartiger Hirntumor« noch nicht als einzig mögliche Erklärung zumuten.

»Der Tumor«, so der Arzt, »hat einen Durchmesser von etwa vier Zentimetern und zerfranst in verschiedene Richtungen.« Vier Zentimeter? Das ist etwa die Größe eines Pingpongballs! Und zerfranst klingt nicht gut. »Harmlos ist er definitiv nicht«, bestätigt der Assistenzarzt teilnahmslos. »Er muss weg. Wir haben bereits einen Termin für Sie gefunden, die Operation findet nächsten Montagmorgen statt, am dritten Januar.« In vier Tagen komme ich unters Messer!

Hirntumore werden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Kategorien eingeteilt, wie ich jetzt erfahre. I und II sind gutartig, III und IV bösartig. Wucherungen aller Grade beanspruchen Platz im Kopf. »Gutartig« ist also ein verharmlosendes Wort, denn selbst in so einem Fall kann ein Tumor zum Tod führen, wenn er zu groß wird.

Tumore höheren Grades wachsen sogar ins Gehirn hinein, verästeln sich, zerstören Zellen und setzen damit früher oder später lebenswichtige Funktionen außer Gefecht. In diesem Fall gelten Hirntumore auch als Krebserkrankung. Gradmäßig geht es nur nach oben. Ein maligner Tumor – Mediziner-Slang für »bösartig« – kann sich nicht zu einem gutartigen zurückentwickeln.

»Genau wissen wir es erst nach der Operation. Vermutlich handelt es sich um Grad III«, ergänzt der Assistenzarzt. Bestimmt schlimm genug. Ich kann also nur noch hoffen, dass es keine Nummer vier ist. Sagt der Arzt die Wahrheit, oder ist die Art, wie er seine Einschätzung formuliert, selbst bei ihm ein Akt der Barmherzigkeit?

»Wie lange habe ich denn noch zu leben?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir wissen noch nicht genug.«

»Bin ich dem Tod geweiht?«

»Nun, Sie müssen davon ausgehen, dass wir Sie nicht heilen können. Aber wir werden Ihnen eine zusätzliche beschwerdefreie Zeit ermöglichen.«

Noch so ein Faustschlag. Das kann doch nicht sein. Ich, sterben? Heute ist mein Geburtstag! Mir geht das alles viel zu schnell. Wie soll ich als Vierunddreißigjähriger von einer Stunde auf die nächste einen Plan für den Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit bereithalten? Dass mir in meinem Alter schon der Tod blühen könnte, damit habe ich mich noch nie auseinandergesetzt.

Ich fand es immer tragisch, wenn ich von Leuten hörte, die von einer solchen Krankheit befallen worden waren. Gleichzeitig wähnte ich mich aber so gesund, dass ich überzeugt war, mir würde ein solches Schicksal erspart bleiben. Obwohl es angesichts meiner Familiengeschichte auf der Hand lag, mit dem Schlimmsten zu rechnen.

In den Siebzigerjahren untersuchte ein Arzt ein auffälliges Muttermal meines Vaters. Befund: bösartiger Hautkrebs, ein Melanom. Ich erinnere mich, wie ich vor unserem Haus stand, als meine Mutter mir und meinem Bruder mitteilte: »Papa hat Krebs.« Als achtjähriger Knirps verstand ich noch nicht recht, was das bedeutete. Der nächste Satz machte dann alles klar: »Vielleicht muss er sterben.«

Chirurgen schnitten meinem Vater die Verfärbung aus der Schulter heraus. Er hatte danach etwas Mühe, den Arm kreisen zu lassen, aber der Eingriff war erfolgreich. Wir dachten, der Schrecken sei vorbei. Jahre später kam er aber zurück. Der nächste Arzt diagnostizierte Lymphknotenkrebs. Mein Vater hat auch das überlebt: Er ist heute über siebzig Jahre alt und gesundheitlich in bester Verfassung.

Weniger Glück hatte meine Mutter. Sie starb Ende 2002 – zweiundsechzigjährig – an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Auch meine beiden Großväter sind an Krebs gestorben. Wenn mich jemand auf diese Häufung hinwies, antwortete ich stets, das seien alles unterschiedliche Krebsarten gewesen. Das habe für mich nichts zu bedeuten. Ich hatte es stets verdrängt. Hat mich nun mein Erbe eingeholt?

Jedenfalls gibt es keinen Zweifel, dass sich in mir eine Geschwulst ausdehnt. Meine eigenen Zellen lehnen sich gegen mich auf. Und das ausgerechnet in meinem Gehirn, im Zentrum meiner Persönlichkeit. Wer weiß, vielleicht wäre es leichter zu ertragen, wenn es um einen anderen Körperteil ginge. Nieren- oder Leberkrebs muss furchtbar sein, betroffen sind aber Organe, die im schlimmsten Fall teilweise entfernt respektive ausgetauscht werden könnten. Ohne meine linke Hand, ohne meinen rechten Hoden wäre ich immer noch ich selbst. Vermutlich kommt einem in jedem Fall der befallene Bereich als zentral vor. Aber zentraler als mein Kopf kann doch gar nichts sein. Von da aus wird alles gesteuert. Transplantation undenkbar.

Auf dem Handydisplay sehe ich Dutzende verpasster Anrufe und SMS-Nachrichten. »Was ist los??? Wie geht es dir???«, schreiben Freunde und Bekannte. Die Nachricht von meiner Einlieferung ins Krankenhaus hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Natürlich freut mich die Anteilnahme. Es ist schön zu wissen, dass ich den Leuten in meinem Umfeld nicht egal bin. Bald schalte ich mein Mobiltelefon aber aus. Die Fragen werden mir zu anstrengend. Alice wird zur Kommunikationszentrale, teilt allen mit, was passiert ist.

Und sie lässt im Restaurant anrufen, wo heute für mein Geburtstagsessen ein Tisch für zwölf Personen reserviert ist. Ich staune, dass sie in dieser Verzweiflung die Kraft für solche Schritte hat. Auch mein Vater kommt im Spital vorbei. Er gibt die Nachrichten über meinen Zustand anschließend an die Verwandten weiter.

Stefan, mein Vorgesetzter in der Redaktion, schreibt eine E-Mail an das Team: »In den letzten Wochen hat Eric Baumann oft sehr starkes Kopfweh verspürt. Er ging deswegen zur Untersuchung ins Unispital und wurde von den Ärzten gleich dortbehalten. Eric muss sich in den nächsten Tagen einer Hirnoperation unterziehen.«

Ich bin so froh, dass meine Freundin bei mir ist. Sie bleibt so lange wie möglich, wartet diesen und jeden weiteren Abend im Spitalzimmer, bis ich eingeschlafen bin. Das Personal besteht freundlicherweise nicht auf den Regeln für Besuchszeiten. Der wortreiche Herr neben mir ist bereits wieder entlassen worden, ich bin der einzige Patient in diesem Zimmer. Wäre das Bett nicht so schmal und meine Bewegungsfreiheit nicht durch den Tropf eingeschränkt, würde Alice gleich hier übernachten. Stattdessen fährt sie mit dem Velo nach Hause. Im Krankenhaus gibt sie sich gefasst, will mich mit ihrer Trauer nicht noch mehr belasten. Auf dem Heimweg lässt sie die Tränen fließen. Das erzählt sie mir allerdings erst viel später.

Dabei steckt sie selbst in einer äußerst schwierigen Situation. Klar, ich muss mich auf das Schlimmste einstellen, muss alles über mich ergehen lassen. Möglicherweise bin ich jedoch bald nicht mehr hier. Wenn ich tot bin, brauche ich mir aber keine Sorgen mehr zu machen. Für Alice beginnt dann hingegen der nächste Teil des Albtraums: die Beerdigung und das plötzliche Alleinsein.

Sie selbst wird in dieser Situation kaum gefragt, wie es ihr geht. Alle erkundigen sich bei ihr nach meinem Befinden, ihr eigenes interessiert nicht. Dass sie in dieser Zeit zu mir hält, wird einfach vorausgesetzt. Dabei sind wir erst seit ein paar Monaten zusammen.

Drei Tage vor der Operation

Ich wache auf, allein. Es ist der letzte Tag des Jahres. Erneut werde ich im Rollstuhl zu Tests gefahren. Ich könnte gut zu Fuß gehen. Das Infusionsgehänge wäre dabei allerdings lästig, ich müsste es vor mir herschieben. Deshalb nehme ich hin, dass ich durch die Gänge chauffiert werde. Für diesen Zweck gibt es im Krankenhaus eine Art Taxidienst: Stets taucht eine andere Person auf, um mich von einem Ort zum anderen zu bringen.

Der Abholdienst funktioniert nicht immer reibungslos. Manchmal bleibe ich mehr als eine halbe Stunde in einem Flur stehen, bis der für mich abdelegierte Schiebkutscher kommt. Irgendwann verliere ich in diesen Momenten die Geduld, würde am liebsten aus dem Rollstuhl steigen und meinen Transport selbst übernehmen.

Im Wartesaal der Augenklinik fixiere ich eine Türlinie, schaue, ob sie mir gerade vorkommt. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann. Er starrt mich unverhohlen an. Mir kommt er bekannt vor. Woher bloß? Anscheinend weiß er, wer ich bin. Sagt trotzdem nichts. Bestimmt fragt er sich, warum nur sitzt der Kerl mit einer Kanüle im Arm in einem Rollstuhl. Äußerlich sieht man mir noch nichts an. Ich habe keine Lust, mit dem bekannten Unbekannten darüber zu sprechen. Schaue konzentriert auf die Tür, als hätte ich ihn nicht bemerkt, und decke abwechselnd das rechte, dann das linke Auge zu, überprüfe mich selbst.

Vorgestern hatte ich Zickzacklinien im linken Sichtfeld wahrgenommen, aber sie sind bereits deutlich weniger ausgeprägt. Die Schmerzen im Kopf sind vollständig verschwunden. Der Grund ist simpel: Man hat mir Kortison verabreicht, ein entzündungshemmendes Medikament. Es ahmt ein körpereigenes Stresshormon nach, schwächt aber gleichzeitig das Immunsystem. Unter meiner Schädeldecke hat es vorerst für Platz gesorgt. Die Schwellung in meinem Kopf hat sich reduziert.

Der Krebs wächst jedoch schnell, die Zeit tickt. Ich muss möglichst bald operiert werden. Dass das überhaupt geht, ist nicht selbstverständlich. Wenn die gefährlichen Zellen an einer inneren Stelle des Gehirns wuchern, sind Eingriffe schwierig. Mein Tumor drängt zwar an den Schädelrand, sein Zentrum liegt aber einige Zentimeter davon entfernt im Kopf.

Ein wenig Ablenkung von den trüben Gedanken an die bevorstehende Operation finde ich später im elektrischen Antrieb des Patientenbetts. Ich lasse mich hoch- und runterfahren, winkle den Kopfteil an, um eine möglichst gute Sicht zu haben. Mein Bett steht am Fenster. Die Aussicht über Zürich ist fantastisch. Sie geht über die ganze Stadt und den See, so, als säße ich in einem Adlerhorst. Die neurochirurgische Patientenstation befindet sich in einer der obersten Etagen des Spitaltrakts. Der Betonbau ist massiv und selbst von fern kaum zu übersehen. Dennoch ist er mir zuvor nie aufgefallen.

Freunde haben mir Zeitungen und Zeitschriften mitgebracht. Ich nehme sie nicht einmal in die Hand. Normalerweise stürze ich mich auf jegliche Presseerzeugnisse und bin ein absoluter Newsjunkie. In dieser Situation mag ich aber keine Artikel lesen. Was soll ich mich ums Weltgeschehen kümmern? Für mich ist das nicht mehr relevant, perlt an mir ab. Der Fernseher über dem Bett zeigt den Tsunami in Südostasien. In der Notfallaufnahme habe ich Touristen gesehen, die aus den thailändischen Katastrophengebieten evakuiert worden waren. Sie trugen noch Sandalen. Jetzt kommen mir diese Bilder wieder in den Sinn. Schnell schalte ich um. Hilflos. Ich mag das nicht sehen. Meine eigene Flutwelle reicht mir aus.

Später werde ich erfahren, dass ein Bekannter von mir in den Ferien an einem thailändischen Strand sein Leben verloren hat. Er wurde vom Tsunami überrascht. Ich habe ihn als Leiter eines Sprachkurses für Redakteure erlebt. Durch die Erinnerung an ihn nimmt das Drama für mich konkrete Gestalt an. Ich sinniere darüber, ob es besser ist, plötzlich zu sterben oder zu wissen, dass man eine Krankheit hat, die einen bald ins Grab bringen könnte. Der eine Fall erspart die hinausgezögerte Agonie und das Damoklesschwert über dem Haupt, der andere gibt Gelegenheit, Dinge zu regeln und sich von den Liebsten zu verabschieden. Besucher sagen mir schon jetzt zum Trost, man wisse ja nie, könne auch einfach so von einer Straßenbahn überfahren werden. Das hilft wenig. Bei einer Krebsdiagnose ist die Wahrscheinlichkeit, bald zu sterben, doch um einiges größer.

Freunde kommen am Abend ins Spital. Die Stimmung ist gedämpft, trotzdem wird eine Flasche Prosecco geköpft und herumgereicht. Die meisten verabschieden sich irgendwann vor Mitternacht: »Wir gehen auf eine Silvesterparty.« Meine Freundin und ihr Mitbewohner bleiben noch bei mir. Wenige Minuten später ruft jemand an: »Schaut mal aus dem Fenster!« Hundert Meter weiter unten, vor der ETH, der Eidgenössischen Technischen Hochschule, winken ein paar Menschen hoch. Meine Freunde. Jemand zündet eine Rakete – ein kleines Feuerwerk zum neuen Jahr, exklusiv für mich. Ich winke zurück, bis mir die Kanüle aus dem Arm zu rutschen droht.

Während des offiziellen Feuerwerks der Stadt, eine Viertelstunde später, spiegeln sich die in den Himmel steigenden Lichter im See wider. Ein tolles Spektakel, die Perspektive vom Patientenzimmer aus ist optimal. Aber ich schlafe beinahe ein.

Zwei Tage vor der Operation

Zum ersten Mal treffe ich den Chirurgen, der mich unters Messer nehmen wird: Professor Yonekawa, Direktor der neurochirurgischen Klinik. Seit Anfang der Neunzigerjahre arbeitet der Japaner in der Schweiz. Zu diesem Zeitpunkt ist er fünfundsechzig Jahre alt und steht kurz vor der Pensionierung. Sein Ruf bringt immer noch Patienten aus der halben Welt nach Zürich. Kein Wunder, dass er als Rentner seinen weißen Kittel nicht an den Nagel hängen will, sondern vorhat, in der Schweiz zu bleiben und in einer anderen Klinik weiterzuarbeiten.

Professor Yonekawa ist eher klein, eine feine Brille umrahmt sein sauber rasiertes Gesicht. Das Alter merkt man ihm nicht an. Die Haare sind zwar grau, Falten hat er jedoch kaum. Der Händedruck ist fest, er wirkt während des Gesprächs sehr konzentriert. Sein Deutsch ist nicht immer leicht zu verstehen, da der japanische Akzent durchschlägt. Ich bin jedoch ganz Ohr.

»Während der Operation werden Sie wach bleiben.«

Also doch. Am Vortag hatte ich in einer anderen Besprechung gehört, dass ich für die OP nicht narkotisiert werde. Damals hatte ich gedacht, etwas falsch zu verstehen.

»Ist das Ihr Ernst? Wie soll ich das aushalten?«

»Keine Sorge. Die Schädeldecke wird lokal betäubt, die Gehirnmasse an sich ist ohnehin unempfindlich.«

Mir kommt Anthony Hopkins in den Sinn, wie er als Hannibal Lecter den Schädel eines noch lebenden Menschen öffnet, ein paar Stücke Gehirn entfernt, sie in einer Pfanne brät und dem Opfer anbietet. Dieses macht sich genüsslich darüber her, merkt nichts.

Der Chirurg holt mich von diesen Gedanken zurück: »Es ist ganz wichtig, dass Sie uns dabei helfen, die richtigen Zellen zu entfernen. Wenn nicht klar ist, ob Gewebe Teil des Tumors ist, wird man Ihnen an dieser Stelle schwache Stromstöße versetzen und gleichzeitig Fragen stellen.«

»Fragen!?«

»Man wird Ihnen beispielsweise Bilder zeigen, von einem Tisch, einem Stuhl. Und Sie müssen sagen, was Sie darauf sehen. Wenn Sie nicht antworten oder falsch oder spät, haben wir eine Stelle gefunden, die für Ihre Ausdrucksfähigkeit wichtig ist. So kann man verhindern, zu viel herauszuschneiden. Der Tumor wächst ja ins Sprachzentrum.«

Unheimlich. Die Vorstellung, operiert zu werden, ist erschreckend genug. Dass ich bei Bewusstsein erleben muss, wie mein Schädel geöffnet wird, ist mir jedoch eine Nummer zu groß. Allerdings gibt es kaum Alternativen. Eine Vollnarkose wäre nicht anzuraten. Aller Furcht zum Trotz dient es ja meinem eigenen Wohl, Zeuge des Eingriffs zu sein. Ich kann in einer entscheidenden Phase selbst etwas zum Gelingen beitragen.

Ein Tag vor der Operation

Mir wird ein mehrseitiger Vertrag überreicht, der detailliert alle Risiken der Operation auflistet. Damit will sich die Klinik offenbar vor späteren Klagen schützen. Ich mag ihn nicht genau lesen. Dass ich morgen Vormittag im OP-Saal sterben kann, weiß ich. Also Unterschrift und weg damit.

Die Haare darf ich nach dem Eingriff drei Wochen lang nicht waschen, um die Wunde zu schonen. Mit einer Glatze würde das leichter fallen. Ich frage eine Krankenschwester:

»Kann ich die Haare abrasieren?«

»Undenkbar! Mit der Klinge könnten Sie die Kopfhaut verletzen und sich ausgerechnet vor der OP eine Infektion einfangen.«

»Könnten mir die Arzthelfer vor der Operation den ganzen Kopf rasieren statt nur eine Schneise?«

»Wie stellen Sie sich das vor? Die haben keine Zeit für solche Späße. Sie sind hier nicht beim Frisör!«

Ihr Kollege von der Nachtschicht – einer der wenigen Männer auf der Station – ist verständnisvoll und extrem nett. Er organisiert trotz der Warnung einen Apparat. Meine Freundin rasiert mir auf dem Spitalbett den Schädel kahl. Dann machen wir das letzte Foto von mir – ohne Narbe. Panik steht mir ins Gesicht geschrieben.

Der Pfleger erzählt noch einige üble Anekdoten aus dem OP-Saal. Das macht er normalerweise bestimmt nicht, aber ich verstehe mich sehr gut mit ihm. Er begegnet mir auf gleicher Augenhöhe, bringt mich zum Lachen und schafft eine Atmosphäre, als wäre ich auf der Seite des Personals, nicht auf der der Patienten.

Alice bleibt noch eine Weile bei mir. Wir sind zu zweit im Zimmer, verriegeln die Tür und machen es uns auf dem Bett so gemütlich wie möglich. Sex hatte für mich noch nie so etwas Verzweifeltes. Später nehme ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Schlafmittel ein. Beim Wegdösen kommt mir eine Szene aus dem vergangenen Jahr in den Sinn: Es war ein Frühlingstag, ich saß im Büro. Wie harmlos meine Odyssee doch begonnen hatte.

3. Interessantes Angebot

Neun Monate vor der Operation

Ich lege den Hörer auf. Vor mir liegt ein Haufen mit vollgekritzeltem Notizpapier. Die Ernte aus diesem und anderen Telefongesprächen. Für die morgige Ausgabe schreibe ich einen Artikel über die Musikindustrie und ihren verzweifelten Kampf gegen sinkende Umsätze.

Seit fünf Jahren arbeite ich als Journalist bei der Zürcher Tageszeitung Tages-Anzeiger – mit einjähriger Unterbrechung, die mich unter anderem zu einem Internetportal geführt hatte. Seit zwei Jahren bin ich Wirtschaftsredakteur.

Meine Liebe zum Journalismus ist eine alte Geschichte. Das Anbändeln begann früh: etwa mit sieben Jahren, als ich mit meinem drei Jahre älteren Bruder Dominik anfing, auf Malblättern krakelige Titelseiten erfundener Magazine zu zeichnen. Mein Vater war Ingenieur und sehr interessiert am Weltgeschehen. Er hatte so viele Zeitungen und Zeitschriften abonniert, dass es unser Stubentisch in Sachen Presseerzeugnisse beinahe mit einem Redaktionsbüro hätte aufnehmen können. Wir quengelten zwar, wenn wir bei den Radionachrichten während des Mittagessens still sein oder beim Bündeln und Schnüren der Altpapierberge helfen mussten, aber je älter wir wurden, desto mehr wussten wir die Medienpräsenz im Familienhaus zu schätzen.

Schon bald begann ich, kleine, selbst erfundene Geschichten zu schreiben. Parallel dazu wuchs die Faszination für Popmusik. Mit zehn klebte ich Magazinausschnitte meiner damaligen Lieblingsgruppe Kiss zusammen und verteilte die Kopien an andere Musikfans in der Schule.

1983 – mit zwölf – gründete ich mit Dominik eine Musikzeitschrift: News & Infos. Der Fokus lag zuerst auf den Stars der Hitparade und entwickelte sich immer mehr zu den damals aufstrebenden New-Wave-Bands hin. Unsere Freizeit verbrachten wir damit, jeden Monat eine neue Nummer zusammenzustellen. Über Helfer gelangte das Magazin in die Städte der Deutschschweiz, wo wir es in Plattenläden verkauften. Unser Heft wirkte so professionell, dass kaum jemand dahinter so junge Macher vermutete.

Das war eine attraktive Geschichte für die anderen Medien. Unter anderem traten wir im Schweizer Fernsehen in der Vorabendshow Karussell auf, wo man uns als frühreife, aber ernst zu nehmende Verleger porträtierte. Die Sendung verhalf uns zu einem steilen Abonnentenzuwachs. Gute Kontakte zu den Machern im Fernsehstudio ermöglichten es von da an, bei Musiksendungen hinter den Kulissen Bands wie Spliff, Extrabreit, Talk Talk und Depeche Mode für unser Magazin zu interviewen. Selbst Nina Hagen nahm sich Zeit für uns. Dabei hatte ich sogar den Stimmbruch noch vor mir.

1985, nach fünfundzwanzig Ausgaben, mussten wir trotz einer Auflage von fast tausend Exemplaren aufhören. Von buchhalterischen Regeln hatten wir keine Ahnung, Verkaufserlöse und Abonnementsgebühren steckten wir vollständig in die jeweils nächste Ausgabe. Irgendwann war das Geld alle. Zudem hatten unsere Schulleistungen deutlich nachgelassen. Statt Prüfungen vorzubereiten, beschäftigten wir uns lieber mit unserem Steckenpferd. Nach dem Aus kam ich bald in die Pubertät. Musik bedeutete mir immer noch viel, aber Mädchen waren plötzlich wichtiger.

Jahre später – ich studierte in Bern Volkswirtschaft und Medienwissenschaften – nahm ich meine einstige Leidenschaft wieder auf, schrieb für eine Lokalzeitung vor allem über Musikkonzerte und neue CDs. Dem Journalismus blieb ich also treu. Dass ich nach dem Studium im Wirtschaftsteil einer Zeitung landete, war kein Zufall. Das Interesse an Musik blieb aber erhalten. Kein Wunder, dass ich mich auf Geschichten über die Musikbranche spezialisiert habe – die ideale Kombination aus Themen, die für mich spannend sind.

Ich habe mich allerdings auch einmal auf eine Korrespondentenstelle in Tokio beworben. In Japan war ich noch nie, Südostasien kannte ich dagegen bereits von mehreren Reisen. Länder wie Vietnam, Kambodscha und Laos waren mir dabei ans Herz gewachsen, und ich hatte Lust bekommen, mehr von diesem Kontinent zu sehen. Mein Interesse, mich auf etwas Neues einzulassen, war größer als die Furcht vor der Einsamkeit in der Ferne.

Die Stelle erhielt ich nicht. Ein Arbeitskollege gab mir damals aber zu verstehen, dass das beim Tages-Anzeiger ein übliches Prozedere sei: »Beim ersten Rennen um einen Korrespondentenjob wird man kaum berücksichtigt. Dafür ist man bei einer zweiten Gelegenheit in einer guten Ausgangslage.«

Diese zweite Gelegenheit tritt schneller ein als erwartet. Mein Chef klopft an die Bürotür.

»Hast du kurz Zeit?«

»Klar, komm rein.«

Stefan schließt die Tür hinter sich und kommt direkt zum Punkt.

»Bald wird ein Posten frei, der dich interessieren könnte. Es geht um die Korrespondentenstelle in London.«

»Hm. Allein für Wirtschaft?«

»Vorerst ja. Aber politische Berichterstattung kommt voraussichtlich später dazu.«

Fürs Erste ist lediglich eine Teilzeitstelle garantiert. Allerdings müsste ich praktisch jeden Tag zur Verfügung stehen, auf Abruf sozusagen. Trotzdem würde ich weniger verdienen als bisher. Das Gehalt ist alles andere als fürstlich. Dabei weiß ich, wie teuer das Leben in London ist. Zudem sitze ich in meiner Position in Zürich fest im Sattel. Die bequemere Lösung wäre also hierzubleiben. Aber letztendlich überwiegt das Interesse, etwas anderes zu erleben. Eine Woche später teile ich Stefan mit: »Ich will den Job in London.«

Sechs Monate vor der Operation

Im Juni fliege ich für ein paar Tage nach England. Vorrekognoszieren. Zum ersten Mal setze ich mich konkret damit auseinander, dass die britische Hauptstadt bald zu meiner Wahlheimat wird. Ich komme bei Angus unter, einem alten Freund. Er ist Engländer und vor allem Londoner. Früher habe ich mit ihm die Bars und Clubs der Metropole abgeklappert, jetzt ist er verheiratet und wird bald Vater. Sein Haus liegt in einem sehr ruhigen Viertel südwestlich des Zentrums.

Angus ist eine große Hilfe, weiß, auf was man bei der Wohnungssuche achten muss und mit welchem Ticket man im öffentlichen Verkehr am besten fährt. Aber er hat keine Lust mehr, mit mir ins Nachtleben einzutauchen.

Diese Aufgabe übernimmt Diana. Sie ist Fotografin und lotet in ihrer Arbeit gerne Tabugrenzen aus. Ich kenne sie aus Zürich. Mittlerweile lebt sie in London, arbeitet für internationale Magazine. Am Nachmittag führt sie mich nach Hampstead Heath, einem großen Park im Norden Londons. Dort kommen wir an einem der wenigen Freibäder der Stadt vorbei: dem Bathing Pond, einem mit einer dunklen Brühe gefüllten Teich. Die Anzahl der Leute, die sich gleichzeitig im Tümpel tummeln dürfen, ist begrenzt und wird streng kontrolliert. Bei warmem Wetter bildet sich vor dem Eingang eine lange Schlange.

In Zürich ist der Sommer ein spezielles Vergnügen. Zu den angenehmsten Seiten der Saison zählen die Badis, die Badeanstalten am See und am Fluss. Das Wasser ist sauber genug, um unbesorgt reinzuhüpfen. Und abends mutieren einige der Badis zu Bars, Discos oder sogar Freilichtkinos.

Angesichts des Bathing Ponds und des erbsenzählerischen Zugangssystems kommen mir Zweifel, ob es die richtige Entscheidung ist, die Lebensqualität in Zürich gegen diejenige Londons einzutauschen.

Dann zeigt mir Diana am Abend ihr Viertel im Osten der Stadt: Shoreditch. Die Straßen sind mit Nachtlokalen übersät. Aktivitätszentrum ist der Hoxton Square, ein Stück Wiese, das mich an die Bäckeranlage, einen Park in Zürich, erinnert: Leute liegen auf dem Rasen, trinken ein Bier oder rauchen einen Joint. Und gucken in die Luft. Sie sehen alle aus, als würden sie eine Kunstschule besuchen oder in einem Musikstudio arbeiten. Schülerinnen und Schüler einer nahen Zirkusschule bieten auf der Wiese ihre erlernten Kunststücke dar und hoffen auf einen Gratisdrink oder sonst einen Obolus. Das Viertel ist farbig, es gefällt mir. Hier will ich eine Wohnung finden.

Eigentlich kenne ich die Gegend von früher. 1990 ging ich nach dem Schulabschluss für drei Monate nach London. Es wäre nahe liegend gewesen, bei dieser Gelegenheit Englischunterricht zu nehmen. Mit Fremdsprachen hatte ich im Gegensatz zu Mathematik und Physik allerdings nie Probleme. Sie fielen mir leicht. Deshalb besuchte ich stattdessen einen dreimonatigen Makrobiotik-Kurs, in einer alternativen Schule gleich neben Shoreditch. Der Hoxton Square war zwar nur ein paar hundert Meter davon entfernt, aber zu jener Zeit hätte ich mich nicht hingetraut. Dort seien nur Obdachlose und Drogensüchtige, wurde ich gewarnt. Offenbar konnte sich die Schule keine bessere Lage leisten.

Das Unterrichtsthema fand ich trotzdem verheißungsvoll. Makrobiotik ist eine Ernährungs- und Lebensweise, die auf japanischen Lehren fußt. Nahrungsmittel werden in Yin oder Yan eingeteilt, und gemieden wird, was diesem Schema zufolge extrem ist. Das soll den Körper schonen. Einige Krebspatienten hoffen, sich damit heilen zu können. Sie gehen davon aus, ihrer Erkrankung mit einer falschen Ernährung Vorschub geleistet zu haben.

Auf der Bannliste stehen beispielsweise Fleisch, mit Zucker gesüßte Speisen und Milchprodukte. Ersetzt werden diese durch Vollkorngetreide, pflanzliche Eiweißträger wie Hülsenfrüchte und Tofu sowie durch mineralreiche Algen.

Ich hatte schon einige Erfahrungen damit, weil meine Eltern nach der zweiten Krebserkrankung meines Vaters begannen, diese Regeln zu befolgen. Damals war ich etwa zwölf Jahre alt. Für uns Kinder war die Umstellung zunächst dramatisch: Statt Käseauflauf, Hackfleisch und Linzer Torte gab es plötzlich verkochten braunen Reis, geschmacklose Bohnen und fades Sojadessert. Entsprechend nutzten mein Bruder und ich jede Gelegenheit, uns auswärts mit all dem vollzuschlagen, was wir am meisten vermissten. Mama und Papa lernten aber bald, das vegetarische Essen schmackhaft zuzubereiten.

Meinem Vater ging es – zum Glück und fast einem Wunder gleich – bald wieder besser. Er erlitt keinen Rückfall. Ich wiederum stellte fest, dass mir Fleischkonsum jeweils ein unangenehmes Völlegefühl bescherte. Nach dem Kostwechsel in der Familie verschwanden auch beunruhigende Knötchen an meinen Stimmbändern. Sogar Asthmaanfälle blieben von da an aus.

Gegen Ende meiner Teenagerzeit begann ich, mich für Buddhismus zu interessieren. Mein Ziel war – als vorübergehende Abkehr von meinen Journalismusplänen –, Naturheilpraktiker zu werden. Die Makrobiotik-Schule in London war deshalb ein guter Einstieg. Ich lernte die Prinzipien der Ernährungsregeln kennen und erhielt eine Schnellbleiche in Shiatsu-Massage.

In der britischen Hauptstadt war ich plötzlich nicht mehr der Einzige auf weiter Flur, sondern traf auf eine Gemeinde von mehreren Tausend Makrobioten. Es gab in der Stadt mehrere entsprechend ausgerichtete Läden und Restaurants, sogar Catering-Services. Zu Beginn fand ich das toll. Mit der Zeit störte mich aber der religiöse Eifer, mit dem sich Anhänger dieser Lehre widmeten. Sie verbrachten Stunden damit, regelkonforme Gerichte zuzubereiten. Und sie hielten sich auch an zahlreiche andere Empfehlungen, legten sich zum Beispiel jeden Abend spätestens um zehn Uhr ins Bett und hörten keine laute Musik mehr.

Für mich hingegen war London auch ein Ort, um all meine Lieblingsbands live zu sehen. Meistens musste ich allein zu Auftritten gehen, denn makrobiotische Bekannte waren für so etwas nicht zu haben.

Als ich nach der ziemlich asketischen Zeit in London wieder in die Schweiz kam, ließ ich mich schon am ersten Abend mit meinen Kumpels zünftig volllaufen. Ich hatte genug von dieser Ernährungssekte.

Meine Kochkünste sind aber bis heute von der Makrobiotik beeinflusst. Nach wie vor bevorzuge ich frische Zutaten beim Zubereiten von Speisen und versuche, Zusatzstoffe und E-Nummern zu vermeiden. Wenn ich bei Freunden eingeladen bin oder in einem Restaurant esse, lasse ich mir allerdings so gut wie alles vorsetzen. Mit einer Ausnahme: Fleisch ist mir im Gegensatz zu Fisch nach wie vor zuwider, schmeckt mir überhaupt nicht.

Auf Reisen in Länder wie China oder Vietnam lasse ich mir das Wort für Fleisch beibringen, um dann, unterstützt durch Gesten, mitzuteilen, dass ich das nicht auf meinem Teller haben will. Natürlich klappt das nicht immer. Ein paarmal schon musste ich undefinierbare bräunliche Brocken auf die Seite schieben. Das muss man bei Aufenthalten in exotischen Ländern wohl auf sich nehmen.

Obwohl ich meine eingeengten kulinarischen Vorlieben also deutlich erweitert habe, gelte ich unter meinen Freunden nach wie vor als Fundamentalist der seltsamen Sorte: Bier und Wein gibt es in den voroperativen Zeiten immer bei mir, auch Zigaretten oder ein paar Graskrümel kann ich aus der Schublade ziehen. Wenn ich aber Spaghetti koche, fehlt in meinem Kühlschrank der Reibkäse. Serviere ich Kaffee, kommt er ohne Zucker.

Die Spuren der Makrobiotik in London sind seit meinem Kurs vor beinahe fünfzehn Jahren übrigens spärlich geworden. Die damalige Schule ist längst geschlossen, und entsprechende Restaurants sind vermutlich alle eingegangen. Ein paar Anhänger scheint es aber immer noch zu geben. Die in diesen Kreisen verbreiteten Lebensmittel wie Miso (japanische Bouillon) und Meeresalgen sind mittlerweile in jedem Bioladen in der Stadt erhältlich.

London habe ich seit jenem Aufenthalt Anfang der Neunzigerjahre unzählige Male besucht, die Stadt ist mir trotz ihrer Größe ziemlich vertraut. Der Ortswechsel wird weniger abenteuerlich sein als ein Umzug nach Tokio. In den letzten Jahren hat sich die Häufigkeit meiner Trips nach London indes ein wenig reduziert. Es wird für mich dort also dennoch einiges Neues zu entdecken geben.

4. Tanzende Wörter

Fünf Monate vor der Operation

»Hallo, wie läuft’s?« Mit einer Exfreundin habe ich mich im Les Halles zum Abendessen verabredet. Unser Tisch befindet sich im hinteren Teil des Restaurants. Unvermittelt wird mir schwindlig. Die Stimmen der Gäste verbinden sich zu einer schmerzhaften Geräuschkulisse. Die Situation kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich so etwas schon einmal erlebt habe.

»Akustisch blöder Ort«, stammle ich. Meine Begleiterin schaut mich ratlos an. »Platz wechseln«, bringe ich gerade noch hervor. Wir nehmen Gläser, Teller und Besteck, setzen uns an einen Tisch nahe dem Ausgang. Das Stimmengewirr bleibt. Alles dreht sich. »Was hast du?«, fragt mich mein Gegenüber. Ich möchte es erklären, aber das geht nicht. Wörter tanzen vor mir im Kreis, ich kann sie nicht einfangen. Öffne den Mund, bleibe sprachlos. Dabei weiß ich genau, was ich sagen möchte. Habe keine Ahnung, welche Wörter es dazu braucht.

»Nein möglich sprechen«? Oder: »Nicht ich kann«? Ich mache einen Versuch, das Einzige, was mir einfällt, ist »äh, äh!«. Also gebe ich es auf, bleibe stumm. Es ist mir peinlich. An Essen ist nicht mehr zu denken. »Lass uns an die frische Luft gehen«, sagt meine Begleiterin und führt mich nach draußen. Minuten später finde ich meine Sprache wieder.

Am nächsten Tag fühle ich mich immer noch groggy. Ich gehe zum Hausarzt und erzähle, was mir passiert ist. Ich will ehrlich sein, nichts verschweigen. »Vor einer Woche habe ich eine Ecstasy-Pille geschluckt«, sage ich ihm. Das kommt selten vor. Umso mehr drängt sich der Verdacht auf, der Vorfall könne damit zu tun haben. Allerdings liefere ich meinem Doktor damit eine Erklärung auf dem Silbertablett. »Das kann durchaus darauf zurückzuführen sein«, meint er. Dann diagnostiziert er mir eine Grippe und schreibt mich für vier Tage krank. Ich verbringe den Freitag zu Hause im Bett, selbst fernsehen ist zu anstrengend. Ein Freund kommt vorbei, staunt: »Du bist so bleich und verwirrt.«

Am Samstag geht es mir etwas besser. Einen Tag später wage ich mich erstmals nach draußen. Gehe wie häufig am Wochenende in einem Café meines Viertels brunchen. Kaum beiße ich in ein Gipfeli, klingelt das Handy. Es ist der Dienstchef meiner Zeitung. »Du musst für einen Einsatz in die Redaktion kommen.« Laut Plan habe ich diesen Sonntag auf Abruf bereit zu sein. Dummerweise hat niemand für Ersatz gesorgt.

»Hör mal, ich bin krankgeschrieben«, entgegne ich. Die Stimmen der anderen Gäste im Hintergrund machen mich wohl nicht sehr glaubwürdig. »Komm mir nicht mit blöden Ausreden«, brüllt es aus dem Telefon.

Ich will beweisen, dass man mit mir rechnen kann, selbst wenn ich mich nicht wohlfühle. Noch ein wenig wackelig auf den Beinen schleppe ich mich zum Tages-Anzeiger. Schreibe ein paar krumme Zeilen, ärgere mich über den Dienstchef und über mich selbst. Ich habe Angst, als Simulant dazustehen. Dabei könnte ich einfach das Arztzeugnis vorweisen.

Was ist der Grund für den Sprachaussetzer? War es jene durchgefeierte Nacht? Vielleicht habe ich mich in letzter Zeit übernommen. Die Arbeit als Wirtschaftsredakteur ist immer mit Zeitdruck verbunden. Womöglich hat mir der Stress zugesetzt.

Die nächsten Tage läuft vorerst alles weiter, als sei nichts gewesen. Dann gehe ich mit Marcel und Daniel, zwei Kollegen aus der Redaktion, über Mittag joggen. Unsere übliche Route verläuft vom Redaktionsgebäude die Sihl entlang, ein Stück weit den Uetliberg hoch und von dort aus zurück Richtung Büro.

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