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Eine süße Verführung

1. KAPITEL

Brittany Garrisons Leben war über Nacht zerstört worden. Während sie fassungslos auf die Rechnungsbücher blickte, brach ihr der kalte Schweiß aus, und sie fühlte, wie ihr der Schreck buchstäblich in die Glieder fuhr.

„Jetzt verstehe ich, warum mein Buchhalter so plötzlich verschwunden ist“, flüsterte sie. Wenn sie doch nur schon früher von der Unterschlagung der zwei Millionen gewusst hätte! Dann wäre es vielleicht noch möglich gewesen, Paine Elsdons überstürzte Flucht zu verhindern.

„Sie müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen“, sagte Boyd Dumont. „Das Geld kann auf einem geheimen Konto auf den Bahamas oder in der Schweiz liegen. Bestimmt ist es längst nicht mehr hier in Miami Beach.“

Brittany hörte kaum, was der neue Buchhalter sagte. Sie saß an einem Tisch in seinem kleinen Büro und musste an ihre Familie denken. Vor nur einem Monat hatte sie ihren ältesten Bruder Parker sagen hören, dass er ihr das Restaurant wegnehmen würde, wenn sie keine Gewinne vorzuweisen hätte. Und ihr Bruder Stephen war derselben Meinung. Seine Bemerkung, dass sie nicht besonders geschäftstüchtig wäre, ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Aber „Brittany Beach“ war erfolgreich! Sie hatte die Zahlen hier schwarz auf weiß.

„Paine muss von Anfang an Geld unterschlagen haben“, murmelte sie, ohne sich bewusst zu sein, dass sie laut sprach. „Ich habe ihm vertraut, weil er ausgezeichnete Referenzen hatte.“

„Es könnte aber auch das erste Mal gewesen sein“, überlegte Boyd. „Vielleicht stand er irgendwie unter Druck, und nachdem er den ersten Schritt getan hatte, machte er einfach weiter.“ Der Buchhalter zuckte mit den schmalen Schultern. Als er sich bewegte, blitzte die Sonne kurz auf seinen Brillengläsern auf. „Jedenfalls gehe ich davon aus, dass Sie ihn nicht finden werden.“

„Wie konnte er damit durchkommen?“, fragte Brittany, immer noch wie betäubt von der Tatsache, dass ein Mensch, dem sie voll und ganz vertraut hatte, sie seit Monaten betrog. „Die Bücher schienen immer in Ordnung zu sein.“

„Er hat die Bücher frisiert. Ich nehme an, er hatte zwei davon, eins für Sie und eins für sich.“

Geistesabwesend strich Brittany sich mit einer Hand durchs Haar. „Lassen Sie mich überlegen, was jetzt am besten zu tun ist, bevor wir das Ganze bekannt machen.“ Es ging ihr weniger darum, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu vermeiden, als die ihrer Familie. „Wir werden natürlich die Polizei informieren.“

„Selbstverständlich. Andererseits können Sie nicht allzu lange mit den Löhnen warten oder mit dem Kauf der Vorräte und all der anderen Dinge, die für den Restaurantbetrieb nötig sind.“

Brittany rieb sich seufzend die Schläfen, als könne sie so die bohrenden Kopfschmerzen vertreiben. Sie sollte sich darüber Gedanken machen, wie sie mit ihren Schulden fertig würde, aber stattdessen konnte sie nur an die Reaktion ihrer Geschwister denken. Die Familie hielt sie, das Baby, sowieso schon für unfähig und unreif. Selbst ihre Zwillingsschwester Brooke sah das so. Wenn Brittany nicht sehr bald etwas sehr Schlaues tat, würden all diese Meinungen bestätigt werden.

„Für eine kleine Weile möchte ich noch, dass die Geschichte nicht bekannt wird. Außer natürlich bei den zuständigen Behörden.“

Boyd nickte. „Die Angelegenheiten all meiner Klienten sind streng vertraulich. Aber ich glaube, Sie erwähnten, dass einige Ihrer Angestellten schon zu tuscheln beginnen. Und selbst wenn sie Ihnen nicht zu Ohren kommen, wird es Gerüchte und Vermutungen geben.“

„Ja, im Gastgewerbe spricht sich alles schnell herum“, stellte sie nachdenklich fest. „Mein Gott, es muss doch etwas geben, was ich tun kann!“

„Brittany, wenn Sie mir einen Vorschlag erlauben wollen, denke ich, dass Ihre Brüder Ihnen helfen könnten. Selbst bei diesen hohen Schulden wäre es kein Problem für sie.“

„Das ist aber gerade mein Problem.“ Bedrückt kaute Brittany auf ihrer Unterlippe herum. „Ich möchte allein aus dieser Klemme herauskommen.“

Boyd kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Das ist eine edle Absicht, aber sie sollten jetzt praktisch denken. Nur so lässt sich der Schaden begrenzen.“

„Nein“, widersprach sie nachdrücklich. Wenn Parker von der Veruntreuung erfuhr, würde „Brittany Beach“ so schnell vom Erdboden verschwinden, als wäre ein Orkan darüber hinweggefegt. Der ältere ihrer beiden Brüder war ein knallharter Geschäftsmann, der den gesamten Familienbesitz steuerte. Schon als die finanzielle Situation noch besser gewesen war, hatte er das Restaurant schließen wollen, um Luxusapartments an seine Stelle zu setzen. Die erstklassige Lage in nächster Nähe zum Strand würde so viel mehr Geld einbringen können, hatte er immer wieder betont.

„Gehen Sie das Ganze noch einmal mit mir durch, Boyd.

Ich kann es einfach nicht begreifen.“

Doch als Brittany das Büro spät am Nachmittag endlich verließ, war sie noch ratloser und verzweifelter als vorher.

Eine Woche später stand Brittany in dem weitläufigen Art-déco-Innenraum ihres Restaurants und besprach mit Hector Garland, dem Servicedirektor, den Ablauf des Abends. Allerdings war sie in Gedanken so sehr mit ihren Sorgen beschäftigt, dass sie kaum bei der Sache war. Geistesabwesend sah sie sich um.

Allein aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes würde niemand auch nur ahnen, dass sich das Restaurant in Schwierigkeiten befand. Die kobaltblaue, sanft beleuchtete Decke bildete eine perfekte Harmonie mit den altrosafarbenen Wänden. Überall flackerte Kerzenlicht, wunderschöne Blumenbouquets schmückten den ganzen Raum. In den Essbereichen konnten es sich die Gäste an niedrigen Tischen sogar auf Bodenkissen, die mit haitianischer Baumwolle bezogen waren, gemütlich machen. Die Kellnerinnen des „Brittany Beach“ trugen bunte Neckholder-Tops und tief auf den Hüften sitzende Sarongs. Draußen befand sich eine teilweise überdachte Veranda, auf der man entspannen und den Abend genießen konnte, und unten am Strand waren weiße Cabana-Zelte aufgestellt worden, die ideal für ein romantisches Abendessen zu zweit waren.

Wie konnte sich dieser Traum innerhalb von nur wenigen Tagen zu einer Katastrophe entwickeln? Während Brittany versuchte, sich auf das Gespräch mit Hector zu konzentrieren, fiel ihr plötzlich ein hochgewachsener dunkelhaariger Mann auf, der in diesem Moment das Restaurant betrat. Sie erkannte Emilio Jefferies, den Besitzer des „El Diablo“, eines kleinen, exklusiven und sehr beliebten kubanischen Restaurants am South Beach, das vor allem den Jetset ansprach. Brittany hatte den Namen ihres Konkurrenten zunächst nur aus den Klatschspalten diverser Zeitschriften gekannt und ihn erst später auch flüchtig bei einigen Veranstaltungen der Restaurantfachleute getroffen. Sie beobachtete, wie er jetzt mit ihrem Gästebetreuer Luis Munoz sprach und von diesem zu einem Tisch geführt wurde.

Während Emilio den Speiseraum durchquerte, bewegte er sich mit einer Anmut, die entfernt an einen Panther erinnerte. Brittany betrachtete ihn fasziniert. In seinem marineblauen Anzug und dem strahlend weißen Hemd machte er eine ausnehmend gute Figur, trotz des insgesamt sehr eleganten Publikums. Brittany wusste aus Presseberichten, dass Emilio dreiunddreißig Jahre alt war und unverheiratet.

„Was macht er denn hier?“, fragte sie Hector, der ihrem Blick folgte.

„Ich nehme an, er ist neugierig auf uns. Hat schon einmal hier gegessen. Wollen wir hoffen, dass wir dem ‚El Diablo‘ noch Konkurrenz machen können.“

Brittany brachte nur mühsam ein Lächeln zustande.

„Entschuldigen Sie mich, Brittany, ich werde gebraucht“, bemerkte Hector dann mit Blick auf eine größere Gruppe neuer Gäste und eilte davon.

Sie nickte nur stumm, ihre ganze Aufmerksamkeit galt Emilio. Er sah einfach unverschämt gut aus. Luis hatte ihn in einem Sessel Platz nehmen lassen, von dem aus man eine atemberaubende Sicht auf den hellen Sandstrand hatte. Dennoch schien er sich mehr für die Vorgänge innerhalb des Restaurants zu interessieren, so neugierig, wie er seine Umgebung betrachtete. In diesem Moment begegnete er Brittanys Blick.

Sie hielt unwillkürlich den Atem an. Emilio nickte und lächelte wie zum Zeichen des Erkennens. Sekundenlang konnte sie nicht reagieren, bis sie sein Lächeln zögernd erwiderte und dann eilig auf einen Tisch mit Stammgästen zuging, mit denen sie ein wenig plauderte. Irgendwie hatte sie dabei das Gefühl, Emilios Blick im Rücken zu spüren.

Einige Minuten später verließ Brittany den Gästebereich und betrat ihr großes Eckbüro. Es war mit einem glänzenden Parkettfußboden und Rattanmöbeln ausgestattet, die mit demselben weißen Baumwollstoff gepolstert waren wie die Möbel im Restaurant. Eine riesige Fensterfront gab den Blick frei auf einen kleinen privaten Verandabereich und den Strand dahinter. In einer Ecke des Raums stand ein langer Tisch aus Teakholz, an dem Brittany ihre Schreibarbeit erledigte.

Sie holte ein Blatt Papier hervor, auf dem diverse Möglichkeiten für eine kurzfristige Kapitalbeschaffung aufgelistet waren, und las es zum x-ten Mal durch. Nichts davon schien besonders vielversprechend zu sein. Wenn sie nicht innerhalb der nächsten Woche eine gute Idee bekam, würde sie das Restaurant verlieren.

Eine ganze Weile grübelte sie, ohne dass ihr etwas einfiel, und ging dann ins Badezimmer hinüber. Erschöpft betrachtete sie sich in dem großen Standspiegel. Das lebhafte Rot ihres Rocks und ihrer Seidenbluse schien ihre düsteren Gedanken Lügen zu strafen. Das lange braune Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, nur einige zarte Strähnen umrahmten ihr Gesicht. Sie sah nicht aus wie eine Frau, die kurz vor dem Ruin stand. Brittany lächelte sich kläglich zu.

Dann zog sie energisch die Schultern zurück, um ins Restaurant zurückzukehren. Als sie den Raum betrat, ging ihr Blick wie von selbst wieder zu Emilio, der immer noch allein am Tisch saß und aß. Doch anstatt direkt auf ihn zuzugehen, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte, begrüßte sie erst einige der anderen Gäste.

Es vergingen ganze fünfzehn Minuten, bevor sie sich langsam seinem Tisch näherte. Emilio erhob sich sofort, und in diesem aufregenden Moment wurde Brittany klar, dass die Erregung, die sie empfunden hatte, als sie aus der Entfernung seinem Blick begegnet war, nichts war im Vergleich zu dem Gefühl, ihm direkt gegenüberzustehen. Sie konnte nicht widerstehen und betrachtete ihn verstohlen von oben bis unten. Es war bemerkenswert, wie groß er war. Zwar war auch Brittany mit ihren eins fünfundsiebzig nicht gerade klein, aber Emilio musste mindestens noch fünfzehn Zentimeter größer sein. Seine olivfarbene Haut und die tiefgrünen Augen trugen nur noch mehr zu seiner faszinierenden, unglaublich männlichen Ausstrahlung bei. Doch vor allem war es die Aura der Sinnlichkeit, die ihn umgab, die Brittany schlicht den Atem nahm.

„Bitte, setzen Sie sich doch“, sagte sie.

„Wenn Sie mir Gesellschaft leisten“, erwiderte er mit einer so tiefen Stimme, dass Brittany erschauerte. „Ich bin mit dem Essen fertig. Trinken Sie etwas mit mir.“

„Danke.“ Als sie sich setzte, kam er um den Tisch herum und rückte ihr den Stuhl zurecht. Sobald er ihr gegenüber wieder Platz genommen hatte, lächelte sie auf betont professionelle Art. „Willkommen im ‚Brittany Beach‘. Sind Sie gekommen, um der Konkurrenz auf die Finger zu schauen?“

„Natürlich, aber ich habe auch ein vorzügliches Abendessen genossen“, antwortete er.

Sie blickte auf seinen Teller. Er hatte Krabbenfleisch in geschmolzener Butter bestellt. „Eins meiner Lieblingsgerichte. Ich hoffe, es hat Ihnen geschmeckt.“

„Sehr, und mein Abend ist gerade eben noch angenehmer geworden.“

Sie lachte. „Ich bin sicher, das Flirten ist Ihnen so sehr zur zweiten Natur geworden, dass Sie schon gar nicht mehr anders können“, konterte sie. Die Atmosphäre schien auf einmal mit Elektrizität geradezu geladen zu sein. Jetzt verstand Brittany, warum dieser Mann bei Frauen so beliebt war.

„Wie sollte ich in so charmanter Gesellschaft auch widerstehen?“, bemerkte er nur mit seiner aufregenden Stimme.

„Sie sind schon einmal hier gewesen?“

„Ja. Das Essen ist wirklich hervorragend. Meine besten Empfehlungen an den Küchenchef“, sagte Emilio mit einem Lächeln, das strahlend weiße Zähne erkennen ließ.

„Danke, werde ich ausrichten. Sehen Sie sich häufiger bei der Konkurrenz um?“

„Selbstverständlich. Ich schätze, Sie tun es auch, und ich würde sogar wetten, dass Sie schon im ‚El Diablo‘ gegessen haben.“

„Stimmt. Auch Ihre Küche kann sich sehen lassen.“

„Danke. Wie ich sehe, ziehen wir ungefähr das gleiche Publikum an, also sind wir eindeutig Konkurrenten. Aber Sie sind zweifellos die schönste Rivalin, die ich je hatte.“

Brittany lächelte nur. Sie wusste, dass Emilio das „Brittany Beach“ ohne besondere Bedenken vom Markt drängen würde, wenn er könnte. „Nun, ich denke, am South Beach ist genug Platz für uns beide.“

„Zumindest so lange, bis Sie mir meine Kundschaft wegnehmen“, erwiderte er gelassen.

Brittany musste lachen. „Unsere Restaurants sind sich nicht so ähnlich, wie Sie meinen. Das ‚El Diablo‘ zelebriert eine Esskultur, die viel mehr mit der Sinnlichkeit spielt.“

Emilio sah sich um und zuckte dann die Achseln. „Alles hier ist sinnlich. Die Atmosphäre, die Raumgestaltung, die wunderbare Küche, die attraktiven Kellnerinnen, die Musik mit ihrem sanften, eingängigen Rhythmus. Nein, ich glaube nicht, dass ich das Monopol in Sachen Sinnlichkeit besitze, Brittany.“

Er sprach ihren Namen mit leicht verführerischer Betonung, und Brittany spürte ein erregtes Prickeln. Ihr gefiel das kleine Wortgeplänkel mit Emilio Jefferies und das Gefühl, wie es zwischen ihnen funkte. Allerdings machte sie sich keine Illusionen. Es gab wohl keine Frau, die nicht auf ihn reagieren würde. Der Mann hatte einen Sex-Appeal, der einen umwarf.

Sie fühlte sich geschmeichelt, dass er das „Brittany Beach“ für eine so große Konkurrenz zu halten schien. Doch plötzlich fragte sie sich, ob das wirklich der einzige Grund für seinen Besuch hier war.

„Möchten Sie eine kleine Privattour durch unsere Räumlichkeiten? Oder haben Sie schon alles gesehen?“

„Noch nicht“, antwortete er mit einem Augenzwinkern. „Ich habe den Verdacht, dass es noch sehr viel mehr zu entdecken gibt.“ Sein Ton klang mehr als zweideutig. „Lassen Sie es uns tun“, fuhr er fort. „Ich bin jetzt schon fasziniert und kann kaum abwarten, was Sie mir alles zeigen werden.“

Brittany war amüsiert und sogar etwas verlegen, obwohl sie sicher war, dass Emilio jede Frau auf diese Weise mit Komplimenten bedachte. Sie durfte dem Ganzen keine allzu große Bedeutung schenken. Wahrscheinlich würde er noch eine Weile bleiben, sich umsehen, ein wenig flirten und dann gehen, und sie würde ihn nie wiedersehen. Außer vielleicht bei öffentlichen Anlässen an der South Beach.

Er kam wieder um den Tisch herum, um ihr beim Aufstehen den Stuhl zu halten, und blieb dann dicht neben ihr, während sie ihn herumführte und sich dabei jede Sekunde seiner Nähe bewusst war.

„Sie wissen, dass wir hier im Hauptrestaurant sind. Hinter der Veranda können Sie die Cabana-Zelte sehen.

Dort drüben befinden sich die exklusiven Lounges, die heute Abend bis auf eine alle besetzt sind.“ Brittany wies auf einen Bereich im hinteren Teil des Gastraumes. „Plätze gibt es dort nur mit Voranmeldung. Und hier …“ Sie öffnete eine Tür und ließ Emilio eintreten. „… geht es zum Partysaal. Er eignet sich für alle nur denkbaren Veranstaltungen.“

Brittany sprach jetzt lauter, um den Lärm der feiernden Leute zu übertönen. Gemeinsam mit Emilio sah sie eine Weile der tanzenden Menge zu, bevor sie ihn kurz am Arm berührte und ihm durch Handzeichen zu verstehen gab, wieder hinauszugehen.

Sie zeigte Emilio die restlichen Räumlichkeiten, wobei sie ihre Privaträume bewusst mied. Als die Tour schließlich beendet war, drehte sie sich zufrieden zu ihm um. „So, jetzt haben Sie ‚Brittany Beach‘ gesehen. Möchten Sie wieder zu Ihrem Tisch zurück oder vielleicht nach draußen? Um diese späte Stunde ist es ein wenig kühler.“

„Nur, wenn Sie mir Gesellschaft leisten“, antwortete er lächelnd.

Brittany schüttelte bedauernd den Kopf. Sie hatte die Zeit mit ihm genossen, doch mittlerweile hielt er sie schon etwas zu lange von der Arbeit ab.

„Ich könnte vielleicht später noch einmal zu Ihnen stoßen. Im Augenblick ist es meine Pflicht, überall nach dem Rechten zu sehen. An Donnerstagen ist immer sehr viel los.“

„Nun, in diesem Fall gehe ich wohl besser. Aber ich würde gern noch einmal unter vier Augen mit Ihnen reden. Wie wäre es mit morgen?“

Erstaunt blickte sie ihn an. Warum hatte er nicht schon längst gesagt, war er von ihr wollte? „Natürlich. Wir können einen Termin ausmachen, oder aber ich nehme mir jetzt noch Zeit, falls es dringend ist.“ Die Neugier war einfach zu groß, um bis morgen auf eine Erklärung zu warten.

„Jetzt wäre schön, wenn Sie es einrichten können“, sagte er leichthin.

„Gehen wir am besten in mein Büro. Hier entlang.“

Während sie nebeneinander den Flur hinuntergingen, beeindruckte Brittany erneut Emilios stattliche Größe.

Als sie ihr Büro betraten, stützte er die Hände auf die Hüften und gab einen bewundernden Pfiff von sich. „Nett hier.“ Mit einer Hand strich er über den Rand des Teakholztisches, und Brittany entging nicht, wie langsam und sinnlich er die Finger dabei über die glatte Oberfläche gleiten ließ. „Schöner Schreibtisch“, bemerkte er.

„Setzen Sie sich. Möchten Sie etwas trinken?“

„Nein, danke.“ Emilio ging im Zimmer umher und betrachtete alles mit großem Interesse. „Wir haben den gleichen Kunstgeschmack, wussten Sie das?“, bemerkte er und betrachtete ein abstraktes Bild des holländischen Künstlers Mondrian.

„Ja, ich mag die moderne Kunst auch am liebsten. Ich habe Sie übrigens schon öfter in Galerien gesehen. Sie können gern den Mantel ablegen, wenn Sie möchten.“ Brittany setzte sich in einen der Sessel.

Er folgte ihrer Aufforderung, legte den Mantel über die Lehne eines Stuhls und trat dann ans Fenster. Grüne Palmwipfel bewegten sich sanft im Wind, darunter waren wunderschöne Blumenbeete mit roten, gelben und violetten Hibiskusblüten angelegt. Ein gepflegter Rasen reichte bis zum Sandstrand hinunter, und in der Ferne blitzten die Lichter der Luxusjachten.

„Ein wirklich schönes Stück Land“, murmelte Emilio mit seiner tiefen, samtweichen Stimme. Im nächsten Moment zog er einen Sessel zu Brittany heran und setzte sich ihr erwartungsvoll gegenüber.

Brittanys Neugier wuchs von Sekunde zu Sekunde. Als sie ein Bein über das andere schlug, schien Emilio einen Moment abgelenkt, aber dann sah er ihr wieder ins Gesicht.

„Sie sind heute Abend also doch nicht nur gekommen, um hier zu essen“, stellte sie schließlich fest.

„Doch, ich wollte tatsächlich nur essen und dachte eigentlich, um diese Zeit längst zurück im ‚El Diablo‘ zu sein. Was unser Gespräch angeht, hatte ich ursprünglich vor, Sie morgen anzurufen und um einen Termin zu bitten. Ich habe wirklich nicht erwartet, Ihnen hier zu begegnen. Die letzten Male waren Sie ja auch nicht da.“

„Okay. Hier sind wir also. Sie brauchen nicht bis morgen zu warten. Worum geht es?“

Emilio sah sie noch einen Moment lang stumm an. Was immer er zu sagen hatte, es musste etwas Ernstes sein.

„Sie wissen doch, wie schnell sich in unserem Geschäft die Dinge herumsprechen“, sagte er schließlich.

Seine Worte ließen Brittany erschaudern, ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt. Es war eindeutig, worauf er anspielte.

„Was meinen Sie?“, fragte sie steif und wünschte gleichzeitig, sie würde gelassener klingen.

„Ihr Buchhalter ist verschwunden.“

„Ja, das stimmt. Aber Sie sind doch sicher nicht hier, nur um das bestätigt zu bekommen?“

„Nein. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich frage, ob Ihre Brüder davon wissen?“

„Nein, das tun sie nicht. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich entsetzt bin, wie schnell sich meine Probleme herumgesprochen haben. Mir wäre es sehr viel lieber, meine Brüder würden vorerst nichts davon erfahren.“

„Das kann ich mir denken“, erwiderte Emilio lächelnd.

„Worauf wollen Sie hinaus?“, drängte sie ihn ungeduldig.

„Ich könnte mir vorstellen, dass Ihr Buchhalter nicht einfach so verschwunden ist.“

„Gut erkannt. Er ist mit meinem Geld abgehauen. Aber das hat nicht das Geringste mit Ihnen und dem ‚El Diablo‘ zu tun. Was wollen Sie also?“

„Ich möchte Ihnen ein Geschäft vorschlagen“, antwortete Emilio gelassen.

Brittany hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich verkaufe ‚Brittany Beach‘ nicht“, sagte sie heftig und ballte wütend die Hände zu Fäusten. Offenbar hatten sich die Geier schon über ihr versammelt.

„Deswegen bin ich auch nicht hier“, beschwichtigte Emilio. „Sie haben bislang großartige Arbeit geleistet.“

„Was wollen Sie dann? Wenn Sie glauben, ich leihe mir das Geld von Ihnen, dann muss ich Sie enttäuschen. Das kommt nicht infrage. Eher würde ich zu meiner Familie gehen!“

„Nun, das glaube ich kaum“, antwortete er ruhig. „Wenn Sie das tun wollten, hätten Sie es längst getan. Ich muss sagen, es wundert mich, dass Ihre geschäftstüchtigen Brüder noch nichts von dem Verlust erfahren haben.“

„Sie sind zu sehr damit beschäftigt, das Erbe unseres Vaters zu regeln“, erklärte Brittany und dachte an die Verlesung des Testaments vor einem Monat. Welchen Schock hatten sie alle erlitten, als herauskam, dass ihr Vater über Jahre eine Geliebte und mit ihr eine uneheliche Tochter hatte! Cassie Sinclair, die junge Leiterin des „Garrison Grand Bahamas“, war überraschend als gleichberechtigte Erbin eingesetzt worden. Brittany erinnerte sich nur zu gut, wie vor allem Parker außer sich gewesen war vor Wut.

Ob auch diese Neuigkeit schon die Runde gemacht hatte?

„Wie Sie vielleicht wissen, ist mein Bruder Parker frisch verliebt, also glücklicherweise mit sich selbst beschäftigt“, bemerkte Brittany. „Meine anderen Brüder kümmern sich ebenfalls um die Regelung des Nachlasses. Das wird mir wohl eine kleine Gnadenfrist verschafft haben. Also, wenn Sie mich nicht aufkaufen und mir auch kein Geld leihen wollen, was haben Sie dann im Sinn?“

„Einen Deal. Ich komme für Ihren Verlust auf, ohne das Geld zurückzuverlangen.“

Brittany war sprachlos. Ohne das Geld zurückzuverlangen. Die Worte nagten an ihr, sie wusste, dass ihre verzweifelte Lage ihr eigentlich keine Wahl ließ. Und trotzdem war ihr erster Impuls, das Angebot abzulehnen. Sie wollte sich einfach nicht auf ein Geschäft mit einem Fremden einlassen.

„Danke, aber ich glaube nicht, dass sich das machen lässt“, antwortete sie höflich. Es war ein unangenehmes Gefühl, zu wissen, dass ein Außenstehender über ihre finanzielle Krise Bescheid wusste.

„Antworten Sie nicht übereilt“, bat Emilio. „Lassen Sie uns darüber reden.“

Als sie den Kopf schüttelte, beugte er sich vor und nahm ihre Hand in seine. Brittany musste schlucken. Seine Hand war warm und hielt ihre ganz sanft, und dennoch spürte sie die natürliche Autorität und Stärke, die von ihm ausging. Allerdings ließ auch sie sich nicht leicht gängeln! Nicht einmal von einem so attraktiven Mann wie Emilio Jefferies. Rasch zog sie ihre Hand zurück und umklammerte die Armstützen ihres Sessels.

„Ihr Bruder Parker besitzt als Vorstandsvorsitzender alle Mittel, um Ihnen zu helfen. Aber ich verstehe Ihre Abneigung, Ihre Familie anzubetteln“, sagte Emilio.

„Ich habe vor, allein damit fertig zu werden.“

„Aha“, bemerkte er, offensichtlich zufrieden.

Brittany war so verwirrt wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie hasste die Situation, in der sie sich befand. Am liebsten hätte sie Emilio fortgeschickt, aber ihre Verzweiflung war zu groß. Schließlich gab sie der Versuchung nach und fragte: „Sie würden also meine Verluste decken. Und was würden Sie dafür verlangen?“

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