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Eine verboten schöne Frau

1. KAPITEL

„Miss Cullen empfängt niemanden!“

Avery zuckte beim wütenden Klang der Stimme ihrer Haushälterin zusammen und tunkte dabei versehentlich den Pinsel in Grün. Schnelle Schritte näherten sich auf dem alten, gepflasterten Weg hinter ihr. Sie seufzte und legte den Pinsel ab. Es war einer dieser bedeckten Londoner Herbsttage, und das Licht war ohnehin schon zu schwach zum Malen. Und auch ohne die Unterbrechung hätte sie zugeben müssen, dass ihr das Bild nicht wirklich gelang. Wenn doch nur die Leidenschaft für etwas das Fehlen von allem anderen ausgleichen würde, dachte sie und rieb sich die Hände mit einem in Leinöl getränkten Tuch sauber. Dann erst drehte sie sich um.

Ihre Haushälterin hatte sonst nie Probleme damit, Besucher an der Tür abzuwimmeln. Sie hatte einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, was Avery betraf, und respektierte ihren Wunsch nach Privatsphäre. Aber jetzt sah es ganz so aus, als hätte jemand Mrs Jacksons sonst so effektive Verteidigungslinien durchbrochen. Der Mann, der ein paar Schritte vor der kräftigen Haushälterin auf sie zukam, hatte den Blick fest auf sein Ziel gerichtet: Avery.

Er war groß, und sein dunkelblondes kurzgeschnittenes Haar wirkte, als wäre er gerade erst aufgestanden. Zusammen mit dem leichten Bart sah er geradezu verrucht attraktiv aus. Und irgendwie vertraut. Aber das konnte nicht sein. An jemanden wie ihn hätte sie sich bestimmt erinnert. Nein, sie kannte ihn sicher nicht. Doch, du kennst ihn, flüsterte ihr eine innere Stimme zu. Ist das nicht der Typ, auf den Macy dich bei der Tarlington-Auktion in New York aufmerksam gemacht hat? Avery brachte die Stimme zum Schweigen, noch während ein undefinierbarer Schauer ihr über den Nacken lief. Es war keine Furcht. Auch keine Besorgnis angesichts des Fremden, der da auf sie zugestürmt kam. Seltsam.

Nein, das hier war etwas anderes. Etwas, was sie so wenig benennen konnte, wie es ihr gelang, die Schönheit des Gartens auf die Leinwand zu bannen. Was immer auch dieses Etwas war, es trieb ihr die Hitze in die Wangen und ließ ihren Puls schneller schlagen. Das liegt am Ärger über die Störung, sagte sie sich, obwohl sie wusste, dass das nicht stimmte.

„Es tut mir leid, Ms Cullen, ich habe Mr Price gesagt, dass Sie nicht gestört werden wollen, aber er hat sich einfach nicht aufhalten lassen.“ Missbilligung lag in jedem ihrer Worte und verstärkte noch den East Londoner Akzent der Haushälterin. Sie schnaufte empört. „Er behauptet, er hätte einen Termin.“ Mrs Jacksons Wangen glühten noch röter als sonst angesichts dieses klaren Eindringens in die Privatsphäre ihrer Arbeitgeberin.

„Ist schon gut, Mrs Jackson. Nun ist er eben hier.“ Avery bemühte sich um einen beruhigenden Tonfall. Und dann berief sie sich auf die Gastfreundschaft, die ihr von frühester Kindheit an eingetrichtert worden war. „Vielleicht möchte unser Gast einen Tee auf der Terrasse trinken, bevor er uns wieder verlässt?“

„Kaffee, bitte, wenn Sie welchen haben“, sagte der Mann mit dem deutlichen Akzent der Bostoner Upperclass. Aber es war sein Name, der ihre Erinnerung wachrief. „Price? Dann sind Sie Marcus Price von Waverlys in New York?“

Waverlys war das Auktionshaus, in dem ihre Freundin Macy den Nachlass ihrer Mutter hatte versteigern lassen. Und nachdem Avery miterlebt hatte, was Macy dabei durchgemacht hatte, ließ sie nur umso entschlossener an den Schätzen festhalten, die ihre Vergangenheit ausmachten – ob sie diese nun mochte oder nicht. Wenigstens konnte sie sich im Gegensatz zu Macy den Luxus leisten, diese Erinnerungen nicht verkaufen zu müssen.

„Ich fühle mich geschmeichelt, dass Sie sich an meinen Namen erinnern.“ Er lächelte sie an, und ihr Magen schlug einen Salto.

„Dazu besteht kein Grund“, erwiderte sie so kühl, wie ihr möglich war, da er so nah vor ihr stand, dass Hitzewellen durch ihren Körper liefen. „Ich habe mich klar ausgedrückt, wie ich zum Verkauf der impressionistischen Sammlung meines Vaters stehe, als Sie mich zum ersten Mal kontaktiert haben. Sie haben also die lange Reise ganz umsonst gemacht.“

Er lächelte wieder, und ein Schauer der Erregung durchlief sie. Sofort versuchte sie, diese Regung zu unterdrücken. Wie attraktiv er auch sein mochte, sie kannte diesen Typ Mann nur zu gut. Verwegen, ungestüm, voller Selbstvertrauen. Er besaß alle Eigenschaften, über die sie nicht verfügte, aber er würde eine Enttäuschung erleben, wenn er meinte, er könnte sie zum Verkauf der heiß begehrten Sammlung ihres Vaters überreden.

„Jetzt, da ich Sie endlich persönlich treffe, weiß ich, dass meine Reise nicht ganz umsonst war.“ In seiner Stimme schwangen jede Menge versteckter Anspielungen mit ebenso wie die Sicherheit, dass er bekommen würde, wofür er nach London gekommen war.

„Sie können sich Ihre Schmeicheleien sparen, Mr Price. Das haben schon ganz andere Männer versucht … und sind gescheitert.“

„Bitte, nennen Sie mich Marcus.“

Sie nickte kaum merklich. „Marcus. Das ändert auch nichts. Ich werde nicht verkaufen, und ich weiß wirklich nicht, was Sie hier wollen.“

„Ihr Assistent David Hurley hat mir den Termin gegeben, und ich habe selbstverständlich angenommen, dass Sie darüber informiert sind.“ Seine grünen Augen wurden schmal, als er ganz offensichtlich das Aufblitzen ihrer Wut wahrnahm. „Aber ich merke schon, dass er das versäumt hat. Es tut mir leid, Miss Cullen. Ich hatte angenommen, Sie wären offen für Verhandlungen.“

Oh, er war gut. Charmant, aufrichtig – fast könnte sie ihm glauben, wenn sie sich nicht gerade fragen würde, wie hoch die Summe war, mit der er David bestochen hatte. Eigentlich hätte sie David, der schon für ihren Vater gearbeitet hatte, nicht zugetraut, bestechlich zu sein, aber da hatte sie sich offenbar geirrt. Sie würde ihn dringend zur Rede stellen müssen. Er war noch immer in ihrer früheren Heimat Los Angeles – und trotz seiner jahrelangen Dienste für ihren Vater war sie bereit, ihn wegen dieser Angelegenheit zu entlassen, wenn er keine plausible Erklärung für sein Verhalten hatte.

„Ihr Kaffee ist sicherlich fertig. Wollen wir auf die Terrasse gehen?“ Sie würde ihm gegenüber sicherlich nicht über Davids Rolle in dieser Sache spekulieren.

„Danke, gern.“ Er bedeutete ihr mit einer Hand vorauszugehen.

Nur zu deutlich spürte sie seinen Blick im Rücken, merkte, wie er sie betrachtete und beurteilte, während sie vor ihm her zur Terrasse ging. Mit jeder Faser ihres Körpers wünschte sie sich, sie würde etwas mehr … nun, jedenfalls etwas anderes als alte Jeans und ein T-Shirt tragen. Sofort verfluchte sie den eitlen Gedanken. Sie wollte Marcus Price nicht beeindrucken. Sie hatte ihr Lehrgeld gezahlt und gelernt, Leute wie ihn zu erkennen, für die nichts als das eigene Vorankommen zählte. Und sie hatte keinen Zweifel daran, dass der Erwerb der Cullen-Sammlung von impressionistischen Gemälden, die ihr Vater über die letzten zwei Jahrzehnte hinweg gesammelt hatte, eine weitere Feder am Hut dieses Supertypen sein würde.

Sie traten auf die Terrasse, gerade als Mrs Jackson den Kaffee brachte. Sie stellte die Tassen auf einen kleinen schmiedeeisernen Tisch. Und Avery lud Marcus ein, Platz zu nehmen.

„Sahne oder Milch?“ Sie setzte die silberne Kaffeekanne, auf der das Wappen ihrer britischen Familie mütterlicherseits prangte, wieder ab.

„Schwarz, danke.“

„Zucker?“ Avery hielt sich strikt an die Umgangsformen, die ihre Eltern von ihr erwartet hätten, wenn sie noch leben würden.

„Zwei Stückchen, bitte.“

Sie hob eine Augenbraue. „Zwei? Ah, ich verstehe.“

„Sie glauben, ich muss ein bisschen versüßt werden?“ Ein leichtes Lachen lag in seiner Stimme.

„Das haben Sie gesagt, nicht ich.“ Mit der Silberzange gab sie zwei Stückchen Zucker in seinen Kaffee.

„Danke.“ Er hielt die Tasse mit einer Hand und griff mit der anderen nach dem kleinen Löffel, um den Kaffee umzurühren.

Seine Hände mit den langen Fingern wirkten zugleich wie die eines Künstlers und die eines Mannes, der es gewohnt war zuzupacken. Die verräterische Wärme machte sich wieder in ihrem Körper breit. Ich muss wirklich mehr rauskommen, sagte sie sich und versuchte diese Gefühle für den attraktiven Mann ihr gegenüber zurückzudrängen. Seit dem Tod ihres Vaters hatte sie sich hier in ihrem Londoner Zuhause eingeschlossen. Ihr letzter größerer Ausflug war der nach New York gewesen, um Macy bei der Versteigerung des Nachlasses ihrer Mutter beizustehen. Ansonsten hatte sie alle sozialen Kontakte auf ein Minimum beschränkt. Vielleicht war es an der Zeit, das zu ändern. Und hatte Macy ihr nicht dazu geraten, Marcus zu treffen, und wenn es nur für den hübschen Anblick wäre?

Änderung hin oder her, Marcus Price war viel zu glatt für ihren Geschmack.

„Was die Cullen-Sammlung betrifft …“, setzte er an.

„Ich habe kein Interesse zu verkaufen. Und ich weiß nicht, wie ich mich noch klarer ausdrücken könnte.“

Sie verlor wirklich jegliche Geduld mit dieser Sache. Natürlich konnte sie von niemandem verlangen zu verstehen, warum sie so stur an den Gemälden festhielt. Sie taten nichts weiter, als in ihrem Familienanwesen in Los Angeles Staub anzusetzen. Früher oder später würde sie etwas unternehmen müssen – sie an ein Museum oder eine Galerie verleihen, an irgendwen, der sie mehr zu schätzen wusste als sie. Aber sie konnte sich noch nicht von ihnen trennen. Solange sie sich erinnern konnte, hatte ihr Vater die Gemälde leidenschaftlich zusammengetragen, und selbst als Kind hatte sie seine Freude beim Erwerb jedes einzelnen Bildes mitbekommen.

Forrest Cullen hatte jedes dieser Gemälde mit einer Hingabe geliebt, dass sie diese Bilder als Kind richtiggehend beneidet hatte. Sie wusste, dass ihr Vater sie auf seine eigene distanzierte Art und Weise geliebt hatte. Doch selbst nach dem Tod ihrer Mutter, damals war sie gerade fünf gewesen, hielt er diese Distanz. In seinem Leben hatte er zwei große Lieben gekannt: seine Frau und seine Gemäldesammlung. Und sie würde sich nicht von der einen Verbindung zu dem Mann trennen, den sie ihr ganzes Leben lang vergöttert hatte. Die Sammlung und der Garten hier in London, den er so geduldig gepflegt hatte, brachten ihn ihr näher – machten den Verlust erträglicher.

„Sicher sind Sie sich klar darüber, was die Sammlung mit den richtigen Käufern einbringen könnte“, unterbrach Marcus ihre Gedanken.

Avery lächelte zynisch. „Sehen Sie sich um, Marcus. Ich bin nicht gerade bedürftig.“

„Dann betrachten Sie es von einer anderen Seite. Diese Gemälde verdienen es, im Besitz von Menschen zu sein, die sie wirklich zu schätzen wissen.“

Sie erstarrte. Hatte David ihm etwa erzählt, dass sie die meisten Bilder der Sammlung nicht einmal mochte? Nein, das wusste er sicher nicht. „Unterstellen Sie etwa, dass ich die Gemälde nicht zu schätzen weiß? Das ist ganz schön anmaßend, meinen Sie nicht?“

Marcus Augen wurden schmal, während er sie musterte. Sie bekämpfte den Drang, die Haarsträhnen, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatten, ordentlich zurückzustreichen. Die feinen Haare kitzelten sie an den Wangen.

„Sie haben sicher Ihre Gründe, aber ich glaube nun einmal fest daran, dass man jeden überzeugen kann, wenn man nur den richtigen Anreiz bietet.“

Sie lachte laut auf. Diese Dreistigkeit! „Anreize interessieren mich nicht, Mr Price.“ Ganz bewusst nannte sie ihn wieder bei seinem Nachnamen. „Wenn Sie Ihren Kaffee ausgetrunken haben, dann bitte ich Mrs Jackson, Sie hinauszubegleiten.“

„Gehen Sie wieder an Ihre Leinwand zurück?“ Er machte überhaupt keine Anstalten zu gehen.

„Ich habe Sie gerade gebeten zu gehen, Mr Price.“

„Marcus. Und ja, das haben Sie. Sehr höflich, aber …“ Er beugte sich vor und fuhr mit einem Finger über einen Farbfleck auf ihrer rechten Hand. „… aber ich würde lieber weiter mit Ihnen über die Kunst und ihre vielfältigen Formen diskutieren.“

Für einen Moment war sie ganz und gar gefangen von dieser Berührung. Sie war so leicht und löste doch eine so tiefe Reaktion in ihr aus, dass es ihr fast den Atem nahm. Unter anderen Umständen hätte sie sich ebenfalls vorgebeugt und erforscht, ob er ebenso verführerisch schmeckte, wie seine Worte klangen.

Ein Vogel krächzte und brach den Bann, den Marcus ausgelöst hatte. Flüchtige Leidenschaften waren nicht ihr Ding, und mehr würde eine Affäre mit Marcus Price auch nicht sein. Eine Affäre. Das Leben war so viel mehr wert – sie war so viel mehr wert. Avery blickte demonstrativ auf seine Hand, bevor sie ihre unter seiner wegzog.

„Ich kann von mir leider nicht dasselbe sagen.“

Er ließ ein flüchtiges Lächeln aufblitzen. „Ich wette, dass Sie sich selbst jetzt fragen, was mit Ihrem Gemälde falsch läuft, warum Sie es nicht hinbekommen.“

Er hatte sie provoziert.

„Falsch?“ Sie hob die Augenbrauen.

„Ich bin so etwas wie ein anerkannter Kunstexperte, wie Sie wissen.“

„Im Verkauf von Kunst vielleicht.“

„Zu erkennen, was der Verkauf wert ist“, korrigierte er sie leichthin, aber in seiner Stimme lag eine gewisse Härte, die verriet, dass sie seinen Stolz ein bisschen angekratzt hatte.

„Nun, dann verraten Sie mir doch, was ich falsch mache.“ Keine Sekunde lang glaubte sie, er würde das besser können als sie.

„Es ist die Art, wie Sie das Licht eingefangen haben.“

„Das Licht?“ Oh Gott, sie klang wie die letzte Idiotin.

„Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.“

Noch bevor sie etwas erwidern konnte, war er bereits aufgestanden und hatte nach ihrer Hand gegriffen. Die Wärme seiner Finger fühlte sich seltsam richtig an. Er hielt ihre Hand nur leicht in seiner, ließ aber keinerlei Anzeichen erkennen, dass er sie bald wieder loslassen wollte. Sie protestierte nicht, als er sie die flachen Stufen hinunter und den Weg zurück zu ihrer Staffelei mit dem halbfertigen Bild darauf führte.

„Eigentlich liegt es eher daran, wie Sie das Licht nicht eingefangen haben.“ Marcus deutete auf die getupfte Fläche aus satten frühherbstlichen Farbtönen. „Sehen Sie? Hier und hier. Wo sind das Licht, die Sonne, die Wärme? Woher kommt es? Wo ist dieser letzte Kuss des Sommers?“

Sie begriff sofort, was er meinte, und begann etwas Farbe auf der Palette zu mischen. Sie griff nach einem sauberen Pinsel und widmete sich dem Bild.

„So?“ Sie trat zurück.

„Ja, genau so. Sie kennen sich aus. Wie konnte Ihnen das entgehen?“

„Ich vermute, das Licht hat in meinem Leben jetzt lange Zeit gefehlt“, entgegnete sie, ohne nachzudenken. „Und ich habe aufgehört, danach zu suchen.“

2. KAPITEL

Marcus spürte ihre tiefe Trauer. Aber jetzt musste er seinen Vorteil ausnutzen. Er hatte monatelang darauf hingearbeitet, an Avery Cullens gut trainierten Wachhunden vorbeizukommen, und er würde seinen Vorteil jetzt nicht vertun.

Er war so nah dran. Wenn er das Recht bekommen würde, die Cullen-Sammlung bei Waverlys zu verkaufen, wäre sein Aufstieg zum Partner im Auktionshaus nur noch eine Formsache. Und noch wichtiger: Damit wäre er einen gewaltigen Schritt weiter darin, das zurückzugewinnen, was seiner Familie gehörte.

„Es ist hart, ein Elternteil zu verlieren.“ Er legte genau die richtige Dosis Mitgefühl in seine Stimme.

Sie nickte kurz, und er bemerkte, wie ihre blauen Augen feucht schimmerten, bevor sie den Kopf abwandte und dem Gemälde ein paar Pinselstriche hinzufügte. Das hier war falsch. Ein Gentleman würde ihre Trauer nicht so ausnutzen – aber er war kein Gentleman, wenigstens nicht von Geburt her. Und auch wenn er wusste, was das Richtige in dieser Situation war, so spürte er auch, wie nah er dem Sieg war. So nah, dass er ihn fast schon greifen konnte.

Ihre schmalen Schultern hoben und senkten sich wieder, als sie tief durchatmete. „Dieses Bild bedeutet mir so viel. Der Garten hier war der absolute Lieblingsort meines Vaters, besonders im Herbst. Er hat immer gesagt, dass er sich hier meiner Mutter nahe fühlte. Sie haben auch Ihren Vater oder Ihre Mutter verloren?“ Averys Stimme zitterte leicht.

„Beide.“

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Er hatte seine Mutter verloren, noch bevor er sich erinnern konnte, aber sein Vater lebte noch – irgendwo. Der Mann hatte klar den Preis genannt, zu dem er sich von Marcus fernhalten würde – einen Preis, den Marcus’ Großvater gern gezahlt hatte. Und bis jetzt hatte er sein Versprechen überraschenderweise auch gehalten.

Mitgefühl stand in ihren Augen. „Das tut mir leid, Marcus.“

Und er wusste, sie meinte auch, was sie sagte. Er spürte ein leichtes Schuldgefühl, als er ihr Mitleid entgegennahm. Er hatte seine Eltern nie kennengelernt. Seine Mutter war drogenabhängig gewesen und hatte ihn im Gefängnis zur Welt gebracht. Als er zwei Jahre alt war, war sie an eben diesen Drogen gestorben. Und sein Vater war in der ganzen Welt umhergezogen und immer nur aufgetaucht, um noch mehr Geld aus Marcus’ Großvater herauszupressen im Austausch dafür, sich aus Marcus’ Leben herauszuhalten. Schließlich hatte der alte Mann seinen ihm teuersten Besitz verkauft, um den Partner seiner verstorbenen Tochter für immer loszuwerden. Und das hatte nun Marcus hierher in Averys Garten geführt.

Er zuckte mit den Schultern. Er konnte nichts daran ändern, wer seine Eltern gewesen waren. Aber er konnte wiedergutmachen, was sie seinem Großvater angetan hatten. Und das bedeutete, das Bild zurückzubekommen, zu dessen Verkauf sein Großvater nie hätte gezwungen werden dürfen.

„Das ist lange her. Aber danke.“ Er drückte sanft ihre Schulter.

Obwohl es eine leichte und kurze Berührung war, verbrannte ihn die Hitze ihres Körpers, die er durch ihr T-Shirt hindurch spürte. Er zwang sich, die Hand wegzuziehen und trat ein Stückchen zurück. Er hatte schon gemerkt, wie attraktiv sie ihn fand. Das Aufleuchten ihrer Augen hatte sie verraten, ebenso wie ihr Erröten und wie sie ihn fortwährend betrachtete, auch wenn sie versuchte, sich zurückzuhalten. Und ihm lag es ganz und gar nicht fern, das zu seinem Vorteil zu nutzen. Aber dass er sich nun auch zu ihr hingezogen fühlte, überraschte ihn.

Er musste auf sicheres Terrain zurück und wandte sich wieder ihrem Gemälde zu.

„Landschaften sind nicht wirklich Ihr Ding, oder?“, fragte er in plötzlicher Einsicht.

„Und wie kommen Sie darauf? Gefällt Ihnen das Bild nicht? Also, wenn Sie versuchen, sich gut mit mir zu stellen, dann gehen Sie das von der falschen Seite an.“

Er lachte leise auf angesichts ihres trockenen Humors. „Ich habe nicht gemeint, dass es nicht gut ist. Von der Technik her sind Sie perfekt, aber da wäre ein Foto ebenso gut.“

„Zum Teufel mit schwachen Lobpreisungen.“ Sie schloss den Deckel des Farbkästchens und packte die Malutensilien und den kleinen Klapptisch zusammen.

„Was ist Ihre Leidenschaft? Wobei fangen Sie wirklich Feuer?“

Sie hob den Kopf, und dieses Mal betrachtete sie ihn anders als noch zuvor. Nicht als Mann, sondern als potenzielles Subjekt.

„Porträts.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aktbilder.“

Begehren durchzuckte ihn. Aktbilder? Wie wäre es wohl, für sie Modell zu stehen? Schnell verdrängte er diesen Gedanken. Miss Avery Cullen wurde mit jeder Sekunde interessanter, aber er wollte sie keinesfalls verschrecken. Nicht, wo so viel für ihn auf dem Spiel stand.

„Wie Ihr Urgroßonkel?“

Sie nickte bedächtig. „Sie scheinen sich auszukennen.“

„Waverlys stellt keine Dummköpfe an.“

„Da bin ich sicher.“ Sie sammelte weiter ihr Zeug zusammen. „Sie kennen also die Arbeiten meines Onkels?“

„Ich habe mich am College damit befasst. Und Baxter Cullens Werke haben immer zu meinen Favoriten gezählt.“ Er ging hinüber zur Staffelei. „Hier, lassen Sie mich Ihnen damit helfen.“

Zu seiner Überraschung nahm sie das Angebot an. Sie gingen zum Haus zurück. „Malen Sie auch?“

„Das gehört nicht zu meinen Stärken, fürchte ich“, gab er ehrlich zu. „Aber gut ausgeführte Werke habe ich schon immer geschätzt.“

Sie blieb vor den Glastüren, die ins Haus führten, stehen. „Ich habe ein Baxter-Cullen-Gemälde hier. Würden Sie es gern sehen?“

Eine Sekunde lang setzte sein Herz aus. Meinte sie damit Lovely Woman – eben das Bild, das er seinem Großvater zurückgeben wollte? Er kämpfte darum, bloßes Interesse in seiner Stimme anklingen zu lassen statt des wilden Begehrens, das er verspürte.

„Das wäre wunderbar, wenn es Ihnen keine Umstände macht.“

„Natürlich nicht. Kommen Sie mit in mein Studio.“

Während er ihr in den zweiten Stock hinauf folgte, fragte er sich, wie viele Generationen von Cullens dieses Treppengeländer berührt hatten, wie sehr sie ihr Recht, hier zu leben, als gegeben hingenommen hatten. Er wäre jede Wette eingegangen, dass keiner der Cullens jemals etwas hatte verkaufen müssen, um Essen auf den Tisch zu bringen.

Du kannst einen Jungen in eine andere Umgebung stecken, aber er wird seine Wurzeln nicht verleugnen können, pflegte sein Großvater zu sagen. Tja, er hatte den größten Teil seines Lebens damit verbracht zu beweisen, dass er damit falsch lag. Eines Tages würde er ihm geben können, was sie beide verdienten. Und dank Avery Cullen schien dieser Tag nicht mehr in so weiter Ferne.

„Das hier war das Kinderzimmer, früher, als man Kinder zwar sehen, aber nicht hören wollte“, erzählte Avery, während sie ihm zeigte, wo er Staffelei und Malutensilien hinstellen sollte. Sie öffnete eine Schiebetür, hinter der sich ein Waschbecken verbarg.

Er schaute sich um, während sie die Pinsel ausspülte. Die hohen Wände reflektierten das kühle Licht, das durch die großen Fenster fiel. Er verstand, warum Avery diesen Raum als Studio nutzte. Doch dann wurde seine Aufmerksamkeit von dem Bild gefangen genommen, das er schon so lange gesucht hatte.

Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich dem kleinen, perfekt ausgeführten Aktbild einer jungen, badenden Frau näherte. Er versuchte ruhiger zu atmen. Vor dem Gemälde blieb er stehen und zählte langsam von hundert rückwärts. Er konnte sich einfach nicht sattsehen. Es war so gut wie perfekt. Fast kam er sich wie ein Voyeur vor. Als würde er Einblick in das Leben dieser Frau erhalten, in diesen intimen Moment, in dem sie ein Stückchen Stoff über ihre sanft gerundete Schulter zog.

Er wollte das Bild von der Wand reißen und damit aus dem Haus flüchten. Aber er unterdrückte dieses Verlangen. Er hatte zu lange auf diesen Moment hingearbeitet, um jetzt alles zu ruinieren. Aber es war härter, als er erwartet hatte, nun dieses Bild zu sehen, das sein Großvater vor fünfundzwanzig Jahren hatte verkaufen müssen.

„Es ist wunderschön, nicht wahr?“ Avery stand hinter ihm. „Offenbar war sie Dienstmädchen im Haushalt der Baxters gewesen. Das Bild hat damals einen kleinen Skandal ausgelöst. Baxters Frau Isobel hat dem Mädchen eine Affäre mit ihrem Mann unterstellt und sie entlassen. Außerdem wollte sie, dass ihr Mann das Bild vernichtet. Was er offensichtlich nicht getan hat. Es gab Gerüchte, dass er das Bild dem Mädchen geschickt hatte, aber wir haben keinerlei Beweise darüber, wohin das Bild kam, nachdem es Baxters Haus verlassen hat.“

„Interessant, dass sie ihrem Mann nicht übel genommen hat, ein Dienstmädchen ausgenutzt zu haben.“ So sehr er sich auch darum bemühte, die Spur von Bitterkeit in seiner Stimme konnte er nicht verbergen.

Avery zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Seine Frau war ganz offenbar eine starke Persönlichkeit. Was vermutlich notwendig war, da Baxter nichts außer seiner Arbeit wahrgenommen hat.“

„Und sein Modell, offensichtlich.“

Ein leichtes Lächeln lag auf ihren Lippen. „Ja.

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