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Eine hinreißende Ichwindlerin

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

London, April 1838

Die zwölf Jahre, die sie ihr Gewerbe nun schon ausübte, hatten Jenny eines gelehrt: nichts an der von ihr sorgfältig heraufbeschworenen Atmosphäre dem Zufall zu überlassen. Der Sandelholzrauch, der dem Messingbecken entstieg, verlieh dem Ganzen einen zusätzlichen Hauch von Okkultismus – nicht allzu penetrant, aber unbestritten exotisch. Nur aus Routine überprüfte sie die billige schwarze Baumwolldecke auf dem wackeligen Tisch, und allein aus Routine zog sie die grellbunten Wandbehänge zurecht, die sie Zigeunern abgekauft hatte.

Jedes Detail – die bewusst nicht entfernten Spinnweben in einer Zimmerecke, die Gazevorhänge vor den Fenstern im Erdgeschoss, durch die das Sonnenlicht nur gedämpft ins Zimmer fiel –, all das vermittelte den Eindruck, dass hier Magie in der Luft lag und die Geister bereit waren, ihre weisen Ratschläge zu erteilen.

Das war genau die Wirkung, die Jenny eigentlich hatte erzielen wollen. Doch warum sehnte sie sich danach, diese Verkleidung ablegen zu können? Der rotblau gestreifte Rock und die grüne Bluse waren wirklich nicht gerade schmeichelhaft für ihre Figur. Lage um Lage schweren Stoffs verbarg ihre Taille, sodass Jenny das Gefühl hatte, wie eine kugelrunde bunte Melone auszusehen. Ihre Haut konnte kaum atmen unter der dicken Schicht Schminke und Kajal, aber Jennys Unbehagen wurzelte noch viel tiefer.

Ein energisches Klopfen ertönte an der Tür.

Zwölf Jahre hatte sie so gearbeitet. Zwölf Jahre voller vorsichtiger Lügen und geschickter Halbwahrheiten, um ihre Kundschaft zufrieden zu stellen. Doch in ihrem Beruf war kein Platz für Unsicherheiten. Sie atmete tief durch, schob Jennys Zweifel beiseite und verwandelte sich in die unerschütterliche Madame Esmeralda. Eine Frau, die alles sehen konnte, die alles voraussagte und die vor nichts Halt machte.

Derart gewappnet öffnete sie die Tür.

Zwei Männer standen vor ihrer Schwelle. Ned, ihren Lieblingskunden, hatte sie erwartet. Er war so unbeholfen und schlaksig, wie es nur ein Jüngling sein konnte, der gerade erst zum Mann herangewachsen war. Sein Haar war dicht und hellbraun, und wie üblich lächelte er sie offen und freundlich an. Normalerweise hätte sie ihn unbeschwert begrüßt, doch an diesem Tag stand ein weiterer Mann hinter Ned. Der Fremde war außerordentlich groß, sogar noch größer als Ned. Er trat einen Schritt zurück und verschränkte sichtlich missbilligend die Arme vor der Brust.

“Madame Esmeralda, ich bedauere, Ihnen nicht angekündigt zu haben, dass ich heute einen Gast mitbringe”, sagte Ned.

Jenny spähte an ihm vorbei. Der Mantel des Mannes war lässig aufgeknöpft. Irgendein Schneider musste viele Stunden damit verbracht haben, dieses exquisit sitzende Kleidungsstück anzufertigen. Es war eng anliegend genug, um die Figur zur Geltung zu bringen, aber dennoch weit genug, um seinem Träger Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Das sandfarbene Haar des Fremden war zerzaust, seine Krawatte mit einem schlichten Knoten gebunden. Die Einzelheiten seiner Garderobe sprachen von ungeduldiger Arroganz, als interessierte ihn sein Erscheinungsbild nur am Rande, weil seine Aufmerksamkeit wichtigeren Dingen galt.

Diese Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf Jenny, und ihr jagte ein Schauer über den Rücken. Mit einem einzigen abschätzenden Blick nahm er ihre Aufmachung in sich auf. Sie schluckte.

“Madame Esmeralda, das ist mein Cousin”, meinte Ned. Der andere Mann räusperte sich gereizt und Ned seufzte. “Ja, Blakely. Darf ich dich mit Madame Esmeralda bekannt machen?” Er sprach so monoton, dass es eigentlich gar keine Frage war. “Madame, das ist Blakely. Genauer gesagt, Gareth Carhart, Marquess of Blakely. Und so weiter und so fort.”

Jenny zuckte kaum merklich zusammen, bevor sie knickste. Ned hatte schon einmal von seinem Cousin gesprochen. Aufgrund von Neds Beschreibung hatte sie sich den Marquess alt und vielleicht schon ein wenig senil vorgestellt, besessen von Fakten und Zahlen.

Neds Cousin sollte kalt, distanziert und schrecklich unhöflich sein, ein Mann, der so auf seine eigenen wissenschaftlichen Interessen fixiert war, dass er die Menschen in seiner Umgebung kaum wahrnahm. Doch dieser Mann hier war nicht distanziert; obwohl er gut zwei Schritt von Jenny entfernt stand, spürte sie dank seiner Gegenwart ein Prickeln auf ihrer Haut. Er war ganz und gar nicht alt, schlank, ohne mager zu wirken, und seine bläulich schimmernden Wangen zeugten vom gesunden Bartwuchs eines Mannes in seinen besten Jahren. Vor allem aber war nichts Weltfremdes, Abwesendes an ihm. In Gedanken hatte Jenny Neds Augen oft mit denen eines Hundes verglichen – warm, schimmernd und vertrauensvoll. Sein Cousin hingegen hatte die Augen eines Löwen, goldbraun, raubtierhaft und wild.

Jenny stieß insgeheim ein Dankgebet aus, dass sie keine Gazelle war.

“Kommen Sie doch herein, nehmen Sie Platz”, forderte sie die beiden mit einer einladenden Geste auf. Die Männer ließen sich auf Stühlen nieder, die unter ihrem Gewicht knarrten. Jenny blieb stehen. “Ned, womit kann ich Ihnen heute behilflich sein?”

Ned strahlte sie an. “Nun, Blakely und ich haben gestritten. Er glaubt nicht, dass Sie die Zukunft voraussagen können.”

Das glaubte Jenny auch nicht; es war ihr unangenehm, mit ihm einer Meinung sein zu müssen.

“Wir haben vereinbart – er will die Genauigkeit Ihrer Vorhersagen wissenschaftlich nachweisen.”

“Nachweisen? Wissenschaftlich?”, entfuhr es ihr, als hätte man ihr einen Hieb in den Magen versetzt. Haltsuchend klammerte sie sich an die Kante des Tisches vor ihr. “Nun, das wäre …” Unwahrscheinlich? Ungut? “Nun, dagegen wäre nichts einzuwenden. Wie wird er vorgehen?”

Ned nickte seinem Cousin zu. “Los, Blakely. Stell ihr irgendeine Frage.”

Lord Blakely lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er hatte bislang noch nicht ein einziges Wort gesagt, sich allerdings gründlich im Zimmer umgesehen. “Du willst, dass ich ihr eine Frage stelle?” Er sprach langsam und gedehnt. “Ich suche Antworten in der Logik, nicht bei alten Scharlatanen.”

Ned und Jenny brausten gleichzeitig auf. “Sie ist kein Scharlatan!”, protestierte Ned.

Doch Jenny stemmte aus einem ganz anderen Grund empört die Hände in die Hüften. “Dreißig ist kein Alter!”

Ned sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Betretene Stille breitete sich aus. Es war ein Beweis für ihre Aufregung, dass sie ihre Rolle als Madame Esmeralda ganz vergessen hatte; stattdessen hatte sie wie eine normale Frau reagiert.

Und das war dem Marquess nicht entgangen. Der Blick seiner goldbraunen Augen schweifte von dem Tuch um ihren Kopf zu der grellbunten Kleidung, die ihre Figur verbarg, und durchdrang dabei jede einzelne Lage von Stoff, eine typisch männliche Begutachtung. Jenny erbebte unwillkürlich.

Und dann wandte der Marquess den Blick ab. Ein flüchtiges Zucken seiner Mundwinkel, ein leises Ausatmen – und damit tat er sie als bedeutungslos ab.

Jenny war keine Dame, keine gesellschaftlich passende Partie für Lord Blakely. Sie war nicht der Typ Frau, vor der er den Hut ziehen würde, wenn er ihr auf der Straße begegnete. Sie hätte solche oberflächlichen Zurückweisungen eigentlich gewohnt sein müssen, doch tief im Innern fühlte sie sich plötzlich verwundbar und zerbrechlich. Ihre Fingernägel gruben sich schmerzhaft in ihre Handflächen.

Madame Esmeralda wäre es gleichgültig gewesen, ob dieser Mann sich für sie interessierte oder nicht. Madame Esmeralda geriet niemals in Wut. Daher schluckte Jenny den Kloß in ihrem Hals herunter und setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf. “Und ich bin auch kein Scharlatan.”

Lord Blakely zog eine Braue hoch. “Was noch zu beweisen wäre. Da ich nicht den Wunsch hege, Antworten für meine Person zu finden, finde ich, Ned sollte Sie befragen.”

“Aber das habe ich doch schon getan!” Ned breitete die Arme aus. “Nach allem! Nach Leben und Tod!”

Blakely verdrehte die Augen. Ohne Zweifel wertete er Neds dramatischen Protest als jugendlichen Überschwang. Jenny jedoch wusste, dass er die Wahrheit sagte. Vor zwei Jahren war er in ihr Zimmer spaziert und hatte die Frage gestellt, die ihr beider Leben verändert hatte. “Gibt es irgendeinen Grund, warum ich mich nicht umbringen sollte?”

Damals hatte Jenny jegliche Verantwortung von sich weisen wollen. Ihr erster Impuls war gewesen, sich von dem Jungen fernzuhalten und ihm zu sagen, sie könnte gar nicht in die Zukunft sehen. Aber ein Neunzehnjähriger stellte eine solche Frage nicht einer völlig Fremden, weil er vernünftig über seine Alternativen nachdachte. Schon zu der Zeit hatte Jenny erkannt, dass der junge Mann gefragt hatte, weil er keinen anderen Ausweg mehr wusste.

Also hatte sie gelogen. Sie hatte ihm gesagt, sie sähe viel Glück in seiner Zukunft und es lohne sich für ihn, weiterzuleben. Er hatte ihr geglaubt und so allmählich mit der Zeit seine Verzweiflung überwunden. Jetzt stand er ihr beinahe selbstbewusst gegenüber.

Es hätte ein Triumph für sie sein sollen, eine weitere gute Tat auf ihrer Liste. Doch an jenem ersten Tag hatte sie ihm nicht nur etwas von seiner Verzweiflung genommen, sondern auch sein Geld. Seitdem waren sie und Ned fest miteinander verbunden in diesem Geflecht aus Geld und Täuschung.

“Leben und Tod?” Lord Blakely befühlte den billigen Stoffüberwurf seines Stuhls. “Dann haben Sie gewiss kein Problem mit meinem wesentlich prosaischeren Vorschlag. Bestimmt ist Ihnen klar, dass Ned heiraten muss. Madame – Esmeralda, nicht wahr? –, warum nennen Sie mir nicht den Namen der Frau, für die er sich entscheiden sollte?”

Ned erstarrte und Jenny lief es kalt den Rücken herunter. Einen Ratschlag mit spirituellem Gefasel zu tarnen, war eine Sache. Doch sie wusste, dass Ned bislang die Ehe gescheut hatte, und das aus gutem Grund. Sie hatte nicht die Absicht, ihn in eine Falle zu locken. “Solche Details enthüllen die Geister nicht”, wich sie geschickt aus.

Der Marquess zog einen Bleistift aus seiner Tasche und befeuchtete die Spitze. Er beugte sich über ein Notizbuch und fing an zu schreiben. “Kann die Zukunft nicht präzise voraussagen.” Er sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. “Das wird ein verdammt kurzer Test Ihrer Fähigkeiten, wenn Sie nichts Besseres zustande bringen.”

Jenny verschränkte gereizt die Hände. “Was ich mit einer gewissen kosmischen Klarheit sagen kann”, erwiderte sie langsam, “ist, dass er ihr schon bald begegnen wird.”

“Da!”, rief Ned triumphierend aus. “Da hast du deine präzise Aussage!”

“Hm.” Lord Blakely betrachtete stirnrunzelnd seine Notizen. “Kosmische Klarheit? Ganz gleich, welches Mädchen Ned über den Weg läuft – wahrscheinlich würden Sie immer sagen, es würde ihm bald begegnen. Komm schon, Ned, verfügt sie nicht angeblich über ein verborgenes Wissen?”

Jenny presste die Lippen aufeinander und wandte sich mit raschelnden Röcken ab. Blakely ließ sie nicht aus den Augen, doch als sie ihm einen Blick über die Schulter zuwarf, sah er zur Seite. “Natürlich ist es möglich, genauere Angaben zu machen. In uralten Zeiten sagten Wahrsager die Zukunft voraus, indem sie die Innereien kleiner Tiere wie Vögel und Eichhörnchen studierten. Ich bin in dieser Methode unterwiesen worden.”

Ein Schatten des Zweifels zuckte über Lord Blakelys Gesicht. “Wollen Sie etwa einen Vogel aufschlitzen?”

Allein bei dem Gedanken stockte Jenny der Herzschlag. Sie hätte genauso wenig eine Taube umbringen wie einer ehrlichen Arbeit nachgehen können. Aber was sie jetzt brauchte, war ein überzeugendes Spektakel, um den Marquess abzulenken. “Ich muss nur das richtige Zubehör holen.” Sie drehte sich um und verschwand hinter den dünnen schwarzen Vorhängen, die ihre eher nüchterne restliche Wohnung vor den Blicken der Kunden verbarg. Auf dem kleinen Tisch im Hinterzimmer lag noch der Stoffbeutel von ihrem morgendlichen Einkauf. Sie nahm ihn und kehrte zurück.

Die beiden Männer beobachteten sie, als sie mit dem Leinenbeutel in der Hand wieder durch die schwarzen Vorhänge trat. Sie legte den Beutel vor Ned auf den Tisch.

“Ned, es ist Ihre Zukunft, um die es hier geht”, erklärte sie. “Das heißt, Sie müssen das Ritual mit eigener Hand ausführen. Sie werden den Inhalt dieses Beutels … ausweiden.”

Ned legte den Kopf in den Nacken und sah sie mit feucht schimmernden Augen flehend an.

Lord Blakely schnappte nach Luft. “Sie haben ein kleines Tier in diesem Beutel gehalten, nur für den Fall, dass es vielleicht irgendwann benötigt wird? Was für ein Geschöpf sind Sie bloß?”

Jenny zog hochmütig die Augenbrauen hoch. “Schließlich habe ich Sie beide erwartet.” Als Ned immer noch zögerte, fügte sie seufzend hinzu: “Ned, habe ich Sie je fehlgeleitet?”

Das hatte den gewünschten Effekt. Ned holte tief Luft, steckte den Arm in den Beutel und verzog angewidert den Mund. Sein Gesichtsausdruck verwandelte sich von Ekel in Verwirrung – und dann in vollkommene Verblüffung. Kopfschüttelnd zog er die Hand wieder aus dem Beutel.

Eine ganze Weile starrten die beiden Männer auf die Anstoß erregende Kugel in Neds Hand. Sie war orange. Sie war rund. Sie war …

“Eine Apfelsine?” Lord Blakely rieb sich über die Stirn. “Nicht ganz das, was ich erwartet hatte.” Er machte sich weitere Notizen.

“Wir leben in aufgeklärten Zeiten”, murmelte Jenny. “Sie wissen, was Sie jetzt tun müssen. Los, nehmen Sie sie aus.”

Ned drehte die Frucht in seinen Händen. “Ich wusste nicht, dass Apfelsinen Eingeweide haben.”

Jenny gab dazu keinen Kommentar ab.

Lord Blakely durchsuchte seine Manteltaschen und zog ein funkelndes silbernes Federmesser mit eingravierten Lorbeerblättern hervor. Natürlich. Selbst sein Federmesser war verziert, als Beweis für seine noble Abstammung. Seine Lordschaft hatte sich ohne Zweifel für dieses Muster entschieden, um zu betonen, wie hoch er über den Normalsterblichen stand. Jetzt hielt er es Ned so förmlich hin, als überreichte er ihm ein Schwert.

Ned nahm ihm das Messer ernst ab. Er legte die Opferfrucht vor sich auf den Tisch und schnitt sie vorsichtig auf. Mit ruhiger Hand stieß er die Klinge tief in ihr Herz und zerlegte die Apfelsine dann in Stücke. Jenny genehmigte sich einen kurzen Moment des Bedauerns über den Verlust ihres Nachtischs beim Abendessen, während der Saft überall hinspritzte.

“Genug.” Sie streckte den Arm aus und berührte seine Hand. “Sie ist längst tot”, erklärte sie feierlich.

Ned nickte und zog die Hand weg. Lord Blakely nahm das Messer wieder an sich und reinigte die Klinge mit einem Taschentuch.

Jenny betrachtete den “Leichnam”. Er war orange. Er war matschig. Es würde Arbeit machen, ihn zu beseitigen. Vor allem aber, und das war das Wichtigste, verschaffte er ihr Zeit, sich irgendetwas Mystisches auszudenken, was sie sagen konnte – und das war ja auch der Hauptzweck dieser Veranstaltung gewesen. Lord Blakely verlangte präzise Angaben, aber in Jennys Beruf war Präzision ein Feind.

“Was sehen Sie?”, fragte Ned leise.

“Einen Elefanten”, entfuhr es ihr gereizt.

“Einen Elefanten”, wiederholte Lord Blakely und schrieb eifrig mit. “Ich hoffe, das ist nicht Ihre einzige Prophezeiung. Es sei denn, Ned, du möchtest in die Gattung Loxodonta einheiraten.”

Ned zuckte zusammen. “Loxo… was?”

“Dickhäuter.”

Jenny ignorierte das Geplänkel. “Ned, es fällt mir schwer, das Bild der Frau in meinem Kopf heraufzubeschwören, die Sie heiraten sollten. Sagen Sie mir, wie stellen Sie sich Ihre zukünftige Braut vor?”

Ned antwortete, ohne zu zögern. “Nun, genau wie Sie! Nur jünger.”

Jenny schluckte peinlich berührt. “Wie meinen Sie das? Ist sie klug? Geistreich?”

Er kratzte sich verwirrt am Kinn. “Nein. Ich meinte eher, verlässlich und aufrichtig.”

Für den Bruchteil einer Sekunde vergaß sie, geheimnisvoll zu lächeln, und sah ihn teils geschmeichelt, teils entsetzt an. Wenn es so um Neds Menschenkenntnis bestellt war, würde er mit einer Straßendiebin verheiratet sein, noch ehe er sich’s versah!

Lord Blakelys Hand hielt mitten im Schreiben inne. Ohne Zweifel hegte er ähnliche Gedanken.

“Was ist denn?”, wollte Ned wissen. “Warum starrt ihr beide mich so an?”

“Ich”, sagte Lord Blakely, “bin verlässlich. Sie hingegen …”

“Du”, fiel Ned ihm ins Wort, “bist kalt und berechnend. Ich kenne Madame Esmeralda nun schon ganze zwei Jahre, und in dieser Zeit ist sie für mich wie ein Familienmitglied geworden, mehr als jeder andere. Also wage es nicht, in diesem Ton über sie zu sprechen.”

Jenny stiegen die Tränen in die Augen. Sie hatte keine Erfahrung damit, was es bedeutete, eine Familie zu haben; das Einzige, woran sie sich erinnerte, war die gnadenlose Schule, die ein unbekannter Wohltäter für sie bezahlt hatte. Seit sie ein kleines Kind gewesen war, hatte sie gewusst, dass sie ganz allein auf der Welt war. Das hatte sie auch dazu gebracht, als Wahrsagerin anzufangen – die absolute Gewissheit, dass ihr niemand helfen und jeder sie belügen würde. Die Welt ebenfalls zu belügen, war ihr da nur wie eine ausgleichende Gerechtigkeit vorgekommen.

Neds Worte jedoch erfüllten sie mit einer stillen Traurigkeit. Familie schien das genaue Gegenteil von ihrem einsamen Leben zu sein, in dem sie sogar ihre Freunde durch Unwahrheiten gewonnen hatte.

Ned war noch nicht fertig mit seinem Cousin. “Für dich bin ich nur ein Werkzeug, das man benutzt, wenn es einem gelegen kommt. Nun, ich bin es leid. Such dir selbst eine Frau und setze eigene Erben in die Welt. Ich mache keinen Finger mehr für dich krumm.”

Jenny kämpfte erneut mit den Tränen und sah Ned an. Seine vertrauten, jungenhaften Gesichtszüge waren wie versteinert, aber sie wusste, dass sich hinter seinem Mut Angst vor seinem Cousin verbarg. Trotzdem hatte er dem Mann die Stirn geboten. Ihretwegen.

Sie war nicht Neds Familie. Im Grunde war sie nicht einmal seine Freundin. Ganz gleich, was sie miteinander verband, war sie immer noch die Betrügerin, die ihm für ein paar erfundene Binsenwahrheiten Geld abgenommen hatte. Und jetzt bat er sie um ein paar weitere Lügen.

Also gut. Jenny verdrängte angestrengt ihren Anflug von Bedauern. Wenn Lug und Trug alles waren, worauf sie sich verstand, dann würde sie eben darauf zurückgreifen. Aber sie hatte Ned nicht das Leben gerettet, um seinem Cousin einen Gefallen zu tun.

Lord Blakely straffte sich. Seine wütende Miene – der kalte, unnachgiebige Zug um seinen Mund – verriet, dass er Ned tatsächlich nur für ein Werkzeug hielt, dass er sich allen hier Anwesenden an Intelligenz und Abstammung überlegen fühlte und dass er das ihren dumpfen Gehirnen schon beibringen würde. Er hielt sich also für etwas Besseres als Ned? Nun, sie würde dafür sorgen, dass der Marquess noch bereute, jemals um genauere Einzelheiten gebeten zu haben.

“Ned, Sie haben neulich eine Einladung zu einem Ball erhalten, nicht wahr?”

Er runzelte die Stirn. “In der Tat, das habe ich.”

“Was für ein Ball ist das?”

“Irgend so eine alberne Debütantinnengeschichte, glaube ich. Ich habe nicht vor, dort hinzugehen.”

Dieser Anlass klang vielversprechend, bestimmt würden viele junge Damen anwesend sein. Jenny glaubte bereits, den süßen Geschmack der Rache auf ihrer Zunge zu spüren. “Sie werden zu diesem Ball gehen”, verkündete sie und breitete die Arme in einer Geste aus, die beide Männer einschloss. “Sie werden beide dort hingehen.”

Lord Blakely machte ein überraschtes Gesicht.

“Ich kann Neds zukünftige Frau in der Apfelsine nicht erkennen. Aber um genau zehn Uhr neununddreißig werden Sie, Lord Blakely, die Frau sehen, die Sie heiraten werden. Und Sie werden sie heiraten, wenn Sie sich ihr so nähern, wie ich es Ihnen sage.”

Das Kratzen von Lord Blakelys Bleistift war das Einzige, was in der eintretenden Stille zu hören war. Schließlich legte er das Schreibwerkzeug ruhig zur Seite.

“Sie wollten einen wissenschaftlichen Beweis, Mylord.” Jenny legte zufrieden die Hände auf den Tisch. “Jetzt haben Sie einen.”

Und wenn der Ball so gut besucht war, wie das meist bei solchen Anlässen der Fall war, würde er mit jedem Blick Dutzende Frauen um sich sehen. Es würde ihm niemals gelingen, sich jeder einzelnen von ihnen zu nähern. Sie stellte sich vor, wie er all die Namen in sein Notizbuch kritzelte, von seiner eigenen wissenschaftlichen Methodik gezwungen, mit jeder einzelnen Damen zu sprechen, um die nicht infrage kommenden ausschließen zu können. Das würde ihn schrecklich ärgern, denn so konnte er niemals beweisen, dass sie sich geirrt hatte – wer konnte schon sagen, ob er sich wirklich jeden Namen notiert hatte?

Ned hob langsam die Hand, um ein erfreutes Lächeln zu verbergen. “Bitte”, sagte er. “Ist das präzise genug für dich?”

Der Marquess schürzte die Lippen. “Für wessen Uhr gilt diese Uhrzeit?”

Jenny war um die Antwort nicht verlegen. “Ihre Taschenuhr.”

“Ich besitze zwei, die ich abwechselnd benutze.”

Jenny runzelte die Stirn. “Aber die eine davon haben Sie von Ihrem Vater geerbt”, vermutete sie ins Blaue hinein.

Lord Blakely nickte. “Ich muss sagen, das ist unglaublich präzise erkannt. Aus rein wissenschaftlichen Gründen – können Sie mir erklären, wie Sie das alles in einem Elefanten gesehen haben?”

Jenny riss in gespielter Unschuld die Augen auf. “Nun, Lord Blakely, genauso wie ich den Elefanten in der Apfelsine gesehen habe. Die Geister haben mir die Szene wie ein Bild vor Augen geführt.”

Er verzog das Gesicht. Jenny durfte sich nichts von ihrem Triumphgefühl anmerken lassen, daher blieb ihre Miene ungerührt und geheimnisvoll wie zuvor.

“So.” Ned wandte sich seinem Cousin zu. “Du willigst also ein?”

Lord Blakely zuckte zusammen. “In was?”

“Wenn du das fragliche Mädchen triffst und dich verliebst, stimmst du zu, dass Madame Esmeralda kein Scharlatan ist.”

“Ich werde mich nicht verlieben”, gab er steif zurück.

“Aber wenn doch?”, beharrte Ned.

“Wenn doch”, erwiderte Lord Blakely gedehnt, “dann gebe ich zu, dass ich Ihre Betrügereien nicht wissenschaftlich nachweisen konnte.”

Ned lachte. “Gut. Das heißt also, dann wirst du selbst Madame Esmeralda konsultieren und mich in Ruhe lassen.”

Zögern. “Das ist ein ziemlicher hoher Einsatz. Wenn das Ganze eine Wette sein soll, was hältst du dagegen?”

“Tausend Pfund”, entgegnete Ned spontan.

Jenny hätte sich beinahe verschluckt. Und sie hatte sich selbst für unbeschreiblich wohlhabend gehalten mit ihren vierhundert Pfund, die sie mühsam angespart und zur Seite gelegt hatte! Tausend Pfund, das war mehr Geld, als sie sich auch nur vorstellen konnte, und Ned warf damit um sich, als wäre das gar nichts.

Lord Blakely winkte gereizt ab. “Geld”, sagte er und verzog das Gesicht. “Was sollte einer von uns mit einer so geringfügigen Summe schon anfangen? Nein, du musst etwas von echtem Wert setzen. Wenn du verlierst, wirst du nie wieder Madame Esmeralda und auch keine andere Wahrsagerin mehr konsultieren.”

“Abgemacht”, willigte Ned schmunzelnd ein. “Sie hat immer recht. Ich kann gar nicht verlieren.”

Jenny brachte es nicht über sich, ihn anzusehen, denn Ned konnte nur verlieren. Was war, wenn er an Jennys Zusicherungen zu zweifeln begann, die sie ihm vor Jahren gemacht hatte? Wenn er herausfand, dass sein jetziges Glück nur auf Jennys falschen Behauptungen beruhte? Und sie konnte nicht umhin, noch ein letztes, schrecklich egoistisches Wenn hinzuzufügen – wenn er die Wahrheit erfuhr und diese seltsame Beziehung zwischen ihnen beendete? Er würde nie wiederkommen und dann war sie allein.

Wieder einmal.

Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Die beiden Männer würden zum Ball gehen. Lord Blakely würde sich umsehen. Vielleicht beschloss er ja wirklich, ein Mädchen zu heiraten, dem er begegnete. Und sollte er wirklich alle Frauen, deren Namen er sich notiert hatte, aussondern, würde sie ihm sagen, dass er zum vereinbarten Zeitpunkt aus dem Augenwinkel noch eine ganz andere Frau gesehen hatte. Damit wurde die Wette ungültig, und Jenny brauchte nicht mitzuerleben, wie Neds glühende Loyalität in kalte Verachtung umschlug. Ihr Puls schlug nicht mehr so schnell, und es gelang ihr, wieder einigermaßen ruhig zu atmen.

Lord Blakely lehnte sich wieder auf seinem Stuhl zurück. “Mir ist soeben etwas eingefallen.”

Beim teuflischen Glitzern seiner Augen stockte Jenny das Blut in den Adern. Was immer dieser schreckliche Mann jetzt sagen würde – es war ihm bestimmt nicht eben erst eingefallen.

“Was sollte sie daran hindern, zu behaupten, dass eigentlich ein ganz anderes Mädchen für mich vorherbestimmt war? Dass ich zum vereinbarten Zeitpunkt zwei Mädchen gesehen und ich mich für das falsche entschieden habe?”

Er hatte sie durchschaut. Ihr lief ein eisiger Schauer über den Rücken.

Ned runzelte die Stirn. “Ich weiß nicht. In dem Fall müssten wir die Wette wohl für ungültig erklären.”

Der Marquess schüttelte den Kopf. “Ich habe eine bessere Idee. Da Madame Esmeralda ja bereits alles in der Apfelsine gesehen hat, wird sie das richtige Mädchen sofort identifizieren können.” Er sah ihr tief in die Augen, und alle ihre Gedanken – ihre Sorge um Ned, die Angst vor ihrer eigenen Einsamkeit – traten unter diesem Blick plötzlich offen zutage. Blakelys Mundwinkel zuckten. “Wir nehmen sie mit.”

2. KAPITEL

Gareth Carhart, Marquess of Blakely, hatte genau eine Stunde für dieses Unternehmen veranschlagt. Fünfzehn Minuten, um zu dieser Wahrsagerin zu fahren, fünfzehn Minuten für den Heimweg. Eine halbe Stunde, so hatte er vermutet, würde reichen, um ihr haarsträubendes Lügengebäude zum Einsturz zu bringen.

“Ich kann nicht mitgehen.” Madame Esmeraldas Stimme klang leise und unsicher.

“Warum denn nicht?” Ned drehte sich zu ihr um und sah aufrichtig verwirrt aus. Gareths junger Cousin hatte die Hände auf die Knie gelegt und hielt den Körper voll und ganz der Frau zugewandt. Und genau das war Gareths Problem.

Als Gareth vor Jahren England verlassen hatte, war Ned noch ein Kind gewesen, das sich bei jeder Gelegenheit an ihn geklammert hatte. Jetzt war er fast einundzwanzig – und immer noch über alle Maßen verwundbar. Deswegen glaubte er jedes einzelne Wort, das diese Frau von sich gab.

Da Neds Vater nicht mehr lebte, war Gareth fast so etwas wie eine Vaterfigur für ihn geworden. Er war für Ned verantwortlich – und verantwortungsbewusste Aristokraten ließen ihre jungen Cousins nicht einfach in die Fänge von Wahrsagerinnen geraten.

“Ich bin sicher, Madame Esmeralda hat einen triftigen Grund, warum sie nicht mitkommen kann.” Gareth sah sie mit hochgezogenen Brauen an und warf seinen Köder aus. “Ich vermute, sie hat zu dem Zeitpunkt eine andere Verabredung.” Sollte sie doch zustimmen. In dem Fall würde er sie fragen, welcher Art diese Verabredung war. Darüber würde sie trotz ihrer viel gepriesenen Fähigkeiten keine Auskunft geben können, und dann war es ihm ein Leichtes, diese alberne Scharade zu beenden, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Aber sie schluckte den Köder nicht. Ihre Nasenflügel bebten vor Empörung und sie presste die Lippen aufeinander. “Sie versuchen, mich zu überlisten, Mylord.”

Gareth gelang es kaum, seine Überraschung zu kaschieren, dennoch hob er in einer arroganten Geste das Kinn. “Ich versichere Ihnen”, erwiderte er kühl, “dass das nicht meine Absicht ist.”

Sie verdrehte die Augen. “Sie wollen mich wissenschaftlich auf die Probe stellen? Dann tun Sie das, aber ohne mir dabei solche Fallen zu stellen. Und lügen Sie mich niemals an, denn das war eindeutig Ihre Absicht.”

Er verspürte ein Prickeln im Nacken, lehnte sich wieder zurück und empfand die einsetzende Stille als äußerst unangenehm. Madame Esmeralda stand leicht nach vorn gebeugt da. Es war schon sehr lange her, dass jemand so mit ihm gesprochen hatte. Er hatte sie in der Tat angelogen. Er hatte vorgehabt, sie zu überlisten, damit sie sich selbst verriet. Er hatte nur nicht erwartet, dass sie das bemerken würde. “Sie versuchen, vom Thema abzulenken”, warf er ihr vor. “Warum können Sie nicht zum Ball gehen?”

“Weil ich nicht eingeladen bin”, fuhr sie ihn an. Dann blickte sie zu Boden. “Außerdem habe ich nichts zum Anziehen.”

Ned lachte amüsiert auf.

Was kein Wunder war. Was für eine typisch weibliche Antwort! Er sah sie wieder an. In diesem Moment – vielleicht lag es am Licht oder an der Art, wie sie die Lider gesenkt hielt – durchzuckte Gareth ein Stich. Madame Esmeralda war zwar keine Dame, aber ganz eindeutig eine Frau, eine hübsche noch dazu. Sie verbarg ihre Weiblichkeit unter diesen unschmeichelhaften Schichten von Stoff und Schminke. Auch das eine Lüge, bestehend aus Tuch und Puder anstatt aus Worten. Flüchtig fragte er sich, wie lang ihr Haar wohl sein würde, wenn es nicht mit einem Tuch hochgebunden war. Sie hob das Kinn und hielt seinem Blick stand.

Gareth glaubte nicht an die Wahrsagerei. Er war Wissenschaftler; er hatte viele Jahre auf einer naturwissenschaftlichen Expedition in Brasilien verbracht. Er war erst nach England zurückgekehrt, als sein Großvater gestorben war und er den Titel und die damit verbundene Verantwortung hatte übernehmen müssen. Zu dieser Verantwortung gehörte es auch, seinen Cousin Madame Esmeraldas Einfluss zu entziehen. Allerdings würde er es zu einer höchst eigenen Angelegenheit machen, dem Aberglauben, den diese Frau repräsentierte, einen Schlag zu versetzen. Ihm wurde jedoch klar, dass das weitaus länger dauern würde als nur eine Stunde. Das hätte ihn eigentlich ärgern müssen, aber es war ihm bislang noch nicht gelungen, Madame Esmeralda einzuschüchtern.

In dem Jahr, seit er wieder nach England zurückgekehrt war, hatte er es noch nie mit einer echten Herausforderung zu tun bekommen – jetzt ja. Es musste außerordentlich befriedigend sein, sie als Betrügerin bloßzustellen. Er freute sich regelrecht darauf, sich mit ihr zu messen und ihr die Wahrheit zu entlocken.

Gareth schnippte mit den Fingern. “Die Einladung”, sagte er, “kann ich Ihnen beschaffen. Etwas zum Anziehen auch. Im Namen der Wissenschaft bin ich bereit, einiges auf mich zu nehmen.”

“O nein, das ist völlig unmöglich.” Sie sah zur Seite. “Das geht nicht.”

Unterschiedlichste Details drangen plötzlich in sein Bewusstsein vor. Der formvollendete Knicks bei der Begrüßung. Ihre gewählte Ausdrucksweise. Ihre Weigerung, von einem Mann ein Geschenk in Form von Kleidung anzunehmen. Alle diese Tatsachen ließen nur einen überwältigenden Schluss zu – Madame Esmeralda war als höhere Tochter erzogen worden. Was um alles in der Welt konnte sie dann dazu bewogen haben, Wahrsagerin zu werden?

“Natürlich geht das”, beharrte er. “Madame Esmeralda, wenn das ein wissenschaftlicher Test werden soll, dürfen Sie mich ebenfalls nicht belügen, denke ich.”

Irgendein Gefühl blitzte in ihren Augen auf. Sie schüttelte den Kopf, nicht als Geste der Verneinung, sondern eher so, als wollte sie Ordnung in ihre Gedanken bringen. Und als sie ihm dann wieder in die Augen sah, war ihre Miene vollkommen gelassen. Gareth wurde klar, dass sie sich etwas ausgedacht hatte. Ihr war etwas eingefallen, wie sie sich aus der Zwickmühle befreien konnte, in die er sie gebracht hatte.

Er hätte enttäuscht sein müssen. Stattdessen konnte er es kaum erwarten, ihre Pläne zu durchkreuzen.

Es dauerte nicht lange, bis Gareth sein Entgegenkommen bereute. Ihm war nicht klar gewesen, was für eine Tortur es werden würde, angemessene Kleidung für Madame Esmeralda zu finden. Aber Ned hatte es für nötig befunden, die Frau persönlich zur Schneiderin zu begleiten. Und wenn dieser auch nur einen Augenblick allein mit der Betrügerin war, würde sie ihm irgendwelche Flausen in den Kopf setzen. Wieder einmal.

Genau aus diesem Grund befand Gareth sich am nächsten Nachmittag in seiner geschlossenen Kutsche, begleitet von seinem geschwätzigen Cousin, einer Betrügerin und sich immer stärker anbahnenden Kopfschmerzen.

“Also”, plauderte Ned munter, “wir gehen nächsten Donnerstag zum Ball und lernen dort Blakelys zukünftige Frau kennen. Mir gefällt die Vorstellung mit anzusehen, wie er sich verliebt. Ich freue mich geradezu darauf.”

Madame Esmeralda zupfte an dem Tuch um ihren Kopf – diesmal war es ein rotes – und warf Gareth einen vorsichtigen Blick zu. “Identifizieren.”

“Identifizieren?”, wiederholte Ned. “Wie meinen Sie das?”

“Wir werden die betreffende Frau identifizieren. Ich habe nie gesagt, Ihr Cousin würde sie an diesem Tag kennenlernen. Tatsächlich ist der Zeitpunkt dafür noch gar nicht gekommen.”

Gareth zuckte zusammen. “Noch nicht gekommen? Wie lange soll das denn dauern?”

Ihr Gesicht blieb ernst, aber in ihren Augen lag ein Lächeln. “Ach, das kann ich eigentlich nicht sagen. Der Zeitpunkt richtet sich nicht nach tatsächlich verstrichener Zeit, sondern nach Aufgaben. Drei Aufgaben, genauer gesagt.”

“Aufgaben?”, echote Ned ungläubig.

“Aufgaben?”, wiederholte Gareth scharf. “Von Aufgaben haben Sie nichts gesagt!”

“Ach nein? Nun, was habe ich doch gleich noch einmal gesagt?” Sie sah unschuldsvoll hinauf zum Dach der Kutsche.

Gareth zog sein Notizbuch hervor und suchte nach der entsprechenden Seite. “Um genau zehn Uhr neununddreißig werden Sie die Frau sehen, die Sie heiraten werden, aber nur wenn Sie sich ihr so nähern, wie ich es …” Er verstummte und sah auf.

Der unschuldsvolle Ausdruck war aus ihren Augen gewichen. Sie hatte genau gewusst, was sie gesagt hatte. Sie hatte ihn ohne Zweifel überlistet, damit er wie ein Narr dastand.

“Aber nur, wenn ich mich ihr so nähere, wie Sie es mir sagen”, vollendete er den Satz finster.

“Ach ja, so wie ich es Ihnen sage.” Sie lächelte. “Und ich sage Ihnen, dass ich Ihnen dazu drei Aufgaben stellen werde.”

Er hatte sich selbst für so schlau gehalten wegen seiner Idee, sie dazu zu bringen, eine leicht zu widerlegende Behauptung abzugeben. Und er hatte geglaubt, das Einzige, was er tun musste, war, niemanden zu heiraten. Schließlich war ihm das schon sein ganzes bisheriges Leben gelungen. Er war zu zuversichtlich, zu sicher gewesen, sie in eine Ecke gedrängt zu haben.

Offenbar hatte er sie unterschätzt. Er hatte sich so sehr darauf konzentriert, sie zu entlarven, dass er nicht gemerkt hatte, wie sie sich selbst ein Hintertürchen offen gehalten hatte.

Zwar konnte er sich jetzt einfach zurückziehen, doch wenn er das tat, überließ er Ned wieder ungehindert ihrem Einfluss.

“Mir haben Sie nie Aufgaben gestellt”, beschwerte Ned sich beleidigt.

“Natürlich nicht”, tröstete Madame Esmeralda ihn. “Aber stellen Sie sich doch einmal vor, was für ein gewaltiges Unterfangen es für Ihren Cousin werden wird, eine Frau davon zu überzeugen, dass sie ihn gernhat. Wenn ich ihm keine Aufgaben stelle, benutzt er stattdessen wieder seine Logik, und bedenken Sie nur, wohin das führen würde. Sie brauchen keine Aufgaben, Sie werden ohnehin schon von allen gemocht.”

Gareth ballte vor unterdrückter Wut die Fäuste und bohrte sie in die Lederpolster. “Und wie lautet die erste Aufgabe?”, stieß er hervor. “Soll ich Ställe ausmisten? Löwen erlegen? Oder muss ich einen ganzen Zitronenhain abholzen?”

Sie tippte mit der Fingerspitze an ihre Lippen. “Es ist noch etwas verfrüht, es Ihnen zu sagen, aber ich denke, es kann nicht schaden. Sie müssen einen Elefanten aus einem Stück Ebenholz schnitzen.”

“Elefanten?” Er richtete den Blick nach oben. “Warum immer Elefanten?”

Die Kutsche kam langsam zum Stehen. Der Lakai öffnete die Tür und Sonnenstaub tanzte genau vor Madame Esmeralda in der Luft. Dadurch sah sie beinahe … mystisch aus. Zur Hölle mit ihr.

“Ich bin nur ein bescheidenes Sprachrohr für die Geister”, erklärte Madame Esmeralda. “So wie Sie ein Sprachrohr für den Elefanten sein werden. Sie werden Ihrer zukünftigen Frau den Elefanten bei Ihrem ersten Treffen schenken.” Mit funkelnden Augen stieg sie aus der Kutsche.

Gareth unterdrückte ein Aufstöhnen. Es würde ihm sicherlich gelingen, ein solches Geschenk halbwegs würdevoll zu überbringen. Wenn sie glaubte, ihn zum Narren machen zu können, irrte sie sich. Aber vielleicht hatte sie ja vor, ihm ein Unentschieden aufzuzwingen? Bestimmt dachte sie, er würde aufgeben, wenn sie die Aufgaben so schwierig wie möglich gestaltete. Und wenn sich ihre Bedingungen somit nicht erfüllten, konnte er nicht beweisen, dass sie eine Betrügerin war – und das bedeutete, dass sein Cousin sie weiter aufsuchen würde. Undenkbar.

Den triumphierenden, beschwingten Schritten nach, mit denen sie sich dem Geschäft näherte, schien sie ähnlichen Gedanken nachzuhängen.

Innerlich brodelnd betrat Gareth den kleinen Laden. Ned, der mit Madame Esmeralda über irgendwelche Banalitäten plauderte, beachtete er gar nicht. Die vielen bunten Stoffballen im vorderen Wartebereich nahm er ebenso wenig wahr, für ihn war alles nur Grau in Grau. Er merkte nicht einmal, wie er rastlos hin und her lief, während Madame Esmeralda in das Hinterzimmer geführt wurde. Am liebsten hätte er die Modeplakate von den Wänden gerissen und die Stoffmuster, die artig auf den Tischen auslagen, in tausend Stücke zerfetzt.

Gareth hasste es, zu verlieren. Er hatte nicht vor, sich von einer Betrügerin überlisten zu lassen. Als er noch geglaubt hatte, sie mühelos entlarven zu können, hatte er sich auf die Herausforderung gefreut. Doch die Situation war weitaus weniger reizvoll, wenn die Möglichkeit bestand, dass diese Frau gewann.

Aufgaben. Nein, so durfte das nicht weitergehen.

Er wandte sich an Ned, der auf einem Stuhl Platz genommen hatte. “Ned?”

Der junge Mann sah aufmerksam auf.

“Glaubst du, Madame Esmeralda braucht ein Schultertuch?”

“Ich nehme es an …”

“Dann geh und kauf ihr eins.” Gareth zog einen Geldschein aus der Tasche und hielt ihn Ned hin.

Stirnrunzelnd griff Ned nach dem Schein. “Warum kann die Schneiderin hier nicht einfach eins aussuchen? Ich habe nicht die geringste Ahnung von solchen Dingen.”

Gareth durchbohrte Ned mit einem eisigen Blick. “Ich glaube, es würde ihr mehr bedeuten, wenn du selbst eins aussuchst, meinst du nicht auch?”

Ned brachte noch einige weitere halbherzige Einwände hervor, die aber leicht genug zu widerlegen waren, und schon bald eilte er aus dem Geschäft.

Die Tür zum Atelier schwang auf und eine der Näherinnen kam mit bunten Seidenstoffbahnen über dem Arm heraus.

Gareth holte tief Luft. Dieses ganze Theater dauerte nun schon viel zu lange. “Ist Madame imstande, mich zu empfangen?”

Die Näherin schnaubte pikiert. “Ganz wie Sie wünschen, Mylord.”

Doch sobald er das Atelier betreten hatte, blieb er wie angewurzelt stehen. Ein Standspiegel lehnte an der sonst völlig leeren Wand, und Gareth verschlug es den Atem bei dem Anblick, der sich darin widerspiegelte. Eine vollendet geschwungene Hüfte, die Rundung einer Brust.

Madame Esmeralda trug kein modisches Kleid. Eigentlich trug sie fast gar nichts bis auf ein dünnes, abgetragenes Hemd. Die Näherin musste ihn für den Liebhaber der Wahrsagerin gehalten haben, sonst hätte sie ihn niemals diesen Raum betreten lassen. Sein Körper bewegte sich ohne eigenes Zutun auf sie zu, wie eine Pflanze, die sich der Sonne entgegenstreckt.

Gütiger Gott. Unter den vielen bunten Röcken, die jetzt achtlos am Boden lagen, besaß Madame Esmeralda tatsächlich eine Taille. Einen Busen, einen äußerst bemerkenswerten noch dazu. Selbst aus etwa fünf Schritt Entfernung konnte er die Umrisse ihrer Beine durch den fadenscheinigen Baumwollstoff erkennen, ja sogar die dunklen Knospen ihrer Brüste. Das Haar reichte ihr in sanften Wellen bis zu den Hüften.

Sie hatte nichts gemein mit den schmalen, ätherischen Wesen, die die Gesellschaft bevorzugte. Sie sah eher aus wie eine griechische Göttin, wohlgerundet von Kopf bis Fuß. Und mit ihren rosigen, halb geöffneten Lippen schien sie ihn beinahe einzuladen …

Nein, nicht ihn.

Trotzdem setzte Gareths Verstand aus. In seinem Kopf war kein einziger vernünftiger Gedanke mehr, nur noch blankes Verlangen. Sein Mund wurde ganz trocken, seine Muskeln spannten sich unwillkürlich an.

Sie war ebenfalls wie erstarrt stehen geblieben und ihre Augen waren vor Entsetzen geweitet. Wäre sie eine Dame gewesen, hätte er sich aufrichtig bei ihr entschuldigt und den Raum verlassen – auch wenn das an seiner Reaktion auf sie sicher nichts geändert hätte. Es war nicht nur der Anblick einer schönen, halb nackten Frau, der seinen Herzschlag zum Rasen brachte, es war auch die Art, wie sie ihn herausforderte, seine Autorität untergrub. Es war schon viele Jahre her, seit jemand ihm gedanklich einen Schritt voraus gewesen war, und aus diesem Grund packte ihn das ungezügelte Begehren, sie zu besitzen und sie dazu zu bringen, sich ihm zu ergeben – in jeder Hinsicht. Es war reine Lust, schlicht und einfach.

Aber diese Frau versuchte, ihn und seinen jungen Cousin zum Narren zu halten. An ihr war nichts Reines, Schlichtes. Also verbarg er seine körperliche Reaktion, so gut es ging, hinter der sicheren Fassade eines kühlen, geschäftsmäßigen Gebarens. “Madame Esmeralda”, sagte Gareth, “Sie haben gewonnen. Es wird keine weiteren Aufgaben geben. Keine Elefanten.”

Ihre Augen wurden schmal. “Hinaus.”

“Einhundert Pfund für Sie, wenn Sie Ned gestehen, dass Sie eine Betrügerin sind, und aus unserem Leben verschwinden.”

Sie holte tief Luft und zeigte auf die Tür. “Hinaus. Auf der Stelle!”

“Denken Sie doch einmal darüber nach. So viel Geld werden Sie ihm während der gesamten Dauer Ihrer Bekanntschaft nicht aus den Taschen ziehen können. Schon bald wird er Ihren Rat gar nicht mehr benötigen und Sie könnten jahrelang von dieser Summe leben.”

Wieder atmete sie tief durch, und diese bemerkenswerten Brüste bebten unter dem dünnen Hemd. “Ich würde es nicht einmal für hundert…”, fing sie an.

Er überspielte seine neu entfachte Lust mit einem lässigen Schulterzucken. “Zweihundert.”

Aufgebracht schüttelte sie den Kopf. “Nicht für zweitausend. Nicht für zehntausend.”

“Ach nein?” Er warf einen unverschämten, vertraulichen Blick auf ihr Hemd. “Für zehntausend würden Sie es tun. Aber Sie tun es auch für zweihundert.”

Sie trat einen Schritt auf ihn zu und hob die Hand. Er hätte die Ohrfeige durchaus verdient, erst recht für den unverschämten Blick eben. Wenn er recht hatte und die Frau aus gutem Hause stammte, musste sie in der Tat empört sein über seine abfällige Einschätzung ihres Charakters. Doch er durfte sie nicht in seine Nähe kommen lassen, zu groß war seine Angst vor seiner eigenen Reaktion.

“Wirklich, Madame. Sobald sich Ihr völlig unangebrachter Zorn gelegt hat, werden Sie einsehen, dass das für alle Beteiligten die beste Lösung ist.”

Mit übertriebener Höflichkeit neigte er kurz den Kopf und verließ rückwärts den Raum. Erst als er die Tür geschlossen hatte, ließ er die arrogante Maske fallen. Schwer atmend lehnte er sich gegen die Wand. Aus der Herausforderung zwischen ihnen beiden war mehr geworden als nur ein Scharmützel um Neds Zukunft. Nun war es eine Herausforderung sinnlicher Art.

Madame Esmeralda war über alle Maßen intelligent. Sie war gerissen. Wenn sie auch nur die leiseste Ahnung gehabt hätte, welche Wirkung sie auf ihn ausübte, hätte sie das zu ihrem Vorteil genutzt, skrupellos wie sie war. Und wie ausnehmend dumm von ihm, sich zu wünschen, dass sie genau das tat! Er wollte, dass sie ihn um den Verstand brachte, bis er jegliche Beherrschung verlor und über sie herfiel.

Gareth ballte die Hände zu Fäusten. In seinen Jahren im brasilianischen Regenwald hatte er annähernd tausend Insektenarten katalogisiert. Jetzt führte er sich jede einzelne davon vor Augen. Kakerlaken. Giftige, pelzige Raupen. Maden. Er dachte an jedes krabbelnde und kriechende Geschöpf, das das Antlitz der Erde verunzierte. Er stellte sich vor, wie das Getier über seine Haut krabbelte, und hörte nicht damit auf, bis die Erinnerung an ihren Körper allmählich in ihm verblasste und die Glut in seinem Innern erloschen war.

Es bedurfte vieler, sehr vieler Insekten.

Jenny hatte ihre Fassung immer noch nicht wiedergefunden, als sie mit zitternden Fingern die letzten Verschlüsse von Madame Esmeraldas greller Verkleidung zumachte. Es war schon schlimm genug, dass dieses ganze Experiment den Rahmen ihrer sonstigen geschäftsbedingten Lügen um ein Vielfaches sprengte. Dazu kam, dass sie die Stiche und unsanften Griffe der verächtlichen Näherin ertragen musste, die Jennys Beziehung zu Lord Blakely im schlimmsten Lichte sah.

Die Krönung war jedoch gewesen, als der Marquess einfach hier hereinspaziert war, als gehörte ihm ihr Körper. Er hatte sich nicht einmal bemüht, den Blick abzuwenden! Sie war sich nicht sicher, was beleidigender gewesen war – sein Blick oder seine Annahme, sie würde sich bereitwillig von Ned abwenden, wenn er ihr nur einen entsprechend hohen Preis anbot.

Vom ersten Tag an, von der ersten Stunde an, hatte Neds Geld nicht die geringste Versuchung für sie dargestellt. Nein, sie würde es nicht zulassen, dass der arme Junge unter der gefühllosen Fuchtel seines Cousins zu leiden hatte.

Jenny stürmte in den vorderen Teil des Ladens, das offene Haar wehte wie eine Fahne hinter ihr her.

Lord Blakely lehnte an der Wand neben einer unbekleideten Schneiderpuppe. Er riss die Augen auf, als Jenny die Tür hinter sich zuwarf. Sie gab ihm gar keine Gelegenheit zu reagieren, sondern bohrte ihm den Zeigefinger in die Brust und sah ihn mit funkelnden Augen an.

“Nur weil Sie außer Tatsachen nichts anderes akzeptieren, heißt das noch lange nicht, dass Sie jeden anderen Menschen auf eine Zahl reduzieren können!”

Er betrachtete sie erstaunt. “Was zum …?”

Wieder stieß sie ihm den Finger gegen die Brust. “Es gibt ein paar Dinge im Leben, die sich nicht durch Zahlen ausdrücken lassen. Sie verstehen nicht, was Ihr Cousin wirklich braucht oder warum es für ihn so nötig ist, sich mit mir zu unterhalten. Ganz gleich, für welche Zahl Sie sich auch entscheiden, Sie werden nie imstande sein, ihn zu durchschauen. Nicht für hundert Pfund, nicht für tausend.”

“Also gut.” Er schluckte und richtete den Blick auf irgendeinen unsichtbaren Punkt an der Zimmerdecke. “Ich werde Ihnen kein Bestechungsgeld mehr anbieten.”

“Das reicht nicht. Wenn Sie Geld nicht in Zahlen ausdrücken, dann finden Sie gewiss irgendetwas anderes. Die Anzahl meiner tatsächlich eintreffenden Vorhersagen. Wie oft ich ganz genau beschreibe, was eintreffen wird. Sie können meine Beziehung zu Ned mit noch so vielen Zahlen ausdrücken, verstehen werden Sie sie niemals.” Sie war Neds Vertraute. Sie wollte verdammt sein, wenn sie diese Rolle für schnödes Geld aufgab. Auf dieses Niveau wollte sie sich von Lord Blakely nicht hinabziehen lassen.

Der Mann stieß sich von der Wand ab und richtete sich auf. “Von mir aus können Sie Zahlen den ganzen Tag lang verunglimpfen, aber nur so lassen sich nun einmal Beweise erbringen. Sie sind die sachliche Grundlage für jede Behauptung.”

“Sie nennen das, was Sie tun, Beweise erbringen”, fuhr Jenny ihn an. “Dabei machen Sie nichts anderes als unterstellen, herumstochern und wahllos Schlüsse ziehen. Sie haben gar kein Interesse daran, etwas zu beweisen.”

“Was wissen Sie von wissenschaftlicher Beweisführung?”

“Nun, Sie gehören zu denen, die Insekten mit Nadeln auf Kartons spießen, um sie studieren zu können. Nachdem Sie dann mehrere Monate damit verbracht haben, ihre exsikkierten Leichen zu untersuchen, verkünden Sie triumphierend Ihre Entdeckung – alle Insekten sind tot! Und Sie sind hocherfreut über den Sieg des wissenschaftlichen Denkens über das menschliche Gefühl.”

Lord Blakely neigte den Kopf zur Seite und betrachtete sie prüfend. “Ich studiere das Verhalten von Tieren. Deswegen ist es zwingend erforderlich, meine Forschungsobjekte nicht zu töten. Tote Vögel bilden nur selten einen Schwarm.”

“Und das gesellt sich noch zu Ihren ganzen anderen Vergehen – Sie zerstören Gleichnisse durch Übertreibung.”

Er ließ den Blick anzüglich über ihren Körper wandern. “Die einzige Frage, die mir durch den Kopf ging, war die, ob Sie tatsächlich Ihre eigenen Lügen glauben oder meinen Cousin bewusst betrügen. Wahrscheinlich ist es ein Kompliment an Sie, dass ich beschlossen habe, Sie für zu klug für Ersteres zu halten.”

“Natürlich. Sie glauben nur an das, was Sie schmecken oder anfassen können.”

“Ich glaube an den Satz des Pythagoras und den kann ich nicht schmecken. Ich glaube, dass an Lamarcks Theorie der Vererbung erworbener Eigenschaften etwas Wahres dran sein könnte. Aber nein, ich glaube nicht an das Schicksal oder an Wahrsagerei.”

“Schicksal, Wahrsagerei – oder Gefühle.” Jenny schnippte vor seiner Nase mit den Fingern. “Über die wichtigen Dinge im Leben kann man keine schriftlichen Analysen erstellen.”

Sein unbefangener Gesichtsausdruck verwandelte sich in etwas Kaltes, Stählernes. “Analysen?”

Sie schnaubte. “Hören Sie sich doch bloß einmal selbst an. Sie zitieren Lamarck, anstatt über die Zukunft Ihres Cousins zu reden. Ich habe Sie noch nie lachen sehen, nicht einmal lächeln. Kein Wunder, dass Ned lieber mir zuhört. Sie sind ein kalter, gefühlloser Automat.”

“Ein Automat?” Er erstarrte.

Jenny war noch nicht fertig mit ihm. “Nur weil Sie so leidenschaftslos sind wie Sägemehl und so verknöchert wie ein altes Gerippe, müssen ja nicht alle anderen um Sie herum ebenfalls ossifizieren!”

“Ossifizieren.” Seine Nasenflügel bebten, und er hob das Kinn, als stellte das schlichte Nachplappern ihrer Worte einen wertvollen Beitrag an Argumenten dar. Er sah hinab auf seine rechte Hand und ballte sie zur Faust. Seine Nackenmuskeln spannten sich an. Jenny wich einen Schritt zurück und fragte sich, ob sie zu weit gegangen war. Madame Esmeralda hätte sich niemals so von ihrem Zorn mitreißen lassen.

Dann sah er auf und ihre Zweifel gefroren wie ein See im Winter. In seinen Augen spiegelte sich ein arktisches Ödland, in dem es nur eisigen Wind und Schnee gab. Jenny spürte die Kälte durch alle Schichten von Madame Esmeraldas Verkleidung hindurch und sie erschauerte.

Als er sprach, war seine Stimme frei von jeglichen Gefühlen. “Sie hätten die zweihundert Pfund annehmen sollen. Nach diesem Ausbruch wird es mir erst recht ein Vergnügen sein, Sie als Betrügerin zu entlarven.”

Als die Kutsche sich dem Familiensitz der Blakelys im Herzen von Mayfair näherte, in dem jetzt nur noch Gareth wohnte, fing es an zu regnen. Es war nicht der warme tropische Regen, den er in Brasilien so genossen hatte, sondern das kalte, blutleere Nieseln, von dem London üblicherweise geplagt wurde. Tropfen um Tropfen versickerte im Boden.

Er war also ein kalter, gefühlloser Automat? Bloß eigenartig, dass er sich so verdammt wütend fühlte. Gareth knirschte mit den Zähnen, als er aus der Kutsche stieg. Bedienstete strömten herbei, um ihn ins trockene Haus zu führen.

Er stieß ihre hilfreichen Hände beiseite. “Lasst mich. Ich mache noch einen Spaziergang”, teilte er seinen Dienstboten unfreundlich mit. Sie tauschten verstohlene Blicke – das taten sie oft –, ließen ihn aber ziehen.

Spazierengehen war eine Marotte, die er sich in Brasilien angewöhnt hatte. Nur so hatte er schließlich seine täglichen Beobachtungsrunden drehen können. Diese Angewohnheit hatte er mit nach Hause gebracht, aber in London war sie bestenfalls unbequem. Die Straßen waren voller Dreck, und es gab keine Regenwaldbäume, unter deren ausladendem Blätterdach man hätte Schutz vor dem Regen finden können. Doch in Augenblicken wie diesem, wenn sich die Gedanken in seinem Kopf überschlugen und er innerlich zu kochen schien, brauchte Gareth diese einsame körperliche Verausgabung mehr denn je.

Er machte sich auf den Weg in die Dunkelheit. Der kalte Regen lief ihm in Strömen über den Rücken, doch es gelang ihm nicht, den rasenden Zorn in Gareths Innerem abzukühlen. Leidenschaftslos wie Sägemehl?

Madame Esmeralda irrte. Es war nicht die Wissenschaft, die seine Gefühle zum Erkalten gebracht hatte. Es war dieser Ort. Es waren diese Menschen. Dieser Titel. Er hatte viele Jahre im Regenwald verbracht, einer Welt voller Farben und blühendem Leben. Hier reihte sich in geometrischer Anordnung ein Backsteinhaus ans andere, getrennt nur von Sturzbächen aus Matsch und Schlamm. Heruntergelassene Rollläden vor bleichen Fenstern; verwelktes Laub auf halb totem Gras. London war steril. Der Regen hatte alle Gerüche bis auf die beharrlichsten weggewaschen – den Gestank nach Kohle und kaltem, nassem Stein.

Wenn die Stadt schon trostlos war – ihre Bewohner waren noch schlimmer. Vor elf Jahren hatte er London verlassen, weil ihn die höflich steife Gesellschaft beinahe erstickt hatte. Seit seiner Rückkehr waren es lediglich die unnachgiebige Strenge wissenschaftlichen Denkens, die Klarheit des Beobachtens und das Gefühl der Beherrschung des Universums gewesen, die ihn am Leben gehalten hatten. Schon vor langer Zeit hatte er erkannt, dass er hier in London niemals richtig hingehören würde. Nur das Studieren der naturkundlichen Aufzeichnungen, die er in Brasilien gemacht hatte, hatte in den letzten Monaten die Erinnerung daran wachhalten können, wer Gareth im Grunde war. Ohne sie wäre sein eigentliches Ich in den endlosen Verpflichtungen von Lord Blakely untergegangen.

Gareth schüttelte den Regen von seinen Schultern und hob seufzend den Kopf. Er war nun schon fast eine halbe Stunde durch die dreckigen Pfützen gelaufen und nass bis auf die Knochen. Ohne die zornigen Gedanken in seinem Kopf und das zügige Lauftempo wäre ihm sicherlich längst eiskalt gewesen.

Unbewusst hatten ihn seine Schritte in die Gegend geführt, in der Madame Esmeralda wohnte. Die Straßen waren entschieden schäbiger als die in Gareths eigenem Viertel; braune, plätschernde Rinnsale umspülten vom Regen aufgeweichte Pferdeäpfel auf dem Kopfsteinpflaster. Trotzdem war es keine gefährliche Gegend. Familien lebten hier zwar nicht im Wohlstand, aber auch nicht in völliger Armut.

Er entdeckte die Fenster ihrer Wohnung, unten in einem Kellergeschoss, ein paar Stufen hinunter. Sie verbreiteten ein warmes Licht, das ihn sofort an einen heißen Tee und einen Ofen denken ließ. Ein glühender und völlig unvernünftiger Zorn befiel ihn, als er sich vorstellte, wie sie in einem gut beheizten, gemütlichen Zimmer saß, während er wie ein streunender Kater im Regen umherstreifte.

Seine ganze Reaktion auf sie war so irrational wie die Vorstellung von einer Wahrsagerin, die die Geister über die Zukunft befragte. Genauso töricht wie die Idee, einer Frau mit Elefanten aus Ebenholz den Hof zu machen. Und, zugegeben, genauso unverständlich wie eine Betrügerin, die mehrere hundert Pfund als Gegenleistung für bloßes Nichtstun zurückwies. Vielleicht war das der Grund, warum er jetzt auf ihre Haustür zuging und die kalten, nassen Stufen hinunterstampfte.

Plötzlich sah er vor sich, wie er sie zur Rede stellen und ihr die kühle Strenge wissenschaftlichen Denkens erklären würde. Er wollte ihr mit seinen Worten allen Wind aus den Segeln nehmen, so wie es ihr bei ihm gelungen war. Sie sollte sich so aus dem Gleichgewicht gebracht fühlen wie er jetzt. Er wollte gewinnen, ihr beweisen, dass sie sich irrte und er recht hatte. Wie unsinnig. Wie unbedacht. Und doch …

Er klopfte.

Und wartete.

Madame Esmeralda öffnete die Tür. In der Hand hielt sie eine qualmende Talgkerze, die ihre Gesichtszüge erhellte. Gareth konnte sehen, wie ihre Augen sich vor Schreck weiteten, als sie erkannte, wer da auf ihrer Schwelle stand. Sie sagte kein Wort, bat ihn auch nicht herein, sondern sah ihn nur verblüfft an.

Sie trug jetzt nicht diese lächerliche Verkleidung, sondern einen schlichten Morgenrock aus dicker, dunkler Wolle. Ihr weißes Hemd lugte am Kragen darunter hervor. Dieses winzige Stück Stoff erinnerte ihn plötzlich mit aller Macht an den vergangenen Nachmittag. An die weiche Haut, die nur durch zwei Lagen Stoff und so viel feuchte Luft von seinen Händen getrennt war. Ein Klumpen formte sich in seiner Kehle und Nebel senkte sich über die in seinem Kopf so sorgfältig zurechtgelegte Rede.

Sie schlang einen Arm um sich, als wäre sie es, die sich vor ihm schützen musste.

“Wissen Sie, warum mir klar ist, dass Sie eine Betrügerin sind?”, entfuhr es ihm krächzend.

Sie sah ihn an.

“Weil Sie sich irren. Sie irren sich gründlich.” Er dachte fieberhaft nach, was er ihr hatte sagen wollen. In der Wissenschaft geht es um Antworten. Sie erhebt uns über diejenigen, die keine Fragen stellen.

Doch ehe er noch den Mund aufmachen konnte, beging Gareth einen fatalen Fehler – er sah Madame Esmeralda in die Augen. Er hatte sie für tiefschwarz wie die einer Zigeunerin gehalten. Aber nun, aus der Nähe und im Schein der Kerze, erkannte er, dass sie tatsächlich dunkelblau waren.

Diese Tatsache reichte aus, alles Blut aus seinem Gehirn weichen zu lassen. Sämtliche Argumente über die Vorzüge wissenschaftlichen Denkens lösten sich in nichts auf. Stattdessen trat er einen Schritt auf sie zu, ließ die Maske vor den Augen fallen und gestattete ihr einen Einblick in das Inferno in seinem Innern.

Sie hielt hörbar den Atem an. “Warum sagen Sie, dass ich mich irre?” Ihre Stimme bebte leicht.

“Ich bin kein Automat.” Die Worte kamen von irgendwoher, vielleicht aus seinem Bauch, aber ganz sicher nicht aus seinem nutzlos gewordenen Kopf. Er kam noch einen Schritt näher. Sie hielt seinem Blick weiterhin stand, ebenso wenig imstande wegzusehen wie er. Ihr Atem dampfte weiß in der kalten Nachtluft und ging stoßweise, im selben Rhythmus wie sich ihre Brust hob und senkte. Er konnte jeden ihrer Atemzüge süß an seinen Lippen spüren.

Es war reiner Selbsterhaltungstrieb, die Hand auszustrecken und die Kerzenflamme mit den Fingern zu löschen; die sinnlichen Bilder verschwinden zu lassen, ehe sie sich für alle Zeiten in sein Gedächtnis einbrannten. Der Docht zischte, und ihre Augen waren in der plötzlichen Dunkelheit nicht mehr zu sehen.

Es half nicht. Er konnte immer noch ihren Duft wahrnehmen.

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