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Eine schottische Affäre

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. 29
  35. 30
  36. 31
  37. 32
  38. 33
  39. Danksagung

Über die Autorin

Jennifer McQuiston lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Töchtern in Atlanta, Georgia. Beruflich schlug sie zwar den Weg als Tierärztin ein, doch galt ihre Leidenschaft schon immer romantischen Geschichten. Mit ihrem Debüt EINE SCHOTTISCHE AFFÄRE hat sie sich den Traum erfüllt, selbst einen Liebesroman zu schreiben.

Weitere Informationen zur Autorin finden Sie unter: www.jenmcquiston.com

Für meinen Mann John

Meine Helden mögen nur in meinem Kopf existieren, doch nie ist meine Fantasie lebendiger als in den Momenten, die ich mit dir verbringe.

1

Irgendwo in Großbritannien, 1842

Obgleich sie es in Gesellschaft niemals zugeben würde, verabscheute Lady Georgette Thorold Brandy beinahe so sehr wie Ehemänner. Folglich konnte es nur ein grausamer Scherz sein, als sie an einem unbekannten Ort aufwachte und feststellte, dass sie nach dem einen roch und an den anderen geschmiegt war.

Während sie widerwillig zu sich kam, verdrängten unerwünschte Gerüche und Ängste alle klaren Gedanken. In den gesamten sechsundzwanzig Jahren ihres Lebens hatte Georgette nie auch nur ein Glas mit der braunen Flüssigkeit angerührt und erst recht nicht in Laken geschlafen, die stanken, als wären sie in einer Schnapsbrennerei gewaschen worden. Georgette war es gewohnt, in einem bequemen oder zumindest ihr vertrauten Bett aufzuwachen. Doch die fleckige Tapete, die sie mit leicht verschwommenem Blick sah, gehörte nicht zu ihrem Schlafzimmer, und das Hämmern in ihrem Kopf machte jedweder Bequemlichkeit den Garaus.

Vor allem aber war ihr Ehemann seit zwei Jahren tot.

Trotzdem lag ein warmer Männerkörper dicht hinter ihr, und sie spürte nur allzu deutlich die Hitze einer Erektion, die unten gegen ihren Rücken drückte. Georgette blickte zu dem muskulösen Unterarm herab. Er lag quer über ihrem Oberkörper, sehnig und besitzergreifend. Für einen winzigen Moment überlegte sie, die Augen wieder zu schließen und in dieser behaglichen Umarmung weiterzuschlafen. Doch ihr Verstand durchbrach die neblige Benommenheit.

Sie war im Bett. Mit einem Fremden.

Mit klopfendem Herzen glitt sie unter seinem Arm hervor und sprang aus dem zerwühlten Bett, wobei sie einem Gewirr aus Glasscherben und achtlos hingeworfener Kleidung ausweichen musste, ehe sie in sicherem Abstand stehen blieb. Sie holte tief Luft, um die Panik zu bändigen, die ihr im Nacken saß.

Überall waren Federn: auf dem Boden, an der Decke, an ihr. Georgette entsetzte nicht nur die Tatsache, dass sie eindeutig mangelnde Hygiene bewiesen hatte, bevor sie zu Bett gegangen war; überdies quälte sie die leise Furcht, dass sich irgendwo in diesem Zimmer eine geschlachtete Gans befinden könnte. Georgette kniff die Augen zu und betete, dass dies alles verschwunden war, wenn sie sie wieder öffnete. In dem hier herrschenden Chaos erwies es sich leider als unbedacht, auf ihr Sehvermögen zu verzichten. Als sie weiter zurückwich, stolperte sie und stieß gegen einen Schrank. Das Möbelstück sah alt genug aus, um die Jakobitenaufstände überstanden zu haben, aber in der letzten Nacht hatte es offenbar weniger Glück gehabt, denn nun hing die eine Tür schief in den Angeln.

Obwohl Georgette einen infernalischen Lärm machte, schnarchte der Mann im Bett seelenruhig weiter. Georgette rieb sich die Augen, als könnte sie damit seinen Anblick ebenfalls fortreiben. Dann hielt sie sich eine Hand vor den Mund. Ihre Haut roch dort streng nach Brandy. Hatte sie in dem scheußlichen Zeug gebadet? Was in aller Welt hatte sie getan?

Gütiger Gott, sie war in einem fremden Zimmer mit einem fremden Mann und stank nach ebenjenem Branntwein, den ihr erster Ehemann in Fülle getrunken hatte – was für ihn tödlich ausgegangen war! Sie sollte sich wohl lieber fragen, was sie nicht getan hatte.

Ihr wurde entsetzlich übel, und ein bitterer Geschmack stieg in ihrer Kehle auf. Dies hier durfte nicht wahr sein. Dies hier entsprach so gar nicht ihrem Wesen. Ihr verstorbener Mann war ein Wüstling und Lebemann gewesen. Sie hingegen war die Gemahlin, die sich ahnungslos gestellt hatte, wie es sich gehörte. Der Gedanke, dass sie sich zu einem ähnlich liederlichen Verhalten hatte hinreißen lassen, wie ihr Mann es während ihrer kurzen Ehe immerfort an den Tag gelegt hatte, war Georgette zuwider.

Nein, sie war sogar noch tiefer gesunken als er. Denn während solch ein Betragen bei den feinen Herren stillschweigend geduldet wurde, war es für eine Dame gänzlich undenkbar. Ladys wachten nicht in fremden Betten auf und konnten sich nicht erinnern, wie sie dorthingekommen waren.

Georgette machte einen Schritt rückwärts. Sie war gewiss, dass ihre Lage nicht schlimmer werden könnte. Die Wand scheuerte an ihren nackten Schultern, dezent wie ein glühendes Bügeleisen. Georgette rang nach Luft. Anscheinend konnte ihre Situation sehr wohl noch schlimmer werden, denn sie war nicht bloß neben einem Mann aufgewacht, den sie nicht kannte, sie war auch noch unbekleidet.

Und das Einzige, was Georgette noch mehr hasste als Brandy und Ehemänner, war Nacktheit.

Ihr Herz stolperte in ihrer Brust, als wäre sie eben aus einem bösen Traum aufgeschreckt. Nur war dies kein Traum. Traummänner schnarchten nicht. Das zumindest hatte ihr früherer Mann sie gelehrt, wenn auch sonst nichts. Und ob Traum oder nicht, sie musste ihre Kleider und ihre Fassung wiederfinden. Gegenwärtig schien beides verschwunden zu sein wie ihre Erinnerung.

Sie griff nach dem nächsten Kleidungsstück, das sie finden konnte. Es entpuppte sich als Herrenhemd. Nachdem Georgette Glasscherben und Federn herausgeschüttelt hatte, hielt sie sich das Hemd vor die entblößte Brust. Die Hemdenzipfel reichten ihr bis zu den Schienbeinen, und von dem raschelnden Stoff wehte ein nicht unangenehmer Duft nach Seife mit einem Hauch von Pferd und Leder auf. Sogleich verspürte Georgette ein Ziehen an ihren intimsten Stellen. Wie konnte sie so schamlos sein? Sie kannte diesen Mann nicht! Sie wollte den Mann nicht kennen. Ihr Bauch grummelte vor Verwirrung und Schmach, und sie verfluchte ihren Körper für dessen verräterische Reaktion.

Ein Beweis, dass ihr Bettgefährte gleichfalls sehr unvollständig bekleidet war, lugte unter der Bettdecke hervor. Womit auch Georgettes letzte Zweifel ausgeräumt wurden, was in der Nacht zwischen ihr und dem Fremden stattgefunden hatte. Nun sah sie einen muskulösen, mit dunklem Haar gesprenkelten Unterschenkel beängstigend zucken. Der Mann drehte sich um, sodass die Decke verrutschte und einen braunen Haarschopf freigab. Außerdem erkannte Georgette einen Vollbart, wie ihn kein junger Herr in London tragen würde, es sei denn, eine verlorene Wette gebot es. Allerdings verbarg sein Bart weder die aristokratische Nase noch die sinnlich geschwungenen Lippen. Im Schlaf wirkte sein Gesicht friedlich, sogar auf eine maskuline Art schön.

Und erschreckend fremd.

»Guter Gott, was habe ich getan?«, hauchte sie. Das Hemd fest an ihren Körper gepresst, ging sie vorsichtig näher ans Bett und betrachtete den Fremden. Unterdessen bemühte sie sich, irgendeine Erinnerung wachzurufen. Es mussten doch Hinweise zu finden sein, wie sie zu ihm stand – oder er zu ihr! Dem Aussehen nach war er Anfang dreißig. Sein Haar kringelte sich an den Spitzen ein wenig, und im ersten Morgenlicht war ein leichter Rotschimmer in dem dunklen Bart auszumachen. Seine Wimpern bildeten vollkommene Sicheln auf den gebräunten Wangen. Daneben nahm sich Georgettes blasser Teint beinahe kränklich aus. Vor allem aber kam ihr nichts an diesem Mann bekannt vor, auch wenn sie gestehen musste, dass ihr beim Betrachten des Schlafenden aus dieser Nähe recht warm wurde.

Die Laken unter ihm sahen nicht sehr sauber aus. Sofort dachte Georgette an Flöhe und spürte ein ekliges Kribbeln auf der Haut. Falls sie dieses Zimmer ausgewählt hatte, wie kam sie dazu, und was hatte sie sich von dem Fremden versprochen?

»Bitte, bitte, lass ihn wenigstens ein Gentleman sein!«, murmelte sie. Es war schwer zu sagen, ob es sich bei ihm um einen Diener oder einen Adligen handelte. Das Hemd, das sie vor ihrer nackten Brust hielt, war aus feinem Baumwollstoff. Nur waren die meisten Gentlemen, die Georgette kannte, nicht ganz so … muskulös.

Sie entdeckte ihr Kleid in einem unordentlichen Haufen auf dem Boden und bückte sich, um es aufzuheben. Dann ging sie in die Knie, um unter dem Bett nach ihren Schuhen zu sehen. Glasscherben und raue Dielenbretter kratzten an ihren Beinen. Über ihr schnarchte der Mann laut und rasselnd. Plötzlich kam ihr ein entsetzlicher Gedanke: Falls ihr sündiger Gefährte ein Gentleman war, könnte er nach dem, von dem sie glaubte, dass es hier geschehen war, auf einer Heirat bestehen.

Und wenn es eines gab, was Georgette um jeden Preis vermeiden wollte – abgesehen davon, dass dies hier in den Londoner Klatschspalten landete –, dann war es noch eine lieblose Ehe. Sie wollte nie wieder an einen Mann gebunden sein, der einen zu großen Hang zu Frauen und Alkohol hatte.

Georgette richtete sich wieder auf und schlüpfte hastig in ihr knittriges graues Seidenkleid. Die Suche nach ihrem Korsett und ihrem Unterhemd ersparte sie sich. Als die Matratze ächzte, überkam sie neue Panik, und sie hielt mitten in dem Versuch inne, ihr Mieder zuzuknöpfen. Ohne nachzudenken, rannte sie zur Zimmertür, denn sie wollte dringend weg von diesem Fremden. Bedauerlichweise erlaubte das Chaos auf dem Boden nicht, dass sie so schnell lief, wie sie gerne würde, und dann schien auch noch etwas mit dem Türriegel nicht zu stimmen.

In dem Moment sah sie ihn.

Der Ring an ihrer linken Hand funkelte in einem Sonnenstrahl, der sich zwischen den Vorhängen hindurchgestohlen hatte. Entgeistert drehte sie ihre Hand und starrte auf den schmalen Goldreif. Er war nicht schwer, und trotzdem wog er Tonnen, denn er verkörperte Georgettes schlimmste Befürchtungen. Es war ein Siegelring mit einem Familienwappen, das sie nie zuvor gesehen hatte.

Und seiner Position sowie den Umständen ihres Erwachens nach zu urteilen, war Georgette vermählt.

Alles in ihr sträubte sich gegen diese Vorstellung. Es konnte nicht sein. Eine Heirat erforderte Planung. Man musste das Aufgebot bestellen oder zumindest eine besondere Genehmigung einholen. Und selbst wenn sie alle Formalitäten außer Acht ließ, konnte sie dies hier unmöglich getan haben. Nicht nachdem sie endlich die zweijährige Trauerzeit hinter sich hatte und frei war. Nicht jetzt, da sie eben erst anfing, eine Ungebundenheit zu genießen, die ihr jahrelang verwehrt gewesen war.

Sie sah sich zu dem Mann um. Ungeachtet dessen, wie wohlproportioniert der Fremde im Bett sein mochte, egal, was für ein seltsames Flattern sich beim Anblick seines Unterschenkels in ihrem Bauch regte, war sie gewiss, dass sie dies hier niemals gewollt hatte.

Ihre Angst und Unsicherheit wurden von Wut verdrängt. Sie trat abermals näher ans Bett. Eine Erklärung konnte sie nur finden, indem sie ihn weckte. Prompt krümmten sich ihre Finger zur Faust, weil sie ihn nicht berühren wollte. Im Geiste verfluchte Georgette sich, dass sie keine Waffe hatte. Sie blickte sich im Zimmer um und griff nach dem erstbesten Gegenstand: einem zum Glück leeren Nachttopf. Mit dem wandte sie sich wieder zu ihrem nach wie vor schlafenden Bettgefährten, streckte den Arm vor und stupste den Nachttopf gegen seine nackte Schulter.

»Mach die Augen auf!«, zischte sie mit einer Stimme, die sie kaum als ihre eigene wiedererkannte.

Der Angesprochene rollte sich herum und blinzelte zu Georgette auf. Seine Augenfarbe erinnerte an das Grün von Apothekerfläschchen. Sowie er sie richtig ansah, trat ein verführerisches Lächeln auf seine Züge und entblößte ebenmäßige weiße Zähne.

»Guten Morgen«, sagte er in einem heiseren Bariton. »Ich weiß ja nicht, warum du auf bist, aber ich hätt nichts dagegen, wenn du wieder ins Bett kämst.«

Sein unkultivierter Akzent verriet Georgette, was ihr keine Landkarte deutlicher hätte zeigen können. Und ihr krampfte sich das Herz in der Brust zusammen, denn nun legte sich ein Erinnerungsfetzen wie ein schwerer Wollmantel über ihre Schultern. Sie war in Schottland! Hier konnte man tatsächlich aus einer Laune heraus heiraten, ohne irgendwelche Formalien einhalten zu müssen.

Wenigstens fiel ihr jetzt einiges wieder ein. Sie entsann sich, einen Urlaub geplant zu haben. Ihr hatte ein Neuanfang vorgeschwebt, der sie die schrecklichen Umstände des Ablebens ihres Ehemannes und die endlose Trauerphase danach vergessen machte. Ihr Cousin war nach Norden gereist, um die schottische Flora zu studieren und eine Abhandlung über sie zu verfassen. Er hatte Georgette eingeladen, ihn zu besuchen. Ihr war auch noch im Gedächtnis, dass sie sich sagte, Schottland ist genau das Richtige für mich. Sie hatte sich auf die luftigen Fichtenwälder und die idyllische Sommerlandschaft gefreut. Besonders aber wollte sie weit weg von der Londoner Ballsaison sein. Sie brauchte Zeit, sich zu sammeln und gegen die mitleidigen Blicke zu wappnen, die sie fraglos bei ihrer Rückkehr in die feine Gesellschaft erwarteten.

Nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hatte sie sich ausgemalt, als verheiratete Frau in die Gesellschaft zurückzukehren. Und so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich einfach nicht erinnern, welche Umstände sie hierhergeführt hatten – weder in dieses Gasthaus, das es wohl sein musste, noch zu diesem Mann.

Die erforderlichen Worte blieben ihr im Halse stecken, trocken wie der verbrannte Toast, dessen Geruch aus dem unteren Stockwerk heraufwehte. Sie musste sich zwingen, die Frage auszusprechen. »Wer sind Sie?«

Ein verwundertes Lachen entfuhr dem Mann, während er sich auf den Rücken drehte und aufsetzte. »Das fragst du jetzt? Gestern Abend hat es dich nicht sonderlich gekümmert.«

Die verrutschende Bettdecke lockte Georgettes Blick entschieden zu weit gen Süden. Der Bauch des Fremden war ein Waschbrett aus Muskelsträngen, die allzu klar definiert waren. Georgette schluckte. Dieser Mann war kein Gentleman und wahrscheinlich auch kein bloßer Diener. Nicht mit solch einem Körper. Beim Anblick seiner nackten Brust wurde Georgette unangenehm warm, und das hauptsächlich zwischen ihren Schenkeln. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen. Und ihr Verstand wollte ob der unangemessenen Reaktion ihres Körpers vor Scham schreien.

»Was sind Sie?«, wollte sie mit erstickter Stimme wissen.

Wieder lachte er. »Welch alberne Frage nach den Diensten, die ich dir geleistet habe!« Er nickte zu ihrer Hand, und sein Lächeln nahm eine spöttische Note an. »Ich bin dein heldenhafter Gemahl, Mylady. Und du schuldest mir noch einen Kuss.«

Noch einen Kuss? Gütiger Gott, sie erinnerte sich nicht einmal an den ersten! Ein primitiver, höchst unwillkommener Teil von ihr bedauerte den Gedächtnisverlust. Und obgleich sie es bereits befürchtet hatte, trieb diese Bestätigung ihrer Lage Georgettes Panik in neue, schwindelerregende Höhen. »Gemahl?« Sie benetzte sich die Lippen und strengte sich an, klar zu denken.

Dieser Mann mit seiner unkultivierten Sprache und der reizvollen, muskulösen Statur war eindeutig niederer Herkunft. Georgette hingegen war die Witwe eines Viscounts. Falls sie erneut heiraten wollte – was nicht der Fall war –, würde sie gewiss keinen Mann wählen, der seinen Lebensunterhalt mit unanständiger Arbeit bestritt. Egal, was dieser Schurke gewonnen zu haben glaubte, und ganz gleich, welche schockierenden Intimitäten sie vergessen haben mochte, sie hätte dies hier niemals getan.

»Wissen Sie, wer ich bin?«, fragte sie betont überheblich, um den Fremden in seine Schranken zu weisen. Ihr Herz pochte vor Angst, während ihr Leib sich zu ihm neigen wollte.

»Ich kenne dich so gut, wie ein Mann eine Frau wohl kennen kann.« Er krümmte neckisch den Finger, um sie zu sich zu locken. »Jetzt komm wieder her, mein liebes Weib, und wir lernen uns noch einmal kennen!«

So amüsiert sie auch klangen, waren seine Worte exakt der Grund, aus dem Georgette sich geschworen hatte, nie wieder zu heiraten. Wie konnte er es wagen, sie auf solche Weise zu sich zu beordern? Was für eine Anmaßung! Sie löste einen Impuls in Georgette aus. Der Nachttopf flog eher unwillkürlich als beabsichtigt aus ihrer Hand. Und sie empfand eine frische Entschlossenheit, selbst als sie die Flucht ergriff, während ihr Wurfgeschoss hinter ihr scheppernd zerbarst.

Sie war niemandes Spielzeug. Nicht mehr.

Und sie würde niemandes Ehefrau sein.

2

Georgette rannte die dunkle Treppe des schäbigen Gasthauses hinunter, vorbei am Schankraum, aus dem es abscheulich nach gekochten Eiern und Räucherfisch stank, und sogar an dem erschrockenen Wirt vorbei. Der rief ihr erstaunt etwas nach, als Georgette zur Vordertür hinausstürmte.

Die Kakofonie draußen auf der Straße kam einem Überfall auf ihre Sinne und ihren Körper gleich. Als würde sie von einer Riesenpranke gegen eine Steinmauer geschleudert. Die tief stehende Sonne bedeutete, dass es noch früher Morgen war, vielleicht nicht später als sieben Uhr. Doch das Gewusel der Straßenhändler und der Lärm des nahe gelegenen Marktes sagten Georgette, dass die Bürger dieses bescheidenen schottischen Ortes den Sinnspruch über die Morgenstunde durchaus ernst nahmen. Der Geruch von frittiertem Teig wehte ihr von einer Straßenecke entgegen. Prompt dröhnte Georgette der Kopf, und ihr drehte sich der Magen um. Doch sie kämpfte gegen die Übelkeit. Die physischen Nachwirkungen ihrer ausschweifenden Nacht standen keineswegs ganz oben auf der Liste jener Dinge, die Georgette dringend klären musste.

Sie hatte einen Mann geschlagen – nun ja, mit einem Nachttopf beworfen. Und es war ihr Ehemann gewesen. Sie hoffte, der Mann, wer immer er sein mochte, war unverletzt. Schließlich hatte sie seinem ansehnlichen Profil keinen dauerhaften Schaden zufügen wollen. Sie hatte nicht nachgedacht, hatte in einem impulsiven Moment die Fassung verloren, sodass sich lebenslange Enttäuschung und Wut Bahn brachen. Und war es vielleicht verwunderlich, dass sie sich derart unvernünftig benommen hatte? Sie konnte kaum atmen.

Denken konnte sie noch viel weniger.

Georgette raffte ihre Röcke und eilte die Straße in einem gar nicht damenhaften Laufschritt hinunter. Es galt, möglichst schnell einen möglichst großen Abstand zum Schauplatz ihrer Schande herzustellen. Im Takt ihrer Schritte wiederholte sie stumm ihr neues Mantra: Guter Gott, was habe ich getan? Nach ungefähr einer Minute ergänzte sie es sicherheitshalber durch eine weitere Frage: Guter Gott, wo bin ich?

Sie hastete an unbekannten Ladenfronten vorbei, die so anders als die in London aussahen, dass Georgette die Augen brannten. Hier erkannte sie nichts wieder, konnte sich nicht entsinnen, jemals in dieser Straße gewesen zu sein, und wusste nicht, wohin sie laufen sollte. Hunde und Kinder, ausnahmslos hager und von diesem hungrig leidenden Ausdruck, der so typisch für die schottische Berglandschaft war, stoben vor Georgette auseinander. Und von allen Seiten hallten ihr Gesprächsfetzen in dem eigentümlichen Dialekt entgegen.

Sie schaffte es fünf Straßen weiter, bevor die Erschöpfung sie einholte, bei der es sich natürlich um eine Folge der gestrigen Ausschweifungen handelte. Georgette musste sich mit einer Hand an einer Mauer abstützen, lehnte sich vornüber und schnappte im Schatten einer Ladenmarkise nach Luft. Ein paar junge Frauen gingen an ihr vorbei, deren Hüte von langen rosafarbenen Bändern gehalten wurden. Beide beäugten Georgette neugierig, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten hinter vorgehaltener Hand.

Georgette wollte sich ungern vorstellen, welchen Anblick sie bot. Allein ihr ungekämmtes Haar dürfte ausreichen, um den Verkehr ins Stocken zu bringen. Und sie war sich allzu gewahr, dass sie von einer Brandy-Wolke umwabert wurde. Bei ihrer Flucht aus dem Gasthaus hatte sie an nichts anderes gedacht als daran, dass sie schnellstens von dort wegwollte. Nun aber stand sie vollkommen derangiert in der Öffentlichkeit. Ihr Kleid war vorne nur teilweise zugeknöpft, was ohne Frage für einen höchst unanständigen Eindruck sorgte.

Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ohne Korsett vor die Tür getreten war. Heute hatte sie es getan und hatte gleich mehrere Dutzend Zeugen für ihren entwürdigenden, ja unmöglichen Auftritt.

Georgette richtete sich wieder auf, drehte sich einmal um die eigene Achse und suchte nach einem bekannten Gesicht oder irgendeinem Orientierungspunkt. Endlich bemerkte sie ein paar vertraute Dinge: die gestreifte Markise auf der anderen Straßenseite, die öffentliche Pumpe mit den Leuten, die davor Schlange standen, um Wasser zu holen. Aber leider hatte Georgette immer noch keine Ahnung, wo sie war. Der einzige Mensch, den sie in dieser Stadt kannte, war der gut aussehende, raubeinige Schotte, den sie im Bett zurückgelassen hatte.

Und der einzige andere Mensch, den sie in Schottland kannte, war ihr Cousin Randolph Burton.

Stöhnend sank sie wieder an die Mauer und dachte darüber nach, zu welch einem heillosen Durcheinander ihr Leben auf einmal geworden war. Dies sollte der Beginn eines vierzehntägigen Ferienaufenthalts im Haus ihres Cousins in Schottland sein. Sie erinnerte sich, dass sie vor drei Tagen angekommen war – oder vor vier? Randolphs unterwürfige Begrüßung hatte sie ebenso enttäuscht wie seine Eröffnung, dass die versprochene weibliche Begleitung doch nicht mit ihm gereist war. Mehr noch hatte sich in Georgette sogleich der Verdacht geregt, dass Randolphs Interesse an ihr berechnender war, als es einem Cousin gebührte. Und dieser Verdacht war bei einem Abendessen zur Gewissheit geworden, bei dem Randolph sie über die Kerzen hinweg ein wenig zu intensiv angestarrt hatte, sodass Georgette nervös auf ihrem Stuhl hin und her gerutscht war. Leider endete dort auch schon ihre Erinnerung.

»Ich bringe Ihnen die kleine Katze, Miss.«

Georgette fuhr herum. Das Herz klopfte ihr im Hals. Ein Mann in einer blutbefleckten Schürze stand wenige Schritte entfernt, nahe genug, dass sie seinen säuerlichen Schweißgeruch wahrnahm. Er hatte einen lehmbraunen Bart, in dem Essensreste und sonstige Dinge hingen, die in keinem Gesicht etwas verloren hatten.

Um seine massige Gestalt herum ging das morgendliche Treiben unbeirrt weiter. Kinder hüpften herum, Frauen mit Körben strebten zu dem Markt, den Georgette einige Straßen zuvor passiert hatte. Keiner schien den Mann mit dem Hackbeil in der einen Hand und einem braun-schwarz getigerten Kätzchen in der anderen zu beachten oder sich um ihn zu scheren. Er hielt das maunzende Tierchen am Nackenfell gepackt.

»Kenne ich Sie?«, fragte Georgette und machte vorsichtig einen Schritt rückwärts, auch wenn sie sich damit direkt auf die Straße begab.

Ein Grinsen klaffte auf seinem Gesicht und enthüllte eine rote Lücke, wo seine Schneidezähne sein sollten. »MacRory, Miss. Das konnte ich Ihnen gestern wohl nicht mehr sagen, als wir uns kennengelernt haben, nicht?«

»Bin ich Ihnen gestern Abend begegnet?« Und sie hatten einander kennengelernt? Der Mann musste über zweihundert Pfund wiegen, gute zweihundert Pfund Fleisch, Fett und Knochen. Und er war entweder ein sehr unhygienischer Schlachter oder ein Mörder. Weder das eine noch das andere machte ihn als engen persönlichen Freund begehrenswert. Der Mann könnte Georgette mit einem Finger zerquetschen; was er ihr erst mit einer ganzen Faust antun könnte, wollte sie sich lieber nicht ausmalen. Wie vertraut konnten sie einander in der kurzen Zeitspanne ihres Gedächtnisausfalls geworden sein?

»Wissen Sie denn nicht mehr? Ach, na, Sie sind ja auch so schnell auf mich los und wieder weg. Das erklärt’s wohl.« Der Schürzenmann sprach in demselben melodischen, verwaschenen Tonfall wie der Mann, den Georgette im Bett zurückgelassen hatte. Doch das Timbre dieses Mannes löste nicht annähernd dieselbe berauschende Reaktion aus. Seine Worte bewirkten eher blankes Entsetzen denn Faszination.

»Ich bin auf Sie losgegangen?« Georgette betete, dass sie sich verhört hatte.

»Na, und ob! Haben mir die Hände auf die Brust gedrückt, direkt hier.« Sein herzliches Lachen ließ die Flecken auf seiner Schürze wippen wie auf einem sich im Wind blähenden Vorhang. »Sie haben genau gewusst, wie Sie zudrücken müssen.«

Schweiß brannte in Georgettes Achselhöhlen, und ein Schauer lief ihr über den Rücken. In ihrem Kopf erhob sich energischer Protest, der jedoch in einem solchen Durcheinander tönte, dass sie Mühe hatte, ihn zu einer einzigen sinnvollen Frage zu summieren: »Wie bitte?«

»Jetzt nehmen Sie die schon, Mädchen!«, antwortete er und wies mit seinem Hackbeil auf das maunzende und strampelnde Kätzchen. »Die ha’m Sie sich verdient.«

Georgette war hinreichend verwirrt – und erschrocken – dass sie das kleine Tier nahm und an ihre Brust drückte. Es war unglaublich winzig, vielleicht fünf oder sechs Wochen alt. Wie sie für dieses Ding sorgen sollte, war ihr ein Rätsel, dennoch wallte der Wunsch, das Tierchen zu bemuttern und zu beschützen, in ihr auf, ein ungewohnter Instinkt, der bisher geschlummert haben musste und nun wach wurde. Sie konnte das Kätzchen nicht zurückgeben, nicht mehr. Es endete sonst womöglich auf irgendjemandes Abendbrottisch.

Der Metzger schenkte ihr ein weiteres Lückengrinsen, drehte sich um und stapfte davon. Georgette wurde aufs Neue übel, als sie zusah, wie er in der Menge verschwand. Gütiger Himmel, hatte sie ihn tatsächlich gestern Abend so intim angefasst?

Und, schlimmer noch, war sie ihm im Tausch gegen eine kleine Katze derart nahegekommen?

Georgette blinzelte die Tränen fort, die ihr in die Augen stiegen. Sie hatte nicht geweint, als ihr Ehemann starb, obwohl sie sich beträchtliche Schuld an seinem vorzeitigen Ableben gab. Ebenso wenig hatte sie Tränen vergossen, als sie sich an diesem Morgen ihrer beschämenden Lage bewusst wurde oder als sie nur halb bekleidet durch eine ihr fremde Stadt irrte und von ein paar jungen Damen begafft wurde, die ihrerseits aussahen wie frisch gepresste Blüten.

Aber jetzt, da sie hörte, sie könnte sich am vergangenen Abend mit mehr als einem Mann auf Unaussprechliches eingelassen haben, jetzt weinte sie? Ihre Schwäche widerte sie nicht minder an als ihre offenkundige Gedankenlosigkeit am gestrigen Abend.

Der Lärm von Pferdehufen und Wagenrädern riss sie jählings aus ihrer Selbstgeißelung. Georgette zuckte zusammen, als ein schwarzes Kutschenpferd dicht an ihr vorbeipreschte und der Kutscher ihr etwas Unverständliches zubrüllte. Sie stolperte an den Straßenrand, wobei sie ihre liebe Not hatte, nicht auf dem dungverschmierten Pflaster auszurutschen. Fast wäre sie hingefallen, konnte sich jedoch noch mit einer Hand abfangen.

Sie drückte das Kätzchen fester an ihren Busen, als die Kutsche vorbeirumpelte. Ihr jagte ein Schauer über den Rücken, weil sie kurz davor gewesen war, das kleine hilflose Wesen bei ihrem Beinahesturz fallen zu lassen. Georgette steckte das Kätzchen vorn in ihr Mieder und hakte die restlichen Knöpfe über ihm zu. Das Tier rollte sich sogleich zwischen ihren Brüsten zu einer kleinen Kugel zusammen. Sie würde später überlegen, was sie mit ihm anstellte. Vorerst musste sie beide Hände frei haben.

»Georgette!«

Die Stimme ihres Cousins war so schrill wie die der Straßenhändler, die ihre Waren anpriesen. Trotzdem war Georgette ungemein erleichtert, sie zu hören. Sie drehte sich in die Richtung und sah Randolph nur wenige Schritte entfernt stehen. Ihm stand der Mund so weit offen, dass er einiges von dem Staub schlucken musste, den die soeben lebensgefährlich nahe an ihr vorbeipreschende Kutsche aufgewirbelt hatte. Georgette kannte Randolph seit ihrer Kindheit, und er war immer schon ein sehr pingeliger Mensch gewesen. An diesem Morgen indes hing ihm sein sonst so streng pomadiertes Haar in struppigen blonden Büscheln ums Gesicht, und seine Krawatte baumelte zerknittert und schief an seinem dünnen Hals.

Georgette hatte ihn noch nie so zerzaust gesehen, geschweige denn sich so sehr gefreut, ihn zu erblicken.

Er machte einen Satz auf sie zu, und sie empfand es als höchst angenehm, wie er ihren Ellenbogen packte. »Cousin«, murmelte sie und legte dankbar eine Hand in seine ihr dargebotene.

Das Gefühl von Haut auf Haut war erschreckend. Ihre Handschuhe mussten noch in dem Gasthauszimmer sein, sofern sie denn gestern Abend überhaupt welche getragen hatte. Der Gedanke daran, wie weit jenseits von Anstand und Würde sie sich bewegt haben mochte, und die Erkenntnis, dass sie ehrlich nicht wusste, was sie getan hatte, führten dazu, dass sie Cousin Randolphs Hand sehr fest umklammerte. Vor wenigen Tagen noch war sie vor jeder seiner Berührungen zurückgewichen, weil sie sein seltsames neues Interesse an ihr nicht befeuern wollte.

Das war ihr in diesem Moment gleich. Sie wollte sich nur an jemanden lehnen, der sie von hier und von diesen Umständen wegbrachte. »Ich bin so froh, dich zu sehen!«, brachte sie angestrengt heraus.

Er schluckte, wie sie unschwer an der Bewegung seines En-Pointe-Kragens ablesen konnte. »Du … Du freust dich wirklich, mich zu sehen? Warum weinst du dann?«

Georgette wischte sich die Augen. »Du glaubst nicht, wie froh ich bin, Randolph! Du bist das erste vertraute Gesicht, das ich heute erblicke. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, aber wenn du hier bist, nehme ich an, dass wir in Moraig sind.«

Wieder schluckte er. »Äh … ja.« Sein Blick war wie ein Schaben auf ihrer Haut. »Wo warst du die ganze Nacht, Georgette?«

Ihre anfängliche Erleichterung verpuffte. Sie zog ihre Hand aus seiner. Natürlich gab es Fragen. Nicht einmal Randolph – fahrig und unachtsam wie er sein mochte – würde ihre Erscheinung an diesem Morgen für etwas Alltägliches nehmen, das keiner weiteren Erklärung bedurfte. »Ich …« Sie wischte sich die verschwitzten Hände an ihrem Rock ab und schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht sagen. Es war viel zu beschämend und viel zu intim, als dass sie es ihrem Cousin anvertrauen konnte.

Ein Mann mit Zylinder ging auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbei und rief ihnen einen Gruß zu. Wem von ihnen beiden, konnte Georgette nicht entscheiden. Randolph hob eine Hand zum Gruß, ehe er sich wieder Georgette zuwandte. »Ich habe die ganze Nacht nach dir gesucht«, berichtete er, und dabei wurde seine Stimme zu einem zischenden Flüstern. »Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, große Sorgen. Eben war ich auf dem Weg zur Gendarmerie, als ich dich sah.«

Der Gedanke, dass ihr Cousin ihre vorabendliche Eskapade gegenüber irgendjemandem erwähnen könnte, gegenüber Gendarmen oder sonst wem, trieb ihren Pulsschlag in neue Höhen. Sie musste dem dringend widersprechen. Georgette rang sich ein gekünsteltes Lächeln ab und sagte: »Das ist unnötig.« Sie sah ihn an, wollte, dass er ihrem Blick glaubte. »Hier bin ich, sicher und wohlbehalten.«

Randolph zog eine Braue hoch. »Ehrlich? Wo hast du den Abend verbracht?«

Das war eine heikle Frage. Naturgemäß wusste sie es nicht so recht, doch sie wollte die Umstände ihres Aufwachens an diesem Morgen auch nicht vor Randolph ausbreiten. »Ich … ich hatte gehofft, dass du es mir sagen kannst«, gestand sie.

Prompt blinzelte er gen Boden, und sie meinte, Sorge in seinen grauen Augen wahrzunehmen. Die nämlich hatten die gleiche Farbe wie ihre, folglich konnte Georgette jedwede Verfärbung mit Leichtigkeit deuten. Anstatt ihr zu antworten, richtete Randolph den Blick auf ihr Mieder und verharrte dort. Seine Wangen röteten sich, und vor lauter Schreck krümmten sich Georgettes Zehen.

»Wo ist dein … äh … Korsett?«, fragte er.

Wie auf ein Stichwort bewegte sich das Kätzchen. Georgette bemühte sich, nicht das Gesicht zu verziehen, als sich winzige Krallen vorn durch ihr Mieder streckten. »Das möchte ich lieber für mich behalten.«

Einen Moment lang blickte Randolph verdutzt auf die Stelle, wo Georgette ihre kleine Passagierin untergebracht hatte. Dann wechselte seine Gesichtsfarbe binnen eines Herzschlags von Rot zu Weiß. »Oh mein Gott!«, hauchte er. »Bist du überfallen worden?«

Sie schüttelte den Kopf. Ihre Verlegenheit war nicht weniger schmerzhaft als die nadelspitzen Katzenkrallen. »Nein«, flüsterte sie. »Ich glaube nicht.« Welcher Sünden ihr mysteriöser Schotte auch schuldig sein mochte, glaubte sie doch nicht, dass sie bei den Festivitäten der letzten Nacht eine unfreiwillige Beteiligte gewesen war. Dem widersprach, dass ihr jedes Mal heiß wurde, wenn sie an diesen Mann dachte. »Wie bin ich hierhergekommen?« Seufzend rieb sie sich die Schläfen.

»Auf die Straße?«

»In die Stadt!«, erwiderte sie gereizt.

Randolph geriet ins Stottern. »Wa … was ist das Letzte, an das du dich erinnerst?«

Georgette schloss die Augen. Sie wusste noch, dass sie das Kleid angezogen hatte, das sie jetzt trug: ein taubengraues Seidenkleid, das nur knapp heller als die übliche Trauerkleidung war. Sie erinnerte sich, sich mit den Perlmuttknöpfen abgemüht zu haben, und daran, dass sie sich gewundert hatte, warum Randolph es versäumte, ihr wie versprochen eine Zofe zur Verfügung zu stellen. Dabei hatte sie nicht so sehr den Komfort im Sinn, sondern vielmehr das, was der Anstand gebot. Ihr behagte es nicht, mit Randolph allein zu sein. Ein weiteres menschliches Wesen, das beim Nachmittagstee als Puffer wirkte, wäre ihr lieber.

Sie öffnete die Augen wieder. »Ich erinnere mich, dass wir Tee tranken. Wir hatten diese Ingwerkekse.« Sie wusste noch, dass sie das Gebäck mit einem gekünstelten Lächeln heruntergewürgt hatte. Die Kekse waren steinhart gewesen. Obgleich Randolph über eine fast beängstigend lückenlose Kenntnis verfügte, was die historische und medizinische Verwendung aromatischer Kräuter betraf, durfte mit Fug und Recht an seiner Fähigkeit gezweifelt werden, diese in Essbares umzusetzen.

»Und danach?«, fragte Randolph, der kränklich bleich aussah.

Georgette strengte sich an, den Nebel in ihrem Kopf zu durchdringen. Eine neue Erinnerung tauchte auf, klar wie Tageslicht auf dem Meer. Sie entsann sich, dass Randolph nervös neben ihr am Kamin gesessen und gesagt hatte: »Teuerste Georgette, du bist eine Frau von recht beträchtlichem Vermögen. Da du nun nicht mehr in Trauer bist, werden gewisse Leute dich zu ihrem Vorteil ausnutzen wollen. Lass mich derjenige sein, der dich beschützt!«

»Du hast mich gebeten, dich zu heiraten.« Sie wusste noch sehr gut, welches Unbehagen sie bei seinem linkischen Antrag beschlichen hatte. »Und ich habe dir erklärt, warum ich es nicht kann.«

Randolph verzog unglücklich das Gesicht und blinzelte eulengleich über seine Brille hinweg. Es tat Georgette leid, dass sie ihn gestern gekränkt hatte und es nun abermals tat. Aber sie war nach Schottland gereist, um ihre Rückkehr in die Gesellschaft aufzuschieben, nicht um einen Antrag zu bekommen. Und seine Überzeugung, dass sie Schutz bräuchte, hatte sie gestört.

Dass er recht gehabt haben könnte, erschütterte sie.

»Also daran erinnerst du dich.« Seine Stimme troff vor Bedauern.

»Ja.« Georgette atmete durch zusammengebissene Zähne aus. »Dann an … nichts.« Sie überlegte, doch es wollten keine Bilder mehr kommen. Es war zum Verrücktwerden, dass sie nicht wusste, was sie gesagt oder getan hatte. Alles Erdenkliche könnte geschehen sein. Alles.

Sie stieß ein kleines Lachen aus, das nötig war, um ihr Schluchzen zu unterdrücken.

»Wir sind ausgegangen«, berichtete Randolph und packte ihren Arm, um sie zu stützen.

»Ausgegangen?«, wiederholte sie.

Er nickte. »Nach dem Tee kamen wir nach Moraig. Wir wollten den Abendgottesdienst in St. John’s besuchen.«

»Aber warum erinnere ich mich nicht daran?«, fragte Georgette beinahe verärgert.

Randolph schüttelte erneut den Kopf und schnupperte naserümpfend. »Ich vermute, es liegt an dem Brandy.«

Georgette riss die Augen weit auf. »Ich mag keinen Brandy.« Ein warnendes Pochen rauschte in ihren Ohren.

Zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte Randolph und wirkte richtiggehend schadenfroh. »Was dich nicht abhielt, zwei … nein, ich glaube sogar drei Gläser zu trinken, bevor wir aufbrachen.«

Sie war entsetzt. »Das … das kann nicht sein!« Gewiss würde sie sich erinnern, etwas getan zu haben, das ihr so wenig ähnlich sah. Andererseits erinnerte sie sich auch nicht daran, geheiratet zu haben und mit einem köstlich wohlproportionierten Schotten ins Bett gestiegen zu sein.

Randolph neigte sich so dicht zu ihr, dass Georgette die Haare in seinen Nasenlöchern und die Müdigkeitsfalten unter seinen Augen sehen konnte. Sie musste an sich halten, nicht zurückzuweichen. »Womöglich hat dich unsere Unterhaltung aufgewühlt, Georgette. Vielleicht wolltest du dir deine schroffe Antwort noch einmal überlegen, weil du erkanntest, wie günstig eine solche Verbindung zwischen uns wäre. Ich weiß ehrlich nicht, was dir durch den Kopf ging. Das weiß ich überhaupt selten. Ich habe versucht, dich nach dem ersten Glas zum Aufhören zu bewegen, doch du sagtest, du wärst nach Schottland gekommen, um frei zu sein und Neues auszuprobieren.«

Sie bekam ein schlechtes Gewissen. Der Tadel ihres schmächtigen Cousins war unverkennbar. Auch wenn sie es nicht glauben wollte, klang dieser letzte Teil allzu wahrscheinlich. Aus ihm sprachen ihre verborgenen Gedanken und Träume, Träume, die sie ihr Leben lang schon für sich behielt, sogar während ihrer sehr anständigen Einführung in die Gesellschaft und der darauffolgenden Enttäuschung in der Ehe.

Schlimmer noch war, dass ihr nun dank Randolphs Schilderung wieder einfiel, das erste Glas getrunken zu haben. Und, guter Gott, es war Brandy gewesen!

»Wenn es deine erste Erfahrung mit Hochprozentigem war«, meinte er, »wen wundert es, dass du dich nicht erinnern kannst?«

»Ich … ich nehme an, du hast recht«, hauchte sie zutiefst erschüttert.

»Es ist vielleicht das Beste, sich auf die Zukunft zu konzentrieren statt auf die gestrigen Ereignisse.« Plötzlich musste er gähnen und hielt sich rasch eine Hand vor den Mund. »Angesichts deines Aufzugs heute Morgen, könnte es etwas geben, das besser vergessen wird, hm?«

Georgette wollte ihm zustimmen. Randolph war so nett, so verständnisvoll, dass sie sich noch schrecklicher fühlte. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, weil er nach ihr gesucht hatte. Derweil hatte sie gebechert, verwaiste Kätzchen eingesammelt und ihr Korsett in einem Wirtshaus zurückgelassen. Doch noch während sie erwog, jedweden Gedanken an den Mann, neben dem sie aufgewacht war, weit von sich zu drängen, erschien ein Bild von geraden weißen Zähnen vor ihrem geistigen Auge. Hatten diese Zähne vergangene Nacht ihre erhitzte Haut geneckt und zärtlich an den verborgensten Stellen ihres Körpers geknabbert? Solche Dinge hatte sie sich noch nie vorgestellt, niemals ihrem Ehemann gestattet, sie auf so unanständige Art zu berühren. Sie errötete von Kopf bis Fuß, als sträubte sich ihr ganzer Körper dagegen, die falsche Erinnerung aufzugeben.

Sie war nicht sicher, ob sie vergessen könnte, wie der Schotte beim Aufwachen an diesem Morgen ausgesehen hatte. Seine Lippen hatten sich zu einem verwegenen Lächeln verzogen, wobei der linke Mundwinkel ein klein wenig höher war als der rechte. Seine Augen hatten die Farbe von jungem Gras gehabt und genauso frisch ausgesehen. Nein, sie war nicht sicher, dass sie ihn vergessen konnte.

Oder dass sie es wollte.

Randolph, der nichts von ihrem Unbehagen oder der Richtung ahnte, die ihre Gedanken einschlugen, zog sie zu einem wartenden Einspänner. Sie ließ sich von ihm hinführen, ihre Hand noch auf seiner. Randolph hatte keine weiteren Einzelheiten von ihr verlangt. Mithin war ihr Geheimnis gewahrt, was eine Erleichterung war, auch wenn es ihre Schuldgefühle nicht minderte.

»Ich muss nur mit Reverend Ramsey sprechen«, sagte Randolph freundlich, als sie auf den Wagen zugingen. Seine Worte waren so unbeschwert und luftig leicht wie die hellen Wolken am Morgenhimmel. »Dann können wir morgen vermählt werden.«

Georgette stemmte die Fersen ihrer dünnen Schuhe in das Pflaster und brachte sie beide so recht unelegant zum Stehen. Es war weniger, was er gesagt hatte, als die arrogante Selbstgewissheit ihres Cousins, die sie empörte. Abermals verspürte sie Panik, allerdings eine gänzlich andere als die, die sie am Morgen vor dem raubeinigen Schotten hatte fliehen lassen. Während sie vor jenem Mann floh, weil sie Angst vor der unerwünschten, verstörenden Reaktion ihres Körpers auf den Anblick seiner nackten Brust hatte, wollte sie sich bei dem Gedanken an Intimität mit diesem Mann hier zu einer festen, unantastbaren Kugel zusammenrollen. »Das werden wir nicht«, brachte sie angestrengt heraus. »Wie ich dir gestern bereits erklärte, möchte ich dich nicht heiraten.«

Randolph drehte sich zu ihr um, sodass sie das Blitzen in seinen grauen Augen bemerkte. »Du sagtest es, bevor du die ganze Nacht ausbliebst und dich besinnungslos trankst, Cousine. Bevor du Gott weiß was mit Gott weiß wem getan hast.« Er schob die Brille auf seiner schmalen Nase höher. »Das war, bevor Reverend Ramsey uns einen Morgengruß zurief und uns so gesehen hat. Außer deiner Reputation hast du kaum etwas vorzuweisen, das für dich spricht, Georgette, und du hast es beängstigend schlecht verstanden, die zu schützen. Folglich darfst du dich glücklich schätzen, dass ich dich genügend mag, um dir immer noch einen Antrag zu machen, nachdem du dich unübersehbar eine Nacht anderweitig vergnügt hast. Du solltest mir dankbar sein.«

Georgette stieß einen stummen Schrei aus und riss ihre Hand aus seiner, die sich auf einmal zu sehr wie eine Kralle anfühlte. »Ich kann dich nicht heiraten«, zischte sie. Das war nicht die ganze Wahrheit, wie sie begriff, als sie den zuckenden Muskel über Randolphs Braue betrachtete. Sie wollte ihn nicht heiraten.

Wo war ein Nachttopf, wenn sie einen brauchte?

»Du kannst und du wirst mich heiraten.« Randolph beugte sich zu ihr. War diese vertrauliche Geste zuvor noch tröstlich gewesen, grenzte sie jetzt ans Vulgäre. »Jeder wird glauben, dass du die Nacht mit mir verbracht hast«, raunte er selbstzufrieden. »Reverend Ramsey dürfte inzwischen weitererzählt haben, was er gesehen hat. Und sobald du einsiehst, wie viel du zu verlieren hast, wirst du dein Treuegelübde mit Freuden ablegen.«

Wut übertönte Georgettes wachsende Panik. Randolph war schon der zweite Mann an diesem Morgen, der ihr seinen Willen aufzwingen wollte – der dritte, rechnete man den Metzger mit, der ihr das Kätzchen aufgenötigt hatte. Sie war es gründlich leid, die fügsame Lady zu mimen und zu tun, was man von ihr erwartete. Und die Vorstellung, den hechelnden, unsicheren Randolph zu heiraten, rief puren Ekel in ihr hervor. Ihr fiel nur ein Weg ein, ihn von der Idee abzubringen.

»Es ist zu spät«, entfuhr es ihr. Ihre Stimme war erstaunlich fest, bedachte man, dass sie am ganzen Leib zitterte. »Ich scheine letzte Nacht geheiratet zu haben.«

Da. Sie hatte ausgesprochen, was sie Furchtbares getan hatte. Randolph wäre enttäuscht, aber zumindest nicht mehr so verzweifelt, sie weiter um ihre Hand zu bitten. Und sie war gewiss, dass er niemandem verraten würde, warum sie nicht heiraten konnten. Er war ihr Cousin. Er schätzte sie hinreichend, dass er ihr einen Antrag machte, und hatte diese scheußlichen Dinge lediglich gesagt, weil er sie heiraten wollte. Er würde ihre Ehre verteidigen. Dessen war Georgette sich sicher.

»Was bringt dich zu dem Glauben, du wärst verheiratet?«, fragte er beinahe knurrend.

»Ich bin heute Morgen neben einem Fremden aufgewacht, der mich seine Gemahlin nannte«, gestand sie und wünschte, es würde sich nicht so … absurd anhören. »Und dann wäre da noch dies.« Sie wies auf den Ring an ihrem Finger.

Für einen Moment starrte Randolph den goldenen Reif an. Sein bisher lebhaftes Mienenspiel erstarb, und seine Züge wirkten wie in Granit gemeißelt. Ihr unerschütterlicher Cousin stand eindeutig unter Schock. Wie Georgette selbst. Gestern Abend hatte er kaum gezuckt, als sie ihn abgewiesen hatte; heute Morgen jedoch erstarrte er ob der Nachricht von ihren abendlichen Eskapaden. Zweifellos fragte er sich, ob sie noch bei Sinnen war. Und legte er die üblichen gesellschaftlichen Maßstäbe an, konnte er einzig zu dem Schluss gelangen, dass sie es nicht war.

Georgette war eine anständige Lady, zumindest war sie es gestern noch gewesen.

Heute jedoch hatte sie das unangenehme Gefühl, diesen Titel nie mehr zu verdienen.

3

Hörst du mich, du verfluchter Idiot?«

Obwohl sein Verstand ihm sagte, er sollte es lieber lassen, öffnete James MacKenzie die Augen. Sein Bruder William war über ihn gebeugt und betrachtete ihn mit derselben Strenge und demselben Ungestüm, die ihre Vorfahren im Kampf gegen Edward I. an den Tag gelegt haben dürften. Außerdem sprach aus Williams Zügen ein Anflug von Spott, und er hielt eine weiße Scherbe in den Händen. Früher hätte James seinem großen Bruder auf eine derartige Beleidigung hin die Faust gegen das glatt rasierte Kinn gerammt. Aber die Zeiten waren schon lange vorbei. Heute war er ein Mann mit einem passablen Maß an Selbstbeherrschung. Zudem sagte ihm etwas an dem Umstand, von Williams nicht besonders hübscher Visage geweckt zu werden, dass dies nicht der Zeitpunkt für kindische Ausbrüche war.

»Verschwinde!«, stöhnte James. In seinem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander von Gedanken und dröhnenden Schmerzen. »Siehst du nicht, dass mir schlecht ist?«

William hielt ein Stück zerbrochenes Porzellan zwischen zwei Fingerspitzen und ließ es über James’ Nase baumeln. »Ich gebe zu, dass es mein erster Gedanke war, aber so wie es hier aussieht, scheinst du den Nachttopf für anderes benutzt zu haben.« Er runzelte die Stirn, was eher wie eine Grimasse als nachdenklich anmutete. »Was dem armen Ding nicht bekam. Hast du dich etwa mit deinem Pisspott geprügelt?«

James blinzelte zu seinem Bruder auf, während Williams Worte langsam in seinen Kopf sickerten wie Wasser in Sand. Als junger Anwalt baute er darauf, die Wahrheit hinter einer Reihe von Fakten erkennen zu können, doch er konnte Williams Bemerkungen nicht das kleinste bisschen Sinn abringen. Gestern hatte er den ganzen Tag an seinem Schreibtisch gehockt und die gesetzlichen Möglichkeiten geprüft, Schadensersatz zu erstreiten, weil ein nicht reinrassiger Bulle einen Zaun überwunden und jemandes preisgekrönte Färse gedeckt hatte. James’ Abend hatte aus einem Abendessen und einigen Gläsern Bier im örtlichen Wirtshaus bestanden. Jetzt aber fühlte er sich, als wäre er in der Abdeckerei und zurück gewesen.

Und was hatte all das mit einem zerbrochenen Nachttopf zu tun?

»Du weißt ja nicht, was du redest.« James wollte den Kopf schütteln, entschied sich jedoch sofort dagegen. Das Leben war deutlich einfacher, wenn ihm das Gehirn nicht im Schädel umherschwappte.

»Ah, und das muss ich mir von einem Mann sagen lassen, der nicht weiß, wo seine Stiefel sind.« William schleuderte ein Paar abgewetzter Stiefel aufs Bett. »Du hast wenigstens hübsch ausgeschlafen, was? Seit fast zwei Stunden ist schon Tag. Leider will der Wirt, dass du sofort verschwindest.«

»Wirt?« James setzte sich auf. Dann musste er warten, bis seine Brust aufhörte, sich übertrieben zu heben und zu senken, und die Wände aufhörten, in die Ecken zu kippen. »Bin ich in einem Wirtshaus?« Er schwang die nackten Beine über den Matratzenrand und stemmte den bloßen Hintern vom Bett. Für einen Augenblick war er tatsächlich froh, dass der kräftige William hier war, denn der fing ihn auf, als James nach vorn zu fallen drohte. Die Dielenbretter knarrten unter seinen Füßen, und der beißend süßliche Geruch brannte in James’ Nase.

Heiliger, hatte er letzte Nacht eine Brandy-Flasche auf dem Boden zerdeppert? Er blickte sich um: ein kaputter Kleiderschrank, eine umgeworfene Waschschüssel, Federn in der Luft und an den Wänden. Ein Damenkorsett hing an der Gardinenstange, das recht schlicht und sittsam aussah, doch in seiner Schmucklosigkeit seltsam schön war. Es ließ sich nicht leugnen, dass dieses Zimmer wirkte, als hätte hier eine verdammt nette Feier stattgefunden.

»Ich hoffe, sie war es wert, du Narr!«, schnaubte William.

»Wer war was wert?«, murmelte James, während er sein Hemd vom Boden aufhob.

»Die Frau, die du letzte Nacht mit hier raufgenommen hast.«

James hielt inne, sowie er sich das Hemd übergestreift hatte. Etwas war anders daran. Es roch nach Brandy und einer exotischen Note, die er nicht zuordnen konnte. »Welche Frau?«, brachte er heraus und begann, das Hemd zuzuknöpfen. »Und wo zur Hölle bin ich?«

»Im Blauen Gänserich.« Sein Bruder lachte. »Und die Frau, die du gestern Abend geheiratet hast.«

Diese Worte ließen James wirksamer erstarren, als es Handfesseln könnten. Williams Behauptung war eine blanke Frechheit. James war kein Mann, der Frauen heiratete, die er nicht kannte. »Was zur Hölle redest du da?«

»Ach, spar dir deinen erbärmlichen Ausbruch!«, kicherte William. Die unverhohlene Schadenfreude auf seinem Gesicht hatte zur Folge, dass James die Hände zu Fäusten ballte. »Es war keine echte Heirat.«

James zog eine Braue hoch. Wenigstens das war ihm vertraut. Er war daran gewöhnt, auf den Arm genommen zu werden, vor allem von William. Es war gut möglich, dass sein Bruder ihm selbst den Nachttopf über den Schädel geschlagen hatte, obwohl das wirklich ein bisschen zu weit ging. »Jetzt setz endlich mal dein teures Studium in Cambridge sinnvoll ein und versuch, in ganzen Sätzen zu sprechen!«, knurrte er. »Wovon redest du?«

»Ich erzähle dir bloß, was ich gehört habe, als ich heute Morgen in deiner Wohnung nach dir sah«, führte William aus. »Ich weiß nicht, was gestern Abend passiert ist, aber dein Freund konnte mir einiges erzählen, was er auch mit Freuden tat. Dann kam ich her, um es mit eigenen Augen zu sehen.«

»Du spionierst mir nach?« Bei der Erwähnung seines Freundes regte sich Wut inmitten des Chaos in James’ Kopf. Patrick Channing teilte sich auf der Ostseite von Moraig ein kleines Haus mit James. Es war ein notwendiges Übel, wenn man jeden Penny sparen musste, den man verdiente. Vor allem jedoch hatte Patrick gestern Abend ebenfalls einiges getrunken, soweit James sich erinnerte.

Was jedoch nicht erklärte, weshalb sich seine Familie in seine Angelegenheiten mischte.

»Jemand muss dafür sorgen, dass du dich nicht umbringst«, konterte William. »Channing sagte, dass du letzte Nacht nicht nach Hause gekommen bist, also dachte ich mir, ich sehe lieber im Blauen Gänserich nach. Und der Wirt schickte mich direkt nach oben.« Er neigte den Kopf zur Seite, und ein Anflug von Mitgefühl huschte über seine gewöhnlich harten Züge. »Ach, Jamie, Junge! Das kann uns allen passieren. Ich muss allerdings zugeben, dass du in einer erbärmlichen Verfassung bist, und das nur, weil du der falschen Frau nachgestellt hast. Du blutest das ganze Bett voll.«

»Einen Teufel tue ich!« James legte die Hand an seine rechte Schläfe, bereute seine Eile jedoch gleich, weil er zumindest eine Ursache seines Unwohlseins entdeckte. »Oh! Au!« Er rang nach Atem, als ihm Erinnerungsfetzen durch den Schädel tanzten, die ebensolche Bruchstücke waren wie das bisschen Porzellan in Williams Hand.

»Ja, da hat sie dir ein ziemlich dickes Ding verpasst.« William nickte.

James nahm die Hand wieder herunter und stellte fest, dass noch etwas Blut an den Fingerspitzen klebte. Er betrachtete es, woraufhin sich sein ansonsten verlässlicher Magen benahm wie ein Spielzeugboot in einer heftigen Dünung. Jemand – anscheinend ein weiblicher Jemand – hatte ihm mächtig eins über den Schädel gezogen. Er schüttelte den Kopf und versuchte, sich auf die Bildfetzen zu konzentrieren. Doch infolge der Verletzung weigerten die sich, zu einem Ganzen zu werden. Was er noch davon wusste, wie er hierher gelangt war, stellte sich genauso zerknittert dar wie das Hemd, das er weiter zuknöpfte. Er erinnerte sich an seinen verfluchten Namen. Auch seine Vergangenheit war ihm durchaus noch im Gedächtnis, klar, lebhaft und bejammernswert. Selbst das nicht sonderlich hübsche Gesicht seines Bruders schien ihm so vertraut wie sein eigenes.

Nur an sie konnte er sich einfach nicht erinnern.

»Wer war sie?«, fragte James erstickt. Wer immer die Frau sein mochte, sie neigte anscheinend zu Gewalttätigkeit. Vielleicht sollte er sich glücklich wähnen, die Begegnung atmend überstanden zu haben. Doch noch während er die Hinweise betrachtete, nagte eine schemenhafte Erinnerung an seinem Ärger: elfenweißes Haar, tanzend im Kerzenschein. Große graue Augen. Ein breiter, lachender Mund. Auf ihm! Er schluckte angestrengt.

Die Frau hatte ihn angegriffen. Was sie zuvor getan hatte oder nicht, war irrelevant.

»Deinem Freund Patrick zufolge war sie nicht die Königin, aber so vornehm und hochmütig wie sie und doppelt so hübsch. Glücklicher Trottel!« William warf ihm die Hose zu. »Na, ›unglücklicher‹ ist wohl der treffendere Titel, so wie die Sache ausgegangen ist.«

James kämpfte sich in seine Hose, dabei schwankte er erst auf dem einen wackligen Bein, dann auf dem anderen. »Ich konnte mich noch nie für Titel begeistern«, hauchte er.

»Nur weil du keinen Titel hast, bist du nicht gleich mittellos, Jamie. Deine Familie ist nicht schuld, dass du mit einem Sturkopf geboren wurdest, unempfänglich für jede Vernunft, und unbedingt deinen eigenen Weg einschlagen musstest, koste es, was es wolle. Überdies könnte sich deine Meckerei über Titel als nachteilig in deinem Werben um die fragliche Lady erwiesen haben. Ja, wirklich, es wundert mich nicht, dass sie unter solch fragwürdigen Umständen verschwunden ist. Sie konnte deinen Highland-Gestank nicht ertragen, möchte ich wetten.«

James setzte sich und hatte einige Mühe, seine Stiefel über die strumpflosen Füße zu ziehen. »Ich … ich entsinne mich nicht.« Die Erinnerung, die ihm durch den Kopf schwebte, war viel zu verschwommen. Doch etwas sagte ihm, dass seine Gefährtin gestern Abend nicht das Geringste gegen seine Herkunft einzuwenden gehabt hatte.

»Tja, das geschieht, wenn man sich sinnlos betrinkt.«

James verkniff sich ein Knurren. Williams Gezeter fing an, zu gut zu dem Pochen über seiner Schläfe zu passen. »Ich hatte einiges getrunken, ja, aber ich war nicht sturzbesoffen, falls du das andeuten willst.« Er stand schwankend auf und schlüpfte in seine Jacke, wobei seine Schultern energisch protestierten. »Und ich habe noch nie zuvor etwas vergessen, nicht einmal wenn ich wirklich zu tief ins Glas geguckt habe.« Das Hämmern in seinem Schädel steigerte sich zu einem neuen Crescendo. »Ich vermute, dass mein Gedächtnisverlust mehr mit meinem eingeschlagenen Schädel zu tun hat als mit einem Glas zu viel gestern Abend.«

»Wenn du nichts mehr weißt«, entgegnete William, »macht es so oder so wenig Unterschied.«

Ohne auf seinen Bruder zu achten, trat James ans Fenster. Dorthin lockte ihn weißes Leinentuch. Der Boden knirschte bedrohlich unter seinen Füßen. Er fragte sich, ob sich seine Gefährtin von letzter Nacht beim Aufstehen die Füße zerschnitten hatte. Irgendwie gefiel ihm diese Vorstellung nicht ganz so gut, wie sie sollte.

Er besah das kleine Kleidungsstück, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Das Korsett hatte er schon früher bemerkt, hing es doch wie eine verrückte Fahne von der Gardinenstange. Aus der Nähe konnte er die feinen Stiche und die Seidenbänder sehen, die die Ränder verzierten. In der Mitte lugte eine gravierte Elfenbeinstange hervor. James hob das ganze Kleidungsstück herunter, klemmte es sich unter den Arm und schritt zur Tür.

William rief ihm spöttisch nach: »Ich glaube nicht, dass das deine Größe ist, Jamielein, daher frage ich mich, was du mit diesem Fetzen Firlefanz willst. Ein Erinnerungsstück an einen vergessenen Abend? Kriegsbeute gar?«

»Es ist ein Hinweis.« James trat eilig hinaus auf den Flur und blickte die dunkle Treppe hinab, von der ein Geruch nach Feuchtigkeit und Moder aufstieg.

Williams Lachen durchschnitt die Schatten, die James von allen Seiten umwaberten. »Ah, wie Aschenputtels Schuh!«

James schüttelte den Kopf, was sich als schlechte Idee erwies. Die Welt eierte auf einer schiefen Achse, und James fluchte leise vor sich hin. Er hasste es, sich schwach zu fühlen, keine Kontrolle zu haben. Es rief wieder in ihm wach, wie er sich als junger Mann gefühlt hatte, als er fortwährend um sich geschlagen und jeden und alles verachtet hatte. Er hatte zu hart gearbeitet, um dieses Gefühl zu überwinden. Eine einzige Nacht im Suff durfte ihn nicht wieder in jenem Abgrund versinken lassen!

Konzentriert tastete er sich an der klebrigen Wand entlang, bis seine Hand das Treppengeländer zu packen bekam. »Nein, nicht wie Aschenputtel. Sie hat den Prinzen nach dem Ball nicht attackiert. Wenn ich die Besitzerin dieses Korsetts finde, habe ich die Frau, die mich tätlich angegriffen hat.« Er drehte sich zu seinem Bruder um und versprach ihm grimmig: »Und dann weiß ich, wen ich verklagen muss.«

»Oh, na, welch glänzender Einfall!« William lachte. »Soll ruhig die ganze Stadt erfahren, dass du nicht mal mit einem kleinen Mädchen im Bett fertig wirst.« Amüsiert zog er eine schwarze Braue hoch. »Und wie willst du diese Frau ausfindig machen? Willst du das vermaledeite Ding jedem Mädchen umbinden, das du siehst, bis du das eine gefunden hast, dem es passt? Soll ich sie vielleicht für dich festhalten, während du es ihnen anlegst?«

James wandte sich von seinem höhnenden Bruder ab und widmete sich lieber ganz der Aufgabe, einen unsicheren Fuß vor den anderen zu setzen. Er wusste sehr wohl, wie wertvoll ein guter Hinweis war. Allein die Korsettstange war eine vielversprechende Spur. Ihre Gravur führte ihn vielleicht zu der Besitzerin. Er stellte sich vor, wie seine Bettgefährtin wenige Stunden vorher ohne ihr Korsett hier entlanggestolpert war. Ob sie wenigstens reichlich Erinnerungen hatte, die sie nächtens wärmten und so für ihre Schwierigkeiten entschädigten? Es erschien ihm unfair, dass ihm so wenig von ihr blieb, bloß das feminine Kleidungsstück unter seinem Arm und der Duft ihrer Haut auf seinem Hemd.

Dann rief er sich ins Gedächtnis, dass sie ihn geschlagen hatte. Mit einem Nachttopf! Wenn er das nicht verstand, war er ein Esel.

Er tastete sich weiter bis zum Empfangstresen des Wirtshauses. Ganz gleich, was letzte Nacht geschehen war, er verdiente einen solchen Angriff nicht. Sofern seine Vorgeschichte als Maßstab herhalten konnte, war die Unbekannte eine überaus willige Gespielin gewesen, und er hatte sich ohne Zweifel nach Kräften bemüht, es für sie erinnerungswürdig zu machen. Aber diese Sache mit der Heirat – oder der vorgetäuschten Heirat … die behagte ihm überhaupt nicht. Er war ein Mann des Gesetzes und auf ein gewisses Maß an Vertrauen unter den Bürgern von Moraig angewiesen. Hatte er eine solche Anfälligkeit für Straftaten demonstriert oder war gesehen worden, wie er am gestrigen Abend dürftiges Urteilsvermögen bewies … nun, dann musste er es schnellstens wieder richtigstellen.

Der Wirt hielt James und William an der Schwelle nach draußen auf. »Ah, Mr. MacKenzie!« Das Lächeln des Mannes war eindeutig gekünstelt. »Wollten Sie sich rausschleichen, ohne für den Schaden aufzukommen, ja?«

James schnaubte leise. »Schaden?«

»Oh ja. Ihretwegen ging es gestern Abend im Schankraum mächtig hoch her, kurz bevor Sie sich das erste Mal herausschlichen. Sagen Sie nicht, das wissen Sie nicht mehr!«

James sah über die Halbglatze des kleinen Mannes hinweg zu William. Der schüttelte den Kopf und legte einen Finger auf seine Lippen.

Alles in James schrie, er sei nicht allein für die Ereignisse der letzten Nacht verantwortlich. Aber eine solche Erwiderung würde zwangsläufig heißen, dass er zugeben musste, sich an nichts zu erinnern. »Es tut mir schrecklich leid, Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet zu haben. Wie viel war es noch gleich?«

Die angespannten Schultern des Wirtes lockerten sich ein wenig. »Fünf Pfund sollten genügen.«

James lachte ungläubig. »Fünf Pfund? Guter Mann, das ist Diebstahl!«

Der Wirt verneinte stumm. »Sie haben die gesamte Fensterreihe auf der Nordseite zerschmettert, einen Tisch zerlegt und vier Stühle. Noch dazu haben Sie dem Metzger die Schneidezähne ausgeschlagen. Der hat mir den ganzen Schankraum vollgeblutet.«

Die nun eintretende Stille dröhnte förmlich in James’ Ohren. Was der Wirt behauptete, konnte unmöglich stimmen. Dennoch sagte James ein schwaches Nagen an seinem Gewissen, dass etwas vorgefallen war. Der hiesige Metzger war ein kräftig gebauter Mann, keiner, den James üblicherweise zu einer Prügelei herausfordern würde, nicht einmal im stark angetrunkenen Zustand. »Nun, hatte er es verdient?«, war alles, was ihm dazu einfiel.

»Er verdient eine Entschuldigung.« Der Wirt verschränkte die Arme vor der Brust.

James schämte sich.

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