Logo weiterlesen.de
Eine unvergessliche Affäre

image

1. KAPITEL

„Das ist ja die reinste Bruchbude“, sagte Byron Beaumont, während er sich in dem Kellergewölbe umsah. Seine Stimme hallte von den Steinwänden wider. Es klang gespenstisch.

„Streng deine Fantasie etwas an“, sagte sein älterer Bruder Matthew. Byron stellte den Ton lauter, um ihn besser zu verstehen. Für Matthew war es einfacher, sich übers Handy per Videochat einzuklinken, statt von Kalifornien aus, wo er glücklich in Sünde lebte, nach Denver zu fliegen. „Stell dir vor, wie es einmal aussehen wird.“

Byron versuchte, nicht an Matthew oder einen anderen seiner älteren Brüder zu denken, die allesamt glücklich liiert oder verheiratet waren. Bis vor Kurzem waren die Beaumonts nicht gerade dafür bekannt gewesen, Beziehungsmenschen zu sein.

Und dennoch war es auch bei ihm nicht allzu lange her, dass er sich für einen Beziehungsmenschen gehalten hatte – bis ihm sein Leben um die Ohren geflogen war. Während er sich die Wunden geleckt hatte, hatten seine Brüder – allesamt eigentlich Playboys oder Workaholics oder beides – die Frauen ihres Lebens gefunden.

Wieder einmal war Byron der Beaumont, der nicht den Erwartungen entsprach.

Er zwang sich, seine Aufmerksamkeit auf die Räumlichkeiten zu richten. Die Decke war zwar gewölbt, stellenweise aber trotzdem sehr niedrig. Überall hingen Spinnweben, unter anderem an der nackten Glühbirne in der Mitte des Raumes. Die riesigen Pfeiler, die die Gewölbedecke stützten, nahmen ziemlich viel Platz ein, und die halbrunden Fenster auf Augenhöhe waren mit einer zentimeterdicken Staubschicht überzogen. Was Byron von der Grünfläche draußen erkennen konnte, sah nach Unkraut aus. Zu allem Überfluss roch es nach Schimmel.

„Ich soll es sehen, wie es aussehen wird? Dem Erdboden gleichgemacht, hoffe ich.“

„Nein“, sagte in diesem Moment Chadwick Beaumont, Byrons ältester Halbbruder. Sein Tonfall war wie immer scharf und autoritär, was gar nicht zu der liebevollen Art passte, mit der er seine Tochter vom Arm seiner Frau nahm. „Wir sind hier in den Räumen unter der alten Brauerei. Ursprünglich war das hier ein Lager, aber wir glauben, du kannst etwas Besseres daraus machen.“

Byron schnaubte.

Serena Beaumont, Chadwicks Frau, trat neben ihn, damit sie Matthew auf dem Display des Handys ansehen konnte. „Percheron Drafts hatte einen fantastischen Start, auch dank deiner harten Arbeit. Aber diese Brauerei soll mehr sein als nur eine kleine Hausbrauerei.“

„Viele unserer früheren Kunden sind nach wie vor nicht glücklich darüber, wie sich die ursprüngliche Beaumont-Brauerei nach dem Verkauf entwickelt hat. Je größer unsere neue Percheron-Brauerei wird, desto mehr unserer alten Kunden können wir zurückgewinnen“, erklärte Matthew.

„Und dafür …“, fuhr Serena zuckersüß fort, „… müssen wir unseren Kunden etwas bieten, das sie bei der Beaumont-Brauerei nicht bekommen.“

„Phillip arbeitet mit unserem Grafikdesigner schon daran, seine Percheron-Pferde in das gesamte Marketing für unsere Percheron-Brauerei mit einzubauen. Es gibt da aber ein paar markenrechtliche Probleme, die wir bedenken müssen“, fügte Chadwick hinzu.

„Ganz genau“, stimmte Matthew zu. „Unser Markenzeichen dürfen deshalb keine Pferde sein. Noch nicht.“

Byron verdrehte die Augen. Er hätte seine Zwillingsschwester Frances mitbringen sollen, sie hätte ihm zur Seite gestanden. Er wurde zu etwas gedrängt, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

„Das soll doch wohl ein Scherz sein, oder?“, stieß er hervor. „Ihr wollt allen Ernstes, dass ich ein Restaurant in diesem Verlies eröffne?“ Er sah sich um. „Nein, auf gar keinen Fall. Ich kann hier nicht kochen, und ganz sicher möchte hier auch niemand essen.“ Er sah zu dem Baby auf Chadwicks Arm. „Ich bin mir nicht mal sicher, ob wir diese schimmelverseuchte Luft ohne Schutzmasken einatmen sollten. Wann ist hier zum letzten Mal gelüftet worden?“

Matthew sah zu Serena. „Habt ihr ihm schon die Küche gezeigt?“

„Nein, das kommt jetzt.“ Sie ging auf zwei Flügeltüren am anderen Ende des Raumes zu, die aus schwerem Holz gefertigt und groß genug waren, dass ein Gespann von Phillips riesigen Percheron-Pferden samt Kutsche hindurchgepasst hätte.

„Lass mich das machen, Babe“, sagte Chadwick, als Serena den riesigen Türriegel nicht anheben konnte. „Nimm du Catherine“, sagte er zu Byron.

Und schon hatte Byron ein Baby auf dem Arm. Fast hätte er sein Handy fallen gelassen, als Catherine sich zurücklehnte, um zu ihrem Onkel hochzusehen.

„Ähm … Hey“, sagte Byron nervös. Er wusste generell nicht viel über Babys, und von diesem speziellen Baby wusste er nur, dass es Serenas Tochter aus einer früheren Beziehung war. Chadwick hatte sie adoptiert. Byron wusste ja nicht einmal, wie alt das Mädchen war. Sechs Monate? Ein Jahr? Und ob er sie richtig hielt, wusste er auch nicht. Was er aber wusste, war, dass die Kleine gleich anfangen würde zu weinen, da sie das Gesicht verzog und rot anlief.

„Ähm, Chadwick? Serena?“

In diesem Augenblick öffnete Chadwick die Türen, die so laut quietschten, dass es das Baby ablenkte. Dann nahm Serena Catherine von Byrons Arm.

„Danke“, sagte sie, als hätte er mehr getan als nur dafür gesorgt, das Baby nicht fallen zu lassen.

„Gern geschehen.“

Matthew lachte. „Was denn?“, flüsterte Byron seinem Bruder zu.

„Dein Gesichtsausdruck …“ Matthew schien sich aufs Knie zu schlagen. „Hast du überhaupt schon mal ein Baby gehalten?“

„Ich bin Koch, kein Babysitter“, zischte Byron. „Hast du denn schon mal Trüffelöl aufgeschäumt?“

Matthew hielt kapitulierend die Hände hoch. „Ich gebe auf, du hast gewonnen.“

„Byron?“, sagte Serena. Sie bedeutete ihm, zu den Türen zu kommen. „Sieh dir das mal an.“

Widerwillig durchquerte Byron den muffigen Raum und ging die Rampe hoch. Was er dort sah, verschlug ihm augenblicklich den Atem.

Ganz offensichtlich war dieser Raum irgendwann in den letzten zwanzig Jahren renoviert worden: An den weiß gestrichenen Steinwänden sah er Schränke und Arbeitsflächen aus Edelstahl. Das Licht der Neonlampen war grell, nahm dem Raum aber die Kelleratmosphäre. Hier und dort hingen Spinnweben, dennoch war der Unterschied zwischen der Küche und dem Gewölbe hinter ihm gigantisch.

Das, dachte Byron, hat Potenzial.

„Soviel wir wissen …“, sagte Matthew, während Byron sich die Kupferrohre ansah, die zu einem fast einen Meter langen Spülbecken führten, „… haben die letzten Inhaber der Brauerei diesen Arbeitsraum renoviert, um hier mit verschiedenen Zutaten zu experimentieren.“

Byron ging zu dem sechsflammigen Herd. „Schon besser“, stimmte er zu. „Aber nicht für den Restaurantbetrieb ausgelegt. Ich kann nicht nur auf sechs Flammen kochen. Im Prinzip müsste ich hier bei null anfangen.“

Es herrschte Schweigen, dann sagte Matthew: „Ist es nicht das, was du wolltest?“

„Was?“

„Na ja.“ Matthew räusperte sich. „Wir dachten, da du ja über ein Jahr in Europa warst …“

„Dass du vielleicht an einem solchen Neuanfang interessiert wärst“, beendete Serena den Satz diplomatisch. „Etwas Eigenes, wo nur du das Sagen hast.“

Byron starrte seine Familie an. „Was soll das Ganze?“ Die Frage war eher rhetorisch, eigentlich wusste er ganz genau, was sie bezweckten.

Er hatte für Rory McMaken in dessen Restaurant Sauce in Denver gearbeitet, bis er wegen angeblicher kreativer Differenzen gefeuert worden war. Danach war er nach Frankreich und Spanien gegangen, offiziell, weil er es nicht ertragen konnte, wie McMaken in seiner Sendung auf dem Food-Kanal über ihn und die gesamte Beaumont-Familie herzog.

Zu schade, dass sie nicht wussten, was wirklich passiert war.

Byrons Kontakt zu seiner Familie war in den vergangenen zwölf Monaten eher spärlich gewesen. Sämtliche Neuigkeiten hatte er durch seine Zwillingsschwester Frances erfahren, darunter die Nachricht, dass Chadwick sich nicht nur hatte scheiden lassen, sondern zudem seine Sekretärin geheiratet und deren Tochter adoptiert hatte. Frances war es auch gewesen, die ihn darüber informiert hatte, dass sein Halbbruder Phillip eine Pferdetrainerin heiraten würde. Seine Zwillingsschwester war die Einzige, die stets gewusst hatte, wo er sich aufhielt.

Der wahre Grund für Byrons Untertauchen war gewesen, dass er seine Familie vor den Auswirkungen seines einzigen wirklich großen Fehlers bewahren wollte: Leona Harper. Aber nun wollten seine Geschwister ihn offenbar davon überzeugen, nach Denver zurückzukehren. Es war ihnen so ernst damit, dass sie ihm sogar die Möglichkeit gaben, ein eigenes Restaurant zu eröffnen.

Chadwick wollte etwas sagen, zögerte aber und sah stattdessen zu seiner Frau. Die beiden brauchten keine Worte, um sich zu verständigen. Der Anblick versetzte Byron einen Stich ins Herz.

„Du brauchst auch keine Fremdfinanzierung“, erklärte Serena ihm nun. „Die Renovierungskosten könnten mit deinem Anteil aus dem Verkauf der Beaumont-Brauerei und dem Kapital der Percheron-Brauerei abgedeckt werden.“

„Wir haben das komplette Gebäude gekauft“, fügte Chadwick hinzu. „Die Pacht wäre minimal im Vergleich zu dem, was man in der Innenstadt von Denver hinblättern muss. Das Restaurant muss sich lediglich selbst tragen, du hättest quasi absolute finanzielle Freiheit.“

„Und …“, meldete sich Matthew zu Wort, „… du kannst kochen, was immer du willst. Ganz egal, welche Küche du bevorzugst. Die einzige Bedingung ist, dass keine Biere außer Percheron Drafts ausgeschenkt werden.“

Byron sah von Chadwick zu Serena und dann zu Matthews Gesicht auf dem Handydisplay. „Ihr glaubt wirklich, dass ihr wegen dieses Restaurants mehr Bier verkaufen könnt?“

„Ich kann dir eine Kopie meiner Kosten-Nutzen-Analyse geben“, sagte Serena.

Chadwick strahlte sie an, was Byron seltsam vorkam. Er hatte Chadwick noch nie strahlen sehen. Er konnte es auch kaum fassen, dass er das Angebot seiner Brüder tatsächlich erwog. Er lebte gerne in Madrid, sein Spanisch wurde von Tag zu Tag besser, und er mochte seine Arbeit im El Gallio, das von einem Koch geführt wurde, dem Zutaten und Mitarbeiter mehr am Herzen lagen, als Werbung für seinen Namen zu machen.

Ein Jahr war es jetzt her, dass er sich von einem Restaurant ganz ohne Sterne über ein Ein-Sterne-Restaurant bis zum El Gallio mit seinen drei Sternen hochgearbeitet hatte. Er hatte sich unabhängig von seiner Familie einen Namen als Koch gemacht und war verdammt stolz darauf. Warum sollte er all das aufgeben?

Mehr als alles andere genoss er es, in Europa in absoluter Anonymität zu leben. Niemanden dort interessierte es, dass er ein Beau-mont war und in den Staaten für reichlich Klatsch und Tratsch gesorgt hatte.

Niemanden interessierte die uralte Fehde zwischen den Beaumonts und den Harpers, die zum erzwungenen Verkauf der Beaumont-Familienbrauerei geführt hatte.

Niemand interessierte sich für Byron und Leona Harper.

Leona …

Falls er nach Denver zurückkehrte, würde er sich ihr stellen müssen. Zwischen ihnen gab es noch einiges zu klären, und nicht einmal ein Jahr in Europa konnte daran etwas ändern. Er wollte ihr ins Gesicht sehen und sie dazu bringen, die eine Frage zu beantworten: Warum?

Warum hatte sie ihn fast ein Jahr lang belogen und ihm verschwiegen, wer sie wirklich war? Warum hatte sie ihre Familie ihm vorgezogen? Warum hatte sie alles weggeworfen, was sie gemeinsam geplant hatten – alles, was er ihr geben wollte?

Während des letzten Jahres hatte Byron sich in seine Arbeit vergraben, nur um Leona zu vergessen. Doch er musste damit leben, dass er sie oder ihren Verrat vielleicht nie vergessen würde.

Er wollte sie gar nicht zurück. Warum auch? Damit sie und ihr Vater sein Leben erneut zerstören konnten?

Nein, was er wollte, war ein kleines bisschen Rache.

Die Frage war nur, wie er sie bekommen sollte.

Dann fiel ihm etwas ein: Bevor alles den Bach runtergegangen war, hatte Leona die Schule für Industriedesign besucht. Sie hatten über die Restaurants gesprochen, die sie gemeinsam eröffnen wollten, wie sie sie einrichten und wie er sie führen wollte. Etwas, das nur ihnen gehören sollte, das sie gemeinsam erschaffen wollten.

Ein Jahr war das jetzt her. Vielleicht hatte sie inzwischen eine Anstellung oder ihre eigene Firma. Wenn er sie engagierte, würde sie für ihn arbeiten und tun müssen, was er sagte. Er könnte beweisen, dass sie keine Macht mehr über ihn hatte, dass sie ihn nicht verletzen konnte. Er war nicht mehr der naive Junge, der sich von der Liebe hatte blenden lassen, während er für einen Egomanen gearbeitet hatte. Er war ein Koch. Er würde sein eigenes Restaurant haben. Er war sein eigener Chef. Und er hatte das Sagen.

Er war ein Beaumont, verdammt noch mal, und es wurde Zeit, dass er sich auch wie einer verhielt!

„Kann ich für die Inneneinrichtung verpflichten, wen ich will?“

„Klar“, versicherten Chadwick und Matthew ihm gleichzeitig.

Byron sah sich erst im Arbeitsraum um und dann noch einmal im angrenzenden Gewölbekeller. „Ich kann nicht glauben, dass ich das überhaupt in Betracht ziehe“, murmelte er. Er könnte einfach zurück nach Spanien fliegen, zurück zu seinem neuen Leben.

Außer … dass er dann vielleicht seine Vergangenheit nie wirklich hinter sich lassen würde. Und er war es leid, sich zu verstecken.

Er sah zu seinen Brüdern und zu Serena. Allen dreien war anzusehen, dass sie sich wünschten, er würde in den Schoß der Familie zurückkehren.

„Ich mach’s.“ Er wusste, dass es ein Fehler war, aber wenn es um Leona ging, würde er wahrscheinlich immer die falsche Wahl treffen.

„Leona?“ Mays Stimme erklang aus dem Lautsprecher von Leonas Telefon.

Leona nahm das Gespräch schnell an, ehe ihr Chef Marvin Lutefisk, Inhaber von Lutefisk Design, mitbekam, dass sie privat telefonierte. „Was ist los? Alles in Ordnung?“

„Percy ist ein wenig quengelig. Ich glaube, er hat wieder Ohrenschmerzen.“

Leona seufzte. „Haben wir noch Tropfen von der letzten Entzündung?“ Sie konnte es sich eigentlich nicht leisten, schon wieder hundert Dollar dafür hinzublättern, dass ein Arzt kurz in Percys Ohren sah und dann ein Rezept ausstellte.

Aber die Alternative war auch nicht viel besser: Noch drei – jetzt zwei – weitere Ohrenentzündungen, dann müssten in Percys Gehörgänge Röhrchen eingesetzt werden, und dieser wenn auch kleine Eingriff lag erst recht außerhalb von Leonas Budget.

„Ein paar …“ May klang nicht sehr überzeugt.

„Ich besorge noch mehr“, erklärte Leona. Vielleicht konnte sie die Sprechstundenhilfe um ein kostenloses Muster bitten.

Wie an fast jedem Tag seit Percys Geburt fragte sich Leona, wie es wohl wäre, wenn Byron Beaumont noch Teil ihres Lebens wäre. Zwar wären dann nicht zwingend ihre Arztrechnungen bezahlt, aber vielleicht müsste sie dann gegenüber ihrer kleinen Schwester May nicht immer so tun, als könnte sie jedes erdenkliche Problem lösen.

Sie wünschte sich doch nur eine starke Schulter, an die sie sich hin und wieder anlehnen konnte, statt immer alle Verantwortung allein zu tragen.

Aber Tagträume brachten sie nicht weiter, daher sagte sie zu May: „Ich bin noch auf der Arbeit. Wenn es schlimmer wird, rufst du beim Kinderarzt an. Ich kann ihn morgen hinbringen, okay?“

„Okay. Du bist doch zum Abendessen zu Hause, oder? Ich habe heute Abend noch Unterricht.“

„Ja.“ In dem Augenblick kam ihr Chef an ihrem Arbeitsplatz im Großraumbüro vorbei. „Ich muss auflegen“, flüsterte sie und beendete das Gespräch.

„Leona“, sagte Marvin in seinem nasalen Tonfall. Reflexartig strich er sich die dünnen Resthaare über die Halbglatze. „Sind Sie beschäftigt?“

Leona setzte ihr strahlendstes Lächeln auf. „Ich habe gerade mit einem Kunden telefoniert. Was gibt es denn?“

Marvin lächelte sie durch seine dicken Brillengläser aufmunternd an. Er war kein schlechter Arbeitgeber, ganz sicher nicht. Er hatte ihr die Chance gegeben, jemand anderes als Leon Harpers Tochter zu sein. Und sie bekam durch diesen Job einen Fuß in die Tür der Industriedesignbranche. Leona hatte immer davon geträumt, Restaurants und Bars zu designen – öffentliche Einrichtungen, in denen Form und Funktion, Kunst und Design Hand in Hand gingen. Sie hatte nicht geplant, Fassaden von Einkaufszentren zu entwerfen, aber jeder musste irgendwo anfangen.

„Wir hatten eine Anfrage für einen neuen Brauerei-Pub im Süden der Stadt“, sagte Marvin. „Normalerweise wäre das kein Auftrag für Lutefisk Design, aber der Anrufer hat speziell nach Ihnen gefragt.“

Ein Restaurant? Und man hatte namentlich nach ihr gefragt? Das war gut. Mehr als gut, es war großartig! Dann kamen ihr Zweifel. „Wären Sie denn einverstanden, wenn ich den Auftrag leite? Wenn Sie das lieber selbst übernehmen möchten, könnte ich Ihnen auch assistieren.“

Die Leitung eines solchen Auftrags würde ihr viel mehr Geld einbringen, als nur Assistentin zu spielen, vielleicht sogar mehr als genug, um die Behandlungskosten für Percy zu bezahlen. Sie könnte einen Teil von Mays Studiendarlehen zurückzahlen und …

„Na ja …“ Marvin schob die Brille auf seinem Nasenrücken hoch. „Der Anrufer hat ausdrücklich Sie verlangt.“

„Wirklich? Ich meine, das ist schön“, sagte Leona und versuchte krampfhaft, cool zu bleiben. Wie kam sie zu der Ehre? Vielleicht durch den letzten Job für eine Schicki-Micki-Boutique im Einkaufszentrum an der Sixteenth Street? Die Inhaberin war begeistert gewesen von den Änderungen, die Leona an Marvins Plan vorgenommen hatte. Vielleicht hatte sie sie weiterempfohlen?

„Er möchte aber, dass Sie sich die Örtlichkeit heute noch ansehen. Haben Sie Zeit?“

Beinahe hätte sie „Gott, ja!“ gerufen, aber sie konnte sich noch früh genug bremsen. Mit einem Vater wie Leon Harper aufzuwachsen, hatte sie gelehrt, immer genau das zu sagen, was eine Autoritätsperson hören wollte. „Ich muss noch den Papierkram für das Schreibwarengeschäft erledigen …“

Marvin wischte ihren Einwand beiseite. „Das kann warten. Sehen Sie sich mal an, ob dieser Auftrag interessant ist. Charlene hat die Adresse.“

„Danke.“ Leona nahm ihren Tablet-Computer – eines ihrer wenigen Luxusgüter – und ihre Handtasche. Sie holte sich die Anschrift von Charlene, der Rezeptionistin, und ging schnell zu ihrem Wagen.

Ein Brauerei-Pub. Sie hatte keinerlei zusätzliche Informationen, sie wusste nicht einmal, um welche Brauerei es sich handelte.

Laut Navi sollte sie vierzig Minuten brauchen. Leona rief May an, sagte ihr schnell Bescheid, dass sie das Büro verließ, und brauste dann los.

Siebenunddreißig Minuten später fuhr sie an einem kleinen Schild vorbei, auf dem „Percheron Drafts“ stand, und dann eine lange Zufahrt entlang, die zu einem alten Backsteingebäude führte. Staunend blickte sie an dem langen Schornstein hoch. Weißer Rauch kringelte sich träge in die Luft, aber das war auch schon das einzige Anzeichen von Leben.

Percheron Drafts … Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört?

Das Navi leitete sie unter einer Fußgängerbrücke hindurch zur Rückseite des Gebäudes, wo sie auf einem Schotterplatz voller Unkraut parkte. Vor sich sah sie eine Rampe, die zu einer offenen Tür hinunterführte.

Okay, dachte sie, während sie den Motor abschaltete und sich umsah. Kein anderes Auto stand hier. War sie überhaupt richtig?

Sie stieg aus und setzte ein professionelles Lächeln auf. Dann tauchte – fast wie in einem Film – plötzlich die Silhouette eines Mannes im Türrahmen auf, der die Rampe hochkam. Das Sonnenlicht fing sich in seinen rotbraunen Haaren, als er sie anlächelte.

Sie kannte diesen Gang, dieses Haar. Sie kannte auch dieses Lächeln – ein bisschen schief, warm und offensichtlich erfreut, sie zu sehen.

Oh. Gott.

Byron.

Percheron Drafts … Endlich machte es Klick. So hieß die Brauerei, die die Beaumonts nach dem Verkauf der Familienbrauerei gegründet hatten. Das wusste sie, weil ihr Vater den Verkauf des Beaumont-Familienunternehmens erzwungen hatte.

Panik machte sich in ihr breit, während Byron sich ihr mit schnellen Schritten näherte. Wenn er ihr zu nahe kam, würde er den Kindersitz im Auto sehen.

Ihr Herz fing an zu rasen. Sie war noch nicht bereit dafür. Er hatte sie verlassen, hatte ihrem Vater mehr geglaubt als ihr und war einfach verschwunden. Er hatte sich verhalten wie ein waschechter Beaumont, wenn man ihrem Vater glaubte. Die Beaumonts nahmen sich eine Frau, und wenn sie ihrer überdrüssig waren, verließen sie sie – behielten aber die Kinder.

Sie wusste, dass sie früher oder später mit ihm reden musste, aber doch nicht jetzt!

Da sie noch nicht alle Babypfunde verloren hatte, trug sie billige Businesskleidung aus dem Discounter. Mehr konnte sie sich im Moment nicht leisten. Sie war sich nicht einmal sicher, ob Percy ihr heute Morgen nicht doch auf die Bluse gespuckt hatte.

Wenn sie sich wieder und wieder vorgestellt hatte, jenen Mann erneut zu sehen, der ihr das Herz gebrochen und sie im Stich gelassen hatte, war sie in ihrer Fantasie natürlich perfekt zurechtgemacht gewesen. Auf keinen Fall hatte sie wie eine zerknitterte alleinerziehende Mutter ausgesehen, die nur mit Mühe und Not über die Runden kam.

Auch wenn er der Grund für ihre Lage war.

Sie durfte nicht zulassen, dass Byron den Kindersitz sah. Dann musste sie ihm nämlich nicht von Percy erzählen – zumindest so lange nicht, bis sie einen Plan gefasst hatte. Denn was wäre, wenn Byron sich wie alle Beaumonts verhielt und ihr das Kind wegnahm? Sie würde es nicht verkraften, Percy zu verlieren. Erst recht durfte sie nicht zulassen, dass Byron den Jungen zu einem Beaumont heranzog. Sie musste ihr Baby beschützen.

Also ging sie ihm entgegen.

Er sah gut aus. Zu gut. Sein Haar war lang geworden, und er trug es im Nacken zusammengebunden. Er hatte auch seine Schlaksigkeit verloren und wirkte jetzt muskulöser.

In der Mitte des Parklatzes blieben sie etwa zwei Schritte voneinander entfernt stehen.

„Leona“, sagte er mit seinem tiefen Bariton und schaute sie an.

Das Blau seiner Augen sah dunkler aus, als sie es in Erinnerung hatte. Oder lag das an der Sonne? Gott, er sah so verdammt gut aus. Aber davon würde sie sich nicht blenden lassen.

„Byron“, erwiderte sie. Was hätte sie auch sonst sagen sollen?

Wo hast du gesteckt, als ich deinen Sohn zur Welt gebracht habe? Soll ich dich küssen oder erwürgen?

Das hier ist keine große Sache, versuchte sie sich einzureden. Es war nur die ehemalige Liebe ihres Lebens, der Vater ihres Sohnes, der nach einem Jahr Funkstille urplötzlich vor ihr stand. Und sie offensichtlich engagieren wollte. Wut stieg in ihr hoch. Warum hatte er sie nicht einfach angerufen?

Er war damals nach Europa gegangen, so viel hatte Leona aus Byrons Zwillingsschwester Frances herausbekommen.

Was erwartete er? Dass sie sich ihm in die Arme warf und ihm sagte, wie sehr er ihr gefehlt hätte? Die Befriedigung würde sie ihm nicht geben. Das letzte Jahr war das härteste ihres Lebens gewesen. Aber sie war nicht mehr das dumme kleine Mädchen, das glaubte, Liebe würde alle Probleme überwinden.

Trotz ihrer Vorsätze war es gar nicht so einfach, sich nichts anmerken zu lassen, während er sie von Kopf bis Fuß musterte. Das hatte er immer gemacht, sie angesehen, als wäre sie die schönste Frau der Welt. Selbst als sie zusammen in diesem Restaurant gearbeitet hatten, in dem die High Society ein und aus ging und sich ihm etliche Frauen aufgrund seines Familiennamens an den Hals werfen wollten, hatte Byron nur Augen für sie gehabt.

„Dein Haar ist kürzer“, sagte er schließlich.

Sie wollte ihm gerade antworten, dass sie es abgeschnitten hatte, weil Percy beim Stillen immer daran gezogen hatte, besann sich dann aber eines Besseren.

„Gefällt mir“, sagte er schnell, als ihr keine Begründung einfiel.

Sie errötete. Unwillkürlich wollte sie sich die vorderen Strähnen ihres kurzen Bobs hinters Ohr klemmen, doch sie widerstand dem Drang und hielt stattdessen die Bügel ihrer Handtasche fest umklammert. „Brauchst du wirklich einen Innenarchitekten, oder hast du mich nur hierherbestellt, um über meine Frisur zu reden?“

Byron trat noch einen Schritt auf sie zu und hob die Hand. Leona hielt den Atem an, als er ihr mit den Fingerspitzen über die Wange fuhr. Fast war es, als könnte er nicht glauben, dass sie wirklich da war. Dann ergriff er ihre linke Hand und rieb mit dem Daumen über ihren Ringfinger – ihren nackten Ringfinger.

„Leona“, murmelte er heiser. Er hob ihre Hand zu seinen Lippen und küsste sie.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Eine unvergessliche Affäre" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen