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Eine unmögliche Affäre

1. KAPITEL

Es war die Nacht der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten in Washington, und Cara Cranshaw musste sich zwischen dem Präsidenten und ihrem Liebhaber entscheiden. Der eine betrat hoch aufgerichtet und strahlend den großen Ballsaal des Worthington Hotels, während die Band einen Triumphmarsch anstimmte und die Menge ihm zujubelte. Der andere, dem das dunkle Haar wie immer etwas zerzaust in die Stirn fiel und dessen Fliege nicht ganz gerade saß, starrte Cara vom anderen Ende des Ballsaales an. Und als sie seinem Blick kurz begegnete, wurde sie rot. So eindeutig war das, was er wollte. Sie nackt in den Armen halten.

Momentan gewann Reporter Max Gray den Kampf um Caras Aufmerksamkeit. Obwohl sie fest entschlossen war, mit ihm Schluss zu machen, konnte sie sich einfach nicht seinem Blick entziehen. Unwillkürlich legte sie sich die Hand auf den flachen Bauch. Doch da Ted Morrow zum Präsidenten gewählt worden war, musste sie die Beziehung mit Max unbedingt abbrechen.

„Meine Damen und Herren“, versuchte sich der Moderator verständlich zu machen, was bei dem begeisterten Klatschen und der lauten Musik nicht ganz einfach war. „Der Präsident der Vereinigten Staaten!“

Der Jubel kannte keine Grenzen, die Band spielte lauter. Die Menge bildete eine Gasse, um Platz für Präsident Morrow zu machen. Auch Cara trat ein paar Schritte zurück, konnte den Blick aber nicht von Max lösen, der auf der anderen Seite der Gasse das Gleiche tat. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, denn auf keinen Fall durfte sie ihm zeigen, wie verwirrt und verunsichert sie seit ihrem Termin beim Arzt am Nachmittag war. Es gibt eine Lösung, versuchte sie sich immer wieder gut zuzureden. Kein Grund, besorgt zu sein oder gar Angst zu haben.

„Er ist spät dran“, hörte sie Sandy Hanifords schrille Stimme.

Sandy Haniford war relativ neu im Pressebüro des Weißen Hauses, in dem Cara als Public Relation Spezialistin arbeitete.

„Nur ein paar Minuten“, gab Cara zurück, die Augen immer noch auf Max gerichtet. Sie musste sich unbedingt beruhigen. Seit sie erfahren hatte, dass sie schwanger war, war zwar ihre Welt irgendwie aus den Fugen, was aber nicht bedeutete, dass sie ihren Job in dieser wichtigen Nacht nicht gut machte.

„Ich hatte gehofft, dass der Präsident etwas früher kommt“, schrie Sandy ihr wieder ins Ohr. „Weil in letzter Sekunde noch ein weiterer Redner hinzugekommen ist.“

„Was?“ Cara sah sie entsetzt an. „Was hast du gesagt?“

„Noch ein Redner.“

„Das kann doch nicht wahr sein.“

„Ist es aber.“

„Dann musst du das wieder rückgängig machen.“

Die Redner dieses Abends, der von Organisationen veranstaltet wurde, die dem Präsidenten eher feindlich gesinnt waren, standen schon lange fest. Auch der Fernsender American News Service (ANS), der diesen Ball im Worthington Hotel ausrichtete, gehörte zu den Organisationen, die dem Präsidenten kritisch gegenüberstanden. Aber sein Ball hatte eine lange Tradition, und so musste der Präsident auch hier erscheinen.

Seine Anwesenheit war mit dreißig Minuten festgelegt. Man erwartete ihn um 22.45 Uhr, jetzt wohl eher um 22.52 Uhr, und um 23.15 Uhr musste er bereits wieder aufbrechen. Denn als Nächstes musste er den Ball besuchen, den das Militär für ihn veranstaltet hatte, und zu dem wollte er auf keinen Fall zu spät kommen.

„Aber was soll ich denn tun? Soll ich den Mann anfallen, wenn er in Richtung Bühne geht?“ Sandys Verzweiflung schlug in Sarkasmus um.

„Du hättest dieses Problem gar nicht erst aufkommen lassen sollen.“ Cara zog ihr Telefon aus der Tasche, um ihre Chefin, die Pressesprecherin Lynn Larson, anzurufen.

„Glaubst du denn, das hätte ich nicht versucht?“

„Offenbar nicht hartnäckig genug. Wie konntest du dem ANS die Genehmigung geben, noch einen Redner aufzustellen?“

„Sie haben mich doch gar nicht gefragt!“, verteidigte sich Sandy. „Graham Boyle persönlich hat Mitch Davis ausgesucht. Es soll nur ein kurzer Toast sein, höchstens zwei Minuten.“

Cara war empört. Mitch Davis war der Starreporter vom ANS. Dem Milliardär Graham Boyle gehörte zwar der Sender, und er hatte diesen Ball hier ausgerichtet. Aber das gab ihm noch lange nicht das Recht, in den Terminkalender des Präsidenten einzugreifen. Unwillkürlich warf Cara Max einen Hilfe suchenden Blick zu. Max war der Starreporter von ANS’ Konkurrenzunternehmen, dem Sender National Cable News (NCN). Vielleicht hatte er eine Ahnung, was hinter dem Ganzen steckte. Aber Cara konnte ihn nicht fragen, nicht jetzt und nicht später. Niemals mehr.

Sie wählte Lynns Nummer, bekam aber nur die Voicemail. In diesem Augenblick hatte der Präsident den Tisch unterhalb der Bühne erreicht und schüttelte lächelnd einigen festlich gekleideten Gästen die Hand. Der Moderator David Batten, Gastgeber einer sehr populären Talkshow, übernahm wieder das Mikrofon. Nach wenigen herzlichen Worten übergab er das Mikro Graham Boyle, der laut Terminplan drei Minuten Redezeit hatte.

Cara steckte das Telefon ein und kämpfte sich durch die Menge in Richtung Bühne. Vielleicht gelang es ihr, Mitch Davis zu fassen zu kriegen, bevor er die Bühne erreichte. Wenn sie nur ein bisschen größer und ein bisschen kräftiger wäre. Ein bisschen mehr wie Max …

Er war als Kriegsreporter in allen Krisengebieten unterwegs gewesen, in zerschossenen Städten und in unwegsamen Berggebieten, um mit Rebellen zu sprechen, in undurchdringlichen Urwäldern und auf Flüssen reich an Krokodilen, um die Sorgen und Ängste der einheimischen Stämme dem westlichen Publikum nahezubringen. Wenn also Max Gray einen bestimmten Sprecher nicht auf der Bühne sehen wollte, dann hätte der keine Chance. Aber diesmal konnte Cara seine Hilfe nicht in Anspruch nehmen und musste sich selbst etwas ausdenken.

Sie drängte sich in Richtung der Treppe vor, während Graham Boyle launige Anekdoten über den Präsidenten zum Besten gab, ironisch aber durchaus akzeptabel. Wenn ich doch nur größer wäre, ging Cara durch den Kopf. Bei ihren eins fünfundsechzig konnte sie nicht sehen, ob Mitch auf der rechten Seite der Bühne stand und auf seinen Auftritt wartete.

„Wo willst du denn hin?“

„Ich muss zur Bühne.“

„Bleib dicht hinter mir.“ Schon hatte er sich vor sie geschoben. Mit seinen fast eins neunzig und den breiten Schultern wirkte er beeindruckend. Außerdem ist er ziemlich berühmt, und das schadet auch nicht unbedingt, dachte Cara und drängte sich hinter ihn. In einer Magazinumfrage des letzten Monats war er als einer der zehn begehrenswertesten Männer Washingtons bezeichnet worden. Aber was für sie viel wichtiger war, er pflügte sich mit einem enormen Tempo durch die Massen. Doch dann hielt ein Pulk von Menschen ihn auf, und er wandte sich schnell zu Cara um. „Warum musst du denn so dringend auf die Bühne?“

„Nicht auf die Bühne, zur Bühne“, zischte sie ihm zu. „Und nur zu deiner Info, ich bin kein Geheimnisträger.“

„Und da ich kein Spion bin, können wir uns doch unterhalten, ohne die nationale Sicherheit zu gefährden“, gab er ebenso scharf zurück.

Aber es war sowieso alles zu spät. Cara ließ die Schultern hängen. Denn nun hatte ein Mann mit einer leider nur zu bekannten Stimme das Mikro übernommen.

„Guten Abend, Mr Präsident.“ Das war Mitch Davis’ schleimige Stimme.

Überrascht reckte alles die Köpfe. Denn es war allgemein bekannt, dass Mitch Davis der schärfste Kritiker von Präsident Morrow war. Cara schloss kurz die Augen. Und sie hatte ihn nicht zurückhalten können …

„Erst einmal möchte ich Ihnen im Namen von American News Service zu der Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gratulieren.

Man klatschte, wenn auch nicht so frenetisch wie sonst.

„Ihre Freunde“, fuhr Mitch mit einem schmierigen Lächeln fort, „Ihre Anhänger und Ihre Eltern müssen sehr stolz auf Sie sein.“

Cara stellte sich auf die Zehenspitzen, um zu sehen, was der Präsident für ein Gesicht machte. War er nur überrascht oder auch verärgert über diese Abweichung vom Programm? Aber sie konnte ihn nicht sehen.

Das blieb Max nicht verborgen. „Der Präsident lächelt“, flüsterte er ihr zu. „Wenn auch etwas gezwungen.“

„Davis war nicht als Redner vorgesehen“, stieß sie zwischen den Zähnen hervor.

„Kann ich mir vorstellen.“ Er grinste kurz.

Cara warf ihm einen wütenden Blick zu, drängte sich an ihm vorbei und schaffte es tatsächlich, mit Ellbogenkraft fast bis zum Tisch des Präsidenten vorzudringen. Lynn Larson war sicher auf hundertachtzig! Dieser Ball war zwar nicht eigentlich Caras Verantwortung, aber sie hatte eng mit dem Stab zusammengearbeitet, der die Bälle mit dem Zeitplan des Präsidenten koordinierte, also war auch sie an dieser Panne schuld.

„Aber besonders stolz wird Ihre Tochter sein“, nahm Mitch wieder das Wort.

Betretenes Schweigen. Fragend sahen sich die Gäste an, denn der Präsident war nicht verheiratet und hatte keine Kinder.

Mitch lächelte breit, das Mikrofon in der einen und ein Glas Champagner in der anderen Hand. „Ihre Tochter Ariella Win­throp, die heute Abend hier ist, um mit Ihnen und uns zu feiern!“

Die Menge schwieg immer noch geschockt. War das Ganze nur ein schlechter Witz? Auch Cara war sekundenlang nicht sicher, aber dann wurde ihr sehr schnell klar, dass eine sehr bösartige Absicht dahinter steckte. Sie blickte auf das eine Bühnenende, wo ihre Freundin Ariella stand, deren Firma mit der Ausrichtung dieses Balls betraut worden war. Sie starrte die Freundin an, und es überlief sie eiskalt.

Ariella sah dem Präsidenten tatsächlich sehr ähnlich. Das war Cara bisher nie aufgefallen, wahrscheinlich weil sie nie eine Verbindung zwischen den beiden gezogen hatte. Allerdings wusste sie seit Jahren, dass Ariella adoptiert worden war, ihre leiblichen Eltern jedoch nicht kannte.

Der Geräuschpegel stieg. Jeder fragte jeden, was er wusste, gehört hatte, von der Sache hielt oder vermutete. Wahrscheinlich waren schon Tausende SMS herausgegangen. Cara machte einen Schritt auf Ariella zu, die sich jedoch auf dem Absatz umdrehte und hinter der Bühne verschwand.

Mitch hob das Glas. „Auf den Präsidenten!“

Keiner stimmte in den Toast ein.

Cara kämpfte sich zu Lynn durch, als immer mehr Fragen laut wurden und die Presseleute auf den Präsidenten zukamen. Die Pressesprecherin sprang auf. „Bitte richten Sie Ihre Fragen an mich“, rief sie und lenkte so die Aufmerksamkeit von Morrow ab, der ganz offensichtlich unter Schock stand.

„Anschuldigungen dieser Art nehmen wir sehr ernst“, begann sie mit erhobener Stimme und warf Cara einen kurzen Blick zu, die sofort verstand. Sie ging um die Presseleute herum, die sich um Lynn scharten, um an das Mikrofon auf der Bühne zu kommen. Eine sofortige Schadensbegrenzung hatte jetzt erste Priorität. Dazu war der Stab des Präsidenten da.

Aus dem Augenwinkel sah sie, dass er, umringt von Sicherheitsleuten, bereits Richtung Ausgang ging. Das war Routine, und sie war sicher, dass draußen bereits die Präsidentenlimousine auf ihn wartete. Ob Mitch Davis’ Behauptung stimmte oder ob er nur die Ähnlichkeit von Ariella und dem Präsidenten auf schäbige Art und Weise ausnutzte, wusste sie nicht. Dennoch musste sie handeln. Sie lief die Stufen hinauf, überquerte die Bühne und riss Mitch Davis das Mikrofon aus der Hand, der sie verblüfft ansah, sich aber nicht wehrte. Offenbar wusste er, dass er erreicht hatte, was er wollte.

Doch sein selbstgefälliges Lächeln, mit dem er sich jetzt der Menge zuwandte, verging ihm sehr schnell, als er Max erblickte, der ihn wütend ansah. Hastig überquerte er die Bühne, um sie über eine der Treppen zu verlassen, doch Max folgte ihm unterhalb der Bühne und ließ ihn nicht aus den Augen.

„Meine Damen und Herren“, versuchte Cara die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, während sie sich in Windeseile eine kurze Rede im Kopf zurechtlegte. „Das Weiße Haus dankt Ihnen für Ihr Kommen, um mit dem Präsidenten seinen Sieg zu feiern. Präsident Morrow schätzt Ihre Unterstützung sehr und hofft, dass Sie sich auch den Rest des Abends gut amüsieren. Und der hier versammelten Presse möchte ich sagen, dass wir für Sie eine Erklärung vorbereiten und uns morgen im Rahmen der üblichen Pressekonferenz allen Ihren Fragen stellen werden.“

Dann wandte sie sich lächelnd der Band zu. „Und nun überlasse ich Sie wieder den Sea Shoals und ihren mitreißenden Rhythmen.“ Sie nickte dem Bandleader zu, der dankbar den Stab hob. Die Musik setzte ein.

Max stand unten an der Treppe, als Cara die Stufen herunterkam. Er breitete die Arme aus, aber ein warnender Blick von ihr ließ ihn innehalten. Als er mit den Lippen das Wort „später“ formte, wusste Cara, sie waren noch lange nicht fertig mitein­ander.

Oft empfand Max es als ausgesprochen lästig, dass jeder sein Gesicht vom Fernsehen her kannte. Manchmal aber hatte das auch seine Vorteile. So wie jetzt, als der Portier des Apartmentkomplexes, in dem Cara wohnte, ihn lächelnd durchwinkte, obgleich Max erst wenige Male hier gewesen war. Aber er kannte ihn aus der Nachrichtensendung „After Dark“ und ließ ihn zum Fahrstuhl gehen, ohne vorher bei Cara anzurufen.

Das war sehr günstig, denn Max war ziemlich sicher, dass Cara ihn abgewiesen hätte. Und er musste sie unbedingt sehen.

Das, was auf dem ANS-Ball geschehen war, hatte das Weiße Haus hart getroffen, besonders natürlich die Presseabteilung. Cara und Lynn hatten getan, was sie konnten, aber Cara war bestimmt vollkommen durcheinander. Der Skandal und seine Auswirkungen würden ohne Frage den sorgfältig aufgestellten Terminplan des Präsidenten auf Monate hinaus umwerfen. Max musste einfach sehen, wie es Cara ging.

Er verließ den altmodischen Fahrstuhl und lief den Flur entlang. Das Gebäude war früher eine Schule gewesen, die in zwölf Apartments umgebaut worden war. Von einem kleinen Vorraum, der bereits mit einer Tür von dem allgemeinen Hausflur abgetrennt war, führte eine Wendeltreppe zu Caras Apartment, einem großen hellen Raum mit einem glänzenden Holzfußboden. In der einen Ecke war eine kleine, perfekt eingerichtete Küche untergebracht, in einer anderen der Schlafteil, der mit einem Wandschirm aus durchbrochenem Holz von dem übrigen Raum abgetrennt war.

Max hatte das Loft auf Anhieb gefallen. Es passte sehr gut zu Cara, war stilvoll, ohne überladen zu sein, war klar und praktisch, hell und luftig. Auch Cara war praktisch und von einer klaren Schönheit, mit ihrem kurzen lockigen braunen Haar, den großen blauen Augen, den vollen rosa Lippen und der zierlichen, wohl proportionierten Figur war sie ihm sofort aufgefallen. Sie war ein Energiebündel, das so schnell nichts umhaute.

Mitte Dezember war Max das letzte Mal hier gewesen. Nachdem Ted Morrow die Wahl im November gewonnen hatte, hatte Cara sich zurückgezogen, doch diesmal hatte sie ihn hereingelassen. Max hatte ihr rosa Diamantohrringe aus Australien mitgebracht. Er hatte die Rohdiamanten selbst für sie ausgesucht, sie schleifen und dann in Gold fassen lassen.

In dieser Nacht hatten sie sich geliebt, und sie hatten beide gewusst, dass es wahrscheinlich das letzte Mal für eine lange Zeit sein würde, zumindest so lange Ted Morrow im Amt blieb. Darauf hatte Cara bestanden, denn sie arbeitete für den Präsidenten, und Max war ein Starreporter des Fernsehens. Sie durfte nicht in den Verdacht kommen, Geheimnisse weiterzugeben.

Er klopfte an die Tür und hörte ziemlich bald ihre Schritte auf der eisernen Wendeltreppe. Vor der Tür blieb sie stehen, und er wusste, sie sah jetzt durch den Türspion.

„Geh weg!“

„Nein.“ Er legte die Handflächen an die Tür.

„Ich habe dir nichts zu sagen.“

Er trat dicht an die Tür heran, um die Stimme nicht heben und so die Nachbarn wecken zu müssen. „Wie geht es dir, Cara?“

„Wunderbar.“

„Ich muss mit dir sprechen.“

Sie schwieg.

„Möchtest du wirklich, dass ich dir von hier draußen das sage, was ich dir zu sagen habe?“

„Nein. Ich möchte, dass du gehst.“

„Erst wenn ich mich vergewissert habe, dass es dir gut geht.“

„Ich bin über einundzwanzig, Max. Ich kann auf mich selbst aufpassen.“

„Das weiß ich.“

„Warum bist du dann hier?“

„Mach auf, dann sage ich es dir.“

„Darauf falle ich nicht herein.“

„Nur fünf Minuten“, bat er.

Sie schwieg.

„Zehn Minuten, wenn ich es von hier aus sagen muss.“

Nach wenigen Sekunden wurde der Riegel zurückgeschoben. Die Tür ging auf. Cara stand da und sah Max schweigend an. Sie trug ein überweites graues T-Shirt zu schwarzen Yogahosen und war barfuß. Ihr Haar war ungekämmt, und da sie kein Make-up trug, fielen die wenigen hellen Sommersprossen auf, die Max besonders entzückend fand.

„He, du“, sagte er leise und hätte sie am liebsten in die Arme genommen.

„Ich bin wirklich okay“, behauptete sie wieder, aber die angespannten Gesichtszüge und die verkrampfte Hand, mit der sie die Tür festhielt, sprachen dagegen.

Doch Max nickte nur, trat ein und nahm ihr die Tür aus der Hand, um sie selbst zu schließen. Er blickte fragend auf die Wendeltreppe.

Sie nickte zögernd und ging auf die Treppe zu. „Aber nur fünf Minuten.“

Er folgte ihr und musste wieder dem Drang widerstehen, sie zu berühren.

„Cola oder Bier?“, fragte sie, während sie auf die Küchenecke zuging.

„Bier.“ Er ließ die Smokingjacke auf einen Stuhl fallen und zog die Fliege auf. Leise seufzend ließ er sich auf einer der dunkelgrünen Ledercouchs nieder, die einander gegenüberstanden.

Mit einem Bier für ihn und einer Cola für sich kam Cara zurück, reichte ihm das Bier und kuschelte sich in einen Sessel. Sie öffnete ihre Dose und trank. „Noch vier Minuten“, sagte sie dann.

Er nickte, nahm seine Armbanduhr ab und stellte sie so auf den Couchtisch, dass er das Zifferblatt sehen konnte. „Geht es dir wirklich gut?“, fragte er wieder.

„Ja, ja.“

„Wusstest du davon?“ Er musste die Frage einfach stellen.

„Du weißt, dass ich dir darauf keine Antwort geben kann.“

„Ja, ich weiß. Ich hoffte nur, ich könne deiner Miene etwas entnehmen.“

Sie hob leicht die Augenbrauen. „Und? Konntest du?“

„Nein. Du bist undurchschaubar wie immer.“

„Danke. Das brauche ich bei meinem Job.“

Er trank einen Schluck Bier und stellte die Dose dann auf den Tisch. „Dir ist schon klar, dass ich Nachforschungen anstellen muss.“

„Ja, ich weiß. So eine Story darfst du dir nicht entgehen lassen.“

„Du weißt, wie sehr ich den Präsidenten schätze. Aber eine Tochter, die da plötzlich auftaucht?“

„Wir wissen noch nicht genau, ob es wirklich seine Tochter ist.“

Er war überrascht, dass sie immerhin so viel preisgab. „Stimmt. Aber wir werden es bald wissen.“

„Das glaube ich auch.“

„Hast du schon mit Ariella gesprochen?“ Er wusste, dass die beiden befreundet waren.

„Glaubst du ernsthaft, dass das für irgendjemanden sinnvoll wäre?“

„Das ist weder ein Ja noch ein Nein.“

Cara sah ihn schweigend an.

„Ich weiß, ich weiß“, entschuldigte er sich. „Du darfst nichts sagen.“

Sie setzte sich gerade hin und beugte sich dann vor. „Mir ist klar, Max, dass du der Sache nachgehen musst. Aber ich möchte dich bitten, fair zu sein.“

Jetzt stützte auch Max sich auf den Oberschenkeln ab und kam Cara so nah, dass er ihren feinen Duft wahrnehmen konnte. Und sie am liebsten geküsst hätte. „Du weißt, dass ich mich immer erst um die Fakten kümmere.“

Er griff nach ihrer Hand, doch Cara zuckte zurück. „Da wird noch viel Unerfreuliches auf uns zukommen“, sagte sie leise.

„Allerdings.“ Max war klar, wie gierig sich die Presse auf diese Geschichte stürzen würde. Von der Opposition ganz abgesehen, die bereits Blut geleckt hatte. „Wirst du heute noch arbeiten?“

„Nein. Lynn hat die Spätschicht übernommen. Ich fahre morgen früh ins Büro.“

„Die Sache wird sich lange hinziehen.“ Max sah sie mitfühlend an. Wenn er ihr doch nur irgendwie helfen könnte. Aber er hatte nun mal einen ganz anderen Beruf als sie, einen Job, der es ihr sogar besonders schwer machte.

„Das fürchte ich auch.“ Sie seufzte leise.

„Ich werde fair sein, Cara.“

„Danke.“ Sie senkte den Kopf, und Max griff wieder nach ihrer Hand. Diesmal hielt er sie fest, bevor sie sie ihm entziehen konnte. Sie sah ihn traurig mit ihren großen blauen Augen an und blickte dann auf die miteinander verbundenen Hände. „Du weißt, warum es nicht geht“, flüsterte sie.

„Ja. Aber ich kann es nicht akzeptieren.“

„Ich kann nicht mehr mit dir befreundet sein.“

„Und ich kann nicht aufhören, dich zu begehren, Cara.“

Wieder sah sie ihn ernst an. „Du musst es versuchen, Max. Du bist doch dafür berühmt, dass du alles schaffst, was du dir vornimmst.“

Er lächelte traurig. „Du weißt hoffentlich, dass ich nicht hier bin, weil ich mit Insider-Informationen rechne. Ich mache mir Sorgen um dich.“

„Wie ich schon sagte …“

„Ich weiß“, unterbrach er sie. „Dir geht es gut. Begriffen.“ Davon würde sie nicht abgehen, das war ihm klar. Ihre helle Haut sah so glatt und weich aus, die Lippen waren leicht geöffnet. Er konnte sie förmlich spüren, riechen, schmecken … Unwillkürlich beugte er sich vor und kam ihr näher.

Aber sie drehte schnell den Kopf weg, bevor er ihre Lippen berühren konnte. „Deine fünf Minuten sind um.“

Er ließ ihre kleine Hand los und stand seufzend auf. „Okay.“

Max hatte seine Armbanduhr in ihrem Apartment liegen gelassen. Cara wusste nicht, ob das Absicht oder Zufall war. Sie nahm die kostbare Rolex und legte sie sich auf den Nachttisch, um sie am nächsten Morgen auf keinen Fall zu vergessen.

Der Wecker klingelte um 3.30 Uhr, und eine halbe Stunde später war Cara bereits unterwegs. Sie hatte die Uhr mitgenommen. Falls Max sie vermisste und sie deshalb anrief, würde sie sie ihm auf dem Nachhauseweg vorbeibringen. Auf keinen Fall durfte er das als Vorwand benutzen, wieder in ihr Apartment zu kommen.

Sie zog ihre Ausweiskarte durch den Scanner in der Halle des Weißen Hauses, passierte die Sicherheitskontrolle und ging den Flur zu ihrem Büro entlang. So früh am Morgen war es noch dunkel, aber nicht nur das Reinigungspersonal war unterwegs, sondern mit dem neuen Präsidenten waren auch verschiedene Positionen ausgetauscht worden, sodass bereits die ersten Umzüge stattfanden, Möbel und Kisten geschleppt wurden.

„Morgen, Cara.“ Lynn trat an ihre Seite.

Im Gehen knöpfte Cara den Mantel auf und nahm sich den Schal ab. „Morgen. Hast du schon mit dem Präsidenten sprechen können?“

„Nein. Der Geheimdienst war eine Stunde bei ihm. Danach Barry. Und dann hat er sich in seine Privaträume zurückgezogen.“

„Was meinst du? Ist es wahr?“

Eine ihrer Assistentinnen nahm Caras Handtasche und ihren Schal. Cara drückte ihr auch noch den Mantel in die Arme.

„Keine Ahnung.“ Lynn stieß die Tür zu ihrem Büro auf.

Cara folgte ihr. „Hat Barry ihn nicht gefragt?“ Der Stabschef Barry Westmore kannte den Präsidenten besser als jeder andere.

Als Oberste der Presseabteilung hatte Lynn das größte Büro. Es war nicht nur mit einem großen Schreibtisch aus schwerer Eiche und einer bequemen Sitzecke ausgestattet, sondern auch mit drei Fernsehapparaten, die Nachrichten aus aller Welt brachten. Momentan spekulierten Reporter in Englisch, Deutsch und Russisch über das Privatleben des Präsidenten.

Lynn ließ sich in ihren ledernen Schreibtischsessel sinken und drehte nervös an ihrem Topasring. „Selbst wenn es wahr ist, der Präsident wusste nichts von dieser Tochter.“

„Das ist gut.“ Cara war erleichtert. Das war eine klare Aussage und den Medien leichter zu vermitteln.

Aber Lynn schüttelte besorgt den Kopf. „Nicht unbedingt. Als Mutter kämen nämlich mehrere Frauen infrage.“

„So?“

„Ja.“ Lynn ließ sich seufzend zurückfallen. „Barry und ich haben zurückgerechnet. Wenn man sehr großzügig rechnet, hatte er in der Zeit der möglichen Empfängnis mit drei Frauen Kontakt.“

„Drei? Wow!“ Unwillkürlich musste Cara lächeln.

Lynn runzelte kurz missbilligend die Stirn. „Wieso? Es war sein letztes Highschooljahr, und er war ein Footballstar.“

„Verstehe.“ Cara setzte sich auf einen der Besucherstühle, der vor dem Schreibtisch stand.

„Aber er weigert sich, uns die Namen der Frauen zu nennen. Erst will er wissen, ob Ariella wirklich seine Tochter ist. Nur in dem Fall dürfen wir mit seinen Exfreundinnen Kontakt auf­nehmen.“

„Dann wird die Presse sie zuerst ausfindig machen.“ Cara musste sofort an Max denken. Sämtliche Medien stürzten sich auf diese Geschichte. Sie warteten bestimmt nicht den DNA-Test ab, sondern würden alles daransetzen, Ariellas Mutter zu finden.

„Das fürchte ich auch. Aber der Präsident will nicht Unschuldige in die Sache mit hineinziehen.“

Dafür ist es längst zu spät, dachte Cara. Wer auch immer in den letzten Highschooljahren mit dem Footballstar Morrow geschlafen hatte, war den Medien ausgeliefert.

Wieder drehte Lynn nervös an ihrem Ring. „Immer passiert etwas, womit man nicht gerechnet hat. Und meist hat es mit Sex zu tun. Vielleicht sollten wir das nächste Mal einen Kandidaten unterstützen, der blass und unscheinbar und eher intellektuell ist. Vielleicht einen berühmten Schachspieler oder so.“

„Hast du schon mit Ariella gesprochen?“

„Nein.

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