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Eine Träne hat mich gerettet

Über die Autorin

Angèle Lieby wohnt zusammen mit ihrem Mann im Elsass. Dort traf sie den Journalisten Hervé de Chalendar, mit dem sie zusammen ihre Krankengeschichte aufschrieb. Ihr Buch soll all jenen Hoffnung machen, die an einer schweren Krankheit leiden: Solange man nicht tot ist, ist Heilung möglich.

Angèle Lieby
mit Hervé de Chalendar

Eine Träne
hat mich gerettet

Sie hielten mich für tot,
aber ich kämpfte mich zurück ins Leben

Aus dem Französischen von
Monika Buchgeister

Für Cathy, Célia und Mélanie –
in der Hoffnung, dass diese bescheidene Erzählung
sie auf dem Weg durch ihr eigenes Leben begleiten möge

Eine Träne war meine Rettung

Inhalt

1. Allein in der Nacht

2. Kribbeln in den Fingerspitzen

3. Falsche Fährten

4. Mein Körper ist ein Gefängnis

5. Eine Geschichte von Verrückten

6. Die Fangzähne eines unbekannten Raubtieres

7. Guantánamo

8. Bald werde ich »abkratzen«

9. »Im Gedenken an unsere liebe Mama«

10. Hinter dem Vorhang

11. Elektronischer Aufruhr

12. Die Hellseherin

13. Die Träne

14. Der Alarm

15. Das Abc der Zärtlichkeit

16. Bicker – was?

17. Wo ist das Bällchen?

18. Eine Maschine

19. Folterstuhl

20. Das Bügelbrett

21. Der Kranke hinter der Krankheit

22. Atmen

23. Geschichten vom Wasser

24. Ein bisschen wie Benjamin Button

25. Lektion in »Leben«

26. »Ich liebe dich«

27. Kleine Misslichkeiten

28. Der Rückfall

29. Im Widerstand

30. Ein neuer Ausblick

31. Rückkehr zu den Ursprüngen

32. Sei gegrüßt, Frühling!

33. Vom Ende zum Anfang

34. Ein anderer Blick auf das Koma

35. Zeugnis ablegen

Danksagungen

Einleitung

Mein hauptsächliches Anliegen beim Schreiben dieses Buches war es, denjenigen zu Wort kommen zu lassen, dem die Medizin immer zu Diensten sein soll: den Patienten. Dieses Buch will weder eine medizinische Abhandlung noch ein Abenteuerroman oder eine Biographie sein, es ist die Geschichte eines Kampfes.

Eine solche Erzählung ist zwangsläufig einseitig und unvollständig. Ich stehe zwar im Zentrum dieser Geschichte, bin aber nicht immer – in gewisser Weise sogar selten – in der Lage, sie zu verstehen. Leider bin ich aber nicht die Einzige, die nicht alles verstanden hat! Trotzdem wird niemand bestreiten können, dass ich bei dem Thema, um das es im Folgenden geht, in ganz besonderem Maße als Zeugin auftreten kann. Im Kern handelt dieses Buch vom Leid in der Welt des Krankenhauses.

Immer wieder habe ich mich gefragt, was besser ist: vergessen oder Zeugnis ablegen? Alles noch einmal aufwärmen oder es hinter sich lassen? Alles vergraben oder noch einmal ausbreiten? Instinktiv neigt man wohl dazu, die schmerzlichsten Augenblicke aus dem Gedächtnis zu streichen, denn sie erschweren eine Rückkehr ins Leben.

Einige meiner Verwandten und Bekannten haben mir gegenüber ihrer Sorge ganz unverhohlen Ausdruck verliehen, als sie sahen, wie besessen ich von der Idee war, alles festzuhalten. Sie warnten mich: »Lass die Vergangenheit ruhen! Es wird dir nicht guttun! Sprich lieber über positive Dinge …«

Damit bin ich vollkommen einverstanden. Was ich hier schreibe, muss ganz einfach positiv sein. Es geht nicht darum, Groll zu hegen, und auch nicht darum, mit irgendjemandem abzurechnen.

Ich habe sehr früh beschlossen, keinen Prozess anzustrengen, und ich wollte auch nicht der Frage der Verantwortung nachspüren. Ebenso wenig habe ich geschrieben, um Anschuldigungen zu erheben oder in Wehklagen zu verfallen. Ich wollte lediglich meinen Beitrag leisten und etwas in Bewegung bringen.

Damit den Kranken Gehör geschenkt wird und die Pflegenden immer wieder hinterfragen, was sie tun.

Ich möchte Sprachrohr jener sein, die – wie auch ich vor noch gar nicht langer Zeit – nicht sprechen, ja, sich nicht einmal bewegen können.

Ich musste einfach schreiben, weil meine Erfahrung einen Nutzen haben muss.

Weil Fehler passieren können, sich aber nicht wiederholen sollten.

All das Leid, das ich ertragen habe, werde ich sehr viel leichter hinter mir lassen können, wenn es nun dazu beiträgt, das Leid anderer Patienten zu lindern.

1

Allein in der Nacht

Wo bin ich?

Alles ist dunkel. Ich bin im Dunkeln. Es ist ein vollkommenes Dunkel, ohne jede Kontur, ohne jeden noch so kleinen Lichtschein. Ein furchterregendes oder ein beruhigendes Dunkel – das vermag ich nicht zu entscheiden. Es ähnelt dem Dunkel meiner Kindheit, wenn ich in einem Wandschrank Zuflucht suchte, mich dort einerseits sicher wähnte und doch andererseits wie Espenlaub zitterte.

Egal, wie sehr ich mich auch bemühe, ich sehe nichts. Nichts außer dieser tiefen Dunkelheit. Habe ich die Augen offen oder geschlossen? Ich weiß es nicht. Was ist geschehen? Auch das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht allein bin: Ich höre jemanden neben mir. Er atmet schnell – wie ein hechelnder Hund.

Ob es ein Mensch ist? Oder ein Tier?

Vor allem jedoch fühle ich mich eingeengt. Ich verspüre einen so heftigen Druck auf meiner Brust, dass ich dagegenhalten muss, um überhaupt atmen zu können. Dann blähe ich meinen Brustkorb mit einer solch ungeheuren Anstrengung auf, dass ich meine Rippen krachen höre … Erschreckt halte ich inne. Aber ein Gewicht drückt mich nieder, und ich kann mich doch nicht einfach zerquetschen lassen …

In diesem vollkommenen Dunkeln muss ich um jeden Atemzug kämpfen. Was ist geschehen? Wie lautet die Erklärung für das alles? Etwas Schwerwiegendes muss vorgefallen sein, so viel ist klar. Ich muss es herausfinden. Ich muss mich beruhigen und nachdenken.

Ich bin in die Notaufnahme gekommen, daran erinnere ich mich genau: Ich hatte Kopfschmerzen, so fürchterliche Kopfschmerzen, dass ich mich ins Krankenhaus habe bringen lassen. Denn wo ist man besser aufgehoben als im Krankenhaus? Und nun liege ich hier in der Dunkelheit. Wo sind nur die Ärzte? Und wo die Krankenschwestern? Wo ist Ray? Wo sind meine Freunde? Was zermalmt mich hier? Wieder stemme ich mich dagegen, wieder glaube ich, meine Rippen krachen zu hören. Soll ich überhaupt weiteratmen? Soll ich mich weiter gegen den Druck auf meiner Brust stemmen?

Es fühlt sich so an, als sei das Krankenhaus buchstäblich über mir zusammengebrochen.

Genau: Es muss ein Erdbeben gegeben haben, und ich liege hier unter Tonnen von Trümmern begraben. Die hektischen Atemzüge neben mir gehören zu einem anderen Lebewesen, das hier ebenfalls in der Falle sitzt, weil die Erde sich plötzlich aufgetan hat. Abgesehen davon ist alles ruhig. Ist es immer so still nach einem Erdbeben? Handelt es sich um eben jene Stille, die auf das tumultartige Durcheinander einer Katastrophe folgt?

Wahrscheinlich. Auch nach einem Unwetter herrscht eine solche Ruhe.

Erstaunlich ist allerdings, dass ich mich abgesehen von diesem Gewicht auf meinen Rippen, abgesehen von dieser rätselhaften, allumfassenden Dunkelheit gut fühle. Vollkommen fit! Auf jeden Fall geht es mir viel besser als zum Zeitpunkt meiner Ankunft hier, als diese grausame Migräne meinen Schädel zusammenpresste wie ein Schraubstock. Jetzt wird nicht mehr mein Kopf eingezwängt, sondern meine Brust. Das ist zwar beängstigend, aber erträglicher. Ich versuche zu rufen, aber ich habe das deutliche Gefühl, dass kein Laut über meine Lippen kommt. Meine Gedanken hallen nur in meinem Innern wider. Auch das Wesen neben mir ist stumm.

Die Zeit vergeht. Vollkommen blödsinnig versuche ich unwillkürlich, im gleichen Rhythmus zu atmen wie der andere, genauso schnell und mechanisch wie ein hechelnder Hund. Auf diese Weise beschäftige ich mich. Ich werde müde dabei. Ich fühle mich immer noch eingeengt, aber ich strenge mich nicht mehr an, um zu atmen.

Alles ist egal. Ich ergebe mich einfach. Ich falle in einen Dämmerschlaf …

Stimmen wecken mich wieder. Es sind ruhige Stimmen, auch Schritte sind zu hören. Frauen und Männer. Kurze, zweckmäßige Wortwechsel. Sie sprechen von Zimmern, von Patienten.

»Hast du die 320 schon versorgt?«

Ich lächele innerlich. Uff! Alles wird gut! Ich bin immer noch im Krankenhaus, und es hat kein Erdbeben gegeben … Das Gebäude ist nicht eingestürzt. Und ich bin wahrscheinlich nicht in einem Wandschrank eingeschlossen, sondern liege in einem Zimmer wie eine ganz normale Patientin. Aber warum muss ich immer noch hier im Krankenhaus bleiben? Sie bringen vermutlich erst einmal ihren gewöhnlichen Rundgang zu Ende, dann kommen sie zu mir und öffnen meine Augen. Diese sind nämlich geschlossen, das ist auch beinahe schon alles, was ich zu beanstanden habe – allerdings kann ich meinen Mund aus unerfindlichen Gründen ebenfalls nicht öffnen.

Und wenn es nun doch etwas Ernstes ist? Aber warum denn? Ich habe schließlich keinen Unfall gehabt, sondern nur Kopfschmerzen. Ich bin nur für kurze Zeit hier. Deshalb liege ich auch mit diesem Kranken im Zimmer, der immerzu schläft und mit der beeindruckenden Regelmäßigkeit eines Tieres atmet. Ich bin zwar noch nicht ganz bei Bewusstsein, aber sobald ich richtig aufgewacht bin, werde ich nach Hause gehen können.

Wer weiß, vielleicht werde ich heute Abend sogar noch tanzen gehen!

Träume ich etwa? Möglich ist es.

Kann man sich in einem Traum fragen, ob man träumt? Ja, es sieht ganz so aus. Aber ein Traum dauert niemals so lange an.

Worauf warten sie, um meine Augen zu öffnen und meinen Kiefer zu entsperren? Worauf warten sie, um endlich nach mir zu sehen? Warum gehen sie ständig an mir vorbei? Worauf warten sie, um mich zu befreien? Und mir alles zu erklären?

Die Männer und Frauen sind wieder fortgegangen.

Ich denke nach, um mich zu beschäftigen. Ich erinnere mich ganz genau an alles, was geschah, bevor ich in dieser abgrundtiefen Nacht aufgewacht bin. Ich habe nichts vergessen.

Die Geschehnisse der vergangenen Stunden ziehen mit der Präzision eines Filmes auf einer Großbildleinwand an mir vorüber. Einerseits bin ich glücklich, mich so gut daran erinnern zu können. Und andererseits fürchte ich mich bereits jetzt auf diffuse Weise vor dem, was nun mit mir geschehen wird.

2

Kribbeln in den Fingerspitzen

Montag, 13. Juli 2009. Es ist Sommer, morgen ist Nationalfeiertag. Alle, oder zumindest fast alle, haben frei: Wer schon im Juli Sommerferien hat, tummelt sich an den Stränden, wer erst im August wegfährt, nimmt einen Brückentag. Aber ich stehe heute Morgen um vier Uhr auf! Ich arbeite in der Morgenschicht: von 6 Uhr bis 13.30 Uhr.

Das stört mich jedoch nicht. Die nächsten Ferien sind nicht mehr allzu fern, und die letzten liegen noch gar nicht lange zurück: Erst vor zwei Wochen waren Ray und ich auf Rhodos, umfangen vom Blau des Himmels und des Meeres. Einfach traumhaft schön: Unweigerlich muss ich beim Gedanken daran lächeln … Ich möchte mich wirklich nicht beklagen. Es schreckt mich nicht, vor Sonnenaufgang aufzustehen: Ich bin ein Morgenmensch. Und ich bin es gewohnt: Jede zweite Woche ist das so.

Eine Woche arbeite ich von 6 Uhr bis 13.30 Uhr, die darauffolgende von 13.30 Uhr bis 21 Uhr. Dieser Rhythmus ist anstrengend, das stimmt schon, aber wenn ich früh beginne, habe ich wenigstens den Nachmittag für mich: Ich kann ins Schwimmbad gehen oder meine Freundinnen treffen … Ich muss nur früh schlafen gehen, das ist alles.

Es geht mir rundum gut. Zugegeben, ich hatte im Februar eine Bandscheibenoperation, aber das gehört bereits der Vergangenheit an. Ich treibe sogar schon wieder Sport, insbesondere fahre ich Fahrrad. Vergangenen Samstag bin ich erstmals wieder 50 Kilometer gefahren – wie früher. Da habe ich mir gesagt: »Endlich! Die Operation ist nur noch eine Erinnerung!«

Es war heiß: Ich erinnere mich noch an die angenehme Kühle, die uns Radfahrer umfing, als wir durch den Wald im Park Pourtalès fuhren, jener bewaldeten Oase im schicken Viertel Robertsau von Strasbourg. Vielleicht hatte ich mir durch diesen Temperaturunterschied auch das leichte Halsweh eingefangen … Es war aber nicht der Rede wert, ich hatte kein Fieber und hatte einfach eine Tablette genommen. Am nächsten Tag waren wir mittags bei meinem Bruder Gilbert eingeladen. Ich fühlte mich etwas erschöpft. Wäre es nicht Gilbert gewesen, so hätte ich abgesagt. Wirklich beunruhigend fand ich das nicht: Schließlich sind wir doch alle ein wenig erschöpft nach einer anstrengenden Arbeitswoche, oder?

Wenn ich daran zurückdenke, fällt mir außerdem noch die Sache mit der Ananas ein … In der Kantine ist diese Frucht mein Lieblingsdessert. Aber in der letzten Woche war es nicht so, ohne dass ich gewusst hätte, warum: Ich konnte die Säure der Ananas nicht ertragen. Es war ein seltsames Gefühl: als würde meine Zunge zerschnitten. Das Gleiche verspürte ich bei dem Zitronensaft auf dem Fischgericht. Aber ich schenkte diesen Empfindungen keine weitere Beachtung.

In den vergangenen Tagen hatte ich also leichte Halsschmerzen, war am Sonntag ziemlich erschöpft und verspürte eine plötzliche Abneigung gegen Ananas. Nichtigkeiten. Belanglose Rätsel, wie sie mit schöner Regelmäßigkeit in unserem Alltag auftauchen und wieder in Vergessenheit geraten, solange das Leben in den gewohnten Bahnen verläuft. Erst wenn danach dramatische Ereignisse eintreten, werden sie im Nachhinein zu bedeutungsvollen Vorzeichen …

Nein, ganz ehrlich, noch vor der Morgendämmerung an jenem Montag, dem 13. Juli, fühle ich mich gut, während ich mich im Badezimmer zurechtmache und dabei Musik höre wie jeden Morgen. Ich bin 57 Jahre alt. Ohne falsche Bescheidenheit – es kommt mir so vor, als sei ich viel jünger als viele andere Frauen meines Alters. Das hat sicher damit zu tun, dass ich häufig Sport treibe: Ich fahre Fahrrad, gehe ins Schwimmbad, mache Hochgebirgstouren, und ich laufe (mehrmals habe ich an dem Lauf »10 Kilometer durch Strasbourg« teilgenommen) … Auch mein Charakter spielt sicher eine Rolle: Man hat mir stets gesagt, dass ich ein positives Naturell besitze, und das stimmt wirklich. Ich gehöre einfach nicht zu den Leuten, die oft niedergeschlagen sind. Das hat letztlich mit der Liebe zu tun. Ray schläft noch selig. Unsere Tochter Cathy lebt in Paris und hat uns bereits mit zwei wundervollen Enkelinnen beschenkt, Célia und Mélanie. Alles ist gut, wirklich. Ich gebe es gerne zu: Ich bin glücklich. Das Leben ist schön, und die Tatsache, dass ich am Tag vor dem 14. Juli um 6 Uhr morgens zur Arbeit muss, wird mich nicht das Gegenteil behaupten lassen! Obendrein haben wir geplant, am Abend auf den Ball der Feuerwehr zu gehen …

Ich frühstücke ausgiebig, dann starte ich in den erwachenden Tag. Ich verlasse unsere Wohnung in Schiltigheim, einem Vorort von Strasbourg. Gewöhnlich nehme ich den Firmenbus, aber heute Morgen fahre ich lieber mit dem Wagen. Ich mache mich auf den Weg zu unserer Firma, die etwa 20 Kilometer von unserer Wohnung entfernt liegt. Ich arbeite seit zehn Jahren dort. Das Unternehmen stellt Einkaufswägen und Transportkarren her für Supermärkte, Flughäfen und Krankenhäuser. Davor war ich über 20 Jahre lang leitende Angestellte in einem Wäscheunternehmen. Ich hatte eine gute Stellung, aber das Unternehmen musste schließen. Da griff ich beim ersten neuen Stellenangebot gleich zu, und das war der Arbeitsplatz in dieser Firma. Ich bringe die Pfandschlösser auf den Metallverstrebungen der Einkaufswägen an, also die Geldschlitze, in die man eine Münze oder ein Pfandstück einführt, um die angeketteten Wägen zu entriegeln. Je nach Bestellung oder Land werden die Pfandschlösser an unterschiedlichen Stellen angebracht: Man muss die Feinabstimmung vornehmen, sie manchmal mittig, manchmal rechts oder auch links montieren …

Ich arbeite mit einem Schraubenzieher, und zwar im Stehen. Die Arbeit ist körperlich recht anstrengend, aber ich habe mich gut daran gewöhnt. Es ist eine von Männern geprägte Welt: In einer Schicht kommen auf ungefähr 300 Männer etwa zehn Frauen. Auch daran habe ich mich gewöhnt. Ich glaube, diese Männer können mich gut leiden. Sie kommen oft zu mir und erzählen mir kleine Geschichten. Wir scherzen oder diskutieren miteinander. Ich mag den Kontakt zu den anderen Menschen, den diese Arbeit zulässt, und ich gehöre zu den Leuten, die immer das Gute an allem sehen. Vielleicht auch deshalb werden die Praktikanten stets zu mir geschickt. Alles ist in Ordnung, denn ich bin ja topfit und glücklich obendrein.

Auf dem Parkplatz des Unternehmens, der bereits in das zarte Licht der aufgehenden Sonne getaucht ist, fällt ein erster Schatten auf diesen ungetrübten Morgen: Ich verspüre ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Ein früherer Bruch des kleinen Fingers kommt mir in den Sinn. Anzeichen für Rheuma? Vorboten eines Wetterwechsels? Oh nein, es wäre einfach zu dumm, wenn es heute Abend während des Balls regnen würde! Aber nein, es muss etwas anderes sein: Die Missempfindungen sind in allen meinen Fingern und zwar an beiden Händen zu spüren.

Und der Schmerz weitet sich auf die Gelenke aus. Er kommt plötzlich und sehr heftig. Ich reibe meine Hände, ohne dass sich etwas bessert. Das ist seltsam, aber nicht zu ändern. Ich muss jetzt zur Arbeit … Ich grüße meine Kollegen, richte mein Augenmerk auf die Geldschlitze und fühle, dass meine Hände bei der Arbeit etwas beweglicher werden.

Aber jetzt stellt sich ein heftiger Kopfschmerz ein. Ich versuche, meine Gedanken von ihm fortzulenken. Ich nehme Maß, schraube und fertige. Die Metallverstrebungen türmen sich übereinander. Das Dröhnen in der Fabrik nimmt immer mehr zu und bohrt sich förmlich in meinen Schädel. Die Migräne betäubt mich. Ich kann mich nicht einmal mehr bücken, um eine Münze in den Schlitz zu schieben.

Um 8.30 Uhr entscheide ich, dass ich nach Hause gehen muss.

Ich suche meinen Vorgesetzten auf, um ihm mitzuteilen, dass ich unmöglich weiterarbeiten kann.

»Ruh dich aus, Angèle. Mach eine Pause, es geht sicher vorüber …«

Nein. Ich habe bereits begriffen, dass es nicht vorübergehen wird. Dass alle Pausen, alle guten Worte dieser Welt nichts ausrichten werden. Selbst wenn ich noch so guten Willens bin, ich kann nicht mehr arbeiten. Ich spüre, dass das, was mich heute Morgen mit solcher Wucht packt, keine Migräne, kein Rheumatismus ist. Ich habe die dumpfe Ahnung, dass etwas Ernstes im Anmarsch ist, ohne jedoch zu wissen, was es sein könnte.

»Es tut mir leid, aber ich muss nach Hause!«

Der Vorgesetzte reicht mir ein Formular, und ich verlasse meinen Arbeitsplatz.

Beim Hinausgehen wünscht mir mein Kollege Marc noch freundlich einen »Schönen 14. Juli!« Sein Lächeln ist besorgt: Auch ihm ist aufgefallen, dass meine Kopfschmerzen nicht alltäglich zu sein scheinen. Sie kennen mich hier gut. Sie wissen, dass ich mich nicht schon beim kleinsten Unwohlsein davonstehle. In zehn Jahren war ich kein einziges Mal krank. Aber jetzt zögere ich nicht, ich eile auf den Parkplatz: Ich muss so rasch wie möglich nach Hause fahren – solange ich noch in der Lage bin, ein Auto zu steuern.

Ray ist natürlich überrascht, als er mich zurückkommen sieht. Er bringt mir ein Schmerzmittel, und ich lege mich schlafen. Mit ein wenig Glück werde ich mich beim Aufwachen für den Ball der Feuerwehr zurechtmachen können … Aber beim Aufwachen ist alles noch schlimmer. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber die Kopfschmerzen sind noch heftiger geworden. Bereits die kleinste Bewegung ist eine Qual. So etwas habe ich zuvor noch nie erlebt: Es fühlt sich an, als wäre mein Kopf in einen zu kleinen Helm hineingepresst worden und als würde sich dieser Helm immer noch weiter verengen, bis er schließlich mein Gehirn zerquetscht.

Keine Schmerztablette der Welt kann mir Erleichterung verschaffen.

»Ich rufe den Arzt!«, entscheidet Ray am späten Nachmittag.

Unser Hausarzt geht nicht ans Telefon: Er ist in den Ferien. Ray versucht es bei seiner Vertretung. Auch sie ist nicht erreichbar.

Langsam gerate ich in Panik: Meine Schmerzen sind unerträglich.

Ray hingegen bleibt vollkommen ruhig:

»Dann müssen wir jetzt eben den Rettungswagen rufen!«

Mein Mann hat es schon immer verstanden, mich zu beruhigen. Er ist ein zuverlässiger, dynamischer und tatkräftiger Typ. Er ist schon über 60 Jahre alt, aber auch er sieht um einiges jünger aus. Auch er arbeitet noch: Er führt Aufsicht auf Baustellen. Das ist nicht immer eine leichte Tätigkeit, aber er macht sie recht gut. Er versteht es, sich bei den Arbeitern Respekt zu verschaffen, und sein stattliches Aussehen verleiht ihm zusätzlich Autorität. Ich muss erklärend hinzufügen, dass er früher Polizist war. Er hat seine Karriere bei der Kriminalpolizei von Strasbourg beendet, wo er viele Fälle bearbeitet und nicht wenige von ihnen zur Aufklärung gebracht hat. Er gehört nicht zu den Menschen, die schnell kopflos werden.

Ich verstehe nicht, was mit mir vorgeht. Ich verstehe nicht, warum mein Kopf beinahe zerspringt, und auch nicht, warum ich diese seltsame Empfindung habe, dass meine Gliedmaßen einschlafen und taub werden, aber ich sage mir, dass ich in Sicherheit bin, solange Ray da ist und auf mich aufpasst.

Da klingeln bereits die Sanitäter bei uns.

Der Arzt untersucht mich und stellt mir Fragen. Schmerzen in den Händen, Migräne, Taubheitsgefühle?

Er grübelt. Die Symptome passen in dieser Form zu keinem ihm bekannten Krankheitsbild. Ray überzeugt ihn, mich in die Notaufnahme bringen zu lassen.

Die Männer machen Anstalten, mich zu tragen. Da erhebe ich Einspruch:

»Es schmerzt doch nur mein Kopf …«

Und ich bestehe darauf, die Treppen von unserer im dritten Stock gelegenen Wohnung selbstständig hinunterzugehen, ohne den Aufzug zu nehmen.

3

Falsche Fährten

Die Bahre wird durch die Flure des Krankenhauses geschoben. Immer wieder stößt sie gegen die Wände, die Türen, und bei jedem Schlag scheint mein Kopf förmlich zu explodieren. Mein Gott, warum rasen sie so? Gegen 21 Uhr sind wir in der Notaufnahme eines Strasbourger Krankenhauses eingetroffen. Seither karrt man mich von einer diensthabenden Station zur anderen. Ich habe das Gefühl, wie ein Stoffballen hin- und hergeworfen zu werden.

Spritzen, Tabletten, Geräte, Lumbalpunktion, fragende Blicke … Ich habe immer größere Schwierigkeiten, etwas zu sagen – und zu atmen. Auch meine Reflexe werden anscheinend immer schwächer. Das ist noch schlimmer als die Taubheitsgefühle zuvor: Es fühlt sich an, als würde sich allmählich eine allgemeine Lähmung einstellen. Der Nebel um mich herum wird dichter. In manchen Augenblicken sieht alles ganz verschwommen aus, als läge ein Dunstschleier über allem. Für kurze Momente verliere ich das Bewusstsein. Ich vergesse, was noch ein paar Augenblicke zuvor geschehen ist.

Ein Mann in weißem Kittel fragt Ray beunruhigt:

»Redet Ihre Frau immer so leise?«

Die Ärzte verbergen ihre Ratlosigkeit mehr schlecht als recht.

Niemand hat offenbar die geringste Ahnung, welche seltsame Krankheit mich hier und jetzt dahinraffen will. Keiner weiß etwas, und doch will man mich beinahe wieder nach Hause schicken! Da meine Symptome zu keinem bekannten Krankheitsbild passen, kann es schon nicht so schlimm sein … Ray ist ganz und gar nicht dieser Meinung: Im Gegenteil! Solange die Ärzte nichts herausgefunden haben, müssen sie mich hierbehalten! Er besteht darauf, dass sie mich aufnehmen, da es doch offensichtlich sehr ernst um mich steht!

Weitere Untersuchungen folgen. Ist es eine Borreliose? Eine Meningitis? Möglicherweise … Aber es findet sich nichts Eindeutiges, weder auf einem Computerbildschirm, noch bei einer Blutanalyse – keiner der vielen Spezialisten vermag, eine klare Diagnose zu stellen.

Schließlich lässt Ray mich widerwillig allein im Krankenhaus zurück.

Um 2 Uhr morgens reißt ein Anruf des Krankenhauses ihn aus dem Schlaf: Man bittet ihn, mich abholen zu kommen, da die Spezialisten immer noch im Dunkeln tappen. Ray bleibt unerbittlich: Sie müssen mich dortbehalten. So verlasse ich die Notaufnahme, bleibe aber im Krankenhaus. Und wieder nimmt die Bahre ihre verrückte Fahrt durch die Gänge auf …

Vielleicht ist es die mir eigene Freude am Leben, die trotz allem, trotz der Qualen und der in mir aufkeimenden Ängste, noch einmal hervortritt: Mitten in der Nacht fällt mir plötzlich ein, dass ich nicht zu Abend gegessen habe. Ich muss essen! Ich habe Hunger und verlange nach einer Mahlzeit.

Eine hilfsbereite Krankenschwester willigt sofort ein:

»Keine Sorge, wir bringen Ihnen etwas!«

Sie kommt mit einem Tablett zurück. Es gibt Erbsen. Ich nehme einen Löffel. Aber ich verschlucke mich heftig und muss husten, gerate in Atemnot. Wenn ich schon nicht essen kann, so werde ich zumindest etwas trinken. Mit dem Wasser verhält es sich genauso: Ich bekomme keine Luft mehr. Es ist ganz offensichtlich: Ich kann nicht mehr schlucken. Die Getränke wie die Nahrungsmittel geraten in die falsche Röhre. Es gelingt mir gerade noch, ein Bonbon zu lutschen. Und ich habe den Eindruck, dass ich schon bald nicht mehr werde atmen können. Ich bekomme nur noch sehr schlecht Luft.

Endlich haben die Ärzte doch eine Anomalie gefunden: Mit meinen weißen Blutkörperchen stimmt etwas nicht … Vor allem begreifen sie jetzt, dass ich hier vor ihren Augen sterben werde, wenn sie nichts unternehmen: Ich werde ersticken, langsam verlöschen wie eine Flamme, die keinen Sauerstoff mehr bekommt. Weitere Fragen erübrigen sich jetzt: Man muss schwere Geschütze auffahren, und zwar schnell. Schon ist beschlossen, dass ich intubiert werde. Man wird mir also einen Schlauch in den Mund schieben; er wird mich an ein künstliches Beatmungsgerät anschließen, um mich so am Leben zu erhalten.

Ray muss wieder da sein, denn ich höre, wie seine Stimme zu mir sagt:

»Mach dir keine Sorgen, mein Liebling. Man wird sich um dich kümmern …«

Immer noch gelingt es seiner Stimme, mich zu beruhigen. Sie reißt mich aus meinem Dämmerschlaf, in den ich – von den Schmerzen erschöpft – immer wieder falle.

Ein Arzt klärt Ray darüber auf, was nun vor sich gehen wird:

»Wir werden Ihre Frau für ein oder zwei Tage in ein künstliches Koma versetzen.«

»Ins Koma?«

»Wir können sie dann wirksamer behandeln, und ihr Stoffwechsel wird entlastet. Außerdem nimmt sie so die Unterstützung durch die künstliche Beatmung leichter an: Der Atemreflex würde sonst die Funktion des Gerätes durcheinanderbringen und vor allem die Patientin sehr anstrengen.«

Ich bin nicht mehr in der Lage, diesem Gespräch weiter zu folgen. Man lässt mich in die Nacht gleiten. Um mir zunächst einmal das Leben zu retten. Und um dann vielleicht auch zu verstehen, was mein Leben plötzlich, scheinbar ohne jeden Grund, so sehr gefährdet hat.

Und wenn ich wieder aufwache, wird alles klarer sein.

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