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Eine Sommerliebe am Gardasee

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. Epilog
  26. Danksagung

Über dieses Buch

Die 33-jährige Mailänderin Bianca ist Architektin aus Leidenschaft. Doch weil Jobs rar sind, nimmt sie ein Angebot als Immobilienagentin auf dem Land an. Die Bewohner des kleinen Dorfs nehmen sie herzlich auf, hier hilft jeder jedem. Schon bald lernt Bianca auch den kühl distanzierten Ingenieur Andrea Sanna kennen, den eine geheimnisvolle Aura umweht. Doch geheimnisvoll ist nicht nur sein Wesen, sondern auch die Geschichte um seine Familie und sein traumschönes Anwesen am Gardasee …

Über die Autorin

Virginia Bramati lebt und arbeitet als freie Autorin in Mailand. Eine Sommerliebe am Gardasee ist ihr erster auf Deutsch erschienener Roman.

VIRGINIA BRAMATI

Eine

Sommer
liebe

am Gardasee

ROMAN

Aus dem Italienischen von
Elisa Harnischmacher

Oh, das Wunder des heimatlichen Hauses besteht nicht in Schutz und Wärme, auch nicht im Stolz des Besitzes. Seinen wahren Wert erhält es dadurch, dass es lange und beständig einen Vorrat von Beglückung aufspeichert …

Antoine de Saint-Exupéry, Wind, Sand und Sterne

Schon immer wollte ich Architektin werden.

Auch wenn es anfangs wohl eher um die kindliche Begeisterung des »Häuserbauens« ging.

Einfach alles am Bauwesen faszinierte mich, und in meinem heißgeliebten Opa mütterlicherseits, einem Vermessungsingenieur, fand ich meinen Komplizen. Stolz führte er mich in sein Universum ein und nahm mich begeistert zu allen möglichen Baustellen mit (wovon meine Mutter natürlich nichts wusste).

Infolge dieser ungewöhnlichen Erziehung wünschte ich mir mit fünf Jahren eine Markierschnur, die ich auch bekam, und markierte fortan alles rot.

Mit sechs lieferte ich einen Grundriss ab, als wir in der Schule ein Haus malen sollten. Es war ein kindlicher, unvollständiger, ungenauer Grundriss, aber ein Grundriss.

Mit sieben beantwortete ich die Frage, was ich denn einmal werden wolle, überzeugt mit »Maurer«, was meine Großtanten zum Lachen brachte, bei meinen noch den alten Rollenbildern verhafteten Lehrerinnen jedoch auf befremdete Ablehnung stieß. (Davon, dass bei uns zu Hause alles in Ordnung war, überzeugte sie dann meine Zwillingsschwester, denn sie antwortete arglos und viel passender: »Ich werde mal Ballerina mit Tutu.«)

Mit acht waren mir Begriffe wie »Fundamentplatte« und »Pfahlgründung« völlig vertraut, und ich träumte davon, einen Bauleiter zu heiraten, der zweifellos alles an einem Mann Wünschenswerte in sich vereinte: natürliche Autorität, Charisma, Verantwortung und Kompetenz im Umgang mit Silikon.

Und während Eugenia ihren Berufswunsch von Ballerina zu Hostess änderte (die Dressurphase von My Little Pony mal außen vor gelassen), um schlussendlich bei Jura zu landen, ließ ich mich nicht davon abbringen.

Und wurde Architektin.

1

Nähe Piazza Gae Aulenti. Exklusive Gewerbefläche, 1000 m² auf zwei Stockwerken. Außergewöhnlicher Empfangsbereich

Ich sehe in einem Kran etwas zutiefst Poetisches.

Das so massive und doch luftige Gerüst, die alles überragende Silhouette, die makellose, elegante Dynamik, das alles erinnert an den Vogel Kranich, seinen ursprünglichen Namensgeber. Dieser hier trägt auch noch die fröhlichen Farben Gelb und Rot. Aber wir bauen ihn gerade ab, was mich ein wenig traurig stimmt. Eine Baustelle abzuschließen hat immer etwas Bedrückendes.

Etwas ist vollendet, das als jemandes Traum begann, ein Traum, der dir anvertraut wurde, und du hast dich seiner angenommen, hast ihn erst in ein Projekt und dann in ein Gebäude verwandelt. Zweifellos ist es jetzt befriedigend, das fertige Ergebnis zu sehen, doch der interessanteste Teil, die Konstruktion, die »Reise« sozusagen, ist abgeschlossen.

Jede dieser Schaffensphasen ist faszinierend. Der geologische Bericht, die Präsentation des Renderings (unbezahlbar ist ein Blick in die Gesichter der Auftraggeber!), die Baugrube und schließlich der Arbeitsbeginn. Ich liebe meine Arbeit. Sie ist mein Leben.

Ich mag den Baulärm, das Stimmengewirr, die außergewöhnliche Gewandtheit der Maurer auf dem Baugerüst, und jedes Mal ist es fantastisch mitzuerleben, wie Menschen verschiedenster Nationalitäten, Muttersprachen und Religionen einander verstehen, zusammenarbeiten, es gemeinsam mit jeder Wetterlage und den etwa tausend anderen Widrigkeiten einer Baustelle aufnehmen.

Sicher, es ist nicht immer einfach, so als Frau in einer Männerwelt.

Sprüche wie den Klassiker, wie viel Spucke noch an den Mörtel kommt, oder auch, wie »hart« der Zement sein muss, gab es anfangs zuhauf, aber indem ich mich, trotz aller Mühen meiner männlichen Kollegen, partout nicht verunsichern ließ, hörten sie irgendwann damit auf.

Ich habe mir Respekt verschafft, indem ich wie alle anderen im Morgengrauen auf der Baustelle ankam, meine Arbeit peinlich genau nahm, Entwürfe und Installationen sorgfältigst prüfte und die Fertigstellung bis ins kleinste Detail pingelig kontrollierte. In den wichtigsten Momenten war ich immer da – angefangen beim Aufstellen der Baugerüste, bis schließlich der Beton gegossen wurde. Langsam habe ich so das Vertrauen dieser Männer gewonnen, und gegenseitiger Respekt ist an die Stelle der Sticheleien getreten. Wenn sie mich heute »Architetto« nennen, dann tun sie es ohne jeglichen Anflug von Spott.

Nun sind wir alle hier zum Abschiedsumtrunk versammelt, und ich gehöre so selbstverständlich zum Team, dass keiner mehr auf Kraftausdrücke oder Ähnliches achtet, was ich wirklich bedauerlich finde. Aber das würde ich nie zugeben.

Bevor das Ganze hier noch ausartet, verabschiede ich mich. Es ist schon spät, und ich werde im Büro erwartet. Alle stoßen noch einmal zum Abschied auf mich an: »Auf unsere schöne Architektin!«, was mich, zugegebenermaßen, wirklich rührt. Schließlich mache ich mich auf den Weg, und zurück bleiben die Leute, die dreizehn Monate lang fast wie eine Familie für mich waren.

»Architetto, Architetto Maffei!«

Ich drehe mich um und lächle erfreut, als ich Vittorio Locatelli sehe.

»Ich wollte mich noch verabschieden, Architetto. Danke für alles und bis zur nächsten Baustelle!« Braun gebrannt und muskelbepackt wie er ist, mit dem starken Akzent seiner Heimatstadt Bergamo, entspricht er genau dem klassischen Bild des lombardischen Bauleiters.

»Danke Ihnen, Locatelli, und hoffen wir mal, dass alles gut läuft! Momentan haben wir nicht wirklich viel in Aussicht, na ja, die ein oder andere Renovierung, eine Nutzungsänderung … Wird schon.«

Er schüttelt den Kopf.

»Diese Krise will einfach nicht mehr aufhören! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele von den Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten, schließen oder ihr Personal haben abbauen müssen.«

»Noch sind wir da. Wir sind ja so etwas wie eine Institution; so schnell passiert uns nichts.« Mit dieser tröstlichen Aussage verabschiede ich mich und mache mich auf den Weg zum Architekturbüro Mattavelli & Tortora, wo ich mittlerweile seit zehn Jahren arbeite.

Mat, wie wir ihn hinter seinem Rücken alle nennen, will mich sprechen. Und ich weiß auch, warum.

Irene (mittlerweile meine Kollegin, aber wir saßen schon in der Uni zusammen) und ich haben bei Piergiorgio Mattavelli, unserem Professor, die Doktorarbeit geschrieben, und dann hat er uns ein Praktikum in seinem Büro ermöglicht. Unbezahlt, doch nach sechs Monaten sprang eine freie Mitarbeit für uns beide heraus und schlussendlich eine Anstellung, zwar befristet, aber immerhin.

Dann ging es einmal durch die komplette Hierarchie, vom Praktikum übers Backoffice bis zum eigenen Projekt. Alles in allem kann ich heute, mit dreiunddreißig, zehn Jahre nach meiner Doktorarbeit, wirklich zufrieden sein.

Und in fünfzehn Tagen läuft mein Vertrag aus.

Aber ich bin ziemlich entspannt; wir stagnieren momentan zwar ein wenig, nehmen jedoch sowohl in Italien als auch im Ausland an zahlreichen Ausschreibungen teil und sehen zuversichtlich in die Zukunft. Erst vor Kurzem haben wir neue Räumlichkeiten bezogen. Zwei Stockwerke in einem gläsernen Wolkenkratzer im superangesagten Viertel Porta Nuova, natürlich mit Blick auf die Piazza Gae Aulenti. Der Bezug dieser tausend Quadratmeter ist ein wichtiger Schritt, der für die Beständigkeit des Büros spricht.

Im Aufzug, der in Geschwindigkeit und aus der Nähe auch in Form an eine Raumkapsel erinnert, fällt mir auf, dass ich immer noch meine Sicherheitsschuhe trage und meine Sneakers im Auto liegen gelassen habe. Ich hoffe, daran wird Mat keinen Anstoß nehmen. Schließlich komme ich gerade von einer Baustelle. Und ich habe wirklich keine Lust, noch einmal nach unten zu fahren. Ich leide an Klaustrophobie, und es ist für alle besser, wenn ich so wenig Zeit wie möglich in geschlossenen Räumen verbringe.

Der Aufzug öffnet sich, gibt die Sicht frei auf gleißendes Licht, weiß geöltes Holz und die mattierte Glastür zur Chefetage.

In der Mitte der Eingangshalle steht auf einem hölzernen, sich drehenden Podest der sagenumwobene Fiat 500, mit dem Architetto Mattavelli eines Nachts von Mailand nach Paris fuhr, um an seiner ersten Ausschreibung teilzunehmen. Seine futuristische Bibliothek in der Banlieue hat ihn international bekannt gemacht, und der Fiat 500 wurde sein Talisman. Jahrelang ist Mat mit diesem winzigen Auto erschienen, wenn die Umschläge geöffnet wurden.

Wenigstens erzählt man es sich so.

Ehrlich gesagt kann ich mir nur schwer vorstellen, wie Mattavelli seine in schwarzes Edelkaschmir gekleideten zweihundertvier Zentimeter freiwillig in diesen 500 aus den Siebzigern quetscht.

Irene wartet an ihrem Schreibtisch. Klar. Ihr Vertrag läuft ja auch aus. Sie lächelt entspannt. Sollte es hier nicht mit dem Teufel zugehen, werden unsere Verträge ohne Weiteres verlängert, das wissen wir beide.

Aber ich kann nicht einmal zwei Worte mit ihr wechseln. »Piergiorgio wartet in seinem Büro, Bianca«, lässt sie mich sofort wissen.

Und auf direktem Weg geht es dorthin. Wir sind noch nicht richtig drinnen, als Mat auch schon loslegt: »Da sind Sie ja. Setzen Sie sich doch …« Er bricht ab, runzelt die Stirn und wirft einen Blick auf meine Schuhe. »Was haben Sie denn da an? Ziehen Sie die sofort aus, der Boden wird ja ganz schmutzig!«

Die Sicherheitsschuhe ausziehen? Aber meine normalen Schuhe sind im Auto.

»Und legen Sie diesen Helm ab!« Er deutet mit dem Kinn auf meinen heiß geliebten gelben Helm, den ich in den Händen halte.

Irritiert schüttelt er den Kopf. Als wäre ein Architekt mit Helm und Sicherheitsschuhen etwas vollkommen Absurdes. Ich sehe mich um. In diesem klinischen Büro, mit der topgestylten Irene, ihrem Designer-Outfit und ihren Zwölf-Zentimeter-Absätzen ist eine solche Aufmachung tatsächlich ein wenig absurd. Dies hier ist das »Denkarium«, und wer wie ich sein Leben auf Baustellen fristet, kommt selten her.

Ich ziehe also die Schuhe ein wenig umständlich aus und betrete das Büro, sehr vorsichtig, denn ich fürchte, mit meinen Strümpfen auf dem gebohnerten Boden auszurutschen.

Mat sitzt hinter seinem Schreibtisch, der aus wenigen, wie zufällig zusammengewürfelten weißen Holzplatten besteht, teilweise mit Blech verblendet, was auf denjenigen, der ihm gegenübersitzt, extrem abweisend wirkt. Eigentlich hatte ich schon immer den Verdacht, dass dies beabsichtigt ist.

An den Wänden hängen originale Reißbrett-Zeichnungen erfolgreicher alter Projekte des Büros.

Mit seiner nervigen bevormundenden Art, die er immer annimmt, wenn er mit einem von uns Mitarbeitern spricht, legt er die Hände zusammen und führt sie an den Mund. Dann sagt er: »Ich komme sofort zur Sache. Wie Sie wissen, sind die Zeiten gerade schwierig. Das Bauwesen stagniert, leider, und es ist noch keine Besserung in Sicht. Was die Aufträge betrifft, mit denen wir gerechnet haben … mit Sicherheit haben wir die noch nicht in der Tasche, außerdem ist März, und die Sache wird erst im September wieder aktuell. Im Hinblick auf die gesamtwirtschaftliche Lage und unsere Ausgaben für die neuen Räumlichkeiten – beachtliche Ausgaben, möchte ich hinzufügen – hat das Büro entschieden … also Architetto Tortora und ich haben uns entschieden, uns von einigen Mitarbeitern zu trennen und die befristeten Verträge mit den Leuten, die nicht absolut notwendig sind, nicht zu verlängern. Ich muss sagen, das ist uns alles andere als leichtgefallen …«

Das ist ein harter Schlag; einige Leute im Team schätze ich sehr, und es tut mir ziemlich leid für sie. Ich möchte hier niemanden seine Sachen packen sehen. Natürlich bedeutet es auch mehr Arbeit für die, die bleiben, alles in allem wird wohl die Hälfte des Personals entlassen.

»… Aufgrund dieser Überlegungen kann ich leider nur einer von Ihnen den Vertrag verlängern.«

Wie bitte?

»Entschuldigen Sie mal, Piergiorgio, was meinen Sie damit? Sie wollen eine von uns entlassen?«, frage ich, als ich mich vom ersten Schock erholt habe.

»Nein, wir entlassen hier niemanden, wir … verlängern den Vertrag nicht.«

Na dann.

»Für Sie ist das vielleicht ein Unterschied, aber für uns nicht«, bringe ich es auf den Punkt.

Er hebt hilflos die Arme. »Wenn ich könnte, würde ich das hier nicht machen, doch die anderen Architekten haben alle einen unbefristeten Vertrag. Mir sind die Hände gebunden … Sollte es in Zukunft eine andere Möglichkeit geben …«

Ich will ihm schon antworten, dass ich von diesem Gespräch hier alles Mögliche erwartet habe, nur das nicht, als Irene, aggressiver, als ich es von ihr kenne, Mattavelli ihre ganze Entrüstung entgegenschleudert: »Das ist ja wohl die Höhe. Das kann ich wirklich nicht glauben, dass wir beide …« Sie schüttelt den Kopf und funkelt ihn unheilvoll an. »Ich erinnere Sie hier mal an die vielen Projekte, die wir bestens abgeschlossen haben.« Das stimmt. Wir waren immer ein gutes Team; sie hat im Büro die Leistungsverzeichnisse gemacht und ich die Bauleitung. »Ich brauche ja wohl nicht noch extra zu sagen, dass ich hier alles erwartet hätte, nur nicht die Kündigung, vor allem nicht auf diese Art.«

Deutlicher ging es nicht.

Mit einem seltsamen Blick beugt er sich vor: »Sie haben hier gute Arbeit geleistet, das stimmt, doch Sie sind auch ordentlich dafür bezahlt worden. Und welche von Ihnen beiden auch immer gehen wird – die Erfahrung, in einem renommierten Büro an großen Projekten gearbeitet zu haben, wird sich bestens im Lebenslauf machen und eine große Hilfe sein … Sicher haben Sie beide viel für uns getan und zu unserem Erfolg beigetragen, aber auch wir für Sie. Sie hatten die Möglichkeit, berufliche Erfahrungen auf internationalem Gebiet zu sammeln. Als Kriterium bei der Entscheidung wird ausschließlich gelten, welches Profil besser zu unserer momentanen Lage passt. Das alles ist nichts Persönliches, wirklich.«

»Ordentlich bezahlt? Sie reden hier tatsächlich von Geld? Wo Sie doch gerade Unmengen davon hier reingesteckt haben? Nach allem, was ich gemacht habe, was wir gemacht haben? Und das soll ich nicht persönlich nehmen? Wie denn dann?« Genau, gibt es etwas Persönlicheres als eine Kündigung? Und das alles nur, weil sie sich in ihrem Größenwahn diese völlig übertriebenen Büroräume leisten mussten.

Ich schaue Irene an, die aussieht, als spränge sie ihm gleich ins Gesicht, und so langsam dämmert mir, wozu diese Blende um den Schreibtisch gut ist.

»Ich habe nicht vor, mit Ihnen über unsere Investition in diese Büroräume zu diskutieren. Ich verstehe, dass dies ein harter Schlag für Sie ist, ganz bestimmt. Aber unsere Entscheidung, nur eine von Ihnen beiden zu behalten, steht fest. Wenn ich Ihnen einen väterlichen Rat geben darf: Arbeiten Sie einfach weiter, wie Sie es bisher getan haben. Wenn ich … wenn wir uns entschieden haben, wer von Ihnen beiden die Glückliche ist, wenn man so sagen darf, teilen wir es Ihnen mit.«

Die Glückliche?!

Irene wirft ihm einen vernichtenden Blick zu, was ihm allerdings nichts auszumachen scheint, dann verlässt sie türschlagend den Raum, wobei sie ihm noch ziemlich genau erklärt, wohin er sich seine väterlichen Ratschläge stecken kann.

Ich gehe hinterher. Was soll ich auch sonst tun? Mit den Schuhen in der Hand. Irgendwie komme ich mir dämlich vor, und ziemlich verwirrt bin ich auch.

Irene lehnt an meinem Schreibtisch. Knallrotes Gesicht, verschränkte Arme, ihre Schuhspitze tippt nervös auf den Boden. Das Abbild der Wut. Persönlich hat sie das auf jeden Fall genommen.

Ich versuche, sie zu beruhigen: »Hör mal, Irene, das ist auch für mich ein harter Schlag, aber wir werden schon eine Lösung finden. Wir könnten doch beide halbtags arbeiten. Mit flexiblen Arbeitszeiten vielleicht. Wir machen noch woanders Jobs. Das kriegen wir schon hin.«

Doch sie antwortet nicht, wirft nur vernichtende Blicke in die Richtung von Mattavellis Büro. »Wenn ich dran denke …« Sie schüttelt den Kopf. »So ein Schwein! Fieses Schwein!« Ihre Stimme ist so laut, dass ihre ungnädige Meinung in aller Deutlichkeit durch seine geschlossene Tür zu hören sein wird. »Du verstehst das nicht … Das kann er nicht mit mir machen! Nein! Du hast keine Ahnung, was das für mich bedeutet.«

Diese Aussage ist völlig sinnlos (der in meinem Hirn sofort aktivierte Taschenrechner spuckt ausschließlich rote Zahlen aus; ich weiß sehr gut, was das für sie bedeutet), und das sollte ihr klar sein, deshalb sage ich nichts dazu.

»Okay, Mattavelli dürfte deinen Standpunkt mittlerweile auch mitgekriegt haben, doch jetzt lass uns nach Hause gehen. Es ist schon spät.«

Sie schaut mich an, als wüsste sie nicht, wer ich bin und was ich da rede. »Was? Ach so, ja, geh ruhig schon mal. Ich bleibe noch kurz hier und versuche, mich zu beruhigen.«

Ich werfe einen Blick zu Mattavellis Büro.

Sie weiß, was ich denke. »Mach dir keine Sorgen. Ich habe alles gesagt, was es zu sagen gibt.«

»Ich meine gar nicht unbedingt, was du ihm sagen willst, sondern eher, was du mit ihm machen willst.«

Sie zieht eine Grimasse, die wohl ein ironisches Lächeln sein soll. »Keine Sorge, ich werde ihn schon nicht umbringen, auch wenn ich große Lust dazu hätte.«

»Sicher? Ich kann auch auf dich warten.«

»Nein, nein, geh ruhig. Lass uns am Montag noch mal darüber reden, dann sehen wir weiter. Wir werden schon eine Lösung finden, wie du sagst. Mal sehen, was sich machen lässt«, gibt sie kurz zurück.

»Telefonieren wir später noch einmal?«

»Vielleicht.« Aber sie ist nicht bei der Sache.

»Gut, dann …« Zögernd mache ich mich auf den Weg.

Ich bin schon durch die Eingangshalle und habe gerade die Tür geöffnet, als ich merke, dass ich immer noch die Schuhe in der Hand habe, was mich an den auf dem Schreibtisch liegengelassenen Helm erinnert.

Schnell und leise gehe ich zurück. Zu leise.

Irene ist nicht mehr da, wo sie vorher war. Durch die angelehnte Tür von Piergiorgios Büro kommt kein Laut. Mein Herz setzt aus.

Den Helm unterm Arm, gehe ich vorsichtig zur Tür und fürchte mich vor dem, was ich sehen werde. Was ich dann beobachte (und höre), lähmt mich vollkommen, obgleich ich etwas völlig anderes erwartet habe.

Sie stehen sich gegenüber; und das alles könnte aussehen wie eine völlig zivile Auseinandersetzung, wenn sie sich nicht so absurd nahe wären und seine Hände nicht auf ihrer Bluse oder vielmehr in ihrer Bluse lägen.

Eindeutig.

Und von hier aus gesehen würde ich behaupten, dass es beiden gefällt. Sehr sogar.

Irgendwie kann ich mich loseisen und gehen. Ich bin außerstande, irgendetwas zu fühlen. Meine Emotionen sind wie vereist. Ich werde sie früh genug zu spüren bekommen, und damit umzugehen wird weder einfach noch angenehm.

Ein zweites Mal befinde ich mich in der Eingangshalle, aber bevor ich das Gebäude verlasse, werfe ich noch einen Blick auf den 500 und einen meiner Schuhe hinterher. Einen schweren Sicherheitsschuh mit Stahlkappe, der seine Aufgabe erfüllt und die Windschutzscheibe der Reliquie zerstört.

Unglaubliches Geräusch, als das Sicherheitsglas in tausend Scherben zerbirst.

Dann endlich gehe ich durch die Tür, um nie wieder zurückzukommen.

Denn ich vermute (wohl zu Recht), dass ich nicht die »Glückliche« sein werde.

2

Colonne di San Lorenzo, großzügige Einzimmerwohnung in historischem Gebäude mit privater Loggia, 50 m², Badezimmer mit Dusche und Vorraum

Obwohl es vier Uhr am Nachmittag ist, liege ich im Bett, den Blick an die Decke gerichtet, und denke über den Zusammenhang zwischen Identität und Arbeit nach. Wenn es stimmt, dass wir leben, um zu arbeiten, dann stimmt es auch, dass wir uns über unsere Arbeit definieren, und zwar nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene. Wenn wir jemanden kennenlernen, fragen wir: »Was arbeitest du?«, um die andere Person »gesellschaftlich einordnen« zu können. Aber die Antwort ist dann: »Ich bin Architekt/Lehrerin/Krankenschwester.« Denn ein Beruf gibt uns eine Identität. Punkt.

Brenzlig wird es, wenn die Arbeit wegfällt, denn dann droht eine Identitätskrise. Mir passiert das zumindest gerade. Drei Monate nachdem Mattavelli & Tortora meinen Vertrag nicht verlängert haben, habe ich nicht nur noch keine neue Arbeit gefunden, sondern befürchte so langsam, nie wieder eine zu finden. Und das ist kein übertriebener Pessimismus, das könnt ihr mir glauben.

Angefangen habe ich die Suche noch absolut positiv motiviert. Zuerst habe ich mich unter meinen Bekannten umgehört, wegen meiner Berufserfahrungen noch ganz zuversichtlich. Als ich aber keine ermutigenden Rückmeldungen bekam, schraubte ich meine Ansprüche zurück und bot mich für jeden x-beliebigen Job in Ingenieur- oder Architekturbüros an. Schließlich sprang ich über meinen Schatten und rief Vittorio Locatelli an, dem ich nicht das übliche »Ich suche neue berufliche Herausforderungen« erzählen wollte, sondern die Wahrheit.

Er stellte den Kontakt zu anderen Büros und Baufirmen her, doch außerhalb meines Bekanntenkreises wurde die Sache dann noch komplizierter. Nicht nur, dass ich nicht mehr »Architetto Maffei« war, sondern »Signorina Maffei«. Es folgten eine Menge nicht eingehaltener Termine (»Der Ingegnere ist schon weg/in einem Meeting/auf Geschäftsreise … Sind Sie sicher, dass der Termin heute war?«) oder vergessener Verabredungen (»Oh, für heute? Entschuldigen Sie, das habe ich vergessen. Mehr als zwei Minuten habe ich jetzt nicht für Sie«). Außerdem komplizierte Bewerbungsgespräche, in denen nichts von dem, was ich sagte, auf die Zustimmung meines Gegenübers stieß. Dies alles war ziemlich demotivierend, und immer mehr gewann ich die Überzeugung, dass es ein »Innen« und ein »Außen« gibt und dass jemand, der sich im »Innen« befindet und Arbeit hat, nicht meint, er habe mehr Glück als jemand, der keine hat. Vielmehr hält er sich auf eine calvinistische Art schlicht für etwas Besseres. Wie auch immer, bekannt oder nicht, öffentlich oder privat, herzlich oder abweisend, die Antwort ist und bleibt die gleiche: »Es tut uns leid, aber im Moment nicht.«

Die Bezugspunkte, innerhalb derer sich mein Leben abspielte, sind verloren gegangen, und ich finde mich in diesem Leben nicht mehr zurecht. Was ist mit dem Wecker morgens um fünf, mit der morgendlichen Fahrt zur Baustelle? Dem täglichen Treffen mit Locatelli? Den tausend Terminen? Was ist mit Architetto Bianca Maffei? Was ist mit mir?

Ich denke daran, wie ausgefüllt die Tage waren.

Und jetzt ist Juni, und alles scheint bewegungslos auf September zu warten, den eigentlichen unternehmerischen Jahresanfang.

Ich werfe einen Blick auf meinen gelben Helm und den übrig gebliebenen Sicherheitsschuh. Die einzigen Dinge, zusammen mit meinem Abschlussdiplom, das bei meinen Eltern im Wohnzimmer hängt, die meinen Beruf bezeugen.

Sicher, ich bin immer noch Bianca, die Tochter, Schwester, Freundin, aber das tröstet mich nicht. Außerdem war Irene meine beste Freundin, und ich glaube kaum, dass ich auf sie zählen kann (oder möchte). Ich habe von ihr eine einzige WhatsApp bekommen, in der außer Es tut mir leid und Vielleicht kannst du das verstehen nicht viel stand. Ich habe mir erspart, sie zu beantworten, sodass der Wurf meines Sicherheitsschuhs für sich gesprochen hat. Zu groß ist die Enttäuschung über den Menschen, der unsere Freundschaft unter das Motto »Mors tua vita mea« gestellt hat. Oder auch: »Des einen Freud ist des anderen Leid.«

Was meine Familie betrifft, gestehe ich, dass sie bis jetzt noch nicht auf dem Laufenden ist.

Es ist jedoch offensichtlich, dass ich nicht mehr lange schweigen kann, meine Ersparnisse sind fast aufgebraucht, und sehr bald werde ich meine Ausgaben nicht mehr stemmen können. Ich muss irgendetwas unternehmen. Bald.

Heute Abend bin ich zum Essen bei meiner Schwester eingeladen und werde die Gelegenheit nutzen, ihr alles zu erzählen. Mit ein bisschen Glück werde ich es meinen Eltern gegenüber vielleicht noch verschweigen können. Vor allem meinem Vater, und das nicht, weil ich mich schämen würde oder ihn nicht beunruhigen möchte, sondern aus reinem Selbstschutz. Denn mein Vater wäre weder beunruhigt noch besorgt, im Gegenteil: Mein Vater wäre (viel zu) erfreut.

Giovanni Maffei (für alle »der Gianni«), Jahrgang 1947, Ingenieur. Nach dem Schulabschluss arbeitete er einige Jahre bei einer großen Gesellschaft, um dann im Keller meiner Großeltern in Binasco mithilfe einer Drehbank und einer Presse selbstständig Hydraulik-Fittings herzustellen. Heute besitzt er ein Unternehmen mit mehr als dreihundert Mitarbeitern und verkauft für ihre Wertigkeit und Präzision bekannte Produkte, vor allem ins Ausland.

Als Unternehmer schätzen und respektieren ihn seine Angestellten ganz besonders für seine Fähigkeit, die Bewegungen des Marktes vorauszusehen und ihnen entsprechend zuvorzukommen, was der Firma ungemeine Stabilität verschafft hat. In mehr als vierzig Jahren Aktivität hat es keinen einzigen Fall von Kündigung oder Kurzarbeit gegeben. Sein Grundsatz ist denkbar einfach: »Was für den Betrieb gut ist, ist für alle gut«, denn genau dort bilden sich Wohlbefinden und Sicherheit für Angestellte und Familie.

Als Vater hat er von uns gutes Benehmen verlangt, Konzentration auf das Studium und den respektvollen Umgang mit anderen. Im Gegenzug hat er uns sehr viel seiner etwas raubeinigen, aber absolut verlässlichen Liebe geschenkt.

Als Unternehmer und Vater glaubt er nervigerweise immer zu wissen, was das Beste für uns alle ist; außerdem hält er mit despotischer Tendenz alles Mögliche für selbstverständlich. Angefangen beim Firmennamen, der anfangs Giovanni Maffei S.p.a. war, bei unserer Geburt aber mit sofortiger Wirkung zu Giovanni Maffei S.p.a. & Töchter wurde, notariell beglaubigt. Eher klare Botschaft als legitime Hoffnung. Unsere Zukunft stand fest. Oder zumindest glaubte er das. Aber er wusste noch nicht, mit wem er es zu tun hatte.

Unsere Wünsche bezüglich der weiterführenden Schulen – ich wollte zum Technischen Institut Cattaneo, Eugenia zum Klassischen Gymnasium Berchet – wurden unbeeindruckt ignoriert und als »Dummheiten« abgetan. Und so wurden wir beide beim Naturwissenschaftlichen Gymnasium Volta angemeldet, die Vorstufe eines Maschinenbau- oder wenigstens BWL-Studiums, da Eugenia so überhaupt nicht naturwissenschaftlich begabt war. Aber bei der Wahl der Universität ging er dann doch nicht selbstverständlich als Sieger hervor. Der Kampf gegen zwei sture Neunzehnjährige stellte sich als ganz schön hart heraus.

Ich für meinen Teil schrie, heulte, bettelte, argumentierte. Er schrie, machte Druck (moralisch wie finanziell), weigerte sich, meine Argumente anzuhören, außerstande zu akzeptieren, dass seine Töchter mit der wunderbaren Welt der Hydraulik-Fittings nichts zu tun haben wollten.

Eugenia beschränkte sich darauf, von meiner Mutter Geld zu nehmen, und schrieb sich, ohne mit der Wimper zu zucken, für Jura ein.

Ich hingegen sagte mir in einem Anfall von Stolz (oder Dummheit), wenn ich wirklich Architektur studieren wolle, dann müsse ich mir das Studiengeld selbst verdienen. Das tat ich mit einem Ferienjob bei einem Fast-Food-Restaurant. Es brachte mir nicht nur das Studiengeld ein, sondern auch eine bis heute andauernde Abneigung gegen Hamburger, die mich beim Anblick eines Ladens dieser Kette zwingt, die Straßenseite zu wechseln.

Wie dem auch sei, wir beide hielten schlussendlich dem süßen Ruf der Hydraulik-Fittings stand und widmeten uns anderen Dingen. Vor vollendete Tatsachen gestellt, schüttelte mein Vater betrübt den Kopf und sagte: »Alle beide arbeitslos. Ich habe zwei Töchter großgezogen, deren Schicksal die Arbeitslosigkeit sein wird.« Wenn man sich meine jetzige Situation so ansieht, dann hatte er wohl nicht ganz unrecht.

Am Ende fand er sich damit ab. Irgendwann überwogen Neugier und schließlich der Stolz darauf, dass seine beiden Töchter schon so früh und erfolgreich ihren Doktor gemacht hatten. So stolz war er, dass er die Doktor-Diplome einrahmte und im Wohnzimmer aufhängte.

Aber dass eine von uns doch noch ihren Weg in die Firma findet, diesen Traum hat er nie aufgegeben, und das immer noch existente »& Töchter« im Firmennamen ist der lebendige Beweis dafür. Es würde ihm eine riesige Freude machen, doch für mich wäre diese Freude eine Niederlage.

An der Piazza Cinque Giornate steige ich aus der Bahn und laufe den Corso XXII Marzo runter, zur schicken Wohnung von Eugenia und ihrem Freund Luca, einem wunderbaren Nerd, den ich sehr gern habe.

Nach der Begrüßung fragt mich Eugenia mit der ihr eigenen Zerstreutheit: »Und, Neuigkeiten?«

Ohne etwas dagegen tun zu können, höre ich mich sagen: »Mattavelli hat meinen Vertrag nicht verlängert.« Jetzt habe ich es ausgesprochen, und das macht die Sache auf sehr schmerzhafte Art nur noch realer.

»Wie bitte? Ich dachte, das wäre nur eine reine Formalität.« Sofort ist sie ganz Ohr.

»Ich auch«, murmele ich, und nachdem ich Luca begrüßt habe, der in einem Sessel an seinem Computer arbeitet, lasse ich mich auf das taubenblaue Cordsamt-Sofa von Roche Bobois fallen.

»Wir können prüfen, ob das für ein Verfahren reicht …« Ich sehe schon, wie sie das Messer wetzt.

»Vergiss es, Eu, das war ein befristeter Vertrag.« Die Enttäuschung in ihren Augen ist nicht zu übersehen. Sie ist und bleibt halt Anwältin.

»Was für ein Schwein! Aber ich hab ihn nie gemocht, deinen Chef.«

»Aus welchen Gründen? Du kennst ihn doch gar nicht.«

»Aus Namensgründen: Piergiorgio. Man sollte niemandem mit einem Doppelnamen trauen. Unentschlossene Eltern oder solche, die sich bei beiden Familien einschmeicheln wollen, können gar nicht in der Lage sein, ein Kind gut zu erziehen.« Ihr Ton ist scharf. Sie glaubt das wirklich.

»Das habe ich ja noch nie gehört.«

Dann setzt sie sich neben mich. Ich fange Lucas Blick auf, der uns mustert. Ich weiß, was er denkt. Alle denken das, wenn sie uns nebeneinander sehen. Wie ähnlich wir uns doch sind. Und wie unterschiedlich.

Meine Schwester Eugenia und ich sind Zwillinge. Gleich groß, gleiche Gesichtszüge, gleiches Lächeln, körperlich völlig identisch, eine ist die Kopie der anderen. Bloß dass sie in diesem Verfahren das Original ist, ich bin die Kopie in Schwarz-Weiß. Sepiafarben, sagen wir mal.

Sie hat alle Farben abbekommen, und was für welche: tizianrote Haare, smaragdgrüne Augen, alabasterfarbene Haut.

Ich bin sie, nur bin ich eben in die neutralen Farben der Pantone-Farbskala gerutscht. Klar, was ich meine, oder?

»Wann ist das passiert?« Eu lässt nicht locker.

»Ist schon eine Weile her.«

»Eine Weile«, wiederholt sie. »Eine wie lange Weile? Wenn ich mich richtig erinnere, dann ist dein Vertrag …«

Ich hebe abwehrend die Hände. »Okay, ich bekenne mich schuldig, Euer Gnaden. Vor drei Monaten.«

Pause.

»Und warum erzählst du mir das erst jetzt?« Eu wirkt wirklich überrascht.

»Ich dachte … na ja, ich dachte, ich würde sofort einen neuen Job finden, und dann wäre das alles ja gar nicht nötig gewesen. Aber so ist es nicht gelaufen.«

Sie mustert ihre perfekt lackierten Fingernägel, und ich muss den Impuls unterdrücken, meine zu verstecken, denn der Vergleich wäre vernichtend.

»Hast du etwas in Aussicht?«

»Nein, momentan nicht. Doch ich brauche ziemlich dringend irgendeinen Job, obwohl ich nicht bereit für ein Callcenter bin. Und Kellnern kommt auch nicht infrage, denn wie du sehr gut weißt, besitze ich den schwarzen Gürtel in Tolpatschigkeit.«

Aber Eugenia-Holzhammer-Maffei geht auf den Witz nicht ein und fährt unerbittlich fort: »Weiß Mama Bescheid?«

Wunder Punkt.

»Nein, ich habe mich noch nicht getraut, es ihr zu sagen …«, und es war nicht leicht, sie in den letzten Monaten systematisch zu belügen.

»Ach, weißt du, ich glaube nicht, dass sie das Ganze sehr treffen wird … Sie hat mich gestern noch angerufen und erzählt, dass sie gerade ihre zweite Jugend erlebt, eine ›Phase voller Optimismus und Vertrauen‹ hat sie es genannt.« Als hätte sie ihre erste Jugend jemals abgeschlossen.

»Und was soll das genau sein?«, frage ich argwöhnisch, denn ich kenne meine Mutter.

»Sie hat die Facebook-Seite von Måneskin zu ihren Lieblingsseiten hinzugefügt, bis jetzt waren das die von der Kochzeitschrift Giallo Zafferano und von Vanity Fair, und denen folgt sie wie ein Groupie. Ich glaube, sie ist in den Frontmann verknallt, der – Vorsicht – gerade die Pubertät hinter sich hat. Weitere Entwicklungen sind aber zu erwarten. Wenn du mich fragst, hat sie ein waschechtes Brigitte-Trogneux-Syndrom.«

»Keine Ahnung, wovon du redest.« Ich habe den Verdacht, dass Eu gerade einfach nur aufs Geratewohl mit Namen um sich wirft.

»Måneskin sind die eigentlichen Gewinner von X Factor. Du weißt doch, dass Mama Sky abonniert hat, oder? Und Brigitte Trogneux ist die Frau von Macron. Monsieur le Président. Sie sagt, es hat ihr die Lust am Leben wiedergegeben zu wissen, dass ein so junger Mann (und zwar ein attraktiver) für die Liebe einer um vieles älteren Frau gekämpft hat.«

»Und Papa?«

»Papa schüttelt den Kopf und fährt sie zu den Konzerten; sie hat für jedes einzelne ein Ticket.«

»Er unterstützt sie, wie immer.«

»Genau, wie immer.«

»Glaubst du, Mama wird es gut aufnehmen, dass ich zu ihnen zurückmuss, wenn ich nicht bald einen neuen Job finde?«

»Nein, das wird sie nicht gut aufnehmen. Gerade hat sie aus unserem Zimmer einen Yoga-Raum für sich und ihre Freundinnen gemacht. Solltest du zu ihnen zurückziehen, dann wirst du einen Tag später an einem Schreibtisch bei Giovanni Maffei & Töchter sitzen und Verbindungsstücke verkaufen, das ist dir doch klar, oder?«

»Ja, das weiß ich sehr gut«, murmele ich.

Vom Sessel her kommt Lucas ruhige Stimme: »Warum versuchst du es nicht bei Sassi? Sie könnte mal bei Alessandra nachhören, ob …«

»Stimmt, die Mädels aus Verate. Warum habe ich nicht gleich daran gedacht? Die machen doch genau so etwas.«

»Was genau machen die denn?«, frage ich etwas argwöhnisch.

Eugenia antwortet mit einer unbestimmten Geste. »Anderen helfen. Leute unterstützen, die in Schwierigkeiten sind, so in der Art. Wohltätigkeit eben.« Dann merkt sie, wie unsensibel das war. »Nicht, dass du ein solcher Fall wärst, natürlich nicht.«

»Natürlich nicht«, sage ich, und ich lächle, denn so ist meine Schwester: zerstreut, manchmal unsensibel, aber immer für einen da.

Am nächsten Morgen klingelt das Telefon, als ich noch im Bett liege. Sie ist es, ruft aus dem Büro an.

»Ciao! Ich habe mit Sassi geredet, und sie ist sofort in Aktion getreten.« Hört sich an, als fände Eugenia das selbstverständlich.

»Gut, danke, sag mir Bescheid …«

Aber sie redet direkt weiter: »Und diesbezüglich habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche willst du zuerst hören?«

Eigentlich die schlechte, und dann wieder schlafen gehen, doch Eu legt schon mit der guten los: »Es gibt da einen Job, wo sie eine Architektin suchen.«

Sofort setze ich mich auf. Diese gute Nachricht ist so gut, dass sie jede schlechte Nachricht, die Eu für mich hat, ganz sicher aufheben wird.

»Die schlechte Nachricht ist, dass es nicht wirklich dein Beruf ist.«

»Was ist es denn genau?«, will ich noch optimistisch wissen.

»Immobilienmaklerin.« So ganz kann sie ihr Unwohlsein bei der Sache nicht verbergen.

»Immobilienmaklerin?«

»In Verate.« Jetzt versucht sie gar nicht mehr, es zu verbergen, das Unwohlsein.

Verate? Wo ist Verate?

»Und dann ist da noch etwas: Du musst dich aus der Liste der Architektenkammer austragen, denn gesetzlich …«

Mich austragen???

Das sind jetzt eigentlich drei schlechte Nachrichten, die ohne Weiteres in der Lage sind, eine gute aufzuheben.

3

Brianza, außergewöhnliche Zweizimmerwohnung, 60 m², in renoviertem, bewohntem Hofgebäude, lebhafte Umgebung

Da mir keine andere Wahl bleibt, gehe ich schließlich zu dem von den Freundinnen meiner Schwester organisierten Vorstellungsgespräch bei Geometra Anacleto Volpe von der Immobilienagentur Nicht Nur Wohnen (sic!) in Verate.

Meine Verfassung entspricht einer emotionalen Achterbahn. Niedergeschlagenheit, Angst und Hoffnung. Der rationale Part in mir ist unglaublich frustriert von der Aussicht, meinen Beruf nicht ausüben zu können, und sieht ziemlich schwarz, was dieses Gespräch und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten betrifft.

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