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Eine verhängnisvolle Affäre?

1. KAPITEL

Die Büros im Verwaltungstrakt des Automobilherstellers Moretti Motors stachen durch ihre stilvolle und elegante Einrichtung ebenso hervor wie das fünfstöckige Gebäude selbst. Auch der Fabrikkomplex der Autowerke gleich nebenan diente nicht nur allein seinem Zweck, sondern zeugte von jenem unbestechlichen Sinn für Schönheit, der den italienischen Architekten genauso eigen ist wie den italienischen Designern, Modeschöpfern oder Autobauern. In den Hallen dieser Autowerke bereitete man sich darauf vor, den aktuell stärksten und teuersten Seriensportwagen vom Band zu schicken.

Die italienischen Autobauer von Moretti Motors holten zu einem gewaltigen Coup aus. Es sollte die Wiedergeburt eines Autos werden, das zur Legende geworden war wie kaum ein zweites – die des Moretti Vallerio Roadster von 1969. Der Moretti Vallerio hatte die Motorwelt seinerzeit im Sturm erobert und Lorenzo Moretti zum Milliardär gemacht. Jetzt, mit dem nötigen Rückenwind durch die Triumphe in der Formel 1, die das Haus Moretti in den letzten beiden Jahren hatte verbuchen können, wollte man in Mailand den sagenhaften Vallerio in neuem Glanz auferstehen lassen. Nichts stand der großen Premiere im Wege, nichts bis auf eine im Grunde lächerliche Kleinigkeit: das Namensschild.

Denn ob der neue Sportwagen so heißen durfte wie sein berühmter Vorgänger, stand noch nicht fest. Erst nachdem Dominic, Antonio und Marco – die drei Brüder der Familie Moretti, denen die Leitung der Firma übertragen worden war – eine Pressemitteilung verschickt hatten, die das Vorhaben ankündigte, wurde ihnen die ganze Problematik bewusst. Überraschenderweise stellte sich heraus, dass die Rechte an der Typenbezeichnung „Vallerio“ gar nicht mehr in Mailand lagen, sondern in Paris.

In der französischen Metropole residierte die Vallerio Inc., das Lebenswerk von Pierre-Henri Vallerio. Pierre-Henri war ein Genie, was die Konstruktion von Motoren anging. Daneben war er der engste Freund und Partner von Lorenzo Moretti gewesen, bis es zum Zerwürfnis zwischen den beiden gekommen war. Und dieses alte Zerwürfnis war es auch, was der Neuauflage des Moretti Vallerio – jedenfalls unter dieser Bezeichnung – im Wege stand. Antonio Moretti hatte erwartet, mit einer Neuauflage der Edelkarosse auf große Begeisterung zu stoßen, da somit Ruhm und Name des großen Pierre-Henri vor dem Verblassen bewahrt würden. Doch ganz im Gegenteil zeigte sich die Familie Vallerio äußerst pikiert über die Verletzung ihrer Rechte und reagierte mit einer einstweiligen Verfügung und einer strafbewehrten Unterlassungserklärung in Millionenhöhe.

Das betreffende Schreiben der Rechtsanwältin der Familie Vallerio lag vor Dominic Moretti auf dem Schreibtisch. Er und sein jüngerer Bruder Antonio hatten es gerade gelesen. Jetzt sahen sich die beiden ein wenig ratlos an.

„Wieso müssen wir heute noch darunter leiden, dass Nonno mit seinen Frauengeschichten nicht klargekommen ist?“, beschwerte sich Antonio.

Dominic, der älteste der drei Brüder, Kopf des Unternehmens und offiziell Chef der Moretti Motors, zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es doch auch nicht. Tatsache ist, dass uns Nonno eine ziemlich harte Nuss hinterlassen hat.“ Nonno, allgemein in Italien die liebevolle Bezeichnung für den Großvater, war niemand anderes als Lorenzo Moretti. Lorenzo war einer der größten Rennfahrer seiner Zeit gewesen, und nach seiner aktiven Zeit auf der Rennpiste hatte er die Motorenwerke in Mailand gegründet.

„Für dich ist es doch geradezu ein Sport, solche verwickelten Probleme zu lösen“, zog Antonio seinen Bruder auf.

Eine Portion Respekt schwang in dem gutmütigen Spott des Jüngeren mit. Dominic lebte für seine Arbeit. Schon als Kind war er der Boss der Moretti-Brüder gewesen und hatte dies seine beiden Geschwister gelegentlich auch spüren lassen. Aber er hatte auch bewiesen, dass er diesen Anspruch verdient stellte. Denn vor allem er war derjenige gewesen, der das Moretti-Unternehmen wieder in die Spur gebracht hatte, nachdem der Vater der drei, Giovanni Moretti, in der Geschäftsleitung folgenschwere Entscheidungen getroffen hatte. Und jetzt, mit der Wiederkehr des Moretti Vallerio, stand Moretti kurz davor, wieder den Spitzenplatz in der Branche einzunehmen.

„Ich verstehe nur nicht“, sagte Antonio nachdenklich, „wer so verrückt gewesen sein konnte, einen Vertrag zu unterschreiben, mit dem wir von den Namensrechten zurücktreten, selbst wenn der Vallerio zwanzig Jahre lang nicht weiterproduziert worden ist.“

„Das habe ich inzwischen herausgefunden. Es war Papa.“

Giovanni Moretti war ein wunderbarer Mensch. Keiner der drei Brüder hätte sich einen besseren Vater wünschen können. Nur wenn es ums Geschäft ging, war der Sohn des großen Lorenzo Moretti allzu sorglos und naiv gewesen. Deshalb war es schlecht um das Autowerk bestellt gewesen. Erst Dominic und seine Brüder hatten es geschafft, dass wieder gute Gewinne erwirtschaftet wurden.

„Ich habe schon in Paris angerufen und mit dieser Anwältin einen Termin für heute vereinbart“, sagte Antonio und warf noch einen letzten Blick in die Akte. Besagte Anwältin der Vallerios war Nathalie Vallerio. Sie war die ältere der beiden Töchter von Emile Vallerio, Sohn des großen Pierre-Henri, dem Chef der Pariser Motorenkonstrukteure. Auf dem beiliegenden Foto sah Antonio eine junge, intelligente und vor allem sehr reizvolle Frau. Sie hatte rötliches Haar, grüne Augen und einen auffallend blassen Teint. Und auf der Fotograf hatte sogar die selbstverständliche Eleganz einer typischen Pariserin eingefangen.

„Ich will nur hoffen, dass Marcos Beziehung mit Virginia uns nicht doch noch in Schwierigkeiten bringt. Ich kann keine Risiken gebrauchen, gerade jetzt nicht, wo es um den Vallerio geht.“

Antonio wusste, was Dominic meinte. Marco, der Jüngste von ihnen, hatte vor einiger Zeit seine große Liebe Virginia geheiratet, und kürzlich war ihr Sohn Enzo zur Welt gekommen. Normalerweise freute sich die ganze Familie über solche Ereignisse. Im Falle der Morettis war diese Freude jedoch nicht ungetrübt. Denn die männlichen Nachkommen von Lorenzo waren dazu verdammt, sich entweder für den geschäftlichen Erfolg und großen Wohlstand oder aber für das Glück in der Liebe entscheiden zu müssen. Beides zugleich sollte keinem von ihnen vergönnt sein.

Hier war der tief in den Köpfen verwurzelte italienische Aberglaube im Spiel. Oder vielleicht sogar echte Hexenkunst? Darüber war man sich im Hause Moretti nicht ganz einig. Lorenzo Moretti hatte sich jedenfalls in frühen Jahren den Zorn seiner Jugendliebe Cassia Festa zugezogen, indem er ihr die Ehe versprochen, sein Versprechen aber nicht gehalten hatte. Daraufhin hatte Cassia, die der Stregheria, der alten italienischen Hexenkunst, kundig war, Lorenzo und all seine männlichen Nachfahren zu jener unheilvollen Wahl zwischen Liebe und Wohlstand verflucht.

Virginia, Marcos frisch vermählte Frau, war die Enkelin von Cassia. Seit ihrer Beziehung mit Marco war sie davon überzeugt, den Bann des Fluches gebrochen zu haben. Aber niemand konnte Genaueres darüber sagen. Dominic vertrat die Ansicht, dass der Fluch noch immer Macht über sie alle besaß. Darum hielt Dominic es für besser, wenn er und seine Brüder sich aus Liebesdingen heraushielten. Antonio glaubte eigentlich weniger an Hexerei. Und ihrem Vater, Giovanni, war das Ganze herzlich egal, da er in seiner Frau Phila seine große Liebe gefunden hatte, die ihm wichtiger war als alles andere.

Nachdem er Cassia so viel Liebeskummer bereitet hatte, hatte Lorenzo schließlich Anna geheiratet – die Schwester von Pierre-Henri Vallerio. Gut möglich, dass Cassias Fluch schon damals seine erste Wirkung gezeigt hatte. Vielleicht lag es auch nur allein an der Tatsache, dass Lorenzo seine Autos mehr liebte als alles andere – die Ehe war jedenfalls bald in die Brüche gegangen. Seit der hässlichen Scheidung waren Lorenzo und Pierre-Henri Feinde. Und diese alte Familienfehde, das wussten Dominic und Antonio genau, erschwerte die Verhandlungen um die Namensrechte für das neue Moretti-Modell, wenn sie deshalb nicht sogar von vornherein zum Scheitern verurteilt waren.

Dominic, Antonio und Marco hatten sich vor vielen Jahren geschworen, niemals der Liebe zu irgendeiner Frau zu verfallen. Es war ein richtig feierlicher Eid gewesen mit Blut und pathetischen Worten, wie sie es für junge Männer ihres Alters als richtig empfunden hatten. Inzwischen hatte Marco seinen Schwur jedoch gebrochen, weil seine Liebe zu Virginia stärker war. Doch für Dominic galt der Eid nach wie vor. Und was Antonio betraf, er sah das mehr pragmatisch. Er gab zwar nicht viel auf magische Kräfte, war aber trotzdem nicht besonders risikobereit, wenn es ums Geschäft ging. Dank dieser Entschlossenheit hatte er bisher immer bekommen, was er wollte. Und jetzt war er auch fest davon überzeugt, diese Schlacht gegen Nathalie Vallerio in Mailand zu gewinnen.

„Ich hole uns den Namen zurück, verlass dich darauf“, sagte er zu Dominic.

Sein Bruder kratzte sich am Nacken und schien, was ihm gar nicht ähnlich sah, nicht recht mit der Sprache herausrücken zu wollen.

Antonio sah ihn erwartungsvoll an. „Was ist los mit dir? Machst du dir wegen der Spionage Sorgen?“

Im letzten Jahr hatte sich während der Formel-1-Saison herausgestellt, dass es bei Moretti Motors ein Leck gab. ESP, der schärfste Rivale der Mailänder im Kampf um die Weltmeisterschaft, hatte plötzlich mit einigen technischen Neuerungen aufgewartet, die gerade von den Moretti-Ingenieuren entwickelt, aber noch nicht publik gemacht worden waren. ESP hatte sogar ein Sportwagenmodell angekündigt, das dem Vallerio verdächtig ähnlich war.

„Das ist es nicht“, antwortete Dominic nach längerem Nachdenken. „Dem Informanten sind wir schon ziemlich dicht auf den Fersen. Nein, was ich sagen wollte, betrifft Nathalie Vallerio. Tony, lass nichts unversucht, um sie herumzukriegen. Nichts – und wenn du mit ihr ins Bett gehst. Normalerweise kommt eine Liebesgeschichte bei Frauen gut an. Frauen sind nun einmal romantisch.“

„Wenn du so über Frauen sprichst, wundert es mich nicht, dass du immer noch keine abbekommen hast“, erwiderte Antonio gelassen.

Dominic machte eine wegwerfende Handbewegung. Antonio lachte. Bei allen Vorzügen, die Dominic ohne Zweifel besaß, war seine Einstellung Frauen gegenüber stark verbesserungsbedürftig. Dominic misstraute ihnen ausnahmslos und behandelte sie ziemlich von oben herab. Antonio vermutete, dass das mit jener schweren Niederlage zusammenhing, die Dominic in seiner Collegezeit hatte hinnehmen müssen. Vielleicht sah sein Bruder darin eine Bestätigung dafür, dass die Sache mit dem Fluch doch nicht bloß ein Hirngespinst war.

Es klopfte an der Tür. Angelina de Luca, Dominics Assistentin, schaute ins Büro. „Entschuldigen Sie die Störung. Signorina Vallerio ist da, um mit Signore Antonio zu sprechen.“

„Danke, Angelina. Führen Sie sie bitte in den Konferenzraum. Und sorgen Sie für ein paar Erfrischungen für unseren Gast.“

Angelina nickte und zog sich zurück. Dominic blickte noch eine Weile gedankenverloren auf die Tür, die seine Assistentin hinter sich geschlossen hatte.

Antonio beobachtete ihn von der Seite und fragte sich, ob sein großer Bruder wirklich so immun gegen Frauen war, wie er immer zu sein vorgab. „Meinst du nicht, Virginia könnte vielleicht doch recht haben“, meinte er leicht spöttisch, „und die Liebe hat bei den Morettis wieder eine Chance?“

„Bei dir vielleicht. Bei mir nicht. Was Frauen angeht, habe ich die Gene von Großpapa“, widersprach Dominic unwirsch.

Antonio lachte wieder und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich hab diese Gene auch. Und Mademoiselle Vallerio …“ Er warf noch einmal einen Blick auf das Foto. „Sie ahnt noch nicht, auf wen sie sich eingelassen hat.“

Dominic nickte zufrieden.

Mit der Entwicklung der Familie Moretti war Nathalie Vallerio bestens vertraut. Bis sie es nicht mehr hatte hören können, hatte sie die Erzählungen von ihrem Großvater und ihrem Vater über sich ergehen lassen müssen und war Zeugin der Racheschwüre geworden, die die Vallerios gegen Lorenzo Moretti ausgesprochen hatten. Und jetzt saß Nathalie hier in der Höhle des Löwen und wartete auf einen anderen Moretti.

Wie alles, was sie hier bisher gesehen hatte, war der Konferenzraum äußerst geschmackvoll eingerichtet. Ein Teil der Wand ihr gegenüber wurde komplett von einer Vitrine eingenommen, in der Pokale sämtlicher Rennerfolge der Scuderia Moretti ausgestellt waren. Nathalie wusste, dass, wenn sie näher trat, sie auch die Trophäen entdecken würde, die ihr Großvater Pierre-Henri Vallerio als Partner und Teamgefährte von Lorenzo erhalten hatte.

An der anderen Wand hingen zahlreiche gerahmte Fotografien, die ebenfalls von den Erfolgen der Vergangenheit zeugten. Nathalie sah in die Gesichter lauter gut aussehender junger Männer, die Siegeswillen ausstrahlten und offenbar eine Welle des Erfolgs genossen. Auch hier war Pierre-Henri vertreten. Mit vor Stolz geschwellter Brust stand er neben dem nach ihm benannten Moretti Vallerio. Pierre-Henri freute sich sehr darüber, dass einer der wirtschaftlich als auch sportlich erfolgreichsten Sportwagen der Geschichte seinen Namen trug.

Nach dem Fiasko der Ehe zwischen Lorenzo Moretti und Anna Vallerio sollte es das alles nicht mehr geben. Pierre-Henri und später auch dessen Sohn Emile, der Vater von Nathalie, hatten alles in Gang gesetzt, um sämtliche Brücken zwischen den Familien abzubrechen. Dazu gehörte auch, dass Emile Vallerio in den achtziger Jahren Giovanni Moretti endlich dazu gebracht hatte, die Namensrechte abzutreten. Die Unterschrift unter diesem Vertrag war ein starker Einschnitt in der Firmengeschichte von Moretti Motors, denn von da an war es nur noch bergab gegangen. Erst Dominic und seinen Brüdern war es gelungen, das Ruder wieder herumzureißen.

Jetzt wollten die Morettis den Namen zurückhaben. Aber was hieß hier zurückhaben? Der Name Vallerio ist mein Name, dachte Nathalie. Er stand in ihrem Pass. Und sie hatte keine Ahnung, wie die Morettis es anstellen wollten, an den Namen zu kommen. Eines jedoch stand für sie fest: Sollten sie ihn je bekommen, mussten sie ihn teuer, sehr, sehr teuer bezahlen.

Unruhig begann Nathalie im Konferenzraum auf und ab zu gehen. Antonio Moretti ließ sie warten. Das Treffen hätte schon vor über fünf Minuten stattfinden sollen. Wenn Nathalie etwas wirklich hasste, dann war es Unpünktlichkeit. Diese Unart war in ihren Augen nichts weiter als mangelnder Respekt. Aber den nötigen Respekt würde sie Signore Moretti junior noch beibringen.

Die Tür flog auf. „Signorina Vallerio! Herzlich willkommen! Ich bin untröstlich, dass ich Sie habe warten lassen.“

Sie drehte sich zu ihm, während Antonio mit großen Schritten auf sie zukam. Mit seinen dunklen, lockigen Haaren und den markanten Zügen machte er großen Eindruck auf sie, das konnte sie nicht leugnen. In seinen dunklen Augen las sie Intelligenz und einen großen Sinn für Humor.

Antonio ignorierte ihre zur Begrüßung ausgestreckte Hand und empfing Nathalie mit einem angedeuteten Wangenkuss. Schon diese zarte Annäherung genügte, um ihr einen leichten Schock zu versetzen. Kurz spürte sie seine Bartstoppeln und war von dem Duft seines Aftershaves ebenso eingenommen wie von seiner erotischen Ausstrahlung. Seit wann lässt du dich von einer hübschen Larve beeindrucken, fragte Nathalie sich im Stillen und war froh, dass ihre Schwester Genevieve die Szene nicht miterlebte.

Das Funkeln von Antonios Augen verriet ihr, dass ihm nicht entging, welche Wirkung er auf sie hatte.

Unwillkürlich wich sie von ihm zurück und erklärte betont kühl: „Ich habe leider nur zwanzig Minuten Zeit für Sie, Monsieur Moretti.“

„Okay, legen wir am besten gleich los“, antwortete Antonio lächelnd.

Nathalie zwang sich dazu, keine Miene zu verziehen, und ärgerte sich, weil er anscheinend durch nichts zu erschüttern war. Das war eigentlich ihre Stärke: immer freundlich zu bleiben, dabei aber unnahbar und eisern in der Verfolgung ihrer Ziele. Schon als Kind hatte sie die Grundbegriffe dieser Rolle gelernt. Im Vergleich zu ihrer Schwester war sie schon immer die Vernünftige, die Verlässliche gewesen. Und Nathalie hatte den Ehrgeiz, die Erwachsenen, vor allem ihren Vater, niemals zu enttäuschen. Was bisher auch selten genug vorgekommen war.

„Ich verstehe den Sinn dieses Treffens sowieso nicht ganz“, erklärte sie in geschäftsmäßigem Ton. „Moretti Motors hat vor Jahren den Namen Vallerio an die Vallerio Inc. abgetreten, und ich denke, dort gehört er auch hin. Wir sehen keine Veranlassung, daran etwas zu ändern.“

„Möchten Sie sich unser Angebot nicht wenigstens einmal anhören?“, fragte Antonio unverändert freundlich.

„Das wird gar nicht nötig sein, da wir nicht die Absicht haben, die Sache überhaupt zu verhandeln. Im Übrigen bezweifle ich stark, dass Sie ein Angebot machen können, das auch nur annähernd unseren Vorstellungen entspräche.“ Diesen zweiten Satz hatte Nathalie mit voller Absicht hinzugefügt, weil sie neugierig war. Was für ein Angebot wollte Antonio Moretti ihnen wohl machen? Zumindest das wollte sie herausfinden. Außerdem war nicht einmal ihr Vater so weit gegangen, einen Deal vollkommen auszuschließen. Wie üblich war es eine Frage des Preises. Und der Preis, den Emile Vallerio forderte, war immens. Er wollte als Gegenleistung einen fünfzigprozentigen Anteil an Moretti Motors. Sogar Nathalie hielt diese Forderung für stark überzogen und konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen, dass die Moretti-Bosse sich darauf einließen.

„Sind Sie wirklich sicher, dass es kein denkbares Angebot geben kann?“, hakte Antonio nach. „Es gibt doch immer etwas, was man selbst gern hätte, aber einem anderen gehört. Was wäre das denn in Ihrem Falle? Sprechen Sie es ruhig aus. Man kann über alles reden.“

„Wirklich über alles, Monsieur Moretti?“

„Aber sicher, Nathalie. Allerdings habe ich eine dringende Bitte, bevor wir fortfahren.“

Nathalie gefiel es, ihren Namen aus seinem Mund zu hören. Die besondere Art, wie er ihn aussprach, mit dieser Melodie, das schmeichelte ihr. Auch wenn Nathalie sich nicht erklären konnte, woher das kam. „Was für eine Bitte?“, fragte sie.

„Sie müssen damit aufhören, mich Monsieur Moretti zu nennen. Ich bin für alle hier Antonio und für meinen engeren Freundeskreis Tony.“

„Das ist mal ein Angebot, das ich gern annehme, Antonio.“

Sie lachten zusammen. Und dabei merkte Nathalie, wie sich ihre Haltung änderte. Sie begann den Mann zu mögen, und das war so nicht geplant gewesen. Sie musste sich zusammennehmen und vor Augen halten, dass Antonio sich ihr gegenüber so charmant zeigte, weil er etwas von ihr wollte. Und sie war davor gewarnt worden, dass er meistens bekam, was er wollte. Den Erkundigungen zufolge, die sie über ihn eingezogen hatte, war er ein Verhandlungspartner, der in der Regel als Sieger vom Platz ging. Tja, das war sie allerdings auch.

Es gab nicht viele Frauen, die dem Charme von Antonio Moretti widerstehen konnten. Es gab jedoch auch nicht viele, die es schafften, ihn mit einem einzigen Lächeln schachmatt zu setzen.

Antonio versuchte, sich aufs Geschäftliche zu konzentrieren. Er ertappte sich aber immer wieder dabei, dass er sich vorstellte, wie sich wohl ihre helle Haut anfühlte. Und dann der verführerische Duft ihres Parfüms, der ihm, genau wie bei der Begrüßung, schon wieder in der Nase kitzelte.

Wenn sie sprach, konzentrierte er sich nur auf ihre Lippen, die seine Fantasie unheimlich anregten. Wenn er ihre Stimme hörte, bekam er ein eigenartiges Gefühl im Magen. Antonio hatte zwar gewusst, dass die Verhandlungen mit den Vallerios nicht einfach werden würden, aber an diese Art von Schwierigkeiten hatte er nicht gedacht. Was er über Nathalie in Erfahrung gebracht hatte, lief darauf hinaus, dass sie nicht zu den Frauen gehörte, die sich allein mit einem gewissen Charme einwickeln ließen. Deshalb hatte Dominics Idee, es auf einen Verführungsversuch ankommen zu lassen, um ans Ziel zu gelangen, bei ihr wenig Aussicht auf Erfolg. Antonio merkte genau, dass sie ihn beobachtete und sie wie bei einem Fechtkampf auf jede seiner Bewegungen sofort reagierte.

„Ich schlage vor, wir setzen uns erst einmal“, meinte Antonio. „So lässt es sich viel besser reden. Ich bin sicher, es wird sich etwas finden, das für die Vallerio Inc. einen zufriedenstellenden Ausgleich für die Namensrechte darstellt. Man sollte nicht außer Acht lassen, dass unser neuer Moretti Vallerio auch dazu beiträgt, die Erinnerung an den großen Rennfahrer Pierre-Henri Vallerio lebendig zu halten.“

Nathalie ging an ihm vorbei und setzte sich wie selbstverständlich an das obere Ende des Tischs. Wieder nahm Antonio den frischen Dufts ihres Parfums wahr. Gleichzeitig amüsierte ihr Selbstbewusstsein ihn. Er hatte etwas für Frauen übrig, die ihn herausforderten, vor allem wenn sie so attraktiv waren wie Nathalie.

„Es gäbe in der Tat ein Angebot, über das sich reden ließe“, sagte sie, nachdem sie Platz genommen hatten.

„Und das wäre?“, erkundigte sich Antonio interessiert.

„Die Vallerio Incorporated bekommt die Hälfte der Gesellschaftsanteile von Moretti Motors sowie siebzig Prozent aus den Gewinnen, die der Moretti Vallerio einbringt. Außerdem behalten wir uns das Recht vor, das Markenzeichen nach unseren Vorstellungen verändern zu können.“

Antonio schüttelte lächelnd den Kopf. „Nathalie, lassen Sie uns doch reden wie zwei erwachsene Menschen. Sie können doch nicht im Ernst glauben, dass wir einfach so weggeben, was wir uns jahrelang erarbeitet haben. Unser Angebot lautet: einen Anteil am Gewinn, den der Vallerio einbringt, und ein Sitz im Vorstand von Moretti Motors.“

„Sind Sie noch bei Trost?“, platzte Nathalie heraus.

„Keineswegs. Ich halte das Angebot für sehr großzügig.“

Unwillig schüttelte Nathalie den Kopf. „Natürlich ist es in Ihren Augen großzügig. Was sollten Sie auch sonst sagen? Aber kommen Sie ruhig von Ihrem hohen Ross herunter. Dieses Mal halten wir die Trümpfe in der Hand. Ohne den Namen können Sie das neue Modell nicht auf den Markt bringen.“

„Sie irren sich. Selbstverständlich können wir den Wagen auf den Markt bringen. Dann bekommt er eben einen anderen Namen. Wenn es sein muss, sind wir auch darauf vorbereitet.“ Das war kein Bluff. Sicherlich war der Name Vallerio ein guter Anknüpfungspunkt an die ehrwürdige Tradition des Hauses Moretti. Aber auch ohne ihn hatte der neue Wagen gute Aussichten, auf dem Markt ein echter Erfolg zu werden.

„So einfach ist das nicht“, protestierte Nathalie. „Es ist ja nicht nur der Name geschützt, sondern auch das Design. Sie können also gleich einen neuen Wagen entwerfen. Wir werden mit Argusaugen auf jede Ähnlichkeit mit dem früheren Vallerio achten.“ Damit stand sie auf und griff nach ihrer Aktenmappe.

Antonio hatte längst gemerkt, dass diese Frau ein harter Brocken in den Verhandlungen sein würde, die jetzt gerade einmal am Anfang standen. Aber das reizte ihn umso mehr. Und es war nicht das Einzige an ihr, das ihn reizte. „Wollen Sie schon gehen?“, fragte er überrascht. „Wir haben doch gerade erst angefangen.“

Sie schüttelte den Kopf, ihr langes rötliches Haar wogte um ihre Schultern. Unwillkürlich betrachtete Antonio das klassische, figurbetonte Chanel-Kostüm, das sie trug. „Sind Sie bereit, auf unsere Bedingungen einzugehen?“, fragte sie.

„Ganz und gar nicht. Sowohl die Gesellschaftsanteile als auch die siebzig Prozent sind für uns vollkommen indiskutabel.“

„Und alles andere ist für uns indiskutabel“, entgegnete Nathalie kühl.

„Dann weiß ich nicht, warum Sie überhaupt hergekommen sind. Ihnen müsste doch klar sein, dass wir wohl kaum auf fast Dreiviertel unserer Gewinne verzichten würden.“

„Soweit ich weiß, hatten Sie um diese Unterredung gebeten. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass Ihr Vorhaben in unserem Vorstand auf wenig Sympathie stößt.

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