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Eine zärtliche Nacht mit dem Boss

Teresa Carpenter

Eine zärtliche Nacht mit dem Boss

1. KAPITEL

Rick Sullivan verließ auf der Suche nach etwas Essbarem sein Büro. Er hatte den ganzen Morgen in Meetings mit seinen Abteilungsleitern zugebracht. Die besprochenen Jahresziele schienen im Begriff zu sein, alle Verkaufserwartungen zu übertreffen. Sehr gut, da er hoffte, „Sullivans’ Jewels“ im folgenden Jahr zur Hundertjahrfeier auf dem internationalen Markt anzubieten.

Allerdings passte es gerade deswegen ganz und gar nicht, dass seine Sekretärin sich ausgerechnet diese Zeit für ihre Knieoperation ausgesucht hatte.

Rick stellte erleichtert fest, dass seine neue Sekretärin Savannah Jones nicht an ihrem Schreibtisch saß, und drehte die Sanduhr herum, die auf dem Tisch stand. Das eine Ende bestand aus weißem, das andere aus schwarzem Marmor. Savannah hatte ihn gebeten, die schwarze Seite nach oben zu kehren, wann immer er das Gebäude verließ.

Doch dann erkannte er, dass er sich geirrt hatte. Savannah saß zwar nicht an ihrem Schreibtisch, aber sie hockte darunter.

Langsam schüttelte Rick den Kopf. Er musste zwei Schwächen eingestehen: Schokolode und seine Großmutter väterlicherseits. Beide konnten ihn in Schwierigkeiten bringen, doch obwohl er schon oft die Willenskraft aufgebracht hatte, Schokoladenkeksen zu widerstehen, hatte er den Dreh einfach nicht heraus, seiner Grandma etwas zu verweigern, wenn sie ihn aus ihren blauen Augen flehend ansah.

Und das erklärte auch seine Reaktion auf den Anblick seiner neuen Sekretärin, die gerade dabei war, unter ihrem Schreibtisch zu verschwinden.

Kurzzeitige Sekretärin, rief er sich in Erinnerung. Seine eigentliche Sekretärin, die enorm tüchtige Miss Molly Green, würde in sechs Monaten, zwei Wochen, fünf Tagen und – er sah auf die Uhr – drei Stunden und fünfundvierzig Minuten wieder zurück sein.

Na gut, er zählte also die Tage und Stunden. Auch das war nur Grandmas Schuld. Sie hatte ihn dazu überredet, Miss Jones einzustellen, und die hatte sich als ein verführerischer Vamp mit wenig Erfahrung und einem Hang zum Plappern herausgestellt. Seine Großmutter kannte die Jones’, und nachdem Rick in den ersten drei Wochen ohne Molly gleich drei ihrer Nachfolgerinnen weggeschickt hatte, vermittelte sie ihm Savannah und bestand darauf, dass er sie bis zu Mollys Rückkehr behielt.

In diesem Moment sah er von Miss Jones nur ihre äußerst attraktive Kehrseite, die in der engen Hose überaus deutlich zur Geltung kam.

Plötzlich wurde ihm ganz warm, sodass er das Jackett auszog und ohne nachzudenken um den Schreibtisch herumging. „Miss Jones, was zum Henker machen Sie da?“

Sie zuckte zusammen, und ein leises „Au“ folgte auf ein unmissverständlich dumpfes Geräusch, als ihr Kopf gegen den Tisch schlug. „Ich versuche …“, sie zerrte an irgendetwas, das Rick nicht sehen konnte, wobei ihre Hüften verführerisch schwangen, „… meinen neuen elektrischen Hefter in die Steckdose zu stecken. Aber das … Kabel hängt irgendwo … fest.“

Sie zerrte weiter, wieder wackelte alles, und Rick sah einen großen grauen Ordner auf ihrem Schreibtisch auf den Rand zurutschen.

Lieber Himmel, womit hatte er das verdient? Er erwartete von seiner Sekretärin nicht einmal, dass sie persönliche Dinge für ihn erledigte. Um seinen Kaffee, die Wäsche für die Reinigung und seine persönlichen Erledigungen kümmerte er sich selbst. War es denn zu viel verlangt, wenn er wenigstens auf Kompetenz, Leistungsfähigkeit und Schnelligkeit bestand?

Na schön, wenn er ehrlich war, musste er zugeben, in den vier Wochen, die sie für ihn arbeitete, hatte sie bewiesen, dass sie Anweisungen begriff und ihre eigene Arbeit zuverlässig überprüfen konnte. Das war mehr als die meisten Bewerberinnen, die er zu seinem Pech ausprobiert hatte. Aber Miss Jones’ Arbeitsweise war einfach chaotisch und aufreizend – ungefähr so wie ihre ständig sich wiegenden Hüften.

„Miss Jones, warum haben Sie nicht einfach die Wartungsabteilung angerufen?“, fragte er ungeduldig. „Die hätte sich für Sie darum kümmern können.“

„Du meine Güte, ich ruf doch nicht die Wartung an, nur um etwas in die Steckdose zu stecken. Das Kabel ist einfach ein wenig zu kurz, mehr nicht. Ich bin gleich fertig. Brauchen Sie etwas?“

Und wieder beugte sie sich weiter vor.

Rick stöhnte insgeheim auf. Erneut wurde ihm ganz heiß, und der Atem stockte ihm. Ob er etwas brauchte? Wollte sie ihn auf den Arm nehmen? Er konnte von Glück sagen, wenn er sich noch an seinen eigenen Namen erinnerte. Wenn er klug wäre, würde er sich schleunigst davonmachen, um die Qual zu beenden. Und doch ging es ihm völlig gegen den Strich zuzulassen, dass sie hier der Neugier irgendeines Mannes, der zufällig vorbeikommen könnte, hilflos ausgeliefert wäre. Er sah sich misstrauisch um, doch keiner war in der Nähe. Sie waren allein – ein Segen und ein Fluch zugleich.

„Miss Jones, ich bestehe darauf, dass Sie augenblicklich unter dem Schreibtisch hervorkommen“, befahl er knapp.

„Ich hab’s gleich geschafft, nur das Kabel steckt noch immer fest. Können Sie es von Ihrer Seite durchschieben?“

Er würde alles tun, um diese lächerliche Situation zu beenden. Entschlossen trat er hinter den Schreibtisch und bückte sich, um den elektrischen Hefter näher zur Kabelöffnung zu schieben. Leider war die Öffnung schon zu voll, sodass das Kabel nicht hindurchging.

Rick zögerte. Er würde sich zwischen Miss Jones’ Beine stellen müssen, um näher an die Kabelöffnung zu kommen. Und das schien ihm denn doch etwas zu intim zu sein.

„Rick?“

„Einen Augenblick, verdammt noch mal. Es stecken schon zu viele Kabel hier.“ Vorsichtig stellte er einen Fuß zwischen die Stelle zwischen ihren Schienbeinen und beugte sich über sie, um den Kabelsalat zu erreichen. Er zog heftig am Kabel und kam dabei mit dem Knie gegen ihren runden, weichen Po.

„Aha!“, rief sie.

Fast wäre er gestolpert in seiner Eile, sich wieder in Sicherheit zu bringen.

„Das war’s“, meinte sie triumphierend.

Den Blick wohlweislich auf ihren Bildschirmschoner gerichtet – ein Bild von ihr, ihrem Bruder und ihrer Schwester – wartete er, bis sie sich wieder aufgerichtet hatte.

„Vielen Dank für Ihre Hilfe.“ Sie lächelte ihn an, die grünen Augen strahlten, während sie sich mit der Hand über das rotbraune Haar strich. „Was kann ich für Sie tun?“

Das hatte er auf einmal völlig vergessen. Warum war er überhaupt zu ihr gekommen?

„Sie können mir den Gefallen tun, nicht unter Ihrem Schreibtisch zu verschwinden. Die Wartungsabteilung gibt es schließlich nicht ohne Grund. Das nächste Mal wenden Sie sich an sie.“ Damit drehte er sich auf dem Absatz um und kehrte in sein Büro zurück.

Sein Magen knurrte, als er sich an seinen Schreibtisch setzte, und da fiel ihm auch wieder ein, was er von Miss Jones gewollt hatte. Aber das war jetzt egal. Eher wollte er hungern, als wieder zu dieser Frau zu gehen.

Savannah Jones lächelte verwundert, während sie ihrem Chef nachschaute. Was hatte das denn zu bedeuten? Er hatte ihr nicht einmal gesagt, was er wollte.

Und zum ersten Mal war ihr bei dem Ausdruck in seinen durchdringend blauen Augen ein süßer Schauer über den Rücken gelaufen. Sie schüttelte das seltsame Gefühl ab und setzte sich wieder.

Seine selbstherrliche Art war nichts Neues für sie. Auch seine Schroffheit nicht. Der Mann könnte selbst dem Sensenmann noch vormachen, wie man richtig ruppig sein konnte. Aber seine unerklärliche Aufregung und die Tatsache, dass er ihrem Blick ausgewichen war, fand sie schon erstaunlich.

Hm. Fast musste sie ja glauben, dass sie ihn nervös gemacht hatte.

Sehr interessant.

Mit seinen über eins achtzig, dem dichten dunklen Haar, den breiten Schultern, schmalen Hüften und aufregenden blauen Augen konnte Rick Sullivan sich wirklich sehen lassen und war schlicht und einfach unglaublich sexy.

Moment, Moment, Moment! Wo kamen bloß diese Gedanken her?

Sie fand Rick aufregend? Sie machte ihn nervös? Solche Gefühle gehörten nicht an den Arbeitsplatz. Besonders dann nicht, wenn es für sie beide nur eine Zukunft als Kollegen geben konnte.

Savannah liebte ihren neuen Job, die Herausforderung, die Vielfalt ihrer Aufgaben, die Verantwortung. Die Sekretärin des Chefs von „Sullivans’ Jewels“ zu sein, eines Familienunternehmens, landesweit berühmt für seinen wertvollen Schmuck, war so viel mehr, als sie sich jemals erträumt oder zu hoffen gewagt hatte. Ganz besonders, da sie auf eine recht bunte Berufslaufbahn zurückblicken konnte. Sie hatte das Gefühl, alles getan zu haben – darunter Blumenbotin, Kellnerin und zwei Jahre lang Aushilfskraft in einem Großunternehmen in San Diego.

Und jetzt war sie entschlossen, ihre Sache gut zu machen. Sie schuldete den Sullivans so viel, vor allem Mrs Sullivan, Ricks Großmutter, und zwar nicht nur wegen dieser beruflichen Chance, sondern auch wegen allem, was sie für ihre Schwester getan hatten. Die Sullivans stifteten jedes Jahr zwei Stipendien für besonders herausragende Studenten des Colleges von Paradise Pine. Und die Stipendien konnten jedes Jahr erneuert werden, falls die Studenten einen gewissen Zensurendurchschnitt hielten und sich darüber hinaus in der Gemeinde von Paradise Pine nützlich machten.

Savannahs Schwester Claudia profitierte seit vier Jahren von dieser Großzügigkeit und würde noch in diesem Jahr ihr Studium abschließen.

Savannah selbst war nicht aufs College gegangen und weit über zwanzig gewesen, als sie ihren ersten Job erhielt. Die High-School-Jahre hatte sie damit verbracht, ihre schwer kranke Mutter zu pflegen. Als sie siebzehn wurde, starb ihre Mutter schließlich an ihrem Krebsleiden. Ihr Vater vergrub sich in seiner Arbeit und überließ es Savannah, sich um ihre jüngeren Geschwister zu kümmern.

Also hatte sie die Mutterrolle schon zur Genüge ausgekostet. Doch sicher hatte es sich gelohnt. Inzwischen war Daniel Polizist in La Mesa und führte mit einer wunderschönen Frau und einer Tochter ein glückliches Leben, und Claudia war schon bald mit dem College fertig. Es war Zeit, dass sie an ihre eigene Karriere dachte. Sie hatte es satt, von einem Job zum nächsten zu wechseln. Hier bei Rick Sullivan unterrichtete sie zwar nicht, wie sie es sich vor so langer Zeit erträumt hatte, aber auf diesen Beruf könnte sie stolz sein, und sie war entschlossen, nicht zu versagen.

Selbst wenn Rick nichts gegen eine Affäre im Büro einzuwenden gehabt hätte – allerdings hatte er mehr als deutlich gemacht, wie wenig ihm daran lag – ihr selbst graute vor einem Workaholic wie ihm. Das kannte sie zur Genüge und wollte sie sich nie wieder zumuten.

Rick arbeitete und arbeitete und arbeitete ununterbrochen. Keiner war so geschickt darin wie er, persönliche Kontakte bei der Arbeit zu verhindern. Die meisten Mitarbeiter hielten ihn für völlig ungesellig.

Zu allem Übel gehörte er eher zu der schweigsamen Sorte, sodass Savannah zu ihrem Pech gezwungen war, die Atmosphäre etwas zu lockern. Während er Berichte und Briefe las, brachte sie ihn auf den neuesten Stand, was den Büroklatsch anging. Natürlich nichts Böses – nur die Geburtstage und Ähnliches.

Wahrscheinlich hörte er ihr meistens gar nicht zu, wenn er auch ab und zu den Finger hob, um sie um Ruhe zu bitten. Also nahm er vielleicht doch mehr auf, als sie glaubte.

Beim Setzen fiel ihr auf, dass er die schwarze Seite der Sanduhr nach oben gedreht hatte. Und das bedeutete, er war auf dem Weg nach draußen gewesen. Savannah wusste von keinem Termin, aber Rick hatte den ganzen Morgen mit den Abteilungschefs verbracht, also hatte er vermutlich Hunger gehabt.

Warum war er dann aber wieder in sein Büro zurückgegangen?

Hm. Vielleicht weil sie ihn nervös machte?

Mit einem schadenfrohen Lächeln griff sie nach dem Telefon, um ihm bei einem Delikatessengeschäft in der Nähe ein Sandwich zu bestellen.

Es mochte ja keine gemeinsame Zukunft für sie beide geben, aber trotzdem genoss sie das Gefühl, einen so attraktiven, willensstarken Mann wie Rick Sullivan in Aufregung versetzen zu können. Ihr Selbstvertrauen konnte diese Anerkennung gut gebrauchen.

Nachdem sie bestellt hatte, holte sie ihren Spiegel heraus und zog ihren Lippenstift nach. In diesem Moment fühlte sie sich ganz besonders weiblich und war stolz darauf.

Die Sekretärin des Chefs von „Sullivans’ Jewels“ musste auf eine professionelle Erscheinung achten. Leider hatte Savannah zu viele Jahre zu Hause verbracht, ohne sich um ihr Make-up oder ihre Frisur zu kümmern.

Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass sie ganz passabel aussah. Die geraden weißen Zähne und die vollen Lippen, ihrer Meinung nach ihre größten Vorzüge, machten das sonst eher unauffällige Gesicht interessanter.

Als das Sandwich geliefert wurde, klopfte sie an Ricks Bürotür, spähte durch die Glaswand und trat auf sein aufforderndes Winken hin ein. Er sah sie misstrauisch an, wie ihr schien, als sie die Tüte auf seinen Schreibtisch stellte. Insgeheim belustigt, lächelte Savannah ihn nur strahlend an.

„Ich dachte, Sie sind vielleicht hungrig.“

„Danke“, meinte er knapp.

„Gern geschehen“, erwiderte sie freundlich.

Sie hielt sich nicht weiter auf, sondern wandte sich ab, und da eine Frau nie eine Gelegenheit verpassen sollte, sich einen Spaß zu erlauben, wiegte Savannah beim Gehen noch besonders verführerisch die Hüften.

Ein leises Geräusch, das verdächtig wie ein Stöhnen klang, hörte sie noch, bevor sie die Tür hinter sich schloss. In bester Laune setzte sie sich an ihren Schreibtisch, um den Rest des Nachmittags in Angriff zu nehmen.

Am folgenden Morgen betrat Savannah den Konferenzraum, wo sie zum ersten Mal an einem der monatlichen Verkaufsmeetings teilnehmen sollte. Wobei sie versuchte, zwei Kartons, eine Tasse Kaffee, ihren Notizblock und einen Stapel Kopien nicht fallen zu lassen.

Rick saß natürlich schon am Kopfende des Tisches und sah mit schmerzlichem Ausdruck im Gesicht auf, als sie ihre Sachen etwas laut ablegte.

„Sie kommen spät, Miss Jones. Was ist das alles?“

„Kopien der Berichte, die Sie verlangt haben, und Donuts sowie einige Vollkornmuffins für die Gesundheitsfanatiker.“ Sie stellte Papiere und ihre Kaffeetasse zur Seite und öffnete einen der Kartons. „Ich hoffe, Sie sind einverstanden. Sie haben vergessen, mir zu sagen, ob Sie lieber Bagels oder Donuts mögen, und da ich an einem Donut-Laden vorbeikomme, dachte ich, ich besorge alles gleich da.“

„Ich habe nichts vergessen“, korrigierte er sie. „Es handelt sich hier um ein Meeting, kein Kaffeekränzchen.“

„Oh.“ Savannah sah ihn verblüfft an. Nichts zu essen bei einem morgendlichen Meeting? Der Mann war ein entsetzlicher Geizhals. Wie es aussah, konnte sie es ihm nicht recht machen, sosehr sie sich auch Mühe gab. „Ich dachte, es wäre eine nette Art, Ihren geschätzten Mitarbeitern Ihre Anerkennung auszudrücken.“ Sie stellte den Karton mitten auf den Tisch. „Das gebe ich heute aus.“

Er runzelte die Stirn. Wie nicht anders zu erwarten.

Unbeirrt öffnete sie auch den zweiten Karton, holte Servietten und Teller heraus und verteilte sie auf dem Tisch. Danach brachte sie den Karton mit den Leckereien zu Rick, weil er zwar steif wie ein Stock sein mochte, aber sie ihn beeindrucken und so gern eine feste Stelle in seinem Unternehmen bekommen wollte. „Möchten Sie einen?“

Eigentlich hatte sie geglaubt, er würde ablehnen, aber er überraschte sie und nahm einen Donut mit Schokoladenüberzug und legte ihn auf den Teller, den sie ihm anbot.

„Danke.“

„Donuts! Endlich mal eine gute Idee von dir!“ Rett Sullivan, Ricks Zwillingsbruder und, gemeinsam mit den anderen vier Brüdern, Mitbesitzer von „Sullivans’ Jewels“, kam in diesem Moment hereingeschlendert und nahm sich auf dem Weg zu seinem Platz neben Rick ein Zimtbrötchen. „Das hättest du schon vor Jahren einführen sollen.“

„Du kannst Miss Jones dafür danken“, sagte Rick.

„Miss Jones.“ Rett hielt seinen Kaffeebecher wie zum Toast hoch. „Nicht nur schön, sondern auch noch klug und großzügig. Nachher bedanke ich mich noch richtig bei Ihnen.“

„Ich bin sicher, sie hat dich auch so verstanden“, warf Rick in gereiztem Ton ein.

Offenbar ließ Rett sich nicht besonders davon beeindrucken, denn er zwinkerte Savannah nur amüsiert zu.

Als eineiige Zwillinge sahen die beiden Männer sich natürlich zum Verwechseln ähnlich. Doch Rett machte einen etwas schlankeren, drahtigeren Eindruck und trug das Haar länger. Er war der Leiter der Design- und Einkaufsabteilung. Statt wie Rick konservative Anzüge zu tragen – er fand sie langweilig und glaubte, dass sie seine Kreativität erstickten –, wählte er meist Hosen und Hemden von gleicher Farbe und aus vorzüglichem Stoff. Heute trug er Schokoladenbraun.

Er war ein charmanter Herzensbrecher, mit dem man gern flirtete und dem man leicht widerstand. Sie hatten sich angefreundet, als Savannah ihn gebeten hatte, ihr dabei zu helfen, ein Schmuckstück zu entwerfen, das sie ihrer Schwester zum Examen schenken wollte. Seitdem bekam sie von ihm regelmäßig Unterricht in Schmuckdesign.

Wieder sah Rick sie finster an, und schnell griff sie nach den Kopien und begann, sie zu verteilen.

Die Donuts waren ein großer Erfolg bei alles Abteilungsleitern und Mitarbeitern. Man unterhielt sich allgemein sehr viel lockerer, während man sich von dem süßen Gebäck bediente. Als Savannah sich setzte, warf sie Rick einen verstohlenen Blick zu. Er betrachtete die Leute im Raum, als sähe er sie zum ersten Mal.

Sie fragte sich, ob das ein gutes Zeichen war. Die Sitzung begann pünktlich um halb neun, die Tagesordnung wurde strikt eingehalten. Rick ging von einem Punkt zum nächsten und ermunterte jeden Anwesenden, seine Ideen einzubringen. Zwar war es Savannahs Aufgabe mitzuschreiben, doch auch er machte sich über besonders interessante Punkte Notizen.

Am Ende des Meetings war das Büro bis auf Rick schnell wieder leer. Savannah begann, den Konferenztisch abzuräumen.

„Miss Jones?“ Er wartete, bis sie ihn ansah. „Was läuft zwischen Ihnen und Rett?“

Sie unterdrückte ein Stöhnen. Na, wunderbar. Retts scherzhafte Bemerkung hatte einen völlig falschen Eindruck bei Rick hinterlassen. Natürlich konnte sie ihm von dem Unterricht in Schmuckdesign erzählen, schließlich war das kein Geheimnis. Allerdings wusste sie nicht, ob Rick damit einverstanden sein würde oder ob er womöglich glauben würde, dass sie etwas für seinen Bruder übrighatte. Also beschloss sie, Ausflüchte zu machen.

Sie wich seinem Blick aus, ließ einen Stapel Pappteller liegen und holte den Papierkorb zum Tisch, um den Abfall darin zu verstauen.

„Heute nichts, aber Sie wollten, dass ich morgen mit ihm an der Sitzung für das Sicherheits-Upgrade teilnehme.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich meinte, ob Sie ihn treffen.“

„Ich treffe ihn täglich.“ Sie lächelte unschuldig und tat so, als wäre sie verwirrt.

Sollte sie es ihm sagen? Es gab ja keine Büroromanze, wie er zu fürchten schien. Allerdings war es besser, lieber nicht daran zu rühren. Der Unterricht von Rett war ihr wichtig. Sie wollte ihn nicht gefährden.

Und falls Rick einen Beweis von ihr haben wollte, dass sie wirklich von seinem Bruder unterrichtet wurde, wäre es ihr mehr als unangenehm. In zwei Wochen hatte sie zwar schon sehr viel gelernt und freute sich unbändig über ihre Fortschritte. Aber noch war sie ganz am Anfang und brauchte etwas mehr Zeit, bevor sie ausgerechnet einem Juwelier ihre Bemühungen zeigte.

„Es klang so, als würde er Sie später treffen wollen. Als ob Sie ein Date hätten“, sagte er geradeheraus.

„Aber nein. Das ist ganz einfach nur Retts Art.“ Sie winkte achtlos ab. Das stimmte natürlich, und trotzdem war ihre Antwort nicht ganz eindeutig. Was Rick nicht entgangen sein dürfte, wenn sie seine finstere Miene richtig deutete. „Er flirtet eben gern, wissen Sie“, vertraute sie ihm noch an, als wäre das für irgendjemanden noch ein Geheimnis.

Daraufhin lächelte sie nur noch und wartete auf seine Reaktion. Leider kam keine. Rick blieb einfach weiter stehen, die Hände in den Taschen, und sah sie ausdruckslos an.

„Oder vielleicht habe ich Sie missverstanden“, sagte sie. „Möchten Sie, dass ich zu ihm gehe und ihn etwas frage?“

„Nein. Ich …“ Er sah auf die Uhr. „Wie auch immer. Können Sie auf dem Weg zu Ihrem Schreibtisch noch kurz in der Rechtsabteilung vorbeischauen? Ich will wissen, ob wir die unterschriebenen Verträge von Emerson für den internationalen Deal bereits erhalten haben. Eigentlich sollten sie inzwischen da sein.“

„Natürlich.“ Savannah war froh, das Gespräch beenden zu können. Fürs Erste war sie gerettet. Sicher würde er die Sache mit dem Unterricht bald herausfinden, aber bis dahin hoffte sie, sich ihm unentbehrlich gemacht zu haben.

Der Unterricht bedeutete ihr sehr viel. Auch die Kurse, die sie seit Jahren online und abends verfolgte, waren eine Art von Freiheit für sie, die einzige Unabhängigkeit von der übermäßigen Verantwortung, die ihr zu Hause abverlangt wurde.

Selbst jetzt besuchte sie noch Kurse, die sie interessierten oder ihre Karriere fördern konnten. Sie sprach nur nicht oft darüber. Keiner konnte ihr die Freude daran nehmen, da keiner davon wusste.

Rick wandte sich zum Gehen und hielt dann inne. „Die Donuts waren eine nette Idee. Vergessen Sie nicht, die Rechnung dafür einzureichen.“

Sie sah ihm erstaunt nach. Also doch nicht so steif.

Später am Nachmittag beschloss Rick, eine Pause zu machen, und schaute bei Rett in der Werkstatt vorbei, um ihm eine Fahrt mit dem Kajak vorzuschlagen.

„Das klingt großartig.“ Rett hob den Blick keinen Moment von dem Schmuckstück, das er gerade einfasste. „Aber in zwanzig Minuten habe ich eine Besprechung mit einem Kunden. Kannst du eine Stunde warten?“

„Nein. Mir bleibt nur etwa eine Stunde. Also gehe ich einfach schon los. Ich muss wirklich meine verspannten Muskeln lockern.“

„Okay, wir sehen uns später in der Woche. Ruf mich an, wenn du zurück bist, damit ich nicht die Küstenwache nach dir suchen lassen muss“, rief Rett ihm noch nach.

Erst als er in sein Kajak kletterte und gegen die hereinrollenden Wellen anzurudern begann, erkannte Rick, wie sehr er die frische Luft und die Bewegung gebraucht hatte. Nirgendwo sonst erlebte er dieses Gefühl der Freiheit so sehr wie hier, wo er sich mit der Macht des Meeres zu messen versuchte, Geist und Körper dazu verwendete, sich gegen die Elemente zu behaupten.

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