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Eine Romanze wie im Märchen

1. Kapitel

 

"O nein, bitte, bitte tu mir das nicht an." Marigold schloss die Augen, ihre langen dunklen Wimpern berührten kurz ihre zarten Wangen, und sah noch einmal aufs Armaturenbrett. "Was soll das, Myrtle? Wir sind am Ende der Welt, und das bei fürchterlichem Wetter! Du kannst doch jetzt nicht plötzlich den Geist aufgeben. Was ich vorhin zu dir gesagt habe, habe ich doch gar nicht so gemeint."

Das uralte kleine Auto antwortete mit einem kurzen Stottern, als wolle es Marigold klar machen, dass sie das nächste Mal erst denken und dann reden sollte. Bereits seit einer halben Stunde hatte der Motor unter einer Art Schluckauf gelitten. Und nun starb er komplett ab.

Toll. Einfach toll. Marigold sah auf die Windschutzscheibe, die völlig mit Schnee bedeckt war, seit die Scheibenwischer nicht mehr funktionierten. In etwa einer Stunde würde es dunkel werden. Sie konnte schlecht im Auto sitzen bleiben und darauf hoffen und warten, dass zufällig jemand vorbeikam. Schon eine ganze Weile hatte sie keine Häuser mehr gesehen.

Sie schnappte sich den Zettel mit der Wegbeschreibung zum Sugar Cottage und fragte sich, ob sie vielleicht irgendwo die falsche Abzweigung genommen hatte. Nein, nach einem Blick auf die Karte war sie sich sicher, dass sie richtig gefahren war. Das Cottage lag nun einmal sehr abgeschieden, und genau diese Abgeschiedenheit hatte sie ja auch gewollt. Und sie wollte sie noch immer – vorausgesetzt, sie kam überhaupt jemals dort an.

Sie las sich noch einmal die Wegbeschreibung durch. Ihre hübsch geschwungenen Augenbrauen zogen sich über den lebhaften veilchenblauen Augen zusammen, während sie versuchte, die Entfernung zum Cottage abzuschätzen. Das letzte Gebäude, einen altmodischen Pub, hatte sie vor etwa zehn Meilen gesehen, danach war sie von der Hauptstraße auf diese holprige Seitenstraße abgebogen. Vielleicht war es ja gar nicht mehr so weit bis zum Sugar Cottage? Wie auch immer, sie hatte keine andere Wahl, als zu Fuß zu gehen.

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus, drehte sich um und betrachtete stirnrunzelnd die voll beladene Rückbank. Ihre Gummistiefel befanden sich zusammen mit ihrem knöchellangen Regenmantel in ihrem alten Rucksack. Eine Taschenlampe hatte sie sicherheitshalber ebenfalls dazugepackt, nachdem Emma zum tausendsten Mal betont hatte, wie abgeschieden das Landhaus liege und dass der Strom im Winter gelegentlich ausfalle. Bis auf ein großes Herrenhaus auf der anderen Seite des Tals war das kleine Cottage in Shropshire, das Emma von ihrer Großmutter geerbt hatte, von der Außenwelt völlig isoliert.

Und das, rief sich Marigold zur Ordnung, ist es doch nun wirklich wert, so einem läppischen Schneesturm zu trotzen. Entschlossen streifte sie ihren dicken, warmen Fleecepulli und den Regenmantel über. Kein Telefon und kein Fernseher, hatte Emma erklärt, als sie Marigold anbot, die Weihnachtstage im Cottage zu verbringen – ihre Großmutter hatte sich standhaft gegen diese modernen Errungenschaften gewehrt! Die alte Frau hatte ihr Brot noch selbst gebacken, Hühner und eine Kuh gehalten und nach dem Tod ihres Mannes allein in dem Haus gelebt, bis sie mit zweiundneunzig Jahren friedlich im Schlaf gestorben war. Diese Geschichte beeindruckte Marigold sehr, und sie hätte Emmas Großmutter gern kennen gelernt.

Mit Regenmantel und Gummistiefeln gegen das ungastliche Wetter geschützt, packte sie ein paar Lebensmittel in den Rucksack. Meinen Koffer und alles andere muss ich wohl vorerst zurücklassen, dachte sie betrübt. Hauptsache, sie erreichte nur irgendwie heute Abend noch das Cottage. Um alles andere konnte sie sich dann am nächsten Tag kümmern. Zu dumm, dass sie in der Hektik des Aufbruchs ihr Handy in London vergessen hatte.

Zuletzt nahm sie noch den Zettel mit der Wegbeschreibung, stieg aus dem Wagen und schloss die Tür ab. Sie straffte die Schultern. Ein Cottage während eines Schneesturms zu finden war doch nichts im Vergleich zu dem, was sie in den letzten Monaten durchgemacht hatte. Wichtig war nur, dass dieses Weihnachtsfest ganz anders wurde als das, das sie mit Dean geplant hatte. Es versetzte Marigold einen Stich, daran zu denken, dass er und Tamara sich gerade an dem Strand in der Karibik sonnten, den sie im Hochglanzprospekt des Reiseveranstalters ausgesucht hatte. Sie konnte es noch immer nicht fassen, dass er Tamara mit auf diese Reise genommen hatte, die ja eigentlich ihre Flitterwochen hätte werden sollen. Bei all seinen Lügen hatte sie das als die schlimmste Demütigung empfunden. Ein gemeinsamer Freund hatte ihr von den Reiseplänen der beiden erzählt – schließlich hatte sie nach all der Zeit ein Recht darauf, so etwas zu erfahren. Marigold war in diesem Augenblick so verletzt gewesen, dass sie am liebsten direkt in Deans Wohnung marschiert wäre, um ihm so wehzutun, wie er ihr wehgetan hatte.

Aber sie hatte es nicht gemacht. Nein, sie hatte ihre distanzierte, würdige Haltung bewahrt. Nur einmal hatte sie die Beherrschung verloren, nämlich in dem Moment, in dem sie die Geschichte mit der anderen Frau entdeckt hatte. Sie hatte ihm entgegengeschleudert, was für ein Mistkerl er doch sei, und ihm den Verlobungsring ins Gesicht geworfen.

Schon wieder spürte sie Tränen in sich aufsteigen, aber sie biss die Zähne zusammen. Genug geheult. Sie hatte sich schon vor ein paar Wochen geschworen, der Vergangenheit nicht länger hinterherzujammern. Sie wollte sich in nächster Zeit vom anderen Geschlecht einfach fern halten, und falls dieses Cottage wirklich so einsam lag, wie Emma behauptet hatte, dachte sie sogar daran, es zu kaufen. Emma hatte erwähnt, dass sie es im nächsten Jahr zum Verkauf anbieten wolle.

Marigold stapfte weiter, ohne das Schneetreiben um sich her richtig wahrzunehmen. Nach ihrer Trennung von Dean Ende des Sommers hatte sie beschlossen, ihr Leben komplett zu ändern.

Sie war in London geboren und aufgewachsen, hatte dort die Uni besucht und im letzten Semester ihres Kunstund Designstudiums Dean kennen gelernt. Nach dem Studium hatte sie einen gut bezahlten Job in einer kleinen Firma bekommen, wo sie sich auf Grafikdesign spezialisierte. Zunächst hatte sie überwiegend Werbeplakate entworfen, später dann Grußkarten. Mittlerweile spielte sie mit dem Gedanken, sich als Designerin selbstständig zu machen. Ungefähr vor einem Jahr hatte Dean ihr einen Heiratsantrag gemacht. Ihre Zukunft schien gesichert – bis Tamara Jaimeson auf der Bildfläche erschien.

"Au!" Als ob der Gedanke an die andere Frau wie ein böser Fluch auf Marigold lastete und Unglück bedeutete, stolperte sie über ein Schlagloch und fiel der Länge nach hin. Der Schnee fing ihren Sturz zwar ein wenig ab, aber als sie aufzustehen versuchte, merkte sie, dass sie sich den Knöchel verstaucht hatte. All ihre Gedanken an den Job, an Dean, ihre Zukunft oder das Cottage waren plötzlich weit entfernt. Der Schmerz wurde übermächtig.

Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, aber vermutlich war sie höchstens zehn Minuten weitergehumpelt, bis sie hinter sich ein Auto hörte. Noch nie hatte sie ein Motorengeräusch als so schön empfunden – in ihren Ohren klang es wie eine liebliche Melodie. Obwohl es noch immer recht hell war, kramte sie die Taschenlampe aus ihrem Rucksack und stellte sich vor eine schneebedeckte Hecke am Straßenrand. Auf keinen Fall wollte sie riskieren, dass der Fahrer sie wegen des grauenhaften Wetters womöglich einfach übersah.

Doch der große, beeindruckende Wagen bremste bereits ab, noch bevor sie die Taschenlampe überhaupt hatte anknipsen können.

"O danke, danke!" Während sie hastig zu dem geöffneten Fenster humpelte, wäre sie beinahe wieder gestürzt. "Ich hatte eine Panne und weiß nicht, wie weit ich noch gehen muss … Ich bin nämlich gestürzt und habe mir den Knöchel verstaucht …" Ihre Stimme überschlug sich fast.

"Schon gut, langsam, langsam!"

Es war weniger diese kalte, ungeduldige Stimme, die Marigold innehalten ließ, sondern vielmehr der Anblick des großen, dunklen Mannes hinterm Steuer. Er war sehr attraktiv, auf eine wilde, gefährliche Art, aber vor allem seine eiskalten grauen Augen machten sie einen Moment lang sprachlos.

"Ich nehme an, das dort hinten ist Ihr Auto, demnach sind Sie mit Sicherheit auf dem Weg zum Sugar Cottage."

"Ach ja?" Marigold sah ihn verlegen an. "Wieso?"

"Weil es das einzige Haus im Tal ist – von meinem mal abgesehen", entgegnete er. "Also müssen Sie Emma Jones sein, Maggies Enkelin."

"Ich …"

"Wie ich gehört habe, waren Sie einmal hier, um sich das Cottage anzusehen. Schade, dass ich Sie damals nicht kennen lernen konnte."

Seinem Tonfall nach zu urteilen, waren diese Worte alles andere als freundlich gemeint, und Marigold stutzte kurz angesichts dieser offenkundigen Feindseligkeit.

"Ich habe mir damals vorgenommen, Ihnen meine Meinung zu sagen, sobald ich die Gelegenheit dazu bekomme", fügte er bissig hinzu.

"Hören Sie mal, Mr. …?"

"Moreau", entgegnete er barsch.

"Hören Sie, Mr. Moreau, vielleicht sollte ich Ihnen erklären …"

"Erklären?"

Marigold hatte davon gehört, dass es Menschen gab, die einen mit einem einzigen Blick zum Verstummen brachten. Sie hatte das nie glauben können, geschweige denn am eigenen Leib erfahren müssen. Plötzlich wusste sie, wie es sich anfühlte. Er hatte sich leicht dem Fenster zugewandt, seine grauen Augen blitzten silbrig, und sie erstarrte.

"Was erklären?" fragte er kurz angebunden. "Warum niemand aus Ihrer Familie es in den letzten zwölf Monaten nur einmal für nötig befunden hat, eine alte Frau zu besuchen? Diese ein oder zwei Briefe und der gelegentliche Anruf im Dorfladen haben Ihrer Ansicht nach wohl ausgereicht, wie? So etwas kann einen Besuch nicht ersetzen, Miss Jones. Oh, ich weiß, sie war manchmal etwas schwierig und oft sogar so starrköpfig, dass man sie hätte erwürgen können, aber hat denn keiner von Ihnen kapiert, dass sie nur um ihre Würde und Unabhängigkeit gekämpft hat? Sie war eine alte Frau, verdammt noch mal. Zweiundneunzig Jahre alt! Hatte denn keiner von Ihnen genug Einfühlungsvermögen, um zu sehen, dass hinter ihrer Schroffheit und ihren Marotten nur die Sehnsucht nach Liebe steckte?"

"Mr. Moreau …"

"Aber natürlich war es viel einfacher, sie als verrückte Alte anzusehen", stieß er wütend hervor. "Auf diese Weise konnten Sie alle mit reinem Gewissen Ihr eigenes Leben leben."

So langsam spürte Marigold Wut in sich aufkeimen, nicht zuletzt wegen seiner arroganten Weigerung, ihr auch nur eine Sekunde Gehör zu schenken. Ganz offensichtlich ärgerte er sich schon seit langer Zeit über das Verhalten von Emmas Familie, gab ihr jedoch keine Chance zu erklären, wer sie war und was sie hier tat!

"Sie verstehen nicht. Ich bin nicht …"

"Verantwortlich?" Schon wieder hatte er sie unterbrochen, seine Augen funkelten wie Kristalle. "Da machen Sie es sich aber ganz schön leicht, Miss Jones. Mit diesem hilflosen Frauchengetue halten Sie mich nicht zum Narren. Nicht eine Sekunde lang! Während Sie ausrechnen, wie viel Geld Sie mit dem Verkauf des Hauses verdienen, denken Sie vielleicht mal darüber nach, wie viel Schweiß und Tränen es Ihre Großmutter gekostet hat, dort bis zum Schluss bleiben zu können. Schweiß und Tränen, verursacht durch Sie und den Rest Ihrer armseligen Familie."

"Sie haben kein Recht, so mit mir zu sprechen." Marigold war kurz davor, ihm eine Ohrfeige zu verpassen.

"Ach nein?" Seine Stimme klang nun etwas sanfter, doch gerade das beunruhigte sie. "Sie wollen also das Haus, den ganzen Stolz Ihrer Großmutter, gar nicht verkaufen? Das Heim, für das sie so hart gekämpft hat?"

Marigold setzte zum Sprechen an, da ging ihr auf, dass es genau das war, was Emma vorhatte. Diese Erkenntnis ließ sie zögern.

"Dachte ich mir's doch." Schon wieder warf er ihr diesen vernichtenden Blick zu. "Unvorstellbar, dass Sie vom selben Fleisch und Blut sein sollen wie diese mutige alte Dame. Sie und der Rest Ihrer Familie sind es nicht wert, ihr die Füße zu küssen."

Marigold sah ihn verblüfft ihn an. Schneeflocken hatten sich inzwischen auf ihren Wimpern gesammelt. Gerade wollte sie ihm sagen, dass sie tatsächlich nicht dasselbe Blut habe wie Emmas Großmutter, ja, dass sie die alte Dame nicht einmal gekannt habe, als heiße Wut in ihr aufstieg. Stumm blickte sie ihn an. Sollte er doch denken, was er wollte, dieser arrogante Kerl! Lieber würde sie den ganzen Weg mit verstauchtem Knöchel laufen, als ihn um Hilfe zu bitten oder ihm zu erklären, dass er sich irre. Dieser Mann war ein Rüpel, egal, ob er Recht hatte oder nicht. Er wusste doch, dass ihr Auto liegen geblieben war und sie sich verletzt hatte, trotzdem hatte er nichts Besseres zu tun, als sie zu beschimpfen.

Nun, dann sollte er doch verschwinden! Sie jedenfalls würde ihm überhaupt nichts erklären. Sollte er doch in seinem schönen, warmen Auto wegfahren und sich freuen, dass er seinen Frust losgeworden war. Dieser widerwärtige, ungehobelte …

"Fehlen Ihnen die Worte, Miss Jones?" erkundigte er sich schneidend.

"Überhaupt nicht." Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter fünfundsechzig auf und wünschte sich mehr denn je, ein paar Zentimeter größer zu sein. "Ich frage mich nur, ob es sich lohnt, auch nur ein Wort auf eine so arrogante Person wie Sie zu verschwenden, das ist alles."

"Wirklich?" Sein Lächeln wirkte kalt und aufgesetzt. "Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?"

Sie sah ihn wortlos an, ihre blauen Augen blitzten vor Empörung, dann wandte sie sich trotzig ab und begann, die Straße entlangzugehen. Dabei versuchte sie, so wenig wie möglich zu humpeln, aber der Schmerz schien nach dieser kurzen Pause nur noch schlimmer geworden zu sein.

Sie hörte, wie der Motor hinter ihr aufheulte, und erwartete beinahe, dass der große Wagen einfach an ihr vorbeischießen würde. Stattdessen fuhr er im Schritttempo neben ihr her. Sie biss sich auf die Lippe und blickte starr geradeaus.

"Sie haben gesagt, dass Sie sich den Knöchel verstaucht haben", hörte sie diese ihr so verhasste Stimme neben sich.

Sie ignorierte sowohl ihn als auch das Bedürfnis, in Tränen auszubrechen, während eine Welle des Selbstmitleids über ihr zusammenschlug.

"Steigen Sie ein!" sagte er ungeduldig. Marigold beachtete ihn noch immer nicht und blickte trotzig in eine andere Richtung.

"Miss Jones, ich glaube, ich sollte Sie darauf hinweisen, was für ein Glück Sie haben, dass ich einen Termin hatte, für den ich heute Morgen aus dem Haus musste. Es ist absolut unmöglich, dass sonst noch jemand auf dieser Straße fährt, und das Cottage ist noch mindestens eine Meile entfernt. Muss ich noch mehr sagen?" fügte er herablassend hinzu.

"Verschwinden Sie!" fuhr sie ihn an.

Er zögerte kurz und sagte dann amüsiert: "Wenn einer hier draußen verschwindet, dann werden das wohl eher Sie sein, Miss Jones. Hören Sie auf mit dem Theater. Es mag ja unangenehm sein, die Wahrheit zu hören, aber Sie sind alt und bestimmt auch stark genug, darüber hinwegzukommen."

"Lieber erfriere ich, als mit Ihnen zu fahren." Für den Bruchteil einer Sekunde wandte sie den Kopf, um in seine silbergrauen Augen zu blicken. Ihr Gesicht sprach Bände.

"Jetzt benehmen Sie sich kindisch."

"Nun, das können Sie ja noch auf die Liste meiner schlechten Eigenschaften hinzusetzen", entgegnete sie scharf.

"Einsteigen!"

Marigold war kurz davor, sich zu vergessen und einen Fluch auszustoßen, der ihr noch nie im Leben über die Lippen gekommen war. Er bildete sich ein, sie herumkommandieren zu können, und das nach allem, was er ihr an den Kopf geworfen hatte? Gut, er verwechselte sie mit Emma, und sie musste zugeben, dass sie nicht die ganze Geschichte kannte. Aber sie hatte ihn um Hilfe gebeten, und er hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als sie im Schnee stehen zu lassen, während er ihr einen Vortrag über familiäre Verpflichtungen hielt. Nichts, aber auch gar nichts, konnte sie dazu bewegen, sich von diesem selbstgefälligen, überheblichen Kerl helfen zu lassen.

"Zwingen Sie mich nicht dazu, Sie mit Gewalt ins Auto zu zerren, Miss Jones."

"Sie glauben, das würde funktionieren?"

"O ja." Es klang wie eine Drohung, aber sie war noch immer so wütend, dass sie mit hoch erhobenem Kopf weiterlief. Trotzig bahnte sie sich ihren Weg durch das Schneegestöber, wobei ihr der Regenmantel um ihre Beine flatterte.

Heißer Zorn brodelte in ihr. Wenn er mich auch nur anrührt, wird er sein blaues Wunder erleben, schwor sich Marigold, als der Wagen sie einholte.

"Ihre Großmutter war eine einzigartige Frau."

Marigold beachtete ihn nicht.

"Ihretwegen werde ich es nicht zulassen, dass das einzige Kind ihres Sohnes hier draußen erfriert, auch wenn es genau das ist, was Sie verdienen."

"Wie können Sie es wagen?" Sie blitzte ihn zornig an, aber die Anstrengung war ihr deutlich anzumerken. Ihr Gesicht war bleich, und die Lippen waren blutleer. Sie hatte versucht, die Schmerzen zu überspielen, doch langsam war sie am Ende ihrer Kräfte. Er sah sie eine Sekunde lang an, dann seufzte er gereizt und stieg unvermittelt aus dem Auto. Und bevor Marigold überhaupt wusste, wie ihr geschah, hatte er sie auch schon hochgehoben, als wäre sie leicht wie eine Feder.

"Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Lassen Sie mich sofort runter!" schrie sie wütend und trommelte mit den Fäusten gegen seine breite, muskulöse Brust.

"Geben Sie Ruhe!" murrte er verärgert, lief um den Wagen und ließ sie nicht gerade sanft auf den Beifahrersitz fallen. Sofort versuchte sie, wieder auszusteigen, schrie aber laut auf, als sie mit dem verletzten Fuß auftrat.

"Miss Jones, ich habe ein ziemlich langes Seil im Kofferraum. Und glauben Sie mir, ich habe nicht die geringsten Hemmungen, Sie auf Ihrem Sitz festzubinden. Verstanden? Sie bleiben jetzt da sitzen, bis wir Maggies Cottage erreicht haben. Was mich betrifft, bin ich froh, wenn ich Sie wieder los bin."

"Sie sind ekelhaft!" Mehr konnte sie nicht sagen. Einerseits schmerzte ihr Fuß – andererseits war sie schockiert: Dieser Mann musste mindestens einen Meter neunzig groß sein, und ihr wurde schlagartig klar, dass sie gegen diesen stattlichen, schlanken Mann mit den starken Muskeln überhaupt nichts ausrichten konnte. Aus der Nähe betrachtet – und sie war ihm sehr nahe gekommen, wie nahe, darüber wollte sie im Augenblick nicht nachdenken – war er ungeheuer attraktiv.

Sein Gesicht war gebräunt, er hatte fein geschnittene Züge, seine silbergrauen Augen unter den dunklen Brauen wirkten im Kontrast zu seinem pechschwarzen Haar beinahe stechend. Er ist … nun, er sieht ziemlich toll aus, dachte Marigold, nachdem er die Beifahrertür zugeknallt hatte.

Sie beobachtete, wie er ums Auto herumging und sich auf den Fahrersitz setzte. Er fuhr los und fragte kurz angebunden: "Haben Sie dafür gesorgt, dass Ihnen Lebensmittel und Heizöl ins Cottage geliefert werden?"

Nein, denn sie hatte gar nicht gewusst, dass das überhaupt möglich war. Emma hatte nichts davon erwähnt, als sie Marigold das Cottage angeboten hatte. "Nein, habe ich nicht."

"Und wann war das Cottage zum letzen Mal bewohnt?"

Auch das wusste sie nicht. Sie überlegte. "Vor kurzem."

"'Vor kurzem' im Sinne von Monaten oder Wochen?" Er ließ nicht locker. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern, aber in Anbetracht der momentanen Umstände schien ihr das nicht das Klügste zu sein.

"Wohl eher Monate", vermutete sie laut, denn Emma hatte ihr erzählt, wie ungemütlich es in dem Landhaus sein konnte, wenn es Winter war, und dass sie lieber in den wärmeren Monaten hinausfuhr.

Er nickte wortlos und konzentrierte sich auf die Straße. Marigold betrachtete die tanzenden Schneeflocken. Die Landschaft hatte sich inzwischen in ein Winterwunderland verwandelt. Sie war schon ganz froh, dass sie im warmen, sicheren Auto saß und sich nicht mehr durch das Schneetreiben kämpfen musste, und für einen Moment bekam sie ein schlechtes Gewissen, weil sie so unfreundlich zu ihm war. Aber halt: Er musste ein schlechtes Gewissen haben, nicht sie! Er hatte sich mehr als unhöflich verhalten, unabhängig davon, wie sehr er die alte Dame gemocht hatte. Ungefragt hatte er ihr einfach Dinge unterstellt, und das konnte sie nicht tolerieren!

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die schmelzenden Schneeflocken auf ihrem Mantel den ganzen Sitz volltropften. Unter ihren Gummistiefeln hatte sich bereits eine beachtliche Lache gebildet.

Seine Züge wirkten hart und ungerührt, als wären sie aus Stein gemeißelt. Irgendwie zeigte er keinerlei menschliche Regung. Marigold fiel erst jetzt ein, dass sie diesem Fremden völlig ausgeliefert war. Sie schluckte schwer.

"Schauen Sie mich nicht so verängstigt an. Ich würde Maggies Enkelin nicht mal mit der Kneifzange anfassen, nur für den Fall, dass Sie sich gerade Gedanken über eine Vergewaltigung machen."

In seiner dunklen Stimme schwang Ironie mit. Trotzig straffte Marigold die Schultern und setzte sich kerzengerade hin. Ihr Gesicht, das bis eben noch blass gewesen war, gewann wieder an Farbe. "Kein Gedanke würde mir ferner liegen", log sie mit scharfer Stimme.

"Hm." Er schien ihr nicht zu glauben.

Was für ein widerlicher Kerl! Marigold presste die Lippen zusammen und zwang sich, nicht zu reagieren. Bald wäre sie allein in ihrem Cottage. Sie würde ihren Knöchel bandagieren und sich danach ins Bett legen. Dieser Schneesturm konnte schließlich nicht ewig dauern. Am nächsten Tag würde sie zu Myrtle zurücklaufen und sehen, ob sich das Auto nicht doch noch zur Weiterfahrt überreden ließ. Wenn nicht – nun, dann musste sie ihr ganzes Gepäck und den Sack Kohlen eben sonstwie ins Cottage schaffen. Wie das gehen sollte, vor allem mit einem gestauchten Knöchel, der von Minute zu Minute mehr schmerzte und langsam anschwoll, und in knietiefem Schnee, darüber wollte sie im Moment nicht nachdenken.

Für den Augenblick hatte sie genug damit zu tun, irgendwie mit diesem aggressiven Mann neben ihr zurechtzukommen.

Sie waren schon eine ganze Weile bergab gefahren, und als sie jetzt um eine Kurve bogen, erblickte Marigold das Cottage. Von Bäumen umgeben, stand es etwa fünfzig Meter abseits der Straße. Ein Zaun säumte den kleinen, verschneiten Garten. Das Haus war weiß gestrichen und das dunkle Schieferdach selbst durch den Schneesturm hindurch gut zu erkennen.

Sie seufzte erleichtert auf und bewegte behutsam ihr verletztes Bein. Der stechende Schmerz machte ihr Sorgen, aber sie sagte sich, dass alles wieder in Ordnung kommen würde, sobald sie den Knöchel bandagiert hätte.

"Bitte schön, Ihr Erbe", sagte Moreau höhnisch.

Sie drehte den Kopf und betrachtete sein maskenhaft starres Profil. "Wie kommen Sie auf die Idee, es solle verkauft werden?" fragte sie ruhig.

"Nun, davon abgesehen, dass Sie und der Rest Ihrer Familie schon mehrfach bewiesen haben, wie herzlos Sie sind, haben auch einige Leute im Pub gehört, wie Sie davon sprachen."

"Die Leute belauschen ein privates Gespräch und besitzen dann auch noch die Frechheit, das herumzuerzählen?"

Ihr Tonfall schien ihn zu ärgern. "Mir kam zu Ohren, dass dieses private Gespräch zwischen Ihnen und Ihrem Freund nach dem Genuss von zwei Flaschen Wein so laut gewesen sein soll, dass niemand zu lauschen brauchte. Vielleicht sollten Sie in Zukunft darauf achten, sich das nächste Mal nicht zu betrinken. Und mit Ihren Kommentaren über die 'Bauerntölpel' haben Sie sich hier auch nicht gerade Freunde gemacht", fügte er bissig hinzu.

O Emma! dachte Marigold. Sie kannte Emma schon ziemlich lange – aber seit sie ihren neuen Freund hatte, der einen Sportwagen und eine ziemlich hohe Meinung von sich selbst besaß, hatte sie sich ziemlich verändert.

Zum Glück hielt das Auto in diesem Moment vor dem kleinen Gartentor, und Marigold musste nicht weiter über eine passende Antwort nachdenken. Sie atmete tief durch und flehte im Stillen, dass sie diesen Mann in ihrem ganzen Leben nie wiedersehen musste. "Danke fürs Mitnehmen", sagte sie steif. Wasser tropfte von der Kapuze auf ihre Nase.

"War mir ein Vergnügen." Seine Stimme troff vor Ironie. Er stieg aus, ging um den Wagen herum und öffnete ihr die Tür.

Diese höfliche Geste überraschte sie.

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