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Eine unerwartete Affäre

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  28. 23. Kapitel
  29. 24. Kapitel
  30. 25. Kapitel
  31. 26. Kapitel
  32. 27. Kapitel
  33. 28. Kapitel
  34. 29. Kapitel
  35. 30. Kapitel
  36. 31. Kapitel
  37. 32. Kapitel
  38. 33. Kapitel
  39. 34. Kapitel
  40. Danksagung

Über die Autorin

Katie Fforde lebt mit ihrer Familie in Gloucestershire und hat bislang 21 Romane veröffentlicht, die in Großbritannien allesamt Bestseller waren. Ihre romantischen Beziehungsgeschichten wurden erfolgreich für die ZDF-Sonntagsserie HERZKINO verfilmt.

 

Für alle Liebhaber von Antiquitäten,
unabhängig davon,
ob sie nun damit ihren Lebensunterhalt verdienen oder nicht

1. Kapitel

»Ich möchte dir ja nicht zu nahe treten, Süße, aber willst du wirklich in diesem Aufzug fahren?«, fragte Sally eher entsetzt als verärgert.

Gina warf ihrer Schwester einen kurzen Blick zu, der eine Mischung aus Gereiztheit, Belustigung und Verzweiflung ausdrückte. Sie befanden sich im Auto auf der Hauptstraße nach Cranmore-on-the-Green, und es kam nicht infrage umzukehren, um sich umzuziehen. Sallys kleine Töchter schliefen auf der Rückbank, und Gina fiel die Autofahrt wesentlich leichter, wenn sie nicht sangen oder sich kabbelten und Saft im Auto verschütteten. Daher wollte sie so viele Kilometer wie möglich zurücklegen, bevor die beiden wieder aufwachten.

Jetzt erwiderte Gina: »Da wir ja schon unterwegs sind, werde ich wohl auch so weiterfahren. Was stimmt denn nicht mit meinem Outfit? Im Kofferraum habe ich auch noch eine Jacke.«

Sally war achtzehn Monate jünger als ihre Schwester. Sie genoss den Altweibersommer in vollen Zügen und trug einen langen Rock, ein leicht transparentes Top, Römersandalen und jede Menge Perlenketten und Armbänder. Der Hippie-Look stand ihr aufreizend gut. Gina spürte, wie sie kritisch gemustert wurde.

»Du siehst sehr geschäftsmäßig aus«, sagte Sally. »Ein schwarzer Hosenanzug und eine strenge weiße Bluse mögen für deine Geschäftstermine angemessen sein, aber hier …«

»Es handelt sich ja auch um einen Geschäftstermin.« Gina warf einen schnellen Blick auf das Navi. »Außerdem steckt der größte Teil meiner Kleidung noch in den Umzugskartons. Wenigstens ist die Bluse sauber und anständig gebügelt. Das kann man vom Rest meiner Sachen nicht behaupten.«

»Das ist nicht direkt ein Geschäftstermin«, widersprach Sally, nachdem sie einen prüfenden Blick auf ihre Kinder geworfen hatte, um sicherzugehen, dass sie noch schliefen. »Es geht um ein wichtiges Schreiben von unserer verrückten Tante Rainey.«

Gina hatte das Gefühl, Sallys Begeisterung einen kleinen Dämpfer verpassen zu müssen. »Es ist etwas Geschäftliches. Unsere liebe verstorbene Tante hatte einen Verkaufsstand in diesem Antiquitätenzentrum. Also geht es ums Geschäft, meinst du nicht? Wahrscheinlich handelt der Brief, den wir noch nicht kennen, nur davon.«

Sally mokierte sich über Ginas nüchterne Haltung. »Ja, aber es ist gewissermaßen ein Kontakt aus dem Jenseits.« Sie sprach, als moderierte sie eine besonders gruselige TV-Sendung an.

Gina kicherte unwillkürlich. »Unsinn! Wir haben bloß ein Schreiben von ihrem Anwalt bekommen. Man könnte nur dann von einem Kontakt aus dem Jenseits sprechen, wenn wir eine Séance hätten.«

»Glaubst du, das wäre eine gute Idee?«

Jetzt musste Gina richtig lachen, auch wenn sie gleichzeitig den Kopf schüttelte. »Also wirklich, Sal, du bist einfach unmöglich! Ich halte eine Séance für keine gute Idee. Außerdem wäre so etwas völlig überflüssig, weil wir ja Briefe bekommen haben. Briefe aus richtigem Papier, im Hier und Jetzt verfasst.« Sie warf Sally einen liebevollen, wenn auch leicht verzweifelten Blick zu. »Manchmal frage ich mich, ob es dein Gehirn geschädigt hat, als Künstlerin und Mutter ständig zu Hause zu sein.« Sie hielt kurz inne. »Das soll nicht heißen, dass du nicht alles perfekt hinbekommst, du machst das wirklich prima, und das mit so wenig Geld. Aber manche deiner Ideen und Vorstellungen sind ein bisschen absurd, das musst du zugeben.«

»Na ja, irgendwie muss man sich ja bei Laune halten, wenn man den ganzen Tag damit beschäftigt ist, Kinderklamotten unter den Betten hervorzuangeln und die Mädels davon abzuhalten, sich gegenseitig umzubringen.« Sally seufzte.

Gina schämte sich für ihre gedankenlose Bemerkung. »Du bist eine ganz tolle Mutter, Sal, wirklich. Und die Mädchen machen dir alle Ehre.«

»Aber? Ich spüre doch, dass jetzt ein ›Aber‹ kommt!«

»Das hat nichts mit dir zu tun, aber ich glaube wirklich, dass es bei diesem Termin nur um die Unterzeichnung eines Schriftstückes geht, damit das Antiquitätenzentrum wieder über den Verkaufsstand verfügen kann oder so. Es ist bestimmt keine spannende Sache.«

»Also rechnest du nicht damit, dass für uns dabei Geld herausspringt?«

Gina schüttelte den Kopf. »Das kann ich mir kaum vorstellen. Du hast Tante Rainey öfter gesehen als ich, doch wir hätten es sicher gewusst, wenn sie wohlhabend gewesen wäre, oder? Sie besaß kein Haus und hatte offensichtlich auch keine großen Ersparnisse.«

Sally seufzte erneut. »Weißt du, ich vermisse sie. Tante Rainey war ein richtiges Original, hat immer von den Beatles und all den alten Bands gesprochen, als wären sie ihre besten Freunde gewesen. Man hatte so viel Spaß mit ihr! Ich wünschte, ich hätte sie häufiger sehen können, aber nachdem die Zwillinge so kurz nach unserem Umzug auf die Welt gekommen waren, ist es nicht einfach gewesen.« Sie grinste. »Einige Male ist sie zum Tee gekommen, sie war immer wie eine ehemalige Rock-’n’-Roll-Braut gekleidet. Insgeheim habe ich stets gedacht, dass die Mädchen sie lieben würden, wenn sie ein bisschen älter sind. Und jetzt ist sie tot.«

»Sie war wirklich lustig und auch ziemlich exzentrisch. Und wenn du nicht aufpasst, dann wirst du genauso wie sie«, fügte Gina hinzu.

»Das würde mich nicht stören, sie war einfach großartig.«

»Ich weiß. Es sollte auch irgendwie ein Kompliment sein.«

Sally musterte ihre Schwester, als wüsste sie nicht genau, wie sie das jetzt verstehen sollte. Schließlich wechselte sie das Thema. »Wie war er denn, dieser Matthew Ballinger?«

»Ich habe ihn doch gar nicht kennengelernt.«

Sally machte eine Handbewegung, als wäre das nur ein nebensächliches Detail. »Aber du hast doch mit ihm gesprochen. Wie klang er?«

»Ganz okay. Eigentlich klang seine Stimme sogar ganz nett, obwohl er sich auch ein bisschen mürrisch anhörte … Du kannst es nicht lassen, habe ich recht?«

»Was denn?« Sallys übertrieben unschuldige Miene erinnerte Gina an ihre Nichten, wenn sie dabei erwischt wurden, wenn sie etwas ausgefressen hatten.

»Du willst mich mal wieder verkuppeln«, erwiderte Gina streng. »Deshalb machst du auch so einen Wirbel um mein Outfit. Du musst endlich damit aufhören.«

Ihre Schwester blickte ein bisschen verlegen aus dem Seitenfenster. »Na ja, es ist höchste Zeit, dass du mal wieder einen Freund findest.«

»Nein, ist es nicht. Ich lege gerade eine Männerpause ein. Der letzte war eine richtige Katastrophe, er hat mir doch tatsächlich Geld gestohlen und mir auch sonst alles Mögliche angetan. Aber du kennst ja die Einzelheiten.« Gina machte eine kleine Pause. Es fiel ihr immer noch nicht leicht, entspannt über ihre gescheiterte Beziehung zu reden. »Die ganze Geschichte hat dazu beigetragen, dass ich aus London hierher gezogen bin, falls du das vergessen haben solltest. Und ich gehe nicht wieder dorthin, jedenfalls sehr lange nicht mehr.«

»Wohin? Nach London?«

Gina zog ein finsteres Gesicht.

Sally gab ihrer Schwester kurz Zeit, sich wieder zu beruhigen. »Das war aber nicht der Hauptgrund für deinen Umzug. Schließlich ist London eine riesige Stadt. Du hättest Egan durchaus aus dem Weg gehen können, wenn du es versucht hättest.«

»Oh, und ob ich das versucht habe! Aber wenn man dieselben Leute kennt, ergibt es sich einfach zwangsläufig, dass man immer wieder genau dem Mann begegnet, den man eigentlich nicht mehr sehen will.«

»Das ist bloß eine Ausrede. In Wahrheit bist du umgezogen, weil du miterleben willst, wie deine Nichten aufwachsen«, entgegnete Sally ruhig.

Gina lächelte. »Das möchte ich auf jeden Fall. Und dann ist da noch die Tatsache, dass die Geschäftslage derzeit so schwierig ist und mein einziger großer Kunde ebenfalls in diese Gegend umgezogen ist. Außerdem ist die Miete für meine Wohnung in die Höhe geschossen, und ich musste wegen der Konjunkturkrise ohnehin umstrukturieren. Doch das alles weißt du ja ohnehin schon.«

»Du hast noch was ausgelassen: ›Und du, geliebtes Schwesterherz, hast mich so lange bekniet, bis ich gar nicht mehr anders konnte‹«, fügte Sally schmunzelnd hinzu.

»Das auch.« Gina lachte.

»Du wirst es hier lieben, ich weiß das einfach.«

Zögernd stimmte Gina ihr zu. »Ich hab es auch im Gefühl. Eigentlich genieße ich es jetzt schon, in meinem Cottage aufzuwachen und jenseits des Gartens die Felder zu sehen statt der Rückseite einer heruntergekommenen Pommesbude.«

»Trotzdem wird es Dinge geben, die du vermissen wirst«, meinte Sally großmütig. »Schließlich hast du in der pulsierenden Hauptstadt gelebt, und jetzt wohnst du in …«

»In der tiefsten Provinz? Wo ich nicht so ohne Weiteres ein gutes Curry bekommen kann?« Noch nie zuvor hatte Sally auch nur einen einzigen Nachteil des Landlebens zugegeben. Fühlte sie sich jetzt auf einmal verantwortlich für das Glück ihrer Schwester?

»Wir haben ein hervorragendes baltisches Restaurant, aber vielleicht vermisst du ja den Trubel der großen Stadt? Hoffentlich nicht! Ich freue mich jedenfalls wahnsinnig, dass du jetzt hier wohnst. Wir alle sind begeistert.«

»Aber doch nicht nur, weil ich jetzt babysitten kann, oder?«

»Natürlich nicht! Wie kommst du denn darauf?«

Gina lachte leise. Sie liebte ihre Nichten, und obwohl sie sie ziemlich anstrengend fand, war sie sehr gern mit ihnen zusammen. »Ich glaube, ich bin im Grunde genommen ein Landmensch; zudem sind die Mieten hier tatsächlich viel niedriger als in London.« Sie schwieg einen Moment. »Aber du versuchst nicht, mich zu verkuppeln, hörst du? Wenn ich mich jemals wieder bereit für eine Beziehung fühlen sollte – sagen wir mal, in ungefähr zehn Jahren …«

»Wenn du vierzig und damit fast jenseits des gebärfähigen Alters bist.«

»… dann sage ich dir entweder Bescheid, oder ich mache mich im Internet auf die Suche.«

»Das ist ja so unromantisch!«

»Gut, denn ich habe die Nase voll von Romantik.«

»Das meinst du nicht wirklich ernst. Jeder hat eine romantische Seite, die meisten wollen es nur nicht zugeben.«

Gina zog die Augenbrauen hoch und verkniff sich ein Lächeln. Ihre Schwester war die Romantikerin von ihnen beiden. Sie selbst war eine abgebrühte Geschäftsfrau, die ihren Lebensunterhalt verdienen musste. Für Romantik gab es gar keinen Platz in ihrem Leben, weder jetzt noch irgendwann in der Zukunft. Als sie sich verliebt hatte, war sie in eine Katastrophe geschlittert. Ab sofort würde sie sich von ihrem Verstand leiten lassen, nicht von ihrem Herzen. Und um ganz sicherzugehen, würde sie sich erst gar nicht auf eine neue Beziehung einlassen.

»Nachdem du mich hast wissen lassen, dass du dich nie wieder einem Mann nähern wirst, können wir uns ja ohne Risiko Gedanken über diesen Matthew Ballinger machen«, fuhr Sally fort. »Ist er jung oder alt? Vielleicht ist er ungefähr in Tante Raineys Alter, was meinst du?«

»Er hörte sich an, als wäre er mittelalt. Und, nein, ich konnte an seiner Stimme nicht erkennen, ob er verheiratet oder alleinstehend ist.«

»Das habe ich gar nicht gefragt!«

»Hat Tante Rainey je über ihn gesprochen, wenn sie dich besucht hat?«

Sally verzog nachdenklich das Gesicht. »Ich kann mich nicht daran erinnern, aber meistens haben wir ohnehin über die Babys geredet.«

»Dad wusste auch nichts über ihn. Ich habe ihn deshalb angerufen. Er hat bloß gemeint, dass Rainey sich gern mit jüngeren Männern umgeben hat.«

»Vielleicht war er ein junger Liebhaber.« Sally seufzte. »Möglicherweise werde ich ja auch junge Liebhaber haben, wenn ich über fünfzig bin.«

Gina lachte. »Oh nein, wenn du noch mit Alaric zusammen bist, dann ganz bestimmt nicht!«

Cranmore-on-the-Green war ein Städtchen in den Cotswolds, das wegen seiner malerischen historischen Gebäude, seiner Antiquitäten, seiner Teestuben und der Touristen bekannt geworden war. An diesem strahlenden Frühherbsttag tummelten sich hier zahlreiche Menschen, die die letzten sonnigen Tage auskosten wollten.

Gina und Sally hatten einen großen Parkplatz gefunden, der gefühlt kilometerweit vom Stadtzentrum entfernt lag. Nach einigen Minuten war es ihnen schließlich gelungen, die beiden Mädchen, die eigentlich lieber laufen wollten, in den Zwillings-Buggy zu verfrachten und sie anzuschnallen. Jetzt bahnte sich die kleine Gruppe einen Weg durch das Gedränge.

»Du warst noch nie im French House, oder?«, wollte Gina wissen.

Sally schüttelte den Kopf. »Nein. In Granmore-on-the-Green gibt es keinen Supermarkt, deshalb komme ich nicht so oft hierher. Außerdem wimmelt es geradezu von Antiquitätenläden, die mich interessieren. Daher wüsste ich es gar nicht mehr, falls ich es doch schon mal gesehen hätte. Wenn Alarics Eltern zu Besuch sind, schicke ich sie immer zu einem kleinen Ausflug nach Granmore-on-the-Green, sie lieben es. Aber warte mal! Ich habe einen kleinen Stadtplan, damit müssten wir den Laden eigentlich leicht finden … Wirklich schade, dass Alaric nicht auf die Mädels aufpassen konnte«, fuhr sie fort und steuerte den Buggy auf die Straße, um einer Gruppe älterer Damen Platz zu machen, die offensichtlich in einem Pub zu Mittag gegessen hatten und nun dem Busparkplatz zustrebten.

»Nein, es ist gut, dass er das nicht angeboten hat«, widersprach Gina entschieden. »Er hat schließlich ein Treffen mit einem Kunden, aus dem sich ein Geschäft mit einer guten Provision ergeben könnte.« Gina fand, dass ihre Schwester und ihr Schwager, die beide künstlerisch veranlagt und hoffnungslos romantisch waren, etwas geschäftstüchtiger sein könnten. Manchmal versuchte Gina, diesen Mangel durch ihre eigene Geschäftstüchtigkeit auszugleichen. Insgeheim verglich sie die beiden mit zwei Häschen aus einem Kinderbuch, die sorglos und fröhlich durchs Leben hoppelten.

»Ja, aber nicht jeder mag Kinder, und wir wollen doch, dass dieser Termin gut läuft«, entgegnete Sally und bugsierte den Wagen auf den Gehsteig zurück.

»Ach, komm! Die beiden sind doch hinreißend. Außerdem gehe ich davon aus, dass es nur fünf Minuten dauern wird. Sieh mal, wir sind da! Das ist das French House.«

»Du meine Güte!«, stieß Sally hervor. Gemeinsam betrachteten sie das große, alte Gebäude. Es war ziemlich imposant und hob sich von den georgianischen Bauwerken zu beiden Seiten ab. Die Fenster des French House lagen dichter zusammen und waren wesentlich größer. Wilder Wein bildete einen dunkelroten Vorhang vor dem Mauerwerk, und an leicht verrosteten Halterungen hing ein Schild, das verkündete, dass es sich tatsächlich um das FRENCH HOUSE handelte. Ein Paar hoher Lorbeerbaum-Hochstämmchen in Kübeln stand auf den Stufen der Eingangstreppe, die zu einer großen Flügeltür führte. Das Schild könnte einen neuen Anstrich vertragen, und die Lorbeerbäume hatten ihre ursprüngliche Kugelform verloren, doch in Ginas Augen ließ diese angedeutete Vernachlässigung das Ganze noch schöner und romantischer wirken.

»Sieht tatsächlich französisch aus, nicht wahr?«, meinte Sally.

Gina nickte. »Das stimmt.«

Sally seufzte. »Lass uns probieren, ob wir den Buggy die Stufen hinaufbekommen!« Das Haus machte nicht den Eindruck, als kämen regelmäßig Kinder zu Besuch.

Als sie die Eingangstür erreichten, ertönte eine Glocke. Gina registrierte ein ziemlich großes Loch im Teppich, doch der Messinggriff der Tür war auf Hochglanz poliert.

Eine freundlich aussehende Frau mittleren Alters kam auf sie zu. »Hallo, ich bin Jenny Duncan. Matthew Ballinger erwartet Sie beide bereits. Soll ich mich um den Kinderwagen kümmern? Mr. Ballinger ist oben.«

»Danke, das ist sehr nett von Ihnen«, sagte Sally, nachdem sie sich vorgestellt hatten.

Nachdem sie sich geeinigt hatten, welcher Zwilling mit Gina und welcher mit Sally gehen wollte, schnappten sie sich jeder eins der goldhaarigen Mädchen und folgten Jenny Duncan die imposante Treppe hinauf. Als Jenny oben an eine Tür klopfte, straffte Gina entschlossen die Schultern. Zwar wusste sie nicht, was sie erwartete, doch die Situation war auf jeden Fall ein wenig einschüchternd.

2. Kapitel

Bei ihrem Eintreten erhob sich Matthew Ballinger hinter seinem gewaltigen Schreibtisch. Er sah erstaunt und nicht sonderlich begeistert aus, als er die geballte Weiblichkeit registrierte, die sich in sein Büro ergoss. Er war sehr groß und hatte dunkle Augen und dunkles Haar, das dringend einen Haarschnitt benötigte. Sein Blick wirkte wachsam und etwas skeptisch.

Einen Moment lang hatte Gina den Eindruck, dass er selbst auch eine Antiquität war, doch dann wurde ihr klar, wie verrückt dieser Gedanke war – so alt war er gar nicht. Wahrscheinlich lag es an dem Raum, der mit Möbeln vollgestopft war, obwohl er nicht groß war. Unwillkürlich dachte sie an eine Szene aus einem Dickens-Roman und stellte sich Matthew Ballinger mit hohem Stehkragen und Frack vor. Er räusperte sich.

Gina empfand Mitleid mit ihm und streckte die freie Hand aus. »Hallo! Sie wundern sich bestimmt über so zahlreichen Besuch. Wir sind Gina und Sally Makepiece – Sie haben uns erwartet. Die Mädchen, Persephone und Ariadne, sind nicht angekündigt. Es sind Zwillinge«, fügte sie hinzu, als könnte ihm diese Erklärung weiterhelfen. Um die Situation nicht noch komplizierter zu gestalten, hatte sie Sally und sich mit ihrem Mädchennamen vorgestellt.

Ein Ausdruck huschte über sein Gesicht, den sie als nacktes Entsetzen interpretierte, das er jedoch schnell hinter seinen guten Manieren versteckte. »Matthew Ballinger. Wie geht es Ihnen? Bitte nehmen Sie doch Platz! Ich hole weitere Stühle.« Ganz offensichtlich fühlte er sich äußerst unwohl.

Obwohl er sich so zurückhaltend gab, warf Sally Gina mehrmals einen vielsagenden Blick zu, während er einen weiteren Stuhl organisierte. Ihr Mienenspiel und ihre lautlos mit den Lippen geformten Worte ließen darauf schließen, dass sie ihn »umwerfend« fand.

Gina hatte kaum Zeit, die Augen zu verdrehen und die Stirn zu runzeln, bevor Ballinger zurückkehrte. Manchmal war ihre Schwester einfach unmöglich! Eine düstere Miene in Verbindung mit markanten Gesichtszügen war nicht automatisch »umwerfend«. Doch in diesem Fall musste sie zugeben – ganz objektiv betrachtet –, dass der Mann tatsächlich nicht übel aussah.

Als Gina und Sally mit Persephone und Ariadne auf den Knien Platz genommen hatten, zog Matthew Ballinger sich wieder hinter seinen Schreibtisch zurück. »Tut mir leid, ich habe nicht mit so vielen Besucherinnen gerechnet.«

»Sie müssen sich keine Gedanken wegen der Mädchen machen«, erklärte Gina. »Für sie ist es einfach nur ein Ausflug.«

»Wir haben niemanden gefunden, der sich um sie kümmern konnte«, meinte Sally entschuldigend und streichelte Persephone liebevoll über den Rücken.

»Nun denn«, sagte der Gastgeber und legte eine Mappe auf den Tisch. »Der Anwalt Ihrer Tante hat mir ein Schreiben zugesandt; vermutlich hat es denselben Inhalt wie die Briefe, die Sie beide erhalten haben. Und dann ist da noch der Brief, den wir gemeinsam öffnen müssen.«

»Richtig«, meinte Gina. Hätte man ihr einen derartigen Brief anvertraut, hätte ihre Neugier mit Sicherheit die Oberhand gewonnen. Zumindest hätte sie ihn gegen das Licht gehalten. Sally hingegen hätte den Umschlag innerhalb weniger Minuten über Wasserdampf geöffnet. Vielleicht hatte Tante Rainey das geahnt. Wie konnte Matthew Ballinger bloß so ruhig bleiben?

»Sollen wir den Brief dann jetzt lesen?«, schlug Sally nach kurzem Schweigen vor.

»Ja, warum eigentlich nicht?«, erwiderte Matthew Ballinger und zog das Schreiben aus der Mappe hervor. Dann nahm er einen Brieföffner zur Hand, schlitzte den Umschlag mit quälender Sorgfalt auf und warf einen kurzen Blick auf den Inhalt.

»Ach du liebe Zeit!«, sagte er schließlich. »Das ist … das ist ein wenig kompliziert. Hören Sie, möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee?«

Gina und Sally sahen sich an. Kompliziert? Was meinte er genau damit?

»Wir möchten jetzt keinen Tee. Wir möchten lieber …«, setzte Gina an.

»Ich glaube trotzdem, wir sollten etwas trinken«, fiel Matthew ihr ins Wort. Dann stand er auf und ging in Richtung Tür. »Ich werde sehen, ob wir auch Saft für die Kinder haben.«

»Bitte reinen Saft!«, sagte Sally. »Sie sollen keinen Nektar trinken – wegen der Zusatzstoffe«, erklärte sie. »Davon werden sie hyperaktiv.«

Er erschauderte sichtlich. »Jenny?«, rief er die Treppe hinunter. »Können wir bitte Tee bekommen? Und ein bisschen Saft für die Mädchen. Reinen Saft.«

»Saft«, sagten die Zwillinge beinahe einstimmig. »Saft haben!«

Gina hätte Matthew gern gedrängt, doch seine Miene war so verschlossen, dass sie davon Abstand nahm. Sally war durch die Kinder abgelenkt, die zusehends unruhiger wurden. Da zu ihren mütterlichen Fähigkeiten auch diverse Zaubertricks gehörten, konnte sie aus ihrem Ärmel ein paar Reiswaffeln hervorzaubern, um die Zwillinge zu besänftigen.

Auf dem Kaminsims tickte eine alte Uhr laut vor sich hin und schien die Zeit zu verlangsamen. Plötzlich war ein lautes Seufzen zu hören. Gina fragte sich, ob sie es wohl selbst ausgestoßen hatte – oder vielleicht das Mobiliar.

Schließlich ging die Tür auf, und die nette Dame, die sie bereits unten getroffen hatten, trug ein Tablett herein.

»Das ist Jenny Duncan«, stellte Matthew Ballinger sie vor. »Sie ist die tragende Säule des Geschäfts.«

»Oh, wir haben uns bereits bekannt gemacht, Matthew«, sagte Jenny. »In meinem Kabuff steht ein Buggy von der Größe eines Familienautos.«

Im selben Augenblick kam es zum Eklat. Direkt hinter dem Teetablett tauchte etwas auf, das wie ein ziemlich dünner Esel aussah. Bei seinem Anblick brüllten beide Mädchen laut los.

Sallys Mutterinstinkt riet ihr, Persephone aus der Gefahrenzone zu heben, doch das vermeintliche Untier war zu groß dafür. Gina, die sich um Ariadne kümmerte, trug das Mädchen schnell aus dem Raum. Zwar glaubte sie nicht an eine echte Gefahr, doch das Geschrei der Kinder war ohrenbetäubend.

»Er tut nichts!«, sagte Matthew mit lauter Stimme, aber man konnte ihn dennoch kaum hören. »Das ist doch bloß Oscar.«

Gina kehrte zaghaft wieder in das Büro zurück.

Dann begann Oscar zu bellen. Das Gebell klang so tief und schrecklich, dass es direkt aus dem Bauch der Erde zu kommen schien. Obwohl Gina nicht geglaubt hätte, dass die Mädels noch lauter schreien konnten, bewiesen sie ihr jetzt das Gegenteil.

»Ruhe!«, ertönte die Stimme Gottes, die sich als Matthews Stimme entpuppte.

Ganz kurz herrschte Schweigen. Oscar sah verlegen weg und gähnte, als hätte er nichts mit dem Gebell zu tun. Die Mädchen hörten abrupt auf zu schreien – eher vor Schreck als aus Gehorsam. Sie waren es nicht gewohnt, dass jemand ihnen vorschrieb, was sie zu tun hatten, erst recht nicht, wenn dieser Jemand ein Fremder war.

»Jenny, würde es dir etwas ausmachen, den Hund wegzubringen?«, bat Matthew ruhig. »Und ihr beide«, sagte er zu Ariadne und Persephone, auch wenn Gina das Gefühl hatte, dass er Sally und sie genauso meinte, »wenn ihr aufhören würdet, so einen Lärm zu veranstalten, könnten wir das Geschäftliche schnell und effizient erledigen. Dann können wir die Sache ad acta legen.«

Wie auf Knopfdruck brachen beide Kinder in Tränen aus. Während sie lautlos weinten, liefen ihnen dicke Kullertränen aus den weit aufgerissenen Augen. Unwillkürlich musste Gina daran denken, dass Sally als Kind auch so hatte weinen können, und sie fragte sich, ob sie dieses Talent wohl an ihre Töchter vererbt hatte.

»Es tut mir leid«, meinte Sally. »Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn die Kinder so außer sich sind. Wir müssen die Angelegenheit vertagen.«

»Aber es dauert bestimmt nicht lange«, widersprach Gina, die das Ganze gern hinter sich gebracht hätte.

»Ich finde, Mrs … . äh … Sally hat recht«, warf Matthew schnell ein. »Ein anderes Mal wäre sicher besser, vielleicht abends, wenn die Mädchen schlafen?«

»Eine großartige Idee!«, antwortete Sally. »Wir können uns bei Gina treffen. Falls die Zwillinge nicht schlafen, kann es uns egal sein. Ihr Dad wird sich um sie kümmern. Deine Visitenkarte, Gina!«

Gina war eigentlich daran gewöhnt, die Schwester zu sein, die das Sagen hatte. Doch nun kramte sie schnell eine Visitenkarte aus ihrer Tasche hervor. Zum Glück war sie so gut organisiert, dass sie sofort nach ihrem Umzug neue Karten bestellt hatte. Jetzt reichte sie Matthew eine davon. »Es ist überhaupt nicht weit, nur ungefähr zwanzig Minuten. Wie wäre es mit morgen Abend? Sally, würde dir das passen?«

Matthew nahm die Karte und musterte sie aufmerksam. Ganz kurz wünschte Gina, dass sie nicht ganz so poppig ausgefallen wäre, aber sie arbeitete in der PR- und Werbebranche und musste das entsprechende Image vermitteln. In einer derart würdevollen und altmodischen Umgebung wirkte die Visitenkarte allerdings ein wenig fehl am Platz.

»Oh ja – doch lass uns die Mädels schnell rausbringen!«, bat Sally nervös. Das lautlose Weinen ging allmählich in Wimmern über. Aus Erfahrung wusste Gina, dass es jeden Moment wieder zu lautem Gebrüll anschwellen konnte.

»Ist acht Uhr in Ordnung?«, fragte Matthew.

Gina nickte. Ariadne hatte gerade tief Luft geholt, um gleich einen markerschütternden Schrei auszustoßen. Während Oscar, der sich bereits mehrmals erfolgreich unter Jennys Hand weggeduckt hatte, sie mit leiser Neugier beobachtete, legte Ariadne los. Gina rannte mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm fluchtartig aus dem Raum. Wie eine mobile Alarmanlage, dachte sie dabei flüchtig.

Nachdem sie sich kurz mit dem Kinderwagen abgemüht hatten, fanden Gina, Sally und die Zwillinge sich vor dem French House wieder.

»Ruhe!«, donnerte Gina, die beeindruckt gewesen war, wie gut das zuvor funktioniert hatte. Das Geschrei verebbte schlagartig. »Ich weiß nicht, wie es dir geht«, fuhr sie fort, »aber da wir keine Flasche Pinot trinken können, um uns zu erholen, brauche ich jetzt ein verdammt großes Stück Torte!«

Nach dem Genuss von Torte und Eiscreme und dem Erwerb von Glitzerhaarspangen für die Zwillinge hatten sich alle wieder so weit beruhigt, dass die Schwestern sich über das Erlebte austauschen konnten.

»Ich weiß, dass die Mädchen ein bisschen hysterisch auf Hunde reagieren«, sagte Sally, »aber du musst zugeben, dass dieses Exemplar riesig war.«

Gina nickte. Dieses Monster hatte sogar sie beunruhigt, als es ohne Vorwarnung hinter dem Teetablett aufgetaucht war.

»Und Matthew war auch kaum weniger Furcht erregend«, fügte Sally hinzu, die zu Übertreibungen neigte.

»Ich glaube, wir haben ihn einfach ein bisschen überfordert«, erwiderte Gina. »Er hat nicht mit vier Personen gerechnet, und wir haben quasi von seinem Arbeitszimmer Besitz ergriffen.«

»Na ja, ich finde, er ist ein richtiger Mr. Rochester: schroff und grüblerisch.«

»Und unheimlich?«

»Oh, nein, nicht unheimlich!«, widersprach Sally beleidigt. »Charlotte Brontës Mr. Rochester war doch umwerfend! Nicht nur im Roman – auch in der Verfilmung.«

»Meine Süße«, kicherte Gina, »ich weiß, dass du von Matthew Ballinger sprichst. Doch er ist Antiquitätenhändler, hat also einen ausgeprägten Sinn für die schönen und edlen Dinge, was heißt, dass er unter Umständen homosexuell ist. Und wenn nicht das, dann ist er aber bestimmt verheiratet. Selbst falls keins von beidem zutrifft, bin ich trotzdem nicht interessiert. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass ich eine Pause in Sachen Männer mache? Du würdest ja auch einem Alkoholiker keine Drinks aufdrängen.«

Ihre Schwester betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. Zwar hatte Sally nur wenig Zeit und wenig Geld, doch sie liebte ihren Mann und war glücklich mit ihm. Daher wollte sie alle anderen Menschen in ihrer Umgebung ebenfalls glücklich sehen. Und sie war überzeugt, dass der einzige Weg zum Glück über die Liebe eines anständigen Mannes führte. Doch bevor sie zu ihrer ausführlichen Rede darüber ansetzen konnte, dass Erfolg im Beruf nichts bedeutete, wenn man ihn mit niemandem teilen konnte, sagte Gina:

»Jetzt hat Matthew das Schreiben gelesen und wir nicht. Hoffentlich entsteht uns daraus kein Nachteil!«

»Das glaube ich nicht«, entgegnete Sally und hob eine der neuen Haarspangen vom Boden auf. »Schließlich scheint er Tante Raineys Vertrauen genossen zu haben. Sie hätte ihm ihr Testament sonst bestimmt nicht überlassen.«

»Sie war exzentrisch«, sagte Gina. »Vielleicht würde sie doch so etwas tun.«

Sally schüttelte den Kopf. »Sie hat in den Sechzigerjahren länger in Frankreich gelebt und ihr Haar auch noch in einem Alter orange gefärbt, als ihr die Farbe schon lange nicht mehr stand. Aber man kann ihr nicht nachsagen, dass sie nicht alle Tassen im Schrank hatte. Deshalb hat Dad fast alles geerbt, und wir haben diese mysteriösen Briefe bekommen.« Sie warf Gina einen schnellen Blick zu. »Und sie hat dafür gesorgt, dass wir Matthew kennenlernen.«

Doch Gina ließ sich nicht ködern. Stattdessen stand sie auf und nahm ihre Jacke von der Stuhllehne. »Wir sollten uns jetzt auf die Socken machen. Ich möchte gern zu Hause sein, bevor es dunkel wird. Diese Landstraßen sind mir unheimlich. Außerdem brennen unsere Eltern bestimmt darauf zu erfahren, was heute passiert ist. Ich rufe sie an.«

»Ich bin nicht so sicher, dass sie das sonderlich interessieren wird«, widersprach Sally. Sie hatte ihren Eltern bis heute nicht verziehen, dass sie nach Spanien ausgewandert waren, als sie gerade schwanger geworden war.

Gina, die damals auch irgendwie das Gefühl gehabt hatte, von ihren Eltern im Stich gelassen zu werden, nickte. »Ich erzähle es ihnen trotzdem.«

Auf dem Heimweg sahen die kleinen Mädchen aus dem Fenster und sangen vor sich hin. Gina und Sally sprachen kaum. Gina dachte an das Chaos, das derzeit bei ihr zu Hause herrschte, und überlegte, welche Aufgabe sie als Erstes in Angriff nehmen sollte. Sally starrte abwesend vor sich hin. Aus Erfahrung wusste Gina, dass sie wahrscheinlich im Geiste an etwas Kreativem arbeitete, und beneidete sie kurz darum, Künstlerin zu sein. Zwar liebte Gina ihre Arbeit als freiberufliche PR-Beraterin, die durchaus anspruchsvoll und kreativ war, doch es fehlte der künstlerische Aspekt. Das vermisste Gina viel mehr als einen Freund.

Als sie bei Sally zu Hause ankamen, trug Alaric seine Töchter ins Haus, während Sally ihrer Schwester wie üblich ein Abendessen und ein Bett anbot.

»Ganz ehrlich, ich muss nach Hause.« Gina musste diesen Satz mindestens dreimal wiederholen, bevor Sally Ruhe gab. »Ich muss unbedingt Platz schaffen, denn bisher ist nur ein schmaler Weg zwischen der Tür und meinem Bett begehbar.«

»Heute Abend schaffst du ohnehin nicht mehr viel. Bleib lieber hier bei uns! Alaric kann die Mädchen baden, und wir machen eine Flasche Wein auf.«

»Ich gebe zu, das klingt verlockend, doch ich muss irgendetwas Nützliches tun. Das ist das Problem eines Freiberuflers, man hat nie richtig frei. Und ich muss wirklich Kartons auspacken. Bis bald!« Sie stieg in den Wagen und startete den Motor.

Ihre Schwester sprach durch das geöffnete Fenster. »Zumindest eine Sache ist sicher …«

»Und die wäre?«

»Mein Schwulenradar, der immer einwandfrei funktioniert, sagt mir, dass Matthew nicht homosexuell ist! Und bevor du nachfragst, du weißt doch ganz genau, von wem ich spreche!« Sie zwinkerte ihr vielsagend zu.

Gina lachte und fuhr los. Ihre Schwester blieb vor dem kleinen Cottage stehen, das sie mit ihrer Familie bewohnte, und winkte ihr wild hinterher. Gina schmunzelte vor sich hin. Sally war einfach unverbesserlich! Doch sie konnte über Matthew Ballinger sagen, was sie wollte: Sie, Gina, war nicht interessiert. Schließlich hatte sie der Männerwelt abgeschworen.

3. Kapitel

Am nächsten Vormittag rief Matthew an, um zu fragen, ob er Oscar am Abend mitbringen könne.

»Normalerweise kann ich ihn problemlos zu Hause lassen, oder Jenny passt auf ihn auf. Leider ist sie heute anderweitig beschäftigt, und um diese Zeit im Jahr gibt es immer so viele Partys mit Feuerwerk. Und Oscar hasst die Knallerei.«

Gina, die eigentlich sicher gewesen war, dass er anrief, um abzusagen, sagte, ohne nachzudenken: »Oh, das ist schon in Ordnung! Bringen Sie ihn ruhig mit, die Mädchen werden ja schließlich nicht da sein! Übrigens habe ich für die Knallerei auch nicht viel übrig.«

»Gut, vielen Dank. Dann sehen wir uns heute Abend um acht.«

Nachdem sie das Gespräch beendet hatten, blieb Gina noch eine Weile nachdenklich sitzen. Was hatte Tante Rainey sich bloß dabei gedacht? Was zum Teufel war in ihr vorgegangen, als sie diese Briefe geschrieben und diese seltsamen Anweisungen bei ihrem Anwalt hinterlegt hatte? Würde sie, Gina, noch mehr Änderungen in ihrem Leben hinnehmen müssen? Und wenn ja, war sie überhaupt dazu bereit?

Sie ging ins Wohnzimmer, das ihr gleichzeitig auch als Arbeitszimmer diente. Das kleine Cottage war zwar bezaubernd, bot jedoch nicht genug Platz für ein separates Büro. Ihr Freund Dan, ein Immobilienmakler, der ihr neues Heim für sie gesucht hatte, war deswegen besorgt gewesen. Gina hatte ihn jedoch beruhigt, dass sie sich im Obergeschoss ein Arbeitszimmer würde einrichten können, sobald das kleine zweite Schlafzimmer nicht mehr mit Umzugskartons zugestellt wäre.

Allerdings würde es nicht einfach werden, geschäftlich in einer Region Fuß zu fassen, in der sie bis jetzt nur über eine einzige Geschäftsverbindung verfügte. Ihre erste Amtshandlung nach ihrem Umzug in der vergangenen Woche hatte darin bestanden, sich einen Internetzugang einzurichten und einen Nachsendeantrag für ihre Post zu stellen.

Ihr derzeitiger Kunde würde dafür sorgen, dass sie ungefähr einen Monat lang ihre Rechnungen bezahlen konnte, doch darüber hinaus würde nicht viel übrig bleiben. Daher musste sie so bald wie möglich neue Aufträge an Land ziehen. Wenigstens hatte sie als PR-Frau, die auf Marketing spezialisiert war, jede Menge Ideen, wie sich das bewerkstelligen ließ. Sie entschied, dass eine Broschüre die Lösung war. Im Falle von Durststrecken war es umso wichtiger, seinen Namen ins Spiel zu bringen – das würde sie tun, indem sie jeder Firma in der Umgebung ihre Firmenbroschüre zukommen ließ. Später, als sie mit ihrem Entwurf zufrieden war, machte sie eine Druckerei in der Nähe ausfindig und vereinbarte noch für denselben Tag einen Termin.

Sally erschien um Viertel nach sieben, beladen mit Körben und Schachteln.

»Willst du damit mein Haus verschönern?«, fragte Gina, während sie Begrüßungsküsschen austauschten.

»Ich weiß doch, dass du gerade erst eingezogen bist und noch keine Zeit hattest, aus diesem Cottage ein richtiges Heim zu machen. Ich will dir bloß helfen.« Kritisch ließ sie ihren Blick schweifen.

»Ich habe den ganzen Tag fieberhaft gearbeitet!«, erwiderte Gina. Sie ärgerte sich ein bisschen, dass sie sich anhörte, als müsste sie sich rechtfertigen, weil sie sich vorrangig um praktische Dinge und nicht um Ästhetik gekümmert hatte.

Leute, die die Schwestern zum ersten Mal trafen, nahmen oft an, dass Gina den stärkeren Charakter hatte. Doch jetzt kapitulierte sie vor dem sanften Bulldozer, zu dem Sally wurde, wenn sie eine Mission hatte.

Gina räumte Kartons zur Seite, suchte Stühle und Teppiche zusammen und unterstützte ihre Schwester, die die Art von Wunder vollbrachte, die man sonst nur im Fernsehen sah. Nur dass in den Fernsehshows üblicherweise dafür ein vielköpfiges Team und ein Prominenter zur Verfügung standen.

Um zehn vor acht sank Gina in den einzigen Sessel und sah sich um. »Wow!«

»Hm, nicht übel, wenn man bedenkt, dass ich nicht viel Zeit hatte«, bemerkte Sally zufrieden, wenn nicht sogar ein wenig selbstgefällig.

Überall leuchteten Teelichte. Vor dem Kamin lag ein Läufer, und Ginas Arbeitsbereich war mit einem dunkelroten Tuch abgedeckt, auf dem winzige Spiegel angebracht waren, die das Kerzenlicht reflektierten. Das, was bis eben noch ein Schreibtisch gewesen war, sah nun wie eine Mischung aus einer Anrichte und einem Schrein aus. Alle Unterlagen waren in einer Schachtel verstaut, die Sally in einen Ablagekorb verwandelt hatte; der Computer war ins Schlafzimmer verbannt worden.

Auch Ginas Kissen waren in rote Tücher gehüllt worden – Sally hatte Dutzende davon von einer Studienreise aus Indien mitgebracht –, sodass das Sofa und der Sessel höchst einladend wirkten. Auf der Fensterbank stand ein Strauß aus Astern und Herbstanemonen aus Sallys Garten, daneben waren weitere Teelichte arrangiert.

Sally zupfte ein Kissen zurecht. »Sieht doch gut aus, oder nicht?«

»Offen gestanden wirkt es ein bisschen wie in einem Bordell, aber in einem sehr gemütlichen«, kommentierte Gina trocken.

»Jetzt brauchen wir nur noch ein Feuer. Funktioniert der offene Kamin?« Sally ignorierte die Bemerkung ihrer älteren Schwester einfach.

»Ja, und die Vermieterin hat den Schornstein fegen lassen.« Sie zögerte. »Allerdings ist es nicht sonderlich kalt, und die Heizung funktioniert einwandfrei. Brauchen wir wirklich ein Feuer?«

»Dadurch wird das Zimmer einladender wirken«, erwiderte Sally und durchwühlte den einzigen Korb, der noch nicht leer war. »Streichhölzer, Streichhölzer, wo seid ihr?« Sie warf ihrer Schwester einen ungeduldigen Blick zu. »Mach du dich mal auf die Suche nach Gläsern! Ich habe Wein mitgebracht.« Wenn Sally etwas arrangierte, dann musste es einfach perfekt sein.

Gina fand die Gläser und polierte sie mit einem Tuch. Weil sie wusste, dass Sally ihr nicht zuhören würde, wies sie sie erst gar nicht darauf hin, dass es sich um einen Geschäftstermin und nicht um eine Party handelte. Sally vertrat die Meinung, dass eine Ansammlung von mehr als einer Person eine Feier war – das bedeutete, dass alles hübsch aussehen und, falls es später als sechs Uhr war, Wein angeboten werden musste. Diese Gabe der Gastfreundschaft hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Das konnte man von Gina nicht im gleichen Maße behaupten: Zwar sorgte sie immer dafür, dass sich alle Gäste bei ihr wohlfühlten und die Wohnung aufgeräumt war, doch konnte sie einen Raum nicht so schön dekorieren wie ihre Schwester.

Nachdem Sally alles zusammengesucht hatte, was zum Vorbereiten eines Kaminfeuers nötig war – einschließlich Kerzenstumpen, Zeitungspapier und Anzündholz –, sah sie ihre Schwester an. »Okay, du bist dran, zünde das Feuer an!«

Lächelnd kniete Gina sich auf den Kaminvorleger. Ihre Schwester war ein wahrer Deko-Meister, doch sie selbst brachte ein Feuer schneller in Gang als jeder andere, den sie kannte.

Als das Holz gut brannte, das Sally mitgebracht hatte, unterzog sie ihre Schwester einer kritischen Musterung. Gina trug Jeans und Pulli.

»Mein Outfit ist in Ordnung«, erklärte Gina schnell und klopfte sich ein bisschen Holzstaub von der Hose. »Die Jeans ist sauber, der Pulli ist ziemlich neu, und außerdem habe ich mir die Wimpern getuscht. Sieh mal!« Zur Demonstration klimperte sie mit den Lidern. »Wenn ich mehr Make-up auflege, hält Matthew Ballinger mich für sonderbar. Bei unserem ersten Zusammentreffen war ich überhaupt nicht geschminkt.«

»Ich weiß«, entgegnete Sally tadelnd. »Du legst nie Make-up auf. Doch du bist jetzt dreißig, vielleicht ist es an der Zeit, dich nicht mehr ausschließlich auf deinen wunderbaren natürlichen Teint zu verlassen.«

Beunruhigt spähte Gina in den Spiegel. »Sehe ich etwa alt aus?«

»Natürlich nicht! Im Kerzenschein siehst du sogar fantastisch aus. So, jetzt lass mich noch abschließend kontrollieren, ob auch wirklich alles perfekt ist …«

Als es schließlich kurz nach acht an der Tür klopfte, wirkte das Cottage sicher gemütlicher als seit Jahren; ganz bestimmt jedoch hatte es seit Ginas Einzug noch nicht so wohnlich ausgesehen. Sogar gemessen an Sallys hohen Maßstäben war alles außerordentlich hübsch und einladend.

In dem Trubel, die perfekte Landlust-Atmosphäre zu schaffen, hatte Gina es versäumt, Oscar zu erwähnen. Sie hatte ihn sogar selbst vergessen, bis sie die Tür öffnete. Zum Glück schaffte Sally es, nicht wie ihre Töchter zu reagieren, als Oscar ins Cottage sprang; sie stieß lediglich ein unterdrücktes Quieken aus.

»Matthew, herzlich willkommen!«, sagte Gina, um ihrer Schwester Zeit zu geben, einmal tief durchzuatmen. »Sally hat darauf bestanden, das Cottage wie für eine Party herzurichten. Daher hoffe ich, dass Sie ein Glas Wein mit uns trinken.«

Währenddessen machte Oscar es sich unaufgefordert vor dem Kaminfeuer bequem und nahm damit den größten Teil des freien Raumes in Beschlag.

»Danke, sehr gern«, antwortete Matthew.

»Warum ist Ihr Hund nur so riesig?«, hörte Gina Sally fragen, während sie selbst rasch in die Küche ging, um den Wein zu holen.

Als sie zurückkehrte, erwiderte Matthew gerade: »Er ist zum größten Teil ein Irischer Wolfshund, und die sind eben so groß. Aber obwohl er so riesig ist, hat er schreckliche Angst vor lautem Knallen. Deshalb kann ich ihn um diese Zeit im Jahr nur schlecht allein lassen, weil ständig irgendwo Partys mit Feuerwerk stattfinden.«

»Oh, ich verstehe.« Sally wirkte etwas besänftigt.

Gina reichte erst Matthew und dann ihrer Schwester ein Glas Wein. Sally saß in dem Sessel und hatte die Füße unter sich gezogen. Diese Haltung nahm Gina immer ein, wenn sie eine Spinne sah, aber nicht wenn ein Hund von der Größe eines Kaminvorlegers vor ihren Füßen lag.

»Und woraus besteht der Rest?«, wollte Gina wissen, nachdem sie auf einem Küchenstuhl Platz genommen hatte. Matthew war ihr nicht vertraut genug, um sich neben ihn auf das Sofa zu setzen.

»Technisch gesehen, ist er ein Lurcher. Das ist keine Hunderasse im eigentlichen Sinn, eher eine Gebrauchskreuzung unter Beteiligung von Windhunden«, erklärte Matthew. »Doch zum größten Teil ist Oscar eben ein Irischer Wolfshund, was ihn für Lurcher-Aktivitäten ziemlich untauglich macht.«

»Ich werde nicht nachfragen, worin Lurcher-Aktivitäten bestehen, ich will es gar nicht wissen – aber er ist großartig«, fügte Gina hinzu. Ganz plötzlich war ihr klar geworden, dass sie den Hund mochte. Er war ein sanfter Riese. Matthew war auch ein Riese – gemeinsam mit seinem Hund beanspruchte er beinahe den ganzen freien Platz im Raum –, aber war er auch so sanft wie sein Hund? Schnell verdrängte sie den Gedanken wieder. Auf jeden Fall wirkte Matthew hier weniger respekteinflößend als in seinem Büro.

»Oscar liebt ein schönes Feuer«, meinte er. »Wie nett, dass Sie eins angezündet haben!« Er hatte sich auf der Sofakante niedergelassen, als würde er am liebsten bald wieder flüchten.

»Das war eigentlich die Idee meiner Schwester. Sie meint, der Raum wird dadurch behaglicher. Ich finde, es könnte ein wenig zu warm werden.«

»Dann können wir ein Fenster öffnen«, warf Sally ein, die inzwischen offensichtlich den Mut aufgebracht hatte, die Füße auf den Boden zu stellen.

»Was ist denn nun mit Tante Raineys Brief?«, fragte Gina, deren Anspannung wuchs. Sie hatte vergessen, dass ihre Schwester Angst vor Hunden hatte; jetzt hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihr so ein großes Exemplar zumutete. Matthew war anscheinend ebenfalls unbehaglich zumute. Nur Oscar fühlte sich sichtlich wohl.

»Ich habe mir erlaubt, Fotokopien zu machen, sodass jeder von uns ein Exemplar des Briefes in Händen hat.« Er reichte jeder der jungen Frauen ein Blatt Papier.

Beide warfen einen kurzen Blick darauf.

»Um ehrlich zu sein«, bemerkte Gina, »kann ich bei diesem Licht nicht lesen.«

»Ich auch nicht«, pflichtete Sally ihr bei, »aber Matthew, Sie sitzen doch neben der Stehleuchte. Lesen Sie das Schreiben doch einfach laut vor! Das wäre ohnehin besser.«

»In Ordnung«, stimmte er zu und sah auf sein Blatt hinunter. »Meine Lieben …« Er blickte mit gerunzelter Stirn auf, wohl um zu verdeutlichen, dass er selbst niemals diese Anrede benutzen würde.

»Wahrscheinlich wundert ihr euch, was all das soll. Nehmen wir doch einfach an, dass ich eine alte Frau bin, die sich einmischen will, aber bitte habt Nachsicht mit mir! Ich möchte, dass meine entzückenden Nichten die Freuden des Antiquitätenhandels entdecken. Manche Leute sprechen diesbezüglich auch von einer ›Krankheit‹, aber es handelt sich um eine derart wunderbare Krankheit, dass ich keine Skrupel habe, andere damit anzustecken.

Deshalb gebe ich den Mädchen fünfhundert Pfund als Starthilfe, und dich, Matthew, bitte ich, dich ihrer anzunehmen. Überlass ihnen meinen Verkaufsbereich und die Antiquitäten, die noch auf Lager sind, und helfe ihnen durch die kniffelige erste Zeit! Wenn ihr innerhalb von vier Monaten einen Gewinn erwirtschaftet, bekommt ihr alle noch ein wenig mehr Geld. Viel Spaß!«

Matthew hörte auf zu lesen und sah die beiden jungen Frauen an.

»Fahren Sie bitte fort!«, forderte Sally ihn auf.

»Das ist alles. Mehr steht dort nicht«, antwortete er.

Eine Weile waren die einzigen Geräusche im Raum Oscars leises Schnarchen und das Knistern des Kaminfeuers.

»Tante Rainey war ein kleines bisschen verrückt«, sagte Gina schließlich. »Findet ihr nicht auch?«

»Nun ja, sie war ganz schön exzentrisch«, stimmte Matthew zu. »Doch sie machte ihre Sache gut und war eine echte Bereicherung für das Zentrum. Als Käuferin war sie unberechenbar, aber sie fand immer interessante Stücke. Die Kunden kamen regelmäßig, um zu sehen, was sie wieder Interessantes aufgetan hatte.«

»Wie funktioniert ein Antiquitätenzentrum denn genau?«, fragte Sally. »Als wir gestern dort waren, schienen kaum Leute da zu sein.«

»Es ist nicht wie in einem Kaufhaus, in dem sich in jedem Bereich Verkaufspersonal befindet. Die Besitzer mieten Verkaufsflächen und tun abwechselnd Dienst. Bei uns sind immer zwei Personen anwesend, doch manchmal kommen noch weitere Händler, um ihre Bestände zu kontrollieren. Insgesamt gibt es im French House zehn Händler.«

»Aber warum sind sie denn nicht alle ständig anwesend?«, wollte Sally wissen. »Man sollte meinen, dass es einfacher wäre, seine eigenen Stücke zu verkaufen, wenn man selbst vor Ort ist.«

»Händler müssen auch Ware einkaufen und möglicherweise Restaurierungsarbeiten durchführen. Außerdem haben die meisten auch noch Verkaufsflächen in anderen Zentren. Das mag einem seltsam vorkommen, wenn man an normale Geschäfte gewöhnt ist, doch das Konzept funktioniert hervorragend«, erklärte Matthew. Er saß wieder ganz vorne auf der Kante des Sofas und musterte die beiden Frauen mit gerunzelter Stirn.

»Ich glaube nicht, dass wir Tante Raineys Wunsch erfüllen können«, meinte Sally, nachdem sie etwa dreißig Sekunden darüber nachgedacht hatte. »Wir kennen uns mit Antiquitäten überhaupt nicht aus, und ich kann mir nicht vorstellen, dass man so schnell entsprechende Kenntnisse erwerben kann.«

Matthew gab ein Geräusch von sich, das sich anhörte, als stimmte er ihr voll und ganz zu, doch dann schaltete Gina sich ein.

»Ich bin anderer Meinung. Ich finde, wir sollten es versuchen. Auf diese Erbschaft kann ich auf jeden Fall nicht verzichten, und bei dir ist es genauso, Sal.«

Fassungslos starrte Sally ihre Schwester an. »Wie bitte? Kannst du das noch mal wiederholen?«

Gina spürte, wie sie errötete. Normalerweise war sie die Vernünftigere von ihnen beiden, daher sah es ihr gar nicht ähnlich, dass sie diese verrückte Idee befürwortete. Doch während Sally Matthew Fragen gestellt hatte, hatte sie über Tante Raineys Brief nachgedacht. Offensichtlich hatte ihre Tante gewollt, dass sie ihre Verkaufsfläche übernahmen – sonst hätte sie ihren Wunsch nicht ausdrücklich geäußert. Sie mochte zwar exzentrisch gewesen sein, doch sie war kein Dummkopf gewesen. Und aus irgendeinem Grund hatte sie beschlossen, dass sie beide mit diesem ziemlich schwierigen Mann zusammenarbeiten sollten – der seinerseits ganz offenbar davor zurückschreckte, Gina und Sally aufgebürdet zu bekommen. Doch sie würde sich nicht einschüchtern lassen. »Ich finde einfach, dass wir die Idee nicht von vorneherein verwerfen sollten«, sagte sie leise, aber bestimmt.

Sally runzelte die Stirn. »Bestimmt können wir das Testament anfechten – man müsste nur überzeugend darlegen, dass Tante Rainey nicht bei klarem Verstand war oder so. Und es geht ja wohl nicht um besonders viel Geld, oder doch?«

»Jedenfalls ist es nicht genug, um es auf den Versuch zu verschwenden, das Testament anzufechten«, meinte Matthew. Er zuckte mit den Schultern. »Vermutlich würde es niemand erfahren, wenn ich einfach nur ihre Waren für Sie beide verkaufen würde. Dann müssten Sie sich um nichts kümmern.«

Nach langem Schweigen erwiderte Gina schließlich: »Das wäre doch Betrug.«

»Ja«, pflichtete Sally ihr bei. »Zwar bin ich nicht so gesetzestreu wie Gina, doch wenn Tante Rainey sich all die Mühe gemacht hatte, um uns ins Antiquitätengeschäft einzuführen, dann ist es genau das, was sie sich wünschte. Wir können ihren Wunsch nicht einfach ignorieren.«

Gina spürte, dass ihre Schwester einen für sie typischen, blitzschnellen Stimmungsumschwung durchmachte und sich allmählich für die Idee erwärmte.

Matthew seufzte. »Der Antiquitätenhandel floriert momentan nicht gerade. Es wird schwierig sein, überhaupt einen Gewinn zu erzielen. Außerdem gibt es sehr viel zu lernen.«

»Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Aber wir sind sehr wohl in der Lage, neue Dinge zu lernen«, entgegnete Gina und fragte sich verwundert, warum sie plötzlich so entschlossen war, eine weitere Herausforderung anzunehmen.

»Ich wollte damit nicht andeuten, dass ich Ihnen das nicht zutraue«, sagte Matthew, »ich überlege nur, was am besten wäre.«

»Hören Sie«, meinte Gina, »ich kann gut verstehen, wie abschreckend das Ganze für Sie sein muss. Wir sind zwei völlig Fremde für Sie, und unsere verstorbene Tante wünschte sich, dass Sie uns das lehren, wofür Sie wahrscheinlich Ihr ganzes Leben gebraucht haben.« Nachdenklich hielt sie inne. »Wenn Sie sich allerdings vorstellen könnten, ihre Bitte zu erfüllen, würden wir unser Allerbestes geben, um eine Erfolgsgeschichte daraus zu machen.«

Erneut entstand eine qualvoll lange Pause. »Ich will mich nicht querstellen«, wandte Matthew endlich ein, »aber ich möchte verhindern, dass Sie die Sache mit der Vorstellung angehen, es handele sich um eine Folge von Die Schnäppchenjäger. In Wirklichkeit ist das Geschäft viel langweiliger und alltäglicher.«

»Okay. Und weiter?«, ermunterte Sally ihn und nahm sich ein paar Kartoffelchips.

»Nun ja«, fuhr Matthew fort, als bereiteten die Worte ihm körperlichen Schmerz. »Ich war zwar nicht verwandt mit Rainey, doch sie war sehr gut zu mir. Als mein Vater vor einigen Jahren starb, war sie mir eine große Stütze. Wenn es das ist, was sie wollte, und wenn Sie wirklich bereit sind, hart zu arbeiten und auch Enttäuschungen hinzunehmen, nehme ich die Herausforderung an.«

Gina atmete geräuschvoll aus. Man konnte erkennen, dass diese Entscheidung ihn große Überwindung gekostet hatte – und wer konnte es ihm verdenken? Warum sollte Matthew zwei Schwestern unter seine Fittiche nehmen wollen, die keine Ahnung vom Antiquitätengeschäft hatten und von denen er ansonsten nur sehr wenig wusste? Vor allem, da er doch offensichtlich ein ernsthafter Mensch war, der auch seinen Beruf sehr ernst nahm? Doch die Schwestern konnten ihre Ziele ebenfalls mit großem Ernst verfolgen, vor allem Gina. »Das ist sehr, sehr freundlich von Ihnen.«

»Wir werden uns wirklich große Mühe geben, Sie nicht zu enttäuschen«, fügte Sally hinzu.

Matthew sah auf Oscar hinunter und streichelte ihm mit dem Fuß das Hinterteil. Dann seufzte er. »Ich vermisse Rainey. Obwohl sie für mich nicht wie eine Mutter war, hat sie dafür gesorgt, dass ich nicht zu schwermütig wurde. Sie war es, die mich ermuntert hat, mir Oscar anzuschaffen, obwohl alle anderen meinten, ich müsste verrückt sein, weil er so groß ist. Doch es war die richtige Entscheidung. Wenn sie möchte, dass ich Sie beide unter meine Fittiche nehme, dann bin ich es ihr schuldig, ihren Wunsch zu erfüllen. Sie war sehr weise.«

Für jemanden, der normalerweise kein Freund vieler Worte war, war das eine lange Rede. Es war sehr still im Raum. Ein Holzscheit im Feuer rutschte zur Seite, und Oscar stöhnte im Schlaf.

»Lasst uns auf unsere neue Partnerschaft anstoßen!«, schlug Gina vor und hob ihr Glas.

»Ja. Auf uns! Wir sollten uns übrigens duzen, wenn wir zusammenarbeiten«, sagte Sally.

»In Ordnung. Auf uns!«, wiederholte Matthew etwas leiser. Ganz offensichtlich musste er sich erst noch an die neue Situation gewöhnen.

Nachdem sie miteinander angestoßen hatten, meinte Sally: »Wir sind wie die drei Musketiere!«

»Tatsächlich?«, fragte Matthew etwas verwirrt.

»Na ja, nicht wirklich …«, warf Gina ein.

»Oh, natürlich werden wir keine Schwertkämpfe ausfechten, aber wir sind immerhin zu dritt«, erläuterte Sally. »Und Oscar kann D’Artagnan sein.«

Gina war daran gewöhnt, dass ihre Schwester ein bisschen kauzig rüberkam, und warf Matthew einen verstohlenen Blick zu. Vielleicht zog er sich jetzt aus ihrer Übereinkunft zurück, oder er stempelte Sally als komplette Idiotin ab.

Doch er lachte.

»Also dann.« Gina räusperte sich, stand auf und legte Holz nach. Dabei tätschelte sie Oscar die Flanke. »Wie sieht der erste Schritt in unser neues Abenteuer aus?«

»Ihr müsstet ins Zentrum kommen, und dann sehen wir mal, was Rainey noch auf Lager hatte. Außerdem zeige ich euch eure Verkaufsfläche, und wir sehen, wie es läuft«, sagte Matthew. Obwohl er nicht unbedingt begeistert klang, schien er es doch ernst zu meinen. »Üblicherweise mieten die Händler eine bestimmte Verkaufsfläche – entweder einen Bereich oder einen Raum, abhängig davon, womit sie handeln – und leisten Dienst im Zentrum, um die Miete abzuarbeiten. Wenn man gut verkaufen kann«, er schaute Sally an, »kann man auch mehr Stunden absolvieren.«

»Ich kann sehr gut verkaufen«, gab sie unverblümt zurück, »ich habe nur leider schrecklich wenig Zeit, wegen der Zwillinge und all dem. Trotzdem werde ich tun, was ich kann. Ich werde es genießen«, fügte sie ein wenig sehnsüchtig hinzu.

Gina war sich durchaus bewusst, dass ihre Schwester es manchmal vermisste, kein anderes Leben zu haben – obwohl sie es liebte, Mutter zu sein. »Ich werde aushelfen, so oft ich Zeit habe«, warf sie ein und sah erst Sally und dann Matthew an. »Ich bin es gewohnt, Vertragsverhandlungen zu führen, daher gehe ich davon aus, dass ich auch verkaufen kann. Doch was mir Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass ich absolut keine Ahnung von dem habe, was ich verkaufen soll.«

»Ich werde euch einen Crashkurs geben müssen – euch beiden«, meinte Matthew.

»Welches ist der beste Weg, um die wichtigsten Dinge zu lernen?«, wollte Gina wissen, die gern Nägel mit Köpfen machte.

»Die Praxis, ganz klar«, antwortete Matthew. »Es gibt kein entsprechendes Fernstudium – nun ja, wahrscheinlich doch –, aber wenn man Antiquitäten einkaufen und verkaufen will, bleibt eigentlich nur Learning by Doing.«

Sally stand auf. »Möchtest du noch Wein? Oder soll ich Tee kochen?«

»Nein, danke, für mich nichts mehr«, erwiderte Matthew höflich. »Ich muss morgen sehr früh zu einem Antiquitätenmarkt aufbrechen.« Als er sich erhob, stand Oscar ebenfalls auf. Sally trat unwillkürlich einen Schritt zurück, doch immerhin sprang sie nicht panisch auf ihren Sessel.

»Ich sollte auch gehen. Meine Mädels wachen immer schrecklich früh auf.«

Gina lächelte. »Offensichtlich bin ich die Einzige, die nicht im Morgengrauen aus den Federn muss.« Sie reckte sich ein wenig. »Ich werde mich morgen früh sehr wohlfühlen.«

Matthew zog die Augenbrauen hoch. »Ich finde, du solltest mich zu dem Markt begleiten. Ich hole dich um halb sieben ab, wir müssen um sieben da sein.«

Diese Eröffnung wirkte wie eine kalte Dusche. Gina öffnete schon den Mund, um Matthew all die Gründe zu nennen, warum dieser Vorschlag vollkommen unsinnig war. Doch es waren so viele, dass sie gar nicht wusste, mit welchem sie beginnen sollte. Also klappte sie den Mund wieder zu.

»Du musst unbedingt mitfahren!«, rief Sally begeistert. »Wir sollten das Projekt sofort in Angriff nehmen.«

»Aber wir haben doch noch gar nicht überprüft, was Rainey noch an Ware hatte«, wandte Gina ein. Sie war froh, dass ihr doch noch ein vernünftiger Einwand eingefallen war.

»Sie hatte einen sehr vielseitigen Geschmack«, sagte Matthew. »Ich rate dir, keine zu ausgefallenen Stücke zu erwerben. Und nimm nach Möglichkeit Bargeld mit, wir können aber auch unterwegs an einem Geldautomaten anhalten. Du musst auch nichts kaufen; der Markt wird auf jeden Fall dazu beitragen, dein Auge zu schulen. Dieser Besuch ist ein guter Anfang.«

Halt suchend umklammerte Gina ihr Weinglas. »Ich finde, wir sollten uns langsam vortasten und nicht auf Einkaufstour gehen, bevor wir überhaupt das Zentrum richtig gesehen haben.«

»Oh, um Himmels willen, sei doch nicht so vernünftig!«, schimpfte Sally. »Meine Güte, wenn ich auf Shoppingtour gehen könnte, wäre ich hin und weg.«

»Auf einem Antiquitätenmarkt?«, wollte Gina alles andere als überzeugt wissen.

»Na ja, ein Markt für Stoffe oder Farben oder so was in der Art wäre mir lieber, aber ich würde trotzdem sofort mitfahren. Also wirklich, Gina, wenn wir das durchziehen wollen, dann sollten wir sofort anfangen, uns weiterzubilden.«

Gina streckte die Hand nach Oscars Kopf aus, der sich auf ihrer Kinnhöhe befand, und streichelte ihn gedankenverloren.

»Dann hole ich dich also morgen früh um sechs Uhr dreißig ab«, wiederholte Matthew und schubste Oscar in Richtung Tür. Sein bestimmtes Auftreten ließ Gina erkennen, dass eine weitere Diskussion zwecklos wäre.

Nachdem sie die Tür hinter ihm geschlossen hatte, kehrte sie zu ihrer Schwester zurück.

»Damit hätte ich nie gerechnet«, sagte Sally.

Gina biss sich auf die Lippe. »Es war ein Schock, das stimmt. Aber irgendwie hat es auch sein Gutes, finde ich. Meine Gefühle sind sonderbar positiv, es fühlt sich richtig an.« Auf einmal meldete sich ihr schlechtes Gewissen gegenüber Sally. »Findest du die Sache denn auch wirklich in Ordnung?«

Sally zuckte die Schultern. »Na ja, mein Bauchgefühl war zunächst nicht gerade positiv, andererseits habe ich Lust auf alles, was mir eine kleine Erholungspause von meinen reizenden Töchtern verschafft. Und man kann ja nicht wissen, vielleicht machen wir tatsächlich Gewinn und bekommen das zusätzliche Geld, das Tante Rainey uns versprochen hat.«

Und damit schlang sie sich ihren Schal um den Hals, schnappte sich ihre Tasche und die Körbe, warf ihrer Schwester eine Kusshand zu, und weg war sie.

4. Kapitel

Es war eine Frage des Stolzes, dass Gina gewaschen und fertig angezogen war, als Matthew am nächsten Morgen an die Tür ihres Cottages klopfte. Doch da sie noch ihren Marmeladentoast in der Hand hielt und der Kaffee zum Abkühlen auf dem Tisch stand, wollte ihr kein wirklich herzliches Lächeln gelingen. Es reichte vielmehr gerade zu einem geschäftsmäßigen Verziehen der Lippen.

»Hallo. Haben wir noch Zeit für eine Tasse Kaffee, bevor wir aufbrechen?«, fragte sie und gab sich Mühe, nicht zu verzweifelt zu klingen.

Matthew schüttelte den Kopf. »Nein. Komm, lass uns gleich starten!«

Offensichtlich war er ebenfalls kein Morgenmensch. Sie hängte sich ihre Tasche über die Schulter, nahm die Kaffeetasse in die Hand und folgte ihm zu seinem etwas ramponierten, alten Volvo. Die Rückbank war umgeklappt, vermutlich, um gegebenenfalls Platz für den Transport einer Kommode oder einer kleineren Anrichte zu haben.

»Oscar ist heute nicht mit von der Partie?«

»Jenny passt auf ihn auf, ich brauche den Platz im Wagen.«

Die beiden stiegen ein und gurteten sich an. Dann warf Matthew ihr einen unergründlichen Blick zu.

»Nimmst du immer deinen Kaffee mit, wenn du unterwegs bist?«, fragte er.

»Nur wenn ich nicht selbst fahre. Ich trinke nie, wenn ich hinter dem Steuer sitze.«

Da er nicht auf ihren Scherz reagierte, fand sie ihre Bemerkung auch nicht mehr so lustig. Trotzdem war sie der Meinung, dass nichts dabei war, seinen Kaffee mitzunehmen – schließlich hatte Matthew ihr keine Zeit gegeben, ihn zu Hause zu trinken.

»Wie weit ist es noch?«, erkundigte sie sich kurz darauf. Sie hatte ihr Frühstück beendet und ihre schmutzige Kaffeetasse mit einem Papiertaschentuch ausgewischt und in ihrer Tasche versenkt. Jetzt versuchte sie gerade, die Marmelade von ihren Fingern zu entfernen, indem sie sie an ihrem Schal abputzte.

»Nicht mehr weit. In der Nähe gibt es eine öffentliche Toilette, wo du dir die Hände waschen kannst.«

Sie lachte leise. »Ich hasse klebrige Finger. Eigentlich hätte ich mir gern etwas anderes auf meinen Toast gestrichen, aber ich konnte nichts finden.«

»Hast du dich inzwischen einigermaßen eingerichtet?«

»Nein. Das wird noch eine Ewigkeit dauern, aber wenigstens habe ich meine Arbeitsunterlagen sortiert.«

»Was machst du noch mal beruflich?«

Gina zögerte ganz kurz, bevor sie antwortete. Manche Menschen – Menschen wie Matthew Ballinger, den sie trotz der sehr kurzen Bekanntschaft als etwas konservativ einschätzte – zeigten sich häufig überheblich in Bezug auf die PR- und Werbebranche.

»Ich arbeite in der Werbebranche«, erwiderte sie betont munter.

»Was bedeutet das genau?«

Sein Kommentar war unverbindlich, doch Gina merkte sofort, dass sie recht gehabt hatte.

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