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Eine souveräne Frau

Gabriele Wohmann

Eine souveräne Frau

Die schönsten Erzählungen

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Georg Magirius

Inhaltsübersicht

Ein unwiderstehlicher Mann

Käme doch Schnee

Der Strom

Große Liebe

Die Bütows

Flitterwochen, dritter Tag

Eine souveräne Frau

Hilfe!

Die Inselkrankheit

Verliebt, oder?

Wer kommt in mein Häuschen

Der Irrgast

Die Liebe zu den kalten Ländern

Ein russischer Sommer

Der grüne Kuss

Deutsche Antworten

Kurz ist besser

Die Schönste im ganzen Land

Nennen wir es doch Parkhotel

Vor Tische las mans anders

Im Karijini-Park

Schweizer Messer

Vanessas Salon

Ich hab doch ganz andere Sorgen

Puddingkreppel

Little Land

Nachwort

Textnachweis

Ein unwiderstehlicher Mann

Das Ganze liegt jetzt schon ein Jahr zurück, und es ist eigentlich traurig, dass ich mit Weihnachten nichts Besseres anzufangen weiß, als eine Geschichte zu Papier zu bringen, die ausgesprochen unweihnachtlich ist. Das Weihnachtsfest einer alten Jungfer, die es verschmäht, eine fortschreitende Ergrauung ihrer Haare in Zusammenarbeit mit einem tüchtigen Friseur zu bekämpfen, kann aber vielleicht nicht sinnvoller begangen werden als mit der intensiven Versenkung in eine Vergangenheit, die ihr die Erbärmlichkeit ihres Jungfernstandes recht grausam vor Augen führte.

Ich erinnere mich allzu genau an jenen Weihnachtsabend vor einem Jahr, an Allans nervösen rechten Fuß, der unaufhörlich auf und ab wippte, an Brendas versteinertes Gesicht und an den fatalistischen Ausdruck auf den blassen Zügen der kleinen Wilden, an ihre langen, ineinander verkrampften Finger mit den dunkelrot gefärbten Nägeln. Und zwischen diesen dreien saß ich, und ich weiß noch sehr gut, dass ein unbehagliches Gefühl, das mir meine bloße Anwesenheit in dieser Gesellschaft verursachte, mit einem starken Druck auf den Magen koordiniert war und dass ich, neben allen anderen Empfindungen, den dringenden Wunsch verspürte, den Reißverschluss meines engen Tweedrockes zu öffnen. Ich tat es schließlich, und ich verbarg die schändliche Stelle, die eines der Symptome meines Alterns verriet, mit einem Zipfel meiner schwarzen Stola.

Aber ich muss von vorne anfangen, um die Kontinuität begreiflich zu machen, die diesen verhängnisvollen Abend endlich hervorbrachte. Es begann mit einer Einladung Brendas in ihr kalifornisches Heim, wo ich die Sommerferien verbringen sollte. Ich war damals noch amerikanischer Neuling, ich fühlte mich fremd und isoliert in der kleinen Stadt im Mittleren Westen, ich kam mir vor wie ein winziges Pünktchen in einer riesigen, endlosen Unbegreiflichkeit: Amerika. Meine Kollegen vom College behandelten mich mit einer gewissen Distanz, wenn auch nicht ohne jene naive, verständnislose Herzlichkeit, mit der man mir hier überall begegnete. Ich war damals erschöpft und ein wenig enerviert von allem: von der schlechten Aussprache meiner Schüler, von der munteren Fortschrittlichkeit meines Chefs, von den neubarocken Möbeln in meiner winzigen Wohnung und von der amerikanischen Küche. Und hauptsächlich litt ich unter Einsamkeit. Umso angenehmer berührte mich die Einladung Brendas, und wenn ich auch nicht ohne Skepsis gegenüber dem fuhr, was mich erwarten würde, so wusste ich doch mit einem Gefühl der Erleichterung, dass meine Reise mir wenigstens Veränderung und damit eine Unterbrechung meiner Einsamkeit bringen würde.

In der Tat lebte es sich vorzüglich bei den Dennets. Mir zuliebe kochte man französisch, man führte mich überallhin, wo es etwas anzustaunen und zu bewundern gab, man zeigte mir die größten und ältesten Bäume der Welt, den fruchtbarsten Boden, die dicksten Seehunde, das tiefste Tal und den höchsten Berg dieses Staates der Superlative. Und nebenbei verliebte ich mich in den unwiderstehlichsten Mann, der mir je begegnet ist, in Brendas Mann, den vielbeschäftigten Architekten Allan Dennet. Die wenigen Stunden, in denen ich ihn zu Gesicht bekam, genügten, um mich in einen für mein Alter nicht nur lächerlichen und unwürdigen, sondern auch außerordentlich schmerzhaften Zustand zu versetzen. Was mir in neununddreißig Jahren mit der größten Anstrengung nicht gelang, vollzog sich hier unter der Sonne Kaliforniens mühelos und ohne eigenes Dazutun: ich brannte lichterloh, ich durchlitt – allerdings ganz für mich allein – sämtliche Phasen der Leidenschaft, und ich verzehrte mich – unsichtbar für die Außenwelt, da ich äußerlich nicht den geringsten Schaden nahm – in einer unzeitgemäßen und absurden Liebesglut für einen Mann, der zwei Jahre jünger war als ich und dessen Frau meine beste Freundin ist. Ich machte damals mein privates Fiasko der Verspätung ganz mit mir allein ab, nachdem ich endgültig hatte erkennen müssen, dass Allan nicht in dem Sinn Augen für mich hatte, wie es die Liebe verlangt. Mit schmerzender Vertraulichkeit pflegte er mir auf die Schulter zu klopfen und »meine Alte« zu sagen, und seine evidente Zuneigung äußerte sich in einer kameradschaftlich-brüderlichen Kumpanei, die mich in meinem Zustand umso heftiger verletzen musste.

Aber ich reiste ab ohne Groll; ich fuhr in mein College in der Erwartung einer entschärften Einsamkeit, denn meinen Gedanken hatte sich durch diese verspätete Liebe ein ganz neuartiges und für mich noch völlig unbekanntes Feld geöffnet. Es müsste nett sein, »an jemanden denken« zu können, während man mit Kollegen zusammensaß, und aufregend, sich allein über der Lektüre in Träume und Erinnerungen zu verlieren. Es wäre ein Ausweg aus der Umklammerung der Langeweile. Endlich hatte ich meine »Liebe«, meine »Leidenschaft«, wenn sie auch unbestreitbar das war, was man hoffnungslos nennt. Ich hegte keinerlei Zweifel über die Unerfüllbarkeit meiner heimlichen Wünsche und über die Absurdität meiner phantastischen Vorstellungen, die ich mir an langen Herbstabenden in meinem kleinen Zimmer machte und in die ich mich einspann. Ich umgab mich mit einem Filigran von Einbildungen und Zukunftsgemälden, an dem ich mit stillem Vergnügen weiter und weiter knüpfte, ohne doch darüber im Unklaren zu sein, wie sehr ich meine Selbstachtung reduzierte, wie tief sich mein träumendes, verliebtes Ich vor dem beobachtenden, rationalistischen Ich degradierte. Ich ignorierte alles das, was mich vor mir selbst lächerlich machte: den Verstoß gegen die chronologischen Gesetze der Liebe, die Symptome des törichten Backfisches, die ich an mir wahrnahm, die Unproduktivität dieses neuen, sonderlichen Zeitvertreibs. Es genügte mir, dass meine Gedanken von Allan absorbiert waren und dass somit dem Trübsinn und der Beschäftigungslosigkeit meiner Freizeit ein Ende gesetzt war.

Für meine Umwelt blieb ich unverändert: meiner Vermieterin war ich nach wie vor die etwas schrullige Französin, die ihre touristenhaft gefärbten Meinungen über Paris und über die Pariserinnen durch mangelhaftes make-up und durch bescheidene Garderobe bedrohte und enttäuschte. Sie begnügte sich wohl allmählich mit der tröstlichen Verheißung von den Ausnahmen, ohne die keine Regel besteht. Für meine Kollegen blieb ich die intellektuelle Freundin einiger berühmter Literaten, ja, ich genoss sogar ein wenig Ansehen, gemixt aus Quartier-Latin-Romantik und Sorbonne-Ruhm. Und meine Schüler bemerkten kein Nachlassen in meinem ostentativen Abscheu vor jedem falschen Klang und keine Verminderung in der Beurteilung des Verbrechens, den Indikativ da zu gebrauchen, wo nur der Konjunktiv stehen darf. Ich machte Frühling, während alle mich mitten im Herbst wähnten oder doch in einem temperierten Spätsommer.

Weihnachten verging zu meiner Enttäuschung ohne Einladung: die Dennets reisten nach Europa. Ich versuchte vergeblich, ihnen die Nachteile gerade einer winterlichen Reise klarzumachen; sie fuhren ab, und ich sah sie vor dem Sommer nicht wieder.

Da allerdings wurde es herrlich. Allan übertraf sich selbst in dem, was er uns bot: wieder schwamm ich im Pazifik, wieder tauchte ich in die dichtesten und höchsten Wälder ein, und wieder bewunderte ich Naturschutzparks und feierte Blumenorgien. Und wieder genoss ich vor allem die Nähe eines Mannes, den mir intensive Beschäftigung eines langen Jahres so nahegebracht hatte, dass ich mich oft wie ertappt fühlte, wenn seine Augen die meinen plötzlich trafen, während sie ihn betrachtet hatten. Ja, ich fürchtete, er möge die fundamentale Kenntnis seiner selbst in meinem in flagranti erwischten Blick erkennen. Aber er war ahnungslos und blind wie alle Männer. Ich erstaunte darüber, wie blind sie sind, wenn sie sich nichts aus der Frau machen, die sie liebt – sie stellen sich schon dumm genug an, wenn es sich um eine amour réciproque handelt.

Eines Abends verriet mir Brenda den Grund ihrer besonderen Heiterkeit, die ich an ihr beobachtet hatte: ihre Reise nach Europa brachte ihnen die erfreuliche Gewissheit, dass sie endlich ein Kind haben konnte. Allan wünschte es sich seit Jahren, und ich erfuhr von einer Gefährdung ihrer Ehe, die in ihrer Kinderlosigkeit gelegen hatte und die mir vielleicht aus einfachem Mangel an Verständnis auch dann noch entgangen wäre, wenn ich mich wirklich um eine Chance bei Allan bemüht hätte. Jetzt würde Brenda ein Kind haben, und sie war glücklich.

Ich stand diesem blinden Fortpflanzungswillen ein bisschen verständnislos gegenüber; es erschien mir reichlich albern, nur aus Sehnsucht nach Nachkommenschaft von einem Professor zum andern zu pilgern. Ich versuchte, Allan mit einer gewissen Geringschätzung gegenüberzutreten, die ich tatsächlich empfand, aber es gelang mir nicht: daran erkannte ich den Grad meiner Verliebtheit.

Ich fürchtete, mein Alter und das ausgesprochen weibliche Leben, das ich bis zu der Begegnung mit Allan geführt habe, machten mich besonders empfänglich für seine intensive, konsequente Männlichkeit. An ihm gefiel mir, was mich früher an andren abgestoßen haben würde. Seine unsinnigsten Behauptungen und Forderungen atmeten den Geist männlichen Herrscherbewusstseins. Seine Art, sich zu kleiden, hätte ich bei jedem anderen Mann als aufdringlich extravagant und gar dandyhaft abgelehnt. Aber Allan sah ich gern in seinen engen, schneeweißen Hosen und in den hauchzarten Pullovern, in deren Ausschnitt er bunte Shawls zu tragen pflegte, und ich hegte ehrliche Bewunderung für die feinen Socken, die seine schlanken Knöchel umspannten, und für das erlesene Schuhwerk, das er trug. Er war ein wenig eitel, doch es stand ihm gut. Weil sie mir als der natürliche Ausdruck einer Selbstverständlichkeit schien, bedeutete seine Eitelkeit nichts Unwürdiges, war sie nicht eine Einbuße seiner Herrlichkeit. Ich liebte es, ihn strahlen zu sehen, zu beobachten, wie er sich selbstherrlich in seinem Glanz badete, wie er schritt und sprach und handelte in dem Schutz einer Sicherheit, die allein das Wissen von der eigenen Perfektion verleiht. Mich hatten Mademoiselle Cleremys Gymnastikkurse nicht so »enthemmen« und selbstbewusst machen können wie Allan das Bewusstsein seiner eigenen kompetenten Männlichkeit.

Wieder musste ich abreisen, und wieder war ich beladen mit Erinnerungen und neuen Eindrücken, die ich mit mir trug in mein stilles Reich einer etwas gewaltsamen Gelehrsamkeit. Ich kehrte zurück in meine vier Wände, die allzu viel Geschmacklosigkeit bargen, um in mir jemals ein Gefühl des Zuhauseseins wecken zu können. Ich war ziemlich deprimiert nach diesen Ferien, und ich konnte nichts Rechtes mehr mit meinem absatzlosen Liebesvorrat anfangen. Ich kam zu dem Schluss, in die Wirklichkeit zurückzukehren und die Allanromantik aufzugeben.

Da kam Brendas Brief. Es war ein Brief, wie ich ihn nie von einem Menschen erwartet hätte, der mir, als ich ihn vor ein paar Wochen verließ, der Zufriedenste auf der Welt zu sein schien. Er war ein Hilferuf, ein Flehen um Rat und um ein wenig Trost, und er ließ mich betäubt, zuerst ungläubig und dann fassungslos, ohne Verständnis. Allan betrog seine Frau. »Er behauptet, sie zu lieben; zum ersten Mal in seinem Leben empfinde er wahre Leidenschaft, sagt er«, hieß es da. »Er brachte sie sogar mit hierher, zu einer Aussprache, wie er sagte. Sie sei sehr zart, und ich solle sie schonen, trug er mir auf. Und er wünsche, dass alles im Guten geklärt werde. Aber obwohl ich doch das Kind von ihm habe, weiß ich, dass ich mit so viel Jugend und Unverschämtheit nicht konkurrieren kann.« So ging es über fünf Seiten hin. Das junge Objekt von Allans spontaner und elementarer Liebe stellte Brenda mir als Kostümzeichnerin und Bühnenbildnerin vor, deren Ambitionen dem Film gehörten. Da Allan gar keine Beziehungen zum Film hatte, konnte man die Gefühle des Mädchens bedauerlicherweise nicht auf das Gleis von Ehrgeiz und Aufstiegshunger abschieben, und in Allan konnte man nicht den Übertölpelten, Angeführten sehen. Das erschwerte das Problem.

Auf beiden Seiten bot sich das Bild einer ernstzunehmenden Leidenschaft, ernstzunehmend vor allem deshalb, weil sie absurd und nicht zu rechtfertigen und unmotiviert war und weil sie einen Mann wie Allan überfiel. Einem von der Leidenschaft gezeichneten Allan konnte man als Frau nicht widerstehen, man musste sich ihm ergeben und ihm folgen, wohin es auch sei. Allan brachte so viel unbewusste Eignung und Geschicklichkeit für das Geschäft des Liebens mit, dass man ihm als Äquivalent absolute Liebe und Hingabe zollen musste. Zudem schien Allan seine Partnerin gefunden zu haben, die weibliche Frau hatte den männlichen Mann getroffen, und ihre Liebe würde nicht nur Farce sein, sondern ein echter Zweikampf unter Gleichwertigen.

Brenda nannte das junge Mädchen ungezähmt, nicht einmal hübsch, viel zu mager, um je den Argwohn einer jener netten, alterslosen und adretten Ehefrauen zu erwecken, zu denen Brenda gehörte. Aber sie sei sehr jung und von einer dreisten Ungeniertheit der rechtmäßigen Besitzerin Allans gegenüber, den sie »nie mehr zu lieben aufhören« könne. Die katastrophale Situation Brendas lag auf der Hand. Auch wenn sie Allan behielte, weil er sich nicht gegen Anstand und Respekt vor einer Frau verginge, die sein Kind zur Welt bringen würde, verlöre sie ihn. Und ich wusste plötzlich, dass sie ihn nie richtig besessen hatte.

Freilich erfordert es schon ein Übermaß an Größenwahn, wenn ein altjüngferliches Geschöpf, wie ich es bin, den Richter über Leute zu machen versucht, die sich auf dem Boden einer realen Praxis bewegen. Und darum hütete ich mich auch, Brenda meine Empfindungen mitzuteilen, die ihr das Gefühl eingegeben hätten, als spräche ich ihr selbst, ihr, der Ungerechtigkeit widerfuhr, die Hauptschuld zu. Ich wollte sie nicht verärgern. Ein echt empfundener Zorn auf Allan, der schließlich nicht nur Brenda, sondern auch mich selbst betrogen hatte, mich selbst und mein wunderschönes Filigran der Einbildungen, produzierte einen teilnahmsvolleren Brief, als rein freundschaftliches Mitgefühl vermocht hätte.

Wir wechselten Briefe ehrlicher Empörung; sie alle waren kleine Manifeste enttäuschter und revolutionierender Weiblichkeit, gerichtet gegen diesen Prototyp »Mann«, gegen das unbekannte Wesen, das uns so ähnlich war, dass man entweder seine Menschlichkeit oder die unsrige in Frage stellen musste. Hatten meine sowohl fragenden als auch tröstenden Briefe fast ausbeuterischen Charakter, so entbehrten die Litaneien Brendas nicht eines gewissen Neides auf mein unabhängiges und friedliches Ledigsein, den ich ihr nicht zu nehmen versuchte, mit der boshaften Freude daran, einmal im Leben um etwas, und sei es auch noch so nichtswürdig, beneidet zu werden, aber wie viel lieber hätte ich wie Brenda gelitten, als in der Sterilität meines Collegedaseins zu verharren und das Leben wie durch das Objektiv eines Fernrohrs zu beobachten. Allerdings muss ich zugeben, dass es sich recht geruhsam hinter den Palisaden einer weniger rigoros verteidigten als relativ unangefochten gebliebenen Jungfräulichkeit haust, und sosehr ich oft die Eintönigkeit meiner Existenz verabscheue, so wenig zweifle ich doch daran, dass ich mich zu gut an sie gewöhnt habe, um sie nicht doch zu vermissen, wenn ich sie je verlöre. Meine Trostbriefe an Brenda verrieten nichts von der Vielschichtigkeit meiner Gefühle, kein falscher Ton ließ auf einen gewissen Anteil an selbstsüchtiger Neugier schließen. Es waren die Briefe zweier Komplizen in einer Verschwörung gegen die brutale Macht »Mann«.

Die Weihnachtsferien rückten näher, und Brenda flehte mich an, sie nicht im Stich zu lassen: ich müsse einfach kommen. Ich ließ mich lange bitten und willigte nur zögernd ein: hässliche Taktik der Unaufrichtigkeit, aber sie schien mir notwendig. Ich wollte nicht, dass Brenda meine aus jahrelanger Einsamkeit geborene Sensationslust erkannte. Dass ich hauptsächlich aus Liebe zu Allan fuhr, hätte sie mir selbst dann nicht geglaubt, wenn ich dumm genug gewesen wäre, es ihr mitzuteilen.

An den ersten beiden Tagen bei den Dennets bekam ich Allan gar nicht zu sehen. Und dann kam schon jener Weihnachtsabend, der so theatralisch-verhängnisvoll enden sollte. Ohne die geringste Anstrengung vermag ich mich in den gediegenen Salon der Dennets zurückzuversetzen: ich sehe wieder die blauen Rauchwolken aus Allans Pfeife emporsteigen und unter dem Schein der Stehlampe zerfließen, ich glaube, das Aroma eines Allan’schen Cocktails auf der Zunge zu spüren, und mein Herz klopft wie damals in einer rekonstruierten Anwesenheit dieses Mannes und der beiden Frauen, die Ansprüche auf ihn machten. Dieses äußerlich so harmonische und friedliche Bild einer gemeinsamen Weihnachtsfeier war trügerisch. Allan sollte sich nach dem Willen Brendas an diesem Abend noch entscheiden, er sollte unter den beiden Frauen wählen, die scheinbar gleichgültig in ihren Sesseln saßen und eine Konfrontierung erduldeten, die sie nur durch ihren Zustand hochgradiger Erregung rechtfertigen konnten. Es war nicht schwer zu entscheiden, wer von den beiden die meisten Chancen bei Allan hatte: sein Blick eines verwundeten Tieres bohrte sich in die wirklich bezaubernde Sally Whitebrook. Trotz ihrer Magerkeit und ihrer ein wenig verwilderten Aufmachung war sie reizvoll und von einer unamerikanischen Individualität; sie wirkte erfrischend und wohltuend in der vornehmen, ein bisschen düsteren Steifheit des Salons.

Brenda hatte ihren einzigen Vorsprung in dem Wettrennen um den eigenen Mann verloren: auch Sally erwartete ein Kind. Die Angelegenheit der Dennets hatte sich seit dem Sommer in einer Weise zugespitzt, die mir in Brendas Briefen entgangen war. Ich sah jetzt, dass Brenda manches verschwiegen hatte. Allan war im Herbst mit Sally entflohen, und in irgendeinem verwunschenen Fischernest an der kanadischen Küste hatten sie ekstatische vierzehn Tage der Leidenschaft erlebt. Nach dieser Offenbarung der Liebe weigerte sich Sally noch entschiedener als zuvor, auf Allan zu verzichten. Und außerdem verschaffte ihr das Kind ein gewisses Recht auf ihn, beinah das gleiche Recht wie das seiner Frau. Die Situation war prekär, tragisch und komisch zugleich, und es war mir klar, dass meine Rolle an diesem Abend und für die ganzen Ferien keine rein passive sein sollte. Die Bestätigung meiner Vermutung erfuhr ich von Allan selbst.

Als Brenda und ihr Gast nach oben gegangen waren und auch ich mich zurückziehen wollte, hielt Allan mich am Arm fest und bat mich, noch bei ihm zu bleiben. Er müsse unbedingt mit mir reden. Ich blieb, schwankend zwischen Ärger und Freude. Seine Liebe besaß ich nicht, ich würde für ihn niemals in dem Sinn eine Frau sein, wie ich es gewünscht hätte – so sollte mich wenigstens sein Vertrauen auf die Hilfe, die ich ihm sein könnte, trösten. Aber ich zeigte ihm nur den Ausdruck der negativen Gefühle, die seine Bitte in mir hervorrief, und mit den Anzeichen eines gutmütigen Ungehaltenseins ließ ich mich seufzend wieder in meinem Sessel nieder. Er schritt erregt auf und ab.

Ich erinnere mich noch genau an den Klang seiner Stimme, als er dann zu sprechen begann: sie war anders als sonst, beinah pathetisch, und doch wieder verwirrt und ärgerlich über sich selbst, über ihr verräterisches Unbeherrschtsein. Ich finde es immer verächtlich, wenn Männer nicht den Mut zum Bekenntnis ihrer Gefühle haben – ein Mangel, den sie bei uns Frauen aufs energischste kritisieren. Aber bei Allan gefiel mir einfach alles: ich hätte ihn auch wohl noch geliebt, wenn er schlimmere Proben von Feigheit geliefert hätte. Ich liebte alles an ihm, auch seine Unsicherheit und seine Schwäche. Ich liebte das Aufundabzucken seines Kehlkopfes, das mich an das ängstliche Flügelschlagen eines neugeborenen Vogels erinnerte. Ich liebte die Bewegung seines Unterkiefers, eine Art Malmen – sicheres Anzeichen für Nervosität bei allan. Ich verlor mich in solche Details, während seine Erklärungen und Beschwörungen an meinem Ohr vorüberrauschten und ich nicht viel mehr von ihnen aufnahm als die Klangfärbung, das plötzliche Schwanken der Stimme, die Modulation des Tons. Allan war kein Rhetoriker und auch kein guter Komödiant. Er war bis in die letzten Tiefen seiner konsequenten Männlichkeit hinein ehrlich, keiner Verstellung fähig. In seiner Liebesgeschichte hatte er sich von Anfang an so ungeschickt angestellt, nur weil er so ehrlich, fast ein wenig dumm, und weil er von keiner amourösen Vergangenheit vorbelastet war. Jetzt tastete er in einem selbst verschuldeten Labyrinth unsicher wie ein Blinder nach dem Ausgang, und ich sollte ihm als Ariadnefaden dienen.

»Du bist Französin, Marcelle«, sagte er. »Ihr versteht mehr von der Liebe. Ihr habt mehr Talent dazu. Sag mir, was deine Landsleute in meiner Situation tun würden. Ich bin überzeugt, sie würden sich für die Liebe entscheiden.«

Ich schluckte die Bemerkung über mein französisches Talent für die Liebe – sein Fehlen mag wohl eine deutsche Urgroßmutter verschulden – und sagte scharf:

»Nein. Wir sind Rationalisten und keine Romantiker. Wir tun immer, was sowohl angenehm als auch vernünftig ist.« – »Aber das Angenehme ist niemals vernünftig«, rief Allan. »Für uns eben doch«, behauptete ich starr.

Die Problematik Allans jedoch war, dass er nicht einmal mehr wusste, wo der angenehme Weg lag. Die Ankündigung eines zweiten Kindes hatte ihm das Steuer vollends aus den Händen gerissen. »Du könntest Sallys Kind adoptieren«, schlug ich vor. »Es könnte gemeinsam mit dem andern aufwachsen.«

»Und nicht wissen, wer wirklich seine Mutter ist? Niemals wirklich geliebt werden?«, brauste Allan auf. »Nein, niemals!«

Er schien mir anfängerhaft pathetisch und ein bisschen lächerlich. Er ließ sich mir gegenüber auf dem Seitenpolster eines Sessels nieder und beugte sich dicht zu mir vor. Das war beinah zu viel. Ich zündete eine Zigarette an und lehnte mich weit zurück.

»Eine andere Möglichkeit wäre, die Entscheidung zu vertagen«, sagte Allan langsam und auf einmal ruhig. »Man würde die Geburt der Kinder abwarten. Da ich mir sehr heftig ein Mädchen wünsche, würde ich der Frau gehören, die ein Mädchen zur Welt bringt.«

Ich lachte laut auf. Lotteriespiel mit Embryos: eine aparte Neuheit. Ich hielt dem ahnungslosen Don Juan vor, dass so viel Spannung eventuell dem Gesundheitszustand während der Schwangerschaft abträglich sein könnte und vor allem dass es ein wenig unfair sei, sich derjenigen zu entziehen, die nicht ganz ohne seine eigene Mitwirkung »nur« mit einem Jungen gesegnet werde.

»Du bist frivol«, behauptete Allan, »frivol wie alle Franzosen.« Er schien nicht zu bemerken, wie paradox gerade dieses Prädikat nach seinem sonderbaren Vorschlag war. Es machte mir Spaß, ihn noch mehr zu verspotten: Liebe existiert nie ganz ohne den Wunsch, zu kränken und zu verletzen, und unerwiderte Liebe grenzt oft an Hass.

»Was aber geschähe, wenn beide Mädchen würden oder beide Jungen?«, fragte ich. »Man müsste die Entscheidung noch von anderen, außergeschlechtlichen Eigenschaften der Kinder abhängig machen: Haarfarbe, Statur, Intelligenz. Man müsste differenzieren …«

»Oh, sei still!«, unterbrach mich Allan und sprang wieder auf. Er senkte die Stimme und fuhr feierlich fort: »Ich dachte, du wolltest mir helfen. Ich glaubte, du würdest es übernehmen, mit Brenda zu sprechen oder mit Sally, wer immer zurückstehen soll.«

Ich fürchte nichts so sehr wie Sentimentalität, weil sie mir so fern liegt, dass sie mich allein schon aus Neugierde rührt. Ich bemerkte, dass Allan so weit war, hoffnungslos sentimental zu werden. Ich sah ihn mir an, wie er mitten im Zimmer stand, hochgewachsen und schlank, sehr schön und sehr männlich, und ich brannte vor heimlicher bitterer Sehnsucht danach, in einer anderen Art und Intimität hier mit ihm vereint zu sein als der wenig erfreulichen, die mir beschert worden war, ohne dass ich sie erbeten hatte. Es zuckte um seine Lippen, die nicht dazu erschaffen waren, vernünftige Worte zu formen, sondern deren Bestimmung es einzig schien, Verwirrung anzurichten. Seine ganze männliche Schönheit war in diesem Augenblick negativ; ihre Macht, zu beglücken, war der, zu zerstören, erlegen. Da stand er wie ein Angeklagter, ein Verbrecher wegen einer unverschuldeten Berufung für die Leidenschaft. Nicht nur die beiden Frauen, die ihn liebten, waren seine Opfer – und ganz nebenbei auch ich –, er selbst war es in hohem Maße, er war das Opfer seines eigenen anbetungswürdigen Körpers, seiner männlichen Macht, mit der er mühelos jeden Sieg über die Weiblichkeit erringen musste.

»Du warst schlau, Marcelle«, sagte er trostlos. »Man sollte nicht heiraten. Man kann nicht während eines winzigen Augenblickes, innerhalb der Sekunde, in der man das bedeutungsvolle ›Ja‹ spricht, für seine Unverwundbarkeit den Versuchungen eines ganzen Lebens gegenüber einstehen. Es ist eine Idiotie, eine Anmaßung, eine Überbewertung seiner eigenen Widerstandsfähigkeit, die man einfach nicht verantworten kann.«

Ich schwieg. Ich hätte ihm gern gesagt, dass ich nicht aus Schlauheit unverheiratet geblieben war und dass die Idiotie nur die sei, jemanden zu heiraten, den man nicht genügend liebe. Aber da ich ihm hätte erklären müssen, wie kompliziert die Prüfung der eigenen Gefühlspotenz sei, schwieg ich, mehr aus Trägheit als wegen der Gewissheit, dass er doch nicht verstehen würde.

»Ich muss Sally haben«, hörte ich ihn plötzlich gepresst, vollkommen verändert, endlich im Ton ehrlicher, verzweifelter Bestimmtheit. Ich sah auf und erschrak. Er hatte sich an den Schreibtisch gesetzt, die Ellenbogen auf die Platte gestützt, und verbarg den Kopf in den Händen. Ich sah nur sein kastanienbraunes, glattes Haar in einer unbekannten, äußerst reizvollen Unordnung.

Dieser Augenblick ist vielleicht der deutlichste in meiner Erinnerung, er wird unverlierbar sein. Ein intensives Verlangen ergriff mich, aufzustehen, zu ihm hinüberzugehen und dieses Haar zu berühren, mich Allan anzubieten wie etwas, das seinen Wert ohnedies verloren hatte und das er gebrauchen und dadurch wieder wertvoll machen sollte, mit dem er nach seinem Willen verfahren konnte. Ich hatte das Gefühl, als sei der Moment meiner und vielleicht sogar auch seiner Erlösung gekommen: Sehnsucht und Hoffnung schaffen leicht ein Übermaß von Eigendünkel. Ich sah mich schon neben ihm, ich sah den Blick, mit dem er zu mir aufsah, geweckt von meiner imaginären Berührung, noch schwankend zwischen erstaunter Abwehr und erfreuter Annahme. Ich fühlte seinen Mund auf meinen heißen Lippen, die verrückt und sehnsüchtig und höchstens zwanzig Jahre alt waren, und ich ließ der Berührung unserer Köpfe die der Körper folgen: ich schmolz.

Natürlich blieb ich sitzen, ohne zu wissen, ob es klug oder dumm war. Ich blieb sitzen, weil ich mich geschämt hätte, zurückgewiesen zu werden, und weil ich zu ungeschickt in meiner Verliebtheit gewesen wäre, um das Streicheln seines Haares bei seinem fragenden Aufblicken auf eine rein mütterliche Gefühlsbasis zu stellen. Er hätte alles erkannt, und man wünscht nur zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig die Offenbarung auch einer unerwiderten Liebe. Was konnte Allan zu meinem Pech, während dieser Altersspanne nicht einmal eine unglückliche Liebe erlebt zu haben? Ich hatte kein Verlangen nach Allans Quittung meiner vierzig Jahre, gegen deren Würde und Gesetze ich verstieße, wenn ich meinen jugendlichen Gefühlen gefolgt wäre, und so blieb ich sitzen und betätigte mich auf dem Gebiet, das er mir selbst zugewiesen hatte. Ich sprach mit ihm, redete gut zu, fragte und ließ fragen und beantwortete. Allan blieb fest: die Liebe zu Sally sei etwas Elementares, Irrationales und Unbestechliches – er habe ihr zu folgen.

»Liebst du Brenda gar nicht mehr?«, fragte ich sachlich. Je überschwänglicher er wurde, desto mehr trieb es mich zu einer prosaischen, realistischen, ein wenig rohen Fragerei.

»O doch«, widersprach er eifrig. »Ich habe ein gutes, warmes Gefühl für sie. Ein menschliches Gefühl, verstehst du, aber nichts mehr von dem, was das Fluidum zwischen Mann und Frau schafft.«

Ich verstand nur zu gut, ich kannte ja Allans »Fluidum«. »Sally hingegen berauscht mich. Ich begehre sie in jeder

Minute. Es ist etwas, das ich nicht kannte: Leidenschaft.«

Seine Stimme war ganz tief bei diesem Wort, das ich so oft auf ihn und mich bezogen hatte und das er jetzt zum ersten Mal vor mir gebrauchte: leider stand seine aktuelle Bedeutung in einem fatalen Widerspruch zu meinen Hirngespinsten.

»Ich ahnte immer, dass unserer Ehe etwas fehlte, ohne das Fehlende zu kennen. Jetzt habe ich erfahren müssen, dass Brenda mir nicht kongenial ist«, schloss er überheblich, aber er hatte vollkommen recht. Ich versank in Nachdenken darüber, dass in unserer Welt die guten, menschlichen Gefühle von den leidenschaftlichen, berauschenden besiegt werden müssen. Der Selbstvernichtungstrieb des Menschen spornt ihn an und lässt ihn nie im Stich: er braucht kein Mitleid.

Ich stand auf, ich wagte es, das Zusammensein mit einem Mann, den ich liebte, vorzeitig abzubrechen. Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben, und ich glaubte mich zu einem kleinen Scherz als Abschluss und zur Rettung meiner Ehre verpflichtet. So heftig ich das Pathos der Leidenschaft begehrte, so strikt lehnte ich das des tröstenden Beistandes in Seelenfragen ab, zumal bei dem Gegenstand meiner Liebe. So sagte ich leichthin, während ich ihm zum Abschied die Hand reichte:

»Mein einziger Rat ist, dich zu erschießen. Ich kannte einen Franzosen, der das in einem ähnlichen Fall tat. Und es war noch nicht einmal so verzwickt bei ihm.«

Sein verstörter Blick und die Art, wie er meine Hand einfach fallen ließ, nachdem er sie angenehm fest gedrückt hatte, hätten mich aufmerksam machen sollen. Aber ich war blind und nur auf die beißende Wirkung meiner Worte bedacht.

»Für die beiden Damen wäre das das Beste«, fuhr ich fort. »Schon Kindern hilft man Streit und Eifersucht zu vermeiden, indem man den zu sehr begehrten Gegenstand ihrer Wünsche einfach beseitigt oder ihn einem Dritten, Neutralen überlässt.«

Hier hielt ich ein und beobachtete ihn. War es möglich, dass er die Anspielung nicht bemerkte? Er hatte sein Gesicht abgewendet, und ich sah nur sein Profil, unscharf beleuchtet von der Lampe, und das Auf und Ab und wieder Auf des eingesperrten Vögleins in seinem Kehlkopf. Er schluckte ein paarmal, und ich hätte mir einbilden können, dass er weinte. Aber er tat es nicht. Immer noch abgewendet, fragte er:

»Meinst du das im Ernst?«

Ich kann niemals leicht aus dem Ton des scherzhaften Spottes in den des Ernstes verfallen. So nickte ich und sagte:

»Natürlich. So eliminiert man Probleme und geht Konflikten aus dem Weg. Nach einem Jahr der Trauer, sei es um deinen Tod, sei es um deinen Abfall an eine Dritte« – Allan machte eine wegwerfende Handbewegung, die mich ernüchterte –, »worum es also sei, nach einem Jahr werden sich die Feindinnen versöhnt haben, und zwei winzige neue Allans, weiblich oder männlich, ein Kind der Liebe und ein Kind des Willens, werden friedlich miteinander in deinem Garten spielen.«

»Aber die Zeitungen, die Bekannten, die neugierigen Fragesteller?«

Allans Eingehen auf meinen blasphemischen Unsinn machte mich nicht argwöhnisch.

»Da gibt es Ausreden genug«, sagte ich. »Hattest du zufällig beruflich Ärger?«

Allan überlegte.

»Nicht genügend, um einen Selbstmord zu begründen«, sagte er.

Ich dachte ein bisschen nach, mit gespieltem Ernst auf der in Falten gelegten Stirn.

»Lass nur«, wehrte ich dann all seine Bedenken ab. »Der Lärm um deinen sensationellen Tod wird verklungen sein, wenn die Kinder groß genug sind, um das Leben des Vaters zu eruieren. Die Welt vergisst rasch. Es ereignet sich zu viel, als dass alles Wichtigkeit behalten könnte.«

Ich verabschiedete mich von ihm und ging zu Bett. Ich schluckte drei Beruhigungspillen, das Gleiche, was zwei Stunden zuvor Brenda und Sally getan hatten, und fand nicht mehr genügend Zeit, mich über mein ungerechtes und hartes Schicksal, eine ungeliebte und daher sinn- und zweckentfremdete Frau zu sein, zu beklagen.

Die Tragik an Allans Tod liegt in seiner Komik. Keine von uns künstlich Eingeschläferten wurde durch den Knall seiner Pistole aufgeweckt, das Mädchen hatte Ausgang und kam erst zurück, als alles schon geschehen war. Ahnungslos ging sie an der geschlossenen Tür des Salons vorüber, die Stille des Hauses schien ihr berechtigt, nicht verdächtig und beängstigend.

Am Feiertagsmorgen bekamen wir unsere Frühstückstabletts ans Bett gebracht, hatten dem Mädchen jedoch Anweisung gegeben, erst auf unser Klingeln hin bei uns zu erscheinen. Dass Allan nicht klingelte, schien niemandem erstaunlich. Brenda war es gewöhnt, dass er an Sonntagen bisweilen sogar den Lunch verschlief. Wir »weckten« ihn darum auch nicht, als wir uns zur Mahlzeit im Frühstückszimmer niederließen: sie verliefe überdies ohne seine Anwesenheit komplikationsloser und weniger aufregend.

Ich vergesse Brendas Schrei nie, den sie ausstieß, als sie nach dem Essen im Salon nach Zigaretten fahndete. Ausgestreckt auf dem Teppich lag der tote Allan in einer winzigen Blutlache, über seine Stirn lief ein dunkelrotes verkrustetes Band. Ich war erstaunt, wie wenig Blut vergossen werden musste, um einen Mann wie Allan umzubringen. Er war noch ganz und gar er selbst, sein Körper sah nicht tot aus, und doch wäre er nie wieder zum Leben zu erwecken. Ich weiß nicht, ob Brenda und Sally so viel geweint haben wie ich.

Die Ferientage in Gesellschaft einer inquisitorischen und ungläubigen Mordkommission waren eine böse Nervenprobe für uns drei. Ich war wütend auf Allan, weil er uns in diese lächerliche theatralische Situation zwang. Ich reiste ab, sobald ich nicht mehr gebraucht wurde, und neben einem schrecklichen Schuldbewusstsein nahm ich mehr Traurigkeit mit zurück in mein College, als Brenda ahnen konnte. Es war mir egal, ob sie meine vorzeitige Abreise für Gleichgültigkeit, Mangel an Mitgefühl oder eine Offenbarung von Egoismus hielt. Ich hatte ihr natürlich nichts von dem frivolen Ende meines letzten Gesprächs mit Allan gesagt. Auch der Polizei nicht. Wenn sie aber alle gewusst hätten, wie sehr ich ihn geliebt habe, wie verdächtig wäre ich gewesen, wie mühelos hätten sie eine Erklärung für Allans Tod gefunden. Mit dem Kummer, den ich zu schlecht verbergen konnte, würde ich meine Liebe verraten. Ich musste weg.

Ich hatte, ohne es zu ahnen oder zu wollen, mit meinen leichtfertigen Prognosen recht gehabt: Brenda erholte sich leichter von Allans Tod als von seiner Untreue. Dieses unbegreifliche Phänomen weiblicher Gefühlsbeschaffenheit musste ich erkennen, ob ich wollte oder nicht. Brendas Briefe wurden mehr und mehr zuversichtlich, und sie enthielten sogar eine gewisse gedämpfte Vorfreude auf das Kind, dessen Existenz sich immer deutlicher ankündigte und in dem sie, ich konnte nicht länger daran zweifeln, einen vollwertigen Ersatz für den Mann finden würde, der es gezeugt hatte.

Wie ich es im Spott prophezeit hatte, erfüllte sich das Schicksal der beiden Frauen, die, als er noch lebte, unter keinen Umständen auf Allan hatten verzichten wollen. Brenda erwähnte ab und zu Sally, die einen guten, wenn auch etwas beschränkten jungen Mann gefunden hatte, der bereit war, die Vaterschaft für Allans Liebesprodukt anzutreten. Sally war illusionslos in Bezug auf den Mann, aber voller Zuversicht und Freude in der Erwartung eines Lebens mit dem Kind, mit der fleischgewordenen Erinnerung an eine Liebe, auf die sie jetzt verzichten konnte, weil sie es musste. Ich bin sicher, Allan würde über die friedliche Aufnahme, die sein Tod gefunden hatte, enttäuscht sein; aus seinem Sterben wurde Leben.

Im April erblickte Aline Dennet das Licht der Welt, zwei Monate später folgte Alice Turpin. Armer Allan, glücklicher Allan! Welchen neuen Komplikationen bist du aus dem Weg gegangen, indem du dem Impuls folgtest, den dir eine halb Verrückte eingab, die dich, so viel weiß ich sicher, mehr liebte als die beiden Frauen, die dich umbrachten. Heute vor einem Jahr, in der gleichen Stunde, warst du mir sehr nahe, und ich hätte dich beinah geküsst. Aber ich fühlte das Gewicht jedes einzelnen meiner Jahre und besonders der, die ich älter war als du, und ich wollte nicht ausgelacht werden. Darum flüchtete ich aus der Wirrnis meiner Empfindungen in mein geliebtes Reservat der Ironie, und mein Leichtsinn tötete dich ebenso sehr wie die penetrante Liebe von Brenda und Sally. Aber ich darf mich wohl damit trösten, dass meine frivolen Vorschläge nicht allein dich bestimmen konnten: wahrscheinlich lag die Pistole schon bereit, und der Entschluss war schon gefasst, als ich ihn nur noch festigte.

Ich biete ein erbarmungswürdiges Bild, wenn ich mich so zu rechtfertigen bemühe. Sollte ich nicht zufrieden sein, wenigstens einen Anteil am Leben eines Mannes zu haben, der mich zu lieben und zu empfinden lehrte, wie ich es Jahre der Langeweile hindurch nicht verstand: die Schuld an seinem Tod.

Käme doch Schnee

Der Nebel stockte hinter den Ästen, schneeflockenweiß, die schwarzen Akazienarme hielten ihn mit einer Gebärde starrer Verzweiflung zurück.

Sie bewegte die klammen Zehen, den Strumpf spürte sie, als wäre er nass, auch die Lederhöhle des Schuhs nass – es war zu kalt, um noch auf Bänken zu sitzen. Breit streckte sich der morschende Mantel abgemähter Felder über die flachen Buckel von Loms – käme doch Schnee, Schnee wie Schlaf, dicker Schlafschnee.

– So lang werd ich heut nicht bleiben können, sagte sie.

– Warum, fragte er, zu kalt oder was?

– Nicht deshalb.

– Aber wie wird das überhaupt im Winter?, fragte er.Sie spürte ihr gemeinsames Warten: hart, zäh.

– Irgendwann musst du mich doch mal in die Wohnung lassen, sagte er.

Plötzlich war der Nebel von fetten schwarzen Flecken gelöchert: stumm fiel die Schar der Rabenkrähen aus dem niedrigen Qualm aufs Feld; sie hörte nur das Flappen der Flügel und meinte, einen sachten Wind zu fühlen, den Windatem der langen Herbstreise. Die großen Vögel hockten in den Stoppeln, steife schwarze Buchstaben irgendwelcher Wörter, fette finstre Zeichen irgendeines Sinns.

– Na also, drängte er, wie soll das im Winter werden, im Freien wirds bald nicht mehr gemütlich sein.

Er ließ sein Auto immer an der Weggabelung stehn und ging ihr bis zum Wäldchen entgegen, wo der Pfad vom Dorf herauf die Landstraße schnitt, aber von da liefen sie noch viele Meter weiter bis zu der vergessenen Bank an der Strecke nach Loms, hier kam nie einer hin, den man bei ihr oder bei ihm zu Haus kannte.

Sie starrte auf die schwarze Vogelschrift im Feld: was um Himmels willen bedeutete das, sicher sollte jetzt eine Entscheidung kommen, und ehe der Schwarm weggestoben und alles weggescheucht und weggewischt wäre, müsste sie wissen, was das bedeuten sollte.

– Na ja, sagte sie träg vor Angst: sie durfte es nicht verpassen, sie musste auf der Hut sein, endlich endlich ein Zeichen; na ja, natürlich gehts so nicht weiter.

Er müsste sie heiraten. Etwa nicht? Oder den Winter wegbleiben und für immer wegbleiben.

– So gehts nicht weiter, sagte sie.

Vielleicht müsste sie ihn ansehn und es ihm sagen, während sie sich zugekehrt waren: Es ist wegen Michel. Die Leute hacken auf mir rum: eine Witwe ohne Treu und Herz, das arme arme Kind, Rabenmutter – Rabenkrähen im Feld, irgendeine Schrift.

– Michel gehts heut nicht so gut, sagte sie.

Sie wollte nicht weg von der Bank, nicht weg von dem steinigen Narbenpfad nach Loms, nicht weg aus dem Nebel hinter den gichtigen, flehend hochgereckten Astarmen der Akazie, wollte keine Wärme unter die Haut, dort bei Michel in dem engen Zimmerviereck, kein Mami Mami und Radiogezeter von unten und Licht aus gute Nacht liebes gutes Michelchen.

Sie sah ihn an, sein eifriges mürrisches Gesicht war noch rot vom schnellen Laufen durch den Nebel – wen sollte sie denn fragen, um zu wissen, ob sie das wollte: diese Haut, Wärme und Trotz und Freundschaft, heiraten, Michel sag Vater, sieh, das ist Vater.

– Man gewöhnt sich dran, sagte er langsam in ihr Gesicht hinein, man weiß, es geht nicht so weiter, aber man gewöhnt sich dran. Um fünf Uhr auf der Bank von Loms, um fünf Uhr jeden Tag, das ist wie der Kern in der Kirsche. Sie sah von ihm weg wieder ins Feld: dort ging von den Ausläufern der schwarzen Horde Unruhe aus, ein paar Vögel schlugen plump in die Höhe, fielen zwischen die andern zurück, blieben ungeduldig, aufstörend.

Sie holte Atem. Irgendwas wollte sie bestimmt. Vieles wollte sie nicht, das meiste wollte sie nicht, aber es musste etwas geben, das sie wollte, einen winzigen verborgenen Wunsch. Sie strengte die Augen an, dehnte die Rippen; die Zehen krümmten sich in den Schuhen. Dieses alles wollte sie nicht verlieren. Was denn? Kalte Füße? Die Bank von Loms? Dann also nicht heiraten?

– Wegen Michel, sagte sie lahm; was redete sie da, wollte sie etwa reden?

Sie hörte und sah und spürte, dass sein Arm sich zurückzog hinter ihren Schultern, und hörte und sah und spürte, dass er wiederkam und näher kam, dicht dicht – was sagte die flüchtig ins Feld getuschte Schrift; ehe der Abend oder der Nebel oder sonst ein Gegner sie auslöschte, müsste sie den Sinn herausgelesen haben.

– Also werden wir heiraten, sagte er mit einer dicken Stimme. Wir werden heiraten.

Sieh sieh, das ist Vater.

Ein Gelächter zankte durch den Schwarm und hob ihn hoch; plump und fett und hohl jammernd, flappten sie niedrig quer übers Feld. Der Nebel klumpte sich, und in die Flockenbündel bohrte der schwarze Keil der Vögel seine Spitze, in die weiche Wolle der Dämmerung – wie Schnee, wie Schlaf, hinter den Astarmen und Zweigfingern; später als die Vogelkörper schluckte der Qualm die keifenden Rufe.

Der Strom

Jeden Abend kam sie; sie war ihnen wirklich lästig. Saß da stumm in ihrem Sessel neben der Heizung; ihr schrecklich bloßes, felsiges Gesicht kehrte sich vom Licht weg. Wenn es manchmal sie beschien, sahn sie die rote großporige Haut wund über die unebne Fläche ziehn zwischen Haar und Kragen, der dicht unterm Kinn den Hals abriegelte. Was konnte man mit ihr anfangen? Die einzige Möglichkeit war, sie einfach zu übersehn, tun, als sei sie nicht da. Sie verkrochen sich unter die schwerfällige Decke ihrer Gespräche; den Geruch von Kaffee und heißer Milch, buttrigen Kuchenböden sogen sie ein. Aber wenn sie, scheinbar zufällig, in Wirklichkeit von etwas gezwungen, das sie nicht nennen konnten, fast nicht spürten, hinübersahn, hinter den gekräuselten Nebeln des Lampenlichts Lisses Gestalt im Sessel suchten, erschraken sie schnell und flüchtig, denn das Gesicht im Trüben leuchtete wie dunkelfarbiges Gestein, und die starren Augen streuten den Glanz wahrer Schätze, die sie auf ihrem Grund verbargen. Einmal müsste man sie ansprechen, vielleicht reden lassen. Aber vorerst veranlasste nichts sie dazu. Sie brauchten ja nur im Licht zu bleiben. Sie steckten die Köpfe dicht in den Dampfdunst über den Tassen und schoben behaglich auf den Sitzen.

– Euer Kreideland ist richtig sanft, wenn man von den Bergen kommt.

Sie sahn alle erschrocken auf, tauchten aus den Lichtschleiern: unter Lisses felsgespannter Haut glomm warm und weich das Vertrauen. Es war die Stunde, in der sie reden musste, und man würde sie kränken, holte man sie nicht in den breiten dicken Schein.

– Nein nein, sagte Lisse, ich bleib hier bei der Heizung, bei euerm eingesperrten Feuer.

Und sie kicherte; wirklich, das hätten sie nicht für möglich gehalten, dass aus dem flachen Spalt in dem kantigen Stein, Lisses Mund, etwas wie Kichern kommen könnte.

– Den Ginster ließen wir brennen und hielten die Schinken drüber; wie der Rauch duftete – so süß roch kein Sommer. Beffe, ich werd euch noch sagen, wer er war, redete immer davon, dass der Duft von Knospen und Blüten und auch der, den die Beeren und die Wurzeln ausblasen, immer viel köstlicher sei als alles, was man erleben kann. So viel Schönes wie die Nase könne kein anderes Organ haben. Ach, wie ich ihm widersprach! Der Strom! Man weiß nie, was er in der nächsten Minute tun wird. Aber langweile ich euch?

Sie verneinten, den Verdacht schoben sie wortreich weg, und sie logen nicht einmal, wenn auch der Inhalt von Lisses Sätzen sie allein niemals gepackt hätte – sie machten sich nicht viel aus Gefühlen. – Ja, das braucht ihr aus purer Höflichkeit nicht von der Hand zu weisen, sagte Lisse geziert und fuhr nach raschem Schweigen mit der metallscharfen Stimme fort: Ich werd euch eine Einleitung geben. Von einer Geschichte hat man nur was, wenn man sie ordentlich von Anfang an hört. Aber diese beginnt nun mal mit dem Strom, er ist ihr Anfang und ihr Ende. Seine sanften bleichen Ufer können ihn nicht beruhigen, er rennt auf die Felsen zu. Er ist scheu, verbirgt sich hinter langen Baumreihen; die Stämme stehn dicht und verstecken ihn, weil sie ihn lieben und mit ihm allein sein wollen. Und wenn eine Lücke die hohe Wand auf lange Strecken wegreißt, fühlt man, wie der Strom sich eilt und wie er wütend und wild ist vor lauter Scham, und man gönnt ihm die schwarzen Schutzfronten der niederen Tabakscheunen. Ja, wir machen Tabak im Tal; das war auch Beffes Beruf, Tabakpflanzer und Röster, was alles dazugehört.

Wieder das Kichern; sie blickten hinüber zum Sessel.

– Beffe, sagte sie langsam mit einem fremden Akzent. Er war nie zufrieden. Ich deutete es ja schon an vorhin, als ich vom Duft erzählte und was er darüber dachte. Nichts genügte ihm. Er verlangte nach etwas Letztem, Endgültigem, aber auch dann, glaube ich, wenn man es ihm zu verschaffen gewusst hätte, würde er sich mit Alltäglichem nicht begnügt haben – und wer weiß denn, ob nicht die letzte Befriedigung ganz banal ist, gar nichts Besonderes, Neues. Nein, er wollte nicht den normalen Punkt am Ende eines Satzes, er wollte ein Ausrufezeichen.

Sie seufzte; das zarte fetzige Windgeräusch aus der dämmrigen Ecke wehte sie an, versetzte sie in Angst. Warum? Lisse erzählte ja gar nichts Aufregendes, eher war es langweilig, was sie sagte, und es enthielt für ihren Geschmack einfach zu viel Gefühl, oder etwas anderes – was aber?

– Ach, der Geruch im September! Das ganze Tal atmet dann die bittere Süße der Tabakblätter, die überall platt und tot und mürb – sie zerfallen euch zwischen den Fingern – zum Trocknen ausgebreitet liegen. Aber Beffe konnte es nicht mehr leiden, bald hasste er die duftenden Versprechen. Warum fand er es besser, sie zu riechen, wonach rochen sie überhaupt, als sie zu fühlen: Erde an der Haut, Wasser zwischen den Lippen? Das war es, glaub ich, unter anderm: dass er nicht schwimmen konnte, darum verstand er nichts vom Wasser; der zweite Grund für seine Unzufriedenheit war wohl seine zu feine Nase, die ihn mit all den großartigen Hoffnungen begaukelte. Ja, das warf ich ihm immer wieder vor: könntest du schwimmen, dann wüsstest du, dass das Wasser mehr erfüllt, als das Bisschen von ...

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