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Einen Mann wie dich vergisst man nicht

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1. KAPITEL

Nur allmählich erwachte Josie Wentworth aus einem herrlichen Traum vom Abschlussball an der High School in Freemont Springs. Darin trug sie ein hübsches Kleid mit einem Sträußchen Gardenien, und das Haar hatte sie elegant frisiert. Den Namen des jungen Mannes, mit dem sie tanzte, kannte sie nicht, und die Band spielte lauter als nötig, aber sie unterhielt sich großartig in dem aufwendig dekorierten Saal.

Josie räkelte sich und sah sich im Schlafzimmer suchend nach dem Ballkleid um, das sie in der letzten Nacht beim Nachhausekommen hier einfach zu Boden hatte fallen lassen.

Dies war ihr Jugendzimmer, mit dem Schreibpult, dem überquellenden Bücherregal, der Kommode, den Postern an den Wänden und den Plüschtieren auf einem Wandbrett. Aber wo waren das teure Kleid und die passenden Schuhe? Wieso duftete es nicht nach Gardenien?

Josie gähnte und setzte sich im nächsten Moment kerzengerade im Bett auf. Sie fröstelte, als sie plötzlich unsanft in die Realität zurückgeholt wurde.

Sie war nicht mehr siebzehn und frei von Kummer und Sorgen, sondern neunundzwanzig Jahre alt und nur vorübergehend wieder bei ihrer Familie. Darum hatte sie in ihrem alten Zimmer geschlafen, in dem damals ihr größtes Problem, das sie beschäftigt hatte, das Warten auf den versprochenen Anruf ihres Freundes gewesen war.

Sie, Josie Wentworth, gehörte zu der in Oklahoma ansässigen steinreichen Öldynastie. Sie war die Enkelin von Joseph Wentworth, die Schwester ihres jüngeren Bruders Michael und von Jack, dem älteren. Und Jack war tot …

Josie kämpfte gegen den Drang zu weinen an. Zu viele Tränen waren vergossen worden, seit sie erfahren hatte, dass sie den geliebten Bruder nie wiedersehen würde.

„Ach, Jack“, flüsterte sie. „Was soll ich ohne dich machen? Warum hast du mich verlassen?“

Sie presste die Hände aufs Gesicht. Vor zwei Wochen hatte Trey McGill angerufen und sie gebeten, zum Besitz der Familie Wentworth zu kommen, wo ihr Großvater und Michael lebten. Sichtlich erschüttert hatte Trey ihr dort die schreckliche Nachricht überbracht.

Jack hatte einen Geheimauftrag für das Außenministerium übernommen. Trotz sorgfältiger Vorbereitung war etwas schief gegangen, und er hatte es mit seinem Leben bezahlt. Jacks Leiche wurde allerdings nie gefunden.

Die folgenden Tage waren für Josie wie ein Albtraum gewesen. So viele Telefonate hatte sie führen müssen, um alle von dem schrecklichen Vorfall zu unterrichten. Sie hatte gehofft, bei der für ihn ausgerichteten Gedenkveranstaltung für immer von ihm Abschied nehmen zu können, auch wenn kein richtiges Begräbnis stattfand.

Doch es fiel ihr schwer, sich mit dem Verlust ihres Bruders abzufinden. Er war ihr Held gewesen. Sie konnte die Tränen jetzt nicht mehr zurückhalten, und mit einem wehmütigen Lächeln erinnerte sie sich an ihren ersten Schultag …

Josie wollte nicht in diese gruselige Schule fahren, in der sie bereits mit ihrem Großvater zur Besichtigung gewesen war. Die Lehrerin hatte ständig gelächelt, mit diesen großen Zähnen und dem wild zerzausten Haar, das sie wie eine Hexe aussehen ließ. Von diesen vielen lärmenden Kindern in dem bunt geschmückten Raum hatte Josie kein einziges gemocht. Mit neuen Schuhen, Kniestrümpfen und in einer kratzigen Schuluniform stand sie nun in der Diele des Hauses und steckte den Daumen in den Mund. Sie wollte keinen Schritt weiter gehen.

„Komm schon, Prinzessin“, sagte Joseph Wentworth. „Ich habe dir versprochen, dich am ersten Unterrichtstag zur Schule zu fahren und ins Klassenzimmer zu begleiten. Also, gehen wir.“

Sie schüttelte den Kopf, und Tränen kullerten ihr über die Wangen.

„Aber, aber, nicht weinen“, sagte Joseph. „Du bist jetzt ein großes Mädchen. Heute ist ein wichtiger Tag für dich. Willst du nicht den anderen Kindern deine neuen Schuhe zeigen?“

Josie schniefte, schüttelte erneut den Kopf und nahm den Daumen dabei nicht aus dem Mund.

„Was soll ich bloß machen?“, rief ihr Großvater. „Soll ich vielleicht ein schreiendes und strampelndes Kind in die Klasse tragen?“

Jack, damals elf, kniete sich vor Josie. „Hör zu, Peanut, wir beide haben ab sofort einen Geheimcode. Ich verrate ihn dir, wenn du den Finger aus dem Mund nimmst.“

Josie sah ihren großen Bruder eine Weile forschend an und ließ schließlich die Hand sinken.

„Also“, fuhr Jack fort und wischte ihre Tränen weg, „wenn du jemals Angst hast oder dich einsam fühlst, ob in der Schule oder sonst wo, sagst du diesen Reim auf, in dem mein Name vorkommt. Dann werde ich dich hören, wo immer ich bin. Das bewirkt unser Geheimcode. Weißt du, welchen Reim ich meine?“

Josie nickte. „Jack, sei hurtig, Jack, sei flink, Jack …“

„Genau richtig“, unterbrach er sie. „Du verstehst doch, wie dieser Geheimcode funktioniert?“

„Du wirst immer bei mir sein“, erwiderte sie, „selbst wenn ich dich nicht sehen kann.“

„So ist es.“

„Jack“, fragte sie stockend, „wird der Geheimcode denn wirklich immer wirken?“

„Für immer und ewig“, beteuerte er. „Das verspreche ich dir.“

„Ist gut. Dann gehe ich jetzt in die Schule, Großvater.“

Joseph Wentworth schüttelte lachend den Kopf. „Jack, du wirst bestimmt einmal Politiker.“

„Nein“, widersprach Jack ernst und richtete sich wieder auf. „Ich werde SEABEE bei der Navy, und zwar der beste, den es je gegeben hat.“

„Das glaube ich gern“, sagte Joseph, „aber danach sollst du Wentworth Oil übernehmen. So, beeilt euch jetzt, ihr zwei. Wir wollen nicht zu spät kommen.“

„Jack, sei hurtig“, hatte Josie damals geflüstert, während sie das riesige Haus ihres Großvaters verließen. „Jack, sei flink …“

Josie schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen an jenen längst vergangenen Tag zu vertreiben.

„Für immer und ewig?“, sagte sie leise. „Ach, Jack, immer und ewig gibt es nicht.“

Joseph Wentworth saß im sonnendurchfluteten Frühstückszimmer, das direkt an die Küche grenzte, trank Kaffee und versuchte, sich auf die Zeitung zu konzentrieren. Seufzend schob er sie jedoch zur Seite und blickte starr aus dem Fenster.

Sein ältester Enkel war tot. Jack Wentworth gab es nicht mehr. Bis heute konnte Joseph es nicht glauben. Noch immer klammerte er sich an die Hoffnung, dass es sich um ein Missverständnis handelte und Jack doch lebte. Schließlich hatte man keine Leiche gefunden …

„Narr“, sagte Joseph laut. „Er ist tot, genau wie sein Vater und seine Mutter.“

Es war nicht fair, dass ein Mann seinen einzigen Sohn und zehn Jahre später auch noch einen Enkelsohn verlor. Das war einfach zu schmerzvoll, zu grausam.

Joseph stellte seufzend die Kaffeetasse ab. Er fühlte sich schrecklich müde. Seit Trey McGill ihnen die Nachricht von Jacks Tod überbracht hatte, konnte er kaum noch schlafen. Jetzt bemerkte er schmerzlich jedes seiner zweiundsiebzig Lebensjahre, aber er musste sich zusammenreißen. Er wollte schließlich keinen zweiten Schlaganfall erleiden.

Als er hörte, wie Josie die Haushälterin Evelyn begrüßte, strich er sich durchs graue Haar, rückte die Krawatte zurecht und griff wieder zur Zeitung.

„Guten Morgen, Großvater“, sagte Josie, als sie in die Küche kam. „Ich nehme mir Kaffee und leiste dir Gesellschaft, wenn es dir recht ist.“

Joseph blickte von der Zeitung hoch. „Ja, sicher, aber du solltest zum Frühstück nicht nur Kaffee trinken.“

„Evvie hat deswegen auch schon mit mir geschimpft, aber ich habe keinen Hunger. Übrigens mache ich mir ihretwegen Sorgen. Sie sieht nicht gut aus.“

„Das ist wegen Jack“, erwiderte Joseph. „Schließlich hat sie mir geholfen, euch alle großzuziehen. Ohne Evelyn hätte ich das nicht geschafft. Du und Michael, ihr erinnert euch nicht mehr, aber Evelyn war ein Felsen in der Brandung, als eure Eltern umkamen. Sie hängt sehr an euch.“

Josie setzt sich mit einer Tasse zu ihrem Großvater und trank einen Schluck.

Joseph betrachtete sie über den Rand der Zeitung hinweg. Sie war eine schöne junge Frau. Die dunklen Augen hatte sie von ihrem Vater geerbt, das kastanienbraune Haar von ihrer Mutter. Und er bemerkte noch die Spuren von Tränen. Seine kleine Prinzessin hatte wieder geweint.

„Wir lieben Evvie“, versicherte sie. „Sie war für uns eine wunderbare Mutter. Ich würde ihr gern in ihrem Schmerz helfen, aber ich weiß ja nicht einmal selbst …“ Sie stellte die Tasse weg. „Es ist so schlimm, Großvater, dass Jack … ich …“

„Trink den Kaffee“, sagte Joseph rau und versenkte sich erneut in die Zeitung.

„Großvater“, sagte Josie nach einer Weile.

„Ja?“ Bisher hatte er kein einziges Wort gelesen.

„Ich kehre heute in meine Wohnung zurück. Ich kann mich nicht länger hier verstecken und so tun, als wäre ich noch ein Kind, das in diesem Haus sicher und geschützt ist.“

Joseph wollte nicht in dem großen leeren Haus allein sein mit dem Schmerz und der Trauer. Bloß das nicht!

„Na gut“, sagte er trotzdem lässig, „dann machen Evelyn und ich eben wie bisher weiter.“

„Ja.“ Josie zögerte. „In seinem letzten Brief hat Jack erwähnt, dass ich in einem Jahr Zugang zu dem Treuhandfond bekommen werde, den du für mich eingerichtet hast. Darum sollte ich mir überlegen, einen Beruf zu ergreifen.“

„Ausgezeichnete Idee“, lobte Joseph. „Die Bedingungen, wie ihr an den Fond kommt, sind für euch drei gleich. Ihr erhaltet das Geld an eurem dreißigsten Geburtstag oder bei der Heirat. Also, suche dir einen Ehemann und schenke deinem alten Großvater einige Urenkelkinder.“

„Ich wusste, dass du das sagen würdest“, erwiderte sie lachend, wurde jedoch sofort wieder ernst. „Hast du das gehört? Ich hätte gedacht, nach Jacks Tod könnte ich nie wieder lachen.“

„Er würde sich wünschen, dass du gut gelaunt bist und dein Leben genießt, Josie. Das würde er sich von uns allen wünschen. Einfach wird das nicht sein. Michael ist gleich nach der Gedenkfeier auf die Ölfelder zurückgekehrt, um sich abzulenken. Und da Jack nun nicht mehr in der Firma ist, trägt Michael viel mehr Verantwortung.“

„Und was ist mit dir, Großvater? Kommst du denn hier allein zurecht?“

„Natürlich. Ich bin schon seit Jahren daran gewöhnt, nur Evelyn um mich zu haben. Ich zeige mich in der Firma, fahre in meinen Klub, plaudere mit Freunden, spiele Golf und lese stundenlang. Mach dir um mich keine Gedanken. Der Schmerz über diesen Verlust wird nie verschwinden, aber mit der Zeit kann man ihn besser ertragen. Du wirst schon sehen.“

„Ich habe dich lieb, Großvater.“

„Ich dich auch, Prinzessin. Geh du nur zurück in deine Wohnung. Wahrscheinlich bist du wie üblich dabei, eine Benefizveranstaltung vorzubereiten.“

„Ja“, bestätigte sie seufzend. „Weil ich von den Zinsen des Fonds leben kann, habe ich meine Zeit immer gern für wohltätige Zwecke verwendet. Aber im Moment reizt es mich gar nicht, einen Ball vorzubereiten. Nächste Woche bin ich in Tulsa mit dem Manager einer Band verabredet, die ich engagieren will, aber …“

Sie stand auf und ging unruhig auf und ab.

„Ich wünschte, die Sonne würde nicht mehr scheinen und die Vögel aufhören zu singen“, sagte sie. „Am liebsten würde ich den Leuten von Freemont Springs ins Gesicht schreien, dass Jack Wentworth tot ist, und sie fragen, warum sie einfach so tun, als wäre nichts passiert.“

„Jetzt ist es genug“, entgegnete Joseph energisch. „Du lässt dich von diesem Schlag nicht unterkriegen, hörst du? Josie, du bist eine Wentworth. Wisch die Tränen weg. Kopf hoch und weitermachen! Geh jetzt und pack deine Sachen!“

Sie nickte, drückte ihrem Großvater einen Kuss auf die Wange und eilte hinaus.

„Ich bin auch ein Wentworth“, flüsterte Joseph und richtete den Blick auf die Zeitung, doch die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen.

Josie bewohnte das Dachgeschoss eines Hochhauses in einem vornehmen Bezirk von Freemont Springs. Vor fünf Jahren war sie wegen des großartigen Ausblicks hier eingezogen und hatte alles neu renoviert und in Weiß, Lachsfarbe und Mintgrün eingerichtet.

Das Speisezimmer bot zwanzig Personen Platz. Es hingen nur wenige Bilder an den Wänden, sie hatte ein paar Meeresszenen in gedämpften Farben ausgewählt. Alles wirkte behaglich und einladend. Wenn sie sich im Wohnzimmer entspannte, hatte sie das Gefühl, auf einer Wolke über der Stadt zu schweben.

Das Schlafzimmer wies eine betont feminine Note auf. Eine kunstvoll gearbeitete weiße Decke lag auf dem Bett mit zahlreichen Zierkissen, Kleiderschrank und Kommode waren aus Eiche. Auf einem kleinen runden Tisch mit weißer Spitzendecke standen zahlreiche gerahmte Fotos.

In der Diele zog Josie die Schuhe aus, durchquerte das Wohnzimmer und warf im Schlafzimmer den Koffer aufs Bett. Auspacken wollte sie später. Nach einem Blick ins Gästezimmer blieb sie mitten im Wohnzimmer stehen und sah sich um.

Ein vollkommenes Bild, dachte sie und runzelte die Stirn. Wer immer sie hier besuchte, lobte ihren hervorragenden Geschmack. Manche beneideten sie sogar, nicht nur um die Wohnung, sondern auch um ihren Job. Ihre Freunde und Bekannten waren sich einig, dass Josie Wentworth alles hatte, was man sich wünschen konnte.

„Perfekte Wohnung“, sagte sie laut. „Perfektes Leben.“

Vermutlich hatte das bisher auch gestimmt. Für eine Kristallvase hatte sie tausend Dollar ausgegeben. Einfach so. Eine Wentworth machte das. So lebte eben eine Wentworth. Doch irgendwie hatte sie nie daran gedacht, dass auch Mitglieder der Familie Wentworth sterben konnten. Und jetzt war Jack tot.

„Hör auf“, befahl sie sich. „Unternimm etwas Sinnvolles. Du bist eine Wentworth!“

Die Post fiel ihr ein. Sie hatte dafür gesorgt, dass während ihrer Abwesenheit alles im Büro der Hausverwaltung gesammelt wurde. Hoffentlich lenkte es sie ab, wenn sie sich mit Rechnungen und unwichtigen Schreiben beschäftigte.

Eine Viertelstunde später betrat Josie vom Speisezimmer aus die Bibliothek, die völlig anders eingerichtet war als das übrige Penthouse. Diesen Raum hatten bisher nur wenige Besucher gesehen.

Das Zimmer hatte Josie so ähnlich gestaltet wie die Bibliothek ihres Großvaters, um an das Zuhause ihrer Kindheit erinnert zu werden. Als kleines Mädchen war sie oft zu ihm ins Arbeitszimmer gekommen und auf seinen Schoß geklettert. Und er hatte sich stets Zeit für sie genommen.

Nun besaß auch sie einen großen Schreibtisch, einen weichen Ledersessel, ein Zweiersofa aus Leder und an den Wänden Bücherregale. Ihr Großvater hatte ihr die meisten Bücher geschenkt, darunter ihre geliebten Klassiker.

Josie stellte den Karton mit der Post, den man ihr hochgebracht hatte, auf den Schreibtisch und zog die Briefe heraus. Zuunterst lag ein kleines, in braunes Papier gewickeltes Päckchen. Der Absender war Trey McGill.

Sie ließ sich in den Sessel sinken. Das hatte sie völlig vergessen.

An jenem albtraumhaften Tag hatte Trey ihr angekündigt, dass er ihr Jacks persönliche Dinge zuschicken würde. Er wollte ihren Großvater nicht noch mehr aufregen. Sie sollte dann entscheiden, was sie davon ihrem Großvater oder Michael geben würde.

„Das kann ich nicht“, flüsterte sie. „Dafür bin ich noch nicht bereit.“

Doch nächste Woche oder in einem Monat würde es nicht weniger schmerzen. Es hatte also keinen Sinn, das Öffnen des Päckchens aufzuschieben.

Sie griff nach einer Schere, schnitt das Papier auf und hob den Deckel von dem kleinen Karton. Behutsam legte sie Jacks Brieftasche auf den Schreibtisch, dann die Armbanduhr, den Siegelring, Schlüssel, ein blütenweißes Taschentuch und einen schwarzen Kamm.

Drei Dinge befanden sich noch in der Schachtel, ein Foto, eine blaue Samtschatulle und ein Briefumschlag mit Briefmarke und Adresse. Mit diesen drei Gegenständen setzte sie sich aufs Sofa, legte alles auf ihren Schoß und griff nach dem Foto. Es zeigte eine hübsche, lächelnde junge Frau.

Als sie die blaue Samtschatulle öffnete, hielt sie den Atem an. Ein wunderschöner Diamantring mit Smaragdschliff lag darin. War das ein Verlobungsring? Nein, ausgeschlossen. Ihr Bruder hatte nie an eine feste Beziehung gedacht. Ganz sicher hatte er nicht heiraten wollen. Allerdings sah der Ring eindeutig wie ein Verlobungsring aus.

Josie legte die Schatulle zu dem Foto und griff mit bebenden Fingern nach dem Brief. Beim Anblick von Jacks Handschrift kamen ihr erneut die Tränen.

„An Ms. Sabrina Jensen bei Max Carter, Single-C-Ranch, Muskogee County, Oklahoma.“

Sollte sie den Brief öffnen? Oder sollte sie ihn zur Post geben, was Jack vermutlich getan hätte, wäre er dazu noch in der Lage gewesen?

Falls Jack sich tatsächlich in diese Sabrina Jensen verliebt und beabsichtigt hatte, sie zu heiraten, sollte sich die Familie Wentworth um sie kümmern und sie trösten, damit sie mit ihrem Kummer nicht allein war.

Aber wenn das alles nicht zutraf? Vielleicht hatte Jack dieser Sabrina geschrieben, weil er die Beziehung beenden wollte. Der Ring war nicht versandfertig eingepackt. Andererseits wollte ein Mann doch der Frau, die er liebte, einen Verlobungsring persönlich an den Finger stecken.

„Ich mache mich nur selbst verrückt“, murmelte Josie, öffnete den Umschlag und holte den Brief heraus. „‘Liebe Sabrina, unsere gemeinsame Zeit war wunderbar. Ich muss Dich sehen und mit Dir sprechen. Ich melde mich, sobald ich kann. J.‘“

Josie ließ das Blatt sinken. Jetzt war sie genauso schlau wie vorher. Was sollte sie tun?

Es gab nur eine Möglichkeit. Sie musste mit Sabrina Jensen reden und herausfinden, welche Gefühle ihr Bruder für diese Frau entwickelt hatte. Vorerst sollte ihr Großvater jedoch nichts erfahren. Es hätte ihm nur noch mehr Kummer bereitet.

Josie griff nach dem Umschlag und las noch ein Mal die Adresse. Also gut, Max Carter, dachte sie. Wer immer du bist, du bekommst demnächst Besuch.

2. KAPITEL

Es dauerte noch einen ganzen Tag, bis Josie losfahren konnte, um Sabrina Jensen ausfindig zu machen. Da sie keine Ahnung hatte, wie lange sie fort sein würde, verbrachte sie Stunden am Telefon, weil sie die weitere Organisation des anstehenden Wohltätigkeitsballs delegieren musste.

Danach versuchte sie festzustellen, wo im Muskogee County die Ranch von Max Carter lag. Nach sechs vergeblichen Anläufen sprach sie endlich mit jemandem vom Viehzüchterverband, der die Single-C-Ranch auf der Karte fand. Josie notierte sich die Fahrtroute sehr genau, weil sie nicht gerade einen guten Orientierungssinn besaß. Von Freemont Springs zur Single-C-Ranch waren es ungefähr hundertfünfzig Kilometer.

Nun kam das Packen an die Reihe, und das warf ein neues Problem auf. Was trug man auf einer Ranch in Oklahoma? Sie wollte schließlich nicht in Designerkostüm und hochhackigen Schuhen völlig unpassend gekleidet sein. Andererseits erschienen ihr Shorts und T-Shirt auch nicht angebracht.

Wie stand Max Carter wohl zu dieser Sabrina? Während Josie nach einer Jeans griff, stellte sie ihn sich als älteren Mann vor, als Rancher mit wettergegerbter Haut und krummen Beinen. Außerdem hatte er ein Herz aus Gold. Vielleicht war er Sabrinas Vater, Großvater oder Onkel.

Nun, wenn man nach dem Namen der Ranch ging – Single-C-Ranch – war er eingefleischter Junggeselle. Irgendwann vor langer Zeit war er vermutlich sehr verliebt gewesen, aber die Frau seines Herzens war mit dem Supertyp aus der Stadt durchgebrannt… Danach hatte Max sich nur noch um die Ranch gekümmert und einen Eid geleistet, nie wieder eine Frau zu lieben.

„Armer alter Max“, murmelte Josie kopfschüttelnd.

Sie packte, sorgte erneut dafür, dass jemand sich um ihre Post kümmerte, rief den Reinigungsservice des Gebäudes an und hinterließ Michael eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Sie würde eine kurze Reise unternehmen und sich mit ihm nach ihrer Rückkehr treffen.

Jetzt musste sie nur noch ihren Großvater informieren. Das war schwierig. Joseph Wentworth hatte schon immer die geradezu unheimliche Fähigkeit besessen, jeden Schwindel seiner Enkelin zu durchschauen. Wie sollte sie also ihren plötzlichen Aufbruch erklären, ohne den wahren Grund zu verraten? Keinesfalls sollte ihr Großvater von Sabrina erfahren, solange nicht feststand, welche Rolle sie in Jacks Leben gespielt hatte.

„Wie mache ich das bloß?“, fragte sie sich.

Erstens durfte sie nicht mit ihrem Großvater von Angesicht zu Angesicht sprechen. Sie hatte nie herausgefunden, woran er erkannte, wann sie schwindelte. Vielleicht sah er das in ihren Augen. Keinesfalls durfte sie zu ihm fahren. Darum griff sie zum Telefon, tippte die Nummer ein und hörte gleich darauf Evvies Stimme. Wenig später kam ihr Großvater an den Apparat.

„Hallo, Josie.“

„Hi, Großvater. Wie geht es dir?“

„Ganz gut. Was kann ich denn für dich tun, Prinzessin?“

„Für mich tun? Nichts, ich rufe an, weil ich eine kurze Reise unternehmen werde. Ich fahre gleich morgen früh los. Einfach ins Blaue. Ich weiß noch nicht, wann ich wieder zurück sein werde, aber ich melde mich bei dir. Mach dir also keine Sorgen, ja? Leb wohl, Großvater.“

„Einen Moment, junge Dame“, entgegnete er streng.

Josie verzog das Gesicht. „Ja?“

„Du schnatterst wie eine Elster. Also, noch ein Mal langsam. Wieso willst du plötzlich Freemont Springs mit unbekanntem Ziel verlassen?“

„Ich … ich muss einfach weg, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. In diesem Zustand kann ich keinen Wohltätigkeitsball planen. Ich … es geht um meine Gefühle wegen Jack, mit denen ich ins Reine kommen muss.“ Na also, ...

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