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Eine Prinzessin unterm Mistelzwig

PROLOG

„Eure Hoheit, Prinzessin Fredericka Deveraux, erlauben Sie mir, Ihnen die Prinzessinnen Sasha und Tabitha Tarisse vorzustellen“, sagte Paul Hamburg, als die wunderschöne Prinzessin den Raum betrat. Diese hatte persönlich dafür gesorgt, dass Sasha und ihre Schwester in Chantaine Zuflucht gefunden hatten.

Sasha stand auf und zog ihre jüngere Schwester vom Stuhl. Die letzten Monate waren für sie und ihre Familie, das Königshaus der Tarisses von Sergenia, schrecklich gewesen. Seit drei Jahren herrschte in ihrem Land eine schwere Wirtschaftskrise, und die Bürger waren immer wütender und ungeduldiger geworden. Erst kürzlich hatte sich der Volkszorn dann gegen die königliche Familie gerichtet. Es hatte handfeste Drohungen gegeben. Sasha wäre fast verprügelt worden, und Tabitha war nur knapp einer Entführung entgangen.

Schließlich hatte ihr Bruder sie überredet, das Land wenigstens zeitweilig zu verlassen. Einer der königlichen Berater hatte mit der Prinzessin ausgehandelt, dass die Königskinder in Chantaine, einem friedlichen Inselstaat im Mittelmeer, aufgenommen wurden.

„Bitte nennen Sie mich Ericka“, erwiderte sie. „Sie müssen erschöpft sein. Möchten Sie einen Tee?“

„Gern“, sagte Sasha. Sie hoffte, dass es richtig gewesen war, sich in Chantaine in Sicherheit zu bringen. Sie und ihre Schwester hatten alles Vertraute in Sergenia zurückgelassen und so gut wie nichts mitgenommen.

Die blonde Prinzessin wirkte kühl, aber ihr Blick war voller Mitgefühl.

Ericka nickte ihrer Assistentin zu. „Bitte bringen Sie uns Tee und Gebäck.“

Sasha strich über den lockeren Haarknoten in ihrem Nacken. „Wir sind Ihnen sehr dankbar. Verzeihen Sie uns, wenn wir noch etwas zurückhaltend sind.“

„Weil wir hereingelegt wurden“, warf Tabitha mit gerunzelter Stirn ein. „Unser Bruder Alex hat versprochen, sich hier in Chantaine mit uns zu treffen, aber er ist verschwunden.“

„Oh, das tut mir leid. Haben Sie eine Ahnung, wo er sein könnte?“, fragte Ericka.

Tabithas Augen blitzten. „Wer weiß? Vielleicht streift er durch die Berge an unserer Landesgrenze. Oder er zieht in Italien von einer Party zur nächsten.“

„Tabitha“, sagte Sasha tadelnd. „Ich bitte um Entschuldigung“, fügte sie hinzu.

„Ich verstehe Ihre Verärgerung“, erwiderte Ericka.

Die Assistentin kehrte mit Tee und Snacks zurück, und die drei Frauen setzten sich. Obwohl Sasha hungrig war, wusste sie, dass sie keinen Bissen herunterbekommen würde. Sie begnügte sich damit, am Tee zu nippen.

„Es ist mir ein Vergnügen, Sie in Chantaine willkommen zu heißen“, sagte ihre Gastgeberin. „Aber wie Sie wissen, ist Ihr Aufenthalt hier mit mehreren Bedingungen verknüpft. Es geht dabei um Ihre Sicherheit und die unserer Bürger. Bestimmt hat man Ihnen bereits erklärt, dass Sie eine neue Identität annehmen müssen. Sie dürfen niemandem erzählen, wer Sie wirklich sind. Sasha, mir ist bewusst, dass Sie eine begabte Konzertpianistin sind, aber solange Sie hier sind, müssen wir Sie bitten, nicht öffentlich aufzutreten.“

Sasha nickte betrübt. Die Musik bedeutete ihr alles. Natürlich hatte sie gewusst, dass sie keine Konzerte mehr geben durfte, aber jetzt spürte sie eine schmerzhafte innere Leere.

„Selbstverständlich können Sie privat spielen. Wir werden versuchen, es Ihnen zu ermöglichen.“

„Danke“, antwortete Sasha. „Es würde mir sehr schwerfallen, ganz auf das Klavier zu verzichten.“

„Tabitha, wir arbeiten daran, Sie so bald wie möglich unterzubringen. Bis dahin können Sie beide hierbleiben, aber Sie dürfen nicht zusammen in der Öffentlichkeit auftreten.“

Entsetzt starrte Tabitha sie an. „Nie?“

„Nur vorübergehend, bis in Ihrem Land wieder Ruhe herrscht“, erinnerte Ericka sie. „Diese Vorsichtsmaßnahme dient vor allem Ihrer eigenen Sicherheit. Wenn man Sie zusammen sieht, wird irgendwann jemand darauf kommen, wer Sie wirklich sind.“

Sasha griff nach der Hand ihrer Schwester. „Wir werden tun, was nötig ist, aber was ist mit unserem Bruder?“

Ericka sah Paul Hamburg an.

„Wir erkundigen uns nach ihm, aber wir müssen vorsichtig sein, solange die Prinzessinnen in Chantaine sind. Wir wollen keinen Verdacht erregen“, sagte er.

„Aber wir kennen Leute, die andere Leute kennen, und können unsere Beziehungen nutzen.“

Paul seufzte. „Ja, das können wir.“

„Ich weiß, dass Sie von mir keine Befehle annehmen, aber ich hoffe, Sie tun Ihr Bestes und gehen dabei äußerst diskret vor.“

„Das werde ich“, versprach er.

„Danke.“ Sie wandte sich wieder den Schwestern zu. „Jetzt lassen Sie mich Ihnen etwas über Chantaine erzählen.“

Prinzessin Ericka schwärmte ihnen von Chantaines landschaftlicher Schönheit, dem milden Klima, den vielen Stränden und freundlichen Bewohnern vor. Sasha entspannte sich ein bisschen.

„Wie ich bereits sagte, werden Sie neue Identitäten annehmen müssen. Haben Sie schon darüber nachgedacht, welche Namen Sie annehmen möchten?“

Tabitha warf das lange schwarze Haar über die Schulter. „Gypsy Rose.“

Sasha verdrehte die Augen. „Wir brauchen Namen, die keine Aufmerksamkeit erregen.“

„Na gut. Welchen hast du dir ausgesucht?“

„Sara“, antwortete Sasha. „Ein Vorname, der mit demselben Buchstaben beginnt und ähnlich klingt, damit ich schnell darauf höre. Und ungewöhnlich ist er auch nicht.“

Tabitha zog einen Schmollmund. „Jane Doe geht wohl nicht, was? Obwohl eine Amerikanerin den Namen aussuchen würde.“

Die Prinzessin lächelte. „Das bezweifle ich. Nehmen wir als neuen Nachnamen Martin. Der kommt in Chantaine und Europa häufig vor.“

Tabitha seufzte. „Dann muss ich wohl Jane Martin heißen, wenn ich einen noch gewöhnlichere Namen als Sasha haben will.“ Sie räusperte sich. „Oh, Entschuldigung, ich meinte Sara.“

1. KAPITEL

Ein Jahr später …

Als Sara die Veranda betrat, hörte sie einen schrillen Laut. Hätte sie es nicht besser gewusst, dann hätte sie geglaubt, dass er von einem Tier kam. Hastige Schritte folgten, und dann wurde die Tür geöffnet.

Ein hochgewachsener, zerzaust aussehender Mann starrte sie an. Er hatte ein weinendes Baby mit rotem Gesicht auf dem Arm, und ein kleiner Junge klammerte sich an sein Bein.

„Sind Sie Sara?“, fragte er atemlos. „Sara Smith? Hat der Palast Sie hergeschickt?“

„Ja“, sagte sie nur.

Er musterte sie von Kopf bis Fuß. „Danke, dass Sie gekommen sind“, übertönte er das weinende Baby. „Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie sehen sehr jung aus. Sind Sie alt genug, um als Kindermädchen zu arbeiten?“

Bis auf Lipgloss trug Sara keinerlei Make-up. Auch das gehörte zu ihrer neuen Rolle. Auf das Bühnen-Make-up, das sie bei Konzerten getragen hatte, konnte sie gern verzichten. „Das nehme ich mal als Kompliment“, erwiderte sie. „Ich bin siebenundzwanzig.“

„Oh“, sagte er, und die Überraschung war ihm deutlich anzusehen. „Darauf wäre ich nie gekommen.“ Das Baby begann wieder zu weinen. „Wir haben gerade einen harten Tag, daher wäre es mir recht, wenn Sie den beiden Saft und Kekse geben möchten. Dann beruhigen sie sich hoffentlich wieder.“ Er ging den Flur entlang, das zweite Kind noch immer am Bein. „Das ist Sam“, fuhr er mit einem Blick auf den Jungen fort.

„Hallo, Sam“, begrüßte Sara ihn zaghaft. Obwohl sie gewusst hatte, dass die kleine Familie noch immer unter einem schweren Verlust litt, war das hier mehr, als sie erwartet hatte.

„Und ich habe Adelaide auf dem Arm“, erklärte der Mann. „Wie Sie sehen, kann sie ziemlich anstrengend sein.“

„Mr. Sinclair?“

„Oh.“ Er schüttelte den Kopf. „Nennen Sie mich Gavin. Vielleicht verpassen Sie mir im Laufe des Tages noch andere Namen“, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu.

Ihre Blicke trafen sich, und in seinen schokoladenbraunen Augen sah Sara eine Mischung aus Erschöpfung und Galgenhumor. Seine markanten Züge hätten auf sie vielleicht einschüchternd gewirkt, aber der strenge Eindruck, den das kantige Kinn und die dunklen Brauen auf sie machten, wurde durch das verlegene Lächeln und die Lachfalten an den Augen abgemildert.

Er sah Adelaide an und streichelte ihre Wange. „Bald geht es dir besser, meine Süße.“ Dann warf er Sara einen Blick zu. „Sie ist seit einiger Zeit nicht so gut drauf. Ich weiß nicht, was sie hat. Ihre Nase läuft, aber sie hat kein Fieber. Vielleicht braucht sie nur ausreichend Schlaf. Ich zeige Ihnen, wo alles ist.“ Er hielt Sam eine Hand hin. „Hilf mir, Kumpel. Führen wir die hübsche Lady herum.“

Widerwillig ließ Sam das Bein los und hielt sich an der Hand des Vaters fest, während Gavin ihr das Haus zeigte. Es gab außer dem Elternschlafzimmer ein kleines Kinderzimmer, eine Waschküche und zwei weitere kleine Schlafzimmer. Eines davon war voller Bücher und Spielzeuge seines Sohnes, das andere lag zwischen dem Kinderzimmer und Sams Zimmer. „Dies ist Ihr Zimmer“, sagte Gavin. „Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, sich ein Bad mit Sam zu teilen.“

„Überhaupt nicht“, erwiderte Sara. Die Morgensonne schien durchs Fenster. Das Zimmer war klein, aber gemütlich eingerichtet. Hier kann ich mich sicher fühlen, dachte sie erleichtert.

Gavin zeigte ins Elternschlafzimmer, in dem ein Schreibtisch mit einem Computer und einige Fitnessgeräte standen. „Wie Sie sehen, habe ich versucht, zu Hause zu arbeiten, aber leider ohne großen Erfolg.“

Er drehte sich zu ihr um. „Das kleine Wohnzimmer kennen Sie ja schon. Das größere dient als Spielzimmer. Dort gibt es auch einen Fernseher, den Sie gern benutzen können.“

Saras Blick fiel auf ein altes Klavier an der hinteren Wand. Sie musste sich beherrschen, um nicht hinzulaufen und über die Tasten zu streichen. „Sie haben ein Klavier“, sagte sie so beiläufig wie möglich.

Gavin nickte. „Sie spielen?“

In Konzertsälen auf der ganzen Welt. Aber seit einiger Zeit nicht mehr. Sie zuckte mit den Schultern. „Ja, ein wenig.“

„Ich fürchte, es ist länger nicht gestimmt worden“, warnte er. „Das Klavier war uns nicht so wichtig.“

„Natürlich nicht.“ Die Prinzessin hat Wort gehalten.

„Spielen Sie, wann immer Sie möchten. Es tut mir leid, dass ich Sie mit allem überfalle und wieder schnell verschwinde, aber ich muss mich im Palast um die Bauplanung kümmern. Auf dem Tresen in der Küche liegt ein Handy, das Sie benutzen können. Außerdem habe ich Ihnen sämtliche Nummern aufgeschrieben, auch die für Notfälle. Die Liste liegt daneben. Die Notfallnummern werden wir hoffentlich nicht brauchen, aber bei kleinen Kindern kann man nie wissen.“ Er schaute erst auf Adelaide, die sich die Augen rieb, dann auf Sam.

Gavin seufzte, und der traurige Ausdruck auf den drei Gesichtern ging Sara ans Herz. „Trauen Sie sich das wirklich zu? Ich weiß nicht, was man Ihnen erzählt hat, aber wir haben eine schwere Zeit durchgemacht.“

„Ich bin informiert“, versicherte sie ihm und war plötzlich fest entschlossen, ihr Bestes für diese Familie zu geben. „Ich passe auf Ihre Kinder auf. Sie können ruhig zum Palast fahren. Bestimmt wartet man dort schon auf Sie.“

Das Baby sah sie misstrauisch an, ließ aber zu, dass Sara es auf den Arm nahm. „Komm mit, Sam. Wir trinken jetzt Saft und essen Kekse. Drück deinen Vater ganz fest, damit er einen guten Arbeitstag hat. Dann musst du mir mit Adelaide helfen.“

Gavin umarmte seinen Sohn, griff nach einer Computertasche und eilte zur Tür. „Rufen Sie mich an, falls Sie etwas brauchen.“

„Wir kommen schon zurecht!“, rief sie ihm nach.

Kaum war Gavin fort, fühlte Sara, wie Adelaide mit der Kraft eines kleinen Hais in ihr Schlüsselbein biss. Der Schmerz war so heftig, dass sie leise aufschrie.

Das Baby zuckte zurück und begann wieder laut zu weinen.

Sam trat Sara gegen das Schienbein.

Entsetzt starrte sie ihn an. „Warum hast du das getan?“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Du hast meiner Schwester wehgetan.“

„Das habe ich nicht“, widersprach Sara. „Sie hat mich gebissen!“

Sam überlegte kurz. „Oh, ich glaube, ihr Mund tut weh. Kriege ich jetzt Saft und einen Keks?“

„Erst entschuldigst du dich dafür, dass du mich getreten hast“, sagte sie, als Adelaides Weinen in ein leises Wimmern überging.

„Entschuldigung“, sagte der Junge. „Kriege ich jetzt …“

„Kann ich bitte Saft und einen Keks haben?“

Er nickte. „Ja, kannst du.“

Sara seufzte. „Sprich mir nach. Kann ich bitte Saft und einen Keks haben?“

Sam tat es.

„Gut gemacht“, lobte sie.

Sara nahm Adelaide auf den anderen Arm und servierte Sam den Snack am Tisch, Anschließend holte sie einen Eiswürfel aus dem Kühlschrank, wickelte ihn in einen Waschlappen und gab ihn dem kleinen Mädchen.

Stille. Fünf herrliche Sekunden lang. Sara holte tief Luft und beobachtete, wie Sam sich den Keks in den Mund stopfte und Adelaide am kalten Lappen kaute. Hoffnung stieg in ihr auf, aber sie konnte nicht den ganzen Tag lang Saft und Kekse servieren.

Sie setzte Sara in eine Sportkarre und band Sam die Schuhe, damit sie spazieren gehen konnten. Als Kind war sie gern draußen gewesen. Anders als die Kindermädchen in Kinofilmen waren ihre Nannys mit ihr und ihren Geschwistern immer im Palast geblieben, der ihnen dunkel und renovierungsbedürftig vorgekommen war.

„Ist es nicht ein schöner Tag?“, fragte sie Sam. „Wir haben Dezember, aber es fühlt sich an wie Mai.“

Er zuckte nur mit den Schultern.

„Bist du denn nicht gern draußen?“

Wieder ein Achselzucken. „Glaub schon.“

„Wie ich höre, hast du in North Dakota gelebt. Ist es dort nicht sehr kalt?“

Sam nickte. „Es hat viel geschneit. Hier gibt es gar keinen Schnee.“

„Was vermisst du noch?“

Er antwortete erst nach einem langen Moment. „Mommy“, flüsterte er so leise, dass sie es kaum verstand.

Tröstend drückte sie seine Schulter, aber er wich zurück. Zu früh, dachte sie betrübt.

„Mein Dad sagt dauernd, dass wir an den Strand gehen können, aber wir waren erst ein einziges Mal da.“

„Vielleicht laufen wir bald mal hin. Zum Baden ist das Wasser wahrscheinlich noch zu kalt.“

Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. „Ja“, erwiderte er, klang jedoch nicht überzeugt.

Sie runzelte die Stirn. „Versprochen.“

Sam warf einen Blick in die Karre. „Adelaide schläft.“

„Oh. Wir müssen sie in ihr Bett legen.“ Hastig machte Sara kehrt.

„Sie wacht auf, sobald wir zu Hause sind.“

Sam behielt recht.

Adelaide machte ein Nickerchen, aber es dauerte nicht lange.

Sam döste vor sich hin.

Sara servierte den Kindern ein frühes Abendessen, und sie saßen zu dritt vor dem Fernseher, als Gavin nach Hause kam.

Sofort sprang Sam auf.

„Wie war dein erster Tag mit Sara?“, fragte sein Vater.

Adelaide strampelte und begann zu weinen.

Sara gab ihr einen Waschlappen.

„Sie war mit uns spazieren“, sagte Sam. „Ganz schön weit.“

„Gut.“ Gavin sah Sara an. „Alles in Ordnung?“

„Ja. Ich glaube, Adelaide zahnt.“

Seine Augen wurden groß. „Darauf hätte ich auch selbst kommen können.“

„Kein Problem. Sie kaut auf einem kalten Waschlappen. Das hilft. Stimmt’s, Baby?“, sagte sie zu Adelaide.

Das Baby legte die Stirn in Falten und biss kräftig in den Waschlappen.

„So ist es richtig“, lobte Gavin und sah Sam an. „Wir müssen zu Mr. Brahn.“

Der Junge verschränkte die Arme. „Ich will nicht zu Mr. Brahn.“

„Mr. Brahn ist sein Therapeut. Er hilft ihm, mit der Trauer fertigzuwerden“, erklärte sein Vater leise und ging zu Sam. „Komm schon, Partner, wir müssen los.“

Sam schob die Unterlippe vor. „Mr. Brahn ist langweilig, ich will nicht …“

„Eiscreme oder ein Videospiel?“, flüsterte sie Gavin zu.

„Wie bitte?“

„Nur so ein Gedanke“, sagte sie. „Als Belohnung nach dem Termin.“

Er nickte. „Möchtest du danach Eiscreme oder ein Videospiel?“, fragte er Sam.

Sams Augen leuchteten. „Geht auch beides?“

Gavin lächelte. „Nur eins“, sagte er und nahm den Jungen auf den Arm.

„Eis“, entschied Sam.

„Es könnte das Zubettbringen schwieriger machen“, sagte Gavin zu Sara.

Sie lächelte. „Bestimmt schläft Adelaide schon, wenn Sie wiederkommen.“ Hoffentlich, dachte sie. „Falls Sie nicht wissen, wohin Sie anschließend gehen sollen, es gibt ein tolles Eiscafé an der Geneva Street.“

„Geneva Gelato?“

„Genau. Waren Sie schon mal da?“

„Nein. Es hört sich nur richtig an. Welche Sorte ist am besten?“

„Haselnussschokolade schmeckt himmlisch. Das beste Eis der Welt, abgesehen von dem in Italien.“

„Sie sind anscheinend weit herumgekommen?“, fragte er und musterte sie.

Sein plötzliches Interesse macht Sara nervös. „Das sagt man so“, wich sie aus. „Probieren Sie es einfach.“

Sie sah den beiden nach, bis die Haustür sich hinter ihnen schloss. „Was hältst du von einem Bad und einer Flasche?“, fragte sie die Kleine und trug sie in die Küche. Sie säuberte das Spülbecken gründlich, legte ein Handtuch hinein und ließ etwas warmes Wasser hineinlaufen. Dann zog sie Adelaide aus und badete sie vorsichtig. Als sie ihr den Waschlappen wegnehmen wollte, protestierte das kleine Mädchen heftig. „Schon gut, du kannst ihn behalten. Aber wir müssen aufpassen, dass er nicht seifig wird.“

Von Prinzessin Bridget hatte sie gelernt, dass es Babys beruhigte, wenn man beim Baden mit ihnen sprach. Sie trocknete Adelaide ab, zog ihr saubere Sachen an und schaffte es, den Waschlappen durch einen frischen zu ersetzen.

Es war noch zu früh, um Adelaide ins Bett zu legen, also versuchte sie, ein Buch zu lesen. Das Baby protestierte strampelnd. „Keine Lust zum Lesen?“, murmelte sie und ging mit ihrem kleinen Schützling durchs Haus.

„Warum eigentlich nicht?“, fragte sie laut, als ihr Blick auf das Klavier fiel. „Wenn es dir nicht gefällt, kannst du mich gern ausbuhen.“

Sie stellte Adelaides Babyschale neben das Klavier, setzte sich auf die Bank und schaute auf die Tasten. Eine Mischung aus Vorfreude und Erleichterung durchströmte sie. Sie spielte einige Akkorde, um sich mit dem Anschlag vertraut zu machen. Gavin hatte recht. Das Klavier musste gestimmt werden, aber das störte sie nicht. „Mozart soll gut für Kinder sein, aber ich gehe lieber auf Nummer sicher und spiele Bach. Sag mir einfach, wie du seine Goldberg-Variationen findest.“

Sara begann zu spielen, und da sie kein Weinen hörte, spielte sie fünfzehn Minuten lang. Als sie sich anschließend nach Adelaide umschaute, lag das Baby friedlich da und schien vergessen zu haben, dass es einen Waschlappen brauchte. Lächelnd nahm Sara die Kleine aus der Babyschale. „Braves Mädchen. Bach wirkt immer, was? Zeit für deine Flasche.“

Adelaide trank, Sara wiegte sie ein paar Minuten lang und legte sie in ihr Bett. Sie überzeugte sich, dass das Babyfon eingeschaltet war, und ging leise hinaus. Die Erschöpfung überkam sie urplötzlich, und sie seufzte leise. Das war ihr erster Tag als Nanny, aber sie hatte nicht erwartet, dass der Job sie so viel Kraft kosten würde. Obwohl es erst acht Uhr war, wäre sie am liebsten zu Bett gegangen.

Sie riss sich zusammen, machte sich einen Tee, setzte sich ins Wohnzimmer und versuchte blinzelnd, wach zu bleiben.

Gavin schob Sam ins Cottage. Wegen einer Baustelle auf der meistbefahrenen Straße der kleinen Insel kamen sie viel später als geplant nach Hause.

Stolz trug der Junge die weiße Tüte mit einem rapide schmelzenden Eisbecher für Sara. Er rannte ins Wohnzimmer und blieb abrupt stehen. „Sie schläft“, flüsterte er.

Gavin warf einen Blick auf das neue Kindermädchen und verspürte einen Anflug von Mitgefühl. Vielleicht hätte er lieber zwei Nannys einstellen sollen. Er betrachtete sie etwas genauer. Sie hatte Schatten unter den Augen, aber ihre Haut sah aus wie elfenbeinfarbenes Porzellan. Das dunkle Haar war ihr in die Stirn gefallen, und die rosigen Lippen waren leicht geöffnet, fast wie eine Einladung.

Als sein Körper auf ihren Anblick reagierte, wehrte er sich dagegen. Er hatte weder Zeit noch Kraft für solche Gedanken. Die Kinder brauchten ihn, und er durfte sich nicht ablenken lassen.

Während der letzten Jahre hatten Gavin und seine verstorbene Frau sich einander entfremdet. Sie hatten versucht, ihre Ehe zu retten – so war Adelaide gezeugt worden. Aber er hatte ein schlechtes Gewissen gehabt, denn nach Sams Geburt hatte sie unter Wochenbettdepressionen gelitten. Obwohl Laurens Tod ein Unfall gewesen war, konnte er seine Schuldgefühle nicht abschütteln. Er fragte sich, ob er es jemals schaffen würde.

Die Papiertüte raschelte zwischen Sams Händen. Saras Lider zuckten, dann öffnete sie die Augen. Hastig setzte sie sich auf. „Oh, ich bin eingeschlafen. Wie spät ist es?“

Gavin schaute auf die Uhr. „Zehn nach acht.“

„Oh“, wiederholte sie lachend. „Ein Acht-Minuten-Nickerchen.

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