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Eine Sommeraffäre

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. Epilog
  43. Danksagung

Über die Autorin

Jennifer McQuiston lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Töchtern in Atlanta, Georgia. Beruflich schlug sie zwar den Weg als Tierärztin ein, doch galt ihre Leidenschaft schon immer romantischen Geschichten. Mit ihrem Debüt »Eine schottische Affäre« hat sie sich den Traum erfüllt, selbst einen Liebesroman zu schreiben.

Weitere Informationen zur Autorin finden Sie unter: www.jenmcquiston.com

JENNIFER McQUISTON

Eine Sommeraffäre

ROMAN

Aus dem amerikanischen Englisch
von Sabine Schilasky

Für all die fantastischen Frauen, die mir täglich Mut machen,
mich herausfordern und mich amüsieren:
Alyssa Alexander, Tracy Brogan, Kimberly Kincaid,
Sally Kilpatrick und Romily Bernard.
Aber ganz besonders für dich, Romily …
Du weißt schon, warum.

Prolog

Die Südküste Englands, im Mai 1831

David Cameron wollte nicht sterben.

So viel stand fest, nur kam diese Erkenntnis vielleicht ein wenig zu spät.

Sein Selbsterhaltungstrieb spornte den Körper an, die Gliedmaßen in Richtung Ufer zu treiben und den Kopf zum Atmen weit nach oben zu recken. Leider erwies sich der Tod als gieriger Mistkerl, der seine Beute partout nicht hergeben wollte. David war ziemlich sicher, dass er in den wenigen Minuten, die er um sein Leben kämpfte, mehr Atlantikwasser geschluckt hatte als in der Stunde zuvor, in der er zu ertrinken versucht hatte.

»Hören Sie auf, gegen die Strömung zu schwimmen!«

David blinzelte durch das kalte Wasser und den Whisky-Nebel, der ihn wie ein zu enger Handschuh umfing. Sein Herz mühte sich stolpernd, ihn am Leben zu erhalten, schlug jedoch schneller, als David begriff, woher die Stimme kam.

Jemand schwamm auf ihn zu.

Für einen Augenblick war er so verblüfft, dass er sich fragte, ob er doch schon gestorben war. Er hatte sich einen Küstenabschnitt ausgesucht, der als besonders abgelegen galt und wegen seines starken Wellengangs berüchtigt war. Auch wenn er ein Feigling sein mochte, besaß er doch noch ein Quäntchen Stolz. Und er hatte keine Zeugen bei seinem Kampf gewollt, egal, zu welcher Seite der Verdammnis es ihn letztlich zog.

Wer nach ihm rief, konnte nicht sterblich sein. Keine Sterbliche könnte die Wellen so durchkämmen wie sie: einem heißen Messer gleich, das durch Butter glitt. Er sah die kleinen Hände auftauchen, eine nach der anderen, gleichmäßig und unerbittlich. Solche Schwimmzüge hatte David noch nie gesehen.

Meerjungfrauen müssen auf diese Weise schwimmen, dachte er benommen. Nur waren Meerjungfrauen angeblich schön.

Und vollständig ausgewachsen.

Verdammt, das war ja noch ein Mädchen! Wo waren ihre Eltern, die sie sich an diesem tosenden Küstenstück in die Wellen stürzen ließen, bloß um seinen unwürdigen Hintern zu retten? Er würde höllisch zu tun haben, sich und das Kind zurück an Land zu schaffen.

Und noch eine tote Seele, die auf seinem Gewissen lastete, selbst wenn dieser der Hintern versohlt gehörte, wäre sein Untergang.

»Du verletzt dich noch«, knurrte er, als sie die letzten Wellen zwischen ihnen durchpflügte.

Sie trat Wasser vor ihm und breitete die Arme aus, um sich an der Oberfläche zu halten. »Ich bin es nicht, die ertrinkt.« Sie war nicht mal außer Atem. Unmögliches Kind!

Eine große Welle wählte ausgerechnet diesen Moment, um über Davids Kopf hereinzubrechen. Sein Nacken knickte zur Seite, und Meerwasser flutete seinen Mund. »Ich ertrinke nicht«, prustete er. Bedauerlicherweise.

»Falls nicht, fehlt nicht mehr viel«, konterte sie.

Vor seinen Augen verschwamm sie zu einem tropfnassen Gewirr aus braunen Haaren und Sommersprossen. Nichts an ihren sonnengebräunten Zügen ließ künftige Schönheit erahnen. Ihre Augen waren grün oder hellbraun oder von einer ähnlich fahlen Farbe. Sie hätten zu irgendeinem von Hunderten heranwachsender Mädchen gehören können.

Leider gehörten sie zu diesem, und das war noch nicht fertig mit ihm.

»Sie müssen sich auf dem Rücken treiben und von der Strömung da raustragen lassen.« Sie zeigte hinter ihn, auf das offene Meer.

»Ich ziehe diese Richtung vor«, erwiderte er und nickte zum Ufer. »Und ich brauche keine Hilfe von einem winzigen Ding, das selbst kaum schwimmen kann.«

Das Mädchen errötete. »Falls Sie sich nicht umbringen wollen«, sagte sie mit hoher, wütender Stimme, »schlage ich vor, dass Sie aufhören, sich wie ein Tölpel aufzuführen, und mir stattdessen zuhören

David erstarrte. Er ließ die erbarmungslosen Wellen gegen seinen Leib schlagen und fragte sich, ob sie wusste, warum er hier draußen war.

Allerdings betete er, dass sie keine Ahnung hatte.

»Die Strömung an diesem Teil des Strandes ist zu stark, um gegen sie zu schwimmen«, erklärte sie sichtlich verärgert. »Hier gibt es eine steile Vertiefung, aber ein Stück weiter draußen wird es wieder flacher und die Strömung schwächer. Von dort können Sie zu Fuß ans Ufer gehen.«

David blickte sie eine Weile verdutzt an, während das Meer um sie herum brodelte. Ihre Augen sind haselnussbraun, entschied er. Und er wollte verdammt sein, wenn ihre Erklärung nicht zumindest ein wenig Sinn ergab.

Nach einem angespannten Moment ließ er seinen Körper erschlaffen und sich von der Strömung in die entgegengesetzte Richtung von der reißen, in die sein Verstand ihn drängte. Das Mädchen beobachtete, wie er zur richtigen Stelle getragen wurde, bevor es ihm Anweisungen zurief, wie er wieder Grund unter den Füßen gewann.

Als er etwa zwei Dutzend Meter entfernt Boden unter seinen durchweichten Stiefeln fühlte, zeigte sie zum Strand. »Versuchen Sie jetzt, ans Ufer zu waten!«

David lockerte die vom Whisky benommenen Muskeln und machte sich bereit, der Sicherheit entgegenzueilen. Doch was von seiner Seele noch übrig war, zwang seinen Blick zurück zu dem kleinen, braunhaarigen Mädchen, das nach wie vor im Tiefen trieb. Wer sie auch sein mochte, er war nun für sie verantwortlich, auch wenn er der letzte Mensch auf Erden war, dem sie vertrauen sollte.

»Du musst mit mir kommen, Mädchen«, rief er mit heiserer Stimme. David war mittlerweile entschlossen zu leben. Aber er würde ihren Hals nicht riskieren, um seine eigene vermaledeite Haut zu retten. »Ich kann nicht zurückkommen und dir an Land helfen«, rief er und hoffte, dass sie ihn über das laute Rauschen hinweg hörte. »Und ich lasse dich nicht zurück.«

Die einzige Antwort des Mädchens war ein schelmisches Grinsen. Dann war sie verschwunden und schwamm durch ebenjene Strömung, die sich gerade noch für David als unbezwingbar erwiesen hatte.

Caroline Tolbertson fühlte wenige Minuten später den felsigen Grund unter ihren Füßen. Ein Triumphgefühl durchfuhr sie mit einem pochenden Kribbeln, das ihr den Atem raubte. Sie drehte sich um und sah den Mann ein Stück weiter an Land stolpern und in sich zusammensinken.

Was sie sich dabei gedacht hatte, wieder zurückzuschwimmen, wusste sie selbst nicht; doch die Verlockung war zu groß gewesen, dem Fremden zu zeigen, wozu sie imstande war. Keiner hatte sie jemals so schwimmen gesehen, mit Ausnahme von Papa. Mama gewiss nicht, denn die hatte ihr erst an diesem Morgen gesagt, es schicke sich nicht für ein Mädchen von zwölf Jahren, vor anderen zu schwimmen.

Oder auch nur halb so gut zu schwimmen.

Doch für Caroline fühlte es sich ganz natürlich an, sich von den Wellen umfangen und vom Salzwasser tragen zu lassen. Sehr viel natürlicher, als endlose Stunden lang stillzusitzen, während ihr das Haar aufgesteckt wurde wie beispielsweise an diesem Morgen.

Oh nein! Ihr Haar! Und ihre Kleider nicht zu vergessen. Mit diesen Gedankenfetzen meldete sich die Wirklichkeit jäh zurück. Caroline hatte Muscheln am Strand gesammelt, als sie den Mann entdeckt hatte, und war ins Wasser gesprungen, ohne auch bloß ihre Stiefel abzustreifen oder die Schürze abzunehmen. Was sollte sie Mama erzählen, wenn sie gänzlich durchnässt nach Hause kam? Dass sie ins Wasser gefallen war?

Ja, das wäre allemal besser, als ihr zu beichten, dass sie sich willentlich hineingeworfen hatte. Hineinfallen war zweifellos sehr viel damenhafter und konnte jedem passieren.

Caroline trottete zu dem Mann, der sie in diese Lage gebracht hatte. Er hockte auf allen vieren im Sand und würgte mit einer Inbrunst, bei der sich Carolines Bauch vor Mitgefühl verkrampfte. Wer war er, und wie war er hierhergekommen? Außer ihrem Vater, der Caroline und ihrer Schwester die abgelegene Bucht gezeigt hatte, war hier nie eine Menschenseele zu sehen gewesen. Brighton lag eine Stunde Fußmarsch westlich, und die einzigen Bewohner dieses Küstenabschnitts waren die Seeschwalben, die tschilpend an den weißen Kreidefelsen auf und ab schnellten und ihre Nester in den Vertiefungen bauten, die Wind und Regen gegraben hatten.

Caroline kam der Gedanke, dass sie nun, da der Gentleman in Sicherheit war, es selbst nicht mehr sein könnte. Für den Notfall wusste Caroline, wohin sie einen Herrn treten musste, damit er sich vor Schmerz krümmte, sollte er zudringlich werden. Ihr Vater hatte dafür gesorgt, dass sie lernte, sich selbst zu schützen.

Der fragliche Mann rappelte sich mühsam auf. Er war groß, sogar noch größer, als Papa gewesen war. Doch trotz seiner Größe und der sehr erwachsen anmutenden goldenen Bartstoppeln wirkte er jungenhaft, nicht älter als Anfang zwanzig. Sein nasses Haar war lockig und dürfte eindeutig blond sein, wenn es trocken war. Der Teil seiner Augen, der sich nicht im Salzwasser gerötet hatte, zeigte jenes beneidenswerte Blau, das an einen klaren, sonnigen Sommertag erinnerte.

Nachdem er den Fluten entkommen war, bemerkte Caroline, dass er eine rote Militärjacke trug, die selbst durchnässt noch ihre steife Form besaß. Caroline kannte diese Jacken, denn in der nahen Preston-Kaserne waren Kavalleristen wie Infanteristen untergebracht, die gelegentlich nach Brighton kamen.

Indes war Caroline es nicht gewohnt, jene Offiziere im Wasser strampeln, geschweige denn ihren Mageninhalt auf den Strand würgen zu sehen.

Verlegen wischte er sich mit dem Ärmel über den Mund. »Du bist eine recht gute Schwimmerin, Mädchen.« Seine Worte klangen schwer und undeutlicher, als es sein schottischer Akzent rechtfertigte.

»Sie, Sir, schwimmen hingegen gar nicht gut.« Sie begann, sich die Röcke auszuwringen, und stellte unglücklich fest, dass kleine Tangfäden an den Säumen hafteten.

»Wie ist dein Name?«, erklang seine tiefe Stimme von oben, und Caroline blickte hinauf in seine Augen. Sie sollte nicht mit diesem Mann reden, und noch viel weniger hätte sie sich ins Meer werfen dürfen, um ihn zu retten. Aber was war schon dabei, nachdem sie das Schlimmste überstanden hatten?

Sie strich mit einer Hand über ihre nasse Schürze. »Caroline Tolbertson.«

»Miss oder Lady?«

»Miss.« Den Titel einer Lady durfte sie nicht für sich beanspruchen, ganz gleich, wie sehr ihre Mutter sich bemühte, sie zu einer zu erziehen.

»Nun, Miss Caroline, ich bin Second Lieutenant David Cameron, und du hast mir soeben das Leben gerettet.« Für einen flüchtigen Moment lächelte er, wobei sich Grübchen auf seinen Wangen zeigten, und Caroline dachte, er wäre genau die Art Mann, von der ihre ältere Schwester Penelope immerfort schwärmte. Caroline liebte ihre Schwester von Herzen, doch würde sie selbst niemals so ein Dummchen sein.

Ein Bursche, für den sie schwärmte – und sie vermutete, dass sie insgesamt nicht viel schwärmen würde –, musste schon ein weit besserer Schwimmer sein als Lieutenant Cameron.

»Wo hast du so schwimmen gelernt?«, fragte er. »Etwas Vergleichbares habe ich noch nie gesehen.«

Caroline überlegte, was sie antworten sollte. Schwimmen und Ehrlichkeit gingen in ihrer Welt nur selten Hand in Hand. »Mein Vater lehrte es mich«, sagte sie angespannt, denn ihr wurde die Kehle eng. Es laut auszusprechen machte den Verlust viel zu real.

Schlimmer noch, es erinnerte sie daran, wie viel sich in den vier Monaten seit dem Tod ihres Vaters verändert hatte. Papa hatte die erste Zeitung der Stadt gegründet, die Brighton Gazette, und der Großteil der Familienersparnisse war in dieses Unternehmen investiert worden. Dann erlag er einem plötzlichen Fieber, und bald musste einiges Mobiliar verkauft werden. Fast alle Bediensteten wurden entlassen. Mama, Penelope und sie hatten sich nicht einmal Trauerkleidung leisten können und stattdessen ihre Kleider in großen Töpfen in der Küche schwarz gefärbt.

»Papa starb diesen Winter«, flüsterte sie. Es war furchtbar gewesen, ihn um jeden Atemzug kämpfen zu sehen, die Augen zusammengekniffen vor Schmerz. Zwei Tage hatte er so durchgehalten, bis es vorbei gewesen war. Es war nicht lange genug gewesen, um richtig Abschied zu nehmen, doch lange genug, um Caroline ein Versprechen abzuringen, das sie heute als geradezu lähmend empfand: Sorge für deine Mutter und deine Schwester, Caroline! Da ihr Vater sie darum gebeten hatte, als er im Sterben lag, hatte Caroline es allzu leicht versprochen.

Doch wie sollte sie für ihre Familie sorgen, wenn er ihnen so wenig Geld hinterlassen hatte?

»Er sagte immer, ich könne alles schaffen, was ich mir in den Kopf setze«, ergänzte sie mehr zu ihren durchnässten, zerknautschten Stiefeln als zu dem jungen Mann, der sie betrachtete.

»Dein Vater muss dich für etwas sehr Besonderes gehalten haben, dich zu solch einem Denken zu ermutigen und dich so gut zu lehren«, erwiderte er nach längerem Schweigen.

Caroline blickte verwundert auf. Der Lieutenant war der erste Erwachsene, der sich seit dem Tod ihres Vaters die Zeit nahm, ihr zuzuhören. Ihre Mutter wurde zu sehr von ihrem Kummer erdrückt, hatte die Fensterläden geschlossen und alle Besucher weggeschickt, die kamen, um ihr Beileid zu bekunden. »Nun«, sagte Caroline und war froh, dass ihr tropfnasser Soldat sie nicht auslachte, »das ist ein Glück für Sie, denn sonst würden Sie jetzt wohl den Meeresgrund küssen.«

Sein einer Mundwinkel bog sich nach oben. »Sprichst du immer aus, was du denkst?«

»Nein!« Caroline widerstand dem Drang, sich zu winden, als er ungläubig eine Braue hochzog. »Na ja, manchmal«, gestand sie und versuchte, nicht zu plappern, was ihr misslang. »Mama sagt, es sei ›meine beklagenswerte Angewohnheit‹, obwohl ich finde, dass es keine schlechte ist, bedenkt man Angewohnheiten allgemein. Nicht wie Nägelkauen oder Zappeln in der Kirche, was eine Angewohnheit meiner Schwester Penelope ist. Auch wenn sie weniger zappelt als ich.« Sie machte eine Pause, um Luft zu holen, und auf einmal roch sie Whisky in der Luft.

Ein schrecklicher Gedanke kam ihr. »Sind … sind Sie betrunken?«

Seine Lippen wurden zu schmalen Linien. »Nicht betrunken genug.«

Die Worte drangen in ihren Verstand wie Sand zwischen Pflastersteine. Kein Wunder, dass er beinahe ertrunken war und würgen musste wie ein Mann, der zu viele unreife Äpfel gegessen hatte. Dann fiel Caroline ein, dass der einzige Erwachsene, der jemals ihre Schwimmkünste gepriesen hatte – abgesehen von Papa – ein Trunkenbold gewesen war, der höchstwahrscheinlich nicht gewusst hatte, was er redete.

Idiot. Dieses Wort in vornehmer Gesellschaft auszusprechen war ihr streng verboten, zumal gegenüber einem Erwachsenen. Ein Jammer, denn es passte hervorragend. Ein kluger Mann hätte sich niemals an diesem Küstenabschnitt in die Strömung gewagt.

Caroline verschlang die Arme vor dem nassen Schürzenlatz. »Sie sollten nicht schwimmen, wenn Sie getrunken haben«, sagte sie. »Und Papa lehrte mich, dass man nie allein schwimmen darf.«

Er neigte den Kopf und musterte sie von oben bis unten. »Dann kann ich mich wahrlich glücklich schätzen, dass du hier warst, um mich zu retten. Ich nehme an, ein Gentleman würde dich nach Hause begleiten und deiner Familie den Grund erklären, warum du pudelnass bist.«

Caroline blickte auf ihr nasses dunkles Kleid. Lieutenant Cameron wollte es ihrer Mutter erzählen! Ihr wurde angst und bange, sodass sie zu frieren begann.

Sie hatte es gewusst! Hätte sie ihn doch ertrinken lassen!

»Aber das werde ich nicht.«

Caroline sah erschrocken auf. »Weil Sie kein Gentleman sind?«

»Ja, zum einen das, Mädchen.« Er sah sie seltsam an. »In Zukunft solltest du Männer wie mich lieber meiden. Zum anderen aber sollten du und ich diese Sache für uns behalten und niemandem erzählen, was hier passiert ist. Ich wurde eben von einem Mädchen gerettet, das um ein Vielfaches besser schwimmt als ich. Davon würde sich meine Reputation nie wieder erholen.«

Caroline war ungeheuer erleichtert. Sie nickte und stimmte ihm mit Freuden zu. Und freimütig glaubte sie ihm seine Erklärung. Diese Geschichte für sich zu behalten würde auch ihre Reputation retten.

Vielleicht war er doch kein Idiot.

»Ich werde nichts verraten«, versprach sie und malte mit dem klammen Finger ein Kreuz auf ihre Brust.

Und sie hielt Wort. Stunden später, als er längst den Weg hinauf nach Brighton verschwunden war, sie sich eine Standpauke von ihrer Mutter angehört und sich von Penelope hatte veralbern lassen, war Caroline noch keine Silbe über diese Begegnung oder darüber, wie sie bis auf die Haut durchnässt worden war, über die Lippen gekommen.

Und beim Einschlafen beschloss sie, sollte sie jemals zu der Sorte albernem Mädchen werden, das für Jungen schwärmte, könnte Second Lieutenant David Cameron vielleicht – nur vielleicht – jene Art junger Mann sein, bei dem sie es lohnenswert fand.

1

Brighton, Juli 1842

Caroline Tolbertson wusste, dass sie ihren ersten Kuss niemals vergessen würde … obwohl sie es sehr dringend wollte.

Es waren keineswegs die technischen Feinheiten, die ihr zu schaffen machten. Beim ersten Kuss erwartete man ja beinahe gewisse unangenehme Begleiterscheinungen wie zusammenstoßende Nasen und aneinanderklackernde Zähne. Die Technik konnte erlernt und geübt werden, und in ihren dreiundzwanzig Jahren hatte Caroline schon deutlich Schwierigeres gemeistert. Nein, die Durchführung des Kusses war nicht das Problem. Es war dessen Nachwirkung, die Caroline nicht tolerieren konnte.

Und diese Nachwirkung kam nun geradewegs auf sie zu.

Caroline erstarrte. Es war weder das Möwengeschrei noch das Plaudern der Spaziergänger auf der Marine Parade, was sie ablenkte, sondern Brendan Dermotts durchdringendes Lachen. Und prompt kam Caroline jener Kuss, den zu vergessen sie sich solche Mühe gab, in all seinen unerquicklichen Details wieder in den Sinn.

Das linkische Öffnen der Lippen. Das amüsierte Stirnrunzeln auf Mr. Dermotts Gesicht. Und am nächsten Tag die vorgehaltenen Hände und das Flüstern unter den Sommergästen aus London.

»Es war, als küsste man einen Jungen«, hatte Dermott ihnen allen erzählt. Das war nicht die Form von Berühmtheit, die ein Mädchen sich wünschte.

Vor allem nicht ein Mädchen wie Caroline.

Panik überkam sie, als Dermott direkt auf sie zusteuerte. Der Meereswind brachte keinen Hauch von Kühlung, und Schweiß juckte unter Carolines Armen. Dermott gehörte zu den Sommergästen, die alljährlich im Juni nach Brighton kamen, und kleidete sich entsprechend. Heute wies er sich in seiner karierten Weste und mit der modischen Krawatte als einer jener jungen Herren aus, die mehr Geld als Verstand besaßen. Beim Lächeln blitzten seine weißen Zähne und blendeten nichtsahnende Mädchen mit ihrem Strahlen.

Und wie üblich führte dieses Prachtexemplar seiner Art eine einfältige, ganz in sommerlichem Weiß herausgeputzte junge Dame an seinem Arm. Caroline kannte sie nicht, war aber sehr wohl mit dieser Sorte junger Frauen vertraut. Mr. Dermotts Begleitung war der Inbegriff damenhafter Eleganz, hielt einen gelben Sonnenschirm in der von weißer Seide verhüllten rechten Hand und hatte ihre linke auf den Arm des Mannes gelegt.

»Guten Tag, Caroline«, sagte Dermott affektiert, als sie in Reichweite waren. Sein Blick wanderte einige Zentimeter nach oben, um ihr in die Augen zu sehen. »Sie sehen heute recht robust aus.«

Caroline überlegte. Hatte sie dem Mann erlaubt, sie mit dem Vornamen anzureden? Oder betrachtete er es schlicht als sein gutes Recht infolge der Umstände ihrer unglückseligen letzten Begegnung? »Mr. Dermott«, entgegnete sie mit zusammengebissenen Zähnen.

Er lächelte zu seiner zierlichen Begleiterin hinab, als wäre sie eine Gewächshausblume, reif zum Pflücken. »Miss Baxter, darf ich Ihnen Miss Caroline Tolbertson vorstellen? Miss Julianne Baxter ist die Tochter von Viscount Avery und aus London zu Besuch hier.«

Caroline beäugte die hübsche junge Frau, und ihr wurde ein bisschen übel. Was kümmerte es sie, mit wem Dermott spazieren ging? Sie mochte den Mann nicht einmal.

Aber, Himmelherrgott, es waren erst zwei Wochen vergangen, seit er sie gänzlich unaufgefordert am Ende des Chain Pier geküsst hatte!

Zuerst hatte sie keine Ahnung gehabt, warum er sie küsste. Er war gut aussehend und beliebt, während Caroline ein Mädchen war, dessen Brust eher einem Brett ähnelte. Erst später hatte sie gerüchteweise erfahren, dass ihre Erniedrigung einer Wette geschuldet war und wahrscheinlich von Mr. Dermott zu dem einzigen Zweck inszeniert, seine Langeweile zu mildern.

Caroline wusste, warum sie es getan hatte, obgleich einen Mann zu küssen, der seine Absichten noch nicht erklärt hatte, keine gute Idee war. Und sie wünschte, sie könnte diesen Lapsus ihres Urteilsvermögens mit einem triftigeren Grund entschuldigen. Doch sie hatte ihn nicht aus irgendeinem logischen Beweggrund geküsst wie etwa der Tatsache, dass seine Familie wohlhabend genug war, um ein Sommerhaus in Brighton neben einem Stadthaus in London zu besitzen, überdies im angesehenen Belgravia. Nein, Caroline hatte Mr. Dermott aus einem viel bedauerlicheren Grund geküsst.

Sie war neugierig gewesen.

Der Gedanke an ihren ersten Kuss beherrschte ihre Träume bereits, seit sie sich mit zwölf Jahren erstmals ausgemalt hatte, einen hellhaarigen, halb ertrunkenen Soldaten zu küssen. Ein Text, den Carolines Schwester Penelope in der muffigen Büchersammlung ihres Vaters entdeckt hatte, war schockierend ausführlich gewesen, was die physischen Aspekte betraf, jedoch mangelte es dort an jedweder Schilderung von Gefühlen oder Empfindungen. Und so kam es, dass Caroline, die das Alter von dreiundzwanzig Jahren erreicht hatte, ohne auch nur ein Zwinkern vom anderen Geschlecht zu ernten, geschweige denn einen Kuss, leider allzu geneigt gewesen war, ihrem geschenkten Gaul … äh … Männchen nicht ins Maul zu schauen.

Diesen Fehler würde sie nicht wieder machen. Sie hegte weder die Absicht noch den Wunsch, dieses misslungene Experiment zu wiederholen.

Caroline sah wieder Mr. Dermotts Begleitung an und fragte sich, wo sie selbst in der weiblichen Hierarchie stehen mochte. Irgendwo unter den hohen Absätzen des zierlichen Mädchens, vermutete sie. Miss Baxter sah frisch, reich und beängstigend hübsch aus. Die wenigen Locken, die unter ihrer Haube hervorlugten, waren von einem gewinnenden Rot, und Miss Baxter verfügte über jene zarte Blässe und winzige Gestalt, wie sie für Londoner Schönheiten bezeichnend waren. Neben ihr fühlte Caroline sich wie ein breitschultriger Halbaffe, der beim Gehen die Fingerknöchel über die sonnengebleichte Promenade schleifte.

Zudem war sie nicht in sommerliches Weiß gehüllt, und auch wenn sie ziemlich sicher war, dass sie einen Sonnenschirm besaß, könnte sie nicht mal mehr sagen, welche Farbe er hatte. Sie trug ein altes Baumwollkleid, das mehrere Zentimeter zu kurz war, hatte sie sich doch für einen viel praktischeren Zweck gekleidet als ein Schlendern entlang Brightons Marine Parade.

»Sind Sie auch den Sommer über hier?«, fragte Miss Baxter und strich sich eine ihrer kupferroten Locken von der Wange.

»Ich lebe in Brighton.« Aus irgendeinem Grund machte sie der überhebliche Ton des Mädchens wütend.

»Oh, ich finde es so wunderbar, Einheimische kennenzulernen!« Miss Baxter neigte den Kopf zur Seite und musterte Caroline, als handelte es sich bei ihr um eine seltene Echsen-Spezies.

Ein Dutzend Beleidigungen huschten Caroline durch den Kopf, die sie eine um die andere hinunterschluckte. Sie sollte weitergehen, Mr. Dermott seinem Klatsch und seine hübsche Begleiterin ihrem Sonnenstich überlassen und selbst Ruhe und Frieden in ihrer privaten Bucht suchen. Doch ihr vorlautes Mundwerk ging mit ihr durch.

Beinahe so wie bei der beschämenden Sache mit dem Kuss.

»Meine Familie wohnt das ganze Jahr hier«, sagte Caroline. »Und Mr. Dermotts Familie kommt fast jeden Sommer her. Mich erstaunt allerdings, dass ich Sie noch nie zuvor in Brighton gesehen habe, Miss Baxter. Was führt Sie den weiten Weg von London her?«

Und wo war die Anstandsdame dieses Persönchens? Caroline selbst blieb jene gesellschaftliche Notwendigkeit erspart, weil ihre Familie nur eine einzige Hausangestellte für alles besaß und man der guten Frau nicht zumuten durfte, Caroline und ihrer Schwester kreuz und quer durch Brighton hinterherzulaufen. Doch Caroline entsann sich nicht, wann sie je eine wohlerzogene junge Lady, noch dazu die Tochter eines Viscounts, gesehen hatte, die ohne Zofe oder Verwandte im Schlepptau am Strand spazieren ging.

Nicht im Mindesten irritiert ob der direkten Frage, kicherte Miss Baxter. »Nun, die gesellschaftlichen Möglichkeiten selbstverständlich! Mein Vater wird noch für einige Tage in London aufgehalten, aber er gestattete mir, ohne ihn vorauszureisen. Lord und Lady Beecham sind bereits hier, zusammen mit ihrem Sohn, Mr. Harold Duffington. Und die Traversteins trafen gestern Abend ein.« Sie lächelte, als müsste Caroline nicht bloß wissen, wer diese Leute waren, sondern vollends verzückt sein, sie in Bälde wiederzusehen. »Es heißt, dass es sozusagen eine zweite Londoner Saison hier geben wird, mit allabendlichen Partys und Tanz bis in die Morgenstunden.«

Diese Vorstellung fand Caroline überaus beunruhigend. Aber … warum?, war alles, was sie denken konnte.

Das durfte nicht wahr sein. Dies hier war Brighton, die Küstenstadt, in der Caroline ihr ganzes Leben verbracht hatte. Und die Ballsaison, sofern sie diesen Namen in Brighton überhaupt verdiente, war im Februar, wenn die Londoner ein milderes Klima suchten und der kohlenstaubgeschwängerten Winterluft Londons entflohen. Im Sommer lockte es ganz andere Besucher her, solche, die Kurbehandlungen und lange Spaziergänge den Ballsälen vorzogen. Tatsächlich war das Aufregendste, was man hier im Sommer erleben konnte, den Sonnenuntergang hinter den Türmen des Royal Pavilion anzusehen.

Miss Baxter beugte sich vor, und ihre hübsche blasse Nasenspitze zuckte voller Vorfreude. »Erzählen Sie ja keinem, dass Sie es von mir haben, aber ich hörte aus vertrauenswürdiger Quelle, dass die königliche Familie in diesem Sommer herzukommen plant.«

Diese Erklärung konnte Carolines Verwirrung keineswegs dämpfen, und ihre Gedanken überschlugen sich. »Aber … ich dachte, die Königin bevorzugt Brighton während der Wintermonate.«

Miss Baxter schüttelte den Kopf, als wäre offensichtlich, dass Caroline hinter dem Mond leben müsse, wenn sie die Gerüchte noch nicht gehört hatte. »Das war letztes Jahr! Sie können auf mein Wort vertrauen, Miss Tolbertson.«

»Durchaus.« Mr. Dermott grinste auf seine Begleitung hinab, als besäße sie ein seltenes Talent, mit dem sie die Menschheit in Staunen versetzen könnte. »Miss Baxter ist wahrhaftig eine Autorität, geht es um den neuesten Klatsch aus London.«

Caroline musste gequiekt oder gehickst (oder irgendeinen anderen, wenig damenhaften Laut ausgestoßen) haben, denn Miss Baxter musterte sie auf einmal alles andere als wohlwollend. Welcher Laut auch immer ihr entfahren sein mochte, plötzlich schien die junge Frau Caroline sehr scharf zu beobachten.

Na ja, und Caroline war bekannt dafür, gelegentlich zu schnauben.

Doch das einzige Geräusch, das sie selbst im Moment wahrnahm, war das Rauschen in ihren Ohren. Es war schon Furcht einflößend genug, sich vorzustellen, wie sie den Sommer damit verbrachte, einer Dame der Londoner Gesellschaft aus dem Weg zu gehen, deren Wert daran gemessen wurde, wie anschaulich sie die Fauxpas anderer zum Besten geben konnte. Doch sollte sich der angebliche Besuch der königlichen Familie vom Gerücht zur Tatsache wandeln, würde Brighton für einen vollen Monat in extreme Feierlaune verfallen. Und das würde bedeuten, dass der Sommer, die einzige Jahreszeit, in der sich das Meer hinreichend erwärmte, um ohne Furcht vor einer Lungenentzündung schwimmen zu gehen, zu einem Albtraum geriet, statt zu dem Vergnügen zu werden, auf das Caroline gehofft hatte.

»Heute Abend findet ein informelles Dinner bei Miss Baxter statt, und hinterher gibt es Salonspiele«, unterbrach Mr. Dermott Carolines Gedanken. »Es wird gewiss sehr spaßig. Sie sollten kommen.«

»Selbstverständlich«, ergänzte Miss Baxter, und ein Lächeln erblühte auf ihrem hübschen Gesicht. »Es wäre uns eine Ehre, Sie dort zu empfangen.«

Ja, das möchte ich wetten. Caroline konnte sich recht lebhaft vorstellen, wie ihre Rolle bei diesen Salonspielen ausfallen würde, sollte sie die Stirn haben, sich bei Miss Baxters Dinner zu zeigen. »Danke, ich bin schon anderweitig verpflichtet«, sagte sie. »Dinner mit meiner Familie.«

Miss Baxter blinzelte. Dann erschienen rote Flecken auf ihren Wangen, und Caroline erkannte ihren Fehler. Sie hatte eben die Einladung einer Viscount-Tochter ausgeschlagen und als Grund nichts anderes als ein ruhiges Essen mit ihrer Familie vorgebracht.

»Nun, Miss Baxter wird eine Einladung schicken, falls Sie es sich anders überlegen«, mischte sich Mr. Dermott schadenfroh ein, als würde er sich zusehends für die Idee erwärmen und sich einigen Spaß von der Situation erhoffen. »Sie sollten auch Ihre charmante Schwester mitbringen. Wie alt ist sie jetzt, neunundzwanzig? Dreißig?«

»Fünfundzwanzig«, murmelte Caroline.

»Oh, und nach wie vor unverheiratet. Ein Jammer, fürwahr. Obgleich es mit ihrem Stottern fast nicht verwundert, meinen Sie nicht auch? Nun, vielleicht wendet sich in diesem Sommer Ihrer beider Glück?« Er lachte.

Miss Baxter musste man zugutehalten, dass sie nicht in das Lachen einstimmte. Aber warum sollte sie auch? Sie war soeben von einem Niemand vor den Kopf gestoßen worden, und ihre Wangen behielten jene leuchtende Farbe bei, die entweder von steifer Verschnupftheit oder Verdauungsstörungen herrührte. Und die junge Frau sah beileibe nicht aus, als ließe sie allzu viel feste Nahrung ihre Lippen passieren. Sie wirkte eher, als könnte eine scharfe Windböe sie glatt durchlöchern.

Sie musste von dem Gesprächsverlauf angeödet sein – oder besagte Windböe fürchten –, denn Miss Baxter drückte den Arm ihres Begleiters und sagte: »Sie versprachen, mir den berühmte Chain Pier zu zeigen, Mr. Dermott.«

»Und ich würde niemals wagen, ein Versprechen zu brechen, das ich solch einer reizenden Begleiterin gab.« Dermott warf Caroline über die Schulter ein letztes, verdächtiges Lächeln zu. »Ich freue mich schon darauf, unsere Bekanntschaft heute Abend zu erneuern, Caroline.«

Dann waren sie fort, diese modisch gekleideten Raubtiere, die im Begriff waren, Caroline den ruhigen Sommer zu verderben und sie hilflos ihrem Tratsch und ihrer bizarren Vorstellung von Spaß zu opfern. Als die beiden in der Menge verschwanden, erlaubte Caroline ihren Schultern, sich ein wenig zu lockern. Unsere Bekanntschaft zu erneuern. Als wäre der Mann nicht bereits bekannt mit ihren Lippen! Das hatte er schließlich überall herumerzählt.

Sie blickte zu den weißen Kreidefelsen, die sie aus der Ferne lockten. Die unerfreuliche Begegnung hatte sie eine Viertelstunde gekostet, aber sicher blieben ihr noch Stunden, ehe Miss Baxter eine Einladung verfassen konnte, sollte sie es denn wirklich wollen.

Und wie von selbst bewegte sich Caroline, die dringend erholsame Anstrengung brauchte, auf den einen Ort zu, an dem sie allem entfliehen konnte. Beim Gehen kochte sie innerlich. Hatte sie nicht schon überlegt, ob Mr. Dermott es ein winziges bisschen unehrlich meinen könnte, als er erstmals Interesse an ihr bekundet hatte? Nun, das musste sie sich jetzt nicht mehr fragen.

Der Mann war geistesgestört, wenn er glaubte, dass sie sich heute Abend zeigen würde!

2

David Cameron erstarrte, als ihm die Erinnerung ein Messer in den Bauch trieb.

Eben noch war er den sich fortlaufend verändernden Wellensaum entlanggewandert und hatte sich vollends darauf konzentriert, sich nicht zu erinnern. Eine Stunde hatte er gebraucht, um zu diesem abgelegenen Küstenabschnitt zu gelangen, und unterwegs war seine Wendigkeit vielfach durch schroffe Felsen mit engen Trittspalten auf die Probe gestellt worden, wo das Meer an die weißen Kreidefelsen schlug. Er erinnerte sich nicht, vor elf Jahren einen so unwegsamen Pfad genommen zu haben; andererseits war er zu jener Zeit auch eher auf allen vieren unterwegs gewesen und auf Dinge konzentriert, die sich weit schwieriger ausnahmen als die landschaftlichen Gegebenheiten.

Im nächsten Moment entdeckte er eine Frau, die aus einer Felslücke dreißig Meter entfernt hervorkam. Schon brachen sich die verleugneten Erinnerungen Bahn und drohten, ihn zu verschlingen.

Er blinzelte, war er doch sicher, dass ihn seine Augen täuschten. Das Kribbeln direkt unter seiner Haut jedoch, das ihn bei ihrem Anblick sofort überkam, intensivierte sich mit jeder Sekunde, die verging. Dies war keine bloße Erinnerung, die von einer allzu blumigen Fantasie zum Leben erweckt wurde. Rein zufällig waren sie sich über ein Jahrzehnt zuvor begegnet, dennoch konnte David nicht leugnen, dass ihm seine Meerjungfrau von Brighton nach wie vor im Kopf herumspukte, als er an diesem besonderen Strandabschnitt ankam, wo er seinerzeit nur knapp mit dem Leben davongekommen war.

Und offensichtlich war seine Retterin, die er mehrmals verdächtigt hatte, seiner trunkenen Einbildungskraft entsprungen zu sein, doch real gewesen.

Er ging auf sie zu, angezogen von seiner Erinnerung und getrieben von seinen Manieren. Und er konnte den Moment genau ausmachen, in dem sie ihn wiedererkannte. Sie hielt auf eine Weise inne, als wären ihre Gliedmaßen in der Zeit gefroren, und öffnete den Mund vor Staunen.

»Miss Tolbertson, nicht wahr?«, fragte er, als er vor sie trat. Was könnte er unter diesen besonderen Umständen auch sonst sagen?

Ihr Mund schien sich um die Worte herum zu arbeiten, die sie vorbringen wollte. »Sie erinnern sich an meinen Namen, Lieutenant?«

Was sie wiederum sagte, kam zwar zwischen seinen Ohren an, doch klang ihre Stimme so viel reifer, als er sie im Gedächtnis hatte. Die Zeit hatte eine ganz eigene Art, eine Erinnerung zu nehmen und sie im Kopf in eine Stillleben-Miniatur zu verwandeln, die man sorgsam wegräumte, um sie bei besonderen Anlässen wieder hervorzuholen. Wenn David überhaupt an Miss Caroline Tolbertson dachte, dann immer als das Kind, das seinen erbärmlichen Hintern aus der Strömung gerettet hatte.

Und dies hier war kein Kind.

Oh ja, sie hatte dieselben Sommersprossen und das dunkle Haar, auch wenn es momentan trocken und zu einem groben Knoten gebunden war. Sie hatte dieselbe strenge Nase, dieselbe flache Brust. Bei Gott, sie hatte sogar fast das gleiche schlichte, mädchenhafte Kleid an, das ihr nur bis zu den Waden reichte, als kleidete es sie schon seit viel zu vielen Sommern.

Nur war sie jetzt viel größer. Schmächtig würde er sie nennen, wäre sie ein Pferd, das er bei einer Auktion zum Kauf in Betracht zog. Ihre Schultern schienen kaum Platz in ihrer Kleidung zu finden, so sehr spannten sie die Nähte. Das Mädchen, an das David sich erinnerte – wobei diese Erinnerung zugegebenermaßen von Kummer und Hochprozentigem verzerrt war –, war außergewöhnlich gewesen. Voller Leben und überquellend vor Gefühlen.

Die Frau schien beherrschter zu sein.

»Ein Mann merkt sich gewisse Fakten, war er einmal dem Tode nahe«, gestand er reumütig. »Dazu zählt der Name seiner Retterin.« Er sah zu ihr hinunter und stellte fest, dass er den Kopf nicht weit neigen musste. Ihre Nase reichte bis an sein Kinn, was erstaunlich war, denn er war ohne Stiefel schon eins neunzig groß. »Und ich bin nicht mehr Lieutenant. Ich habe meinen Titel letztes Jahr verkauft. Bitte, nennen Sie mich David!«

Sie riss die Augen weit auf. »Ich glaube nicht … ich meine … Ich kenne Sie doch gar nicht!«

»Sie kennen mich seit elf Jahren. An genau dieser Stelle retteten Sie mich, als ich hätte ertrinken sollen. Unter diesen Umständen scheint mir jede Förmlichkeit ein wenig deplatziert.«

Sie rang hörbar nach Luft, bevor sich ihr Mund zu einem Lächeln bog, das auch ihre Augen erreichte. Nun fiel David wieder ein, dass er sich gefragt hatte, ob ihre Augen grün oder braun wären oder irgendeine Farbe dazwischen hatten.

»Dann müssen Sie mich Caroline nennen.« Sie blickte sich unsicher um, bevor sie ihn wieder ansah. »Es ist ja nicht so, als wäre jemand da, der unseren schrecklichen Mangel an Förmlichkeit bezeugen könnte.« Sie musterte ihn mit ihren klaren, eindeutig haselnussbraunen Augen. »Ich gestehe, dass Sie mich ein wenig überraschten. Es kommt nie jemand zu diesem Strandabschnitt.«

David hatte nicht gewusst, was er sich davon versprach, an diesem Tag hierher zurückzukommen. Eine Offenbarung vielleicht. Eine dunkle Erinnerung an den Jungen, der er einst gewesen war, und eine strenge Ermahnung, welcher Mann er jetzt sein musste. Sie jedoch hatte er nicht erwartet.

»Es überrascht mich nicht, sind die Gewässer direkt um Brighton herum doch so viel ruhiger und offener. Und es ist ein recht unwirtlicher Weg hierher.« Er blickte hinunter zum Saum ihres Rockes und zu den klobigen Stiefeln an ihren Füßen. Sie hatte sich anscheinend angemessen für den Weg hierher gekleidet. Sein Schuhwerk hingegen eignete sich eher für ein gemäßigtes Schlendern entlang Brightons Marine Parade, und an seiner rechten Ferse hatte sich schon eine scheußliche Blase gebildet.

»Warum sind Sie hierher zurückgekehrt?«, fragte sie. Ihre Stimme war tiefer und rauchiger, als er sie in Erinnerung hatte.

Unwillkürlich blickte er wieder in ihr Gesicht. Nach den Ereignissen jenes schicksalhaften Tages war er zu seiner Infanterie-Einheit in Preston zurückgegangen. Und die war so nahe, dass er jederzeit wieder hätte hierherkommen können, wenn er gewollt hätte.

Aber er hatte nicht gewollt. Je weniger er an Brighton dachte und je weniger visuelle Reize er sich zumutete, desto leichter war es ihm gefallen, die frühen, schuldbeladenen Jahre durchzustehen. »Ich lebe woanders. Dies ist mein erster Besuch hier seit jenem Tag.«

»Oh.« Ihr Stirnrunzeln nahm ein wenig ab. »Ich vermute, das erklärt, warum ich Sie nie wiedergesehen habe.«

»Leben Sie in Brighton?« Ihr Akzent war deutlich gehobener als der Dialekt, den er beim Schlendern durch die Stadt von den hiesigen Fischerleuten aufgeschnappt hatte; trotzdem konnte es kein Zufall sein, dass er ihr zweimal bei zwei Besuchen hier begegnete.

»Ja, auf der Ostseite. Unser Haus ist direkt am Meer.« Als spornte seine Frage sie dazu an, ging ihr Blick hinaus auf die krachenden Wellen. Er folgte ihrer Blickrichtung und sah das diamantene Aufblitzen der Wellen, bevor sie zu einem brodelnden Grau zusammenfielen. Die Flut kam, und es war ein Furcht einflößender Anblick. Die hohen Klippenmauern um sie herum schienen sie zu umzingeln, was den Effekt noch intensivierte.

Waren die Wellen genauso gewaltig gewesen, als sie hinausgeschwommen war, um ihn zu retten? Er erinnerte sich nicht. Aber der Gedanke an solch eine Gefahr, die seiner Dummheit wegen auf den Schultern eines Kindes gelastet hatte, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

»Ich möchte Sie nicht aufhalten«, sagte sie mitten in seine Überlegungen hinein und wies zu dem Pfad, über den sie gerade gekommen war. »Sicher haben Sie noch etwas vor.«

Sie schien erpicht zu sein, ihn loszuwerden. Und er fragte sich, ob sie ihn verscheuchen wollte, bevor er wieder einen ungeschickten Schwimmversuch an dieser heimtückischen Stelle unternahm.

Fürwahr, es gab nicht genug Whisky auf dieser Welt!

»Ich werde nirgendwo sonst erwartet. Derzeit wohne ich mit meiner Mutter im Bedford, aber sie braucht mich heute Nachmittag nicht.«

Tatsächlich hatte seine Mutter ihn am Mittag aus ihrem Hotelzimmer hinauskomplimentiert und darauf bestanden, dass es ihr gut ginge. Sie hatte ihn sogar schnippisch angefahren, als er ihr das Kissen hatte aufschütteln oder ihr noch ein wenig aus dem Roman auf dem Tisch neben ihrem Bett hatte vorlesen wollen. In den drei Tagen, die sie mittlerweile hier waren, mochten ihn beunruhigende Erinnerungen heimsuchen, aber wenigstens schien es seiner Mutter besser zu gehen. Die Prognose des Arztes im letzten Monat war nicht gut gewesen, doch bereits jetzt klang ihr Atmen klarer. Vielleicht war ja wirklich etwas dran an der erholsamen Kraft von Brightons Meerwasserkuren.

Als seine Mutter vor zwei Wochen erstmals diese Reise vorgeschlagen hatte, hatte David sich dagegen gesträubt. Er verspürte nicht den geringsten Wunsch, nach Brighton und zu den Albträumen zurückzukehren, von denen er sicher war, dass sie ihn hier erwarteten. Letztlich jedoch konnte er seiner Mutter diesen Herzenswunsch nicht abschlagen, nachdem sie so lange schon krank war.

Erst recht nicht, als sie andeutete, dass es ihre letzte Bitte sein könnte.

»Sind Sie über den Sommer hier?«, fragte Caroline, die nichts von Davids rührseligen Gedanken ahnte.

»Für zwei Wochen«, antwortete er. Zehn Tage noch, also eine entsetzlich lange Zeit. »Wir reisen Anfang August nach Schottland zurück.«

»Ach ja? Nun, das ist immer noch länger, als manch andere bleiben. Mit der neuen Eisenbahn können Londoner sogar für einen Tag herkommen, wenn sie wollen. Können Sie sich das vorstellen? Von London nach Brighton und zurück in wenigen Stunden?« Sie lächelte, was das Muster ihrer Sommersprossen in die Länge und die Breite zog. »Im letzten Jahr kamen sie jeden Samstag in Scharen her, haben die Strände verschmutzt, die Wasserabläufe verstopft und jeden Halm Strandroggen zertrampelt, den sie finden konnten. Leider haben wir uns seither schon den Spitznamen ›Das London am Meer‹ verdient. Ich hoffe, Sie werden von Ihrem Aufenthalt hier nicht enttäuscht sein.«

Er musste grinsen. Sie war noch dieselbe wie damals und dennoch anders. Zwar plapperte sie nicht mehr ganz so übereifrig wie vor elf Jahren, aber sie plapperte nach wie vor. Und ihn faszinierte, wie die Zeit ihre Erscheinung und ihre Haltung verändert hatte. Obwohl er angesichts der Umstände ihrer Bekanntschaft die gegenteilige Reaktion erwartet hätte, riss ihn ihre Stimme aus seinen selbstzerfleischenden Gedanken und lenkte ihn von schmerzlichen Erinnerungen ab.

Plötzlich kamen ihm die verbleibenden zehn Tage in Brighton nicht mehr wie eine lange, bedrohliche Strafe vor. Er lächelte richtig. »Ich bin nicht im Mindesten enttäuscht. Und so kurzweilig die Beliebtheit Brightons bei den Londonern als Gesprächsthema sein mag, würde ich lieber über Sie reden.«

Caroline holte tief Luft und fragte sich, warum ihr Bauch sich beim Anblick gerader weißer Männerzähne so komisch verhielt.

David Cameron war nicht ganz so gut aussehend, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Seine Schultern waren noch genauso breit wie vor elf Jahren, nur steckten sie heute in einem braunen Wolljackett anstelle der hübschen Uniform. Er trug keinen Hut, und seine strohblonden Locken hatten so gar keine Ähnlichkeit mit dem gesponnenen Gold aus Carolines Fantasie. Seine Gesichtszüge hatten alles Jungenhafte verloren, und die Sonne und die Erfahrung hatten winzige Falten neben seine blauen Augen gegraben.

Gut aussehend war er, ohne Frage, aber nicht so gut aussehend.

Und wie kam es, dass ein jüngeres und nicht minder attraktives Exemplar – Mr. Dermott, um genau zu sein – sie vor nicht einmal einer Stunde angelächelt hatte und sie bei dem Anblick lediglich den Drang verspürt hatte, ihm das Gesicht zu zerkratzen?

Natürlich war David Cameron der Mann, in den sie sich ein klein wenig verliebt hatte, bevor sie alt genug gewesen war, um es besser zu wissen. Ihn hatte sie sich zu küssen ausgemalt, als sie in Wahrheit Mr. Dermott geküsst hatte.

Als sie ihn eben bemerkt hatte, umrahmt vom Strandroggen am östlichen Rand der weißen Klippen, war es, als würde sie gegen die Felsen einige Dutzend Meter vom Strand entfernt geworfen, an denen sich die Wellen brachen. Sie konnte nicht glauben, dass er nach elf langen Jahren wieder aufgetaucht war. Es war wirklich erstaunlich, genauso wie die Tatsache, dass er mit ihr sprach, als wäre sie eine feine Dame und als genösse er die Unterhaltung mit ihr.

Trotzdem würde sie alles tun, um das Gespräch von sich selbst abzulenken.

»Sie erwähnten Schottland«, sagte sie und benetzte die Lippen. Wäre sie doch nur nicht so nervös! »Aber Ihr Akzent ist nicht so stark, wie ich ihn in Erinnerung habe.«

Er verzog das Gesicht. »Ah, habe ich Ihnen bei unserer letzten Begegnung eine Kostprobe meines heimischen Dialekts gegeben?« Er beugte sich verschwörerisch vor, und Caroline fühlte seine Nähe so intensiv, als drückte er sich an sie. »Ich bin aus einer Stadt im Norden, Moraig. Und ich verrate Ihnen ein wohlgehütetes Geheimnis: Mein Akzent ist gemeinhin besonders stark, wenn ich zu viel getrunken habe.«

Schmunzelnd schürzte sie die Lippen. »Nun, das wird es erklären. Bei unserer letzten Begegnung rochen Sie wie eine Schnapsbrennerei.« Sie schnupperte übertrieben. »Heute allerdings nicht.«

Genau genommen roch er … interessant. Wie Salz und Meer und ganz schwach nach frisch gewaschener, von körperlicher Anstrengung gewärmter Baumwolle. Ganz anders als Mr. Dermott, der einzige andere Mann, den zu riechen Caroline jemals die Gelegenheit gehabt hatte … außer ihrem Vater natürlich; Dermott hatte nach Haarpomade gerochen und zu aufdringlich nach dem Bier geschmeckt, das er bei einem Händler am Pier gekauft hatte.

Einen atemberaubenden Moment lang fragte sie sich, wie David Camerons Mund schmecken würde. Dieser ungeheuerliche Gedanke trieb ihr die Röte ins Gesicht, und sie brauchte dringend eine Ablenkung. »Warum braucht Ihre Mutter heute nicht Ihre Gesellschaft?«

Er seufzte, und aus diesem Laut konnte Caroline die unterschiedlichen Facetten von Sorge und Verdruss heraushören. »Sie ist krank, und der Arzt verschrieb ihr eine Erholungskur. Ich brachte sie in der Erwartung nach Brighton, ihr als hingebungsvoller Sohn zu dienen, doch seit unserer Ankunft scheint sie andere Vorstellungen zu haben, wie ich meine Zeit hier verbringen sollte.«

Caroline lächelte. »Mit langen Spaziergängen zu unentdeckten Stränden?«

Er lachte. Der Wind fing den spontanen Ausbruch von Heiterkeit ein und schleuderte ihn gegen die Klippen. »Nein, nichts derart Angenehmes. Die Baroness wünscht, dass ich zu gesellschaftlichen Anlässen gehe, wie sie in meiner Heimatstadt nicht zu haben sind. Ich verstehe das Theater nicht, denn ich bin nur ein Zweitgeborener.«

Caroline erschrak so sehr, dass sie einen halben Schritt zurückwich. An jenem Tag vor elf Jahren hatte sie nichts von seinem gesellschaftlichen Status gewusst. Sie hatte die Uniform gesehen und ihn für einen gewöhnlichen Soldaten gehalten. Dabei kam sein Rang in Brighton schon beinahe der königlichen Familie nahe. »Nun, der Sohn eines Barons dürfte einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen, zumal in einem Ort wie Brighton.«

David winkte bescheiden ab. »Ein schottischer Baron ist nicht dasselbe wie ein englischer. Im Grunde besagt der Titel nur, dass mein Vater ein kleines Anwesen besitzt. Und manch einer bezweifelt sogar, dass ihm der Adelstitel zusteht.«

Caroline blinzelte. Vermutlich ergab es Sinn, obwohl es nichts daran änderte, dass Mr. Cameron sich in gänzlich anderen Kreisen bewegte als sie.

In Mr. Dermotts Kreisen.

»Ich habe meine Mutter hergebracht, damit sie sich erholt«, fuhr David fort. »Doch anscheinend hält sie ihre Verfassung für weniger besorgniserregend als die mangelnden Heiratsaussichten ihres jüngsten Sohnes. Sie hat bereits zwei Einladungen für mich angenommen.«

Caroline erschauderte. »Das klingt wunderbar.«

»Wirklich?«, fragte er überrascht.

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich gestehe, dass ich lieber Federball spielen würde. Und ich kann Federball nicht ausstehen.«

Hierauf lachte er wieder. »Wenn nicht Federball, was dann? Wir wissen ja schon, dass Sie hin und wieder unüblichen Zerstreuungen frönen. Schwimmen Sie noch, kleine Meerjungfrau?«

Womit sie wieder bei Carolines exzentrischen Angewohnheiten waren, was sie unbedingt verhindern wollte. Vielleicht hatte er die Gerüchte über ihren unüberlegten Kuss noch nicht gehört, doch er hatte sie einst schwimmen gesehen. Und selbst wenn das vor elf Jahren gewesen war und sie sich beide Stillschweigen geschworen hatten, waren solche Geheimnisse gefährlich für eine junge Frau wie Caroline, die ohnehin am äußeren Rand der Gesellschaft stand.

Caroline mochte sich nach wie vor nicht sicher sein, ob sie von den Sommergästen akzeptiert werden wollte, ihre Mama jedoch erwartete von ihr, dass sie sich wie eine Lady benahm – auch ohne diesen Titel.

»Nein.« Caroline bekam ein schlechtes Gewissen. In Brighton – wie überhaupt in ganz England – schwamm eine Dame nicht. Sie durfte am Ufer entlangschlendern, solange sie dick in Wolle und Spitze gehüllt blieb. Sie durfte eine Meerwasserbehandlung in einem der lächerlichen Badehäuser auf Rädern genießen, wo Anstand und Privatsphäre gewahrt blieben. Und war sie sehr kühn oder sehr kurbedürftig, durfte sie sogar eines der Badekostüme anziehen und ein Stück hinausgehen, um einmal medizinisch ins Wasser zu tauchen, bevor sie eilig wieder in den sicheren Badewagen zurückwatete.

Aber eine Lady schwamm nicht. Nicht, wenn sie als Lady angesehen werden wollte.

»Schwimmen Sie hier nicht mehr?«, fragte er verblüfft. »Oder überhaupt nicht mehr?«

Für einen Moment überlegte sie, ihre Antwort zu korrigieren und ihm die Wahrheit zu sagen. Aber wie sollte sie erklären, dass ihr die gesellschaftlichen Erwartungen bekannt waren, ihre Seele jedoch – nein, ihre geistige Gesundheit – nach anderem verlangte? Das Meer mochte an ihr ziehen und zerren, ihr gelegentlich sogar androhen, sie umzubringen.

Doch es degradierte sie nicht.

In den Wellen fühlte sie sich auf eine Weise ganz, wie sie es unter Menschen nie erlebte.

Und deshalb schwamm sie heimlich, versteckt wie einer dieser silbrigen Fische, die zwischen den Felsen umherhuschten, um den größeren Fischen zu entkommen, die sie im Ganzen verschlingen wollten.

»Damen schwimmen nicht«, sagte sie, was schon in ihren eigenen Ohren schwächlich klang.

Er zog die Brauen hoch. »Früher schwammen Sie sehr gut. Auf eine ungewöhnliche Art, wenn ich mich recht entsinne, aber ziemlich effektiv.«

Der warme Tag und die unangenehme Wendung des Gesprächs brachten sie ins Schwitzen, und sie fürchtete, dass ihre Stirn sehr unangenehm zu glänzen begann. Sie war zum Schwimmen hergekommen, was sich nun als unmöglich erwies, dabei hätte es ihr geholfen, ihre Fassung wiederzufinden. Ihre Umstände allerdings verboten, dass sie das aussprach.

David Cameron schien sie zu mögen. Warum sollte sie das durch unangebrachte Ehrlichkeit zunichtemachen?

»An dem Tag waren Sie betrunken«, sagte sie. »Wahrscheinlich sind Ihre Erinnerungen nicht sehr klar. Und ich war nie besonders erfahren. Ich bezweifle, dass ich mehr als ein bisschen ungeschicktes Planschen zustande brächte.«

Er nickte, als leuchtete ihm ihre Lüge ein, obwohl sie vollkommen absurd anmutete. Und prompt schrumpfte die Idee, ihm die Wahrheit zu verraten, bis zur Unkenntlichkeit.

Er glaubte ihr, was ein Jammer war. Die Hitze sammelte sich unangenehm klamm zwischen ihren Brüsten.

Nun ja, an der Stelle, die von Brüsten flankiert sein sollte.

»Ich habe es übrigens nie jemandem erzählt«, murmelte sie.

»Dass Sie früher geschwommen sind?«

»Dass Sie es nicht konnten. Ich habe keinem von jenem Tag erzählt, nicht einmal meiner Schwester Penelope.«

Er neigte den Kopf, womit er sich stumm für die Höflichkeit bedankte, die sie ihm erwiesen hatte. »Das ist eine lange Zeit, ein Versprechen zu halten. Ich hätte es Ihnen nicht verübelt, wären Sie durch die Umstände gezwungen gewesen, das Geheimnis zu lüften.«

»Meiner Ansicht nach bestimmt den Charakter eines Menschen, ob er zu seinem Wort steht«, erklärte sie. »Ein Versprechen muss man halten.«

Sein Mund wurde zu einer schmalen Linie. »Eine bewundernswerte Einstellung. Ich würde gern behaupten, dass ich meine Versprechen nur halb so gut halte.«

Für einen Moment bekam Caroline Angst. »Sie meinen, Sie haben jemandem von mir erzählt?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bezog mich auf ein anderes Versprechen, das ich einst gab. Vor langer Zeit.«

Als er keine Anstalten machte, mehr zu verraten, wischte Caroline sich die verschwitzten Hände an ihrem Rock ab. Die Sonne verspottete ihr verlegenes Schweigen. Hier an den Kreidefelsen war sie immer so grell, eine unerwartete Explosion von blendender Farbe und Energie. Infolge dieser besonderen Mischung aus Sonne und Wind war Caroline an Stellen gebräunt, an denen es eine anständige Lady nicht sein dürfte, und das nur von ihrem täglichen Schwimmen. Sie fühlte nun, wie ihre Nase verbrannte.

Verärgert dachte sie, dass Miss Baxters gelber Sonnenschirm hier und jetzt sehr praktisch wäre.

Oh, Miss Baxter! Die Einladung zu der Dinnerparty!

Sie war so durcheinander vor Aufregung gewesen, David Cameron wiederzusehen – und die Vergangenheit aufleben zu lassen –, dass sie vorübergehend ihre unglücklichen Aussichten für die Zukunft vergaß.

»Ich muss gehen«, sagte sie hastig und wandte sich schon zum Weg um. Falls Miss Baxter wirklich die furchtbare Einladung geschickt hatte, würde ihre Mutter das ganze Haus nach Caroline absuchen. »Mama erwartet mich zum Tee.«

»Werde ich Sie hier morgen wiedersehen?«, rief David ihr nach und brach das seltsame Schweigen, das ihn seit seiner letzten merkwürdigen Bemerkung umgeben hatte.

Caroline zögerte. Sein unerwartetes Erscheinen hatte Hoffnungen in ihr geweckt, sie aber auch um die heutige Chance zum Schwimmen gebracht. Solange sie denken konnte, war sie mit ihrem Vater zu dieser versteckten Bucht gekommen, anfangs um Muscheln zu sammeln, dann, in den letzten Jahren vor seinem Tod, um Schwimmen zu lernen. Und trotz seines strahlenden Lächelns und der Tatsache, dass er diesen Strand bereits kannte, wollte Caroline ihn mit niemandem teilen.

Nicht einmal mit David Cameron.

»Ich komme nicht täglich her«, wich sie aus. »Aber Sie dürfen mich in der Stadt aufsuchen, dann könnten wir auf der Marine Parade oder an der Steine spazieren gehen. Unser Haus ist das große georgianische mit den roten Läden, das Erste, an dem Sie auf dem Rückweg vorbeikommen.«

Er grinste, und jene rätselhafte Melancholie, die ihn eben noch umgeben hatte, war fort. »Das werde ich tun.«

Einen irrsinnigen Moment lang, den sie unmöglich bereuen konnte, obwohl sie ihn gern kontrollieren würde, grummelte ihr Magen zustimmend. Wollte er ihr den Hof machen? Elf Jahre voller Sehnen und heimlicher Träume, die sich von kindlicher Fantasie in erwachsene Neugier gewandelt hatten, mündeten in Hoffnung. Keiner, nicht mal Mr. Dermott, hatte sie jemals zu Hause besucht.

Und dann ruinierte er es. Er packte ihre Hoffnung und zerquetschte sie zwischen seinen Händen, als wären ihre Träume eine Sandburg und er die unvermeidliche Flut.

»Denn«, sagte er, als wäre es nichts Erstaunliches, dass Caroline Tolbertson Besuch von einem Gentleman bekam, »wenn ich diesen Sommer den emsigen Kuppelversuchen meiner Mutter widerstehen will, werde ich eine gute Freundin in Brighton brauchen, um unversehrt zu überleben.«

3

Caroline kam gerade rechtzeitig nach Hause, um den uniformierten Boten von ihrer Vorderveranda kommen zu sehen.

Bei dem Anblick stürmte sie panisch über das letzte Strandstück. Ihre Lunge protestierte schmerzlich, als Caroline über den Sand rannte.

Warum, oh, warum nur hatte die Unterhaltung mit David Cameron nicht fünf Minuten früher enden können? Sie bereute die Begegnung nicht, bedauerte nicht einmal, dass sie ihre kostbare Schwimmzeit versäumt hatte, und war immer noch überwältigt von der unerwarteten Wendung, die ihr Nachmittag genommen hatte. Den ganzen Heimweg über waren ihre Gedanken ihr zehn Schritte vorausgeeilt. Doch hätte das Vergnügen, mit ihrer Kindheitsobsession zu sprechen, fünf Minuten früher geendet, würde sie jetzt nicht den Kurier von hinten sehen, der zweifellos Miss Baxters Einladung gebracht hatte.

Vor allem aber würde Caroline dann nicht diese bittere Freundschaftserklärung durch den Kopf hallen, ausgerechnet aus dem Mund des Mannes, der jeden einzelnen ihrer weiblichen Gedanken geprägt hatte.

Sie sprang jeweils zwei der verwitterten Holzstufen auf einmal hinauf, flitzte an der Verandabrüstung mit der abblätternden Farbe entlang und stolperte über ihre Muschelsammlung, die mit jedem Sommer größer wurde. Dann warf sie die Tür auf und kam schlitternd auf dem Parkett zum Stehen. Es juckte sie in den Fingern, die Nachricht des Boten zu greifen und in den Müll zu befördern.

Ihre Schwester Penelope stand in der Diele, hielt einen geöffneten Brief in der Hand und machte große Augen. »Oh Caroline, das glaubst d-du n-nie!« Sie schwenkte das Papier. »Wir sind h-heute Abend zu eine D-D-Dinnerparty eingeladen!«

Caroline drehte sich der Magen um. Sie hatte gehofft, dieses entsetzliche Ding von ihrer Mutter fernzuhalten, allerdings nicht bedacht, um wie viel schlimmer es war, wenn die Einladung ihrer Schwester in die Hände fiel.

»Das ist meine, Pen«, sagte sie kopfschüttelnd. »Und ich habe nicht vor, die Einladung anzunehmen.«

»Aber sie ist a-a-auch an m-mich adressiert. Sonst hätte ich sie doch nicht geöffnet.«

Für einen Moment hallten die Worte ihrer Schwester durch Carolines Kopf. Und dann begriff sie, dass sie überlistet worden war. Miss Baxter musste gewusst haben, dass der einzige Weg, Caroline auf den Opferaltar zu locken, der war, ihre Schwester ebenfalls einzuladen.

»Pen, es ist nicht so, wie du denkst.«

»Ich werde wohl mein rosa gestreiftes Taftkleid mit dem Volant unten anziehen. Ich finde immer, dass die Farbe mir steht.«

»Du siehst in allem reizend aus.« Und das stimmte. Mit ihrem hellen Haar und den freundlichen – wenn auch bisweilen zu ernsten – blauen Augen strahlte Penelope eine stille Schönheit aus. Aber natürlich hatte sich keiner der Sommergäste je die Zeit genommen, sie richtig anzusehen.

»Oh, sag, dass du hingehst!«, bat Penelope. »Du weißt doch, dass Mama uns nicht gehen lässt, es sei denn, wir sind gegenseitig unsere Anstandsdamen.«

Bess, das Mädchen für alles der Familie, kam wie gerufen mit dem Teeservice aus dem hinteren Teil des Hauses und schnalzte leicht mit der Zunge. Als sie Caroline in der Diele erblickte, seufzte sie erleichtert. »Himmel, Kind, da sind Sie ja! Ich fragte mich schon, wie ich jetzt wieder Ihr Fehlen erklären sollte. Schließlich hatten Sie Ihrer Mama versprochen, heute pünktlich zu sein.«

Caroline krümmte sich innerlich, dabei meinte Bess es nur gut. Die freundliche, gebeugt gehende Dienstmagd war seit ewigen Zeiten bei ihnen und gehörte ebenso fest zum Haushalt wie der Nachmittagstee. »Ich sagte ihr, ich würde es versuchen, Bess. Aber manchmal gehe ich … ähm … auf meinen Spaziergängen etwas weiter als geplant.«

»Hmpf.« Das Schnauben der Bediensteten übertönte das Geschirrklimpern. »Sie lassen sich wohl eher ablenken.« Sie ging mit dem Tablett den Flur hinunter, und hinter ihr wehte der Duft frisch gebackener Scones auf.

»Erzähl es nicht Mama!«, flehte Caroline, als sie Bess mit Penelope in den Salon folgte. Ihre Schwester antwortete nicht, doch sie erregte die Aufmerksamkeit ihrer Mutter, die bereits auf dem fadenscheinigen blauen Sofa saß.

Mrs. Tolbertsons Blick fiel auf Carolines windzerzauste Haare, und sie kniff für einen Moment den Mund zusammen. »Mir was erzählen? Und mein Gott, Kind, dein Haar sieht furchtbar aus! Warum du jeden Nachmittag einen langen Spaziergang unternehmen musst, ist mir unbegreiflich.«

»Ich genieße es.« Caroline griff nach oben und versuchte, die von der Feuchtigkeit gekräuselten Strähnen an ihren Schläfen zu glätten. Ihre Mutter hatte Carolines Begeisterung für lange Spaziergänge noch nie verstanden.

Andererseits verließ sie ohnehin nur sehr selten das Haus.

Wie üblich trug Mama heute ein hoch geschlossenes schwarzes Bombasin-Kleid, obwohl es beinahe brütend heiß im Haus war. Ihr blondes Haar, in dem sich erste Spuren von Grau abzeichneten, war heute Nachmittag noch genauso perfekt in Wellen gelegt wie am Morgen beim Frühstück. Auch wenn ihr die Mittel fehlten, ihren Töchtern eine Londoner Saison zu ermöglichen, bestand sie allzeit auf einer tadellosen Erscheinung, obwohl sie außer ihrer Familie niemand sah.

Und auf diesem Gebiet erwies sich Caroline ein ums andere Mal als herbe Enttäuschung.

»Hat eine von euch in die Gazette von heute gesehen?«, fragte Penelope, während sie die zerknüllte Zeitung und einen kleinen Bücherstapel von ihrem Lieblingsstuhl nahm. »Jemand sollte mal mit der R-Redaktion sprechen. Es ist eine Sch-Sch-Schande, voller Grammatikfehler und ohne jede klare Richtung. Papa hätte solch eine schlechte Redaktion niemals durchgehen lassen.«

Wieder verkniff ihre Mutter den Mund, was immer geschah, wenn Penelopes Interesse am Lesen allzu offenkundig wurde. »Ich halte das nicht für ein angemessenes Thema beim Nachmittagstee«, schalt sie. »Das Zuhause sollte eine Oase der Ruhe sein, keine Brutstätte kritischen Denkens. Es stört die Verdauung, meine Liebe. In London hätte meine Mutter solch ein Thema niemals beim Tee geduldet.«

Caroline wollte auf keinen Fall wieder in quälend langweilige Ausführungen über die Kindheit ihrer Mutter in London gezogen werden, deshalb beugte sie sich vor und sagte: »Ich habe heute eine Neuigkeit gehört. Die königliche Familie kommt vielleicht den Sommer her.« Die Erinnerung an Miss Baxters Monolog über die Vorzüge des Tanzens bis in die Morgenstunden jagte Caroline einen uneleganten Schauer über den Rücken. »Wenn es so zugeht wie beim Besuch der Königin im Februar, wird Brighton schrecklich überrannt werden.«

»Es scheinen sch-sch-schon mehr Gäste aus London da zu sein als sonst.« Penelope räusperte sich. »Gewiss gibt es dann viele Partys.«

Caroline ärgerte sich, ahnte sie doch, worauf ihre Schwester hinauswollte. »Pen«, flüsterte sie, »ich will nicht hingehen.«

»Wohin gehen?« Mrs. Tolbertson, die gerade Tee einschenkte, blickte auf. »Wovon sprecht ihr?«

»Äh … zu der neuen Modistin in der East Street«, improvisierte Caroline. Sie nahm ihre Tasse und nippte an ihrem Tee, um Zeit zu schinden. »Madame Beauclerc. Ich glaube, sie ist Französin.«

»Französin?« Die blauen Augen ihrer Mutter weiteten sich überrascht. »Als ich nach der Heirat mit eurem Vater herzog, wurden noch täglich Fischernetze in der Steine zum Trocknen ausgelegt. Kaum zu glauben, dass Brighton jetzt eine französische Modistin hat.« Sie sah Carolines altes Kleid an. »Ich gestehe, mich wundert, dass du solche Dinge überhaupt ...

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