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Eine Prinzessin entdeckt die Liebe

1. KAPITEL

Sox war eine hervorragende Hütehündin. Sie achtete auf Ausreißer unter den Schafen und trieb selbstständig die Herden von den Weiden in die Pferche. Nur selten musste sie durch Zurufe oder Pfiffe angeleitet werden, denn sie verfügte über einen ausgeprägten Instinkt.

Brant konnte sich immer auf sie verlassen. Momentan war sie außerdem das einzige Wesen, das ihm zuhörte. Zusammen fuhren sie auf dem Quad, einem Motorrad mit vier Rädern, über seine hügelige Farm. Es war ein sonniger, warmer Nachmittag. Für den australischen Herbstmonat Mai war das ungewöhnlich. Schäfchenwolken segelten über den tiefblauen Himmel, und Vögel zwitscherten in den Bäumen. In der Ferne konnte Brant ein leuchtend rotes Auto erkennen, das über die Straße raste und schließlich hinter einer Baumgruppe verschwand.

„Hoffentlich sind die drei lahmenden Schafe nicht ernsthaft krank“, meinte er zu Sox, die hinter ihm auf dem Rücksitz kauerte.

Obwohl sie sich an seinen Rücken drängte, als wolle sie ihn trösten, blieb Brant beunruhigt.

„Hoffentlich ist es nicht Moderhinke! Das hätte mir gerade noch gefehlt.“ Er hatte die Klauen gründlich gereinigt, beschnitten und untersucht. Anzeichen von Entzündungen erregten den Verdacht, dass es sich durchaus um diese gefürchtete Seuche handeln konnte. „Aber ich will das Veterinäramt noch nicht einschalten.“

Auf eine lange Dürreperiode war ein warmer regenreicher Herbst gefolgt – das günstigste Klima für die Ausbreitung von Bakterien. Wenn auch nur eines der viertausend trächtigen Muttertiere, die er kürzlich zu einem Höchstpreis erworben hatte, infiziert eingetroffen war, dann waren womöglich sämtliche seiner Weiden verseucht worden und mindestens ein halbes Jahr lang nicht zu gebrauchen.

Während Brant über das grüne hügelige Land zum Haus fuhr, dachte er an die furchtbaren Verluste, die eine Seuche bedeuten würde.

Er wurde von seinen Gedanken abgelenkt, als er das leuchtend rote Auto erneut sah. Es war ein kleiner, auf Hochglanz polierter Sportwagen, der offensichtlich gut in Schuss war.

Es war nicht das Fahrzeug eines Farmers.

Brants Stimmung sank noch tiefer. Er ahnte, um welche Art von Besuch es sich handelte. Eine Frau. Eine Fremde. Eine Großstädterin.

In den letzten Monaten hatte er mehr solcher Frauen kennengelernt, als ihm lieb war. Für gewöhnlich suchten sie ihn unangemeldet und zu den unmöglichsten Zeiten auf. Wie jetzt, wenn er gerade festgestellt hatte, dass mindestens drei seiner neuen Schafe lahmten.

Nachdem Brant mit Sox zu Hause angekommen war, stellte er das Quad in die Garage und zog sich auf dem Weg ins Haus die Stiefel in der Waschküche aus. Auf dem Küchentisch fand er eine Nachricht von seiner Schwester Nuala.

Vergiss Misha nicht, las er.

Nualas Freundin aus Europa. Das rote Auto.

Er hatte sie total vergessen.

Sie kommt gegen vier hier an. Falls ich bis dahin nicht zurück bin, sei nett zu ihr.

Er sollte nett sein zu der fremden Frau in dem flotten roten Auto?

Großartig. Das hatte ihm gerade noch gefehlt!

Um sich als selbst eingeladener Gast auf der australischen Schaffarm ihrer Freundin Nuala und deren Bruder Brant als nützlich zu erweisen, hatte Misha an der Zufahrtsstraße bei dem Briefkasten von Inverlochie angehalten und die Post mitgebracht.

Es war ein ganzer Packen, der von einem Gummiband zusammengehalten wurde. Auf dem obersten Umschlag stand in verschnörkelter lila Schrift: Branton Smith, Inverlochie, Hill Road, NSW 2644.

Misha hatte das Bündel auf den Beifahrersitz gelegt, zu dem Blumenstrauß für Nuala und der Kiste Wein für Brant, dem sie bisher noch nie begegnet war.

„Sie müssen Misha sein“, sagte er durch das offene Seitenfenster, als sie vor dem niedrigen großflächigen Farmhaus anhielt. Es war nicht zu übersehen, dass er von ihrem Besuch alles andere als begeistert war. Seine breiten Schultern wirkten verspannt, seine grauen Augen blickten kalt und seine Miene konnte nur als finster bezeichnet werden.

„Da könnten Sie recht haben“, erwiderte sie in spöttisch resigniertem Ton, „auch wenn es mir nicht gefällt.“ Sie erwartete ein Lächeln, aber sein Gesichtsausdruck war verschlossen. „Und ich habe Ihre Post mitgebracht“, fügte sie in der Hoffnung hinzu, ihn dadurch ein wenig aufzumuntern.

Das sollte sich als Irrtum herausstellen.

Er blickte auf das Bündel Briefe und stöhnte. „Nuala ist nicht hier. Sie sind früher gekommen, als wir dachten.“

„Wahrscheinlich bin ich zu schnell gefahren.“

„Das sollten Sie in dieser Gegend nicht tun. Wir haben hier nicht so breite Autobahnen wie Sie in Europa.“

„Die haben wir in Langemark auch nicht. Ich bin an Landstraßen gewöhnt“, erwiderte sie, während sie sich eingestehen musste, dass er beeindruckend aussah. Er hatte dunkle Haare, ausgeprägte Wangenknochen, ein markantes Kinn und verführerisch lange Wimpern. Unter den aufgerollten Ärmeln eines graugrünen schmutzigen Sweatshirts lugten sehr muskulöse Arme hervor, und er strahlte auch sonst eine Aura animalischer Männlichkeit aus.

Huldvoll neigte Misha den Kopf und lächelte ihn mit gesenkten Lidern an, als er ihr die Autotür öffnete. Mit geschlossenen Knien und in damenhafter Haltung stieg sie aus. Dabei entging ihr nicht, dass er die Augen verdrehte, seufzte, zur Uhr blickte und die Stirn runzelte.

Er mochte gut aussehen, aber charmant und galant war er ganz und gar nicht.

„Vielen Dank, dass ich kommen durfte, Brant“, sagte sie in ihrem einstudierten höflichen Tonfall. „Das ist sehr nett von Ihnen, und es ist wundervoll, Sie endlich persönlich kennenzulernen.“ Sie reichte ihm die Hand.

„Lieber nicht“, wehrte er ab und zeigte ihr seine schmutzige Handfläche.

„Ich kann mich doch hinterher waschen.“

Sie hielt ihre Hand weiterhin ausgestreckt, und schließlich gab er nach. Sein Händedruck war flüchtig und zugleich sehr fest, als wolle er ihr zeigen, dass er beschäftigter als sie und auch stärker war.

„Der Wein ist für Sie. Als kleines Zeichen meiner Anerkennung, dass Sie mich hier aufnehmen.“

„Kein Problem.“

Er bewegte kaum die Lippen, die wohlgeformt und weder zu voll noch zu dünn waren.

„Und die Blumen sind natürlich für Nuala. Wird sie bald kommen?“, fragte Misha hoffnungsvoll, denn sie war von der langen Reise müde und erschöpft.

Um der Presse zu entgehen, war sie anonym in der Touristenklasse von Europa nach Melbourne geflogen. Dort hatte sie mehrere Stunden auf den Anschlussflug nach Albury warten und zu guter Letzt eine knappe Stunde in dem Leihwagen nach Inverlochie fahren müssen – aus ihrer Sicht mit dem Lenkrad auf der falschen Seite und auf der falschen Straßenseite.

Ihr schickes Kostüm in den Farben Zimt und Sand, das Langemarks Topdesignerin Mette Janssen entworfen hatte, war zerknittert, und ihre Füße waren in den Pumps von Furlanetto angeschwollen. Sie hätte die Sache mit dem Inkognito konsequenter durchziehen und sich legerer anziehen sollen.

Es war drei Uhr nachmittags in Inverlochie und somit sechs Uhr morgens in Langemark. Der Himmel mochte wissen, in welcher Zeitzone sich Gian-Marco gerade aufhielt. War er noch in Spanien, wo der letzte Grand Prix stattgefunden hatte?

Erneut blickte Brant auf seine Uhr. „Meine Schwester kommt vielleicht in einer halben Stunde.“

Sie seufzte. Momentan erschien ihr eine halbe Stunde neunundzwanzig Minuten zu lang und jeder Gedanke an Gian-Marco Ponti bereitete ihr Qualen.

Um die plötzlichen Tränen in den Augen zu verbergen, beugte Misha sich in das Auto und betätigte den Öffner für den Kofferraum.

Brant erreichte vor ihr das Heck, öffnete die Klappe und musterte die Koffer und Reisetaschen von Van Limbeck. Erneut hielt er seine schmutzigen Handflächen hoch.

„Schon begriffen. Ich trage sie selbst hinein.“ Mit gespielter Fröhlichkeit hievte Misha den ersten Koffer heraus.

„Entschuldigung. Ich meinte damit, dass ich mir zuerst die Hände waschen werde und mich dann um Ihr Gepäck kümmere.“

„Sie können mir ja mein Zimmer zeigen, sich dann die Hände waschen und trotzdem vor mir wieder hier draußen sein. Ich überlasse es sehr gern Ihnen, das restliche Gepäck zu tragen.“ Erleichtert atmete Brant auf, als er nach dem Händewaschen zu dem roten Auto zurückkehrte und feststellte, dass er Misha tatsächlich zuvorgekommen war. Keine Spur war zu sehen von seidigen blonden Haaren, kühlen blauen Augen, Scheinwerferlächeln, sanft gebräuntem Teint oder dem gertenschlanken Körper in Designermode.

Zuerst trug er den Wein und die Blumen ins Haus. Dann holte er ihre restlichen Sachen. Die Reisetasche und der Koffer waren sehr schwer. Was mochte diese Misha alles eingepackt haben? Zwanzig Paar Schuhe? Was erwartete sie? Warum war sie gekommen?

Nuala hatte sich zugeknöpft gegeben und lediglich erklärt: „Persönliche Probleme. Sie braucht einfach etwas Freiraum und Anonymität.“

In letzter Zeit war Nuala nicht sie selbst. Offensichtlich war ihr die Hochzeit mit Chris, dem Farmer von nebenan, zu Kopf gestiegen. Sie sollte am ersten Wochenende im September stattfinden. Stundenlang telefonierte sie mit Mum in Sydney und wollte sie demnächst besuchen, weil es angeblich höchste Zeit wurde, das perfekte Kleid auszusuchen.

Höchste Zeit?

Bis September waren es noch über drei Monate!

Aber Brant war froh darüber, dass Mum und Nuala sich durch die Hochzeitsvorbereitungen wieder nähergekommen waren.

Lange Zeit hatten die beiden kaum Kontakt gehabt. Im Herzen war Nuala ein Landei. Mum dagegen war niemals wirklich glücklich auf der Farm gewesen. Kaum ein Jahr nach Dads Tod vor sechs Jahren hatte sie einen gemeinsamen Freund aus Rennkreisen geehelicht – Frank McLaren, einen wohlhabenden Geschäftsmann aus Sydney. Sie hatte ihren Kindern die Farm überschrieben und führte nun ein reges gesellschaftliches Leben.

Brant und Nuala hatten eingesehen, dass Mum in der Großstadt weitaus glücklicher war, aber dadurch ergaben sich kaum noch Berührungspunkte. Zudem war Nuala zweieinhalb Jahre durch die Welt gereist und hatte sich dabei mit verschiedensten Jobs über Wasser gehalten, die Mum als niedere Dienste ansah. Nun erst, durch die Hochzeitsplanung, ergaben sich wieder Gemeinsamkeiten zwischen den beiden. Und obwohl Brant das ewige Hin und Her wegen Gästeliste, Veranstaltungsort und Farbgestaltung auf die Nerven ging, versuchte er nicht, sie zu bremsen.

„Ich darf ihr Vertrauen nicht missbrauchen“, hatte Nuala in Bezug auf Mishas Besuch auf der Farm gesagt. „Aber du musst wissen, dass sie es im Moment sehr schwer hat und absolute Diskretion und Unterstützung braucht.“

Nun kündeten das sündhaft teure Kofferset und die Designerkleidung davon, wie schwer sie es haben musste. Beim besten Willen gelang es Brant nicht, Mitleid aufzubringen.

Außerdem war er derzeit des weiblichen Geschlechts überdrüssig. Er war in diesem Jahr mit mindestens einem Dutzend Frauen ausgegangen, deren biologische Uhren tickten, die zu viel Make-up trugen, hohlköpfige Fragen stellten, gewisse Erwartungen an ihn stellten und allzu eindeutige Verführungsversuche starteten.

Und dabei hatte er genug andere Sorgen. Die Preise für seine feine Wolle waren in letzter Zeit um ein Drittel gesunken, und die Kreuzung seiner Merinoschafe mit Border Leicesters, durch die er in den Markt der mittelfeinen Crossbredwolle einzusteigen gedachte, war derzeit noch ein fragwürdiges Unternehmen.

Zu allem Überfluss drohte nun eine Seuche den vertraglich bereits abgeschlossenen Verkauf von viertausend trächtigen Merinoschafen zu vereiteln. Da hatte es ihm gerade noch gefehlt, dass eine verwöhnte, äußerst anziehende Europäerin auf der Farm einfiel und erwartete, unterhalten zu werden.

Er kannte diesen Typ Frau, denn er war für eine längere Zeit in Europa gewesen. Wie Nuala war er als Teenager viel gereist. Im Rahmen eines Agraraustauschprogramms hatte er jeweils ein halbes Jahr in den USA und den Niederlanden verbracht und sich anschließend einige Monate in beiden Ländern als Tourist aufgehalten.

Als er das Haus mit dem schweren Gepäck erreichte, sah er Nuala in ihrem verbeulten alten Geländewagen kommen. Er stellte die Koffer ab.

„Salbei!“, rief sie aufgeregt, anstatt sich wie erwartet über die unversehrte Ankunft ihrer Freundin zu freuen.

„Was?“

„Salbei, Butter und Creme. Es ist entschieden. Ich bin ja so erleichtert!“

„Das klingt ziemlich dürftig. Ich hatte auf ein Steak gehofft.“

„Was?“

„Salbei, Butter und Creme. Ein bisschen wenig. Selbst für Vegetarier.“

„Du Trottel, du weißt doch genau, dass ich von der Farbpalette für meine Hochzeitsfeier rede, nicht vom Menü.“

„In dem Fall habe ich eine gute Neuigkeit. Misha ist hier. Also kannst du das Menü mit ihr besprechen.“

„Wirklich?“

„Hast du etwa das leuchtend rote Auto vor unserem Haus und die luxuriösen Designerkoffer zu meinen Füßen übersehen?“

„Anscheinend. Sie ist früh dran.“ Nuala packte ihn am Arm und senkte die Stimme zu einem vertraulichen Flüstern. „Wie geht es ihr? Sie steht momentan unter großem Druck! Wie wirkt sie auf dich?“

„Ein bisschen zerbrechlich. Sie scheint nicht viel geschlafen zu haben. Ist sie immer so dünn? Sie hat sich allerdings ganz tapfer gegeben, auch wenn sie nicht gerade ein mutiger Typ ist.“

„Misha ist unglaublich mutig. Du wirst sie mögen, Brant, das verspreche ich dir.“

„Heb dir deine Versprechungen lieber bis September für Chris auf.“

„Wo ist sie denn?“

„Ich habe sie ins Haus verfrachtet. Und du solltest dafür sorgen, dass sie frische Handtücher hat.“

„Ich habe heute Morgen schon alles hergerichtet.“

Motorengeräusch veranlasste beide, sich umzudrehen. Ein weißes Auto, das sie weder kannten noch erwarteten, wich im Schneckentempo den Pfützen auf der holprigen Zufahrt aus.

„Das ist bestimmt eine von deinen Frauen“, prophezeite Nuala.

Meine Frauen?“

„Na ja, zu mir kommen sie nicht.“

„Aber sie würden gar nicht kommen, wenn du nicht wärst! Sie hätten nie von mir gehört und schon gar nicht mein Foto auf der Titelseite einer Frauenzeitschrift gesehen. Also nenne sie bitte nicht ‚meine Frauen‘, okay?“

„Entschuldige.“ Sie zog eine Grimasse. „Die Sache ist in letzter Zeit wohl ein bisschen ausgeartet.“

Das weiße Auto machte einen riesigen Bogen um die letzte Pfütze und hielt vor dem Haus an. Nun erkannte Brant die Fahrerin mit den glatten roten Haaren, die vor einigen Wochen auf die Zeitungsannonce geantwortet hatte. Wie hieß sie doch gleich? Ach ja, Lauren.

Sie hatten sich in Albury zum Kaffee getroffen und seitdem ein paar Mal telefoniert. Und weil sie ihm ganz nett erschienen war, hatte er ihr seine Adresse verraten. Leider, denn sie hatte seine Daten an all ihre Bekannten weitergegeben, so dass er immer noch Briefe und Besuche erhielt, obwohl die Kampagne „Outback-Farmer sucht Frau“ in der Zeitschrift Today’s Woman inzwischen längst beendet war.

Diesmal hatte Lauren gleich drei Freundinnen mitgebracht. Als alle ausgestiegen waren, sagte sie lächelnd: „Hi, Brant. Wir möchten dir was vorschlagen, was uns allen viel Spaß machen wird.“

Wenige Meter entfernt trat Misha durch die Verandatür aus dem Haus. Sie trug eine Sonnenbrille und hatte sich einen graubraunen Filzhut tief in die Stirn gezogen. „Nuala!“, rief sie mit bewegter Stimme, und die beiden Frauen eilten aufeinander zu, umarmten sich und redeten mit gedämpften Stimmen.

„Es ist kein guter Zeitpunkt, Lauren“, eröffnete Brant unverhohlen.

„Na ja, wir müssen ja nicht sofort damit anfangen.“

„Womit?“

Sie strahlte ihn an. „Weißt du, wir hatten da diese tolle Idee mit der Dokusoap. Natürlich nicht richtig im Fernsehen, aber auf die Art, wie es in diesen Shows gemacht wird. Ein Eliminierungsprozess eben.“

„Ein was?“

„Na ja, wir vier gehen zusammen mit dir aus, zum Beispiel heute Abend zum Dinner, und am Ende des Abends eliminierst du eine von uns, und dann gehen die übrig gebliebenen drei wieder zusammen aus, bis nur noch eine übrig bleibt, und das ist dann die, die dir am besten gefällt.“ Erwartungsvoll verstummte sie.

Er brachte kein Wort, ja nicht einmal einen erstickten Laut heraus. Er wollte sie nicht verletzen, aber irgendwie musste er sich aus dieser lächerlichen Situation winden, die Nuala ihm eingebrockt hatte.

Brant und sein bester Freund Dusty machten sich seit geraumer Zeit große Sorgen um ihren Freund Callan, der seine Frau vor vier Jahren durch Krebs verloren hatte und immer noch um sie trauerte.

Er besaß eine Viehfarm im Süden von Australien, dem echten Outback. Das Land war wunderschön, aber dürr und dünn besiedelt. Dort lebte er allein mit seinen beiden Söhnen. Bei den letzten Treffen hatte er furchtbar einsam und verloren gewirkt.

Dann hatte Nuala in einer Zeitschrift von einer Kampagne gelesen, durch die Frauen mit ledigen Männern in den abgelegenen Regionen des Landes zusammengeführt werden sollten. Und sie hatte vorgeschlagen, dass die drei Freunde um Callans willen gemeinsam daran teilnehmen sollten.

Damals war Brant von der Idee begeistert gewesen. Callan stand nun mit mehreren Frauen per E-Mail in Kontakt und wirkte seitdem merklich fröhlicher.

Aber eigentlich hatte Brant nicht beabsichtigt, dass sein eigenes Gesicht auf dem Titelblatt für die Kampagne warb und dazu ein ausführlicher Artikel über ihn erschienen war. Noch weniger gefiel ihm, dass alberne Frauen auf seinem Land auftauchten, um Eliminierungsspielchen zu veranstalten. Er wollte Lauren einfach nur loswerden.

„Es tut mir leid“, sagte er schließlich, „aber ich glaube nicht, dass es mir Spaß machen würde.“

„Ach, komm schon! Wo ist denn dein Sinn für Humor geblieben?“

„Den habe ich vor einer halben Stunde auf einer Weide verloren.“ Als er aus den Augenwinkeln einen alarmierten Blick von Nuala auffing, bereute er seine verbitterte Bemerkung. Seine Schwester sollte nichts von seinen Sorgen erfahren. „Aber mal im Ernst. In den nächsten Tagen habe ich überhaupt keine Zeit.“

Es dauerte weitere zehn Minuten, um Lauren mit dem Versprechen abzuservieren, sich in der kommenden Woche mit ihr in Albury auf einen Kaffee zu treffen. Und danach kostete es ihn viel Mühe, Nuala davon zu überzeugen, dass der Spruch über seinen verlorenen Humor nichts weiter als ein Scherz gewesen war.

Während Misha beobachtete, wie Brant scheinbar mühelos ihr schweres Gepäck ins Haus trug, fragte sie Nuala leise: „Meinst du, dass ich … Dingsda anrufen kann?“ An diesem Tag konnte sie nicht einmal seinen Namen aussprechen, ohne in Tränen auszubrechen.

„Natürlich. Du kannst Brants Büro benutzen. Da hast du deine Ruhe.“

„Danke. Ich weiß das alles wirklich sehr zu schätzen.“

„Ach, hör auf damit! Willst du sofort anrufen?“

„Ja. Es ist wohl besser, wenn ich es gleich hinter mich bringe.“

„Ist es so schlimm?“

„Wir hatten einen Riesenstreit, und ich weiß nicht, ob er recht hat oder ob ich ein Idiot bin, weil ich auch nur erwäge, ihm zu glauben“, sprudelte Misha hervor. „Wir sind zwar immer noch verlobt, aber ich empfinde es nicht so. Offiziell findet Ende September die Hochzeit statt. Und selbst wenn die ganze Sache schiefgeht, darf ich es erst irgendwann im Juni bekannt geben.“

„Warum? Wollen deine Eltern es so?“

„Das ganze Land will es praktisch so. Du weißt schon, sämtliche Berater und Regierungsangehörige. Christian und Graziella kriegen nämlich wieder ein Baby.“

„Oh, wie schön!“

„Es ist noch nicht verkündet worden. Sie wollen noch ein paar Wochen damit warten, und dann darf es nicht durch negative Schlagzeilen über mich überschattet werden. Außerdem stehen diese Gesetzesänderungen bevor, und eine gelöste Verlobung könnte die Abstimmung beeinflussen.“

„Also bestehen sogar deine Eltern auf Geheimhaltung?“

Misha nickte. „Mom und Dad verstehen, wie schwer es für mich ist, aber die Pflicht kommt zuerst. Aber dadurch wird es noch schwerer zu ergründen, was zwischen uns beiden los ist. Er meint, dass ich ihn nicht wirklich liebe, wenn ich ihm nicht vertraue.“

„Also behauptet er, dass er nichts mit diesen Frauen hat?“

„Angeblich sind sie nur Formel-1-Groupies, die er sich mühsam vom Hals halten muss. Auf gar keinen Fall hätte er mit einem dieser Flittchen geschlafen.“

„Also macht er die ganze Sache zu deinem Problem.“

„Vielleicht hat er ja recht, und ich bin das Problem.“

„Ruf ihn an. Mal sehen, wie du dich nachher fühlst. Wo ist er gerade?“

„Ich weiß nicht. In Spanien oder Monaco.“

Nuala führte Misha in Brants penibel aufgeräumtes Büro und drückte ihr aufmunternd den Arm. „Wir reden nachher weiter, okay? Ich gehe jetzt erst mal das Vieh füttern.“

Gerade als Misha sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, klingelte das Telefon. Da sie die Dusche im angrenzenden Badezimmer rauschen hörte und daraus schloss, dass Brant den Anruf nicht annehmen konnte, hob sie den Hörer ab. Eine gewisse Shay Russell ließ ihm ausrichten, dass Interview und Fotosession für den kommenden Montag vorgesehen waren und er in der Redaktion zurückrufen sollte, um den Termin zu bestätigen.

Eifrig wie eine pflichtbewusste Privatsekretärin notierte Misha die Details, aber sie fragte sich besorgt, worum es bei diesem Interview gehen mochte. Vermutlich hatte es gar nichts mit ihrem Aufenthalt in Australien zu tun, aber seit jene Fotos von ihrem Verlobten mit den beiden Frauen erschienen waren, brachte sie alles aus dem Gleichgewicht, was mit der Presse zu tun hatte.

Gian-Marcos Antrag vor sieben Monaten war sehr romantisch und bis ins kleinste Detail ausgeklügelt gewesen. Während einer Ballonfahrt über den Weingärten und Lavendelfeldern der Provence, dreihundert Fuß über dem Erdboden, hatte er ihr einen prächtigen Diamantring geschenkt und sie gebeten, seine Frau zu werden. Sie hatten mit Champagner angestoßen. Unzählige Male hatte er ihr seitdem versichert, wie sehr er sie liebte. Aber das war vor dem Streit gewesen.

Als sie ihn jetzt anrief, lauteten seine ersten Worte: „Spionierst du mir nach?“

Es folgte ein kurzes, angespanntes Gespräch, das ihre Zweifel nicht zerstreute, sondern nur noch verstärkte. Sie glaubte, im Hintergrund eine Frauenstimme zu hören, und Gian-Marco brachte sie mit seinen schroffen Bemerkungen zum Weinen.

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, blieb sie mehrere Minuten in dem Büro sitzen, denn weder Nuala noch Brant sollten sie mit verquollenen Augen sehen. Als sie schließlich ins Badezimmer gehen wollte, um die Tränenspuren zu beseitigen, hörte sie die beiden im Wohnzimmer miteinander reden.

Sie erstarrte, als sie Brant fragen hörte: „Wer ist eigentlich dieser Dingsda, den sie anrufen wollte?“

„Ihr Verlobter“, antwortete Nuala.

„Hat sie seinen Namen vergessen?“

Nuala seufzte. „Manchmal will eine Frau Außenstehenden nicht verraten, über wen sie redet“, erwiderte sie übertrieben nachsichtig.

„Wenn du meinst.“

„Und manchmal, wenn es Probleme in einer Beziehung gibt, ist sie unfähig, den Namen des Mannes auszusprechen, ohne in Tränen auszubrechen.“

Das stimmt, dachte Misha, die das Gespräch immer noch belauschte.

„Die Bezeichnung ‚Dingsda‘ bedeutet also für eine Frau …“

„… dass sie Zweifel und Probleme hat. Wenn die Beziehung dann tatsächlich zu Ende ist, benutzt sie Ausdrücke wie ‚Schuft‘.“

Das muss ich mir merken …

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