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Eine heimliche Affäre

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PROLOG

Wenn Ethan Mills die Augen schloss, konnte er die eisernen Gitter des Gefängnisses und die Wände aus Zement verschwinden lassen. Er konnte sich in die sturmumtoste Prärie versetzen und den Wind in seinem langen schwarzen Haar fühlen; er konnte den Sonnenaufgang über den schneebedeckten Bergen von Montana sehen, konnte den Wind der Freiheit atmen und sich unter dem weiten Himmel des Landes seiner Väter wähnen.

Ethan öffnete die Augen. Sein Freund, Raymond Elkhorn, beobachtete ihn. Raymond schüttelte belustigt und zugleich etwas traurig den Kopf. „Warst du wieder bei dieser Frau?“, fragte er.

„Nein“, antwortete Ethan. „Ich war in den Bergen, weit weg von hier. Sie können meinen Körper einsperren, aber nicht meine Gedanken. Meine Gedanken können hinfliegen, wohin sie wollen.“

Raymond starrte auf den von Lärm erfüllten Korridor vor ihrer Zelle. Ethan wusste, dass der Stolz seines Freundes verletzt war, weil man ihn eingesperrt hatte. Seit einer Woche teilten sie jetzt die gleiche Zelle, und auch wenn er Raymond nichts Böses wünschte, so freute er sich doch über dessen Gesellschaft. Schon zum dritten Mal hatte man Raymond wegen Trunkenheit verhaftet.

„Ich weiß wirklich nicht, wie du so ruhig bleiben kannst“, sagte Raymond und wandte sich wieder Ethan zu. „Wenn ich der Möglichkeit ins Auge sehen müsste, die nächsten zwanzig Jahre im Gefängnis zu verbringen, dann würde ich verrückt werden.“

„Mein Vater hat mich gelehrt, in meinem Geist zu leben“, erwiderte Ethan.

„Er hätte dir besser beibringen sollen, die Hände von weißen Frauen zu lassen. Deshalb bist du nämlich hier, richtig?“

„Nein, Raymond“, widersprach Ethan und hob das Kinn. „Hier geht es um Politik. Mike Caldwell will eines Tages Gouverneur werden, und jetzt benutzt er seine Macht als Sheriff, um sich einen Namen zu machen.“

„Politik ist vielleicht einer der Gründe, aber gleichgültig, was du auch sagst, sie wollen nicht, dass die Indianer sich an ihre Frauen heranmachen.“

„Meine Mutter war auch eine weiße Frau.“

„Genau das ist es, was ich meine“, erklärte Raymond. „Du erinnerst sie an all das, was sie hassen. Ein Halbblut, das eine ihrer Frauen geschwängert hat. Du hast die Schwierigkeiten ja förmlich herausgefordert.“

„Becky hat nichts damit zu tun, was in dem Schulungszentrum geschehen ist. Ich liebe sie. Und sie liebt mich.“

„Was nützt dir das, wenn du die besten Jahre deines Lebens dafür im Gefängnis verbringen musst? Du tust mir leid, Ethan. Du besitzt vielleicht die Seele deines Vaters, aber es gibt Zeiten, da wird es deutlich, dass auch das Blut der Weißen durch deine Adern rinnt.“

Ethan stand auf und lief unruhig auf und ab. „Als wir als Kinder zusammen geangelt haben, da hat es dich doch auch nicht gestört, dass meine Mutter eine Weiße war. Was hat sich denn jetzt geändert? Ist es wegen Becky? Bedeutet das, du kannst nur eine Hälfte von mir lieben? Solange ich im Reservat bin, ist alles in Ordnung, aber in der Welt der Weißen erinnere ich dich an etwas, das du lieber vergessen würdest. Ist es nicht so?“

„Ich will mich nicht mit dir streiten“, wehrte Raymond ab. „Ich habe nur gesagt, dass du mir leidtust, und das stimmt auch.“

„Unsinn!“ Ethan holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Er hatte es dem Geist seines Vaters versprochen, sich von einem Unglück nie aus der Fassung bringen zu lassen. Man konnte die Dämonen des Lebens nicht mit dem Verstand bezwingen. Der Gesang des Herzens war alles, was zählte.

Doch die Gegensätze in seinem Leben waren für Ethan schwer zu ertragen. Er hatte sich sehr bemüht, der Sohn seines Vaters zu sein. Und obwohl er das Volk seines Vaters liebte, so sorgten auch die Menschen dort dafür, dass er nie vergaß, woher er kam. Als er sich dann in ein weißes Mädchen verliebt hatte, kämpfte seine Seele gegen ihn.

Jetzt hatte er auch noch an das Baby zu denken. Wie würde sein Kind ohne ihn aufwachsen können? War es wirklich möglich, dass er die nächsten zwanzig Jahre im Gefängnis verbringen musste? Hatte Raymond Elkhorn wirklich Grund, ihn zu bemitleiden?

Im Korridor hörte man Schritte. Die Wachen nutzten jede Gelegenheit, um sie zu quälen.

Raymond lauschte. „Es sind dieser Schuft Corley und der kleine Kahle mit der Brille.“

Vor der Zelle blieben die zwei Männer stehen.

„Was meinst du, Ed?“, sagte Corley. „Sieht aus, als würde unser Junge hier ungeduldig. Ich habe gedacht, er hätte für sein ganzes Leben genug von diesem Mädchen.“ Er grinste Ethan an. „War es die Sache denn wenigstens wert, Mills?“

Als Ethan nicht antwortete, brachen die beiden Wachen in Gelächter aus.

Raymond warf Ethan einen Blick zu, als wollte er sagen: Siehst du, ich wusste doch, dass es um diese Frau geht.

Corley tippte Raymond mit dem Schlagstock auf die Schulter. „Beweg deinen Hintern an die Wand. Der Häuptling hier hat Besuch, und wir nehmen ihn jetzt zu einem Spaziergang mit.“

„Ich habe Besuch?“, fragte Ethan, als Raymond vom Gitter wegtrat.

„Sie haben gesagt, wir sollten diese Schlange von einem Mörder holen. Das bist du doch, nicht wahr, Mills?“

Ethan ignorierte die Herausforderung. „Wer ist es denn?“

„Komm mit, dann wirst du es schon sehen.“

Ethan trat an die Gittertür, die Corley aufschloss. Dann folgte er den Wachen den Korridor entlang. Er überlegte, wer ihn besuchen kam. Beckys Vater hatte seine Tochter in ein Flugzeug gesetzt und sie zu ihrer Schwester nach Hawaii geschickt. Deshalb konnte Becky es nicht sein. Der Vertreter des Stammes war vor drei Tagen bei ihm gewesen, und der vom Gericht gestellte Anwalt sollte erst heute Nachmittag kommen. Wer also war der Besucher?

Er wurde zu dem Raum geführt, in dem sich die Häftlinge mit ihren Anwälten trafen, daher nahm er an, dass es doch sein Anwalt war, der ihn besuchte.

Corley öffnete die Tür und schob ihn in den Raum.

Ethan sah den Mann an, der ihm gegenüberstand und ihn betrachtete, als sei er ein Stück Vieh auf einer Auktion. Wer auch immer dieser Mann war, er strahlte Macht und Autorität aus.

Einen Augenblick lang schämte Ethan sich seiner Gefängniskluft. Sie raubte einem Mann seine Individualität und Würde. Wenigstens hatten sie ihm nicht den Kopf geschoren, wie es früher üblich gewesen war. Sein langes schwarzes Haar fiel ihm immer noch bis auf die Schultern. Es war sein ganzer Stolz.

„Wenn Sie uns brauchen, dann rufen Sie uns, Mr Rawley“, meinte Corley. „Wir bleiben draußen vor der Tür.“

Mr Rawley? dachte Ethan. Der Mann musste Beckys Vater sein.

Die Tür schloss sich hinter Ethan, und Rawley deutete auf den Stuhl auf der anderen Seite des Tisches.

„Setzen Sie sich, Mills.“

Ethan trat zu dem Stuhl und stützte sich mit der Hand auf die Lehne. Er setzte sich nicht. „Sie sind Beckys Vater?“

„Richtig“

Rawley war der Letzte, den Ethan hier erwartet hätte, es sei denn, mit der Reitpeitsche in der Hand. Rawley blickte ihn unter gesenkten Brauen an. Sein Gesicht war kantig, für sein Alter sah er sehr gut aus, doch sein Ausdruck machte deutlich, dass es zwischen ihnen keine Freundschaft geben würde.

„Was wollen Sie hier?“, fragte Ethan.

„Ich will es ganz deutlich sagen: Ich schlage Ihnen einen Handel vor.“ Rawley setzte sich.

Ethan setzte sich nun auch. „Was für einen Handel?“, fragte er verwirrt.

„Becky hat mir erzählt, dass ihr heiraten wollt.“

„Das stimmt, Mr Rawley. Ich liebe sie und respektiere sie mehr als alle anderen Frauen, die ich je gekannt habe. Wenn ich nicht hier eingesperrt wäre, wären wir längst verheiratet.“

„Behalten Sie Ihre Rede für sich, Mills. Mich interessiert es nicht, was Sie für meine Tochter fühlen. Ich will ehrlich sein. Ich hatte gehofft, dass Becky durch die Trennung wieder zu Verstand kommt. Meine ältere Tochter Kate hat mich jedoch angerufen und mir erzählt, dass Becky bereits wieder auf dem Weg nach Hause sei und dass sie Sie noch immer lieben würde. Sie ist volljährig, ich kann sie also nicht aufhalten.“

„Sie möchten sicher von mir hören, dass mir das leidtut, Mr Rawley, aber das tut es nicht.“

Rawley verzog grinsend das Gesicht. „Einen feinen Ehemann werden Sie abgeben, während Sie hier im Gefängnis verrotten.“

„Ich bin noch nicht verurteilt worden, und ich bin unschuldig.“

„Sie waren beteiligt an der Schießerei, bei der der Stellvertreter des Sheriffs erschossen worden ist. Es zählt nicht, ob Sie es waren, der den Schuss abgegeben hat.“

„Ich war nur dort, um Blutvergießen zu vermeiden. Wenn die Männer des Sheriffs nicht zuerst geschossen hätten, hätte ich unsere Männer dazu bringen können, das Gebäude friedlich zu verlassen. Wenn Sie jemandem die Schuld an der ganzen Sache geben wollen, dann sollte dieser Jemand Mike Caldwell sein.“

„Hübsche Geschichte, Mills. Vielleicht können Sie das Gericht davon überzeugen, dass ein Mann wie Sie, der dafür bekannt ist, Schwierigkeiten zu machen, eigentlich ein Friedensstifter ist, doch das bezweifle ich. Und niemand würde Mike Caldwell für die Sache verantwortlich machen, dazu ist er viel zu beliebt. Ich würde keinen Penny für Ihre Chancen vor Gericht geben.“

„Offensichtlich können wir uns nicht verständigen. Ich weiß allerdings noch immer nicht, weshalb Sie überhaupt hier sind.“

„Ich will, dass Sie sich weigern, Becky zu heiraten.“

Ethan sah ihn überrascht an. „Warum sollte ich das tun?“

Rawley lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Hass lag in seinem Blick. „Sie werden sich nicht nur weigern, sie zu heiraten, Sie werden auch den Stamm dazu veranlassen, alle Rechte auf das Baby aufzugeben. Es wird Beckys Kind sein, Sie müssen von der Bildfläche verschwinden. Sie dürfen das Kind niemals sehen, und Sie dürfen nichts mit ihm zu tun haben. Das Gleiche gilt auch für Ihren Stamm.“

„Warum sollte ich mit einer solchen Bedingung einverstanden sein?“, fragte Ethan ungläubig.

„Weil ich es Ihnen vergelten werde.“ Rawley strich sich nachdenklich über das Kinn. „Glücklicherweise hat es der liebe Gott sehr gut mit mir gemeint. Ich bin sehr reich, ich habe einflussreiche Freunde, und ich könnte Ihnen helfen, Mills, wie es sonst niemand kann. Ich könnte meinen Einfluss geltend machen, wenn Sie Becky und dem Baby entsagen.“

Jetzt verstand Ethan, war sich aber noch nicht sicher, was Rawley ihm anbieten wollte. „Und was könnten Sie für mich bewirken?“, fragte er.

„Wie ich gehört habe, will Ihr Anwalt ein Geschäft mit dem Gericht machen. Demnach bekommen Sie zwanzig Jahre und sollen bei guter Führung nach fünfzehn Jahren freikommen.“ Rawley lächelte böse. „Fünfzehn Jahre wären aber immer noch eine lange Zeit.“

Ethan nickte zustimmend.

„Was wäre, wenn ich dafür sorge, dass Sie nur acht Jahre bekommen und schon nach fünf Jahren wegen guter Führung entlassen werden?“

„Das könnten Sie schaffen?“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, ich habe einflussreiche Freunde.“

Das war eine unerwartete Wendung, und Ethans Gedanken überschlugen sich. Er hatte sich bereits auf eine lange, zermürbende Verhandlung eingestellt, an deren Ende eine Verurteilung und eine lange Gefängnisstrafe stehen würden. Sein Anwalt hatte ihm gesagt, dass er mit zwanzig Jahren noch gut davonkäme. Doch da er unschuldig war, wäre jegliche Verurteilung eine Ungerechtigkeit. Aber fünf Jahre erschienen ihm plötzlich wie ein Urlaub, verglichen mit zwei Jahrzehnten hinter Gittern.

„Und ich soll dafür Becky aufgeben und alle Rechte an meinem Kind?“

„Und Sie müssen die Stammesältesten dazu bringen, dass die das Gleiche tun. Das ist genauso wichtig.“

Ethan wusste, warum Rawley das so wichtig war. Der Kongress der Vereinigten Staaten hatte den Indianerstämmen einige Sonderrechte eingeräumt, die über den jeweiligen Bundesgesetzen standen. Die würden es ihm erlauben, seine elterlichen Rechte durch den Stamm ausüben zu lassen, was schließlich dazu führen könnte, dass er nach seiner Haftentlassung das Sorgerecht für das Kind bekäme.

„Sie verlangen von mir, die Frau aufzugeben, die ich liebe, und unser Kind, um dafür ein milderes Urteil zu bekommen – zehn Jahre meines Lebens gegen ihr Leben.“

„Zehn, wenn Sie Glück haben. Das Urteil könnte viel härter ausfallen.“

Es war Erpressung, schlicht und einfach Erpressung. „Und Sie drohen mir damit, dass ich länger im Gefängnis bleiben muss, wenn ich … Ihrem Angebot nicht zustimme.“

„Dann stünden Ihnen zwanzig oder dreißig Jahre bevor – doch was macht das schon für einen Unterschied? Sie werden ohnehin der Einzige sein, den es stört, dass er im Gefängnis sitzt.“

„Und was ist mit Becky?“

„Die wird Sie mit der Zeit vergessen. Doch es wird sicher nicht so lange dauern, wenn Sie ihr sagen, dass Sie nichts mehr von ihr wissen wollen. Und eins kann ich Ihnen versprechen, das Kind wird genauso gut behandelt werden wie jedes andere Kind der Rawleys.“

Ethan blickte seinem Gegenüber in die Augen. Was er sah, war viel mehr als Feindseligkeit. Jake Rawley würde sich durch nichts aufhalten lassen, seine Tochter vor dem zu schützen, was er als ein elendes Schicksal ansah.

„Um meine Freiheit zu bekommen, brauche ich Ihnen nur meine Hand zu reichen, und Sie werden sie abhacken. Das ist es doch, was Sie sagen wollen, Mr Rawley.“

Ein kleines Lächeln spielte um Jake Rawleys Lippen. „Nachdem Sie die Papiere unterschrieben haben, mit denen Sie das Kind aufgeben, werden die Dinge für Sie günstig ausgehen.“

„Wie kann ich sicher sein, dass Sie Ihr Wort halten?“

„Ganz einfach. Ich werde die Papiere Ihrem Anwalt übergeben. Sie unterschreiben sie und holen die Zustimmung des Stammes ein. Ihr Anwalt wird mir die Papiere erst geben, wenn das Urteil gefällt worden ist. Es ist genau so, als würden Sie ein Stück Land verkaufen. Also, entweder Sie sind einverstanden oder nicht.“

„Ich habe doch gar keine andere Wahl.“

Rawley sah ihn finster an. „Ich habe Ihre Mutter gekannt. Sie und meine jüngere Schwester waren Freundinnen. Ich weiß, was sie für ein Leben hatte, nachdem sie Ihren Vater heiratete, und ich will verdammt sein, wenn ich zulasse, dass Becky auch so ein Leben führen muss.“ Er zog einen Mundwinkel hoch. „Wir verstehen uns doch, Mills. Die Frage ist, sind Sie mit dem Handel einverstanden.“

Ethan dachte nach. Tief in seinem Herzen wusste er, dass er verurteilt werden würde. Doch solange er noch nicht verurteilt war, hatte er die Hoffnung noch nicht völlig aufgeben und um Gerechtigkeit kämpfen wollen.

Jetzt bot sich ihm plötzlich eine wirkliche Alternative. In fünf Jahren könnte er wieder frei sein. Doch was daran am wichtigsten sein könnte: Alle Papiere, die er heute unterzeichnen würde, würden bedeutungslos sein – wenn Becky auf ihn wartete. Mit fünf Jahren wäre sein Kind dann noch klein, und er könnte immer noch einen bedeutenden Anteil an seiner Erziehung und seinem Leben haben.

Es war eine schwierige Entscheidung. Er konnte dem sicheren Handel zustimmen und seine elterlichen Rechte damit aufgeben – und darauf hoffen, Becky und das Baby trotzdem nicht zu verlieren. Oder er konnte sich den Gegebenheiten des Systems stellen und dennoch auf Gerechtigkeit hoffen.

1. KAPITEL

Draußen schneite es stetig, und der Himmel an diesem Nachmittag war grau. Als Kate Rawley die Tür des Untersuchungszimmers öffnete, wartete Lilly Blackbear auf sie. Lilly saß auf dem Stuhl unter dem Fenster und hielt ihren vierjährigen Sohn auf dem Schoß. Toby hatte die gleichen ausdrucksvollen dunklen Augen wie seine Mutter. Er spielte mit einem ihrer langen, glänzenden Zöpfe.

„Hallo, Toby.“ Kate nahm seine Akte in die Hand. „Wie geht es deinem Ohr? Tut es noch weh?“

Toby schmiegte sich an seine Mutter und steckte den Daumen in den Mund.

„Es geht ihm besser, Frau Doktor“, sagte Lilly. „Er weint nicht mehr so oft.“

„Lass mich mal nachsehen, Toby.“ Kate deutete auf den Untersuchungstisch. „Setzen Sie ihn hierher, Lilly.“

Toby wich zurück, als sie näher kam. „Es wird nicht wehtun, Toby“, beruhigte sie ihn. „Ich werde nur in dein Ohr sehen, um festzustellen, ob es besser geworden ist.“ Vorsichtig schob Kate das Otoskop in Tobys Ohr. Nachdem sie einen Blick hineingeworfen hatte, meinte sie: „Hey, das sieht gut aus, Toby. Du kannst bald wieder draußen spielen.“

Lilly seufzte. „Das wäre wirklich ein Segen.“

„Du bist nicht der einzige kleine Junge, der Ohrenschmerzen hat“, sagte Kate. „Mein Sohn hat die gleiche Entzündung vor ein paar Wochen auch gehabt. Er ist ungefähr so alt wie du, Toby.“

„Sie haben ein Kind, Frau Doktor?“, fragte Lilly überrascht. „Ich wusste gar nicht, dass Sie verheiratet sind.“

Kate warf das lange kastanienbraune Haar über die Schulter zurück und legte das Otoskop wieder weg. „Das bin ich gar nicht, und eigentlich ist Daniel auch nur mein Neffe. Aber für mich ist er wie mein eigenes Kind. Meine Schwester ist im Kindbett gestorben“, erklärte sie. „Also haben Daniels Großvater und ich ihn aufgezogen. Doch mein Vater hatte vor ein paar Jahren einen Schlaganfall und ist jetzt an den Rollstuhl gefesselt. Wir haben aber eine Haushälterin, die sich um alles kümmert, während ich arbeite. Trotzdem habe ich alle Hände voll zu tun.“

Das war eine Untertreibung. Kate hatte einige schwierige Jahre hinter sich, in denen sie gleichzeitig die Arztpraxis aufgebaut, einen kranken Vater gepflegt und ein Kind großgezogen hatte.

Lilly Blackbear nickte. Sie selbst war auch alleinerziehende Mutter und wusste, welche Schwierigkeiten damit verbunden waren, einen Job und die Erziehung eines Kindes unter einen Hut zu bringen.

„Wenn ich Sie etwas fragen darf, Frau Doktor“, begann sie vorsichtig, „was ist denn mit dem Vater des Kindes geschehen?“

„Daniels Vater ist Ethan Mills“, erklärte Kate. „Wahrscheinlich haben Sie im Reservat von ihm gehört.“

„Oh ja, das habe ich. Er ist im Gefängnis.“

„Seit fünf Jahren. Er wird allerdings bald entlassen werden.“ Kate füllte ein Rezept aus und war froh, dass Toby Blackbear heute der letzte Patient war. Über Ethan Mills zu sprechen hatte auch nicht dazu beigetragen, ihre Laune zu verbessern. Denn obwohl ihr Vater nur sehr selten von ihm sprach, so wussten sie doch beide, dass Ethans Zeit hinter Gittern sich dem Ende näherte. Unsichere Tage lagen vor ihnen.

Kate war zwar nicht sicher, was sie erwartete, doch sie war nicht so verbittert wie ihr Vater, der Ethan Mills verantwortlich machte für all das, was der Familie zugestoßen war.

„Wir würden sie noch immer bei uns haben, wenn nicht dieses Halbblut, dieser Bastard, gewesen wäre“, hatte er am Tag von Beckys Beerdigung gemurmelt.

Becky hatte Ethan Mills natürlich ganz anders gesehen. Für sie war Ethan wie ein Gott gewesen, er hatte sie völlig gefangen genommen. In den Wochen, die sie bei Kate in Hawaii verbracht hatte, hatte sie ununterbrochen von ihm gesprochen, über seine innere Kraft und die Magie, die er ausstrahlte. Sie hatte ihn als groß, schlank und gut gebaut beschrieben, mit rabenschwarzem Haar, einem ausdrucksstarken Gesicht und hellgrauen Augen, die gleichzeitig wild und sanft blicken konnten.

Becky war jung und sehr romantisch gewesen. Ihr Verhältnis mit Ethan Mills hatte zu ihrem Charakter gepasst. Obwohl Kate nie bezweifelt hatte, dass es ihrer Schwester ernst war mit ihrer Beziehung zu Ethan Mills, so wusste sie doch auch, wie naiv und romantisch Becky war.

Denn selbst wenn Mills nicht der Teufel war, als den ihr Vater ihn darstellte, oder der Geliebte, den Becky beschrieben hatte, so war er doch ein Unruhestifter, der sich nur von seiner Leidenschaft leiten ließ. Diese Leidenschaft hatte ihn dann in Schwierigkeiten gebracht, hatte Leid und sogar Tod nach sich gezogen. Für Kate jedoch zählten Mitleid und Heilung, Hass konnte sie nicht ertragen – weder den, der Ethan Mills leitete, noch den, den ihr Vater hegte.

Aber in einem hatte ihr Vater recht, die Verbindung ihrer Schwester zu Ethan Mills hatte das Leben von ihnen allen beeinflusst. Wäre ihre Schwester nicht schwanger geworden und gestorben, dann würde Kate heute eine Praxis in Südkalifornien haben, wo sie hatte leben wollen, ehe die Tragödie mit ihrer Schwester geschehen war.

Doch sie machte niemanden verantwortlich für ihr Leben. Bis vor kurzer Zeit hatte sie nicht einmal darüber nachgedacht. Doch jetzt stand Mills Entlassung unmittelbar bevor, und die Befürchtungen ihres Vaters hatten auch sie ergriffen.

Lilly nahm ihren Sohn auf den Arm. „Die Leute sagen, Ethan Mills habe unschuldig im Gefängnis gesessen.“

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Kate. „Ich sorge mich nur um meinen Sohn.“

„Im Reservat wird erzählt, dass der Sheriff alles tun wird, um Mills im Gefängnis zu behalten, weil er sich davor fürchtet, was geschieht, wenn Mills entlassen wird. Wissen Sie davon?“

„Um ehrlich zu sein, ich möchte lieber nicht über Mr Mills reden.“

„Aber sicher.“ Lilly hatte verstanden. Sie stand auf.

Nachdem Lilly und Toby gegangen waren, machte Kate noch eine Eintragung in Tobys Akte. Dann verließ sie das Untersuchungszimmer. Im Flur begegnete sie Allison O’Meara, der Krankenschwester, die sich auch um den Empfang kümmerte. Sie war eine magere Brünette von fünfunddreißig Jahren.

Kate lächelte ihr zu. „Ich hoffe, das Wartezimmer ist leer.“

„Bis auf einen liebeskranken Mann“, antwortete Allison.

Kate warf ihr einen fragenden Blick zu.

„Mike Caldwell“, erklärte Allison und verzog das Gesicht. Allison konnte mit Männern nicht viel anfangen, und Mike Caldwell mochte sie besonders wenig.

„Oh, hat er gesagt, was er will?“

„Ich habe ihn nicht gefragt, aber ich nehme an, er will das, was alle Männer wollen.“

Kate lachte leise. „Sag Mike bitte, dass ich noch fünf Minuten brauche, um meinen Schreibtisch aufzuräumen.“

Allison nickte. Kate trat in ihr Büro und blieb dann am Fenster stehen, von wo aus sie einen guten Ausblick auf die Hauptstraße von Benton hatte. Es schneite noch immer. Im Gebirge schneite es sicher noch heftiger, und sie freute sich nicht gerade auf den Heimweg zur Ranch.

Ein paar Stunden würde es noch hell sein, aber Kate musste noch einkaufen. Celia Dove, ihre Haushälterin, hatte ihr heute Morgen eine Einkaufsliste zugesteckt.

Celia führte den Haushalt reibungslos, und das war gar nicht so einfach, wenn man es mit einem Mann wie Jake Rawley zu tun hatte. Eleanor, die Mutter von Kate und Becky, war gestorben, als Kate noch im College war, und so war Celia bereits seit über zwölf Jahren allein für den Haushalt verantwortlich. Sie hatte Becky in den kritischen Teenagerjahren zur Seite gestanden und war Daniel völlig ergeben.

Celias Entschlossenheit, ihre Herkunft mit Daniel zu teilen, hatte ganz besonders Jake gestört. Aber Celia war der Meinung, dass Daniel stolz auf seine Ahnen sein sollte. In einem jedoch hatte sie dem Wunsch des alten Mannes nachgegeben: Ethans Name wurde nie erwähnt, darauf hatte Jake bestanden.

Als Kate jetzt aus dem Fenster starrte, entschloss sie sich, Celia anzurufen, um herauszufinden, wie das Wetter im Gebirge war.

„Es schneit wie der Teufel“, berichtete Celia. „Vielleicht sollten Sie lieber in der Stadt bleiben. Ich habe noch genug Konserven, wir werden nicht verhungern.“

Kate dachte daran, in der Stadt zu bleiben.

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