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Eine himmelstürmende Affäre

1. KAPITEL

Zusammengekauert in der Badewanne, lauschte Carmel Rourke angespannt auf die Schritte im Schlafzimmer nebenan, wobei sie versuchte, so wenig wie möglich zu atmen. Wenn es ihr jetzt noch gelänge, das Pochen ihres Herzens zu dämpfen, das ihr wie Paukenschläge in den Ohren klang, konnte sie es vielleicht vermeiden, die Weihnachtstage in einer Gefängniszelle zu verbringen.

Wie hatte sie es nur geschafft, im Bad eines ihr völlig Fremden im „Ritz“ zu landen?

Es war alles Louisas Schuld. Typisch für ihre sogenannte Freundin, sich einen völlig irrwitzigen Plan auszudenken, der Louisa eine Beförderung und vielleicht sogar den Pulitzer-Preis einbrachte, wenn er gelänge – und Mel ins Gefängnis, wenn nicht. Es war eben nicht ratsam, auf eine Frau zu hören, die wie ein Preisboxer essen konnte und trotzdem gertenschlank blieb. Solche Menschen mussten auch sonst nie für ihre Verfehlungen büßen. Wohingegen Mel einen Schokoriegel nur anzusehen brauchte, und schon saß er ihr auf den Hüften.

Die Schritte nebenan hatten plötzlich aufgehört. Mel hielt den Atem an. Sie hörte das gedämpfte Knarren des Bettes und dann die Erkennungsmelodie der Zweiundzwanzig-Uhr-Nachrichten. Verdammt, jetzt würde sie nicht mehr hören können, ob der Typ ins Bad kam oder nicht. Höchste Zeit zu beten.

Bitte, lass ihn nicht hereinkommen. Bitte, lass ihn nicht hereinkommen.

Mel wiederholte die Worte in Gedanken wie ein Mantra, während ihr die Schweißtropfen zwischen den Brüsten hinunterrannen. Bluse und Rock kamen ihr mit einemmal viel zu warm vor, und ihr knurrender Magen erinnerte sie daran, dass sie seit einem Joghurt zu Mittag nichts mehr gegessen hatte. Na toll, wäre doch typisch für ihr Pech, wenn sie hier jetzt vor Hunger in Ohnmacht fallen würde!

Mel lehnte den Kopf zurück gegen die Fliesen, blickte zu dem silbrig glänzenden Duschkopf hoch und versuchte, noch einmal genau nachzuvollziehen, wie sie überhaupt in diese Klemme geraten war … sodass sie nun einer unvorstellbaren Demütigung und der fast sicheren Verhaftung ins Auge blicken musste.

Begonnen hatte alles bei der Buchvorstellung, als Louisa den „Supertyp“ entdeckt hatte.

„Ich verwette meinen gesamten Besitz darauf, dass er es ist“, flüsterte Louisa Mel ins Ohr, wobei sie gleichzeitig ihr drittes Sandwich vertilgte.

„Er ist es nicht“, widersprach Mel, während der Manager des Buchladens vorne vor der beachtlichen Menschenmenge immer noch in Lobeshymnen schwelgte über den jüngsten, zukünftigen Bestseller aus der Feder des geheimnisvollen Krimiautors, der nur unter dem Namen Devlin bekannt war. „Devlin meidet jegliche Publicity. Er müsste völlig verrückt sein, inkognito bei seiner eigenen Buchvorstellung aufzutauchen.“ In den letzten fünf Jahren war Devlin weltweit zum Bestseller-Autor seines Genres avanciert. Je mehr seine Verkaufszahlen stiegen, desto mehr überschlug sich die Presse in Spekulationen über seine wahre Identität. Louisa gehörte zu den vielen Reportern, die darum wetteiferten, ihn zu demaskieren. Aber Mels bescheidener Ansicht als Redaktionsassistentin nach war die Idee, dass er unerkannt bei einer seiner eigenen Buchvorstellungen auftauchen würde, selbst für Louisa ziemlich verwegen.

Fast zwanzig Minuten hatten sie schon den monotonen Vortrag des Managers über Devlins „gnadenlose Prosa“ und seine „atmosphärischen Bilder“ ertragen, während Louisa sich systematisch durch die üppigen Sandwiches auf dem Erfrischungsbüfett gearbeitet und sich für nichts anderes interessiert hatte.

Und dann betrat dieser „Supertyp“ den Laden. Mel bemerkte ihn zuerst, wie er allein im Hintergrund stand. Der Mann war wirklich beeindruckend. Groß, dunkelhaarig und gut aussehend wurde ihm als Beschreibung bei Weitem nicht gerecht. Dichtes, welliges schwarzes Haar, das sich hinter den Ohren lockte, ein markantes, gebräuntes Gesicht mit dunklen, geschwungenen Brauen und eine Statur, die ihn vermutlich täglich Stunden im Kraftraum kostete, verliehen ihm das verwegene Aussehen eines modernen Piraten. Eine romantische Vorstellung, die durch Bluejeans, schwarze Lederstiefel und einen schlichten schwarzen Pullover mit rundem Halsausschnitt unterstrichen wurde. Unwillkürlich überlegte Mel, welche Farbe seine Augen haben mochten, da drehte er sich um und blickte sie direkt an. Mit Augen, die in tiefem, klarem Blau strahlten. Die Art, wie er Mel von Kopf bis Fuß betrachtete, hätte sie eigentlich als unverschämt empfinden müssen, wenn ihr Puls nicht so rasend beschleunigt hätte. Obwohl es nur wenige Sekunden gewesen sein konnten, kam es ihr vor, als würde der Mann sie eine Ewigkeit so ansehen.

Als er seine Aufmerksamkeit wieder dem Manager des Ladens zuwandte, atmete Mel erleichtert auf. Ärgerlich riss sie den Blick von ihm los. Dieser Kerl sah aus wie alle von der Natur besonders bedachten Menschen. Selbstbewusst. Arrogant. Überwältigend. Ganz der Typ, nach dem sich alle umdrehten, und er wusste es. Genau der Typ, dem sie für immer abgeschworen hatte.

Mel hatte Louisa nicht auf den „Supertyp“ aufmerksam gemacht, denn ihr war klar gewesen, dass bei seinem Anblick die lebhafte Fantasie ihrer Freundin mit ihr durchgehen würde. Was sich dann auch als richtig erwies.

„Wer könnte er sonst sein, und was sucht er hier?“, überlegte Louisa weiter. „Auf jeden Fall ist er kein Reporter, denn dann würde ich ihn kennen. Und er unterhält sich auch nicht mit den Vertretern des Verlages.“

„Wahrscheinlich ist er nur aus Neugier in den Laden gekommen, um zu sehen, was hier los ist.“

„Er geht!“ Ohne Umschweife stellte Louisa den Sandwichteller auf einen Bücherstapel und packte Mel beim Arm. „Lass uns ihm folgen.“

Ehe Mel wusste, wie ihr geschah, wurde sie durch dichtes Fußgängergedränge über den Piccadilly gezerrt, während Louisa bemüht war, mit den langen Schritten des geheimnisvollen Fremden mitzuhalten. Fünf Minuten später standen sie außer Atem vor dem Eingang des „Ritz“.

„Ich habe es dir ja gesagt“, keuchte Mel. „Er ist ein Tourist. Glücklicherweise hat er nicht bemerkt, dass wir ihm gefolgt sind.“

„Warte hier. Ich habe eine Idee.“

Mit bedenklicher Miene sah Mel zu, wie Louisa in dem Hotel verschwand. Es war kalt, es hatte zu regnen begonnen, sie hatte ihren Mantel im Buchladen zurückgelassen, sie war hungrig, und sie wollte nach Hause.

Fünf eisig kalte Minuten später stürmte Louisa wieder aus der Tür, und ihre Augen funkelten wie die Weihnachtsdekoration zu beiden Seiten des Hoteleingangs. „Er ist es ganz, ganz bestimmt, Mel!“ Übermütig faltete sie die Hände und verdrehte die Augen. „Dem Himmel sei Dank! Die blöde alte Ziege Dansworth kann mich nicht noch einmal bei der Beförderung übergehen, wenn ich ihr diese Story liefere!“

Wider alle Vernunft war Mels Neugier geweckt. „Wie kommst du darauf, dass der Typ Devlin ist?“

„Colin arbeitet hier als oberster Hotelpage.“

„Wer ist Colin?“

„Mein vorvorletzter Ex. Du weißt doch, es hat dich wahnsinnig gemacht, wie er dich immer ‚Schätzchen‘ nannte.“

„Richtig, und was hat dir Colin erzählt?“ Sie konnte es sich lebhaft ausmalen. Dieser Colin war ein ziemlicher Trottel, wenn sie sich recht erinnerte.

„Der Typ hat unter dem Namen Dempsey eingecheckt und wohnt in der Royal Suite, einer der teuersten Suiten des Hotels. Und Colin sagt, als er vor einer Woche angekommen ist, musste einer der Pagen ihm einen superteuren, nagelneuen Laptop aufs Zimmer bringen und durfte über zwanzig Pfund Trinkgeld jubeln.“

„Okay.“ Mel dachte kurz über das Gehörte nach. „Er ist also ein reicher, Computer-verrückter Tourist. Na und?“ Louisa strahlte unbeirrt. „Mel, Colin hat einen Generalschlüssel!“

„Und?“

„Sei nicht so schwer von Begriff. Der Typ ist gerade zum Essen ins Restaurant gegangen. Colin lässt dich in die Suite. Dann musst du nur noch herausfinden, ob er wirklich derjenige ist, der er vorgibt zu sein.“

„Was? Bist du völlig verrückt geworden?“ Mel konnte sich gerade noch zurückhalten, nicht zu schreien. „Das ist illegal! Und warum sollte ich das tun? Ich bin nur eine kleine Redaktionsassistentin. Du bist die Reporterin!“

„Du schreibst die Kolumne mit den Buchrezensionen“, entgegnete Louisa prompt.

„Doch nur, weil die Dansworth glaubt, dass es sowieso keiner liest“, wehrte Mel selbstkritisch ab. Tatsächlich aber hatte sie sich lange angestrengt, um diese Chance zu erhalten, und die Rezensionen waren das einzige, was ihr in dem Job bei „London Nights“ wirklich Spaß machte.

„Bitte, Mel, es kostet dich nur wenige Minuten“, bat Louisa.

„Ich verstehe immer noch nicht, warum du es nicht selber machst!“

Verlegen wich Louisa ihrem Blick aus. „Ich … werde mit Colin alle Hände voll zu tun haben. Er geht doch nicht umsonst das Risiko ein, gefeuert zu werden.“

Mel verschlug es die Sprache. „Du willst dich doch nicht ernsthaft für eine Story verkaufen, an der wahrscheinlich gar nichts dran ist?“

Louisa winkte ungeduldig ab. „Zufällig küsst Colin ganz fantastisch.“ Sie kramte aus ihrer Handtasche ihren Presseausweis hervor und drückte ihn Mel in die Hand. „Falls dich jemand erwischt … was ganz bestimmt nicht passiert …, kannst du sagen, du wärst ich. Das Foto ist so verblichen, dass es keiner merkt. Und ich verspreche dir, im Notfall werde ich alles auf mich nehmen.“ Die Reporterin strich sich die seidige blonde Mähne aus dem Gesicht. „Mel, du weißt genau, dass unsere Zeitschrift einen Knüller brauchen kann. Die Auflage geht seit Monaten zurück. Es hat sogar schon Gerüchte gegeben, dass wir den Betrieb einstellen müssen.“

„Das wusste ich gar nicht!“ Mel war ehrlich schockiert. Sie brauchte den Job, denn die Wahnsinnshypothekenrate für ihr winziges Apartment in West-London zahlte sich nicht von selber.

„Mel.“ Louisa sah sie ernst und beschwörend an. „Wenn ich bereit bin, mich, was Colin betrifft, zu opfern, um unsere Kollegen vor der Entlassung zu bewahren, dann solltest du auch gewillt sein, ein kleines Opfer zu bringen.“

Unglücklich lauschte Mel auf ihren knurrenden Magen und die lauten Fernsehgeräusche von nebenan.

Wie kam es, dass Louisas „Opfer“ darin bestand, sich von Colin, der so fantastisch küsste, in den siebten Himmel entführen zu lassen, wohingegen sie die halbe Nacht in einer Hotelbadewanne hockte und darauf wartete, ins Gefängnis abgeführt zu werden?

Ihr Leben war inzwischen ein einziges Fiasko. Mel seufzte schwer. Und das Meiste davon war ihre eigene Schuld und nicht Louisas. Schön, Louisa hatte sie in diese dumme Lage gebracht, aber warum hatte sie sich dazu bringen lassen? Sie hätte Louisa einfach sagen sollen, dass sie es nicht mache. Dass sie nicht irgendeinen ihr völlig unbekannten Mann ausspionieren könne. Aber auf die Idee war sie erst gekommen, als sie bereits allein in der Suite stand und auf eine abgewetzte Lederjacke blickte, die achtlos auf eines der Sofas geworfen worden war. Und in dem Moment, als ihr klar wurde, dass sie unmöglich die Sachen dieses Mannes durchsuchen könnte, hörte sie auch schon das Klicken der Schlüsselkarte im Türschloss.

Mel rollte vorsichtig mit den Schultern, denn in der Enge der Wanne schmerzten ihr inzwischen sämtliche Glieder. Wie viele dumme Fehler würde sie in ihrem Leben noch machen?

Bei dem Gedanken tauchte Adams Gesicht vor ihrem geistigen Auge auf. Der attraktive, arrogante, falsche Adam. Der sie mit seinem charmanten Lächeln und seinem perfekt trainierten Körper beständig daran erinnerte, auf ihr Gewicht zu achten. Adam, den sie für ihren Freund gehalten hatte – mit dem sie sich jedoch niemals hätte einlassen dürfen. Wie hatte sie nur so dumm sein können, nicht zu erkennen, was für ein Mensch er war?

Die gepflegte Stimme des Nachrichtensprechers verstummte urplötzlich. Mel schluckte. Oh nein, sie war so damit beschäftigt gewesen, über diese Ratte Adam nachzudenken, dass ihr noch kein vernünftiger Plan eingefallen war!

Jack Devlin warf die Fernbedienung aufs Bett und ging zum Fenster. Er zog die schweren Samtvorhänge auf, um auf den nächtlichen Piccadilly hinunterzublicken. Im nassen Asphalt spiegelte sich funkelnd die zwischen den Straßenlaternen aufgehängte Weihnachtsbeleuchtung. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, aber die Weihnachtseinkäufer und Nachteulen, die sich an der Bushaltestelle auf der gegenüberliegenden Seite drängten, wirkten trotzdem verfroren und jämmerlich.

Nachdenklich strich sich Jack durchs Haar. Er wusste so gut, wie sie sich fühlten.

Was war nur mit ihm los? Drei Monate ging das jetzt schon so, doch er fand keinen Ausweg. Aus der Langeweile. Der Rastlosigkeit. Der inneren Leere.

Er ließ den Vorhang wieder vors Fenster fallen und ging zu der gut bestückten Minibar, wobei er den nagelneuen Laptop auf dem Schreibtisch keines Blickes würdigte. Stattdessen wählte er aus dem reichhaltigen Angebot kleiner Spirituosenflaschen einen teuren Single Malt Whisky aus und schenkte sich einen Drink ein.

Dieses ganze Fiasko um den „geheimnisvollen Unbekannten“ war natürlich auch nicht gerade hilfreich. Er war es so leid, in unpersönlichen Hotelzimmern zu leben, ständig auf der Flucht vor den verdammten Reportern. Andererseits verspürte er auch nicht die geringste Lust zu dieser Pressekonferenz, zu der seine Verleger und sein Agent ihn drängten, aber hatte er eine Wahl? Die Jagd musste endlich ein Ende haben.

Mit einem großen Schluck stürzte Jack den Drink hinunter und verzog das Gesicht. Welche Ironie! Als Kind hatte er sich immer vorgestellt, Geld und Erfolg würden all seine Probleme lösen. In diesem Moment standen zwei seiner Bücher in den Bestseller-Listen der „New York Times“, und sein Börsenmakler wusste sich gar nicht zu zügeln, wenn er ihm über den finanziellen Erfolg seiner Investitionen Bericht erstattete. Jack nannte Wohnungen in Paris, in London und auf den Bermudas sein Eigen, hatte aber nie irgendwo richtig Fuß fassen können. Es war, als würde er nach etwas streben, das gar nicht existierte.

Krachend stellte er das Glas auf die Minibar. Reiß dich zusammen, Devlin! Das Gefühl der Leere würde irgendwann wieder verschwinden. Wie jedes Mal. Er musste nur aufhören zu grübeln. Raus aus dem Hotel wäre ein guter Anfang. Ein Besuch in einer der Bars in der Nähe. Er brauchte einen Tapetenwechsel. Fast die ganze letzte Woche war er abends in der Hotelsuite geblieben und hatte die Wände angestarrt. Das war bestimmt keine Lösung.

Der kleine Spaziergang am Nachmittag die Straße hinunter zu dem Buchladen war als Ablenkung gar nicht so übel gewesen. Zumindest hatte er für eine kleine Weile einmal nicht an seine Schreibblockade gedacht. Unwillkürlich erinnerte er sich an das Mädchen, das ihm bei der Buchvorstellung aufgefallen war. Ohne Zweifel eine faszinierende Ablenkung. Keine Schönheit im konventionellen Sinn … wie etwa die blonde Amazone an ihrer Seite …, dennoch besaß sie das gewisse Etwas. Er hatte nicht aufhören können, sie anzusehen. Ihre sanftgrünen Augen hatten sich ihm eingeprägt, der Blick klar und intelligent. Zwar hatte ihn die unverhohlene Weise, wie sie ihn betrachtete, ein wenig beunruhigt, was ihn jedoch nicht daran hinderte, ihre Figur in Augenschein zu nehmen. Die weite Bluse, die sie trug, ließ reizvolle Rundungen erahnen. Überrascht hatte er den unerwartet heftigen Wunsch verspürt, sich ihr zu nähern, und sich erschrocken abgewandt. Verdammt, er hatte sich in einem Raum voller Reporter befunden!

Nachdenklich rieb sich Jack das Kinn. Er brauchte eine Rasur und eine Dusche. Wenn ihm das Glück richtig hold war, würden das faszinierende Mädchen und seine Freundin in einer der Bars der Gegend einen Drink nehmen. Pfeifend zog Jack sich Pullover und T-Shirt aus, warf beides aufs Bett und öffnete die Tür zum Bad.

Mel ballte die zitternden Hände und duckte sich noch tiefer in die Wanne, als das Deckenlicht aufflammte. Durch den zugezogenen Duschvorhang sah sie verschwommen die große, dunkle Silhouette eines Mannes vorbeihuschen.

Er wirkte riesig.

Aber wenigstens pfiff er vor sich hin. Vielleicht machte es ihm ja gar nichts aus, versteckt in der Badewanne seiner Hotelsuite eine Verrückte zu finden? Mel betete zum Himmel, ihr leerer Magen möge nicht knurren. Allmählich fühlte sie sich schwindelig vor Angst und Hunger.

Das Pfeifen verstummte. War das das Brummen eines Rasierapparates?

Mel versuchte, sich etwas aufzurichten, ohne dass ihr Kopf zu weit über den Rand der Wanne lugte. Sie musste sich bereithalten, um ihren zugegebenermaßen armseligen Plan in die Tat umzusetzen. Das Brummen des Rasierers verstummte und wurde wieder von Pfeifen abgelöst. Unnatürlich laut drang das Geräusch eines Reißverschlusses, der geöffnet wurde, an Mels Ohr. Etwas, vermutlich eine Jeans, fiel zu Boden. Mel schlug das Herz bis zum Hals. Nur mit Mühe unterdrückte sie einen Aufschrei, als über ihrem Kopf ein sonnengebräunter, muskulöser Arm erschien und eine Hand nach den Duscharmaturen tastete.

Im nächsten Moment ergoss sich eine Flut kalten Wassers mitten in Mels Gesicht, und sie schrie auf.

„Was zum …?“

Mit einem Ruck wurde der Duschvorhang beiseite gezogen, und der „Supertyp“ ragte vor Mel auf … splitternackt. Ihr Blutdruck schoss in schwindelnde Höhen, als sie wie gebannt den Blick über seine breiten Schultern, den muskulösen Oberkörper und dann weiter hinab gleiten ließ. Nie in ihrem Leben würde sie den Anblick vergessen, der sich ihr durch die herabstürzende, sich allmählich erwärmende Wasserflut bot. Schlagartig flog ihr Blick wieder hoch in das Gesicht des Fremden, dessen unwahrscheinlich blaue Augen sie durchdringend und vorwurfsvoll ansahen. Aber er machte keinerlei Anstalten, seine Blöße zu bedecken.

„Was zum Teufel machen Sie in meinem Bad?“

Mel versuchte sich aufzuraffen, verlor ihre Handtasche und glitt unter dem unaufhörlichen Wasserstrahl haltlos in die Wanne zurück. „Könnten Sie es abstellen?“, flüsterte sie jämmerlich.

Er zögerte ganz bewusst, bevor er schließlich die Hand ausstreckte und das Wasser abdrehte. Dabei ließ er Mel nicht eine Sekunde aus den Augen.

Langsam stand sie auf, wobei sie sich an seinem Blick festhielt, als würde ihr Leben davon abhängen. Auf keinen Fall durfte sie noch einmal nach unten sehen. Auch so glühten ihre Wangen und waren sicherlich hochrot, und sie zitterte am ganzen Körper. Wenigstens ließ ihr Gegenüber jetzt endlich den Duschvorhang los und wandte sich ab, um ein Handtuch aus einem Regal zu nehmen. Der Anblick seines knackigen Pos ließ Mel erneut hörbar nach Luft schnappen.

Sofort drehte er sich wieder zu ihr um, während er sich das Handtuch fest um die Hüften wickelte. Seine blauen Augen funkelten eisig. Mel stellte fest, dass der Fremde sie deutlich überragte, obwohl sie in der leicht erhöhten Wanne stand. Er musste also mindestens einen Meter neunzig groß sein.

Und dann schweifte sein Blick hinab zu ihren Brüsten. Unwillkürlich folgte Mel der Richtung und hielt entsetzt den Atem an. Ihre Bluse und ihr BH waren unter der Wasserflut praktisch durchsichtig geworden, sodass sich ihre festen Brustspitzen deutlich durch den Stoff abzeichneten. In einer instinktiven Reaktion verschränkte Mel schützend die Arme vor der Brust, während ihr das Blut heiß in die Wangen schoss. Konnte die Sache noch peinlicher für sie werden?

„Kommen Sie besser da heraus“, sagte der Fremde bedrohlich ruhig.

Er wich zurück, um ihr Platz zu machen, und griff nach einem weiteren Handtuch aus dem Regal.

Mel sah ihre Chance, nahm all ihren Mut zusammen, kletterte aus der Wanne, schlitterte auf den nassen Fliesen zur Tür und stürzte ins Schlafzimmer. In Panik versuchte sie, den Ausgang der Suite zu erreichen.

„Oh nein, so einfach kommen Sie nicht davon, Schätzchen.“

Die Worte dröhnten ihr in den Ohren, als sie im gleichen Moment hinterrücks von starken Armen gepackt und gegen eine harte Männerbrust gedrückt wurde. Sie fühlte sich hochgehoben und stieß den Ellbogen so fest sie konnte nach hinten, was mit einem unterdrückten Schmerzenslaut quittiert wurde. Aber ihr Angreifer presste sie nur noch fester an sich, sodass ihr der Duft seines teuren Aftershaves in die Nase stieg.

„Hören Sie auf, sich zu wehren. Ich werde Ihnen nichts tun. Aber ich will wissen, wer Sie sind und was, zum Teufel, Sie hier suchen.“

Doch Mel nahm nur noch ein ohrenbetäubendes Rauschen wahr. Wag es ja nicht, jetzt ohnmächtig zu werden, du Dummkopf!, dachte sie noch, da wurde ihr schon schwarz vor Augen.

2. KAPITEL

Mel kuschelte sich ins warme Bett. Köstlicher Bratenduft kitzelte ihre Nase. Anscheinend hatte Mum das Abendessen fertig. Wundervoll, denn sie war völlig ausgehungert. Wohlig seufzend schlug sie die Augen auf.

Und saß im nächsten Moment kerzengerade im Bett.

Das war nicht ihr Schlafzimmer aus der Kinderzeit. Schlagartig hellwach, wurde ihr bewusst, wo sie war und mit wem. Der Schein der Nachttischlampe fiel auf den fremden Mann, der unweit neben dem Bett in einem Sessel saß und sie beobachtete. Ein sinnliches Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Hallo, schlafende Schönheit.“

Der vertrauliche Unterton ließ Mel erröten. Nun, zumindest hatte er sich wieder angezogen. Bei dem Gedanken blickte sie angstvoll an sich herab … und griff erleichtert nach den Aufschlägen des flauschigen weißen Hotelbademantels, den sie anstelle ihrer durchnässten Sachen trug. Wie sie dazu gekommen war, wollte sie gar nicht so genau wissen.

„Wie fühlen Sie sich?“, erkundigte sich ihr Gegenüber.

„Danke … gut“, antwortete sie nervös. In dem Bestreben zu verschwinden, bevor er weitere Fragen stellte, schlug sie die Satinbettdecke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. „Ich … sollte jetzt wirklich weg.“ Sie gab sich alle Mühe, ihre nackten Beine so weit wie möglich mit dem Bademantel zu bedecken. „Es tut mir leid, dass ich so bei Ihnen eingedrungen bin. Ich hatte mich einfach in der Zimmertür geirrt, und als ich Sie dann hereinkommen hörte, bin ich … in Panik geraten.“

Es klang selbst in ihren Ohren wie eine reichlich lahme Ausrede, und ihr Gastgeber bedeutete mit einem kurzen Hochziehen der Augenbrauen, dass er sie ebenso wenig überzeugend fand. Wortlos nahm er eine kleine Karte vom Nachttisch und warf einen bedeutsamen Blick darauf.

„Da müssen Sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen … Miss Louisa DiMarco vom ‚London Nights‘ Magazin.“

Mel macht große Augen. Louisas Presseausweis! „Sie haben meine Handtasche durchwühlt!“

Er beugte sich lächelnd vor, aber seine blauen Augen blickten durchdringend. „Verdammt richtig, Louisa. Ich denke, wenn eine fremde Frau meine Privatsphäre verletzt, sollte ich diese Aufmerksamkeit zumindest erwidern.“

„Na schön.“ Mel betrachtete schuldbewusst ihre Zehenspitzen. Er hatte ja nicht ganz Unrecht. Sie blickte zögernd auf. „Es tut mir leid. Vielleicht können wir die Sache einfach vergessen, wenn ich jetzt sofort verschwinde.“

Sie stand auf, wobei sie den Bademantel fest zusammenhielt. Etwas erleichtert bemerkte sie, dass ihr unfreiwilliger Gastgeber sich entspannt zurücklehnte.

„Äh …“ Mel sah sich suchend in dem luxuriösen Schlafzimmer um. „Wo sind meine Sachen?“

„Nun …“ Er lächelte amüsiert. „Das ist wohl ein Problem, Louisa. Der Hotelpage hat sie mitgenommen.“

„Wie bitte? Warum?“

„Na ja, sie waren tropfnass.“ Er erhob sich aus dem Sessel. „Ich habe ihn gebeten, sie in die Wäscherei zu schicken und bis morgen früh zurückzubringen.“

Irgendwie hatte Mel das Gefühl, ihm für sein umsichtiges Verhalten keine Dankbarkeit zu schulden.

„Natürlich könnten Sie ohne Ihre Sachen gehen“, fügte er jetzt zu allem Überfluss in unverändert belustigtem Ton hinzu, wobei er Louisas Presseausweis auf den Nachttisch warf und auf Mel zukam. Sie sank wieder zurück auf die Bettkante. „Aber dann müsste ich darauf bestehen, dass Sie mir den zurückgeben …“ Er zupfte am Ärmel des Bademantels, sodass er ihr von der Schulter glitt. Sofort zog Mel ihn wieder hoch. „Was wiederum bedeuten würde, dass Sie mit nichts als einem sexy kleinen BH und Slip bekleidet durch das Hotel laufen müssten. Und da dies das ‚Ritz‘ ist, wette ich, dass die Hotelleitung irgendwelche Vorschriften für einen derartigen Fall hat.“

Mel schoss das Blut heiß in die Wangen. Und gerade als sie glaubte, ihre Demütigung wäre komplett, knurrte ihr Magen laut und vernehmlich.

Ihr Gastgeber lachte unerhört sexy. „Ich habe Steaks bestellt. Sie sind nebenan, wenn Sie mir beim Abendessen Gesellschaft leisten möchten.“

Am liebsten hätte sie ihm geraten, sich mit seinen Steaks zur Hölle zu scheren. Wenn der Kerl im Restaurant zu Abend gegessen hätte, wie sie es erwartet hatte, wäre das alles sowieso nicht passiert! Aber der Duft aus dem Nebenzimmer ließ Mel das Wasser im Mund zusammenlaufen, und sie hatte allem Anschein nach gar keine Chance, die Suite so bald verlassen zu können. Ihr Magen knurrte erneut. Es musste jetzt mindestens elf Uhr abends sein, sie war halb verhungert und brauchte einen klaren Kopf, wenn sie die restliche Nacht wirklich in Gesellschaft ...

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