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Líebesreíse ín díe Toskana

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Er hasst mich wirklich!, dachte Alex. Sie hatte ein bisschen Groll erwartet, aber nicht diese kalte Feindseligkeit. Während der ganzen Reise von England nach Italien war sie gespannt gewesen auf Rinaldo und Gino Farnese, die beiden Männer, die sie teilweise enteignet hatte.

Jetzt, da sie Rinaldo über das Grab seines Vaters hinweg in die Augen sah, glaubte Alex, noch nie so viel geballte Verbitterung an einem Menschen wahrgenommen zu haben. Sie blinzelte und überlegte, ob es eine optische Täuschung sein könnte. Die strahlende Sonne Italiens hob Kanten hervor, die so scharf wie Schwertklingen waren, und ließ dunkle Schatten entstehen, die das Licht verschlangen. Die Farben hier waren leuchtend. Rot, Orange, Gelb, Schwarz. Kraftvoll. Intensiv. Gefährlich.

Das bilde ich mir nur ein, dachte sie.

Aber die Gefahr war da, in Rinaldo Farneses wütendem Blick.

Isidoro, ihr ältlicher italienischer Anwalt, hatte ihr die beiden Brüder Farnese gezeigt, doch Alex hätte sie auch so erkannt. Die Familienähnlichkeit war deutlich. Beide Männer waren groß, hatten markante Gesichtszüge und dunkle Augen. Gino, offensichtlich der jüngere, sah aus, als hätte er eine sanftere Seite. Sein Haar lockte sich ein bisschen, und ein humorvoller Zug um seinen Mund ließ darauf schließen, dass Gino Farnese etwas für Spaß und Flirten übrighatte.

Rinaldo hatte nichts Sanftes an sich. Sein Gesicht hätte aus Granit gemeißelt sein können. Alex schätzte ihn auf Ende dreißig. An seiner Körperhaltung und den zusammengepressten Lippen war zu erkennen, dass er unter einer starken Anspannung stand und sich mit äußerster Anstrengung beherrschte.

Von ihm war keine Nachgiebigkeit zu erwarten. Er würde sich nicht erweichen lassen und nicht verzeihen.

Wie komme ich überhaupt auf den Gedanken, dass ich Rinaldo Farneses Vergebung brauche?, fragte sich Alex. Sie hatte ihm kein Unrecht zugefügt.

Aber ihm war Unrecht getan worden, nicht von ihr, sondern vom Vater, der ein Drittel des Familienbesitzes mit einer Hypothek belastet hatte, ohne es seinen Söhnen zu sagen. Sie hatten es erst nach seinem Tod auf brutale Weise erfahren.

“Vincente Farnese war ein reizender Mann”, hatte Isidoro zu Alex gesagt. “Leider hatte er jedoch die grässliche Angewohnheit, unangenehme Sachen aufzuschieben und auf ein Wunder zu hoffen. Rinaldo hat so weit wie möglich die Verantwortung übernommen, und trotzdem hat ihm der alte Knabe am Ende eine böse Überraschung hinterlassen. Ich kann es Rinaldo nicht verübeln, dass er ein bisschen verärgert ist.”

Der Mann, der sie über das Grab hinweg anblickte, war nicht “ein bisschen verärgert”. Er war bereit, einen Mord zu begehen. “Ich hätte wohl nicht zur Beerdigung ihres Vaters kommen sollen”, flüsterte Alex ihrem Anwalt zu.

“Nein, wahrscheinlich glauben die Brüder, Sie seien aus Schadenfreude hier.”

“Ich wollte die beiden nur kennenlernen und ihnen versichern, dass ich ihnen eine faire Chance geben will, die Hypothek zu tilgen.”

“Alex, haben Sie das nicht verstanden? Aus ihrer Sicht schulden sie Ihnen nichts, und Sie sind eine unberechtigte Besitzergreiferin. Den Brüdern eine ‘faire Chance’ anzubieten, Sie auszuzahlen, ist ein Rezept für Blutvergießen. Verschwinden wir besser schnell von hier.”

“Gehen Sie nur. Ich laufe nicht vor ihnen davon.”

“Vielleicht werden Sie sich noch wünschen, Sie hätten es getan”, erwiderte Isidoro finster.

“Unsinn, was können sie mir denn tun?”

Vor einer Woche, als Alex mit David in dem eleganten Londoner Restaurant gesessen hatte, war ihr alles so einfach vorgekommen.

“Mit dieser Erbschaft kannst du wahrscheinlich deine Mitbeteiligung bezahlen”, sagte David.

“Und noch viele andere Dinge.” Alex dachte lächelnd an das Traumhaus, in dem sie nach ihrer Hochzeit gemeinsam wohnen würden.

Ohne direkt darauf zu antworten, hob David sein Champagnerglas.

David Edwards gehörte zu Alex’ Lebensplan. Er war vierzig, sah gut aus und war der Chef einer sehr teuren, sehr renommierten Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsfirma.

Alex hatte vor acht Jahren dort angefangen, nachdem sie ihr Examen mit Auszeichnung bestanden hatte. Sie hatte immer gewusst, dass sie eines Tages Teilhaberin werden und David heiraten würde. In den acht Jahren hatte sie sich von einem ziemlich schüchternen, linkischen jungen Mädchen in eine umwerfend attraktive, weltkluge Frau verwandelt.

Es war David, der die Verwandlung unwissentlich in Gang gesetzt hatte. Sobald Alex in der Firma anfing, war sie hingerissen von seinem guten Aussehen und sehnte sich danach, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Nach sechs erfolglosen Monaten hörte sie ihn zufällig einen Kollegen fragen: “Wer ist der Pudding in dem roten Kleid?”

David ging weiter, ohne zu ahnen, dass der “Pudding” ihn gehört hatte und Traurigkeit und Wut unterdrückte.

Zwei Tage später gab David seine Verlobung mit der Tochter des Seniorpartners bekannt.

Alex stürzte sich in die Arbeit. In den folgenden fünf Jahren erlaubte sie sich nur flüchtige Beziehungen. Am Ende dieser Zeit war sie durch ihre Überstunden und hervorragenden Ergebnisse eine Macht in der Firma geworden. Der Seniorpartner setzte sich zur Ruhe, und David übernahm seine Position. Jetzt brauchte er den Einfluss seines Schwiegervaters nicht mehr, aber nur boshafte Leute brachten das in Zusammenhang mit seiner Scheidung.

Nachdem Alex jahrelang ebenso hart an sich selbst wie an ihrem beruflichen Erfolg gearbeitet hatte, war sie zu einem perfekten Kunstwerk geworden. Ihr Körper war der Triumph des Fitnesstrainings. Mit ihren langen, schlanken Beinen konnte sie die kürzesten Röcke anziehen. Selbst in einem hautengen Kleid war kein Pfund zu viel an ihr zu sehen. Ihr blondes Haar war kurz, von einem der besten Friseure Londons geschnitten.

Inzwischen hatten David und sie eine Beziehung, und alle wussten, dass die beiden Stars der Firma bald heiraten und das Geschäft gemeinsam führen würden.

Und es sah aus, als hätte es nicht besser kommen können. Ihrer Erbschaft würde die Teilhaberschaft folgen und dann die Heirat.

“Vielleicht erfordert es ein bisschen Zeit, die Sache zu regeln”, sagte David jetzt nachdenklich. “Du hast nicht wirklich einen Anteil am Besitz geerbt, stimmt’s?”

“Nein, Enrico hat mir in seinem Testament das Hypothekendarlehen übertragen. Die Brüder Farnese schulden mir also viel Geld, und erst wenn sie es nicht innerhalb einer angemessenen Frist zurückzahlen können, darf ich auf ein Drittel des Gutes Anspruch erheben.”

“Entweder das oder du verkaufst deinen Anteil an jemand anders, was vernünftiger wäre. Was willst du mit einem Drittel eines landwirtschaftlichen Betriebs?”

“Nichts, aber mir wäre nicht wohl dabei, wenn ich verkaufen würde. Ich muss zuerst den Brüdern die Chance geben, mich auszuzahlen.”

“Sicher, und, wie gesagt, das dauert vielleicht eine Weile. Komm nicht überstürzt zurück. Bleib so lange, wie es nötig ist, und wickle es ordentlich ab.”

Alex lächelte. Wie verständnisvoll er ist, dachte sie liebevoll. Es würde alles leichter machen.

“Du hast deine italienischen Verwandten nicht oft gesehen, stimmt’s?”, fragte David.

“Meine Mutter war Enrico Moris Nichte. Er hat uns einige Male besucht. Genau wie sie war er reizbar und sehr emotional.”

“Du bist anders.”

Alex lachte. “Tja, ich konnte es mir nicht leisten, emotional zu sein. Mom hat mit ihrem Melodrama das Haus beherrscht. Ich habe meine Mutter geliebt, aber wohl darauf reagiert, indem ich meinen gesunden Menschenverstand entwickelt habe. Eine von uns musste kühl, gelassen und konzentriert sein. Ich erinnere mich daran, dass Enrico einmal stirnrunzelnd zu mir gesagt hat: ‘Du bist bestimmt wie dein englischer Vater.’ Es war kein Kompliment. Ich war zwölf, als Dad gestorben ist, aber ich weiß noch, dass er niemals die Beherrschung verloren oder geschrien hat.”

“Du tust es auch nicht.”

“Was für einen Sinn hat das? Dinge vernünftig auszudiskutieren ist besser. Mom hat immer gesagt, wir würden eines Tages zusammen nach Italien fahren und mir würde ‘ein Licht aufgehen’. Sie hat mir sogar Italienisch und einen toskanischen Dialekt beigebracht, damit ich nicht völlig ratlos bin, wenn wir ‘mein anderes Land’ besuchen.”

“Aber ihr seid niemals gefahren?”

“Mom ist krank geworden. Als sie vor drei Jahren gestorben ist, habe ich Enrico auf ihrer Beerdigung wiedergesehen.”

“Bist du seine einzige Erbin?”

“Nein, entfernte Cousins und Cousinen erben sein Land und sein Haus. Er war ein reicher Mann, unverheiratet und kinderlos. Er hat allein in Florenz gelebt, viel getrunken und Frauen gejagt.”

“Und wo ist Vincente Farnese ins Spiel gekommen?”

“Sie waren alte Freunde. Vor einigen Jahren hat er sich von Enrico Geld geliehen und dafür ‘Belluna’ mit der Hypothek belastet, so heißt das Gut. In der vergangenen Woche waren sie nach einer Sauftour mit dem Auto unterwegs nach Hause und hatten den tödlichen Unfall.”

“Und Vincente Farneses Söhne hatten keine Ahnung von der Hypothek?”, fragte David.

“Anscheinend haben sie erst davon erfahren, als Enricos Testament verlesen worden ist.”

“Also wagst du dich direkt in die Höhle des Löwen? Sei vorsichtig.”

“Du glaubst doch wohl nicht etwa, dass ich in einer dunklen Gasse einem Mordanschlag zum Opfer falle? Ich werde nach Florenz fahren, eine Vereinbarung mit den Brüdern Farnese treffen und zurückkommen.”

“Und wenn sie das Geld nicht beschaffen können und du deinen Anteil an einen Außenstehenden verkaufen willst? Werden sie das tatenlos hinnehmen?”

“Sei nicht melodramatisch, David”, wies Alex ihn lachend zurecht. “Ich bin sicher, sie sind ebenso vernünftig wie ich. Wir werden schon eine Lösung finden.”

“Vernünftig?”, brauste Rinaldo auf. “Unser Vater hat eine gewaltige Hypothek auf diesen Besitz aufgenommen, ohne es uns zu sagen, und die Anwälte wollen, dass wir vernünftig sind?”

Gino seufzte. “Ich begreife es noch immer nicht. Wie konnte unser Vater das nur so lange geheim halten, besonders vor dir?”

Das Licht wurde schwächer. Rinaldo stand am Fenster und blickte über die Hügel und Felder, das Land, das er mit eigenen Händen kultiviert hatte, manchmal unter schweren Opfern. Er musste daran festhalten, oder er würde verrückt werden.

“Wir beide sind Vaters Erben und die rechtmäßigen Eigentümer von Belluna”, fuhr Gino fort. “Diese Frau kann das nicht ändern.”

“Sie kann es, wenn wir sie nicht auszahlen. Wenn sie ihr Geld nicht bekommt, kann sie auf ein Drittel von Belluna Anspruch erheben. Unser Vater hat niemals Rückzahlungen geleistet, deshalb schulden wir ihr den ganzen Betrag, plus Zinsen.”

“Tja, ich nehme an, wir haben von dem Geld profitiert”, sagte Gino nachdenklich.

“Das stimmt”, gab Rinaldo widerstrebend zu. “Wir haben neue Maschinen gekauft, zusätzliche Arbeiter eingestellt und das beste Düngemittel gekauft, was unsere Ernte stark verbessert hat. All das hat ein Vermögen gekostet. Unser Vater hat einfach behauptet, er hätte im Lotto gewonnen.”

“Und wir haben es geglaubt, bis die Testamente verlesen worden sind”, stellte Gino bedrückt fest. “Dass er es uns so hat herausfinden lassen, tut wirklich weh. Trotzdem, wir sollten es ihm wohl nicht verübeln. Er konnte nicht ahnen, dass er plötzlich sterben würde. Weißt du irgendetwas über diese Frau, abgesehen davon, dass sie Engländerin ist?”

“Laut dem Anwalt heißt sie Alexandra Dacre. Sie ist Ende zwanzig, lebt in London und ist Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin.”

Gino seufzte. “Sie gefällt mir nicht.”

“Mir auch nicht. Das ist eine kaltblütige Angelsächsin. Sie arbeitet mit Geld, und sie wird sich für nichts anderes interessieren.” Rinaldo drehte sich plötzlich um. Er machte ein grimmiges Gesicht. “Wir haben keine Wahl. Wir müssen sie loswerden.”

Gino fuhr zusammen. “Wie? Rinaldo, um Himmels willen …” In diesem Moment traute er seinem Bruder jede grausame Tat zu.

“Reg dich ab.” Rinaldo lächelte flüchtig, was ihn seltsamerweise noch grimmiger aussehen ließ. “Ich plane keinen Mord. Der Gedanke ist reizvoll, aber das habe ich nicht gemeint. Ich will die Frau legal loswerden.”

“Dann müssen wir bezahlen.”

“Wie denn? Wir haben alles in den Boden investiert. Bis zur Ernte haben wir kein Bargeld. Unser Bankkonto haben wir schon überzogen, und einen Kredit würden wir nur zu ruinösen Zinsen bekommen.”

“Hat unser Anwalt keinen Vorschlag?”

“Der Mann wird langsam senil. Alexandra Dacre ist Single, und deshalb ist ihm der brillante Einfall gekommen, einer von uns beiden könnte sie heiraten.”

“Das ist es!”, rief Gino. “Alle Probleme gelöst.” Er breitete triumphierend die Arme aus. Mit seinen achtundzwanzig Jahren hatte er noch immer etwas Jungenhaftes an sich. “Dann müssen wir sie kennenlernen. Ob sie wohl zur Beerdigung unseres Vaters kommt?”

“Sie wird es nicht wagen!”, erwiderte Rinaldo scharf. “Jetzt lass uns zu Abend essen. Teresa hat alles fertig.”

Die Brüder gingen in die Küche, wo die alte Haushälterin gerade den Tisch deckte. Sie weinte bei der Arbeit, wie jeden Tag, seit Vincente gestorben war.

Rinaldo hatte keinen Hunger, aber das zu sagen würde die alte Frau nur noch mehr aufregen. Er legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter, bis Teresa zu weinen aufhörte. “So ist es besser. Du weißt, wie unser Vater es gehasst hat, wenn jemand ein langes Gesicht gemacht hat.”

Sie nickte. “Er hat immer gelacht. Selbst wenn die Ernte missraten ist, hat er etwas gefunden, worüber er lachen konnte. Er war ein außergewöhnlicher Mann.”

“Ja, das war er. Und so müssen wir ihn in Erinnerung behalten”, erwiderte Rinaldo.

Die Haushälterin sah den Sessel in der Ecke an, in dem Vincente oft gesessen hatte. “Er sollte hier sein. Lustige Geschichten erzählen und Witze reißen. Du weißt, wie furchtbar seine Witze waren.”

“Und seine Wortspiele waren die schlimmsten, die ich jemals gehört habe.”

Gino kam herein und umarmte Teresa. Es fiel ihm leicht, andere unbefangen zu umarmen, und deshalb war er überall beliebt. Jetzt genügte es, um sie wieder zum Weinen zu bringen. Er hielt sie geduldig in seinen starken Armen, bis sie sich beruhigt hatte.

Rinaldo ließ die beiden allein. Als er draußen war, sagte Teresa: “Er hat so viele von denen verloren, die er geliebt hat. Und mit jedem Verlust ist sein Gesichtsausdruck finsterer und freudloser geworden.”

“Ja.” Gino wusste, dass Teresa von Rinaldos Frau Maria und ihrem gemeinsamen Baby sprach, die im zweiten Ehejahr gestorben waren. “Wenn sie am Leben geblieben wären, dann wäre der Junge inzwischen fast fünfzehn, und wahrscheinlich hätten sie noch mehr Kinder gehabt.”

“Jetzt hat er nur noch dich.”

“Und dich. Und diesen verrückten Köter. Manchmal glaube ich, Brutus bedeutet ihm mehr als jedes andere Lebewesen, weil er Marias Hund war. Ansonsten liebt er das Gut, und er will es unbedingt behalten, weil er kaum etwas anderes hat. Ich hoffe, Signorina Dacre hat gute Nerven, denn die wird sie brauchen.”

Rinaldo kam mit dem großen Mischlingshund zurück, den Gino als “verrückten Köter” bezeichnet hatte. Brutus verband Freundlichkeit mit Anarchie und hatte riesige Pfoten. Er ignorierte Teresas missbilligenden Blick und legte sich unter den Tisch, direkt neben sein Herrchen.

Bei Pasta und Pilzen sagte Gino lässig: “Einer von uns muss die Engländerin also heiraten.”

“Mit ‘einer von uns’ meinst du vermutlich mich”, erwiderte Rinaldo mürrisch. “Dir würde das Eheleben nicht gefallen, nicht wenn es bedeutet, mit deinen Mätzchen aufzuhören. Außerdem ist sie offensichtlich eine systematisch denkende Frau. Du würdest sie innerhalb von fünf Minuten in den Wahnsinn treiben.”

“Dann solltest du sie heiraten.”

“Nein danke.” Rinaldos Ton war eine Warnung.

“Aber du bist jetzt das Familienoberhaupt. Ich finde, es ist deine Pflicht. Hey, was machst du da mit dem Wein?”

“Ich will ihn dir über den Kopf schütten, wenn du nicht den Mund hältst.”

“Irgendetwas müssen wir tun. Wir brauchen einen Masterplan.”

Rinaldo stellte die Flasche wieder hin. Er war jetzt eher belustigt als verärgert. Ginos Flapsigkeit mochte oft störend sein, doch er kombinierte sie mit sehr viel Charme. Rinaldo hätte behauptet, immun gegen diesen Charme zu sein, trotzdem lächelte er jetzt unwillkürlich. “Dann mach dich an die Arbeit. Verdreh ihr den Kopf.”

“Ich habe einen besseren Vorschlag. Lass uns um sie losen.”

“Um Himmels willen, werd endlich erwachsen, Gino!”

“Im Ernst, lassen wir das Los entscheiden.”

“Aber nach dieser Farce will ich nichts mehr davon hören. Schnell, bringen wir es hinter uns!”

Gino nahm eine Münze aus der Hosentasche und warf sie in die Luft. “Sag!”

“Zahl.”

Gino fing die Münze und schlug sie auf seinen Handrücken. “Zahl! Die Engländerin gehört dir.”

Rinaldo stöhnte. “Ich dachte, du benutzt deine Münze mit zwei Vorderseiten, sonst hätte ich nicht gespielt.”

“Als würde ich so etwas tun.” Gino klang gekränkt.

“Ich habe schon Zeiten erlebt, in denen … Oh, schon gut. Ich bin nicht interessiert. Du kannst sie haben.” Rinaldo stand auf und leerte sein Glas. Er konnte dieses Gespräch nicht länger ertragen.

Gino ging als Erster ins Bett. Er war jung. Trotz seiner Trauer um den geliebten Vater schlief er gut.

Rinaldo konnte sich kaum noch daran erinnern, wie es war, gut zu schlafen. Als im Haus alles still war, schlüpfte er hinaus. Der Mond war aufgegangen und warf ein bläulich weißes Licht über die Bäume und Hügel. Dies war das Land, dem Rinaldo sein ganzes Leben gewidmet hatte. Hier, auf diesem Boden, hatte er eines Abends mit einem jungen Mädchen gelegen, das nach Blumen und Freude duftete.

“Bald ist unser Hochzeitstag, Liebe meines Lebens. Komm zu mir, sei für immer die Meine”, hatte er geflüstert.

Sie war zu ihm gekommen, leidenschaftlich, zärtlich, großzügig gebend, und er hatte ihren jungen, geschmeidigen Körper in den Armen gehalten.

Aber nur so kurze Zeit.

Ein Jahr und sechs Monate von ihrer Hochzeit bis zu dem Tag, an dem er seine Frau und sein Kind zusammen begraben hatte.

Und sein Herz mit ihnen. Rinaldo ging weiter. Er hätte den Weg mit geschlossenen Augen einschlagen können. Jeder Zentimeter des Landes war Bestandteil seines Wesens. Er wusste, dass es hart und grausam sein konnte. Manchmal lieferte es gute Erträge, aber öfter verlangte es schwere Opfer. Bis zu diesem Tag hatte er die Opfer gebracht, nicht immer gern, gelegentlich voller Qual und Verbitterung, doch er hatte den hohen Preis bezahlt.

Und jetzt das.

Rinaldo verlor jegliches Zeitgefühl. Im Geiste sah er vor sich, wie Vincente ihn liebevoll anlächelte. Sein Vater hatte geglaubt, dass die Welt schön sei, weil es Freundlichkeit, Liebe und Großzügigkeit immer gab. Und er hatte versucht, seinen kleinen Sohn dazu zu bringen, es auch zu glauben. Vincente war sein Verbündeter bei hundert Kinderstreichen gewesen. “Wir erzählen es deiner Mutter nicht. Es würde sie nur aufregen.”

Aber Rinaldo sah auch den alten Mann vor sich, der sich ins Fäustchen lachte über den Streich, den er seinen Söhnen gespielt hatte, ganz besonders seinem energischen älteren Sohn. Vincente hatte die Gefahr nicht erkannt. Deshalb waren sie nicht gewarnt worden, und jetzt waren sie nicht vorbereitet. Rinaldo hatte seinen Vater immer geliebt, aber in diesem Moment war es schwer, ihn nicht zu hassen.

Die Morgendämmerung brach an. Rinaldo war kilometerweit gelaufen. Jetzt wurde es Zeit, dass er zurückging und sich für den größten Kampf seines Lebens rüstete.

2. KAPITEL

Rinaldo Farnese riss den Blick von der Frau los, die seine Feindin war. Er hatte registriert, dass sie schön war. Ihre glamouröse, großstädtische Schönheit hätte seine Feindseligkeit noch verstärkt, wenn sie nicht schon auf dem Höhepunkt gewesen wäre. Alles an dieser Frau bestätigte seinen Verdacht, von ihrem blonden Haar bis zu ihrem eleganten Outfit.

Es war an der Zeit, dass die Trauernden am Grab sprachen. Vincente war beliebt gewesen, deshalb ergriffen viele das Wort. Ältere Männer, “Komplizen”, die mit ihm in der Sonne gesessen, Wein getrunken und Erinnerungen ausgetauscht hatten. Mehrere Frauen mittleren Alters und alte Frauen, die vor den Ohren ihrer eifersüchtigen Männer wehmütig süße Erfahrungen andeuteten.

Schließlich waren seine Söhne an der Reihe. Gino sprach bewegend. Er erinnerte an die Güte und Liebenswürdigkeit seines Vaters, daran, wie gern er gelacht hatte. “Er hatte ein schweres Leben. Jahrelang hat er jeden Tag bis spätabends gearbeitet, damit seine Familie zu Wohlstand kommen konnte. Aber es hat ihn nicht verbittert werden lassen, und am Ende seines Lebens war es sein größtes Vergnügen, anderen einen Streich zu spielen.”

Gino verstummte, und ein Raunen ging durch die Menschenmenge. Inzwischen wussten alle über Vincentes letzten Streich Bescheid. Als Gino klar wurde, was er da gesagt hatte, blickte er verzweifelt seinen Bruder an.

Rinaldos Gesicht verriet nichts. Er nickte Gino zu und nahm seinen Platz ein. “Mein Vater war ein Mann, der die Liebe anderer gewinnen konnte”, begann Rinaldo. “Das beweist die Anwesenheit so vieler seiner Freunde heute. Es ist nicht mehr, als er verdient hat. Ich danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind, um ihm Ehre zu erweisen.”

Das war alles. Die Trauergäste entfernten sich vom Grab. Rinaldo warf Alex einen letzten Blick zu und wandte sich dann ab.

“Warte”, sagte Gino.

“Nein.”

“Irgendwann müssen wir sie sowieso kennenlernen. Außerdem …” Gino stieß einen leisen Pfiff aus. “Sie ist schön.”

“Denk daran, wo du bist, und sei nicht so respektlos”, wies Rinaldo ihn scharf zurecht.

“Unseren Vater würde es nicht stören. Er wäre der Erste gewesen, der bewundernd gepfiffen hätte. Hast du schon einmal so eine Schönheit gesehen?”

“Ich freue mich für dich”, erwiderte Rinaldo. “Das müsste deine Aufgabe einfacher machen.”

Gino sah den Anwalt an, neigte den Kopf in Alex’ Richtung und zog die Augenbrauen hoch. Isidoro nickte, und Gino ging zu ihnen hinüber.

Ein einnehmender junger Mann, dachte Alex, als Gino auf sie zukam. Sogar in Schwarz gekleidet hatte er etwas Heiteres an sich. Sein jugendliches Aussehen hatte wenig damit zu tun. Freudigkeit lag in seinem Wesen und würde ihn sein ganzes Leben lang begleiten, wenn nicht irgendetwas passierte, was sie zerstörte.

Isidoro beeilte sich, die Vorstellung zu übernehmen. “Gino, das ist Alexandra Dacre. Enrico war ihr Großonkel.”

“Ich habe schon von Signorina Dacre gehört.” Gino lächelte fast verschwörerisch, als wollte er zu verstehen geben, dass sie alle gemeinsam in diesem Schlamassel steckten.

Alex erwiderte sein Lächeln und begann ihn zu mögen. “Allmählich kommt es mir so vor, als hätte ganz Florenz von mir gehört.”

“Die ganze Toskana”, berichtigte Gino sie. “Sensationen wie diese passieren nicht jeden Tag.”

“Mir wurde erzählt, Sie hätten nichts davon gewusst.”

“Überhaupt nichts, bis die Anwälte den Papierkram durchgegangen sind.”

“Das muss ein Schock gewesen sein. Ich bin überrascht, dass Sie mir die Hand geben wollen.”

“Es ist nicht Ihre Schuld”, sagte Gino sofort und schüttelte ihr freundlich die Hand. “Wir müssen uns richtig kennenlernen und miteinander reden.”

“Ja, wir haben viel zu besprechen”, stimmte Alex zu. “War es falsch von mir, zur Beerdigung Ihres Vaters zu kommen?”, platzte sie heraus. “Vielleicht war es taktlos, aber ich … ich habe es nur gut gemeint.”

“Ja, es war taktlos.” Rinaldo war neben Gino aufgetaucht. “Für Sie ist hier kein Platz.”

“Rinaldo, bitte”, warnte Gino seinen Bruder leise.

“Nein, er hat recht”, warf Alex schnell ein. “Ich habe einen Fehler gemacht. Ich werde jetzt gehen.”

“Aber wir geben einen Empfang im Hotel Favello. Enrico war der engste Freund unseres Vaters, und Sie gehören zu Enricos Familie, also sind Sie selbstverständlich eingeladen.” Gino blickte seinen Bruder an.

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