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Eine heiße Nacht ist nicht genug

Emilie Rose

Eine heiße Nacht ist nicht genug

1. KAPITEL

Nein, bitte nicht der!

Panik erfasste Amelia Lambert. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie glaubte, jeder im Umkreis von hundert Metern müsste es hören. Fasziniert blieb ihr Blick an dem Mann hängen, der an der Rezeption stand, und ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle.

Dieses blonde Haar, die breiten Schultern, der muskulöse Po und die langen Beine konnten nur zu einem Mann gehören – einem Mann, den sie nie hatte wiedersehen wollen.

Toby Haynes. Ihr dümmster Fehler.

Warum war er schon jetzt in Monaco? Sie hatte geglaubt, dass ihr noch etwas Zeit blieb, um sich auf seine Ankunft vorzubereiten. Vierundzwanzig Tage, um genau zu sein.

Sekundenlang spielte sie mit dem Gedanken, sich hinter einer der breiten Marmorsäulen zu verstecken, bis Toby gegangen war. Bevor Amelia die Idee in die Tat umsetzen konnte, wandte er sich jedoch um und sah sie direkt an. Und dann lächelte er – dieses freche, herausfordernde Lächeln, das ihm fünf Jahre hintereinander den Titel des aufregendsten Rennfahrers eingebracht hatte.

Sie konnte dieses Lächeln nicht ertragen. Und sie hasste, was es in ihr auslöste – eine unerklärliche Sehnsucht, ein Erschauern, eine Hitze, die sie zu verbrennen drohte.

Ungerührt konzentrierte er seinen Blick auf sie, als wäre sie in dem weitläufigen Foyer des exklusiven Hotel Reynard der einzige Mensch außer ihm. Lässig schlenderte Toby auf sie zu, mit nur einer schwarzen Reisetasche in der Hand. Er blieb auf Armeslänge von ihr entfernt stehen. Für Amelias Geschmack war das schon viel zu nah. Sie hätte es vorgezogen, wenn der Atlantische Ozean zwischen ihnen läge.

„Hallo, meine süße Amelia“, sagte er gedehnt.

Sie bekam kaum noch Luft, so wie er sie ungeniert musterte. Offenbar wollte er ihr zu verstehen geben, dass er sich noch sehr gut daran erinnerte, wie sie nackt ausgesehen hatte.

Der Mann verfügte über eine Ausstrahlung und Anziehungskraft, mit denen er alles und jeden in seinen Bann ziehen konnte. Dazu kam seine Manie, um des Nervenkitzels willen beliebige Risiken einzugehen. Jede halbwegs vernünftige Frau wusste, wie denkbar ungeeignet Toby Haynes für eine normale Beziehung war. Dass er ein Liebhaber war, der den meisten Frauen nur in ihren Träumen begegnete, spielte keine Rolle. Wer sich ernsthaft mit ihm einließ, musste schon sehr masochistisch veranlagt sein.

Zum Glück war Amelia zur Vernunft gekommen – wenn auch nicht rechtzeitig genug.

Sie hob leicht das Kinn, um ihm in die silberblauen Augen zu sehen, und versuchte erfolglos, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. „Was machst du hier, Toby?“

„Vincent hat mich gebeten, bis zur Hochzeit auf dich und deine Freundinnen aufzupassen. Euch sozusagen auf Schritt und Tritt zu folgen.“ Er zwinkerte ihr zu. „War zwar noch nie meine Art, das Schlusslicht zu bilden, aber für dich mache ich gern eine Ausnahme.“

Amelia kämpfte gegen die plötzliche Atemlosigkeit an und versuchte, den Sinn seiner Worte zu begreifen. Vincent war natürlich Vincent Reynard, der Erbe der Hotelkette Reynard, einer der Sponsoren von Tobys Rennteam und der zukünftige Bräutigam ihrer besten Freundin Candace. Vincent hatte Candace und ihren drei Brautjungfern den Urlaub in Monaco geschenkt, wo sie die schönste Hochzeit aller Zeiten vorbereiten sollten. Die Zeremonie fand in vier Wochen statt.

„Warum ausgerechnet du?“

„Weil ich der Beste für den Job des Trauzeugen bin, wie für so viele andere Dinge auch. Aber das weißt du ja. Jedenfalls meine ich, mich zu erinnern, dass du genau das gesagt hast, mehr als einmal.“ Er betonte seine Südstaatenherkunft mit einer gedehnten, lässigen Aussprache.

Amelia konnte nicht fassen, dass sie sein ohnehin schon übertrieben großes Selbstbewusstsein auch noch mit Komplimenten genährt haben sollte. Leider stimmte es, er war wirklich so gut gewesen. Und sie schlicht und einfach dumm. Dass sie nach ein paar Drinks angeheitert gewesen war, entschuldigte gar nichts.

Mit einem Mal dachte sie an Neal, ihren verstorbenen Verlobten, den Mann, den sie von ganzem Herzen geliebt hatte. Sie kam sich wie eine Verräterin vor. Schon wieder. Genau wie damals an jenem Morgen, als sie sich umgedreht hatte und Tobys attraktives Gesicht auf dem Kissen neben ihrem betrachtet hatte.

Allmählich drangen seine Worte in ihr Bewusstsein. Entsetzt fragte sie: „Du bist Vincents Trauzeuge?“

„Jawohl, Ma’am.“

Sie würde ein ernstes Wörtchen mit ihrer Freundin reden, da sie ihr diese entscheidende Information vorenthalten hatte. „Ich bin Candace’ Brautjungfer.“

„Das heißt wohl, dass wir uns in nächster Zeit häufig sehen. Wir werden noch dicke Freunde werden, was?“

Das war nicht auszuhalten. Amelia fühlte eine leichte Übelkeit in sich aufsteigen und konnte ihr Entsetzen kaum verbergen.

Toby lehnte sich einfach locker an die Marmorsäule neben ihr und steckte den Schlüssel für sein Hotelzimmer in die Vordertasche seiner Jeans. Ohne es zu wollen, fixierte Amelia mit Blicken genau die Stelle, wo Toby von der Natur außerordentlich großzügig bedacht worden war. Der weiche Jeansstoff überließ kaum etwas der Fantasie. Und Amelia erinnerte sich noch gut genug, um ihre Fantasie überhaupt nicht anstrengen zu müssen.

Unwillkürlich erschauerte sie, als die Erinnerung an seinen Anblick sie übermannte. Amelia wusste noch genau, wie lebendig sie sich in seiner Nähe gefühlt hatte. Dabei waren sie sich zu einer Zeit begegnet, in der sie sich am liebsten irgendwo in einer dunklen Ecke verkrochen und vor der Welt versteckt hätte.

Ihr Puls beschleunigte sich, und ihre Hormone spielten verrückt – wie immer in Tobys Nähe. Ebendiese verflixten Hormone hatten sie vor zehn Monaten dazu getrieben, sich von Toby in sein Bett ziehen zu lassen. Aber diesen Fehler würde Amelia nicht wiederholen. Toby Haynes war ein Mann, der auf dem schnellstmöglichen Weg in Richtung Hölle steuerte, genau wie ihr Vater.

Sie zwang sich, den Blick von seinem verführerischen Körper zu lösen – dabei nahm sie flüchtig seinen flachen Bauch und die breite Brust wahr. Schließlich betrachtete sie sein attraktives, sonnengebräuntes Gesicht, den sinnlichen Mund und die unglaublich aufregenden blauen Augen. Offensichtlich zufrieden über die intensive Musterung, zwinkerte er ihr selbstgefällig zu.

Zum Teufel mit ihm. „Solltest du jetzt nicht irgendwo im Kreis herumfahren?“

Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als würde ihm das Lächeln vergehen. Hätte Amelia ihn nicht wie gebannt angesehen, wäre es ihr entgangen. Er blinzelte, fuhr sich mit der Hand durch das kurze Haar und steckte den Daumen in die Gürtelschlaufe seiner Jeans. Trotz der lässigen Haltung gelang es ihm nicht, die leichte Anspannung zu verbergen, die sich in den kaum sichtbaren Linien um seinen Mund zeigte.

„Ich habe frei. Und es heißt nicht Kreis, sondern Ovale oder Triovale …“

„Mitten in der Saison?“

„Ja.“ Er spuckte das Wort regelrecht aus, und sein Lächeln wirkte eher grimmig.

Es stimmte schon, dass Amelia sich im Rennsport nicht auskannte. Aber als Krankenschwester in Charlotte, North Carolina, arbeitete sie in einem Krankenhaus, das sich in der Nähe einer Rennbahn befand. Dadurch hatte Amelia hier und da etwas über den Sport erfahren, ob sie wollte oder nicht. Sich während der Saison freizunehmen war weder erstrebenswert noch gut. Es kostete den Fahrer Punkte oder Geld oder sonst was – und diese Aussicht brachte die meisten Dummköpfe dazu, das Krankenhaus vorzeitig zu verlassen. Wenn Toby einen ganzen Monat freihatte, musste er gegen eine sehr wichtige Regel verstoßen haben. Oder er war verletzt.

Prüfend musterte sie seinen Körper. Er sah nicht verletzt aus, sondern gesund, fit und unglaublich männlich. Sie schluckte trocken.

„Was hast du angestellt?“

„Wieso glaubst du, ich hätte etwas angestellt?“

„Weil du ein dickköpfiger Draufgänger bist, dem das Risiko wichtiger ist als sein Leben. Du fährst wie ein Wahnsinniger. Und du lässt kein Rennen aus.“

Ein Lächeln formte sich um seine Mundwinkel, und Amelia schluckte wieder. „Du hast meine Karriere also verfolgt, was?“

Sie errötete. Ein einziges Rennen hatte sie sich angesehen, und das auch nur zur Hälfte. Nach dem ersten Unfall hatte Amelia den Fernseher ausgeschaltet. Aber über Toby wurde regelmäßig in den wöchentlichen Nachrichten berichtet, außerdem war er in Werbespots zu sehen. Sogar in Zeitschriftenreklame wirkte er mit. Amelia hatte nicht verhindern können, ständig sein attraktives Gesicht zu entdecken, obwohl sie sich inständig bemüht hatte.

Stolz hob sie das Kinn. „Ich habe Besseres zu tun, als erwachsenen Männern dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig umbringen.“

„Was denn, zum Beispiel?“

„Das geht dich nichts an. Geh nach Hause, Toby. Candace, Madeline, Stacy und ich können auf uns aufpassen. Wir brauchen keinen Babysitter. Kreuz einfach bei der Hochzeit auf, mehr brauchst du nicht zu tun.“

„Geht nicht. Ich muss dich enttäuschen. Mein Kumpel hat mich um etwas gebeten, und ich bin es ihm schuldig.“

Sein Kumpel. Vincent.

Amelia hatte Toby im letzten Jahr nach einem entsetzlichen Unfall kennengelernt, bei dem Vincent ernste Verbrennungen davongetragen hatte. Mit einem Rettungshubschrauber hatten die Sanitäter ihn in das Krankenhaus gebracht, in dem Amelia und Candace arbeiteten. Während der Zeit seiner Genesung hatten Vincent und Candace sich ineinander verliebt. Toby hatte seinen Freund sehr häufig dort gesehen und sich von allen Besuchern eindeutig am aufsässigsten benommen. Amelia wollte ihm schon damals aus dem Weg gehen, heute ging es ihr nicht anders.

„Vincent hat gesagt, dass dich keine Schuld an dem Unfall trifft.“

Die Linien um Tobys Mund vertieften sich. „Ich bin für mein Team verantwortlich.“

Er hob die Hand an ihre Wange, aber Amelia wich hastig zurück. Trotzdem schaffte er es, sie zu streifen. Elektrisierende, aufregende Schauer jagten ihr durch den Körper. „Ob es dir gefällt oder nicht, bis zur Hochzeit bin ich dein Schatten.“

„Du hast gesagt, du bildest nicht gern das Schlusslicht.“

Sein Blick ging genießerisch über ihren Körper. Zu ihrem Entsetzen spürte Amelia, wie ihre Brustknospen erregt reagierten. Instinktiv verschränkte sie die Arme vor der Brust.

„Kommt ganz auf die Aussicht an und auf den Grund. Und du brauchst dir bestimmt keine Sorgen zu machen, ich werde mich nicht beschweren.“

Stumm verfluchte Amelia ihren verräterischen Körper. „Du erwartest hoffentlich nicht, dass wir dort weitermachen, wo wir aufgehört haben.“

„Sag mir eins, Amelia.“ Er sprach ihren Namen gedehnt aus, genau wie er es getan hatte, als er ihn auf dem Höhepunkt der Lust geflüstert hatte. Amelia spürte, wie ihr plötzlich warm wurde. „Wir waren sensationell im Bett. Daran bestand kein Zweifel, spätestens nicht mehr, als du wieder und wieder meinen Namen gestöhnt hast. Also, warum hast du dich danach einfach aus dem Staub gemacht? Und warum zeigst du mir seitdem die kalte Schulter?“

Sie kämpfte das aufsteigende Schuldgefühl nieder. Sie hatte sich geweigert, Tobys Geschenke anzunehmen, und nicht auf seine Anrufe reagiert. Denn sie hatte sich davor gefürchtet, dass er sie dazu brachte, jeden Gedanken an Vernunft in den Wind zu schlagen und zu ihm zurückzugehen. Sich in einen Mann wie ihn zu verlieben war zu riskant. Zu stark erinnerte er sie an ihren Vater, der als Feuerwehrmann die Gefahr genauso geliebt und gesucht hatte wie Toby.

Amelia wünschte sich einen Mann wie Neal – ihren lieben, freundlichen, sanften Neal, der vor drei Jahren an Leukämie gestorben war. Sie wollte einfach keinen Mann, der immer wieder mit Blessuren und Verletzungen nach Hause kam, die sie versorgen musste – wenn er Glück gehabt hatte und bei dem Unfall nicht umgekommen war.

„Toby, was zwischen uns geschehen ist, hätte nicht passieren dürfen. Du hast mich in einem schwachen Moment erwischt. Ich hatte eine schwierige Woche hinter mir und zu viel getrunken. Es war ein Fehler, und es wird sich nicht wiederholen.“

Nach seinem herausfordernden Blick zu urteilen, gefiel es ihm nicht besonders, was er hörte. „Du hattest zwei Drinks.“

„Ich trinke so gut wie nie Alkohol und vertrage nicht viel.“

„Du magst das erste Mal ja einen Fehler nennen, aber das erklärt die nächsten drei Male nicht. Du warst so scharf auf mich, Süße. Und nicht erst in der besagten Nacht; wir sind monatelang umeinander herumgeschlichen. Deshalb kannst du nicht leugnen, dass du mich wolltest. Ich habe dich so oft dabei ertappt, wie du mich mit den Blicken ausgezogen hast, dass ich es nicht zählen konnte.“

Er sprach die Wahrheit unumwunden aus. Amelia wurde immer wärmer. „Dann kannst du wohl nicht sehr gut zählen. Und zu deiner Information, ich habe auch oft Appetit auf Sahnetorte. Trotzdem esse ich sie nur sehr selten, weil sie nicht gut für mich ist. Genauso wenig wie du.“

„Ich war sogar sehr gut für dich – jedes Mal. Na schön, das erste Mal war vielleicht ein bisschen zu kurz. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass du dich beklagt hättest.“

Beim Klang seiner tiefen, heiseren Stimme und dem intensiven Blick seiner Augen wurden Amelia regelrecht die Knie weich. Sie wollte nicht an jene Nacht erinnert werden. „Toby, ich habe von deinen Eroberungen gehört. Frauen sind für dich wie der Pokal beim Rennen. Du gewinnst eine für dich, dann packst du deine Koffer und fliegst zur nächsten. Mich hast du schon gehabt. Es wird also Zeit, dass du weiterziehst.“

„Geht nicht, Süße. Wir sind noch nicht fertig miteinander.“

Sie atmete tief ein. „Bist du auf der Suche nach einer Ehefrau?“

Er zuckte zusammen. „Nein.“

„Ich will aber einen Mann und Kinder, ein Haus mit weißem Gartenzaun, einen Hund, eine Katze – eben alles, was zu einer richtigen Ehe gehört. Ich gebe zu, dass es mit dir sehr nett war. Trotzdem suche ich meinen Mr. Right, der auch in dreißig Jahren noch bei mir ist und mit mir auf der Verandaschaukel sitzt. Du bringst dafür einfach nicht die nötigen Qualifikationen mit, und ich will nicht noch mehr Zeit mit dir verschwenden. Also lass mich in Ruhe.“

Damit drehte sie sich um und flüchtete zum Aufzug.

Zeit mit ihm verschwenden?

Toby ballte die Hände zu Fäusten. Unmöglich, dass eine Frau ihn einfach stehen ließ. Er war es, der sie liebte und irgendwann verließ. Zu seinen Bedingungen. Nie hatten sie genug von ihm bekommen können – ohne Ausnahme.

Die Wette war egal. Das hier hatte nichts mit der Wette zu tun, die er eingegangen war, um Vincent während seiner schmerzhaften Genesungszeit aufzumuntern. Es hatte nur mit Amelia Lambert zu tun, der ersten Frau, die ihn aus dem Konzept brachte und seinen perfekten Plan einfach aushebelte.

Diesmal war er derjenige, der nicht genug bekam. Natürlich konnte er gern auf ihr Häuschen im Grünen und den „Bis in alle Ewigkeit“-Blödsinn verzichten, weil er an so etwas sowieso nicht glaubte. Zu oft hatte er mit angesehen, wie Frauen das Weite suchten, wenn es hart auf hart kam. Und die Männer hielten es nicht aus, wenn der Druck zu groß wurde. Aber Toby wollte mehr von Amelia, der Sex mit ihr war fantastisch. Sie hatten sich in jener Nacht auf jede nur vorstellbare Weise geliebt. Dass Amelia diese besondere Magie zwischen ihnen einfach so abtat, regte ihn furchtbar auf. So außer sich wäre er nicht einmal, wenn er die Abgase eines gegnerischen Wagens einatmen müsste.

Er wollte sie zurückhaben. Und sie wollte es auch. Sosehr sie auch versuchte, es zu leugnen, sie hatte ihn vorhin mit Blicken geradezu verschlungen. Und er hatte prompt darauf reagiert. Nur noch ein paar Nächte mit ihr, dann würde er bereit sein, die Zielflagge zu schwenken und die Beziehung zu beenden.

Die Lippen aufeinandergepresst, beobachtete er, wie Amelia davonging. Ihre schlanke Figur war in einen kurzen weißen Rock und eine durchsichtige pfirsichfarbene Rüschenbluse gehüllt statt in einen formlosen Krankenhauskittel. Mit jedem Schritt schwang das zimtfarbene Haar zwischen ihren Schulterblättern hin und her. Das Blut rauschte ihm in Höchstgeschwindigkeit durch den Körper, als Toby daran dachte, wie ihr seidenweiches Haar über seinen Bauch und seine Schenkel gestrichen war – eine Erfahrung, die er bald zu wiederholen gedachte. Sehr bald.

Dann riss er sich zusammen und straffte die Schultern, um ihr zu folgen. Durch die plötzliche Bewegung bekam er das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Mit zitternder Hand stützte er sich gegen die kühle Marmorsäule. Das Schwindelgefühl war so schnell verflogen, wie es gekommen war. Aber es erinnerte ihn an den Grund, aus dem er hergereist war.

Wegen der Gehirnerschütterung durfte er zurzeit keine Rennen fahren. Der Arzt meinte zwar, dass Toby bald nach der Hochzeit wieder hinter dem Steuer sitzen könnte. Allerdings verpasste er fünf Rennen. Das bedeutete, dass sein Team den Kampf um die Meisterschaft wahrscheinlich verlor, wenn kein Wunder geschah. Und Toby glaubte nicht an Wunder.

Er war in den vergangenen Jahren immer unter den acht besten Rennfahrern gewesen, und er hasste es zu verlieren. Jeder Sieg bewies, wie sehr sein Vater sich geirrt hatte. Toby Haynes war weder nichtsnutzig noch ein Loser. Würde sein Vater noch leben, müsste er seine Worte zurücknehmen.

Mit langen Schritten holte Toby sie ein. „Warte, Süße. Wir müssen Pläne machen. Was zum Kuckuck ist eine gemischte Brautparty?“

Amelia blieb abrupt stehen. „Wieso?“

„Weil Vincent so was will und mir die Verantwortung dafür übertragen hat. Und Candace hat mir einen Link zu einer Hochzeitswebsite geschickt, auf der es heißt, dass du und ich auch eine Art Brunch arrangieren müssen. Ich habe die E-Mails. Kann ich dir gern zeigen. Komm mit mir auf mein Zimmer, und wir sehen sie uns an.“

Er hatte gut recherchiert, wusste genau, was seine Pflichten als Trauzeuge waren, und war entschlossen, sie als Vorwand zu benutzen. Denn er würde Amelia wieder in sein Bett locken.

Seufzend verschränkte sie die Arme vor der Brust und schenkte ihm einen Blick, der wohl sagen sollte, dass er ruhig weiterträumen konnte. Es gab nichts, was Toby mehr genoss als eine Herausforderung. Und seine süße kleine Krankenschwester hatte ihn von Anfang an herausgefordert. Immer wieder hatte sie versucht, ihn nach einem viel zu langen Besuch aus Vincents Krankenzimmer zu werfen. Schon damals standen ihre Chancen extrem schlecht, ihn loszuwerden. Was er wollte, bekam er auch. Er war nicht vom armen Vorstadtjungen zum Multimillionär aufgestiegen, weil er sich von kleinen Hindernissen hatte aufhalten lassen.

Scheinbar ungerührt zuckte er die Schultern. „Na schön. Wenn du nicht interessiert bist, kann ich mich allein darum kümmern. Es gibt doch wohl auch in Monaco ein schönes Bierfässchen zu kaufen, oder? Ich wette, die Rezeption kann mir einen oder zwei gute Stripper empfehlen.“

Amelia öffnete erschüttert den himbeerroten Mund. Mitten ins Schwarze getroffen, dachte Toby zufrieden. Es hatte ihm so gefehlt, sie zu necken. Hastig unterdrückte er ein Lächeln.

„Man stellt bei einer Brautparty kein Bierfass auf, Toby. Und Candace freut sich ganz bestimmt auf keine Stripper.“

Was sie nicht sagte. Er liebte es, wenn Amelia schockiert zu flüstern begann. Es erinnerte ihn entfernt daran, wie sie geklungen hatte, als er sie das erste Mal zwischen den Beinen geküsst hatte. „Nein?“

Gereizt stieß sie den Atem aus. „Gib mir deine Liste, und flieg wieder nach Hause. Zu deinen Rennen, deinen Bienen und ich weiß nicht, was noch. Ich kümmere mich schon um alles.“

Wenn er das nur könnte.

„Geht leider nicht. Ich habe mein Wort gegeben. Und da wir gerade über Teamarbeit reden, ich könnte deine Hilfe gebrauchen. Die Fluggesellschaft hat mein Gepäck verschusselt. Ich muss nur kurz meine Reisetasche nach oben bringen, dann können wir einkaufen gehen.“ Die Leute am Flughafen hatten versprochen, den Koffer innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden aufzutreiben und ins Hotel zu schicken. Kleidung zum Wechseln hatte Toby auch in seiner Reisetasche. Aber das brauchte er Amelia ja nicht auf die Nase zu binden.

„Ich bin nicht deine persönliche Einkaufsberaterin.“

Nein, aber sie gehörte zu den Frauen, die immer halfen, wenn jemand in Not war.

„Gib es zu. Du würdest nichts lieber tun, als mir wieder die Hose vom Leib zu reißen.“ Er zwinkerte ihr zu, und sie schloss gequält die Augen. „Du bist doch schon einen Tag hier. Ich bin sicher, ihr Frauen habt schon alle wichtigen Läden ausfindig gemacht.“

„Ich bin sicher, dass Gustavo, unser Concierge, dir einen Tipp geben kann. Wenn du über die Brautparty oder die Brunchplanung reden willst, können wir uns später im Café treffen, das zu dem Hotel gehört. Aber vor dem Nachmittag habe ich andere Pläne.“

Pläne, die ihn offensichtlich nicht einschlossen.

Er hätte enttäuscht sein müssen über seinen Misserfolg. Stattdessen spornte ein leichter Rückschlag Toby nur umso stärker an und steigerte seine Entschlossenheit, am Ende zu gewinnen.

Die Türen des Aufzugs glitten zur Seite, und Amelia trat ein. Toby folgte ihr.

Misstrauisch funkelte sie ihn an. „Wo willst du hin?“

„Zu meiner Suite.“

Amelia kreuzte die Arme vor der Brust und wandte sich abrupt ab. Darüber war er allerdings nur froh. Denn ihm wurde wieder schwindlig, als sich der Lift in Bewegung setzte. Toby musste sich an der Wand abstützen. Kaum dass sie die richtige Etage erreicht hatten, trat Amelia auf den dicken Teppich des Flurs. Toby wartete, bis sich sein Schwindelgefühl gelegt hatte, und folgte ihr langsam.

Es gab neun Türen, die vom Flur abgingen – zwei Notausgänge, sechs Suiten und die Tür zur Dachterrasse. Das Schwimmbecken und der Whirlpool dort standen nur den Bewohnern des obersten Stockwerks zur Verfügung. Am Ende des Flurs öffnete Amelia eine Tür. Toby lächelte zufrieden. Seine Suite befand sich genau nebenan. Danke, Vince.

„Klopf an die Wand, wenn du bereit für mich bist, Süße.“

„Darauf kannst du lange warten.“ Schon hatte sie die Tür hinter sich zugeknallt.

Tobys Lächeln vertiefte sich. Plötzlich kam ihm sein Schicksal nicht mehr so hart vor. Einen ganzen Monat musste er ohne den Sport auskommen, den er mit Leib und Seele ausübte. Solange er hier war, würde es ihm nicht zu schaffen machen. Er freute sich sogar auf die nächsten Wochen.

2. KAPITEL

Amelia schlug die Tür hinter sich zu, ging mit langen Schritten in das luxuriöse Wohnzimmer der Suite und stellte ihre beste Freundin zur Rede. Besser gesagt ihre einstmals beste Freundin, wenn man es recht bedachte. „Hast du vielleicht vergessen, mir etwas zu sagen?“

Candace strich sich eine blassblonde Strähne hinters Ohr und blinzelte unschuldig. Etwas zu unschuldig. „Was denn?“

„Toby Haynes ist Vincents Trauzeuge, und er wird mir den gesamten Monat keine ruhige Minute lassen. Als wäre es nicht genug, dass er mir das Wochenende vor der Hochzeit verdirbt!“

„Ach das.“ Candace gab sich unnötig viel Mühe, ein Blatt Papier vor ihr auf dem Tisch glatt zu streichen.

„Du hast es gewusst, und du hast mich nicht gewarnt“,

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