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Eine unbeugsame Braut

Zu diesem Buch

Die junge Illiana Henriksdotter ist wohlgeboren, klug und in den Heilkünsten bestens bewandert. Allerdings scheint sie vom Pech verfolgt zu sein, wenn es ums Heiraten geht.

Alle Männer, denen sie bisher versprochen war, sind vor der Trauung gestorben. Aus diesem Grund ist sie froh, dass der junge und freundliche Bauer Axel um ihre Hand anhält, schließlich wünscht sie sich nichts mehr als ein friedliches Leben ohne Aufruhr. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Kurz vor der Verlobungsfeier macht der berüchtigte Ritter Markus Järv mit seinen Männern Halt in ihrem Dorf. Durch eine Verwechslung wird Illianas guter Ruf ruiniert, und sie ist gezwungen, den düsteren Ritter zu ehelichen – ein Albtraum für die junge Frau, denn schon bald wird klar, dass sie und Markus wie Feuer und Wasser sind und sich nur in

einer Sache einig: Sie wollen nichts miteinander zu tun haben. Mit einem Schlag wird Illiana aus ihrem ländlichen Zuhause gerissen, um Markus auf seiner Reise in den Norden des Landes begleiten. Dabei müssen sie sich nicht nur einem tödlichen Feind aus Markus’ Vergangenheit stellen, sondern auch der Tatsache, dass aus tiefempfundener Abneigung ganz unvermittelt eine andere Art von Leidenschaft entspringen kann …

Für meine Freundinnen.
Es tut so gut, dass es euch gibt. Und gab.

Prolog

Genua, im April 1349

Brief an Roland Birgersson von Birger Sverkersson.

Mein Sohn! Ich, Birger Sverkersson, dein Vater, grüße dich im Namen des Herrn. Dieser Brief findet dich hoffentlich wohlbehalten in Genua vor. Es geht das Gerücht, dass du Weihnachten dort verbracht hast.

Ich schreibe diese Zeilen, weil meine Tage hier auf Erden gezählt sind, und weil ich mit einer Lüge leben muss, die mich bedrückt. Wir beide waren uns nicht immer einig, das schmerzt mich mehr und mehr. Sollte ich zu hart zu dir gewesen sein und dich zu Unrecht verurteilt haben, musst du wissen, dass ich stets dein Bestes wollte.

Während der vielen Jahre, die wir getrennt voneinander waren, bin ich nicht ehrlich zu dir gewesen. Ich habe damals geschworen, dass ich den Jungen töten würde. Aber er lebt. Schon vor langer Zeit ist mir klar geworden, dass wir ihm gegenüber falsch gehandelt haben. Ich hoffe, du empfindest ebenso. Heute habe ich beschlossen, dass ihr beide, Markus und du, mich am Tag meines Todes zu gleichen Teilen beerben sollt. Ich möchte auf diese Weise Wiedergutmachung leisten für das Böse, das wir ihm angetan haben. Ich hoffe, dass du es auch so siehst, und bete, dass dir deine zahlreichen Sünden vergeben werden. Ein Richter ist unterwegs, um meinen letzten Willen niederzuschreiben.

Gott segne dich, mein Sohn.

Dieser Brief wurde am 25. März, dem Tag der Verkündigung des Herrn, im Jahre 1349 in Nyköping geschrieben und aufgegeben.

Roland Birgersson starrte hinaus auf den belebten Hafen und die stark befahrene Bucht von Genua. Er hatte den Brief des Vaters zweimal lesen müssen, bevor er den Inhalt begriff. Niemals hätte er sich vorstellen können, dass sein Vater die Hälfte seines rechtmäßigen Erbes wegschenken würde. An einen Hurensohn, der schon seit Langem hätte unter der Erde liegen sollen. Einen Dieb und Bastard, von dem Roland angenommen hatte, dass er seit dreizehn Jahren vor sich hin rottete – in einem Grab in Stockholm.

In Genua hatte der Frühsommer begonnen. In der blauen Bucht vor ihm wimmelte es von Handelsschiffen. Roland zerknüllte den Brief in seiner Hand. Das erklärte jedenfalls, warum er nicht hatte heimkommen dürfen. Es erklärte die Ausreden, die er bisher nicht verstanden hatte. Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Herrgott, wie lange hatte er auf sein Erbe gewartet! Und wie viele Schulden hatte er damit bezahlen wollen.

Es war an der Zeit, heimzukehren, ob es sein Vater nun wollte oder nicht. Denn eines war sicher: Roland Birgersson würde sein Erbe mit niemandem teilen – am allerwenigsten mit einem Hurensohn.

1

Östergötland

Christi Himmelfahrt, Mai 1349

Die Wahrheit – und darüber machte sich Illiana Henriksdotter keine Illusionen – sah folgendermaßen aus: Sie hatte keine große Auswahl an möglichen Verlobten.

Illiana blickte hinunter auf ihre Hände, die ausnahmsweise einmal ruhig in ihrem Schoß lagen. Sie hatte sie zwar draußen im Eimer gewaschen, aber unter ihren Nägeln war immer noch Erde. Diskret versuchte sie, das Gröbste zu entfernen. Den ganzen Vormittag hatte sie kniend im Garten verbracht. Überall keimte und spross es: Kräuter und duftende Gewürze, die hellen Triebe der Rauke und kleine Büschel aus Thymian. Es war die Jahreszeit, die sie am meisten liebte. Sie versuchte, sich mit Gedanken an ihren erblühenden Garten abzulenken, doch:

Ob sie es nun wahrhaben wollte oder nicht …

»Es wird sie sowieso kein anderer heiraten wollen«, sagte ihre Mutter laut und verärgert.

Genau.

Auch wenn Illiana zum gleichen Ergebnis gekommen war, tat es dennoch weh, es zu hören. Kurz gesagt: Sie war unmöglich zu verheiraten.

Ihre Mutter Rikissa wandte sich vom Fenster ab und fuhr fort: »Wir können Axel ebenso gut eine Zusage geben. Bevor sie zu alt ist. Besser Axel als niemand.« Trotz dieser Worte wirkte ihre Mutter nicht gerade zufrieden. Ja, vielleicht war Axel immer noch besser als gar keiner, aber der Unterschied schien für sie gering zu sein.

Illiana kratzte an einem grünen Fleck auf ihrem Rock und versuchte, nicht zu zeigen, wie sie sich für ihre Unzulänglichkeiten schämte – besonders jene auf dem Heiratsmarkt. Während sie weiter an dem Fleck herumschabte, breitete sich ein Duft nach Minze aus. Minze hatte sie schon immer gemocht, das war eine beständige und winterfeste Pflanze. Viele Kräuter überstanden den Winter nicht, aber die Minze überlebte alles. Illiana hob den Kopf (früher oder später musste sie das ja) und blickte ihre Mutter an. Rikissa war eine herbe Schönheit mit ihren graublauen Augen und den hohen Wangenknochen. Folgsam erwiderte Illiana: »Ich habe nichts gegen Axel.«

Ihre Mutter trommelte mit den Fingern gegen die Holzwand. »Ich hatte wirklich geglaubt, dass es mit Sture etwas werden könnte«, sagte sie. »Ich hatte darauf gehofft.«

»Er war eine bessere Partie«, stimmte Illianas Vater, Henrik Svensson, ihr zu. Breitbeinig stand er da, mit beiden Händen am Ledergürtel, und blickte sein jüngstes Kind finster an. »Was für ein teuflisches Unglück, dass er sterben musste. Sein Hof lag auf fruchtbarem Boden.«

Illiana versuchte, nicht zu zeigen, wie unendlich erleichtert sie darüber war, dass der alte, zahnlose Sture im letzten Jahr das Zeitliche gesegnet hatte. Denn trotz seines Alters hatte er ständig ihren Körper angestarrt, und seine Blicke hatten sich wie Ungeziefer angefühlt, das an ihr hochkroch. Im Gegensatz zum uralten Sture war Axel jung, gutmütig und ruhig. Überdies besaß er noch alle seine Zähne und starrte Illiana nicht ständig an. Sie war zutiefst dankbar, dass er sich getraut hatte, um ihre Hand anzuhalten. Auch wenn sich ihre Eltern einen reicheren Schwiegersohn wünschten, war sie selbst mehr als zufrieden. Axel war der Richtige für sie: rücksichtsvoll, freundlich und fürsorglich.

»Das ist alles deine Schuld.« Ihr Vater verschränkte die Arme vor der Brust und blickte Illiana an, wie er seine einzige Tochter für gewöhnlich anzusehen pflegte – wie ein lahmes Pferd oder einen untauglichen Jagdhund. »Immer bist du allein unterwegs. Wühlst in der Erde und dergleichen. Kein Wunder, dass die Leute dich merkwürdig finden. Ich finde dich auch merkwürdig.«

Illianas Mutter sagte nichts. Sie blickte aus dem Fenster, aber Illiana spürte, dass Rikissa der gleichen Meinung war wie ihr Mann: Es war Illianas Schuld, dass sie noch keinen Ehemann gefunden hatte.

Von draußen hörte man geschäftiges Treiben. Die Bediensteten des Hofs bereiteten das Festmahl für den Abend vor. Sie feierten Christi Himmelfahrt und den Viehtrieb. Die meisten ihrer Freunde von den umliegenden Höfen würden an dieser Feier teilnehmen. Bei so vielen Menschen war eines klar: Was heute Abend hier passierte, würden innerhalb weniger Wochen alle in der Umgebung wissen.

Illiana wartete. Offiziell hatte ihr Vater das Sagen, doch in Wahrheit war Henrik Svensson vollkommen auf die Ansichten und Ratschläge seiner schönen Ehefrau angewiesen, das wusste Illiana. Die Mutter war intelligent. Der Vater war nur rücksichtslos.

»Wir werden die Verlobung heute Abend während des Festessens bekannt geben«, entschied Rikissa. Illianas Vater nickte zustimmend.

»Machen wir das Beste daraus«, fuhr Rikissa fort. »Es ist wie verhext mit ihren Verlobungen.«

Da konnte Illiana ihr leider nur zustimmen. Ihr erster Verlobter war am Abend vor der Trauung gestorben. Nicht weiter merkwürdig, es war ein Unfall gewesen. Er war gefallen, hatte sich gestoßen und war gestorben. Der zweite Kandidat war ebenfalls krank geworden und wenige Wochen vor der Trauung gestorben. Beide Männer waren Söhne von Freunden ihres Vaters gewesen, Illiana hatte sie nie kennengelernt und somit auch nicht betrauert. Dann aber waren keine weiteren gefolgt. Sie war fünfzehn geworden, sechzehn und siebzehn, ohne dass eine Familie davon hatte überzeugt werden können, sie zur Schwiegertochter zu nehmen. Niemand hatte es laut ausgesprochen, aber Illiana war sich recht sicher: Die Leute dachten, dass sie Unglück brachte. Außerdem vermutete Illiana, dass ihr Geschick im Umgang mit Pflanzen auch nicht gerade zur Verbesserung ihres Rufs beitrug. Sie kratzte an dem unschuldigen Minzefleck und dachte an ihre Petersilien- und Basilikumpflanzen. Natürlich wusste sie, welche Pflanzen giftig waren und welche nicht. Die Natur war voller Gift und Tod. Aber diese Gewächse mied sie, sie brachten ihr keinen Nutzen. Sie wusste, dass sie niemals einem Lebewesen etwas antun würde. Doch genau darin lag das Problem: Sie wusste das, aber die Leute wussten es nicht. Und als Illiana Henriksdotters Verlobte einfach einer nach dem anderen starben, hatten die Leute natürlich zu reden begonnen. Nicht, dass jemand sie direkt anklagte, sie war niemand, der die Gemüter wirklich erregte. Illiana schielte zum Fenster hin. Außer vielleicht das Gemüt ihrer Mutter. Wenn sie alle Enttäuschungen zusammennahm, die sie ihrer Mutter schon bereitet hatte, so war diese die größte. Und niemand konnte so enttäuscht sein wie Rikissa.

Illianas Vater schüttelte sein grauhaariges Haupt und warf ihr einen letzten irritierten Blick zu. »Ich werde wohl mit Axel über eine Mitgift reden müssen.« Und damit war es beschlossene Sache. Illiana Henriksdotter würde sich mit dem Bauern Axel verloben.

Erleichtert trat Illiana hinaus auf die Treppe in den Sonnenschein. Es war vorbei. Hineingerufen zu werden zu einem Gespräch mit den Eltern war selten erfreulich, dieses Mal war es jedoch gut gegangen. Es war, als wäre eine zentnerschwere Last von ihren Schultern genommen worden. Sie blickte sich um. Braune Hennen pickten in den Blumenbeeten nach Körnern, die Jagdhunde ihres Vaters dösten im Schatten und beobachteten die Hühner mit halb geschlossenen Augen. Überall waren die Festvorbereitungen in vollem Gange. Düfte verbreiteten sich aus den Brathütten, und aus der Braustube drang das Rumpeln von Fässern und das Geschepper von Krügen, die mit Bier und Met gefüllt wurden. Ihr wurde warm ums Herz. Sie liebte ihr Zuhause, und ein Großteil der Erleichterung über Axels Heiratsantrag beruhte auf der Tatsache, dass er auf dem Nachbarhof wohnte. Sie würde es nie weit bis nach Hause haben.

Illiana beschattete ihre Augen mit der Hand.

»Haben sie es dir gesagt?«, hörte sie Axel fragen.

Er stand gegen die sonnenwarme Hauswand gelehnt und blickte Illiana unsicher an. Wie immer sah er aus, als käme er direkt vom Feld. Er hatte etwas Robustes, Ländliches an sich, so als wäre er Teil der Erde, die er bebaute.

Illiana nickte. »Ja«, antwortete sie und lächelte.

»Wie fühlt es sich an?«

Sie strich mit den Händen über ihren Rock. »Ungewohnt.«

»Dein Vater hat mich mehrmals darauf hingewiesen, dass ich nicht reich bin.«

Illiana verzog das Gesicht. »Ich bin nicht schön, also gleicht es sich wieder aus.«

Axel lachte auf, es war ein warmes und sonniges Lachen. So war er – warm und sonnig. »Du bist innerlich schön, das ist für mich wichtig. Und du bist vernünftig und praktisch. Was kann sich ein Mann Besseres wünschen?«

Illiana musste lächeln. Es war für sie in Ordnung, dass er so ehrlich war. Gott hatte in seiner unendlichen Weisheit ihrer Mutter und ihrem Zwillingsbruder so viel Schönheit gegeben, dass für sie nicht mehr viel übrig geblieben war.

»Du musst mir versprechen, nicht zu sterben!«, sagte sie halb im Scherz. Nicht, dass sie abergläubisch war, aber … »Denn ich würde dich wirklich vermissen«, fügte sie sanft hinzu.

Und mein Ruf wäre dahin, wenn auch mein dritter Verlobter sterben würde.

Axel strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich verspreche es. Also hast du nichts gegen die Verlobung einzuwenden?« Seine Stimme klang ernst. Sie wusste, dass Axel sie niemals gegen ihren Willen heiraten würde, unabhängig davon, was ihr Vater sagte. Axel war ihr gegenüber noch nie laut geworden. Er würde nicht gewalttätig sein und sich ihr nicht aufdrängen. Er war einfach der liebenswerteste Mensch, den sie kannte.

»Ich freue mich«, ergänzte sie, und das stimmte. »Und ich fühle mich geehrt«, fügte sie hinzu. Sie mochte Axel, alle mochten ihn. Natürlich wollte sie ihn heiraten. Sie waren beide hellhäutig und blond, also würde sie ihm blonde, helläugige Kinder gebären, die sie von ganzem Herzen lieben würde. Niemand würde in ihrem Heim schreien oder wütend sein. Das hatte sie sich immer gewünscht. Sie wollte ein stilles Leben führen.

»Du weißt, dass du viel zu gut für mich bist«, sagte Axel. Die Sonne ließ seine Augen glitzern wie einen See im Sommer.

»Mit dieser Ansicht«, sagte sie trocken, »bist du wohl ziemlich allein.«

Er lachte. »Aber das bist du. Klein und rechtschaffen und praktisch verlangt.« Er strich ihr über die Wange. »Und du hast Erde im Gesicht.«

»Ich wollte vor dem Fest noch baden«, sagte sie.

»Tu das«, sagte er. »Ich werde jetzt ein weiteres Gespräch mit deinem Vater führen.« Seine Miene verriet, dass er sich auf dieses Gespräch nicht gerade freute, doch so ging es den meisten Leuten mit Henrik Svensson.

»Worauf es ankommt, sind wir beide«, sprach sie ihm Mut zu. »Das, was wir gemeinsam erschaffen wollen.«

»Das ist wahr. Wir sind gleich, du und ich.« Er legte eine Hand an ihre Wange. Plötzlich sah sich Illiana mit seinen Augen, spiegelte sich in seinem Blick und sah das, was er sah. Und sie erkannte die Wahrheit: Sie war weder wie die frische grüne Minze noch wie die harmlose Petersilie, ja, noch nicht einmal wie die unscheinbare, wenn auch niedliche Ringelblume. Axel hatte es für sie auf den Punkt gebracht: Sie war rechtschaffen, zupackend und ein wenig erdig.

Sie war wie eine Rübe.

2

Am selben Tag

In einem Dorf ganz in der Nähe

Markus Järv, schwedischer Ritter und König Magnus Erikssons engster Vertrauter, kippte auf dem grob gezimmerten Stuhl nach hinten. Das Holz knarrte unter seinem Gewicht, und der Becher vor ihm war leer. Der Becher war schief und schlecht gearbeitet, genau wie der knarrende Stuhl. Markus sah sich um. Alles hier schien vom selben ungeschickten Handwerker gefertigt worden zu sein. Grob, unansehnlich und unpraktisch.

Nicht, dass es ihn kümmerte. Er hatte schon Schlimmeres gesehen. Der Mann, dessen Name auch »Vielfraß« oder »Bärenmarder« bedeutete, ließ den Stuhl niederplumpsen und wartete darauf, dass irgendetwas die Stille durchbrechen würde. Aber nichts geschah. Er überlegte, ob er nach der Bäuerin rufen sollte. Sie war wieder verschwunden, nachdem sie ihn bedient hatte. Es war natürlich möglich, dass sie und die anderen Hausbewohner sich versteckt hielten, weil ihre Biervorräte aufgebraucht waren. Möglich, aber eher unwahrscheinlich. Sie versteckten sich, weil sie Angst hatten. Gleich nachdem er mit seinen Männern ins Dorf geritten war, hatte das Gewisper begonnen. Gesichter waren erblasst, Kinder versteckt und Türen zugeschlagen worden. Das war nicht weiter besorgniserregend, im Gegenteil. Den Ruf eines grausamen Bösewichts zu haben hatte eine Menge Vorteile. Die Leute gaben ihm das, was er haben wollte, für gewöhnlich schneller und reibungsloser, wenn sie Angst hatten. Manchmal war es jedoch verdammt unpraktisch. Er nestelte am leeren Becher herum, den niemand aufgefüllt hatte, lehnte den Kopf zurück und betrachtete die Deckenbalken. Einen kurzen Moment ließ er zu, dass die Müdigkeit ihn übermannte. Markus konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal eine ganze Nacht geschlafen hatte. Er streckte den Nacken, hörte die verspannten Muskeln knacken. Das einzige Fenster des Raumes war mit Holzläden verschlossen, um die Hitze abzuhalten. Im Zimmer roch es muffig. Draußen war die Luft klar und die Böden trocken. Es herrschte gutes Reitwetter, und es würde noch mehrere Stunden lang hell sein. Eigentlich hätten sie noch das nächste Dorf erreichen sollen, bevor sie für die Nacht einkehrten. Sie waren erfahrene Reiter mit schnellen Pferden und leichtem Gepäck. Früh am Morgen waren sie in Gränna aufgebrochen und hätten es weiter als nur ein paar Meilen schaffen können. Aber die Pferde waren in der drückenden Hitze müde geworden, die Männer durstig. Also hatten sie hier haltgemacht, in diesem gottvergessenen Dorf, dessen Namen niemand wusste, und wo es so still war, dass man seine eigenen Atemzüge hören konnte.

Markus fragte sich, wie viele solcher Zimmer er auf seinen Reisen schon gesehen und wie viele namenlose Dörfer er durchquert hatte. Wie viele verängstigte Bauern und Bäuerinnen hatten ihm einen Teller mit dürftigem Essen und ein lauwarmes Bier serviert, während er unterwegs gewesen war zum nächsten Kriegsschauplatz?

Ein Hund bellte, aber sonst war alles still. Das Dorf bestand nur aus einer Handvoll Häuser und einer einfachen Holzkirche. Nicht einmal Markus’ Männer waren zu hören, obwohl sie sich unmittelbar vor der Tür befanden. Kein Waffengerassel, keine schnaubenden Pferde, nichts. Er hatte sie gut trainiert. Sie mochten noch so müde sein – still und effektiv waren sie, bewegten sich und redeten nur, wenn es nötig war.

»Herr?«

Außer diesem hier. Es war einer seiner neuesten Soldaten, der nun in die Stube trat. Ein junges, schlaksiges Etwas, das ihm vom König aufgedrückt worden war, bevor sie sich am Morgen getrennt hatten. Einer von vielen jungen Männern, die er trainieren, ausbilden und am Leben erhalten sollte, bis sie alt genug waren, um selbstständig zu sterben. Er hatte nach dem Jungen gerufen, wusste aber nicht mehr warum.

Markus blickte auf den leeren Becher. Trinken, um zu vergessen, hatte auch seine Nachteile.

Vielleicht sollte er morgen etwas weniger trinken.

Und vielleicht würde er eines Tages ohne Kopfschmerzen aufwachen und ohne vorher Albträume gehabt zu haben.

Vielleicht.

»Ja?«, sagte der Jüngling. Seine Stimme klang nervös und übereifrig. Der Kleine sollte sich besser mal beruhigen, dachte Markus. Während des relativ kurzen Weges von der Festung Bohus an der Westküste bis nach Gränna war es diesem Jüngling – dessen Namen Markus verdrängt hatte – gelungen, ein ausgezeichnetes Pferd lahmzureiten, einen Köcher mit teuren französischen Pfeilen zu verlieren sowie einen der königlichen Vogte zu beleidigen. Letzteres war natürlich das Schlimmste, denn König Magnus vermied Aufstände, wenn er konnte. Der ganze Hof hatte angehalten und über mehrere Stunden versucht, den Frieden wieder herzustellen. Selbst der König war tätig geworden und hatte versucht, mit diplomatischem Geschick den Vogt wieder zu beruhigen.

Wäre diese wandernde Katastrophe kein entfernter Verwandter der Königin Blanche gewesen, hätte sein Kopf längst auf einem Holzpfahl irgendwo südlich von hier gesteckt. Magnus Eriksson war ein durchaus milder König, der keine übereilten Entscheidungen fällte. Aber auch die Geduld eines milden Herrschers hatte ihre Grenzen. Diese Grenze war gestern in Höhe Gränna überschritten worden, als der Jüngling – der, wie Markus nun einfiel, Philippe hieß – es fertiggebracht hatte, die Lieblingsstiefel des Königs zu zerstören, anstatt sie zu reinigen. Der König liebte seine Fußbekleidung, und der gesamte Hof hatte den Atem angehalten.

Der König hatte Markus beiseite genommen. Sein Gesichtsausdruck war streng gewesen. »Sieh zu, dass der Junge am Leben bleibt!«, hatte er gesagt. »Ich verspüre nämlich gerade das Bedürfnis, ihm den Hals umzudrehen. Diese Stiefel erhielt ich vom englischen König. Sie waren das prächtigste Paar, das ich jemals besessen habe.« Der König hatte sich mit der Hand über die blonden Bartstoppeln gestrichen. »Wenn ich ihn umbringe, verzeiht mir das meine Königin nie. Sorg du dafür, dass er Stockholm in einem Stück erreicht!«

Das war natürlich ein ziemlicher Witz. Denn Markus größtes Talent war es nicht, den Amme zu spielen. Es war, Menschen zu töten.

»Erinnerst du dich an die Frau, die wir eben gesehen haben?«, fragte er jetzt Philippe.

Die Frau hatte mit der Hand an der Hüfte vor einem der grauen Häuser gestanden. Im Gegensatz zu den anderen Dorfbewohnern war sie ihren Blicken nicht ausgewichen, als sie angekommen waren. Anstatt sich vor den schwarz gekleideten Fremden zu bekreuzigen, hatte sie ihnen interessiert hinterher geschaut. Mit einem kleinen Lächeln hatte sie am Halsbündchen ihres Kleides gespielt, und diese Geste war eindeutig gewesen. Markus hatte sein Pferd angehalten und die Fremde genauer betrachtet. Erstaunlich viele Frauen schienen unter der Einförmigkeit und Tristesse des Alltags zu leiden und sich nach etwas Abwechslung zu sehnen. Nicht einmal die Tatsache, dass diese Abwechslung in Gestalt eines berüchtigten Ritters daherkam, schreckte sie ab. Oder vielleicht fanden sie gerade das besonders spannend? Auf jeden Fall hatte Markus die Figur und Rundungen der Unbekannten begutachtet und sich gedacht, dass sie unbedingt die Nacht hier verbringen sollten. Schon seit Russland hatte er keine Frau mehr gehabt. Er vermutete, dass sie Witwe war, und er mochte Witwen. Sie bestimmten über sich selbst und waren unkompliziert. Das bevorzugte er.

»Frau?«, sagte Philippe. Als wolle er Markus’ geringschätzige Meinung über ihn noch bestätigen, fügte er hinzu: »Ich habe keine Frau gesehen.« Er kratzte sich am Kopf und stampfte auf und ab. »Hätte ich das tun sollen?«

Markus zog eine Grimasse. Dieser Jüngling sah und bemerkte nichts. Es war wirklich ein Wunder, dass er noch lebte.

»Blond«, sagte er kurz angebunden. »Großer Mund, graue Kleidung. Willig. Bring sie her.«

»Aber was soll ich sagen?«

»Sag, dass ich dich schicke«, antwortete er und streckte die Beine aus. »Sag, dass Järven dich schickt.«

3

Der Himmel über Illiana war geradezu unwirklich blau. Hohe, duftende Fichten und hellgrüne Laubbäume umgaben den See und streckten sich in einem grünen Rund in den Himmel. Sie trieb auf dem Rücken, mitten auf dem See, und blinzelte im grellen Sonnenlicht. Mit den Armen machte sie kleine, wedelnde Bewegungen, um nicht unterzugehen. Das Wasser des Waldsees war eigentlich noch zu kalt zum Baden, sie wollte es jedoch noch einen kurzen Moment aushalten. Etwas an der eisigen Kälte beruhigte sie. Immer wenn sie sich bewegte, wirbelte eiskaltes Wasser herauf und verdrängte das Wasser, das ihre Haut bereits erwärmt hatte. Also versuchte sie, so wenige Bewegungen wie möglich zu machen. Als sie ihren Kopf langsam nach hinten beugte, hoben sich ihre Brüste über die Wasseroberfläche. Sie waren vor Kälte voller Gänsehaut, und ein Schauer überlief Illiana. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich ganz darauf zu hören, fühlen und zu riechen. Es duftete nach Wald und nach Sommer. Eine Entenmutter war mit ihren Küken ins Schilf geflohen, es raschelte leise. Keine anderen Vögel waren zu hören. Keine Insekten summten, noch nicht einmal die Blätter rauschten. Abgesehen von einzelnen neugierigen Fischen umgab sie nur kaltes, dunkles Wasser, stiller Wald und ein schwacher Wind. Sie entspannte sich vollkommen und ließ sich vom Wasser tragen.

In allen Jahren, die sie nun schon hierherkam, hatte sie noch keine Menschenseele getroffen. Die Bewohner des Dorfes, das ein Stück von ihrem Hof entfernt lag, kamen nicht zu dem kleinen See. Zu Hause teilte niemand ihre Wasserbegeisterung, die meisten konnten nicht einmal schwimmen. Vereinzelte Tiere kamen, um zu trinken, und die Enten kehrten Jahr für Jahr hierhin zurück. Ansonsten gehörte der See ihr allein.

Nach einer Weile wurde ihr Körper taub vor Kälte, und sie klapperte mit den Zähnen. Trotzdem zwang sie sich, bis hundert zu zählen, bevor sie keuchend umdrehte und zum Ufer zurückschwamm. Das Wasser rann von ihrem steif gefrorenen Körper, als sie auf den kleinen Uferflecken stieg, der den See von Büschen, Sträuchern und Wald trennte. Sie streckte sich nach ihrem dünnen Umhang. Sie würde sich mit ihm abtrocknen, sich einreiben und ein sauberes Kleid anziehen. Axel und sie würden sich heute Abend auf dem Fest sehen, und sie wollte der ganzen Familie beweisen, dass sie eine gute Ehefrau werden würde und dass sich niemand für sie zu schämen brauchte. Sie hatte gerade den Umhang zur Seite gelegt, um die letzten Tropfen von der Sonne trocknen zu lassen, als ein Rascheln sie erstarren ließ. Ihr Herz pochte, während sie nach dem nächstliegenden Kleidungsstück griff. Das Rascheln war erneut zu hören. Gedanken über unziemliche Nacktheit und Dorfklatsch schossen Illiana durch den Kopf. Doch dann entdeckte sie ein Reh, das aus den Büschen trat. lliana rührte sich nicht und betrachtete die nervöse Ricke. Ihr Fell war von einem warmen Hellbraun, und Illiana hoffte, dass das schöne Tier die jährliche Jagd der Männer überstehen würde. Das Reh verschwand im nächsten Gebüsch, und Illiana atmete auf. Sie nahm ihr Bündel, in dem sie Salbe, Kamm und verschiedenfarbige lange Haarbänder aufbewahrte. Mit geübten Bewegungen löste Illiana ihren Zopf, den sie auf ihrem Scheitel befestigt hatte. Das Haar war frisch gewaschen, und sie wollte es nun kämmen, bis es glänzte. Ein Ast zerbrach im Wald. Illiana blickte auf. Diesmal hatte es nicht wie ein Reh geklungen.

»Axel?«, rief sie, aber erhielt keine Antwort. Niemand sonst wusste, dass sie hier war.

Es raschelte wieder. Beim hastigen Strecken nach ihren Kleidern verlor sie alles aus den Händen. Wie hatte sie nur so unfassbar dumm sein können, darauf zu warten, von der Sonne trocken zu werden.

Ein weiterer Laut war zu hören. Mit einem Mal war der Wald um sie herum ein bedrohlicher Ort. Illiana presste das Kleiderbündel vor die Brust in einem ungeschickten Versuch, sich zu bedecken. Sie hatte es nicht mehr geschafft, sich etwas überzuziehen. Ein Junge trat aus den Büschen, blieb stehen und starrte sie an. Er sah verschwitzt und irritiert aus.

»Wer bist du?«, fragte Illiana mit betont barscher Stimme.

Der Junge, der dunkle Kleidung aus guter Qualität trug, war in ihrem Alter. Hinter ihm erkannte sie ein Pferd. Soweit sie wusste, trugen Räuber und Verbrecher für gewöhnlich keine teuren Kleider und besaßen auch keine blankgestriegelten Pferde. Vielleicht hatte dieser hoch aufgeschossene, schlaksige Junge gar nicht vor, sie auszurauben und zu vergewaltigen.

Sie schielte hinüber zu dem kleinen Messer, das noch in ihrem Gürtel steckte. Lieber hätte sie es jetzt in ihrer Hand gehabt.

Der Junge machte einen Schritt auf sie zu, und Illiana wich auf dem glitschigen Gras zurück. Mit einem seiner langen Arme machte er eine ungeduldige Geste. »Mein Herr bittet dich – Euch – zu kommen«, sagte er. »Seid so nett und beeilt Euch, ich bin bereits verspätet. Ich habe mich verirrt, das passiert mir ständig.« Er runzelte die Stirn. »Ich muss im Kreis geritten sein. Kommt nun, beeilt Euch.«

Seine Sprache war für einen Räuber gewiss viel zu gewählt – und Illiana meinte, einen schwachen französischen Akzent herausgehört zu haben –, aber sein nervöses Verhalten war alles andere als vertraueneinflößend.

»Ich kenne Euren Herrn nicht«, sagte sie und wich noch einen Schritt zurück. Zweige kratzten an ihren nackten Schenkeln. »Lasst mich bitte in Frieden.«

Der Junge wischte sich den Schweiß von der Oberlippe und blickte sie entschlossen an. »Er meinte, Ihr würdet kommen«, erwiderte er mit Nachdruck, legte eine Hand an den Schwertgriff und trat einen Schritt auf sie zu.

Weiter konnte Illiana nicht mehr zurückweichen, Büsche und Sträucher standen ihr im Weg. Auch nach vorne konnte sie nicht entkommen. Der schmale Pfad wurde durch den Jungen mit dem langen Schwert versperrt.

»Er meinte, Ihr würdet kommen, und dass Ihr willig wärt. Bitte, macht mir jetzt keine Schwierigkeiten. Ich weiß nicht, was er mit mir tun wird, wenn ich mit leeren Händen zurückkehre. Er ist schon wegen irgendetwas verärgert.« Der Junge strich sich über die Stirn und stolperte über einen Ast. »Immer ist er verärgert.«

»Ich mache keine Schwierigkeiten«, sagte Illiana mit so ruhiger Stimme wie möglich, während sie Anlauf nahm. Sie hatte nur diese eine Chance. So schnell sie nur konnte, drehte sie sich um und warf sich ins Gebüsch. Sie hörte den Jungen fluchen und wie er ihr durch die Sträucher nachsetzte. Er bekam ihre Haare zu fassen und zog sie fest nach hinten. Sie schrie. Etwas wurde ihr über den Kopf gezogen. Es wurde dunkel und stickig, und sie bekam keine Luft. Sie versuchte wieder zu schreien, aber dicker Stoff wurde gegen Mund und Nase gepresst. Panisch versuchte sie, sich zu wehren.

Illiana schlug und trat um sich, bis Sauerstoffmangel und Schock sie ohnmächtig werden ließen.

4

Ein Mann, der vom Töten lebte, musste Geduld haben. Markus’ Geduld war für gewöhnlich grenzenlos, wie Luft, Sonne und Regen.

Jetzt war sie jedoch am Ende.

Wenn er aus dem Fenster blickte, sah er eine Handvoll Häuser, kleine Gärten, in denen das erste Frühlingsgrün vor dem Hintergrund dunkler Erde leuchtete, und blühende Obstbäume. Hier lebten Bauern und einzelne Handwerker, hart arbeitende Menschen, die davon abhängig waren, was Erde und Wald ihnen gaben. Und zumindest ein Priester, der Kirche samt Glockenturm nach zu urteilen. Der schwedische Frühsommer hatte etwas Besonderes: scharfe Konturen, frischen Windhauch, wenn der Regen einmal kam, und wohltuend kühle Nächte. Im letzten und vorletzten Sommer war Markus im Land der Russen gewesen. Dort gab es keine Abkühlung. Im Jahr davor … Er konnte sich kaum erinnern. Polen vielleicht? Polen war in den letzten sieben Jahren nur eine von vielen Höllen auf Erden gewesen, wo er durch Blut gewatet war und die Angstschreie sterbender Männer hatte hören müssen.

Seine Männer hatten sich in den Schatten einer Birke begeben und waren mit der Waffenpflege beschäftigt. Diese Pflege nahm nie ein Ende. Das wiederholte Untersuchen des Leders und der Spannvorrichtungen sowie das Putzen der Schwert- und Lanzenklingen konnte für sie alle den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Hin und wieder trockneten sich die Männer die Stirn oder tranken tiefe Schlucke des hiesigen Mets, bevor sie systematisch mit der Arbeit fortfuhren.

Der Einzige, der seine Arbeit wieder nicht verrichtete, war Phillipe. Markus hatte dem Jungen befohlen, die willige Witwe herbeizuschaffen. Doch inzwischen war die Frau garantiert längst über alle Berge. Also würde er die Nacht allein verbringen müssen. Grimmig stellte Markus sich vor, wie er den Jungen an ein Pferd binden würde, falls der es doch noch wagen sollte, zurückzukommen. Den ganzen Weg nach Stockholm hinter einem Pferdehintern hergezogen zu werden würde Phillipe Demut lehren. Umso bedauerlicher, dass Markus diese schöne Idee nicht in die Tat umsetzen konnte. Aber der Befehl des Königs war sonnenklar gewesen: »Unter keinen Umständen darfst du Hand an ihn legen, Markus!« Die Schärfe des königlichen Befehls war, tja, scharf gewesen. König Magnus Eriksson hatte den Ruf, eher schwach zu sein. Markus wusste jedoch aus eigener Erfahrung, dass das nicht stimmte. Der schwedische König war weder schwach noch unentschlossen, der Monarch war standhaft wie eine Klippe der westlichen Provinz Bohuslän. Unglücklicherweise war er aber auch stur wie ein Esel und legte großen Wert darauf, dass man ihm gehorchte. Das war wohl unvermeidlich, wenn man seit dem dritten Lebensjahr König war. Man gewöhnte sich daran, seinen Willen durchzusetzen.

Markus ließ den Blick auf der Kirchenwand ruhen. Das Holz war altersgrau, und das Dach musste neu gedeckt werden. Es war wohl kein besonders reiches Dorf.

Ein paar Kinder hatten sich in die Nähe seiner Männer gewagt. Sie beobachteten deren Arbeit mit großen Augen. Das Leben in einem Dorf war hart und hatte eine feste Struktur, auch für die Kleinsten. Bewaffnete, dunkel gekleidete Fremdlinge waren eine spannende Abwechslung. Ein Junge traute sich ganz nah heran, zog sich aber sofort wieder zurück, als einer der Männer ihn wütend anknurrte. Die Kinderschar rannte davon. Es war immer ratsam, seine Männer von unschuldigen Kindern fernzuhalten. Deshalb würde er Karl, den stummen Livländer, der mit tödlicher Präzision seinen Dolch wetzte, auch nicht dafür tadeln, dass er die Kinder vertrieben hatte. Keiner von ihnen wollte, dass Unschuldige zu Schaden kamen. Sie hatten genug Blut an den Händen.

Markus beschloss, hinauszugehen und zu helfen. Hier konnte er nichts Sinnvolles tun, und gegen Arbeit hatte er nichts einzuwenden. Es gab sicher Pferde zu striegeln, Gepäck zu kontrollieren und Waffen zu reparieren, bis er hoffentlich ein paar Stunden Schlaf bekommen würde. Wenn es irgendeine himmlische Gerechtigkeit gab, war Philippes schlaksige Gestalt für immer in den ostgötischen Wäldern verschwunden. Doch gerade, als Markus diesen Gedanken hatte, war entferntes Hufgetrappel zu vernehmen. Die Hufschläge näherten sich, nun hörten die anderen es auch. Karl erhob sich, beschattete seine Augen mit der Hand und blickte in Richtung des ankommenden Reiters. Gleichzeitig begann die Glocke im Glockenturm zum Nachmittagsgebet zu läuten.

Philippe schlug die Tür zur Hütte krachend auf. »Hier bin ich wieder«, sagte er triumphierend. Er war schmutzig und zerzaust, sein Schwert baumelte nachlässig am Gürtel. Über der Schulter trug er ein Stoffbündel, ansonsten kam er mit leeren Händen. Er hatte einen Befehl erhalten, einen einzigen. Einen einfachen Auftrag, den jeder beliebige zwölfjährige Anfänger hätte ausführen können. Natürlich hatte er wieder versagt.

»Du kommst spät«, sagte Markus.

Der Junge trat einen weiteren Schritt in den Raum hinein. Mit zufriedener Miene setzte er das Stoffbündel ab, und Markus sah, dass es sich keineswegs um einen Umhang oder Sack handelte. Er meinte, schlanke Füße zu erkennen und ahnte bereits Unheil, als Sekunden später tatsächlich ein Paar Frauenfüße den Boden berührten. Er traute seinen Augen nicht, als er erst auf die erdigen Zehen und dann wieder auf Philippe blickte.

Philippe lächelte breit.

Aus dem Bündel war ein Jammern zu hören, und Markus fühlte einen stechenden Schmerz im Nacken. »Was hast du getan?«, fragte er.

Noch bevor der Junge den Stoff auseinandergezogen hatte und ein weiteres Wimmern zu hören war, wusste Markus, dass die Sache böse enden würde. Und dann stand sie da. Eine splitterfasernackte Frau, die nach Luft schnappte. Ihr zerzaustes Haar war so dicht und lang, dass es große Teile des Körpers verbarg. Aber bevor sie sich mit den Händen bedeckte, hatte Markus einen kurzen Blick auf runde Brüste und ein blondes Dreieck erhaschen können. Sie warf den Kopf hin und her, um die Haare aus dem Gesicht zu bekommen. Es ist ein reines Wunder, dachte er, dass sie unter dem dicken Umhang nicht erstickt ist. Aber die Frau war tatsächlich vollkommen nackt. Nicht eine Faser am Körper, nur schlanke Glieder und diese üppige Haarmähne.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Markus, während er die Position wechselte und das Licht auf die Stickereien seiner Hemdbrust fallen ließ. Die Frau fuhr zusammen. So, nun wusste sie, wer er war.

»Hier ist die Frau, die ich holen sollte«, sagte der Junge und bewies damit ein für alle Mal, dass sein Gehirn die Größe einer Erbse hatte.

»Diese hier?«, fragte Markus leise und drohend.

Philippe trat von einem Fuß auf den anderen, sein Gesicht nahm einen beunruhigten Ausdruck an. »Aber sie war dort hinten«, sagte er und zeigte vage in Richtung Tür. »Und sie war nackt«, fügte er mit wachsender Verzweiflung in der Stimme hinzu. Er warf einen anklagenden Blick auf sein Opfer. Sie starrte zurück, mutiger und streitlustiger mit jeder Sekunde, die sie wieder zu Atem kam. Vielleicht war sie bloß verrückt, denn welche Frau bei Verstand lief nackt umher? Markus bekam große Lust, ihr zu zeigen wie schlimm es ausgehen konnte für jemanden, der so wenig Vernunft besaß.

»Das ist eine andere Frau«, fauchte er. »Du hast sie geraubt.«

Philippe näherte sich der Frau, und sie fuhr erneut zusammen. Er griff sich eine Handvoll blondes Haar und hielt es Markus hin.

»Blondes Haar, genau wie Ihr gesagt habt«, murmelte der Junge. »Das ist die Frau, die ihr beschrieben habt.« Er schluckte. »Wer oder was sollte sie denn sonst sein?«

Das war die erste intelligente Äußerung, die Markus aus Philippes Mund vernahm. Sie waren immerhin in Östergötland. Nirgendwo sonst gediehen Intrigen, Aufstände und Hochverrat wie hier. Er nickte Philippe zu sich heran. Der Junge gab der Frau einen Stoß, sodass sie einige stolpernde Schritte machen musste, um nicht hinzufallen.

Markus nahm ihre Hand und zog sie zu sich. Sie versuchte, die Hand wegzuziehen. Ihre schlanken Finger – überraschend stark im Hinblick auf ihre geringe Größe – sträubten sich mit aller Kraft, aber Markus ließ nicht los. Mit ihren erschrockenen Augen und schmutzigen Füßen sah sie nicht aus wie eine Spionin oder Meuchelmörderin. Aber man konnte nie wissen. Seiner Erfahrung nach waren Frauen ebenso in der Lage, Morde zu begehen wie Männer. »Warum läufst du nackt im Dorf herum?«, fragte er, während er ihre Brüste betrachtete. Spitze Brustwarzen, weiße Haut. Er hätte diese Witwe gebrauchen können, stellte er fest, als sein Körper auf die Nacktheit reagierte. An ihrem Hals schimmerte ein silbernes Kreuz. Vielleicht war sie eine flüchtige Nonne. Aber warum nackt? War ihr klar, welches Glück sie gehabt hatte, dass einer seiner Männer und nicht jemand anderes sie geraubt hatte? Keiner aus seiner Truppe würde eine Frau schänden, doch viele andere Männer waren skrupelloser. Eine einsame nackte Frau war in jedem Fall eine vielversprechende Beute.

»Wer bist du?«, fragte er und drehte ihre Handfläche nach oben. Spuren von Erde unter den Nägeln, sonst aber zart und weich. Keine entlaufene Magd jedenfalls. Und ihr Blick war viel zu klar, um der einer religiösen Verrückten zu sein.

»Niemand«, antwortete sie kurz.

Er musste den Druck auf ihre Hand nur leicht erhöhen, und schon würden diese feinen Knochen brechen. Sie war klein und delikat wie eine Wachtel. Schmerz pflegte die Leute dazu zu bringen, die Wahrheit zu sagen. Er fragte sich, warum sie log. »Wohnst du hier im Dorf?«, fragte er.

»Nein«, sagte sie, und diesmal war er beinahe sicher, dass sie ehrlich war. Die Frau vermischte Wahrheit und Lüge wie eine schlechte Falschspielerin. Mit anderen Worten: keine Spionin. Aber irgendjemand war sie, es gab unzählige Möglichkeiten.

»Was machst du also hier?«, fragte er und ließ ihre Hand los.

Sie zog die Hand zu sich und bedeckte ihre Brüste mit einer femininen Geste. »Ich wüsste nicht, warum ich Euch das mitteilen sollte«, antwortete sie mit angenehmer Stimme. Das hier war keine Verrückte, auf keinen Fall. Er besaß keinen genauen Überblick über die Familien in diesem Teil des Landes, aber es gab einen Sven, ein paar Birger und einen Henrik Svensson. Und natürlich Birgitta Birgersdotter auf Alvastra mit ihrem Anhang, die ihn alle mehr oder weniger abgrundtief hassten. Aber Birgitta Birgersdotter wohnte weiter nördlich. Das Königspaar würde sie treffen. Markus hatte sich vom reisenden Hof getrennt und den Landweg nach Stockholm gewählt, um ein Zusammentreffen mit ihr zu vermeiden. Wäre er gezwungen gewesen, einer weiteren Hasstirade Birgittas gegen Sünder im Allgemeinen und ihn im Besonderen zuzuhören, hätte er einen Mord begangen. Das wiederum hätte dem Frieden im Reich nicht gedient.

»Sagt Bescheid, wenn Ihr fertig gestarrt habt«, befahl die Unbekannte kühl und unterbrach damit Markus’ Gedanken. Verdammt, die Aussprache ließ keinen Zweifel zu, dass sie aus einer angesehenen Familie stammen musste. Töchter von Adeligen waren genau die Art von Frauen, die er normalerweise mied. Diese hier war zudem noch kompliziert. Markus zeigte auf Philippe. »Du«, sagte er und brachte den Jungen mit seinem Blick zum Erblassen. »Raus. Schließ die Tür hinter dir. Und halte dich von mir fern. Für immer.«

»Aber …«

Markus griff nach seinem Messer. Er hatte es am Morgen geschliffen, bevor sie Gränna verlassen hatten. Es schnitt durch Haut und Leder wie ein Pfeil durch die Luft. »Für jedes Wort, das ich ab jetzt von dir höre, schneide ich dir einen Finger ab«, drohte er. »Nimm den Umhang mit.«

Der Junge wurde noch bleicher, verneigte sich und riss den Umhang vom Boden an sich.

»Noch einmal«, sagte Markus, nachdem sich die Tür geschlossen hatte, sie allein waren und er sich konzentrieren konnte. Er hatte schon unzählige Männer und Frauen verhört. »Warum bist du hier?«

»Ich bin hier«, begann sie mit ihrer klaren Stimme, »weil er mich geraubt hat.« Die Unbekannte betrachtete ihn. Sie hatte große und kluge graue Augen, die nun schmal wurden. »Auf Euren Befehl hin, wenn ich das richtig verstehe«, fuhr sie fort. »Ihr müsst verrückt sein, das wird ja auch allgemein behauptet.«

Keine gute Idee, seinen Gefangenenwächter zu provozieren. Nur wer sehr dumm oder sehr mutig war, tat so etwas. Markus hatte im Leben viel Gelegenheit gehabt darüber nachzudenken, wie schmal der Grat zwischen beidem war.

»Warum bist du nackt?«, fragte er und ließ seinen Blick über ihre Kurven schweifen. Die Haut war makellos, wie feinstes Pergament oder florentinische Seide. Eine Woge von Begehren durchflutete Markus. Er hätte nichts dagegen gehabt, diesen makellosen kleinen Körper unter seinem zu haben.

Sie schnaubte als Antwort. Danach war sie still und betrachtete ihn. Das war eine ungewöhnliche Eigenschaft bei einer Frau, nicht mehr als unbedingt notwendig zu reden. Markus trat einen Schritt auf sie zu und sah sie durchdringend an. Ausgewachsene Männer zitterten, wenn er sie scharf ansah und mit Tod und Vernichtung drohte. Die hartgesottenen Soldaten, die er trainierte und über die er befahl, wurden lammfromm. Einige begannen zu weinen. Aber diese Frau hier blinzelte noch nicht einmal.

»Lass mich raten«, sagte er. »Du bist die Tochter eines Adeligen, bist ausgerissen und wirst Ärger bekommen. Also willst du am liebsten davonschleichen und so tun, als sei nichts passiert.«

Sie sah derart ertappt aus, dass er fast auflachen musste. Es erfüllte ihn mit tiefer Genugtuung, dass er sie richtig eingeschätzt hatte, auch wenn es reines Glück gewesen war. »Du weißt, wer ich bin.«

Sie nickte ein Mal.

»Wie heißt du?«, fragte er.

Sie zögerte. Er trat noch einen Schritt auf sie zu.

»Illiana Henriksdotter«, antwortete sie schnell.

Sie war also keine Spionin, genau wie er bereits vermutet hatte. Und damit war sie uninteressant.

»Du solltest nach Hause gehen«, wies er sie an.

Illiana Henriksdotter zog die Augenbrauen hoch. Sie waren lang und schmal und dunkler als ihr blondes Haar. »Der Gedanke kam mir auch schon«, entgegnete sie trocken.

»Du bist frei«, sagte er und machte eine auffordernde Geste. Er hatte nicht vor, sie am Gehen zu hindern.

»Wirklich?«

»Natürlich nur, wenn du nicht bleiben möchtest«, setzte er hinzu, denn sie war auf ungewohnte Weise appetitlich, und er war ausgehungert, gewaltig ausgehungert. Er begriff nicht, wie die Mönche es aushielten, die im Zölibat lebten.

»Du könntest mir deinen Umhang anbieten«, warf sie ein.

»Ja, das könnte ich«, stimmte Markus ihr zu.

Als er sich nicht vom Fleck rührte, warf sie ihm einen Blick zu, aus dem die Funken sprühten. Markus lächelte in sich hinein. Klein wie eine Maus war sie, aber sie besaß ordentliches Temperament und wirkte nicht sonderlich mitgenommen. Er würde sie gehen lassen, entschied er. Und dann sah er es. Wie Illiana ins Schwanken geriet. Es war nur ein kurzes Straucheln, und es gelang ihr, sich am Stuhl abzustützen, aber Markus hatte es gesehen. Es wurde ihm klar, dass sie von den Ereignissen wohl doch mehr mitgenommen sein musste, als er zunächst geglaubt hatte. Trotz allem war sie eine sehr junge Frau, die gegen ihren Willen fortgeschleppt worden war, und das auch noch äußerst brutal.

Die Tür zur Hütte wurde wieder geöffnet. Diesmal war es nicht Philippe, sondern Karl.

Er blieb im Türrahmen stehen und betrachtete das Geschehen mit leerem Gesichtsausdruck. Karl war mit Markus aus dem Land der Russen geflohen. Vorher hatten sie so viel an Karl herumgeschnitten, dass er beinahe gestorben war. Es gab nicht viele Dinge, die ihm noch eine Gemütsregung entlockten. Aber Markus zog dennoch seinen Umhang aus. Mit einem großen Schritt stellte er sich neben die Frau und legte ihn ihr um die Schultern. Aus irgendeinem Grund wollte er sie nicht länger demütigen.

Illiana Henriksdotter.

»Dein Vater ist Henrik Svensson, richtig?«

Sie gab einen kleinen Laut von sich und versuchte, hinauszugelangen, aber auf Markus’ stummen Befehl hin blockierte Karl die Tür.

Sie senkte den Kopf, umfasste den Stoff und zog ihn fest um sich. Der Umhang war ihr viel zu groß und schleifte über den Boden. »Lasst mich einfach gehen«, sagte sie.

»Wohin willst du?«

»Nach Hause.«

Markus zögerte einen Moment. Sie war noch so jung, und für Philippes Handeln war er verantwortlich gewesen. Zum Teil war es wohl auch sein Fehler, dass sie hier gelandet war.

»Ich begleite Euch nach Hause«, entschied er. Wer wusste schon, was sie sonst noch aushecken würde. Oder was ihr noch passieren konnte.

»Ich schaffe das allein«, erwiderte sie und reckte ihr Kinn in die Luft.

Markus rollte mit den Augen. Er hätte wissen müssen, dass sie Schwierigkeiten machen würde, ihr Vater stritt sich ständig mit dem König. Als Antwort wurden Illianas Augen schmal. Sie wandte sich um und stolperte beinahe über den Umhang, als sie zur Tür hinauseilte. Markus folgte ihr.

5

Illiana betrachtete den Mann, den alle »Järven« nannten. Er rückte das riesige Schwert an seinem Gürtel zurecht und blickte hinaus über das Dorf. Jedes Mal, wenn er sich bewegte, rasselte es leise. Es war ein Rasseln, das von Schwert, Dolch, Sporen und weiß Gott von was noch allem herstammte.

»Bring mir meine Handschuhe«, befahl Järven demselben Mann, der eben hereingekommen war und sie mit seinem Narbengesicht, den abgeschnittenen Ohren und dem leeren Blick fast zu Tode erschreckt hatte.

Die beiden Männer führten eine Art wortloser Kommunikation miteinander, daraufhin sagte Järven:

»Ich schaffe es wohl allein, eine einzelne nackte Frau durch den Wald zu befördern. Bleib du hier und achte darauf, dass Philippe sich benimmt.«

Der Mann nickte wortlos und ging weg.

Illiana versuchte, unter dem schweren Umhang nicht zu zittern. Auf keinen Fall wollte sie zeigen, was für eine erbärmliche Angst sie hatte. An den Goldsporen konnte man erkennen, dass Järven vom König zum Ritter geschlagen worden und dazu ausersehen war, die Schwachen zu beschützen. Aber trotzdem. Järven. Er war eine Legende. Illiana hatte schon ihr halbes Leben lang Geschichten über ihn gehört. Mit ihm machte man den Dorfkindern Angst. »Pass auf, dass dich der Järv nicht holt!« Sie war an Gewalt und kämpfende Männer gewöhnt, ihr Vater und die Halbbrüder waren gewalttätige Männer. Ihr ältester Halbbruder hatte, seit sie klein war, an mehreren Aufständen und Kriegen teilgenommen, aber dieser Mann hier war von ganz anderem Kaliber.

Als sie dort drinnen nackt und hilflos gestanden und den aufgestickten Vielfraß auf seiner Brust gesehen hatte, war sie sicher gewesen, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hatte, dass er sie vergewaltigen und in Stücke reißen würde. Immer noch war sie außer sich vor Angst. Dennoch versuchte sie, unter ihrem Umhang eine aufrechte und furchtlose Haltung einzunehmen. Der Umhang lag schwer und rau auf ihrer Haut. Je mehr Zeit verging, desto mehr schien es ihr, als habe Järven gar nicht die Absicht, sie zu schänden und zu ermorden. Die Sonne stand schon tief über den Baumwipfeln und erinnerte daran, wie spät es mittlerweile geworden war. Bald würde es zum Abendgebet läuten. Sie war schon viel zu lange weg, zu Hause mussten sie sich langsam fragen, wo sie geblieben war. Sie spürte Panik in sich aufsteigen und wagte kaum, sich auszumalen, was ihre Familie sagen würde.

»Was?«, fragte Järven, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte.

»Wie heißt du?«, fragte sie.

Er sah sie so lange an, dass sie dachte, er würde gar nicht antworten. »Markus«, antwortete er kurz.

Markus. Das war ein so gewöhnlicher Name, dass es ihr schwerfiel, es zu glauben.

»Ich brauche keine Begleitung«, sagte sie mit betont vernünftiger Stimme. Lieber wollte sie das Risiko auf sich nehmen, allein durch den Wald zu gehen. Gesehen zu werden – im Prinzip nackt, mit diesem Mann – würde, zusammen mit so einigem anderen, ihre Anziehungskraft als Axels zukünftige Ehefrau nicht gerade steigern.

»Ja, das hat man ja gesehen, dass du alleine klarkommst«, erwiderte er, und sein Tonfall war voller Sarkasmus. Er nahm seine Reithandschuhe entgegen, die ihm sein stiller Gefährte geholt hatte. Es waren robuste Lederhandschuhe mit Stahlbesatz auf Handrücken und Fingern, und abgesehen vom Stahl, dem aufgestickten Vielfraß auf seiner Brust und den rasselnden Sporen war das meiste an ihm schwarz. Sein Haar hing in langen, schwarzen Strähnen herunter und der wild gewachsene Bart, der einen Großteil seines Gesichtes verbarg, war schwärzer als schwarz. Eine nachtschwarze Tunika mit einem dunklen Kettenhemd darunter und hohe schwarze Stiefel vervollständigten sein Erscheinungsbild. Falls er durch diese Farbwahl Schrecken hervorrufen wollte, so musste Illiana zugeben, dass es ausgezeichnet funktionierte. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals solche Angst gehabt zu haben.

»Wenn Ihr mir ein Pferd leiht, reite ich allein«, sagte sie.

Seine Männer, die im Schatten eines Baumes saßen, verfolgten das Geschehen mit unverhohlenem Interesse. Illiana zog den Umhang enger um sich. Ich hätte niemals allein zum See gehen sollen, dachte sie bestimmt zum hundertsten Mal. Die Wälder waren alles andere als sicher, das wussten alle. Von Kindesbeinen an hatte man sie vor den Räubern und Vergewaltigern gewarnt, die als Vogelfreie im Wald hausten.

Er blickte sie so kühl an, dass sie schlucken musste. »Ein Pferd?«, fragte er.

Sie nickte eifrig. Wenn sie sich beeilte und sich auf den Hof schlich, würde sie vielleicht unbemerkt bleiben und niemand brauchte …

»Wie du willst«, antwortete er.

Illiana atmete auf vor Erleichterung. Alles würde in Ordnung kommen, sie würde …

»Gib mir meinen Umhang zurück, dann kannst du gehen«, sagte er.

»Waaas?« Illiana umklammerte den rauen Stoff, als sei er das Einzige, das ihr noch Würde und Halt gab. Die Soldaten beobachteten mit breitem Grinsen den Meinungsaustausch. Markus blickte Illiana herausfordernd an, und ihr wurde klar, dass es ihm Spaß machte, mit ihr zu spielen wie eine Katze mit einer Maus. Sie verlagerte ihr Gewicht von einem auf den anderen Fuß und versuchte, ruhig zu bleiben. Eines war sicher: Niemand würde sich in ihre Nähe wagen, wenn sie in Begleitung dieses Mannes kam. Wenn er sie außerhalb des Hofs verließ, würde sie sich vielleicht unbemerkt hineinschleichen können und …

Ihre Gedanken wurden von dem Knappen unterbrochen, der sie am See überfallen hatte. Mit Genugtuung erkannte sie eine tiefe Kratzwunde auf seiner Wange. Er führte zwei Pferde. Das eine war ein schwarzer Hengst mit bebenden Nüstern und unruhigen Hufen, und es gab keinen Zweifel, wem er gehörte. Das andere Pferd war eine grauweiße Stute, langbeinig, mit weißen Ponyfransen und wachem Blick, offensichtlich für sie vorgesehen. Unentschlossen sah Illiana auf die Stute, die nach dem feurigen Hengst schnappte.

»Worauf wartest du noch?«, fragte Markus.

Sie konnte sich immer noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass er ein gewöhnlicher Mensch war. Alles an ihm schien außergewöhnlich. Wobei sie ihm das natürlich niemals gesagt hätte. Im Gegenteil – sie würde so tun, als ob sie sich täglich mit legendären Kriegern unterhielt. Zu Pferde würde sie wesentlich schneller zu Hause sein. Aber …

»Sitz auf!«, befahl er ungeduldig.

Doch sie blieb stehen. Sie wollte heute nicht noch mehr Fehler begehen. Illiana sah sich um und blickte auf die Männer, die mit ihren Waffen dasaßen. Überall lagen Lederstücke, Wetzstahl und Werkzeug herum. Der Anblick war ihr vertraut. Die Männer zu Hause auf ihrem Hof waren auch immer mit Waffen und Gewalt beschäftigt.

»Was ist?«, fragte Markus ungeduldig. »Du denkst doch wohl nicht, dass ich über dich herfalle, sobald wir außer Sichtweite sind?« Sein kalter Blick ruhte auf ihr. »Ich werde versuchen, mich zusammenzureißen«, sagte er, nahm die Zügel aus der Hand des Jungen und führte die Stute zu ihr hin. Er beruhigte das Tier mit einer kurzen Bewegung. »Komm jetzt. Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit.«

So sehr sie sich auch recken mochte, Illiana reichte ihm nur bis zur Brust. Der Umhang glitt ihr beinahe von den Schultern, als sie sich in die Höhe streckte. Im letzten Moment gelang es ihr, ihn festzuhalten. »Verzeiht, wenn ich Euch von wichtigen Dingen abhalte«, sagte sie. »Habt Ihr einen Termin einzuhalten?« Sie lächelte einnehmend. »Oder vielleicht ein Dorf zu verwüsten?«

Seine Augen waren schmal, als er einen Schritt auf sie zutrat. Gegen ihren Willen wich sie zurück.

»Du solltest lieber schweigen«, entgegnete er und reichte ihr die Zügel der Stute.

Illiana nahm die Zügel entgegen, drehte sich um und wollte aufsteigen, um so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Aber das Pferd war viel zu hoch. Sie würde es nie schaffen, hinaufzugelangen, ohne den Umhang loszulassen. Sie hätte vor Wut über ihr Unvermögen schreien können.

Lautlos war er hinter sie getreten. Sie spürte seine Nähe als eine Abkühlung, eine Verdichtung der Luft, und dann hatte er sie auch schon hochgehoben, als wäre sie eine Feder. Mit einem uneleganten Plumps und bis ins Mark gedemütigt landete sie im Sattel. Einer der Männer prustete los, und Markus’ Augen blitzen sie von unten herauf an. Das hier ist kein einfältiger Krieger, dachte sie verstimmt, während er mit geübten Griffen die Steigbügel einstellte. Er war unfreundlich und grob, aber in seinem schwarzen Blick hatte sie Intelligenz gesehen. Still saß sie im Sattel, während er Steigbügel und Zügel für sie anpasste. Sie erschauerte, als er sie leicht berührte, und zwang sich, nicht unwillkürlich das Bein wegzuziehen. Kaum war er fertig, trieb sie ihr Pferd an, um wegzukommen. Sie brauchte unbedingt Abstand von seiner überwältigenden Gegenwart.

Markus schwang sich auf den schwarzen Hengst und schloss zu ihr auf. »Findest du den Weg?«, fragte er.

Sie nickte.

Den Weg nach Hause, dachte sie bedrückt. Zurück nach Månssättra, wo alle auf sie warteten.

Schweigend ritten sie durch den Wald. Zu spät begriff Illiana, dass sie besser den längeren Weg am See vorbei als den kürzesten gewählt hätte, aber sie war zu unruhig gewesen, um klar zu denken. Nun würde sie es nicht mehr schaffen, ihre Kleider zu holen. Es raschelte vor ihnen im Gehölz, die Blaubeersträucher zitterten. Illianas Pferd schnaubte, als sich plötzlich die größte Kreuzotter, die Illiana jemals gesehen hatte, aus dem Grün direkt vor die Hufe ihres Pferdes schlängelte. Die Stute scheute, brach zur Seite aus und stellte sich auf die Hinterhufe. Alles ging so schnell, dass Illiana kaum reagieren konnte. Die Schlange verschwand, aber das Pferd bäumte sich weiterhin angstvoll auf. Illiana begann, im Sattel das Gleichgewicht zu verlieren. Sie war dabei, mit den Zügeln zu kämpfen, als Markus plötzlich neben ihr auftauchte. Er beugte sich vor und packte das Zaumzeug der Stute. Sein Hengst schien völlig unbeeindruckt. Mit festem Griff und leisem Murmeln beruhigte er die Stute. Sein Bein streifte kurz Illianas, harte Muskeln unter grobem Tuch, und sie zuckte zusammen, als hätte sie sich verbrannt. Es war nur ein Reflex gewesen, aber er hatte ihn gesehen. Es hätte sie auch gewundert, wenn ihm ausnahmsweise einmal etwas entgangen wäre.

»Nur ruhig, ich habe nicht vor, dich aufzufressen«, sagte er und verzog den Mund zu einem freudlosen Grinsen. »Es sei denn, ich bin furchtbar hungrig.«

Sie versuchte, die Zügel wieder aufzunehmen, sie aus seinen Händen zu ziehen. Es entspann sich ein Wettkampf, den sie um jeden Preis gewinnen wollte. Schon wieder verzog er sein Gesicht zu diesem harten Lächeln ohne jede Freude. Illiana spürte, dass sie diesen Gesichtsausdruck wirklich verabscheute.

»Gib auf, Illiana.«

Irgendetwas an seinem Befehlston und seiner überlegenen, selbstsicheren Art brachte sie dazu, wie ein Kind zu reagieren. Wider besseres Wissen zog sie erneut an den Zügeln und versuchte zu ignorieren, wie albern sie sich selbst vorkam: Mitten im Wald versuchte sie, ein Gerangel zu gewinnen, das sie nur verlieren konnte. Markus war größer, stärker und ein besserer Reiter. Außerdem musste er nicht die ganze Zeit einen Umhang zusammenhalten, der zu Boden zu gleiten drohte.

»Weißt du, heute war nicht gerade mein Tag«, erklärte sie.

Der Umhang rutschte hinunter, und sie sah, wie Markus ihre nackte Schulter betrachtete.

»Wirklich? Mein Eindruck ist, dass dieser Tag gerade anfängt, richtig gut zu werden«, sagte er mit spöttischem Grinsen und zog so fest an den Zügeln, dass sie vornüber fiel. Gerade wollte sie etwas richtig Böses über Männer sagen, die ihre Stärke nutzten, um Schrecken zu verbreiten, als ein neuer Laut sie beide ihr Tauziehen unterbrechen ließ. Halb nackt über dem Pferd hängend sah Illiana einen Reiter herannahen, den sie nur zu gut erkannte.

Und ich dachte, es kann nicht noch schlimmer werden.

Es war Joar, ihr Zwillingsbruder, der angeritten kam, während sie halb nackt auf einem Pferd hing und sich mit einem berüchtigten Krieger zankte. Sie wollte zu einem Erklärungsversuch ansetzen. Doch bevor sie noch dazu kam, gab Joar seinem Pferd die Sporen, erhob das Schwert und griff wortlos an. Offenbar hatte er die Situation falsch eingeschätzt und ging davon aus, dass es sich wirklich um eine bedrohliche Situation handelte. Illiana wollte protestieren, aber Markus war schon dabei, den Angriff mit stummer Wut zu parieren.

Illiana schrie, doch niemand nahm Notiz von ihr.

»Hör auf zu fuchteln, du Idiot!« Markus brüllte noch lauter. »Du bringst uns beide um!«

Aber Joar hörte nicht auf, er attackierte weiter.

»Nein!«, schrie Illiana. Joar war jung und viel zu selbstsicher. »Hör auf, ich kenne ihn! Hört beide auf!«

Doch die Männer reagierten nicht, und sie musste mit ansehen, wie Markus sein Schwert in Joars Arm rammte. Joar schrie auf, verlor sein Schwert und fiel vom Pferd. Regungslos blieb er im moosigen Gras liegen.

Illiana blickte auf die liegende Gestalt. Joar bewegte sich nicht. Sein Kopf lag in einem so unnatürlichen Winkel, dass ihr von dem Anblick übel wurde.

»Verdammt!«, brüllte Markus.

»Du bist wahnsinnig!«, schluchzte Illiana. »Du hast ihn getötet. Das ist mein Bruder!«

Markus wandte den schnaubenden Hengst um und sah erst auf Joars Körper, dann auf Illiana. »Hat er sich das Genick gebrochen?«

»Mörder!«, schrie Illiana. Außer sich vor Zorn wendete sie ihr Pferd und ritt direkt auf Markus zu. »Du hast ihn ermordet!«, stieß sie mit tränenerstickter Stimme hervor.

»Wer zum Teufel bricht sich denn gleich den Hals, wenn er vom Pferd fällt«, sagte Markus ungläubig und sprang aus dem Sattel. Mit dem blutigen Schwert in der Hand blickte er auf den gefallenen Joar.

»Mörder!«, schrie Illiana wieder. Drei Reiter näherten sich auf dem Pfad. Sie erkannte ihre Halbbrüder und wagte sich kaum auszumalen, was die mit ihr anstellen würden. »Du hast Joar getötet!«, schluchzte sie. Sie sprang aus dem Sattel, rannte zu Markus und schlug auf ihn ein. »Du verdammter Mörder!«, rief sie, außer sich vor Verzweiflung.

Dann griffen ihre Halbbrüder an. Keiner der drei fragte nach, was geschehen war. Stattdessen stürzten sich die Männer in blinder Wut auf Markus. Illiana, die ihnen im Weg stand, stießen sie einfach um. Sie schaffte es gerade noch, sich von den Hufen wegzurollen und ihren Kopf schützend mit den Armen zu bedecken. Alles ging schief. Sie hörte die Hufe, die Schreie und wollte rufen, dass sie alles falsch verstanden hätten. Dass Joar als Erster angegriffen und sie im Affekt geschrien hatte. Dass Markus versucht hatte, Joar zu entwaffnen, nicht, ihn zu ermorden. Sie versuchte verzweifelt, sich Gehör zu verschaffen, doch ihre Stimme ging im Kampflärm unter. Pferde donnerten aus allen Richtungen herbei, und während die Schwerter mit großem Getöse aneinanderklirrten, wurde ihr klar, dass Markus sterben würde. Und obwohl er sie hatte rauben lassen, Joar getötet und sie gedemütigt hatte, empfand sie merkwürdigerweise ein schlechtes Gewissen. Wäre sie nicht zum See gegangen, wäre nichts von alldem passiert. Wegen ihr würde er sterben.

Und dann sah sie, wie es geschah: Wie die tödliche Kraft, die er im Kampf mit Joar noch zurückgehalten hatte, losbrach. Durch Staub, Chaos und Gedröhne bewegte sich Markus mit einer solchen Präzision, dass Illiana ihren Augen nicht trauen wollte. Diese Stärke hatte sie gespürt. Diese Energie, die ihn wie eine Aura umgab und ihr das Gefühl gab, einer Naturgewalt gegenüberzustehen. Es war kaum verwunderlich, dass er sie so leicht hatte hochheben und Joar ohne Anstrengung zu Fall hatte bringen können. Und nun hielt er die drei grausamsten Männer, die sie kannte, auf Abstand. Es war beinahe übernatürlich. Doch schließlich kam es, wie es kommen musste. Dem Ältesten ihrer Halbbrüder, Falke, gelang ein Treffer, der Markus erst schwanken und dann mit dumpfem Aufprall zu Boden gehen ließ. Er stützte sich auf ein Knie und hielt sich die Angreifer noch eine Weile vom Leib, doch schließlich übermannten sie ihn mit Hieben und Schlägen vom Pferderücken aus. Auf der kleinen Lichtung war er chancenlos angesichts der drei Reiter. Illianas Halbbrüder sprangen von ihren Pferden und traten so lange auf Markus ein, bis er wie leblos dalag.

»Hört auf!«, schrie Illiana. »Er kann sich doch gar nicht mehr verteidigen!«

»Wir nehmen ihn mit auf den Hof«, keuchte Falke, ihr ältester Halbbruder. Seine Wut loderte wie Feuer. »Vater soll entscheiden, was wir mit ihm machen.« Falke wischte sich die Stirn und trat ein letztes Mal gegen den Körper. »Fesselt ihn!«, befahl er und wandte sich dann an Illiana. Er blickte seine Halbschwester mit derselben Verachtung an wie immer. »Um dich soll sich Vater kümmern«, sagte er. »Das hier ist deine Schuld.«

Für einen Moment dachte Illiana, dass er sie schlagen würde, aber er drehte sich um und signalisierte den anderen, dass sie Markus auf sein Pferd heben sollten. Doch als ihre Brüder versuchten, den Körper auf den schwarzen Hengst zu legen, bäumte sich das Tier auf, riss sich los und galoppierte durch den Wald davon. Stattdessen legten sie Markus auf den Rücken der kleinen Stute. Markus’ Kopf hing baumelnd herunter. Sollte er noch leben, so würde er keine Gnade erfahren, dachte Illiana und sah zu, wie sie seine Handgelenke fesselten. Sie setzten sich in Bewegung. Die Sonne berührte bereits die Baumwipfel.

6

Månssättra, am selben Abend

Langsam erwachte Markus aus seiner Bewusstlosigkeit. Während er in Richtung des Rauches und der Hitze blinzelte, versuchte er einzuschätzen, wie verletzt er war. Ohne aufzublicken, wusste er schon, dass er von einem Seil an einem Deckenbalken hing. In den Armen, die bis zum Äußersten gestreckt waren, hatte er schon lange kein Gefühl mehr. Seine Füße jedoch, die mit Lederriemen zusammengebunden an groben Eisenringen im Boden befestigt waren, taten höllisch weh. Jedenfalls war es ihnen wohl nicht gelungen, ihm irgendwelche Knochen zu brechen, noch nicht. Es gab keine Fenster in der Schmiede, sodass er nicht wusste, ob es Tag oder Nacht war. Inzwischen war er so oft von einem Dämmerzustand in den nächsten gefallen, dass er sein Zeitgefühl verloren hatte. Sie hatten sich lange mit ihm befasst, es gab keine Stelle an seinem Körper, die nicht schmerzte. Außer vielleicht die taub gewordenen Arme.

Ohne einen Laut von sich zu geben und ohne sich mehr als absolut notwendig zu bewegen, betrachtete er seine Umgebung. Brecheisen, Hammer und anderes Werkzeug lag auf Holzblöcken und hing an den Wänden der Schmiede. Eine Zange lehnte an einer Holztonne. Das Eisen schimmerte bedrohlich im Schein der Feuerstelle. Das war immer eine problematische Kombination: Zangen und Feuer.

Es war nicht ungewöhnlich, dass sich Höfe und Dörfer auf die Herstellung bestimmter Gegenstände spezialisierten. In dem einen Dorf fertigte man Waffen wie Schwerter und Dolche, im anderen wurde Werkzeug hergestellt, und man tauschte untereinander. Markus hatte schon Panzerhemden in Schonen und Lederarbeiten in Västergötland bestellt. Von einem taubstummen Schmied auf Gotland hatte er eine kräftige Holzkeule mit einer faustgroßen Eisenkugel am einen Ende gekauft. Wenn er in die Schlacht zog, befestigte er die Keule auf seinem Rücken. Sie war eine ausgezeichnete Nahkampfwaffe. Er hatte sie im Dorf zurückgelassen.

Obwohl die Ecken der Schmiede im Dunkeln lagen, konnte Markus eine Vorrichtung zum Auspeitschen erkennen, die an einer Wand lehnte. Den dunklen, eingetrockneten Flecken nach zu urteilen, wurde sie häufig benutzt. Das ganze Werkzeugarsenal in der Schmiede, der Angstgestank, der wie Farbe an den Wänden klebte, und nicht zuletzt die Tatsache, dass sie ihn gefühlt tagelang misshandelt hatten, zeugten davon, dass die Männer auf Månssättra daran gewöhnt waren, Gerechtigkeit mithilfe von Folter zu üben.

Markus betrachtete die vier Männer, die am knisternden Feuer standen und ihm ihre behaarten Rücken zukehrten. Drei von ihnen hatten ihn im Wald überwältigt, es waren Illianas Brüder. Der vierte Mann war deutlich älter. Sein Haar war grau, und mit seinem schmutzigen Körper und den noch schmutzigeren Kleidern sah er aus, als hätte er die letzten Jahre in einem Schweinestall verbracht. Angesichts des grobschlächtigen Körpers und der schwerfälligen Bewegungen war es nicht leicht, Ähnlichkeiten zu Illiana zu entdecken, aber Markus wusste, dass dieser Mann ihr Vater war, Henrik Svensson. Und es gab keinen Zweifel daran, dass er derjenige war, der hier das Sagen hatte. Er war Vater, Hofherr und Folterknecht in einem.

Einer der Männer – durch den Rauchdunst und die zugeschwollenen Augenlider war es schwer, zu erkennen, welcher – stocherte im Feuer herum, sodass noch mehr Funken zur Decke stoben. Das Atmen fiel Markus immer schwerer, sein Hals war staubtrocken. Wenn sie sich nicht beeilten, würde er ihnen den Spaß dadurch verderben, dass er verdurstete.

Markus hatte keine Angst zu sterben. Zumindest redete er sich das ein, und das war beinahe dasselbe. Aber Karl würde ihn sicher vermissen, vielleicht auch der König.

Einer der Männer am Feuer, der älteste, der den Namen Falke trug, wandte sich um. Er hielt ein glühendes Eisen in der Hand und grinste breit. Davon wurde er auch nicht schöner. Markus schloss die Augen und fühlte eher als er es sah, wie sich das heiße Eisen seiner nackten Haut näherte. Jetzt würde es wehtun. Sie hatten ihm seine Kleider abgenommen, bevor sie ihn gefesselt und aufgehängt hatten. Er hatte diese Kleider gemocht. Er war zwar nicht eitel wie König Magnus (was man nur hinter vorgehaltener Hand äußern durfte), aber er war von seiner gut gearbeiteten Kleidung sehr angetan gewesen. Nun würde eines dieser Scheusale in seinem teuren flandrischen Tuch und schwedischen Leinen herumstolzieren. Andererseits, wenn man bedachte, was ihm nun bevorstand, würde er nie mehr Kleidung benötigen. Man konnte sich schon fragen, wie alles derart hatte schiefgehen können und warum er hier gelandet war, wo er doch ausnahmsweise einmal nur von der Westküste zur Ostküste hatte reisen wollen, ohne Streit zu suchen. Wäre Markus’ Hals nicht so trocken gewesen, hätte er über diese Ironie des Schicksals gelacht. Wenn der junge Philippe nicht so furchtbar untauglich und wenn dieses junge Ding nicht am falschen Ort gewesen wäre … Aber es war müßig, sich mit solchen Überlegungen aufzuhalten. Besser, er konzentrierte sich jetzt darauf, ruhig zu atmen und sich gegen den Schmerz zu wappnen, der ihm bevorstand.

Es gab keinen Zweifel daran, dass dieser Falke, der sich erwartungsvoll einem gefesselten Mann mit einem glühenden Eisen in der Hand näherte, ein Monster in Menschengestalt war. Solche wie ihn gab es dutzendfach. Auf den Schlachtfeldern wimmelte es von ihnen. Männer, die zu ihrem Vergnügen vergewaltigten, schändeten und töteten. Männer, die sich an den Folgen ihrer Verwüstung ergötzten und ihre Macht über die Machtlosen genossen. Aber Markus hatte auch Männer getroffen, die diesen Schweden vor Schreck erblassen lassen würden. Er wartete auf den Moment, in dem der Eisenspieß in Reichweite kam. Falke war sich seines Sieges schon gewiss, und das war immer ein Fehler. Markus konzentrierte sich und befahl jedem protestierenden Muskel und jeder Sehne seines Körpers, ein letztes Mal mit ihm zusammenzuarbeiten. Mit einem Ruck bekam er ein Bein los und legte all seine verbliebene Kraft in einen Tritt, der Falke direkt zwischen die Beine traf. Der Mann schrie auf, krümmte sich und ließ den Spieß fallen. Markus hörte sich selbst durch die aufgesprungenen Lippen lachen.

»Wir sehen uns in der Hölle«, sagte er, aber seine Stimme war so heiser, dass Falke ihn in dem Tumult, der nun ausbrach, womöglich gar nicht hörte.

Die anderen verloren keine Zeit und stürmten herbei. Markus nahm die Schläge entgegen, ohne sich wehren zu können, denn schnell hatten sie seinen Fuß wieder am Boden festgezurrt. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihre Knüppel hervorholen, seine Knochen brechen und es vorüber sein würde. Wenn er sich etwas hätte wünschen oder ein letztes Gebet hätte sprechen dürfen, dann, dass es schnell gehen würde. Doch Gott erhörte selten seine Gebete, also setzte er keine großen Hoffnungen darauf.

Bald hatten sie Markus so fixiert, dass er kein Glied mehr rühren konnte. Falkes Gesicht glänzte rot, und Markus hatte das Gefühl, als sei dessen Brutalität von einer Art persönlichem Hass getrieben. Als das glühende Eisen auf seine nackte Haut gedrückt wurde, konnte er nichts mehr denken, nur noch laut schreien.

Teufel, Teufel, Teufel, wie weh das tut!

Er sog die Luft durch die Zähne ein und versuchte, den Schmerz wegzuatmen. Einen letzten Rest Würde wollte er sich bewahren, auch wenn sich Sadisten selten von Selbstbeherrschung beeindrucken ließen.

»Was meinst du, Vater?«, fragte Falke über die Schulter. »Wollen wir ihn auch kastrieren? Wie den Dieb letztes Jahr?«

Markus versuchte, die Füße hochzuziehen, was völlig sinnlos war, denn sie saßen wie angegossen am Boden fest. Die Männer murmelten zwischendurch miteinander. Ihre Stimmen klangen verzerrt, so als ob sie durch einen Erdtunnel oder eine Wassertonne rufen würden. Er war wieder dabei, das Bewusstsein zu verlieren. Wahrscheinlich besser so. Es gab nichts mehr, was er noch tun konnte. Und wenn ihm weitere Schmerzen erspart blieben, umso besser.

Doch plötzlich strömte ihm kühle Luft entgegen. Die Tür zur Schmiede wurde weit aufgerissen, das Licht der Morgendämmerung strömte herein und erfüllte den Raum zusammen mit frischer Luft, die man atmen konnte. Jemand trat ein.

Ein stürmisches Handgemenge brach aus. Trotz seines halb ohnmächtigen Zustandes nahm Markus wahr, dass etwas passiert sein musste, das seine Widersacher bei ihrem Vorhaben gestört hatte.

Noch ein kühler Windhauch, und dann eine Stimme, die er wiedererkannte: »Du folterst also wieder Leute, Henrik!«

Durch Blut, Schweiß und Schmerz versuchte Markus seinen Blick auf den Mann zu fokussieren, der hereingetreten war.

»Du scheinst die Leute ja wirklich immer gegen dich aufzubringen, Markus!«, fuhr der Mann fort. Sein Ton war entspannt, beinahe heiter, und seine Sprache klar und angenehm wie eine frische Sommerbrise. Mit dieser Stimme hatte er schon immer für sich einzunehmen gewusst. »Was hast du bloß angestellt, um das hier zu verdienen?« Er klang amüsiert.

»Ihr kommt verdammt noch mal im richtigen Moment«, zischte Markus.

König Magnus Eriksson bürstete einen Fleck von seinem mit weißem Pelz gefütterten Umhang. »Du kennst mich doch«, sagte der König. »Ich lebe dafür, meine Untertanen glücklich zu machen.« Er zeigte mit dem Kinn zur Türöffnung. Leises Gerassel von Soldaten in Kettenhemden war zu hören, die mit gezogenen Waffen in die Schmiede traten.

Ohne Markus aus den Augen zu lassen, befahl der König den Männern: »Nehmt ihn runter!«

Zwei von ihnen lösten die Riemen, mit denen seine Beine am Boden gehalten wurden, und ließen danach die Ketten herunter, die ihn an den Dachbalken festhielten.

Das Blut strömte zurück in die tauben Glieder. Ja, er würde überleben. Ein weiteres Mal.

Der König legte eine Hand auf seine Schulter. Still, so dass niemand sonst ihn hören konnte und in einem völlig anderen Tonfall sagte er:

»Ich bin froh, dass du lebst. Karl ist bei mir. Dein Pferd kam ohne dich zurück, da wurde Karl unruhig. Wir sind die ganze Nacht geritten und in letzter Minute gekommen, wie ich sehe.«

Markus antwortete nicht.

»Du siehst wirklich furchtbar aus«, fuhr der König fort. Er hob den Kopf und befahl: »Los, holt ihm etwas zu trinken! Und schafft Kleider her!«

Markus nahm den Krug mit Wasser, der ihm gereicht wurde und trank lange, bis er sich den Mund trocknete. Es kribbelte und stach in Händen und Armen. Sein Gesicht war angeschwollen, die Nase wahrscheinlich angeknackst. Aber nichts war gebrochen, alle Zähne noch da und das freute ihn. Er war zufrieden mit seinen Zähnen.

König Magnus Eriksson schüttelte den Kopf. »Wenn du dich schon mit einem Adeligen aus Östergötland anlegen musst, warum ausgerechnet mit Henrik Svensson! Weißt du nicht, wie reizbar er ist? Gerade brüllt er draußen herum, dass er deinen Kopf auf dem Silbertablett haben will.«

»Henrik Svensson ist ein Untier.

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