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Eine Prinzessin für mein Schloss

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1. KAPITEL

„Ist das ein neues Spiel?“, hörte sie eine gleichgültige Stimme hinter sich.

„Ja“, antwortete Kenda mit unverhohlener Wut. „Es heißt Der Tag der Vergeltung ist da!“

„Wer ist denn der Unglückliche?“

„Kümmern Sie sich doch um Ihre eigenen Angelegenheiten!“ Groß, schön wie ein Bildnis kam sie ihm in ihrem Eifer vor. Das lange gewellte Haar hing ihr wirr ins Gesicht, und die topasfarbenen Augen funkelten vor Wut, als sie sich jetzt dem Mann, der reglos auf der Türschwelle stand, zuwandte. Während sie sich noch vergeblich darum bemühte, einen Golfschläger durchzubrechen, betrachtete sie den Eindringling. Ein flüchtiger Blick genügte, sie von seiner unglaublichen Anziehungskraft zu überzeugen. Das also ist mein Traummann, fuhr es ihr blitzartig durch den Kopf. Groß, sportlich, braunes Haar, das feucht vom Regen und zerzaust vom Wind war, mit kalten grauen Augen. Selbstsicher, sexy – geradezu umwerfend.

Kendas Traum war jedoch schnell ausgeträumt, als der Mann spöttisch die Augenbrauen hochzog. Sie wurde rot. „Wer sind Sie überhaupt?“

„Mein Name ist Carrick Lorne-Howell III“, erwiderte er betont würdevoll.

„Carrick L…“ Ungläubig starrte sie ihn an. Das war der Mann, für den sie ab jetzt arbeiten sollte? Der Mann, auf dessen Schloss sie sich morgen vorstellen sollte? Sie wusste, dass er ihrer Beschäftigung nur widerwillig zugestimmt hatte. Kenda hatte erwartet – nun, eigentlich wusste sie gar nicht so genau, was sie eigentlich erwartet hatte, einen verknöcherten alten Fanatiker vielleicht. Nach allem, was sie bislang von ihm gehört hatte, war er vielmehr ein fanatischer Sammler alter Waffen. Sie wusste, dass er gelegentlich Kurse anbot, in denen man den Gebrauch dieser Waffen erlernen konnte. Daraus hatte sie fälschlicherweise geschlossen, dass er ziemlich alt sein müsse. Zu ihrer Überraschung war der Mann, dem sie jetzt gegenüberstand, jedoch höchstens fünfunddreißig.

Sein unerwartetes Auftauchen hatte Kenda völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. „Was machen Sie denn hier?“, fragte sie etwas gereizt. „Kontrollieren Sie Ihre Angestellten? Oder hatten Sie gehofft, dass ich mich wie durch ein Wunder in letzter Sekunde doch noch in einen Mann verwandelt haben könnte? Bei der Meinung, die Sie von den Frauen haben, würde mich das keineswegs wundern.“

„Sie gehören erst ab Montag zu meinen Angestellten. Außerdem bin ich bis heute noch nie Zeuge eines Wunders geworden.“ Carrick wandte den Blick von ihr ab und starrte fasziniert auf den zerfetzten Anzug, das zerschnittene Hemd nebst Krawatte, die zerstochenen Schuhe und das Papier – anscheinend hatte es sich einmal um einen Brief gehandelt –, das als Konfetti über dem riesigen Doppelbett verstreut lag. Carrick lächelte kaum merklich.

„Sieht so aus, als hätten Sie nicht viel Glück in der Wahl der Männer.“

„Stimmt. Wie kann ich diesen Golfschläger zerbrechen?“

„Das werden Sie nicht schaffen.“

Mit einem verächtlichen Achselzucken – sie hoffte zumindest, dass es verächtlich wirkte, da sein Auftreten sie doch mehr verwirrt hatte, als sie im ersten Augenblick vermutet hatte – ging Kenda zum Fenster, öffnete es kurz entschlossen und warf den Schläger in hohem Bogen hinaus. Der Inhalt der Golftasche, die neben ihr auf dem Fußboden stand, folgte. Sämtliche Utensilien landeten im Blumenbeet vor dem Haus. „Es könnte sein, dass ich früher im Schloss eintreffe“, sagte sie knapp.

„Wenn Sie dann noch am Leben sind …“

„Da haben Sie allerdings recht“, stimmte sie ungerührt zu, weil sie es durchaus für möglich hielt, dass Richard sie umbringen würde, wenn er sähe, was sie mit seinen Sachen angerichtet hatte. „In diesem Fall müssten Sie sich dann nach einem anderen Historiker umsehen.“

„Ausgesprochen lästig“, gab Carrick zu, „dennoch kein unüberwindbares Problem …“

„Stimmt.“ Kenda schaute wütend auf die Golftasche, die sie immer noch in der Hand hielt, und schleuderte sie angewidert von sich. „Wieso wussten Sie eigentlich, wer ich bin?“

„Man hat Sie mir beschrieben.“

„Wer?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Nein“, erwiderte sie kurz, „aber ich kann mir denken, was man Ihnen gesagt hat. Wie wär’s mit männermordendes Ungeheuer?“ Carrick lächelte belustigt. Eine Unverschämtheit. „Falls Sie übrigens nach Richard suchen: Er ist draußen und sieht sich auf dem Golfplatz um.“

Carrick sah zuerst auf die hingeworfene Golftasche und dann in Kendas Augen. „Nein, ich bin nicht wegen Richard hier. Ich wollte jemand anders treffen.“

„In diesem Zimmer hier?“, fragte sie ungläubig.

„Nein, in seinem Zimmer.“

„Dann sollten Sie jetzt aber keine Zeit mehr verlieren, nicht wahr?“

Carrick nickte ihr kurz zu und ging raus. Bastard! Gefühlloser, arroganter Bastard! Selbstsicher und sportlich. Der Schmerz der anderen berührte ihn nicht im Geringsten. Kenda wünschte sich ein genauso dickes Fell. Alles müsste sie kaltlassen. Alles! Und welche bösartige Fügung des Schicksals war dafür verantwortlich, dass er ausgerechnet in diesem Augenblick hier hatte vorbeigehen müssen?

Monatelang war sie nun arbeitslos gewesen und hatte möglicherweise vor wenigen Sekunden den einzigen Menschen, der bereit war, ihr Arbeit zu geben, so geschockt, dass er einen Rückzieher machen würde. Immerhin hatte er sie nicht ausgeladen. Das war wenigstens ein kleiner Trost.

Enttäuscht und ärgerlich drehte sie sich um, um ihr Zerstörungswerk zu betrachten. Obwohl ihr Verlangen nach Rache noch nicht völlig gestillt war, trat ein grimmiges Lächeln in ihr Gesicht. Sollte er dem Hotelpersonal doch eine Erklärung für dieses Chaos geben! Lügen war schließlich kein Problem für diesen Betrüger!

Kenda warf den einen braunen Schuh quer durch den Raum. Die Schere, mit der sie ihrer Zerstörungswut Luft gemacht hatte, steckte noch darin. Halbwegs zufrieden ging sie in ihr Zimmer und packte all die Sachen wieder ein, die sie erst vor Kurzem ausgepackt hatte. Und wenn Richard glaubte, dass das alles war, würde er sich noch wundern! Kenda nahm ihren Mantel, die Handtasche und den Koffer und ging zur Rezeption hinunter.

„Zimmer 309 ist ab sofort frei. Mr Marsh wird die Rechnung begleichen. Auf Wiedersehen!“ Sie übergab dem Mädchen an der Rezeption die Schlüssel, verließ das Hotel, ohne auf eine Antwort zu warten, und ging in Richtung Parkplatz. Vorsichtig wich sie den zahlreichen Pfützen aus und betrachtete missmutig die tief hängenden Wolken, die den nächsten Regenguss bereits ankündigten. Kenda legte ihren Koffer schwungvoll in den Kofferraum, setzte sich hinters Steuer und fuhr los.

Närrin! schalt sie sich selbst. Wirst du denn niemals klug? Sie biss die Zähne zusammen, ihr brannten die Augen. Kenda fuhr an den Rand und stellte den Motor ab. Wie hatte er ihr das nur antun können? Sie hatte gedacht, er wäre ihr Freund. Er war immer nett zu ihr gewesen, hatte ihr stets Mut gemacht! Sie hatte ihn für aufrichtig gehalten. Und dann Carrick. Wie konnte er es wagen, über sie zu urteilen? Na ja, er hatte es eben getan, so wie sie es alle taten. In seinen kalten grauen Augen hatte sie deutliche Abneigung gesehen. Und Spott. Sollte er doch spotten; sollte er doch denken, dass Richard ihr Liebhaber war und sie sich gestritten hatten. Liebhaber? Sie hatte seit Jahren keinen Liebhaber mehr gehabt.

Kenda kämpfte mit den Tränen. Ärgerlich rieb sie sich die Augen und schaute durch die Windschutzscheibe. Sie sah alles verschwommen. Carrick wäre ein Liebhaber nach ihrem Geschmack … ach, Unsinn, Schluss damit! Schöne Männer waren sowieso nicht viel wert, es war der Charakter, der zählte. Und sein Charakter war – grausam. Richards Verhalten hingegen war verabscheuungswürdig.

In ihrem ausdrucksvollen Gesicht spiegelte sich in diesem Augenblick ihr wahres Temperament wider. Kenda hatte eine aufbrausende Natur. Sie war leicht verärgert, ebenso rasch aber zur Versöhnung bereit. Großzügig, impulsiv und willensstark. Und dumm, dachte sie traurig. Zumindest dann, wenn Männer im Spiel waren.

Wie war es bloß möglich, dass sie sich immer wieder in den Männern irrte? Und was sollte sie jetzt machen? So tun, als wäre nichts geschehen? Was sonst? Nach Hause gehen konnte Kenda nicht, denn sie hatte kein Zuhause. Eine Wohnung konnte sie sich nicht leisten. Das war auch der Grund, warum sie Carricks Angebot angenommen hatte und in diese öde Gegend gekommen war.

Oh verflixt! Es blieb ihr gar nichts anderes übrig, als zum Schloss zu fahren. Andernfalls würde dieser Carrick Lorne-Howell es noch fertigbringen, sie wegen Vertragsbruchs zu belangen.

Kenda wollte endlich einen klaren Kopf bekommen. Sie würde das Vergangene einfach hinter sich lassen. Sie schaute durch die regennasse Windschutzscheibe nach draußen. Die niedrigen Hecken, von denen ununterbrochen der Regen herabtropfte, und die triefnassen Schafe, die furchtlos auf der Straße herumliefen, entlockten ihr einen tiefen Seufzer. Kenda startete den Motor. Sie hasste das Land.

Und dann die Sache mit Richard Marsh. Sie konnte nicht aufhören, über ihn nachzudenken. Wenn er es jetzt wagte, im Schloss aufzukreuzen …

Es war eigentlich kein richtiges Schloss. Das Gebäude, das vor ihr auftauchte, glich eher einem Herrenhaus. Es hatte vier Türme und wirkte nicht einmal besonders alt. Es lag so versteckt, dass sie es ohne ihre detaillierte Landkarte wohl kaum gefunden hätte. Am Ende eines von Bäumen umsäumten Weges hielt Kenda den Wagen an.

Ziemlich protzig, dachte sie, und die Vorstellung, hier wochenlang eingesperrt zu sein, ließ sie beinah verzweifeln. Wochenlang nur Landschaft – Wald, Felder, Bäche. Mit einem Wort Lorna Doone Country. Teils rau, teils wunderschön – gesetzt den Fall, man schwärmte für derartige Dinge.

Für Kenda war das nichts. Sie liebte Städte. Je größer, desto besser. Aber unter den gegebenen Umständen hatte sie keine andere Wahl gehabt, als Carricks Angebot anzunehmen. Kein Job, kein Geld. Von wegen Angebot, dachte sie verächtlich. Nur mit Widerwillen hatte er sich dazu herabgelassen, sie einzustellen. Sei bloß nett zu ihm, hatte Richard ihr geraten. Carrick ist ein einflussreicher Mann!

Kenda starrte das Schloss an. Carricks Ururgroßvater hatte es für seine Frau bauen lassen. Richard hatte erzählt, dass er damit ihren Herzenswunsch erfüllt habe. Eine glückliche Frau, diese Ururgroßmutter. Wie mochte es wohl sein, so geliebt zu werden? Ein ganz besonderes Gefühl, das Kenda wohl kaum jemals genießen würde. Egal, wahrscheinlich war diese Art Männer längst ausgestorben. Wenn nicht, würde sie, Kenda, bestimmt nicht das Glück haben, einen solchen zu treffen.

Ihr neuer Chef sah zumindest nicht so aus, als gehöre er zu dieser ganz speziellen Gattung. Er wirkte eher – reserviert, pedantisch, selbstbewusst. Arrogant. Wenn er es nun darauf anlegte, mit Richard Marsh, diesem Verräter, zusammenzutreffen, um herauszufinden, warum sie seine Sachen so zugerichtet hatte, würde dieser ihn im Handumdrehen auf seine Seite ziehen.

Kenda spürte, wie erneut Zorn in ihr aufstieg. Sie fuhr wieder an, überquerte vorsichtig eine Zugbrücke und hielt schließlich auf einer Art Waffenübungsplatz vor dem Haus. Durch einen Bogengang gelangte man von dort geradewegs zum Innenhof und zu der riesigen Eingangshalle. Kein weiterer Vorplatz, kein Burggraben.

Es regnete immer noch. Kenda parkte das Auto, stieg aus, nahm ihr Gepäck aus dem Kofferraum und ging vorsichtig über das vom Regen schlüpfrige Pflaster auf den Eingang zu. Dort zog sie an der altertümlichen Klingelschnur.

Ein alter Mann öffnete die Tür. Endlich. Sie war schon völlig durchnässt. Der Familienbutler, dachte Kenda gereizt.

„Der Eingang wäre besser überdacht“, brummte sie unfreundlich. „Ich bin übrigens Kenda McKinley. Ich komme zu früh“, fügte sie mutig hinzu. „Ich hoffe, es macht keine Umstände.“

Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Nein“, erwiderte er nicht sonderlich überrascht, „überhaupt nicht. Wollen Sie nicht eintreten? Scheußlicher Tag heute, nicht wahr?“

„Ja.“ Scheußlich, entsetzlich. Und nicht nur wegen des Wetters, dachte Kenda.

„Carrick ist leider nicht zu Hause“, nahm er das Gespräch wieder auf und griff nach ihrem Koffer, während er sie quer durch die widerhallende Eingangshalle führte.

„Ich weiß“, gab Kenda zurück. „Ich habe ihn eben getroffen.“ Waffen, Schilder und Rüstungen waren an den steinernen Wänden aufgereiht; ein unruhig flackerndes Feuer brannte in dem riesigen Kamin.

„Das klang nicht gerade begeistert“, bemerkte er freundlich.

„Nein, das sollte es auch nicht. Hier ist es ziemlich kalt.“ Kenda fröstelte. „Ein Wunder, dass Sie noch keiner Grippe zum Opfer gefallen sind.“

„Bin gerade wieder gesund geworden.“ Der alte Mann lächelte sie an.

Kenda schaute ihn überrascht an. Er hatte gar nicht so ausgesehen, als hätte er Sinn für Humor. Sein Lächeln wirkte ansteckend. „Entschuldigen Sie bitte! Ich bin nicht gerade bester Stimmung heute.“

„Das habe ich eben auch schon gespürt.“ Er öffnete eine schwere Tür am anderen Ende der Halle und ließ Kenda hindurchgehen, dann ging er wieder voraus. Vorsichtig, um sich in ihren hochhackigen Stiefeln auf den unebenen Fliesen nicht den Knöchel zu verstauchen, folgte sie ihm.

Aus praktischen Gründen war die Küche im Schloss, und nicht wie es historisch korrekt gewesen wäre, draußen. Carricks Vorfahren mochten zwar Exzentriker gewesen sein, aber verrückt waren sie offensichtlich nicht gewesen. Das galt wohl auch für Carrick, denn seine Küche war so modern ausgestattet, wie man es sich nur denken konnte.

„Wie Sie sicher sehen, sind die Räume der Bediensteten sehr wohnlich.“ Der alte Mann musste zu ihr aufsehen. In ihren hochhackigen Stiefeln überragte sie ihn um mindestens acht Zentimeter. „Nehmen Sie doch bitte Platz!“, sagte er und verzog das Gesicht. „Ich komme mir sonst vor wie ein Zwerg. Übrigens heiße ich Martin.“

„Mr Martin oder Martin irgendwas?“, fragte sie, während sie gehorsam an dem großen Eichentisch Platz nahm. „Für meine Größe kann ich aber nichts.“

„Es sollte auch kein Vorwurf sein“, erwiderte er humorvoll. „Und mein Name ist Martin irgendwas.“

„Hallo, Martin irgendwas!“ Kenda sah sich gedankenverloren um. „Seine Waffenschule muss ganz schön viel Geld einbringen“, murmelte sie unwillkürlich vor sich hin.

„Das glaube ich auch. Aber warum auch nicht?“ Mit diesen Worten setzte Martin den Koffer ab und reichte ihr ein Handtuch, mit dem sie ihre langen Haare trocknen konnte. „Ihren Koffer bringe ich gleich nach oben. Möchten Sie Tee? Oder etwas zu essen? Wie wäre es mit Lasagne? Ich brauche sie nur aufzuwärmen.“

„Das wäre prima. Vielen Dank!“

Martin zwinkerte ihr zu. „Wer ist denn an Ihrer schlechten Laune schuld? Carrick?“

„Nein, Richard Marsh, dieser Betrüger!“

„Was hat er denn getan?“

„Im Augenblick ist er dabei, seine Garderobe zu erneuern“, schaltete sich Carrick, der soeben hinter Kenda auftauchte, gelassen ein. „Wie ich sehe, leben Sie noch …“

„Ausgezeichnet beobachtet“, entgegnete sie unfreund­lich.

„Tee? Lasagne?“, warf Martin hastig ein. Ein Lächeln spielte um seine Lippen.

„Ja bitte!“ Carrick ließ sich auf dem Stuhl gegenüber Kenda nieder, stützte die Ellbogen auf den Tisch, legte das Kinn in die Hände und starrte Kenda an. Sie erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Haben Sie meine Liste bekommen?“, fragte er.

„Ja. Nächste Woche beginnen wir mit dem vierzehnten Jahrhundert. Zwei Bogenschützen – walisische Soldaten, vier Ritter und zwei Fußsoldaten.“

„Genau. In der Woche darauf befassen wir uns mit den Römern.“

„Und meine Aufgabe besteht also darin, mich um die zeitgenössische Bekleidung der Teilnehmer zu kümmern und sie über die geschichtlichen Hintergründe zu informieren, während Sie die Leute in die Handhabung der verschiedenen Waffen einweisen und sie mit den Regeln der Turnierkämpfe vertraut machen?“

Carrick nickte, dankte Martin, der die Lasagne auf den Tisch stellte, und widmete sich von nun an ausschließlich dem Essen. Kenda ließ er links liegen. Eigentlich hätte es in ihrem Sinne sein müssen, doch sie fühlte sich stets unbehaglich, wenn um sie herum Schweigen herrschte. Sichtlich verstimmt betrachtete sie ihr Gegenüber aus den Augenwinkeln. Unnachgiebig sah er aus, keineswegs zu Kompromissen bereit. Und außergewöhnlich attraktiv. Wäre sie unter anderen Umständen hier, könnte sie sich vorstellen, dass er genau der Mann wäre, in den sie sich verlieben würde. Aber bei dem schlechten Ruf, der ihr vorauseilte … Carrick hatte ja im Hotel selbst einige Bemerkungen fallen lassen. Sie hatte diesen Ruf nicht verdient.

Es war einfach nicht fair! War es vielleicht ihre Schuld, dass die Männer sie attraktiv fanden? Nein. Sie hatte jedoch noch keinen von ihnen ermutigt! Sie hatte keinen darum gebeten, ihr nachzustellen, ihr Anträge zu machen … Sie hatte auch keinen von ihnen gebeten, Lügen über sie zu verbreiten, nachdem sie sie hatte abblitzen lassen. Zugegeben, sie war oft ziemlich abweisend, aber im Laufe der Jahre hatte sie so viele unerwünschte Anträge bekommen, dass die Höflichkeit dabei langsam auf der Strecke blieb.

Kenda hatte keinen Hunger mehr. Sie schob ihren Teller beiseite und kam zu dem Ergebnis, dass sie im Leben schon einige Nackenschläge eingesteckt hatte. Carrick gehörte offensichtlich zu jenen, die ungeschoren davonkamen. Während ihr guter Ruf ohne ihr Verschulden ruiniert war, sonnte er sich in seinem Ansehen.

Als anerkannter Experte im Gebrauch alter Waffen genoss er weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Von überallher kamen Leute, um von ihm zu lernen, wie man mit Schwertern, Pfeil und Bogen und Keulen umging. Zu seinen wichtigsten Kunden gehörten die Leute vom Film, die seine Fähigkeiten für Dokumentarfilme oder andere historische Verfilmungen in Anspruch nahmen. Neben seiner fachlichen Kompetenz im Umgang mit Waffen schätzten sie seinen Unterricht im Turnierkampf. Vielleicht färbte sein Erfolg ja auf sie ab.

„Crécy“, rief Carrick unvermittelt aus, als Martin den Tisch abräumte und ihnen frischen Kaffee vorsetzte. „Und jetzt hören Sie endlich auf zu schmollen!“

„Wie bitte?“, fragte Kenda frostig.

„Hat Richard Ihnen erzählt, dass es die Schlacht bei Crécy war?“

„Ja“, erwiderte sie knapp. Richards Name brachte ihr die Erinnerung an dessen Verrat zurück. „1346. Diese Schlacht aus dem Hundertjährigen Krieg, in der die Engländer die französische Ritterschaft unter Einsatz der walisischen Langbögen so erfolgreich auseinandertrieben.“

„Genau die. Und nun nutzen Sie den Rest des Tages doch bitte, um alles zusammenzustellen, was Sie benötigen! Ich möchte eine genaue Rekonstruktion.“

„Die sollen Sie haben“, entgegnete sie mit übertriebener Freundlichkeit. „Ein Glück, dass ich zu früh gekommen bin!“

„Stimmt. Die Lagerräume befinden sich übrigens eine Etage höher, gleich oberhalb der Halle. Alles, was wir nicht haben, müssen wir improvisieren. Einer der Lagerräume enthält eine kleine Werkstatt. Solange wir hier allein sind, essen wir in der Küche, wenn die Gäste da sind, in der Halle. Die Ernährung in den verschiedenen historischen Epochen ist übrigens ein ganz neuer Aspekt. Diesen Exkurs wollte ich gern für den letzten Kurstag aufsparen. Ich überlasse es Ihnen, die typischen Gerichte zusammenzustellen.“

„Herzlichen Dank!“, sagte Kenda bissig.

„Sie sind doch die Expertin, oder nicht?“ Er sah sie fragend an.

„Selbstverständlich. Also werde ich am nächsten Freitag ein Bankett organisieren. Die Hauptmahlzeit wird um zehn Uhr eingenommen. Morgens.“

„Morgens?“, rief Martin entsetzt.

„Selbstverständlich morgens. Wenn der Fürst zu Hause war – und davon gehen wir ja wohl aus“, fügte sie mit einem Blick auf Carrick hinzu, „wurde die Hauptmahlzeit morgens eingenommen. Sie dauerte dann so zwei bis drei Stunden. Es war eine regelrechte Zeremonie. Inwieweit kann ich auf den zuständigen Schlachter zählen? Wenn es hier überhaupt einen gibt … Oder haben Sie vielleicht vorgesehen, dass ich eigenhändig schlachte?“ Nun war der zynische Ton, mit dem sie sich Carrick zuwandte, nicht mehr zu überhören.

„Gehen Sie nicht zu weit!“, warnte Carrick sanft. „Und für eine junge Dame, die händeringend einen Job benötigt, wäre etwas mehr Entgegenkommen durchaus angebracht. Was benötigen Sie also?“

„Wild.“ Kenda beherrschte sich nur mit Mühe. „Was das Entgegenkommen betrifft, so war es niemals Teil meiner Lebensweisheiten – und wird es auch in Zukunft nicht sein. Hase“, fuhr sie im gleichen Atemzug fort, „Fasan, Rebhuhn und solche Sachen. Die einfachen Leute aßen gewöhnlich Gemüse. Suppen und Eintöpfe. Dicken Brei aus Erbsen oder Bohnen. Kartoffeln waren in Europa damals noch unbekannt.“

„Ich gebe Ihnen die Nummer des Schlachters.“

„Danke!“

„Und was ist mit den Römern?“

„Hartes Gebäck oder Kuchen“, begann sie mit einem honigsüßen Lächeln. „Käse, Salz, eingelegtes Fleisch. Wein natürlich. Sie mochten Wein. Aber soviel ich weiß, hatten sie keinen Wein bei sich, als sie nach England kamen.“

„Doch, hatten sie“, entgegnete Carrick selbstsicher. „Wenn ich schon hartes Gebäck essen muss, dann brauche ich auch Wein, um es herunterzuspülen. Und erzählen Sie mir jetzt nicht, dass auch die Römer um zehn Uhr morgens zu essen pflegten!“

„Nein, die nicht.“

Carrick brummte irgendetwas vor sich hin. Es fiel ihm offensichtlich nicht leicht, seine Gedanken für sich zu behalten. Er trank seinen Kaffee aus und erhob sich. „Wenn mich jemand sucht, ich bin im Waffenraum.“

„Wollen Sie sich umbringen?“, fragte Kenda.

Mit einem letzten verächtlichen Blick auf Kenda verließ er die Küche.

„Ein gewagtes Spiel“, sagte Martin leise.

„Er hat es herausgefordert“, erwiderte Kenda ärgerlich. „Außerdem glaube ich sowieso nicht, dass es klappt. Er lehnt mich ab. Vielleicht hat er auch grundsätzlich etwas gegen Frauen!“

„Nur in seinem Schloss“, gab Martin mit einem spitzbübischen Lächeln zurück. Als er mich vor Ihnen warnte, hatte er aber offenbar recht. Sie ziehen die Schwierigkeiten geradezu an.“

„Unsinn! Ich bin ein echter Profi.“

„Aber ein aufbrausender.“

„Nur wenn mir jemand in die Quere kommt.“ Kenda betrachtete sein freundliches Gesicht und das spärliche graue Haar, bevor sie betont ruhig fortfuhr: „Inwiefern hat er Sie gewarnt?“

„Er meint nur, dass Sie immer Schwierigkeiten machen“, antwortete er diplomatisch.

„Nichts Spezielles?“

„Nein. Ehrlich nicht. Er hat mir lediglich erzählt, dass eine gewisse Miss McKinley hier wohnen würde und dass Sie eine bedeutende Historikerin wären …“

„Bedeutend?“, fragte Kenda erstaunt.

„Ja“, bestätigte er entschlossen. „Und Martin, sagte er noch, die junge Dame macht immer Schwierigkeiten. Sie setzt um jeden Preis ihren Willen durch!“

„Hm! Was hat er gegen Frauen?“

„Er hat nichts gegen sie. Er mag es nur nicht, wenn sie an seinen Kursen teilnehmen …“

„Ganz schön sexistisch.“

„… weil“, fuhr Martin unbeirrt fort, „wir vor ein paar Monaten eine dabeihatten, die Spinnen und Weben unterrichten sollte.“

„Sollte?“

„Ja. Sie hat mehr Zeit damit verbracht, Männer zu jagen, als ihr Weberschiffchen zu bewegen. Carrick hat sich geschworen, dass ihm das nicht noch einmal passieren würde.“

„Ich jage keine Männer.“

„Ich bezweifle, dass Sie das nötig haben. Jeder Mann im Umkreis von einer Meile, ganz gleich, wie alt er ist, würde …“

„Halt!“, fiel sie Martin ins Wort. Die freundliche Gelassenheit, mit der sie bis jetzt auf Martins humorvolle Art eingegangen war, schien wie weggeblasen. „Ich kann auch nichts dafür, dass ich wie ein Feuerwerk aussehe.“

„Sie sehen einfach wunderbar aus.“ Er lächelte ihr zu. „Eine strahlend leuchtende Flamme, die die Motten anlockt“, fügte er feierlich hinzu.

„Bleibt zu hoffen, dass sich die Kursteilnehmer bereits verpuppt haben. Ansonsten werde ich mir einen Sack über den Kopf ziehen“, versprach sie kopfschüttelnd. „Ich frage mich nur, warum Carrick mich überhaupt hat kommen lassen, wenn er eine so schlechte Meinung von mir hat.“

„Er sagte, Sie wären die Beste.“

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