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Eine Tochter der Nacht

Raven Cross

Eine Tochter der Nacht

1. KAPITEL

„Seit wann bist du auf dem Vampir-Trip?“, fragte Brooke und stöberte in Anas Bücherregal. „Tagebuch eines VampirsDer Kuss des schwarzen Engels … Oh, du hast auch Bis(s) zum Morgengrauen. Leihst du mir das mal?“

„Auf gar keinen Fall!“ Ana riss ihrer Freundin das Buch aus den Händen. „Ich weiß, wie deine Unibücher aussehen. Sie haben Eselsohren, Seiten fehlen, und an den Fettflecken sieht man, was du gegessen hast.“ Sorgfältig wischte sie über den Einband und stellte den Roman zurück an seinen Platz.

„Es ist doch nur ein Buch“, murmelte Brooke und ließ sich neben Lauren auf das Sofa fallen.

„Für dich mögen es nur Bücher sein“, meinte Ana, während sie mit den Fingern sanft über die Buchrücken strich. „Für mich haben sie eine viel größere Bedeutung. Sie sind so etwas wie meine persönliche Bibel.“

Lauren lachte. „Jetzt spinn nicht rum!“

„Ich spinne nicht!“, verteidigte Ana sich ärgerlich. „Jeder hat etwas, das ihm viel bedeutet. Du müsstest das am besten wissen. Schließlich bist du seit Jahren Fan der Vermont Frost Heaves. Du hast kein einziges Spiel deiner Lieblingsmannschaft versäumt. Und du hast den ganzen Schrank voller Fan-Shirts.“

„Das ist was anderes“, entgegnete Lauren ausweichend und blies sich eine dunkelbraune Haarsträhne aus der Stirn.

„Wieso?“, hakte Ana nach.

„Na weil …“ Lauren hob die Hand und ließ sie wieder sinken. „… weil Basketball real ist. Echte Spieler kämpfen um den Sieg. Und echte Fans fiebern mit. Deine Vampirgeschichten sind …“

„Humbug“, beendete Ty den Satz. Er lag auf Anas Bett und blätterte gelangweilt in einem Lifestyle-Magazin. Jetzt schlug er die Zeitschrift zu, drehte sich auf den Rücken und grinste Ana an. „Nun komm schon, Ana. Vampire, Dämonen, Engel … alles Quatsch! Irgendwelche Schriftsteller haben sich hingesetzt, ihre Fantasie spielen lassen, und herausgekommen sind diese Romane. Sie sind ja vielleicht unterhaltsam, spannend und sogar gruselig. Aber das ist alles Erfindung, mehr nicht.“

„Sagt wer?“ Ana verschränkte die Arme vor der Brust und sah Ty herausfordernd an.

„Willst du etwa behaupten, du glaubst an Vampire und Co.?“ Brooke starrte Ana ungläubig an.

Ana presste die Lippen aufeinander. Sie hätte sich gar nicht erst auf eine Diskussion darüber einlassen sollen. Es war völlig klar, dass ihre Freunde sich nicht für Literatur interessierten.

„Nun sag schon“, forschte Ty nach. „Glaubst du an Vampire?“

„Ja!“ Ana musterte ihren Exfreund herausfordernd. Sie zog Der Kuss des schwarzen Engels aus dem Regal und pochte mit dem Zeigefinger auf das Buch. „Hier drin wird eine wahre Begebenheit geschildert, zumindest spielt alles hier in Burlington.“

Lauren, Brooke und Ty sahen einander vielsagend an und bemühten sich offensichtlich, nicht zu lachen. Ana seufzte.

„Nun hört Ana wenigstens zu, ohne euch über sie lustig zu machen“, mischte Dillon sich ein, der an Anas Schreibtisch saß und bisher kein Wort gesagt hatte. „Ihr findet es auch nicht witzig, wenn eure Freunde euch nicht ernst nehmen. Außerdem kenne ich die Geschichte nicht und will wissen, was ein schwarzer Engel im verschlafenen Burlington zu suchen hat.“

Die drei anderen schwiegen betreten.

Dankbar lächelte Ana Dillon an. „Also, das Buch handelt von Mina und dem schwarzen Engel Bill“, erzählte sie. Sie liebte die Geschichte, befürchtete aber, dass die anderen ihr nicht zuhörten, wenn sie zu viel Begeisterung zeigte. „Bill beschützt Mina vor Belior, das ist ein Dämon, der allerdings wie ein Mensch aussehen kann. Minas Vater hatte Jahre zuvor herausgefunden, dass Belior ein Dämon ist, und musste dafür mit dem Leben bezahlen. Dann ist der Dämon zurückgekommen und wollte Mina umbringen. Aber der schwarze Engel tötet ihn und rettet sie. Mina und Bill verlieben sich ineinander und …“

„… leben seitdem hier um die Ecke und führen eine Imbissbude“, fiel Ty ihr ins Wort.

Lauren und Brooke brachen in schallendes Gelächter aus. Auch Dillon konnte sein Grinsen nicht verbergen.

„Ein schwarzer Engel am Burger-Grill! Was für eine Vorstellung!“ Lauren prustete.

„Und der Name der Grillstube ist ‚Höllenfeuer‘“, rief Brooke kichernd.

„Ihr seid echt bescheuert!“, rief Ana gekränkt und spürte, dass sie rot geworden war.

Wir sind bescheuert?“, wiederholte Ty. „Ana, nichts für ungut. Aber du glaubst an diesen Schwachsinn.“

„Es ist kein Schwachsinn! Es steht hier schwarz auf weiß!“ Ana hielt ihm den Roman vor die Nase. „Mina Morgan hat ihre und Bills Geschichte selbst niedergeschrieben.“ Sie deutete auf den Namen der Autorin.

„Pah! Das heißt nichts!“, meinte Ty. „Jeder beliebige Schriftsteller kann behaupten, er wäre Mina Morgan. Niemand kann das Gegenteil beweisen. Aber die Behauptung, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, ist doch nur für die Verkaufszahlen gut.“

„Und wo sind Mina und Bill jetzt?“ Lauren sah Ana fragend an. „Wenn das alles in Burlington passiert ist, müssen die beiden noch hier leben, oder nicht? Ich habe noch nie von ihnen gehört. Ihr?“ Sie sah in die Runde.

Dillon und Ty schüttelten den Kopf.

„Mina hat im ‚Mokka‘ gejobbt.“ Ana hob das Kinn.

„Der Coffeeshop an der Uni?“, hakte Lauren nach. „Das hilft uns nicht weiter. Der Laden ist vor einem Jahr abgerissen worden.“

„Ich habe an der Universität schon mal von einem Bill und einer Mina gehört“, meinte Brooke nachdenklich. „Es war auch die Rede von Dämonen und schwarzen Engeln. Aber die Leute, die darüber geredet haben, waren Gruftis und Esoteriker. Die kann ich nicht für voll nehmen.“

„Wann soll die Dämonenjagd denn stattgefunden haben? Vor zehn Jahren?“ Ty setzte sich auf.

„Nein. Es ist etwa drei Jahre her“, erklärte Ana. „Das Buch ist kurz danach erschienen.“

„Welcher Verlag?“ Dillon nahm ihr den Roman aus der Hand. „Aha, es ist im Selbstverlag erschienen. Das heißt: Jemand hat die Exemplare zu Hause auf seinem Drucker ausgedruckt, binden lassen und verkauft. Wo hast du es her?“

„Vom Flohmarkt“, antwortete Ana kleinlaut und fügte in einem letzten Versuch, ihre Freunde zu überzeugen, hinzu: „Das alles spielt im Luna Park und an unserer Universität. Das Grab des Pfarrers ist auf unserem Friedhof. Und Minas Haus gibt es wirklich. Es liegt in der Orchard Terrace und steht inzwischen leer. Deshalb denke ich, dass Mina und Bill nicht mehr in Burlington leben. Warum sollten sie auch? Wenn alle ihnen so wenig Glauben schenken wie ihr mir, ist es besser, dass sie weggegangen sind.“

„Nun sei nicht gleich eingeschnappt.“ Dillon legte ihr den Arm um die Schulter. „Wir sind nun mal keine Vampir-Fans wie du. Für mich klingt Bills Geschichte nach einer Großstadtlegende.“

„Du meinst wie diese Anekdote von der hochgiftigen Spinne, die versteckt in einer Yucca-Palme aus Mexiko eingeführt wurde, und hier unzählige Leute gestochen und ihre Eier unter deren Haut abgelegt hat.“

„Iiiihhh! Was ist das denn für eine Ekelstory!“ Brooke boxte Ty gegen den Oberschenkel.

„Was hat denn eine Spinne mit einem schwarzen Engel zu tun?“ Lauren zuckte die Schultern.

„Nichts“, erwiderte Dillon. „Aber das Märchen vom schwarzen Engel passt zu all den unzähligen erfundenen Geschichten, die einem Angst machen sollen.“

„Aber Bills und Minas Geschichte hat ein gutes Ende“, warf Ana ein.

„Mag sein. Trotzdem können wir alle doch wohl auf die Begegnung mit einem Dämon gut verzichten“, sagte Brooke und stand auf. „Ich fahr los und hol ein paar DVDs. Worauf habt ihr Lust? Dracula?“

Die anderen lachten. Und jetzt musste sogar Ana grinsen, obwohl sie immer noch enttäuscht war, weil ihre Freunde sie offenbar für ein bisschen verrückt hielten.

„Ich komme mit“, sagte Ty. „Bevor du uns mit Blutsaugerhorror überschüttest.“

Nachdem er vom Bett aufgesprungen war, flüsterte er Ana zu: „Sei nicht wütend auf mich. Ich wollte dich nicht ärgern. Ich glaube eben nicht an die Dark Side. Und ich weiß, ich war nicht der beste Freund. Aber bevor du dich in Fantasy-Gestalten wie Vampire und schwarze Engel verliebst, such dir einen netten Typen aus Fleisch und Blut.“

„Klar! Ich bin ja nicht komplett durchgedreht.“ Ana lachte, um zu überspielen, dass Ty ins Schwarze getroffen hatte. Denn sie wünschte sich insgeheim nichts mehr, als ihren Seelenverwandten zu finden … so wie Mina Bill gefunden hatte.

2. KAPITEL

„Hallo, Mister Morgan. Ich habe Ihnen was mitgebracht.“ Ana legte eine weiße Lilie auf das Grab von Minas Vater und setzte sich neben dem Marmorgrabstein ins Gras.

Inzwischen kam sie mindestens einmal die Woche hierher, entsorgte die welken Blumen und putzte den Marmor. Als Ana das Grab zum ersten Mal besucht hatte, war es ziemlich vernachlässigt gewesen. Einerseits hatte Ana sich gefühlt, als würde sie in die Privatsphäre eines anderen eindringen. Doch auch nach Wochen hatte sich niemand um das Grab gekümmert. Und andererseits fühlte Ana sich Mina und deren Geschichte näher, wenn sie hier war.

Leider sah es ganz danach aus, dass Mina die Stadt verlassen hatte – oder ihr womöglich etwas zugestoßen war. Was Ana nicht hoffte. Denn obwohl sie Mina nur aus dem Roman kannte, war sie für Ana eine Freundin. Dass die Liebesgeschichte von Mina und Bill erfunden sein könnte, war natürlich möglich. Dennoch spürte sich Ana ihnen irgendwie verbunden. Tief in sich wusste sie, dass sie das nicht ignorieren konnte.

Ihren Freunden hatte Ana verschwiegen, dass die Grabstelle des Pfarrers für sie zu einer Art Pilgerstätte geworden war. Ana wagte genauso wenig, ihnen zu gestehen, dass sie manchmal durch eins der zerschlagenen Fenster in Minas Haus kletterte und zwischen den von randalierenden Teenagern zerstörten Möbelstücken und von Obdachlosen durchwühlten Sachen nach Hinweisen auf Mina und Bill suchte. Aus demselben Grund ging sie regelmäßig in den Luna Park.

Sicher müsste es für andere aussehen, als hätte ihre Faszination für schwarze Engel, Vampire und Dämonen extreme Züge angenommen. Aber Ana hatte Ähnlichkeiten zwischen sich und Mina entdeckt.

Es hatte damit angefangen, dass Ana nach der Highschool unbedingt an der Universität in Burlington hatte studieren wollte, um Lehrerin zu werden. Mit ihrem Abschlusszeugnis hätte sie unter den Eliteunis des Landes frei wählen können. Doch Burlington ließ sie nicht los. Es war, als müsste sie hier leben, als müsste sich hier ihr Schicksal erfüllen.

Wie dieses Schicksal aussehen sollte, davon hatte Ana keine Ahnung. Schließlich war sie keine Hellseherin. Obwohl … Als sie den Roman Der Kuss des schwarzen Engels auf dem Flohmarktstand entdeckt hatte, war ihr sofort klar gewesen, er würde ihr Leben verändern. Und seit sie ihn gelesen hatte, sah sie wie Mina Zeichen. Manchmal waren es einzelne Buchstaben auf Werbeplakaten, Schildern oder Schriftzügen, die hervorzutreten schienen, wenn Ana vorbeiging. Oder sie fühlte sich plötzlich beobachtet. Allerdings nur, wenn sie den Luna Park, Minas Haus oder das Grab des Pfarrers besuchte. Zwar hatte Ana niemanden gesehen. Aber die Präsenz eines anderen hatte sie jedes Mal körperlich gespürt. Diese neuen Wahrnehmungen jagten ihr Angst ein, weil sie nicht wusste, wie sie mit den Veränderungen umgehen sollte. Dennoch kehrte sie immer wieder an die Schauplätze aus dem Roman zurück. Sie konnte einfach nicht anders.

Vielleicht lag es auch an dem seltsamen Traum, der sie seit ein paar Wochen fast jede Nacht heimsuchte. Darin begegnete sie vor dem Spukhaus im Luna Park einem geheimnisvollen, gut aussehenden, schwarz gekleideten Jungen um die zwanzig. Er lächelte nie, sondern starrte sie mit seinen hellgrünen Augen unverwandt an und redete eindringlich auf sie ein. Doch jedes Mal, wenn Ana aufwachte, hatte sie seine Worte vergessen.

Seufzend stand sie auf und klopfte sich das Gras vom Rock. Sie sah zum Himmel hoch. Die Sonne versank in einem satten Orange am Horizont. In spätestens einer Stunde würde es dunkel sein. Wenn sie ihren Spaziergang zum Luna Park unternehmen wollte, musste Ana sich beeilen. Denn nachts war es ihr auf dem verlassenen Jahrmarkt zu unheimlich, obwohl seit Frühlingsbeginn viele Liebespaare dort waren und Cliquen dort Partys veranstalteten. Aber es gab oft Ärger. Die Anwohner beschwerten sich wegen des Lärms und riefen nicht selten die Polizei.

Als sie den Luna Park erreichte, verfärbte der Himmel sich bereits nachtblau. Ana stieß das rostige Tor zu dem Vergnügungspark auf. Zu ihrer Überraschung war sie allein. Vielleicht hatten sich die jugendlichen Besucher von dem in den Nachrichten angekündigten Gewitter abschrecken lassen?

Ihr Instinkt riet ihr, nach Hause zu gehen. Nur wenige Straßenlaternen beleuchteten die Parkwege. Und die Bäume, Sträucher und Fahrgeschäfte hier boten ideale Verstecke …

Nun stell dich nicht an, redete Ana sich zu. Du bist nicht in New York, sondern in Burlington. In der 39000-Seelen-Gemeinde sorgte bereits ein Fahrraddiebstahl für Schlagzeilen. Schlimmeres war seit Jahrzehnten nicht geschehen … bis auf die Tatsache, dass Pfarrer Morgan von einem Dämon getötet worden war. Aber davon hatte die Öffentlichkeit nie Notiz genommen. In den Zeitungen war lediglich von einem Unfall die Rede gewesen.

Natürlich, überlegte Ana. Für meine Freunde und wahrscheinlich auch die meisten anderen Menschen existiert Übernatürliches nur in der Fantasie. Was es nicht geben soll, gibt es auch nicht.

Sie dachte an ihren unsichtbaren Verfolger. Konnte er ein Dämon sein? Wenn ja, sollte sie lieber umkehren, statt tiefer in den Park zu gehen.

Ana schüttelte den Kopf. Dass ausgerechnet ihr ein Abgesandter des Satans auflauern sollte, war doch extrem unwahrscheinlich. Sosehr sie sich auch mit Mina identifizierte, weder Ana noch ihre verstorbenen Eltern hatten in irgendeiner Weise Kontakt zu Schattenwesen gehabt.

Sie horchte in sich hinein. Sie spürte die Anwesenheit ihres Verfolgers nicht. Na also, dachte Ana, atmete tief ein und betrat den Vergnügungspark. Sie schlug den Weg zur Geisterbahn ein.

Bei jedem Schritt lauschte sie auf die Geräusche im Park. Der Abendwind rauschte in den Bäumen. Sonst regte sich nichts, nur der dunkle Weg lag vor ihr. Um sich zu beweisen, dass sie keine Angst haben musste, ging Ana mutig weiter. Sie sah nach rechts und links. Das Riesenrad ragte wie ein gigantisches Stahlskelett neben ihr auf. Die Gondeln knarzten leise. Auf der gegenüberliegenden Seite sah sie die im Sprung erstarrten Holzpferde eines historischen Karussells, die sie zu beobachten schienen.

Normalerweise liebte Ana den Anblick der altmodischen Jahrmarktbauten. Aber an diesem Abend wirkten sie bedrohlich auf sie. Ihr hämmerte das Herz in der Brust, und sie musste sich zwingen weiterzugehen. In knapp dreißig Metern Entfernung war die Geisterbahn. Ana kniff die Augen zusammen. Ob dort womöglich der Junge aus ihrem Traum wartete?

Da hörte sie im Gebüsch am Wegrand ein Rascheln. Sie blieb wie versteinert stehen und sah sich panisch um.

Ein Hase oder eine Ratte, versuchte sie sich zu beruhigen.

Doch im nächsten Moment verspürte sie einen eiskalten Hauch und wusste, dass sie beobachtet wurde. Ihr wurde kalt, und sie bekam eine Gänsehaut.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und eilte zum Ausgang des Luna Parks. Innerlich schalt sie sich für ihre Schwachsinnsaktion, abends auf das Gelände gegangen zu sein.

Da hörte sie im Unterholz in der Nähe das Knacken von Zweigen. Jemand schien neben ihr herzulaufen. Die Schritte waren so laut, dass es sich unmöglich um einen Hasen oder eine Ratte handeln konnte. Das Tier – wenn es überhaupt eins war – musste größer, sehr viel größer sein.

Ana erster Gedanke war Flucht. Aber sobald sie losrannte, weckte sie in dem, was auch immer sie belauerte, womöglich den Jagdinstinkt – und dann hatte sie ein richtiges Problem. Wenn sie hingegen selbstbewusst und furchtlos auftrat, schüchterte sie ihren Verfolger vielleicht ein. Ja, das war eine gute Idee. Ana zwang sich, stehen zu bleiben, und schaute in das Gebüsch. Ein Paar leuchtend gelber Augen starrte zurück.

Sie verlor die Fassung und alle guten Ratschläge, die ihr Lehrer und Freunde für solche Albtraumsituationen gegeben hatten, waren wie aus ihrem Gehirn gelöscht. Sie schrie und rannte los.

Hinter sich hörte sie den keuchenden Atem des Jägers. Wer oder was in Gottes Namen verfolgte sie? Sie drehte sich um. Da schoss ein schwarzer Schatten auf sie zu, packte sie bei den Schultern, zerrte sie vom Weg und schleuderte sie hinter ein Kinderkarussell. Es war ein Mann. Er warf sich auf sie. Sein muskulöser Körper presste sie auf die weiche Erde. Seine starken Arme hielten sie fest umschlungen. Seine rechte Hand legte sich auf ihren Mund.

Ana glaubte zu ersticken. Sie wehrte sich und versuchte, um Hilfe zu schreien. Doch sie wusste, dass sie keine Chance hatte. Er war viel stärker als sie.

Ich werde sterben, dachte Ana. Doch die Vorstellung erschien ihr völlig irreal. Eben noch ging sie über den Jahrmarkt, und im nächsten Moment sollte sie tot sein? NEIN! Niemals!

Sie spannte die Muskeln an und trat mit voller Wucht zu. Kurz darauf stöhnte ihr Peiniger auf und lockerte für den Bruchteil einer Sekunde seinen Griff. Ana biss ihm in die Hand und boxte sich frei. Sie fuhr herum, um ihm das Gesicht zu zerkratzen. Da erkannte sie in ihrem Angreifer den Jungen aus ihrem Traum.

„Du?“, fragte sie erschrocken.

„Pst!“, zischte er und legte einen schlanken Finger auf seine Lippen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, packte er sie erneut bei den Schultern und drückte sie zu Boden.

Ana wollte ihn trotz seiner Warnung beschimpfen. Doch dann hörte sie ein dumpfes Schnaufen. Es klang wie das Grollen eines gewaltigen Tieres. Angsterfüllt sah sie sich um. In der Finsternis erkannte sie die Umrisse eines gigantischen Wesens. Sie konnte nicht erkennen, ob es sich um einen Menschen oder ein Tier handelte. Aber seine Laute klangen so furchterregend, wie Ana sie sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht schrecklicher hätte ausmalen können. Das Geschöpf wandte seinen mächtigen Kopf nach rechts und links. Es war auf der Suche – nach ihr!

Als ihr dämmerte, dass dort ihr wahrer Verfolger stand, wollte sie vor Entsetzen losschreien. Doch der Junge hielt ihr den Mund zu und schüttelte wütend den Kopf. Ana zitterte vor Angst und schämte sich gleichzeitig dafür. Ihre Schreie hätten sie beide das Leben kosten können.

Sie wagte nicht mehr, nach dem Monster zu sehen. Stattdessen schloss sie die Augen und rutschte schutzsuchend zu dem Jungen. Was ging hier vor? Wer war dieses Wesen? Was wollte es von ihr? Und wieso half ihr ausgerechnet der Typ aus ihren Träumen? War es Vorsehung?

Eine halbe Ewigkeit schien vergangen zu sein, als er ihre Schulter berührte und sagte: „Er ist weg.“

Ana hob vorsichtig den Kopf und sah sich um. Die Horrorgestalt war tatsächlich verschwunden. „Dan…ke“, stammelte sie. „Ich glaube … du hast mir … das Leben gerettet. Wie kann ich … das jemals wiedergutmachen?“

„Gar nicht“, entgegnete er und stand auf. Er strich sich durch sein dunkles Haar und sah Ana genauso ernst an, wie sie es aus ihren Träumen kannte. Seine stille, abweisende Art machte sie unsicher.

„Ich bin übrigens Ana.“ Sie reichte ihm die Hand. Er ergriff sie nicht.

„Tiago“, antwortete er missmutig.

Ana biss sich verlegen auf die Unterlippe. Vermutlich war er wütend auf sie, weil sie durch ihren halben Schreianfall fast diesen entsetzlichen Kerl auf sie beide aufmerksam gemacht hätte. „Ähm … Das war ja ein glücklicher … ähm … Zufall, dass du ausgerechnet heute Abend im Luna Park bist. Ähm … was machst du hier?“ Ana traute sich nicht ihn zu fragen, ob er sich ihretwegen hier aufhielt.

„Meine Zeit verschwenden.“

Wow! Ana sah ihn gekränkt an. So konnte man es natürlich auch nennen, wenn man gerade ein Mädchen gerettet hatte. Dieser Kerl ist ja extrem charmant, dachte sie ironisch.

„Hast du eine Ahnung, wer oder was das war? Vielleicht ein kostümierter Typ, ein seltenes Tier oder … etwas anderes?“

Tiago beantwortete ihre Frage nicht. Stattdessen packte er Ana unsanft am Arm und zog sie mit sich. „Ich bringe dich zum Ausgang.“

Schweigend liefen sie nebeneinander zum Tor. Ana war nach dem grauenhaften Vorfall völlig durcheinander. Außerdem verstand sie nicht, warum Tiago sich so unfreundlich benahm.

„Wieso sprichst du nicht mit mir?“, fragte sie schließlich entrüstet. „Was ist dein Problem?“

„Du bist mein Problem“, antwortete er barsch.

Seine Antwort traf Ana. Nach ihren Träumen hatte sie geglaubt, sobald sie ihm begegnete, ein großes, aufregendes Geheimnis zu erfahren. Und jetzt behandelte er sie, als könnte er sie nicht schnell genug loswerden. „Ich? Aber wieso?“

„Jetzt hör mir mal gut zu!“ Tiago baute sich vor Ana auf. Er war zwei Köpfe größer als sie, breitschultrig und muskulös. Seine finstere Miene schüchterte sie ein. „Du kommst nie wieder in den Luna Park und betrittst unter keinen Umständen die Geisterbahn. Hast du mich verstanden?“

„Was?!“ Ana sah ihn fassungslos an. „Das kommt überhaupt nicht infrage! Ich lasse mir von dir nichts verbieten.“ Ärgerlich verschränkte sie die Arme vor der Brust. Was bildete er sich ein, so mit ihr zu reden?

„Keine Widerworte!“, fuhr er sie an und packte sie fest am Arm.

„Au! Du tust mir weh!“ Ana versuchte, sich loszureißen. Doch sie kam gegen ihn nicht an. „Sag mir, worum es wirklich geht! Kennst du die Geschichte von Mina Morgan und Bill? Leben sie in Burlington? Hat dieser Monstertyp etwas mit ihnen zu tun? Stammt er aus der Schattenwelt? Nun sag schon! Du bist mir im Traum begegnet … hier, im Luna Park. Du hast eindringlich auf mich eingeredet, aber …“

„Offensichtlich hast du mir nicht zugehört“, unterbrach Tiago ihren Redefluss und zog sie weiter mit sich. „Ich habe dir tausendmal gesagt, dass du dich von diesem Ort fernhalten sollst!“

Ein lautes Donnern ertönte. Ana blickte zu den pechschwarzen Wolken auf. Es würde jeden Augenblick anfangen zu regnen.

„Du weißt, dass ich von dir geträumt habe? Dann hast du auf der Traumebene bewusst mit mir Kontakt aufgenommen. Wie geht das? Wer bist du?! Bitte, verrat es mir!

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