Logo weiterlesen.de
Eine unlösbare Frage: SF-Erzählungen

Gerd Maximovic

Eine unlösbare Frage: SF-Erzählungen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

EINE UNLÖSBARE FRAGE

Novellen und Erzählungen

Band 1

von Gerd Maximovič

IN ALTER RECHTSCHREIBUNG

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

EINE UNLÖSBARE FRAGE, Novellen und Erzählungen (Band 1) by Gerd Maximovič 2014

Cover: Steve Mayer

Der Umfang dieses Ebook entspricht 139 Taschenbuchseiten.

Die Edition Bärenklau bietet in mehreren Bänden die Möglichkeit für den eBook-Leser das breite Schaffen des Autors wiederzuentdecken. In seinen Novellen und Erzählungen spannt sich der Bogen von der ausgebeuteten Erde in den nahen Weltraum, bis in die unendlichen Weltraumtiefen.

Das Ebook beinhaltet folgende Novellen und Erzählungen:

SALZ

ALPHA-STATION

DER JUNGE FERGELFOOT

DIE VÖGEL

SALZ

Zuerst sah Novitzki Karin nur wie durch einen Schleier. Es war, als wäre eine blau flimmernde Barriere zwischen ihr und ihm errichtet, eine fast unsichtbare Schranke, durch die sie nicht zueinander gelangen konnten. Einmal, als er seine Hände nach ihr ausstreckte, begann das Bollwerk hell zu glühen, und Funken flogen weiß wie Schaumkronen nach draußen und in seinen Käfig.

Dann wieder sah er sich mit ihr an einem Tisch sitzen. Sie speisten. Auf dem Tuch lagen Servietten. Es gab Truthahn. Er war in Feststimmung, und er mußte denken, daß eigentlich nun vor dem Fenster weiße Flocken niederfallen müßten, das vor der Kälte, die draußen herrschte, dicht geschlossen war. Die Kerzen brannten flackernd. Eine war erloschen, und ihr herber Geruch zog wohlig in seine Nase.

Es scheint, daß wir aus den Erinnerungen unserer Kindheit oder Jugend - aus den angenehmen und den erfreulichen Dingen - dann, wenn die Situation uns fordert, zu uns kommen können. Auch der Truthahn schmeckte jetzt eigentlich mehr wie die Kartoffeln, die er so gern in seinem Elternhaus gegessen hatte. Verstohlen betrachtete er ihr Gesicht, und es stach in seinem Herzen, als er ihre Schönheit bemerkte.

An der Wand hing ein Kalender, den er direkt hinter ihrem Körper bemerkte. Wie aus dem Nichts kam ihm der Name des Malers, von dem all die Monatsblätter stammten, in Erinnerung: Caspar David Friedrich. Er bekam aber Angst, als er das Dezemberbild mit seinen treibenden, schroffen Eisschollen, mit seinen wuchtigen, kantigen Schneeabbrüchen und mit seiner weiß und blau glitzernden Landschaft näher studierte.

Ihm war, als ob er mit einem Mal in diese Szene versetzt wäre. Und tatsächlich, während er Messer und Gabel sinken ließ, hörte er den Frost in der Tiefe krachen. Schneegestöber wälzte sich durch das Zimmer. Novitzki gefror an seinem Tische, als der Fußboden glitzernd von unten nach oben zuwuchs. Die Anrichte war jetzt ganz weiß, und der Truthahn lag gläsern auf der Schüssel.

Sie hatte ihn mit einem raschen Blick angesehen. Eine Träne schimmerte in ihrem Augenwinkel.

"Paul“, sagte sie ruhig, „nimm Dich zusammen."

Das Eis begann zu schmelzen. Die Worte hatten ihn irgendwo im Inneren getroffen.

„Karin?" stammelte er fast hilflos und langsam, als hätte er Mühe, ihren Namen zu formulieren.

Sanft kam ihre Stimme: "Ich bin ja bei Dir.“

 

Hinter dem blauen Schleier gingen weiße Schatten. Sie hielten Geräte in den Händen. Einer trat durch den Vorhang und öffnete Novitzkis Augen und ließ einen gelben, freundlichen Lichtstrahl durch die Iris fallen. Er murmelte etwas von einer Färbung. Er wäre noch nicht ganz zufrieden. Die Netzhaut oder etwas ähnliches schien ihm nicht zu gefallen.

"Sagen Sie einmal ‚Ah‘", brummte er, und Novitzki zeigte seine Zunge.

„Wie lange“, wollte Karin hinter dem Vorhang wissen, „wird er noch brauchen?“

"Schwer zu schätzen", antwortete der Mann im weißen Kittel mit dem langen Gesicht. "Es wird besser. Ich glaube, daß wir ihn durchbringen werden.“

„Wird er wieder so wie früher?"

„Ich denke schon, daß wir ihn völlig entsalzen können."

Salz - als er das sagte, begann Novitzki zu klumpen oder versuchte es, aber das waren nur die Muskeln, die verkrampften. Er schrie auf, als sich seine Sehnen wie Stahl zusammenzogen.

"Ist ja schon gut“, eröffnete der im weißen Kittel und spritzte ein schmerzlösendes Mittel.

Dieses entfernte Novitzkis Ich von seinem Körper - weit hinaus in den Weltraum, unter die silbernen Sterne, zu der Spell-Sonne, am Rande der Galaxis, wo das Leben so ruhig und friedlich, ohne Aufregung und Spannung, ohne Mühe und Qual abläuft, wo die Kristalle blitzen und wo wir unsere Bestimmung wie selbstverständlich finden.

"Er schläft", sagte Karin.

Der Arzt knurrte ein wenig unwirsch, indem er auf das Ungeheuer starrte: "Ja, lassen wir ihn schlafen.“

 

Paul Novitzki hatte von sich immer gedacht, daß er etwas besonderes wäre. Dies ist verständlich, wenn man die Vielfalt der Welt betrachtet, die mannigfachen Einflüsse, das Auf-uns-Einströmen unzähliger Menschen, die uns in einer Großstadt etwa während der Stoßzeit begegnen. Jedes Bewußtsein nährt sich aus dem andern. Wir durchkreuzen gegenseitig unsere Pläne. Hebe ich den anderen, so sinke ich selber. Mein Ich kann also nur bestehen, wenn ich wie die übrigen trample.

So hatte sich denn auch Paul Novitzki jene kleine Nische, in der er sein Ich aufzubewahren pflegte, erhalten. Er sprach selten darüber, und wenn, dann nur zu Leuten, die er nur flüchtig kannte, etwa in Kneipen, zu Leuten also, die ihm beruflich und in anderer Hinsicht nicht gefährlich werden konnten. Er war wie ein Leuchtturm, dessen Licht immer um diese eine Nabe kreiste, und gerade deswegen, weil er so dachte, kam er - etwas - weiter als andere.

Er war erst zu einem der zahlreichen Raum-Leutnants aufgestiegen und schaffte es nach drei Jahren Ausbildung und Schreibtischtätigkeit, das Kommando über ein Forschungsraumschiff, den BELLOROPHON, zu übernehmen. Nacheinander hatte er drei Reisen durchgeführt, die erfolgreich verliefen und die dazu beitrugen, daß die Menschheit ihr Bild von ihrer Stellung im Kosmos zwar nicht besonders, doch in Sekundärfragen erweitern konnte. Was ihn dabei anspornte, war seinen Auftraggebern nicht erheblich; wichtig war nur sein Funktionieren. Es ist ja manchmal erstaunlich, welche psychologischen Faktoren bedeutende Menschen antreiben.

 

Es war, als ob er die Annäherung an Spell VII, einen Planeten in den Außenbezirken der Milchstraße, der die Sonne gleichen Namens umkreiste, ahnen würde. Bevor noch Radukanu, der Kartograf, die Existenz von Himmelskörpern um Spell bestätigte, hatte eine unbestimmte Unruhe Novitzki ergriffen. Erst erfand er vor sich selber Gott weiß welchen Vorwand, daß er sich - wie in seinen Kindertagen - nicht zur Bettruhe begeben mußte, dann aber, endlich eingeschlafen, begann er zu träumen.

Man muß verstehen, daß die nächtlichen Visionen vieler Raumfahrer schwer sind und daß es nur wenige unter ihnen gibt, die in einer Art Bierruhe die Reise zu den Sternen unternehmen. Wir kennen die Vielfalt des Kosmos, die unerhörten Eindrücke und Impressionen, die uns die unendliche Weite zwischen den Galaxien mitteilt. Zwar ist der Mensch ein Teil des Universums, und darum ist sein Gehirn der Vielfalt des Alls gewachsen, das heißt aber nicht, daß er alles, was ihm dort draußen begegnet, so einfach wegstecken könnte.

So, als ob Novitzki das, was auf ihn zukommen würde, verdrängen wollte, träumte er von harmlosen Dingen. Es waren bloß Spinnen, die giftig und geifernd, in einer Nacht unter Blitz und Donner über die Aufbauten des BELLOROPHON krabbelten. Sie hatten ein hübsches, weißes Mädchen ergriffen, das vor Angst ganz gelähmt war. Noch bevor der Kommandant sich nach draußen begeben konnte, um die Schöne zu retten, hatten sich die Spinnen in gigantische Würmer verwandelt, die aus einem Raumloch fielen und Schleim und Eiter über das Forschungsschiff versprühten. Während Novitzki sich auf die andere Seite seiner Pritsche drehte, verwandelten sich die Erdtiere in friedliche, die Planeten düngende Schleimwesen - dies bewies ihm, daß nichts unnütz ist unter den Sternen.

 

Als er sein Frühstücksei köpfte, hatte er den Traum vergessen. Die Zentrale des BELLOROPHON füllte sich warm mit Menschen. Evita, die Frau des Steuermanns, trug Lockenwickler in den Haaren, was gegen die Vorschrift verstieß, in dieser ungefährlichen Phase des Fluges aber toleriert werden konnte, sofern sie sonst ihrem Dienst korrekt nachging. Novitzki brauchte kurze Zeit, bis er in Gang kam. Einen flüchtigen Augenblick blinzelte er, und es war ihm, als hänge etwas schwer in seinen Gedanken, das verdrängt war; aber er hatte, als das Schiff anlief, anderes zu tun, als vergangenen Dingen nachzugrübeln.

Das Profil, das Radukanu von dem Sonnensystem vor ihnen erstellte, lief in einer Idealprojektion über den Bildschirm. Es waren acht Planeten, die um Spell, einen sterbenden Stern, kreisten. Sein Alter wurde auf das Doppelte von Sol veranschlagt. Die inneren Welten waren entweder glutflüssig oder von Wüsten überzogen. Der Ring der mittleren Körper war noch immer vulkanisch, ohne daß sich eine Atmosphäre und Pflanzenkultur gebildet hatte.

Der äußere Planet, Spell VIII, an dem der BELLOROPHON jetzt schon vorbeiglitt, war ein eisenhaltiger, in Raum und Zeit erstarrter Klumpen, der, wenn es auf ihm Leben je gegeben hatte, dieses unter einem Eispanzer begraben hatte. Während der Suchstrahl über die Welten streifte und bei schwindender Unsicherheit Erkenntnisse lieferte, wurde deutlich, daß die Materie dieses Systems auf allen Himmelskörpern zumindest versucht hatte, Leben hervorzubringen.

Im Ordnungsschreiber, den man dem Suchstrahl angeschlossen hatte und in dem man die Organisierung des Bewußtseins registrierte, wurden komplexe Strukturen geortet, die aber nirgendwo über kristalline Molekularverbände hinausgelangt waren. Dennoch war das Bemühen der stofflichen Substanzen, sich zu entfalten, deut1ich. Und wie manche auf der Erde über das verlorene, das ungeborene Leben, über all die möglichen Kinder spekulieren, die das Licht der Welt nie erblickten - so mußte Novitzki einen Augenblick daran denken, was wohl aus diesen Planeten oder wenigstens aus einem von ihnen geworden wäre, wenn die kosmischen und lokalen Bedingungen anders, günstiger für die Entwicklung von intelligenten Formen gewesen wären.

Doch dies war müßig. Leben bedeutet, daß die Materie eine Struktur aus sich hervorbringt. Wie auf der Erde unter all den belebten Formen nur der Mensch mit Bewußtsein begabt sein konnte, so ging überall dieses Tasten des Stoffes durch zahllose Gestalten vor sich, die eine Bedingung dafür waren, daß ihr wenigstens ein Versuch glückte.

Novitzki fühlte in sich die Wärme, ein Zeichen, daß er voll da war, während er ein Toastbrot mit Marmelade vollstrich und noch ein weiteres Frühstücksei köpfte, als ihm Radukanu ein Bündel Karten und Diagramme mit breitem Lächeln auf den Tisch warf.

"Na und", sagte der Kommandant und hatte ein wenig oberflächlich in den Unterlagen geblättert.

Da blieb sein Blick auf einer Molekularanalyse ganz am Ende der Mappe hängen. Für den, der es versteht, solche Deutungen zu lesen, ist es mitunter, als würde ein Fenster aufgestoßen, wo für andere die Erde ringsum noch in Finsternis gehüllt ist.

"Eh, sag mal", stieß Novitzki hervor.

Und der Kartograf, der diese Reaktion erwartet hatte, erklärte: "Das ist Spell VII, in einem günstigen Bereich des Planetengürtels gelegen.“

„Ja“, murmelte Novitzki kauend, "das sind aber interessante Strukturen. Weiß man schon, wie hoch die Materie auf dieser Welt hinauf kam?“

Radukanu zögerte eine Sekunde. „Wir haben den größten Teil der Anlagen auf den Planeten ausgerichtet. Er ist dem Suchstrahl jetzt schon gut sichtbar. Aber die großen Anzeichen, wenn Du die meinst, sind bisher ausgeblieben."

"Trotzdem“, brummte der Kommandant, „ich habe selten so schöne, gleichmäßige Kristalle gesehen.“

 

Der Planet war von der Größe der Erde, besaß ihre Masse und Schwerkraft, und es war ein ganz dünner, gasförmiger Schleier, der ihn umwehte. Der BELLOROPHON ging in eine Umlaufbahn um Spell VII, zuerst stationär in großer Höhe. Dann wurde der Kreis verändert, bis die ganze sichtbare Oberfläche des Planeten kartografiert war. Auf den ersten Blick schien Spell ziemlich öde und unfruchtbar, doch ließen sich nicht nur in seinen gebirgigen Regionen - ein erloschener Vulkan erreichte sechs Kilometer Höhe - überaus reichhaltige Kristallablagerungen finden.

Ein Drittel von ihm bedeckte etwas, das man als Ozean bezeichnen konnte. Es war eine riesige, ununterbrochene, weiß erscheinende Masse, in der sich die glitzernden Strukturen zusammengezogen hatten - als wäre ein Urmeer, das der Planet einst getragen hatte, unter der Strahlung der Sonne ausgetrocknet, um diese sich überlagernden, schiebenden Barrieren zu hinterlassen. Tatsächlich war die Oberfläche der Welt, die dem flüchtigen Beobachter zuerst tot schien, in Bewegung. Nicht nur, daß sich diese weiße See umschlug, daß sie hohe, wie zu Schaum geschlagene Wellen hervorhob. Auch die Gebirge schienen, wenn auch in unmerklichem Tempo, zu wandern - was man aus der großen Beobachtungshöhe an der sich verändernden Thermalstruktur sowie an den sich verschiebenden Magnetfeldern in der Tiefe erkennen konnte.

Es wurden die üblichen Vorsichtsmaßnahmen für die Annäherung an einen unbekannten Planeten getroffen. Eine Sonde, infrarot und ferngesteuert, überflog Meer und Gebirge und landete in einem aussichtsreichen Gebiet, an der Trennungslinie zwischen beiden Formationen, ohne daß die Mäuse in ihrem Inneren oder Mikroorganismen irgendeine negative Reaktion zeigten. Auch nachdem man den Versuch stundenlang hatte laufen lassen, schienen sich die Nagetiere ausgesprochen wohl zu fühlen; ihr einziges Erschrecken erzeugte der Andruck, als die Plombe sie beim Rückflug in ihre wattierten Boxen preßte.

Die Untersuchung der Probe wurde außerhalb des BELLOROPHON im Orbit vorgenommen und verlief negativ. Bevor man sie hereinnahm, stürzte Schmidt vom Observatorium aufgeregt in die Zentrale, wo Novitzki und die Offiziere die letzten Landevorbereitungen besprachen. Das war ihnen tatsächlich entgangen. An der Stelle, wo die Sonde gestanden hatte - die man mit Hilfe der Teleskope bis zur Größe einer Briefmarke auflösen konnte - gärte der Boden. War der Untergrund vorher schon in der anscheinend planetenüblichen Bewegung, so hatten sich nun weiße Hügel hervorgeschoben, die wie Zuckertürme erschienen und die sich vermehrten.

Die Maus Richard aus der Plombe kletterte über Novitzkis linken Arm und aß aus seiner Hand ein Stück Zucker. Auch wenn die Technik noch so hoch entwickelt erscheinen möchte - oftmals ist es die Intuition, die uns leitet. Der Kommandant - wie hätte er auch anders entscheiden sollen - befahl die Landung. Ganz in der Nähe des gärenden Bodens ging der BELLOROPHON in einem Feuermeer nieder, das die Umgebung aufwühlte, das glühende Ströme in den Boden brannte und einen Sturm in der dünnen Atmosphäre entfachte. Eine ganze Weile sah man draußen nichts als die hellen Flammen, die wie eine wehende Mauer vor dem Raumschiff standen und dann mit einem Schlag erloschen.

Wo hatten sie aufgesetzt? Unwillkürlich, als der Bildschirm die ersten Aufnahmen des Standortes zeigte, griff Novitzki nach einem Foto, das die Umgebung des Gefährts vor dem Aufsetzen zeigte. In der nächsten Nähe war der Boden schwarz von dem Feuer. Aber etwas weiter stieg jetzt plötzlich eine weiße und blaue Flora in die Höhe, Pflanzen, wie sie sie noch nie gesehen hatten, große ein wenig grünliche Trauben, die von schneehellen Bäumen hingen, Buschwerk, das in einigen hundert Metern Entfernung den Landeplatz wie ein Bollwerk säumte und an dem gläserne Früchte schwangen.

Zudem war der Anblick dieses Treibhauses schmerzlich. Denn von all den geraden und gekrümmten Stauden, von den Dingen, die wucherten und die trieben, von den kostbar scheinenden Produkten, die - rund und viereckig - von den Zweigen fielen, kam im hellen Sonnenschein ein unerhörtes Glitzern. Als das Schiff ganz still war und auch der Sternenmotor auslief, hörte man ein Krachen in der Tiefe, als würden sich Kontinentalschollen im Zeitraffer verschieben oder als wäre der Boden in unaufhörlicher Bewegung.

Eins der Landebeine war bereits hoch bis zu den Gelenken mit einem weißen Pulver, das der Computer als Salz analysierte, überzogen. Sie hatten an der Spitze des BELLOROPHONES einen Kameraarm ausgefahren. Als dieser schwenkte, erkannten sie, daß ringsum die Wüste gläsern und glitzernd erblühte. Die Pflanzen, je weiter man hinausspähte, erschienen verkrüppelt, bis endlich in einer Entfernung von vielleicht fünf Kilometern der Planet ein normales Profil zeigte.

Während weitere Nahanalysen liefen, schossen sie eine kleine Sonde hinaus, die etwa zehn Kilometer weiter - vom Fotogelenk aus sichtbar - zu Boden stürzte. Dort, wo sie gelandet war, kam der Untergrund in Bewegung. Das, was wie Salz erscheinen wollte, ballte sich zusammen, bildete Zweige, Stämme - wie in der Zeitlupe entfalteten sich Blätter. Man konnte die Schockwellen, die vom Aufschlag der Probe herrührten, auf dem Boden studieren - etwa so, als würde ein Teich mit großer Geschwindigkeit gefrieren.

 

In der Nacht fühlte man sich noch sicher, obwohl fast alle Besatzungsmitglieder von schweren Träumen heimgesucht wurden. Novitzki gaukelte es vor, am Rande der Ebene wäre ein gläserner Riese aufgestanden, der den Forschungskreuzer wie einen Strohhalm knickte und seine Teile, nachdem er ihn zerrissen hatte, wie Drachenzähne in den Boden steckte. Beate Kirstmann sinnierte, ein Mann, nur aus Kristall bestehend, hätte sie in der Biegung des Flures angefallen; seine Gliedmaßen waren infolge seiner Beschaffenheit so scharf gewesen, daß sie blutend erwachte; doch sie hatte, wie sie kleinlaut eingestand, infolge der Landung ihre Tage verfrüht bekommen.

Die schlimmste Vision hatte Valerie, den Schiffsjungen, überkommen. Er wanderte im Gebirge von Spell VII. Als er zurückschaute, war der BELLOROPHON nur noch eine winzige, glitzernde Nadel in der Ferne. Etwas zog Valerie vorwärts. An einer Wegbiegung löste sich aus dem Fels ein blauer Schatten - ein Riese mit großen, gläsernen Zähnen, durch den schauerlich der Wind pfiff. Als der Schiffsjunge fliehen wollte, ergriff ihn der Gigant mit kalter Hand und schob ihn in seinen schimmernden Rachen; im Magen des Riesen befanden sich Spiegelwände, die unaufhaltsam näher rückten.

 

 

So herrschte beim Frühstück am nächsten Tage gedrückte Stimmung. Die Landschaft hatte sich in der Umgebung des Kreuzers nur noch wenig verändert. Der Rost an den Landestützen war jetzt ganz deutlich. Kristall und Bitterstoff drangen in die Düsen. Die Maus Richard war verendet; Rall, der Biologe, fand Salzablagerungen in ihrem Bauche. Die Kammer der Sonde, die man dem Planeten ausgesetzt hatte, war in ihrem Inneren mit einer weißen Schicht überzogen, die man selbst unter großer Hitze kaum ablösen konnte.

Während sie noch beim Essen saßen, erklangen aus der medizinischen Station Schreie. Eine Leitung, die Novitzki hinunterschaltete, erbrachte nur leere Bilder. Dann rief Spellmann, der Arzt-Sekundant, um Hilfe. Sein Brüllen ging in einem dumpfen Geräusch unter. In der Endstufe in der Zentrale des BELLOROPHON war ein Flüstern, dann ein Schlürfen, dann ein Krachen, als ob die Leitungen aus den Wänden gerissen würden.

Frühstücksei, Toaster und Kaffee waren vergessen. Da eine Aufnahme dorthin nicht gelingen wollte, stürzte Novitzki, ein Enterbeil in den Händen, durch den Schiffstunnel hinunter. Die Tür zur medizinischen Zentrale war wie mit Reif überzogen. Ohne sie zu berühren, zertrümmerte er mit der scharfen Schneide ihren Rahmen, als sie auf die automatischen Signale nicht reagierte. Es war, als ob es in den Korridor schneien würde. Salz biß in die Augen des Kommandanten und in die der Männer, die ihm folgten.

Dort lag Spellmann, auf dem Rücken. Seine Arme ragten weiß in die Höhe. Sein Gesicht war mit einer hellen Kruste überzogen. Er schien noch zu atmen, denn die Maske platzte auf Kinn und Wangen und ließ Hohlräume erkennen, die der Salpeter weiß ausgefüllt hatte. Von der Decke der Station fielen durchsichtige Kolben und bedeckten den Boden mit blauen, sich strahlenförmig ausbreitenden Flechten. Blut, das in einem Schrank hinter Glastüren aufbewahrt wurde, kristallisierte und sank als rotes Pulver auf den Boden der Flaschen nieder.

„Mutter Gottes“, sagte ein Leutnant.

"Zurück", rief Novitzki, „das Schott versiegeln! Laßt niemand aus den medizinischen Räumen entkommen!“

 

"Ich kann das nicht verstehen", sann Ruth Meran, als sie ein wenig zur Ruhe gekommen waren. „Was sind das für Dinger, für Keime?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Eine unlösbare Frage: SF-Erzählungen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen