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Eine (fast) perfekte Hochzeit

1. KAPITEL

„Ich werde ihn heiraten.“

Den falschen Mann.

Nein, den richtigen Mann. Eva korrigierte sich. Warum hatte sie denn plötzlich gezweifelt? Ihr Vater sah die Dinge negativ, sie ganz bestimmt nicht.

Sicher, sie hatte nicht dieses überwältigende Gefühl, dass es das einzig Richtige war, dass dieser Mann ihr Schicksal war; aber das war sentimental. Entschlossen verbannte sie diese irrationalen Gedanken.

Stattdessen erinnerte Eva sich an die Erfahrungen, die sie im Beruf gemacht hatte. Wie oft in ihrer Karriere war es schon passiert, dass plötzlich alles schiefzulaufen schien, bevor sich dann alles zum Besten gewendet hatte? Gut, sie hatte auch schon Veranstaltungen organisiert und geglaubt, dass nichts dazwischenkommen konnte – und sich dann einem fürchterlichen Desaster gegenübergesehen.

Nein, niemand konnte in die Zukunft blicken. Und von ihrem Vater, der sie verärgert und ungläubig anschaute, wollte Eva sich nicht von ihrem Entschluss abbringen lassen.

Marcus Tremont stand vor dem massiven Eichentisch und schlug mit der Hand auf die Tischplatte. „Verdammt, Eva! Hast du den Verstand verloren? Carter Newell ist ein hinterlistiger Mitgiftjäger. Du wirst keinen Penny von mir bekommen.“

Sie presste die Lippen aufeinander. Auf keinen Fall wollte sie sich anmerken lassen, wie sehr die Worte ihres Vaters sie verletzten. Heute hatte sie sich gleich nach der Arbeit – montags war stets ein ruhiger Tag – auf den Weg zum Familiensitz im exklusiven Mill Valley gemacht. Obwohl Eva sich gründlich auf die zu erwartende Auseinandersetzung vorbereitet hatte, fiel es ihr jetzt schwer, die Fassung zu bewahren.

„Glücklicherweise brauchen wir dein Geld nicht. Occasions by Design läuft sehr gut.“

In den letzten Jahren hatte sie sich in der Bay Area einen Namen gemacht, Eva organisierte die beliebtesten Veranstaltungen und die rauschendsten Feste. Zu ihren Auftraggebern gehörten die angesehensten Familien in San Francisco und etliche gemeinnützige Organisationen.

Seufzend strich sich ihr Vater durch das graue Haar. „Ich werde nie verstehen, was du an diesem Carter Newell findest.“

Sie hatten schon mehrfach über das Thema debattiert, immer mit dem gleichen Ergebnis. Irgendwie hatte sie trotzdem gehofft, dass es heute anders sein würde. Immerhin hatte Eva ihrem Vater gerade von ihrer Verlobung erzählt.

Im Gegensatz zu ihrem Vater und seinesgleichen drehte sich in Carters Leben nicht alles um seinen Job. Im Gegenteil, Carter gab ihr das Gefühl, dass sie das Wichtigste in seinem Leben war.

„Carter liebt mich“, antwortete sie nur. Zweifelnd runzelte Marcus Tremont die Stirn. „Oder dein Bankkonto.“

Sie biss die Zähne zusammen. Ihr Vater war immer vorsichtig gewesen, sogar misstrauisch, wenn sie sich mit jungen Männern getroffen hatte. Wahrscheinlich verhielt er sich so, weil sie das einzige Kind und die Alleinerbin seines Vermögens war.

Doch ihr Vater hatte seine Haltung Carter gegenüber nicht geändert, auch nicht, nachdem er ihn besser kennengelernt hatte. Natürlich war die Situation jetzt anders … Schließlich hatte Eva nie übers Heiraten gesprochen, wenn sie ihrem Dad früher ihren Freund vorgestellt hatte.

„Hat Carter überhaupt einen Job?“, fuhr er gereizt fort. „Hilf mir auf die Sprünge. Womit beschäftigt er sich noch mal?“

Ihr Vater wusste ganz genau, womit Carter seinen Lebensunterhalt verdiente. Resigniert seufzte Eva. Es nützte nichts, sie musste ihrem Vater eine Antwort geben. „Carter arbeitet als unabhängiger Finanzberater.“

Als sie vor einigen Monaten beiläufig erzählt hatte, was Carter beruflich machte, war Eva überzeugt gewesen, dass wenigstens das die Anerkennung ihres Dads finden würde. Denn Marcus Tremont achtete stets darauf, sein Geld gewinnbringend anzulegen.

Doch stattdessen hatte er nur mäßig begeistert reagiert. Und als sie schließlich angedeutet hatte, dass sie darüber nachdachte, Carter zu heiraten … Seit jenem Tag ging es mit der Laune ihres Vaters rasant bergab.

„Quatsch“, kommentierte er unwirsch und wiederholte, was er bereits bei früheren Gelegenheiten unermüdlich heruntergebetet hatte. „Das ist nur eine aufgeblasene Berufsbezeichnung, hinter der sich nichts anderes verbirgt als das schnöde alte Wort ‚Mitgiftjäger‘.“

„Carter kommt aus einer wohlhabenden Familie.“ Wieder einmal ergab ein Wort das andere. Sie tauschten immer wieder dieselben Argumente aus, was auch dieses Mal zu nichts führen würde. Allmählich bekam Eva Kopfschmerzen.

„Er kam aus einer wohlhabenden Familie. Aber das ist lange vorbei“, konterte ihr Vater. „Seitdem er selbst nichts mehr hat, gibt er damit an, das Geld anderer Leute zu verwalten.“

Der Hieb saß. „Du bist unmöglich! Nur weil die Newells nicht mehr so reich sind, wie sie einmal waren, unterstellst du Carter, dass er in eine reiche Familie einheiraten will.“

Noch während sie sprach, ärgerte sie sich darüber. Wenn sie mit ihrem Vater diskutierte, klang sie viel zu häufig wie ein störrischer Teenager. Dabei war sie doch alles andere als das.

„Glaub mir, Eva. Die Menschen können ziemlich hartnäckig werden, wenn sie verzweifelt versuchen, einen Absturz zu vermeiden, und ihren Lebensstandard halten wollen.“

Sie waren beide laut geworden. Eva musste sich eingestehen, dass es sinnlos war, ihre bevorstehende Hochzeit als ein erfreuliches Ereignis darstellen zu wollen.

„Wo ist denn der Ring?“, fragte ihr Vater abrupt und fixierte suchend ihre Hand. „Ich sehe keinen.“

„Das liegt daran, dass ich noch keinen habe.“

Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Auf seiner Miene las Eva, was er dachte: Siehst du? Brauchst du noch mehr Beweise?

„Ich weiß, was du denkst“, beeilte sie sich zu sagen, bevor er seinen Gedanken laut aussprechen konnte. „Aber ich habe noch keinen Ring, weil wir ihn zusammen aussuchen werden.“

„Wie denn?“, fragte er spitz. „Willst du dafür einen Kredit aufnehmen?“

Wahrscheinlich konnte ihre Verlobung nicht offiziell bekannt gegeben werden, solange sie keinen Ring an der Hand trug. Diesen Einwand musste Eva gelten lassen. Aber sie weigerte sich, mit ihrem Vater darüber zu diskutieren. Bei einem Verlobungsring ging es nur um reine Symbolik und darum, was die Leute sagten.

Es klopfte an der Tür. Vater und Tochter schwiegen und blickten auf die verschlossene Tür der Bibliothek.

„Herein“, rief Marcus Tremont mit tiefer Stimme.

Die Tür öffnete sich, und Griffin Slater trat ein.

Eva kniff die Augen zusammen.

Griffin Slater. Die rechte Hand ihres Vaters. Und natürlich hielt ihr Dad diesen Mann für den perfekten Kandidaten, wenn es um die Frage ging, wen Eva heiraten sollte.

Und sie ging ihm am liebsten aus dem Weg. Sie kannte Griffin schon, seit er vor einem Jahrzehnt bei Tremont Real Estate Holding angefangen hatte.

Zunächst hatte sie ihn kaum wahrgenommen. Sie hatte ihn nur für einen weiteren frischgebackenen Stanford-Absolventen gehalten. Im Unternehmen ihres Vaters wollten Männer wie er das Immobiliengeschäft von der Pike auf lernen und die Karriereleiter immer weiter hinaufsteigen.

Griffin war inzwischen fünfunddreißig Jahre alt. Und er hatte in den vergangenen Jahren immer mehr Verantwortung übertragen bekommen. Weil Evas Vater Vorsorge treffen wollte, hatte er damit begonnen, die Führung des Familienunternehmens allmählich in die Hände besonders qualifizierter und treuer Mitarbeiter zu legen.

Immer wenn Eva Griffin sah, versetzte es ihr einen Stich. In seiner Gegenwart hatte sie ständig das Gefühl, als Alleinerbin des Unternehmens ihres Vaters versagt zu haben. Eigentlich hätte sie einmal Tremont Real Estate Holding übernehmen sollen. Daran hatte sie allerdings keinerlei Interesse gezeigt – und stattdessen gleich nach ihrem Abschluss in Berkeley angefangen, eine eigene Eventagentur aufzubauen.

Eva war klar, dass ihre Arbeit nur von wenigen ernst genommen wurde. Allzu viele glaubten, dass sie als Mädchen aus gutem Hause eher einem Hobby nachging statt einem echten Beruf. Und zweifellos teilte Griffin Slater diese Ansicht.

Doch immerhin hatte sie sich eine eigene Existenz aufgebaut. Eva hätte es sich leichter machen können. Und im Gegensatz zu Griffin riss sie nicht das Unternehmen eines anderen an sich.

Als sie ihn jetzt ansah, verzog er keine Miene. Er hatte mal wieder sein Pokerface aufgesetzt, wie so oft, wenn er mit ihr sprach.

Mit seiner Größe von über einem Meter achtzig und seinem markanten Gesicht wirkte er mehr wie ein Boxer als wie ein Model. Trotzdem hatte er eine starke Wirkung auf Frauen. Das hatte Eva bei zahlreichen gesellschaftlichen Anlässen in den letzten Jahren beobachten können.

Wahrscheinlich lag es an seinen ausdrucksstarken dunklen Augen, vielleicht auch an dem vollen schwarzen Haar, das sich trotz des extrem kurzen Schnitts widerspenstig lockte. Und sicher hatte es auch mit seiner athletischen Statur zu tun … Eva hatte selbst mehr als einmal einen längeren Blick auf seinen gut gebauten Körper riskiert – bevor sie sich streng zur Ordnung gerufen hatte.

„Du kommst gerade rechtzeitig für den großen Auftritt, Griffin“, sagte sie spöttisch.

Mäßig interessiert sah er sie an, während er die Tür hinter sich schloss.

Widerwillig bemerkte sie, wie erleichtert ihr Vater war, Griffin zu sehen – oder Mr. Okay, wie sie ihn heimlich nannte.

Nun würde Griffin Zeuge einer weiteren dramatisch ausufernden Familienschlacht werden. Das passierte nicht zum ersten Mal. Anscheinend hatte er ein besonderes Gespür für unangenehme Situationen und tauchte stets im entscheidenden Moment auf.

„Welcher Auftritt? Ich muss zugeben, dass ich neugierig bin“, fragte er wie allzu oft amüsiert, was Eva wie immer irritierte und auch ein wenig wütend machte.

Marcus Tremont schlug mit der Hand auf den Tisch. „Meine Tochter hat beschlossen, den unmöglichsten Mann zu heiraten, den ich kenne.“

„Dad!“

Als Griffin ihr einen schnellen Blick zuwarf, spürte sie regelrecht, wie sich die angespannte Atmosphäre im Raum verstärkte.

„Wer ist denn der Glückliche?“

Als ob er es nicht wüsste, dachte Eva. Griffin und Carter waren sich schon mehrmals begegnet. Einmal hatten sie einander bei einem Empfang im Haus ihrer Eltern die Hand geschüttelt. Ein anderes Mal hatten sie sich zufällig bei einer Vernissage getroffen.

In beiden Fällen war Griffin ohne weibliche Begleitung erschienen. Davon ließ Eva sich nicht täuschen. Sie wusste genau, was für ein Typ Mann er war. Sie hatte Frauen kommen und gehen sehen. Meistens gingen sie, da Griffin es anscheinend ablehnte, zu lange mit derselben Frau auszugehen.

Stolz hob sie ihr Kinn und sah ihm direkt in die Augen. Trotz der peinlichen Vorstellung ihres Vaters gab es keinen Grund, sich zu verteidigen. Eva war sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung.

„Carter Newell“, betonte sie nachdrücklich.

Griffin kam näher. „Dann sollte ich wohl gratulieren.“

So wie er es sagte, klang es weder ehrlich noch besonders herzlich. Aber etwas anderes hatte sie von ihm auch nicht erwartet.

Er musterte sie von oben bis unten. Und obwohl Eva ein stilvolles Designerkleid trug, kam sie sich plötzlich vor, als hätte sie einen unförmigen Jogginganzug an. Ihr Blutdruck stieg, wie immer, wenn sie und Griffin gezwungen waren, miteinander zu reden. In ihren kurzen Gesprächen schwang immer etwas mit; es war ein gewisser Unterton, den sie nicht näher beschreiben konnte und den ihr Vater nicht bemerkte.

„Dein herzliches Beileid wäre wohl eher angebracht“, murrte Marcus Tremont.

Griffins Blick fiel auf ihre Hand. „Wo ist der Ring?“

Seine Worte waren ein perfektes Echo der Bemerkung ihres Vaters. Eva presste angespannt hervor: „Du bist wie mein Dad.“

„Und daran ist nichts verkehrt“, warf Marcus Tremont ein und fixierte dabei Griffin, um ihn zu einer weiteren Bemerkung zu ermuntern.

Griffins Mundwinkel zuckten, so als wäre er bereit, die Herausforderung anzunehmen, die in der Luft lag. „Du siehst aus, als ob du die Vorspeise nach mir werfen oder mich vielleicht mit der Dessertgabel aufspießen willst.“

Da war es wieder … diese indirekte, gönnerhafte Anspielung auf ihre Arbeit. Griffin kritisierte Evas Job, und das in Gegenwart ihres Vaters. Was war denn verwerflich daran, Partys zu organisieren? Stumm seufzte Eva. Offensichtlich konnte sie sich keine Minute lang mit Griffin in einem Raum aufhalten, ohne dass er sie provozierte.

Sie lächelte warnend. „Reiz mich lieber nicht.“

Zu ihrem Vater sagte Eva fröhlich: „Weißt du, du solltest glücklich sein. Schließlich ist es doch so: Je schneller ich heirate, desto schneller könntest du das Enkelkind bekommen, auf das du ständig anspielst.“

Insgeheim gab sie zu, dass der Zeitpunkt der Verlobung ein ganz klein wenig damit zu tun hatte, wie sehr sie sich nach einem Baby sehnte.

Obwohl sie sich mit vielen Männern getroffen hatte, war sie nie dem Richtigen begegnet. Eva wusste nicht, wie viel Zeit ihr noch blieb, Kinder zu bekommen. Immerhin war sie schon über dreißig. Sicher, im Augenblick konnte sie natürlich noch schwanger werden. Aber bald könnte es zu spät sein. Und die Angst, irgendwann eine kinderlose Ehe führen zu müssen, begleitete Eva jeden Tag.

Nachdem sie sich Carter anvertraut hatte, war er sofort Feuer und Flamme für die Idee gewesen. Er wollte so schnell wie möglich nach der Hochzeit eine Familie gründen.

„Jeder, nur nicht Carter Newell“, nahm ihr Vater die Diskussion wieder auf.

Indem er schwieg, schien Griffin zuzustimmen. Zum Teufel mit ihm, dachte Eva.

Der Blick ihres Vaters ging von einem zum anderen. Ihr Dad wirkte noch mürrischer denn je. „Wenn ihr euch wenigstens sympathisch wärt, könnte ich darauf hoffen, dass ihr beide heiratet.“

Eva stockte der Atem.

Jetzt war es raus. Endlich hatte er ausgesprochen, was er wahrscheinlich schon seit langer Zeit dachte.

Mit einem schnellen Seitenblick erkannte Eva, dass Griffin völlig ungerührt dastand. Er ließ sich keinerlei Gefühlsregung anmerken. Und seine Reaktion fiel damit nicht anders aus, als sie erwartet hatte. Es war zum Verrücktwerden. Wie konnte Griffin immer so gelassen bleiben?

Ihr dagegen war die Schamesröte ins Gesicht gestiegen. Eva hoffte nur, dass es niemandem auffiel. Schon setzte sie zu einer Entgegnung an, als Griffin ihr zuvorkam.

„Marcus“, sagte er ruhig, „du weißt, Eva ist zu …“

Wenn er jetzt „frivol“ sagt, schwor sie sich, werde ich ihm gegen das Schienbein treten.

„… zu temperamentvoll für mich.“

Verblüfft hielt sie inne. Angesichts der Tatsache, dass sie gerade noch ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hatte, Griffin gegenüber handgreiflich zu werden, war es wohl sinnlos zu widersprechen.

Griffin schaute sie spöttisch an, ganz so, als ob er ihre Gedanken lesen könnte.

Hastig wandte sie sich wieder ihrem Vater zu. Manchmal fühlte sie sich wie ein weiterer wertvoller Besitz in seinem Gesamtvermögen … und die Heirat mit Carter Newell würde sich für ihn vermutlich nicht auszahlen.

Trotzdem wollte sie nicht nachgeben. „Mom und ich werden nach einem geeigneten Ort für die Feier suchen und ein Hochzeitskleid kaufen gehen.“

Marcus Tremonts Blick verfinsterte sich. „Deine Mutter weiß schon Bescheid?“

Eva zwang sich zu einem fröhlichen Lächeln. „Ich habe ihr schon erzählt, dass Carter und ich verlobt sind, ja. Aber in die Höhle des Löwen wollte ich mich allein wagen.“

Ihr Vater warf ihr einen kühlen Blick zu.

„Ich hoffe, du kommst zur Hochzeit …“, fuhr sie fort. „Ob du dich nun dazu durchringen kannst, mich zum Altar zu führen, oder nicht.“ Die Worte waren so leicht dahingesagt. Doch es schwangen eine Menge Gefühle in diesem entscheidenden Satz, über die Eva nicht nachdenken wollte.

Ohne Griffin eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ die Bibliothek.

Sie war alles, was er sich wünschte. Doch die Situation war total verfahren.

Griffin beobachtete Eva Tremont, wie sie aus dem Raum hinausstolzierte. Das eng anliegende Strickkleid betonte ihre verführerischen Rundungen.

Bewusst entspannte er seine Schultern. Sie führte ihn durchaus in Versuchung. Und das tat sie bereits, seit er sie das erste Mal gesehen hatte. Sie war sowohl eine eigensinnige Erbin als auch eine clevere Geschäftsfrau. Aber vor allen Dingen war Eva Tremont eine alleinstehende und höchst attraktive Frau.

Ebenso unumstößlich war die Tatsache, dass sie ihn verachtete. Wenn er hätte raten müssen, würde er sagen, es lag daran, dass sie durch ihn ständig daran erinnert wurde, wer eigentlich die Nachfolge ihres Vaters hätte antreten sollen: sie. Und er war kürzlich Geschäftsführer von Tremont Real Estate Holding geworden. Wahrscheinlich streute das Salz in ihre Wunden.

Außerdem, rief er sich ins Gedächtnis, gibt es einen anderen Hinderungsgrund. Er arbeitete in Marcus Tremonts Firma. Darum kam eine Affäre mit Eva für ihn nicht infrage. Denn zur Tochter des Chefs baute man entweder eine ernsthafte Beziehung auf oder gar keine. Und er gehörte nicht zu dem Typ Mann, der sich so schnell festlegte.

Sicher, da er hauptsächlich Marcus zuliebe die Geschäftsführung übernommen hatte, musste er Eva nicht länger als die Tochter des Bosses ansehen. Dennoch war Griffins Respekt vor Marcus als Freund, Kollegen und Mentor zu groß. Niemals hätte er ernsthaft in Erwägung gezogen, Eva näherzukommen.

„Dieser Bastard Newell.“ Marcus Tremont riss Griffin aus seinen Gedanken.

Griffin hatte Newell nur einige Male getroffen. Trotzdem hielt er ihn für einen raffinierten Kerl, der es nur auf Geld abgesehen hatte. Der erste Eindruck trügt selten, dachte Griffin.

Als Carter mit seinen angeblichen Fähigkeiten als Finanzberater geprahlt hatte, hatte Griffin unbeeindruckt zugehört und sich seinen Teil gedacht …

Ganz bestimmt würde er Carter Newell, den er für einen windigen Geschäftemacher hielt, seine Finanzen nicht anvertrauen. Lieber beobachtete Griffin den Markt selbst. Auch wenn Carter nicht müde wurde, seine freundliche Verkäufermasche aufs Neue an Griffin auszuprobieren.

Er hatte Carter nicht gezeigt, was er über ihn dachte. Seltsamerweise hatte Griffin jedoch den Eindruck, dass Carter ihn nicht leiden konnte. Von Zeit zu Zeit hatte Carter sich unbeobachtet gefühlt und ihn angesehen. Und jedes Mal wenn Griffin den Mann dabei ertappte, entdeckte er einen säuerlichen Gesichtsausdruck.

Newell hatte wohl selbst eine Einschätzung der Lage vorgenommen und war zu dem offensichtlichen Schluss gekommen: Marcus Tremont, der Mann, der sein Schwiegervater werden sollte, sah in Griffin seinen Wunschnachfolger – einen Nachfolger, der zudem alleinstehend und ungebunden war.

Ohne Zweifel sah Newell ihn als Rivalen an, der den Geldfluss und möglicherweise auch Eva kontrollieren konnte. Carter war jedoch bereit, seine persönlichen Gefühle beiseitezuschieben, wenn es ihm einen finanziellen Vorteil brachte … Deshalb versuchte er, Griffin als neuen Kunden zu gewinnen.

Dass der Mann derart seine Prioritäten setzte, machte Griffin wirklich zu schaffen. Nicht so sehr seinetwegen, sondern wegen Eva. Wenn Carter bereit war, über vieles hinwegzusehen, um einen neuen Kunden an Land zu ziehen – wie viel mehr würde er auf sich nehmen, um eine reiche Frau zu heiraten?

Marcus Tremont sah Griffin ernst an. „Stelle bitte Nachforschungen für mich an.“

„Was genau soll ich tun?“ Er konnte es sich denken, doch er wollte jedes Missverständnis aus dem Weg räumen.

„Ich möchte, dass du alles über Carter Newell in Erfahrung bringst, was es zu wissen gibt. Engagiere den Privatdetektiv, der sonst immer für die Firma arbeitet.“ Der Blick des älteren Mannes verfinsterte sich. „Ich möchte wissen, was Carter Newell verheimlicht, und zwar bevor er mein Schwiegersohn wird.“

Griffin war erstaunt. Anscheinend gab Marcus sich geschlagen, wenn er davon ausging, dass seine Tochter tatsächlich diesen Carter heiratete. Griffin ließ sich nichts anmerken. Schließlich war er bekannt für sein Pokerface. „Hast du einen besonderen Grund zu glauben, dass er etwas verheimlicht?“

Marcus sah ihn aufmerksam an. „Was ich über die Newells weiß, gefällt mir nicht. Sie haben es geschafft, die Tatsache lange geheim zu halten, dass ihr Vermögen stetig schwand. Täuschung liegt bei denen in der Familie.“

„Ich verstehe. Aber, wenn Eva das herausfindet …“

Er führte den Gedanken nicht weiter aus. Griffin wollte nur sichergehen, dass Marcus sich über die möglichen Konsequenzen seiner Entscheidung im Klaren war. Die Beziehung zu seiner Tochter könnte unwiderruflichen Schaden nehmen, wenn Eva herausfand, dass sie Carter hinterherspioniert hatten.

Und mein Verhältnis zu Eva würde davon sicherlich auch nicht gerade profitieren, dachte Griffin.

„Es gibt keinen Grund, warum Eva davon erfahren sollte“, erwiderte Marcus schroff. „Es sei denn, wir bringen etwas über Newell ans Licht … In dem Fall sollte sie uns sogar dankbar sein.“

Griffin nickte.

Auch wenn er es nicht zeigte, er würde seine Freude daran haben, Carter Newell zu Fall zu bringen. Sollte er tatsächlich etwas verbergen und es mit Eva nicht ehrlich meinen, Griffin würde es herausfinden.

Er verdrängte die Sorge, dass Eva alles andere als erfreut reagieren könnte, sobald sie entdeckte, wer ihrem Verlobten hinterherspionierte …

2. KAPITEL

Griffin blickte aus dem Fenster seiner Villa in Pacific Heights auf die funkelnden Lichter der San Francisco Bay. Während er die Ereignisse des Tages Revue passieren ließ, hielt er sein Weinglas fest umschlossen. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor.

Obwohl er einverstanden gewesen war, Evas Verlobten zu überwachen, hatte Marcus’ Bitte ihn in eine schwierige Situation gebracht.

In den vergangenen Jahren hatte er Eva immer sehr anziehend gefunden, dieses Gefühl jedoch unterdrückt. Dennoch hatte Griffin sich des Öfteren vorgestellt, wie es wäre, sie zu küssen, sie im Arm zu halten und in sein Bett zu tragen … auch wenn sie ihn abwechselnd verwirrte und verärgerte.

Sie erinnerte ihn an eine geschmeidige kleine Katze. Sie hatte einen perfekt proportionierten Körper, war schlank und durchtrainiert. Ihr glattes schwarzes Haar reichte knapp über ihre Schultern. Ihre sinnlichen Lippen luden geradezu zum Küssen ein, und ihre blauen Augen funkelten manchmal wie die einer Katze. Diese charakteristischen Merkmale machten sie zu etwas ganz Besonderem.

Nun hatte man von ihm verlangt, dem Mann hinterherzuspionieren, den sie heiraten wollte. Er sollte hinter dem Mann herschnüffeln, den sie zu lieben glaubte. Griffin sah sich in einer ausweglosen Situation.

Doch er konnte Marcus Tremont seinen Wunsch nicht abschlagen. Nicht nur, dass er selbst kein gutes Gefühl hatte, was Carter Newell betraf. Griffin stand außerdem so tief in Marcus’ Schuld, dass er sie niemals begleichen konnte.

Als seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren, hatte Griffin gerade die Highschool beendet. Damals hatte er die Vormundschaft für seinen fünfzehnjährigen Bruder Josh und seine vierzehnjährige Schwester Monica. Durch diesen schweren Schicksalsschlag war er gezwungen, über Nacht erwachsen zu werden. Bereits in jungen Jahren hatte eine riesige Verantwortung auf seinen Schultern gelastet.

Obwohl seine Eltern ihnen kein Vermögen hinterlassen hatten, war es glücklicherweise genug gewesen, um seine ...

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